Wohin soll es führen?
Mai 6, 2008
6. Mai. Die Situation in Burundi spitzt sich zu. Das globale Problem der steigenden Preise trifft auch Burundi mehr als hart. Auch unsere Arbeit. Die Mieten steigen, Nahrungsmittel werden für die Menschen teilweise unbezahlbar. Hungeraufstände wie in anderen afrikanischen Ländern gibt es – bislang – noch keine. Es liegt nicht in der Mentalität der Burunder. Was jedoch nicht bedeutet, dass alles bis ins Unermessliche ertragen wird. Im Gegenteil. Folge ist nur ein Anstieg der Unzufriedenheit, Verdruss, mehr Kriminalität und Handlungen, zu denen Menschen unter „normalen“ Umständen nicht fähig sein können. Man wird sich gegenseitig töten, um Essen zu können. Die Geschichten nehmen zu, in denen Mütter ihre Babys im Busch verhungern lassen, weil sie sie nicht ernähren können.
Seit einigen Tagen bin ich beinahe schlaflos, wenn ich zu viel nachdenke. Im Moment bahnt sich etwas an, das wir um jeden Preis vermeiden wollten und eigentlich auch immer noch wollen. Das Waisenheim „Centre Uranderera“ steht kurz vor seiner Schließung. Erste Besprechungen hierzu haben wir bereits hinter uns und seitdem fällt es mir mehr als nur schwer, entspannt zu bleiben. Die Miete wurde vor einiger Zeit um 50 Prozent erhöht, nun wird die Verpflegung der 75 Kinder teurer und teurer und schließlich so unerschwinglich, dass uns nichts anderes übrig bleibt, als zu handeln, zu verändern.
Wir suchen ein anderes Gelände, ein anderes Haus, wohin wir Kinder bringen können. In erster Linie diejenigen, die keine Verwandten mehr haben, die Kranken und hauptsächlich Mädchen, die in ihren ursprünglichen Verwandtschaftskreisen unmöglich unterkommen können – aus den unterschiedlichsten Gründen. Einige der Jungen können ins Straßenkinderheim umziehen. In das Haus, in das wir umziehen werden, sollten wir eines finden, können wir jedoch nur 30 der Kinder mitnehmen. Für den Rest versuchen wir im Moment, individuelle Lösungen zu finden. Zurück zu Tanten, Onkeln, Großmüttern? Nicht immer möglich. Doch ein Muss. Andere werden wir ins Landesinnere bringen, wo sie geboren sind, und wir noch ein Heim haben – beispielsweise Gitega. Einige, die nicht so stark im Lernen sind, werden nach diesem Schuljahr die Schule abschließen oder abbrechen müssen und einen Beruf erlernen. Für wiederum andere suchen wir Internatsplätze, wo sie unterkommen können. Wir versuchen, alle Kinder und Jugendlichen zu begleiten. Doch schmerzhaft ist es.
Nach einer langen Besprechung mit Verena war ich im Heim und besprach die Situation auch gleich mit den Heimleitern Pelline und Alberic. Betroffenheit. Währenddessen saß die kleine Kiki auf meinem Schoß und kicherte vor sich hin. Sie war Ende vergangenen Jahres aus dem Heim zurück zu ihrer Mutter gegangen. Ein Erfolg, dachten wir. Doch die Situation verschlechterte sich wieder, nun ist sie zurück. Sie lacht, klatscht mit den Händen, freut sich, die altbekannten Gesichter im Heim wieder zu sehen. Sie versteht nicht, was gerade über ihrem kleinen Köpfchen besprochen wird.
Wir brauchen mehr Unterstützung. Punktum. Es lag bislang nicht in unserer Philosophie, „Bettelbriefe“ zu verfassen und an die Masse zu verteilen. Wer helfen möchte, der kann. Doch wir pressen nicht. Aber die derzeitige Situation und die sich anbahnende, weitere Verschlechterung in Burundi macht uns zu schaffen und gibt uns mehr als zu denken. Und das alles für ein paar Kilo Bohnen und Reis pro Woche.
In den kommenden Wochen soll das Benzin noch einmal teurer werden. Von 1.860 FBu auf 2.000 FBu. Das Bild von vor wenigen Wochen wird sich wiederholen. Vollgestopfte Tankstellen, sich weigernde Tankstellenbesitzer. Stillstand.
Die Rebellen FNL sind nach wie vor im Hinterland aktiv und liefern sich Auseinandersetzungen mit der Armee. Ein kurzer Abriss dazu wird kommenden Sonntag auf www.ka-news.de/burundi erscheinen. Die Machthabenden weigern sich, in Verhandlungen zu treten. Man will nicht teilen. Patriotismus: Fehlanzeige. Wer darunter leidet, sind die kleinen Fahrradtaxifahrer, oftmals ehemalige Straßenjungen, die sich so ein klein wenig über Wasser halten können. Gestern hat man sie daran gehindert, in die Innenstadt zu fahren und ihren Fahrdiensten nachzugehen. Befehl von oben, aus Angst, die FNL könnten sich so fortbewegen.
Doch kann man die FNL keinesfalls grundsätzlich auf die Seite der Bösen stellen. Sie sind teilweise in der Bevölkerung akzeptiert – weil diese unter den Rebellen nicht unbedingt mehr leidet, als unter der Situation, die die derzeitigen Machthaber verursachen. Stets im Hinblick auf die Wahlen in 2010 – sollten sie denn stattfinden.
Ich verabscheue die Liste auf meinem Schreibtisch. Die Liste mit den Namen der Kinder aus dem Heim. Mit Notizen, Gekritzel, welche Lösung man für sie finden könnte. Die wir finden müssen. Es sei denn…
An Absurdität beinahe nicht zu übertreffen: Ich finde es bezeichnend, was in dem Artikel über steigende Preise auf tagesschau.de als erstes wichtiges Thema in Deutschland angesprochen wird. Mir fehlen die Worte.
Mai 7, 2008 um 8:01
Hallo,
es macht mich unglaublich betroffen zu lesen was bei euch los ist. Entfernt ähnelt es der Situation hier - wie sich zwei so verschiedene Länder eben ähneln können. Nur hier können viele noch irgendwo sparen, das geht bei euch eben nicht mehr.
So ähnlich wie du es am 3.4. beschrieben hast scheint es hier auch loszugehen. Die erste Tankstelle haben wir gestern entdeckt, die erst geöffnet hat als das Benzin wieder 6 Cent teurer war. Ich hoffe noch auf einen dummen Irrtum.
Gibt es bei euch eigentlich auch so eine Art Patenschaft? Ich habe mal wieder geschaut aber nur was zum Spenden gefunden. Mir ginge es aber eher um sowas wie ein paar Euro im Monat, dafür regelmäßig. Eine große Summe bekomme ich einfach nicht zusammen.
Wenn sich ein paar finden die mitmachen, wären es ein paar Kinder mehr die bleiben können. Ich würde z.B. die Busfreunde mal wieder aufrütteln - diese Seite des Biosprit kennen sie noch nicht bewusst. Sie kennen bisher nur den Teil der die alten Autos kaputt macht.
Ganz liebe Grüße nach Burundi
Sonja
Mai 7, 2008 um 7:59
Lieber Philipp,
ich kenne Deine Mutter und Dich, aber das ist lange her. Über Eggensteiner Umwegen habe ich von Euren massiven Problemen in Burundi gehört und mal wieder Deine Nachrichten gelesen. Ich habe dazu ein paar Fragen:
Wie hoch ist die Miete/Monat für Euer jetziges Haus? Könntet Ihr das Haus weiter mieten, falls Ihr genügend Geld zur Verfügung hättet? Wieviel kostet der Unterhalt für ein Kind/Monat etwa im Durchschnitt? Bitte Angaben in Euro.
Ich will mit meinen Fragen keine Hoffnungen nähren,aber ich überlege, ob ich Euch in irgend einer Weise helfen kann.
Herzliche Grüße aus Eggenstein (hier ist ein herrliches Frühlingswetter)
Gunda