Tagebücher
September 15, 2008
Die Tagebücher der neuen Freiwilligen der burundikids:
Nach langer Zeit aus Burundi…
September 7, 2008
7. September 2008.
Vieles ist passiert, seit ich wieder in Burundi bin. Ziemlich genau ein halbes Jahr. Die Zeit vergeht im Flug. Vieles konnten wir bislang wieder bewegen, bei dem ich mitwirken konnte. Einige Probleme gab es zu bewältigen, wie die großen Sorgen, die wir vor einigen Monaten hatten bezüglich der Versorgung der Heime. Jedoch haben die Menschen in Deutschland und anderen Ländern, wo sich unsere Unterstützer befinden, sehr schnell reagiert. Nur so konnten wir Schlimmeres vermeiden. Dafür danke ich allen ganz herzlich – im Namen aller burundikids.
Die Projekte gehen derweil gut voran. Manchmal schneller, manchmal langsamer, manchmal anders als zuerst vorgesehen. Eines unserer größten, wenn nicht gar das größte Projekt, das Schul- und Ausbildungszentrum Ecole Polyvalente Carolus Magnus (EPCM), hat nach einem sehr guten Start die Erfolgsserie fortsetzen können. Im kommenden Schuljahr werden wir mehr als 650 Schülerinnen und Schüler haben, erstmals auch eine sechste und eine zehnte Klasse. Das bedeutet, unsere Schule wird auch zum ersten Mal an den Nationalen Tests teilnehmen, bei denen über den weiteren Schulweg entschieden wird. Besonderes Augenmerk liegt natürlich auch auf der Ausbildung zum PTA (pharmazeutisch-technischen Assistenten), die nun am 15. September starten wird. Beinahe 40 Jugendliche haben sich eingeschrieben – doppelt so viele wie erwartet. Die Resonanz ist gut. Bei Schülern, Eltern und Ministerium.
Dieser Erfolg birgt aber natürlich auch wieder Schwierigkeiten in sich. Wir müssen mehr Lehrpersonal einstellen, es stellen sich mehr logistische Aufgaben – und vor allem finanzielle. Das permanente Anliegen, selbst ein wenig Geld zu erwirtschaften, läuft ganz gut an. So konnten bereits einige Kosten selbständig gedeckt werden, beispielsweise durch das geringe Schulgeld, das wir verlangen. Ausreichen wird dies jedoch nicht. So sind wir weiter angewiesen auf und dankbar für unsere Partner, die sich in der vergangenen Zeit entschlossen haben, sich für Burundi einzusetzen und die EPCM ohne Pause unterstützen. Schüler, Eltern, Lehrer, Direktoren in Deutschland. Menschen, denen Burundi ans Herz gewachsen ist und die sich für ihre Kollegen, Gleichaltrigen in Ostafrika einsetzen. Nachhaltig.
Ich habe Phasen, in der ich mich frage, was ich zu all dem beisteuern kann. Ob es ausreicht, was ich tun kann, für eine Unterstützung, die von Verena Stamm ins Leben gerufen wurde, der andere hinzugestoßen sind und die sehr groß geworden ist. Kleine Erfolge zeigen mir dann immer wieder, dass ich etwas erreichen kann. Dass ich ein Teil von dem geworden bin. Dass mein Herz daran hängt. Aber genau dieser Gedanke, alles und immer noch mehr für die Sache tun zu wollen, lässt einem keine Rast. Und manchmal gibt es einem das Gefühl, doch immer noch nicht genügend getan zu haben. Vielleicht ist es aber genau dieser Gedanke, der einen immer wieder von neuem motiviert, antreibt, weiter zu machen. Denn die Erfolge sind offensichtlich.
Ich habe in der letzten Zeit auch wieder viele gute, neue Kontakte machen können. Vor allem zu Medieneinrichtungen hier in Bujumbura. Darunter Bonesha FM, ein Radiosender, und „Burundi Iwacu“, eine Zeitung, die zwei Mal im Monat erscheint. „Iwacu“ ist, meines Erachtens, die einzige Zeitung, die wirkliche Qualität aufweist, gute Fotos, objektive Informationen, unabhängig. Doch ist sie vorerst nur auf ein Jahr angelegt, finanziert von belgischen und französischen Einrichtungen. Der Chefredakteur, Antoine, zählt schon heute die Tage. Noch bis April 2009 läuft die Finanzierung. Was kommt dann? Er kommt mir wie auf verlorenem Posten vor. Er lebte lange in Belgien, ist ein guter Journalist, hat das „Handwerk“ gelernt und tut alles für einen guten Journalismus. Alleine dadurch ist er mir schon sehr verbunden. Doch er wirkt mir sorgenvoll, manchmal verzweifelt. Als ich bei ihm im Büro sitze, erreicht ihn ein Anruf. Einer seiner Redakteure wurde verhaftet. Grund: unbekannt. Die objektive Berichterstattung, die auch Kritik mit einschließt, die Unabhängigkeit – genau das ist es, was Antoine und „Iwacu“ zum Verhängnis werden kann. Wenn man an die Wahlen 2010 und den Wahlkampf denkt. Umso wichtiger fände ich es, wenn dieses Medium Unterstützung bekommen würde. Kontakte ins Ausland. Partner, die schützend dahinter stehen. Hinter den burundischen Kollegen, hinter einem freien Medium. Denn Missbrauch ist nicht mehr so einfach, wenn viele ihre Augen auf das Geschehen richten.
Ich halte auch Kontakt zu einigen Leuten, die ich in Burundi kennen gelernt hatte und die sich nun von Deutschland aus weiter engagieren. Ich freue mich immer sehr, wenn der Aufenthalt hier Spuren hinterlässt und nicht im Alltag untergeht, wenn er vorüber ist. Zugute kommt das nun auch unserem Labor, das der PTA-Ausbildung dienen wird. So konnten wir zum Beispiel eine Chemikerin für uns gewinnen, die nun für einen kurzen Einsatz anreisen und ihr Wissen weiter geben wird.
Der Inhalt des im Februar versandten Containers ist teilweise schon verteilt. Vieles lagern wir jedoch ein, um es sinnvoll einzusetzen und erst dann zu verteilen, wenn wir genau wissen, wo Bedarf an den jeweiligen Gütern besteht. Die mitgeschickten Schulmöbel kommen bereits für die PTA-Ausbildung zum Einsatz.
Wieder kam auch die Kritik an Kleiderspenden auf. Man würde einheimische Märkte kaputt machen. Im Prinzip ist dies richtig. Doch zum einen gibt es in Burundi keine Textilfabrik mehr (sie wurde vor einiger Zeit von chinesischen Investoren aufgekauft und steht still), zum anderen würden wir gerne die Kleidung unserer Heimkinder vor Ort kaufen – wenn wir die Mittel immer dafür hätten. Versorgt werden müssen die Kinder und Jugendlichen jedoch auf jeden Fall.
Eine weitere gute Idee hatte derweil Nadine, eine ehemalige Freiwillige, die nun wieder zwei Monate vor Ort im Einsatz war. Die Fondation Stamm vergibt in einigen Vierteln Mikrokredite. Hierfür wurde nun auch Kleidung eingesetzt. Anstatt Geld bekommen einige Frauen Kleidungsstücke, womit sie einen kleinen Verkauf beginnen. Vom Erwerb zahlen sie einen kleinen Anteil zurück, der für weitere Mikrokredite verwendet wird. Vom Rest können die Frauen wieder ihr Leben – und das ihrer Familien – bestreiten und einen weiteren Handel fortführen. Ein erster Versuch überwältigte alle Beteiligten: Innerhalb eines halben Tags waren alle Kleidungsstücke verkauft, ein Betrag zurück gezahlt und einer jungen Frau aus der Misere geholfen.
Burundi hat auch einen neuen Botschafter aus Deutschland. Seit Mitte August ist Joseph Weiß im Amt und Verantwortlich. Am vergangenen Freitag lud er die „deutsche Gemeinschaft“ zu einem Cocktail ein, um sich kennen zu lernen. Eine Zusammenkunft vieler interessanter Leute. Auch die Fondation Stamm war vertreten – zahlreich sogar, mit den neuen vier Freiwilligen, den ehemaligen Freiwilligen Lena und Nadine und mir.
In Deutschland tut sich ebenfalls sehr viel. Der Filmer Oliver, der im Juni zusammen mit seinem Assistenten Markus drei Wochen bei mir war, ist stets mit der Dokumentation beschäftigt. Noch hatte er einige Drehs in Deutschland zu bewältigen, langsam aber sicher entsteht die erste deutschsprachige Doku in dieser Länge über Burundi – in Karlsruhe. Die Erwartungen sind hoch, viele Rückmeldungen gab es bereits, wo der Film überall gesehen werden will. Über die einzelnen Möglichkeiten wird in den kommenden Monaten entschieden. Und dann entsprechend veröffentlicht. Mit Sicherheit ein weiterer guter Beitrag zur Partnerschaft mit Baden-Württemberg, in der sich im Übrigen auch sehr viel zu tun scheint. Dank vieler Menschen, die sich rühren und für die Sache einsetzen.
Noch ist Trockenzeit in Burundi, der Wind stark. Einige Male hat es schon geregnet, Vorboten der Regenzeit, die nun Ende des Monats beginnen soll. Regen, der wieder Veränderung bringen wird. In welcher Art, das kann man nicht abschätzen. Nie, in Burundi.