Nadine und Kenny

April 27, 2008

27. April. Ein schwarzer Tag. Unsere Heimleiterin Pelline hat erfahren, dass ein Mädchen aus unserem Heim (Nadine, zwölf Jahre) vergewaltigt worden ist. Nadine hatte es nicht sofort gesagt, sondern erst heute davon erzählt. Anscheinend ist es schon Donnerstag oder Freitag passiert. Ich fühle mich hilflos, schockiert, bin unheimlich wütend – was bis hin zu Mordgedanken führt. In der Tat, man kann in Burundi jemanden für gerade mal 10.000 FBu (6 Euro) töten lassen. Sind das elterliche Gefühle?

Zurück auf den Boden der Tatsachen. Nadine war an diesen Mann anscheinend „gewöhnt“. Sie geht in eine staatliche Schule, einige Viertel weiter vom Heim entfernt. Begonnen hatte es mit einfachem Grüßen. Irgendwann kam das Anlocken dazu, wohl mit Geld und anderen Dingen. So, wie diese Geschichten für gewöhnlich ablaufen. Diese Woche war es dann soweit. Er hatte Nadine in ein Haus gebracht – und dort vergwaltigt. Zwölf Jahre. Ein kleines Mädchen. Nadine war heute nur ein Mal kurz zu sehen. Sie sprach nicht, verzog keine Miene. Nadine, die sonst lacht und offenherzig grüßt.

Der sofortige Gang zu „Ärzte ohne Grenzen“ bestätigte: Spuren von Misshandlung und Vergewaltigung. Nadine bekam ein Notfallset zur Vorbeugung von Aids. Auf den Aidstest, ob es Erfolg hatte, müssen wir nun drei Monate warten. Vorher ist nichts feststellbar. Wir können nur hoffen.

Am Abend war Heimleiterin Pelline mit Nadine im Viertel Nyakabiga, wo die Vergewaltigung stattgefunden hat. Nur Nadine kannte bislang das Haus. Man holte die Polizei zur Hilfe. Die wollte jedoch bei Dunkelheit nicht nach dem Mann suchen. Man wird morgen früh um 5 Uhr beginnen. Jedoch handelt es sich bei dem Mann anscheinend um einen Nachtwächter, der nur unter der Woche arbeitet. Ob sie ihn morgen antreffen, ist fraglich. Ob sie ihn überhaupt antreffen. Anscheinend ist es der Nachtwächter eines Weißen, der gerade in Urlaub ist. Ich habe großen Drang danach, diesen Menschen zu sehen. Wie ich in diesem Moment reagieren würde, kann ich jedoch nicht sagen.

Vergewaltigung. Noch dazu an Kindern. Für mich ein Fall für die sofortige Todesstrafe. Zwar mag man mich nun vielleicht aufgrund meiner extremen Ansichten kritisieren, daran kann ich nichts ändern. Aber in so einem Fall kenne ich kein Pardon, keine „Dialoge“ oder „friedliche“ Lösung. Es ist das Unmenschlichste, das existiert. Und hier endet meine gemäßigte, liberale, schlichtende Einstellung.

Pelline rief heute Abend alle Mädchen zu einer Versammlung zusammen. Wir wollen den Kindern, insbesondere den Mädchen einbläuen, um welche Gefahren es sich handelt. Dass man – und das ist das uralte Spiel – nichts von Fremden annehmen soll und schon gar nicht mit ihnen mitgehen. Wir müssen das noch mehr als bisher – insbesondere den Kleinen – einschärfen, in die Köpfe hämmern. Nur so können wir sie schützen. Nicht jeden Vergewaltiger können wir mit der Polizei fassen. Dafür nimmt die Anzahl in Burundi derzeit leider zu stark zu. Die Menschen sind durch den Krieg und die Zeit danach oftmals verdorben, gleichgültig, …

Ich glaube, ich besuche diesen Mann, falls sie ihn ins Gefängnis stecken sollten. Es raubt mir an diesem Abend den letzten Nerv. Heute Nachmittag hatte ich Nadine gesehen. Es geht mir nicht aus dem Kopf. Und man stellt sich immer wieder dieselbe, bescheuerte Frage nach dem warum. Aber zu sagen: „das passiert – leider!“ ist mir zu wenig und zu stupide.

Ich sprach am Abend mit Barbara von UNICEF. Sie hatten ohnehin schon eine Kampagne geplant, die genau gegen dieses Thema vorgeht und aufklärt. Mit Broschüren, im Radio, was auch immer. Möglichst viele sollen erreicht werden – insbesondere Eltern, die ihren Kindern das Gesagte einschärfen sollen. Wir hätten das im Fall Nadine früher leisten sollen.

Für mich persönlich nach den Beerdigungen von Jimmy im Februar und Chantal im Dezember vergangenen Jahres die dritte, sehr tiefe Kerbe, die sich ins Bewusstsein einbrennt.

Apropos Chantal. Ihr kleiner Sohn, Kenny, den sie zurück ließ, ist zurzeit im Kinderheim „Uranderera“. Die jüngere Schwester Chantals, Olga, lebt dort, deshalb ist Kenny einige Tage da. Ob er dort bleiben wird oder zurück zu den Frauen nach Kamenge gehen wird, müssen wir noch sehen. Er begrüßte mich mit strahlenden Augen und kam mit offenen Armen auf mich zugerannt. Er kennt mich noch. Er ist fröhlich und guter Dinge. Die anderen Kinder kümmern sich um ihn wie um ein kleines Geschwisterchen. Er fühlt sich sichtbar wohl.

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