Zurück nach Burundi

Dezember 6, 2008 at 2:11 am 3 Kommentare

6. Dezember.

Abreise aus Deutschland. Wieder einmal. Weg von einem Land, in dem ich gerade über sechs Euro für zwei Bier bezahlt habe. In dem ich Prospekte der Vorweihnachtszeit lese, in denen ich ein Parfum für unglaubliche 1.000 Euro bestellen kann. Oder 250 Gramm Kaffee für fast 30 Euro. Weg von einem Land, in dem ich sehr viel zurück lassen muss. Zwar nur auf Zeit, aber dennoch wird es fehlen. Familie, Freunde. Menschen, die mir lieb sind. Viele habe ich gesehen, die meisten viel zu kurz. Viele musste ich enttäuschen, weil ich mich nicht einmal gemeldet habe. Viele, liebe Menschen, die ich alle gerne getroffen hätte – mehrmals. Doch die vergangenen vier Wochen waren sehr anstrengend. Mehr unterwegs als zu Hause. Was ich hier lassen muss, wird mir fehlen.

Freue ich mich denn?

Ich freue mich. Denn ich gehe von zu Hause weg – um nach Hause zu gehen. Ich freue mich auf Freunde. Auf die Kinder. Auf die Arbeit vor Ort. Auf das Leben dort. Auf den Sinn meiner Arbeit. Kein Ersatz für das, was ich zurück lasse. Soll es auch nicht sein. Doch genau so schön, willkommen heißend, mich erwartend. Sehnsüchtig.

Die Lebensmittelpreise steigen. Beim Gang durch die deutschen Supermärkte ist mir aufgefallen, dass viele Preise schon denen in Burundi ähneln. Doch nicht die Gehälter. Benzin kostet so viel wie in Deutschland. Essen wird mehr und mehr zum Luxus. Es gibt ohnehin nur Mais oder Reis und Bohnen. Für die meisten. Wenn überhaupt.

Rose geht es schlecht. Heute erreicht mich eine Mail, dass sie aus Mund und Nase blutet. Ist es wirklich Leukämie, wie uns gesagt wurde? Hoher Blutdruck. Die Ärzte? Bislang ratlos. Zudem streiken sie gerade in Burundi. Das Personal aus dem Gesundheitswesen. Unterbezahlt, wenig bis gar nicht motiviert. Was zählt da ein Mädchen wie Rose? Eine von vielen. Aber eines von unseren Kindern.

„Respekt, was du da machst!“ – wieso? Rose ist krank, hat keine Chance in Burundi. Viele der Kinder und Jugendlichen, um die wir uns kümmern (können), hätten sonst vielleicht keine Chance. Wären längst auf der Straße, prostituiert, verhungert. Ich habe die Chance, etwas für sie zu tun. Einen Teil beizutragen. Ich kann es. Wieso dafür Respekt? Ist es nicht einfach nur menschlich?

Will nicht heißen, dass ich mich selbst „realitätsfern“ aus den Augen verliere, wie es mir schon in bekannter deutscher Presse vorgeworfen wurde. Ich schaue schon, wo ich bleibe. Doch eben nicht an erster Stelle. Ist das Gutmensch? Realitätsfern? Es ist einfach nur weiter gedacht. Gedacht an das, worauf es eigentlich wirklich ankommen sollte. Immer. Und überall. Wo es zu kurz kommt, gibt es Probleme. Andere Probleme. Wohlstandsprobleme.

Unterstützung für Projekte könne es derweil nicht geben, zu hohe Lebensmittelpreise, heißt es. Auch die UN können machtlos sein. Was tun vor Ort? Wenn selbst der Reis, der Mais, die Bohnen zu teuer sind?

Ich gehe. Ein Mal mehr. Traurig, über das, was hier bleibt. Aber ich gehe gerne. Weil ich sehe, was vor mir liegt. Ich weiß den Rückhalt hinter mir zu schätzen. Er ist notwendig. Er erlaubt mir erst das, was ich zu tun versuche, gibt mir Kraft und Zuspruch. Ich hätte gerne mehr Zeit mit ihnen verbracht. Aber Rose wartet. Ihre Krankheit nicht.

Danke an alle. An alle, die sich zu Burundi ihre Gedanken machen – jeder auf seine Weise.

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Lebensmittel Burundi in Brandenburg

3 Kommentare Add your own

  • 1. Bettina Falke  |  Dezember 10, 2008 um 11:15 pm

    Hallo lieber Phil,
    unsere Arbeitsgruppe in Köln macht sich große
    Sorgen um Rose.
    Wir und unsere Ärzte würden gerne helfen.
    Welche Medizin wird vor Ort benötigt?
    Bitte gebe uns ein Feedback und wir werden alles weitere veranlassen.
    Alles Liebe Tina

    Antwort
  • 2. Liliane Ntirampeba  |  März 6, 2009 um 12:57 am

    Ich heiße Liliane aus Burundi,Ich sitze im Rollstuhl seit 11 Jahren 1998(Querschnitt) wegen ein Auto Unfall in Bujumbura.
    Ich bin sehr Stolz auf Ihn ,ich wünsche nur, viele Mensche wäre, wie sie,Kinder und Behinderten könnten gerettet werden
    Ich werde für euch beten .Gott schützt Sie und Rose, sie ist wie mein Schwester.

    Antwort
  • 3. Ludwig Kamm  |  März 8, 2009 um 1:10 pm

    Hallo Liliane,

    ich sende einen herzlichen Gruß —- ich komme im Juni nach Burundi.

    Gruß
    Ludwig

    Antwort

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