Rose – Trauer um ein starkes Mädchen

Juli 14, 2010 at 4:14 pm 6 Kommentare

Rose – ein Name mit einer langen Geschichte. Die Geschichte eines Kampfs. Ein Kampf gegen den eigenen Körper. Als wir ihre Krankheit erkannten, war sie schon sehr fortgeschritten. Ein ausländischer Experte hatte damals die richtige Spur aufgenommen. Ein Zufall?

Rose kam nach Deutschland. Viele Kontakte, Telefonate, Mails und Aufregung von Burundi bis nach Deutschland – um Rose zu retten. Schüler rannten, um Spenden zu sammeln, freiwillige Helfer transportierten Blutproben im Gepäck, Mitarbeiter begleiteten Rose täglich zu den Ärzten. Es sollte ihr besser gehen. Die deutschen Ärzte konnten ihr ein Stück weit helfen – eine große Leistung bei einer Krankheit, die nur ein Mensch unter einer Millionen Menschen hat.

Es ging ihr besser. Sie konnte nicht geheilt werden, das stand fest. Aber mit Medikamenten und Bluttransfusionen in einmonatigen Abständen ging es ihr gut. Sie lebte wieder im Heim, mit den anderen und ihrer kleinen Schwester Claudine. Sie konnte lachen, machte sich schick, wenn Besuch anstand. Sie feierte Weihnachten mit ihren Freunden.

Doch ihre Krankheit war stärker. Rose hatte lange gekämpft. Aber heute Vormittag hat sie den Kampf endgültig verloren. Sie starb im Krankenhaus „Prince Regent Charles“ in Buyenzi. Wir konnten nichts mehr für sie tun. Bis zur letzten Stunde war ich in Kontakt mit den Ärzten in Freiburg, sie schickten Tipps und bereiteten noch in den vergangenen Tagen eine weitere Medikamentenlieferung vor, die für die kommenden Monate ausreichen sollte. Pünktlich, bevor die jetzigen Medikamente ausgehen… Wir planten. Mit Rose.

Celestine, unsere Krankenschwester, war die ganze Zeit bei Rose. Im Heim, im Krankenhaus, im anderen Krankenhaus, wohin man sie geschickt hatte. Gemeinsam mit Marie, der Heimleiterin. Heute Vormittag kam Celestine ins Büro, um über die aktuelle Situation zu berichten, welche Untersuchungen man gemacht habe. Da kam der Anruf von Marie aus der Klinik: Rose ist der Krankheit erlegen.

Ich fahre mit Celestine ins Krankenhaus. Dort treffe ich Claudine, Roses kleine Schwester, die schrecklich weint und auf eine Liege neben der von Rose liegt. Das Gesicht abgewendet. Und Nadine, eine Freundin aus dem Waisenheim. Sie sitzt da, still, regt sich nicht. Drückt mich nur fest zur Begrüßung, um dann wieder still auf der Liege zu sitzen. Ich setze mich daneben, lege die Hand auf Claudines Rücken. Das Schluchzen beruhigt sich ein wenig. Aber nur ein wenig.

Ich schaue mich um. Und werde wütend. Je mehr man darüber nachdenkt und je länger man sich in einem dieser Krankenhäuser in Burundi aufhält, desto wütender wird man. Wütend, auf seine eigene Machtlosigkeit. Oder einfach auf alles.

Zwanzig Menschen oder mehr auf Liegen nebeneinander. Die Matratzen kann man gar nicht mehr beschreiben. Die Wände schmutzig. Der Fuß einer der Liegen ist zu kurz, korrigiert und in Waage gebracht mit einem einfachen Stein. Gestrichen wurde hier seit dem Neubau der Klinik vor zig Jahren nicht mehr. Eine ältere Frau, die gegenüber auf einer Liege sitzt, schaut mir kurz in die Augen, dann senkt sie den Kopf. Ein Blick, der mir mehr sagte als alle Worte. Es tat ihr leid um dieses Kind.

Hier, in Burundi, sterben Menschen an weitaus leichteren Krankheiten. „Kleinigkeiten“, würde man bei uns sagen. Aber nicht hier. In Burundi. Wo es so gut wie keine medizinische Versorgung gibt.

Ich schaute gerade in meinen Mailordner. Unterordner „ROSE“. 671 e-Mails. 672, wenn man die letzte Korrespondenz aus der Uniklinik Freiburg von gestern Abend, 18h44, noch dazuzählt, die sich aber noch im Posteingang zur Bearbeitung befindet. Ich will den Ordner nicht löschen. Es fällt schwer, es zu verstehen und damit abzuschließen. Ich hatte alles versucht, was in meiner Macht stand. Wir alle taten das – Chefs, Kollegen, Bekannte, Ärzte, Presse…

Rose ist weg. Claudine, ihre Schwester, bleibt im Heim. Wir werden für sie da sein.

Rose Nduwimana † 14. Juli 2010

Rose Nduwimana † 14. Juli 2010

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Fußball in der Region der Großen Seen Gedenkfeier

6 Kommentare Add your own

  • 1. Mathias Grimm  |  Juli 14, 2010 um 5:21 pm

    Hallo Phil,
    es tut mir wirklich sehr leid!! In Gedanken bin ich, wie sicher viele andere, bei dir.
    Es geht weiter. Mach DU weiter. Für Rose.
    Viele Grüße,
    Mathias

    Antwort
  • 2. Theo  |  Juli 14, 2010 um 9:02 pm

    Ich kann nicht mehr sehn,
    trau nicht mehr meinen Augen.
    Kann kaum noch glauben,
    Gefühle haben sich gedreht.
    Ich bin viel zu träge um aufzugeben.
    Es wäre auch zu früh,
    weil immer was geht.

    Wir waren verschworen,
    Wären füreinander gestorben.
    Haben den Regen gebogen,
    uns Vertrauen geliehen.
    Wir haben versucht,
    auf der Schussfahrt zu wenden.
    Nichts war zu spät,
    Aber vieles zu früh.

    Wir haben uns geschoben,
    durch alle Gezeiten.
    Wir haben uns verzettelt,
    uns verzweifelt geliebt.
    Wir haben die Wahrheit so gut es ging verlogen.
    Es war ein Stück vom Himmel,
    daß es dich gibt.

    Du hast jeden Raum mit Sonne geflutet.
    Hast jeden Verdruss ins Gegenteil verkehrt.
    Doch ich lobe deine sanftmütige Güte.
    Dein unbändiger Stolz,
    das Leben ist nicht fair…

    Den Film getanzt in einem silbernen Raum.
    Vom goldnen Balkon die Unendlichkeit bestaunt.
    Heillos versunken, trunken,
    weil, alles war erlaubt.
    Zusammen im Zeitraffer,
    Mittsommernachts-Traum.

    Du hast jeden Raum mit Sonne geflutet.
    Hast jeden Verdruss ins Gegenteil verkehrt.
    Doch ich lobe deine sanftmütige Güte.
    Dein unbändiger Stolz,
    das Leben ist nicht fair…

    Dein sicherer Gang,
    Deine wahren Gedichte.
    Deine heitere Würde,
    Dein unerschütterliches Geschick.
    Du hast der Fügung deine Stirn geboten.
    Hast ihn nie verraten,
    deinen Plan vom Glück,
    deinen Plan vom Glück.

    Ich geh hier nicht weg,
    Hab meine Frist verlängert.
    Neue Zeitreise, offene Welt.
    Habe dich sicher in meiner Seele.
    Ich trag dich bei mir bis der Vorhang fällt.
    Ich trag dich bei mir bis der Vorhang fällt…
    —————————————————————————-
    Tex und Musikt. Herbert Grönemeyer – Der Weg

    —————————————————————————-

    Es ist unendlich Traurig, alle hatten wir gehofft das Rose es schafft.

    Theo

    Antwort
  • 3. Vera Peter  |  Juli 14, 2010 um 9:05 pm

    So ein liebes, starkes Mädchen. Sie war letztes Jahr bei uns. Meine Schwester Karin hat sich um sie gekümmert. Wir hofften, wir würden sie wiedersehen.
    Hab Rose iimmer in meinem Herzen.

    Vielen Dank für all Deine Liebe. Sie wird es immer fühlen.

    Antwort
  • 4. tuisto  |  Juli 15, 2010 um 6:03 am

    Zu traurig das wir in dieser Welt jede Bank retten können, aber das das Leben viel zu vieler Menschen so endet. Trotzdem, meine Hochachtung und Dank an Alle die in der höchsten Stunde der Not ihre Hand reichten.
    Rose, ruhe in Frieden!

    Antwort
  • 5. Ludwig  |  Juli 15, 2010 um 2:20 pm

    Gott, Vater des Lebens, ich danke Dir für das Leben dieser jungen Frau, die so viele Menschen bei uns bewegt hat. Rose hat in jungen Jahren so viel durchlitten. Ich bitte dich, lass sie auch in sehr jungen Jahren die Krone des Lebens erringen – ein Leben in deiner Herrlichkeit. So bitte ich durch Jesus Christus, unseren Bruder und Herrn. Amen.

    Antwort
  • 6. Sonja  |  Juli 18, 2010 um 2:17 pm

    Es tut mir so leid. Ich finde gar nicht die richtigen Worte.
    Zuerst dachte ich, es gäbe noch eine andere Rose, es könne nicht DIE sein, es ging ihr doch so viel besser.

    Mein Beileid euch da „unten“ besonders ihrer kleinen Schwester und denen, die ihr nahe waren.

    Antwort

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