Gedenktag in Burundi

April 6, 2007 at 1:16 pm 1 Kommentar

Freitag, 6. April 2007. 12 Uhr. Genau Mittag und Feiertag in Burundi. Nicht etwa wegen „Karfreitag“, sondern weil genau heute vor 13 Jahren (wieder einmal) Burundis Präsident durch Fremdeinwirkung ums Leben kam. Daher also eher Gedenktag als „Feier“tag. Am 6. April 1994 kam nicht nur der burundische, sondern im selben Flugzeug von Tansania kommend auch der ruandische Präsident ums Leben. Abgeschossen von einem Geschoss, über dessen Herkunft noch heute Regierungen, Gerichte und Wahrheitskommissionen rätseln, diskutieren und bis aufs Äußerste streiten – wie zuletzt, als Ruandas Präsident Kagame alle Franzosen des Landes verwies, weil in Frankreich ein Richter Haftbefehl gegen ihn erlassen hatte, der ihn als Todesschütze – zumindest Veranlasser – anklagt. Denn was 1994 in Ruanda passierte, das brauche ich jetzt nicht mehr weiter erläutern.

 

Jedenfalls ist auf Bujumburas Straßen recht wenig los. Nicht ausgestorben, doch wesentlich ruhiger als sonst. Heute Vormittag gab mir Verena – aufgrund des heutigen bedeutenden Tags – eine kleine Exkursion in die neuere Geschichte Burundis. Sehr, sehr interessant. Vor allem gemischt mit ihren persönlichen Erlebnissen und ihrer privaten Geschichte. Ich muss schon sagen: Eine mutige Frau – und Benoit, ein mutiger Mann, der sich bis heute trotz allem niemals unterkriegen lässt. Respekt, beiden. Manchmal bin ich überwältigt. Ich bin mir sicher, andere hätten schon längst – mehrmals! – das Land verlassen. Für immer. Haben bestimmt auch genug. Jedenfalls interessierte mich diese Geschichte schon immer brennend. Mit den vielen Regierungsstürzen, Putschen, Massakern und Verstrickungen ist es allerdings kein leichter Tobak. Man muss es mehrmals lesen und/oder sich erzählen lassen, um irgendwann einmal durchblicken zu können. Anhand der privaten Geschichten Verenas, die in die Erzählungen einfließen, kann ich jedoch besser zuordnen. Und vor allem verstehen. Wie ein Mosaik setzt sich alles zusammen, nach und nach entstehen die Zusammenhänge, die ich besser und besser nachvollziehen kann.

 

Heute Vormittag arbeite ich noch ein wenig. Warte darauf, dass mich Marco anruft und Bescheid gibt, wann es Richtung Kongo los geht. Ich freue mich drauf und bin gespannt, ob es auf der anderen Seeseite so viel anders ist. Anscheinend sind die Kongolesen ja ein ganz anderes Völkchen. Lauter, fröhlicher – was das Feiern und Tanzen anbelangt –, aber wohl auch brutaler. „In Burundi wird man vergiftet, im Kongo erschlagen“, habe ich mal gehört. Na. Dann hoffen wir mal das Beste. Was mir Marco schon erzählte, ist, dass in der ländlichen Umgebung der Stadt Uvira – wohin wir heute fahren – die Frauen bei ihrem Gang auf den Markt ihre Vergewaltigung zeitlich schon mit einplanen. Ebenso den anschließenden Gang zur UN, wo sie ihr „Notkit“ bekommen, um Geschlechtskrankheiten vorzusorgen. Kann so etwas wahr sein? Eine Vergewaltigung als normales Tagesgeschäft, als abzuhakender Punkt auf der Erledigungsliste? Eine andere, für mich (noch) unvorstellbare Welt.

 

Gestern Abend ging ich noch mit Marie und ihren Eltern in der „Kiriri-Bar“ etwas trinken. Viel war nicht los, an der Bar saßen einige unserer Kumpels und machten Späße. Lauthals diskutiert wurde auch, aber das braucht man bei den Burundern nicht mehr dazu sagen. Auf einmal treten zwei Soldaten in die Bar und schauen sie um. Hinter ihnen folgt ein kleiner, dicklicher, grauhaariger Mann, im Schlepptau einen weiteren Mann und zwei große, wohl genährte Frauen. Richte „afrikanische Mamas“ in traditionellen Gewändern. Die Stimmung in der kleinen Gruppe ist gut, alle grinsen. Unsere Jungs an der Bar rufen „Bon soir, Monsieur le Président!“ Später erfahre ich, dass das Domitien Ndayizeye (bei der Schreibweise bin ich mir nun nicht sicher) ist, der frühere Präsident einer Übergangsregierung – der, vor dem jetzigen Präsidenten Nkurunziza. Er war vor einigen Wochen aus dem Gefängnis entlassen worden, zusammen mit einigen seiner Mitarbeiter und kritischen Journalisten. Dort saß er ein, weil man ihm einen angeblichen Putschversuch anlastete. Als er frei kam, war der Jubel in der Stadt jedoch laut und ausgelassen, die Menschen fuhren hupend durch die Straßen der Hauptstadt. Putschversuch. Wahrscheinlich, so viele Meinungen, hat er einfach nicht ins jetzige System gepasst. Eigentlich wollte er wieder seinem Beruf nachgehen – Elektriker. Jetzt, nachdem er gefangen genommen worden war, überlege er sich jedoch, doch wieder in die Politik zu gehen, erzählte mir Verena.

 

Gerade rief Marco an. Um 14 Uhr geht es los. Er wird mich „Chez André“ abholen, dann fahren wir Richtung Norden und über die Grenze in den Kongo. Dann werde ich in diesem sagenumwobenen Land sein, in dem ich bislang höchstens mal mit dem Finger auf der Landkarte war und von dem man schon so vieles gelesen hat. Im früheren Reich des fettleibigen Mobutu. Ich bin gespannt…

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1 Kommentar Add your own

  • 1. anne.z.aus egg  |  April 7, 2007 um 2:44 pm

    ich wünsche allen tagebuchlesern, unterstützern,
    engagierten für burundi-kids bzw. fondation stamm
    ein frohes osterfest.
    anne ziser aus eggenstein

    Antwort

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