Rose…

Dezember 14, 2008

Rose. Im Dezember 2007 kippte sie zum ersten Mal um, konnte nicht mehr. Tagelang war sie nicht mehr in der Schule. Sie kam ins Krankenhaus – Blutarmut. Sie bekam eine Transfusion – über einen Liter. Danach ging es ihr gut. Vorerst.

Drei Monate später dasselbe Szenario. Roses Haut wurde gelblich-bleich, Schwindel. Bluttransfusionen.

Das Ganze mehrmals verteilt über das Jahr. Alle in Burundi nur möglichen Untersuchungen werden angestellt. Ein Ergebnis: Fehlanzeige. Ich schalte den Dekan der Medizinfakultät mit ein, auch eine Bekannte der Weltgesundheitsorganisation. Verena studiert die Diagnosen, schaut Röntgen- und Blutbilder, alle möglichen Notizen der Ärzte an, zerbricht sich den Kopf. Ein Blutspezialist, der aus Nigeria stammt und für einige Wochen in Burundi an der Universitätsklinik „Roi Khaled“ arbeitet, untersucht Rose ebenfalls.

Dann, per Zufall, lerne ich an einem Abend den Arzt der Deutschen Botschaft in Nairobi, Kenia, kennen. Verena und ich erzählen ihm von Rose. Am kommenden Morgen geht sein Flug zurück. Doch er sagt, wir sollen Rose noch vorbei bringen. Ganz früh morgens. In die Botschaft.

Nach wenigen Tagen seine Mail: Verdacht auf Leukämie. Doch ganz sicher könne er es nicht sagen. Untersuchungen seien noch notwendig. Untersuchungen, die in Burundi nicht möglich sind. Er schaltet ihm befreundete Ärzte ein. In Bujumbura und Nairobi. Der Tenor wieder: Wahrscheinlich Leukämie. Doch Rose muss nach Nairobi. Um die genaue Ursache für ihre Blutarmut herauszufinden und sie zu behandeln. Aus Nairobi heißt es: Heilungschancen!

In der Zwischenzeit spuckt Rose Blut. Es läuft ihr aus der Nase. Sie ist abgemagert, hat keinen Appetit. Bluthochdruck.

Wir müssen sie nach Nairobi bringen. Der Arzt der Deutschen Botschaft erklärt sich bereit, sie bei sich zu Hause aufzunehmen, während der Zeit der Behandlung. Doch wie nach Nairobi kommen? Wie die Behandlung bezahlen? Das Budget für das Kinderheim können wir nicht antasten – um in Zeiten immer weiter steigender Nahrungsmittelpreise nicht auch die Versorgung der anderen Kinder zu gefährden. Ein Konflikt. In unser aller Köpfe.

Rose wird sterben. Wenn nichts passiert. Aber was kann ich für sie tun? Familie hat sie nicht. Bis auf ihre jüngere Schwester Claudine, 14, mit der sie bei uns im Heim wohnt. Ich liege nachts wach und frage mich, warum das nicht möglich sein soll. Es macht mich wütend – dass es wieder einmal nur am Geld liegt. Geld. Geld für Rose. Geld für ein Mädchen, das im falschen Land geboren wurde, wo die Ärzte nichts für sie tun können.

Kann das denn sein???

Zurück nach Burundi

Dezember 6, 2008

6. Dezember.

Abreise aus Deutschland. Wieder einmal. Weg von einem Land, in dem ich gerade über sechs Euro für zwei Bier bezahlt habe. In dem ich Prospekte der Vorweihnachtszeit lese, in denen ich ein Parfum für unglaubliche 1.000 Euro bestellen kann. Oder 250 Gramm Kaffee für fast 30 Euro. Weg von einem Land, in dem ich sehr viel zurück lassen muss. Zwar nur auf Zeit, aber dennoch wird es fehlen. Familie, Freunde. Menschen, die mir lieb sind. Viele habe ich gesehen, die meisten viel zu kurz. Viele musste ich enttäuschen, weil ich mich nicht einmal gemeldet habe. Viele, liebe Menschen, die ich alle gerne getroffen hätte – mehrmals. Doch die vergangenen vier Wochen waren sehr anstrengend. Mehr unterwegs als zu Hause. Was ich hier lassen muss, wird mir fehlen.

Freue ich mich denn?

Ich freue mich. Denn ich gehe von zu Hause weg – um nach Hause zu gehen. Ich freue mich auf Freunde. Auf die Kinder. Auf die Arbeit vor Ort. Auf das Leben dort. Auf den Sinn meiner Arbeit. Kein Ersatz für das, was ich zurück lasse. Soll es auch nicht sein. Doch genau so schön, willkommen heißend, mich erwartend. Sehnsüchtig.

Die Lebensmittelpreise steigen. Beim Gang durch die deutschen Supermärkte ist mir aufgefallen, dass viele Preise schon denen in Burundi ähneln. Doch nicht die Gehälter. Benzin kostet so viel wie in Deutschland. Essen wird mehr und mehr zum Luxus. Es gibt ohnehin nur Mais oder Reis und Bohnen. Für die meisten. Wenn überhaupt.

Rose geht es schlecht. Heute erreicht mich eine Mail, dass sie aus Mund und Nase blutet. Ist es wirklich Leukämie, wie uns gesagt wurde? Hoher Blutdruck. Die Ärzte? Bislang ratlos. Zudem streiken sie gerade in Burundi. Das Personal aus dem Gesundheitswesen. Unterbezahlt, wenig bis gar nicht motiviert. Was zählt da ein Mädchen wie Rose? Eine von vielen. Aber eines von unseren Kindern.

„Respekt, was du da machst!“ – wieso? Rose ist krank, hat keine Chance in Burundi. Viele der Kinder und Jugendlichen, um die wir uns kümmern (können), hätten sonst vielleicht keine Chance. Wären längst auf der Straße, prostituiert, verhungert. Ich habe die Chance, etwas für sie zu tun. Einen Teil beizutragen. Ich kann es. Wieso dafür Respekt? Ist es nicht einfach nur menschlich?

Will nicht heißen, dass ich mich selbst „realitätsfern“ aus den Augen verliere, wie es mir schon in bekannter deutscher Presse vorgeworfen wurde. Ich schaue schon, wo ich bleibe. Doch eben nicht an erster Stelle. Ist das Gutmensch? Realitätsfern? Es ist einfach nur weiter gedacht. Gedacht an das, worauf es eigentlich wirklich ankommen sollte. Immer. Und überall. Wo es zu kurz kommt, gibt es Probleme. Andere Probleme. Wohlstandsprobleme.

Unterstützung für Projekte könne es derweil nicht geben, zu hohe Lebensmittelpreise, heißt es. Auch die UN können machtlos sein. Was tun vor Ort? Wenn selbst der Reis, der Mais, die Bohnen zu teuer sind?

Ich gehe. Ein Mal mehr. Traurig, über das, was hier bleibt. Aber ich gehe gerne. Weil ich sehe, was vor mir liegt. Ich weiß den Rückhalt hinter mir zu schätzen. Er ist notwendig. Er erlaubt mir erst das, was ich zu tun versuche, gibt mir Kraft und Zuspruch. Ich hätte gerne mehr Zeit mit ihnen verbracht. Aber Rose wartet. Ihre Krankheit nicht.

Danke an alle. An alle, die sich zu Burundi ihre Gedanken machen – jeder auf seine Weise.