Gedanken und Maniok
April 22, 2008
21. April. Ich kann mittlerweile sagen, dass ich mich richtig wohl fühle. Anfangs, als ich wieder in Burundi angekommen war, musste ich sehr viel nachdenken. Ich tue es nach wie vor. So bin ich geboren und erzogen und schließlich bedeutet Stillstand immer Rückschritt und somit nichts Gutes. Doch ich spüre nicht mehr so sehr diese Unruhe in mir wie in den ersten Wochen. Fast zwei Monate bin ich nun schon wieder zurück in Burundi. Die Zeit geht sehr schnell vorbei, manchmal zu schnell nach meinem Geschmack.
Ich wurde von einigen Seiten gefragt, weshalb ich das gemacht habe. Weitere zwei Jahre Burundi. Mancherorts fehlte das Verständnis. Die Antwort ist an für sich ganz einfach. Weil ich liebe, was ich tue und was ich hier tun kann. Und zwar nicht für mich, nicht für irgendein Unternehmen, nicht für Reichtum, Karriere oder sonstige egozentrische Entscheidungen. Ich sehe tagtäglich die Menschen, für dich ich das alles tue, was ich leisten kann. Und ich bin heilfroh, dass ich die Möglichkeit habe, Teil davon zu sein. Dass ich Teil davon sein kann, was Verena mit ihrer Fondation schon seit einigen Jahren aufgebaut hat. Dass ich ihr helfen kann, auch ihren Wunsch zu erfüllen. Etwas für dieses Land zu tun. Für seine Menschen. Ich bin heilfroh über diese Möglichkeit. Und dankbar.
Journalistenkarriere in Deutschland? Groß rauskommen, das Gesicht bekannt in der Öffentlichkeit. Oder einfach „nur“ gut bezahlter Redakteur bei einem renommierten Magazin oder Tageszeitung. Auch eine Möglichkeit. Vielleicht das, woran ich einmal dachte, als ich mit dem Journalismus begonnen hatte. Was ich mir für mich vorstellen konnte. Aber das hat sich geändert. Offensichtlich.
Sicherlich. Ein Argument ist, dass ich für diese Menschen hier sehr viel tun könnte, wenn ich in Deutschland Karriere machen würde. Viel Geld, viele Kontakte. Lenken auf Burundi. Aber dagegen könnte man halten, dass es auch Leute braucht, die vor Ort sind. Die die Dinge in die richtige Richtung leiten, die umsetzen helfen. Fest steht, dass es beide Seiten braucht. Hier wie dort. Ich habe mich für eine Seite entschieden. Für die, die auch mich selbst persönlich glücklich macht. Erfüllt. Einfach nur ein ganz anderer Weg als vielleicht normalerweise üblich. Nicht jeder kann sich vorstellen, so zu leben, das zu tun. Das wurde mir auch sehr oft gesagt. Muss auch nicht jeder. Denn wie gesagt, beide Seiten sind wichtig. Aber eben beide. Ich kann es mir vorstellen. Ich lebe es bereits. Und deshalb sollte ich es auch tun.
„Denk auch an dich“, hörte ich oft. Das tue ich. Wieso die Sachen trennen? Natürlich dreht sich die Arbeit nur um andere, stets um den Versuch, anderen das Leben wenigstens ein wenig besser zu gestalten. Das heißt aber nicht, dass man selbst darunter leidet oder sich aufopfert. Wenn es mir gelingt, 50 Euro zu bekommen, sodass wir einen weiteren Mikrokredit gewähren können, der jungen Mutter, die bislang mit ihrer kleinen Tochter an der Hand und dem Baby auf dem Rücken in einem Verschlag aus Plastiktüten und Wellblechen leben musste – dann erfüllt das einen selbst. Es macht glücklich, das erreicht zu haben. Es macht gute Laune, man muss lächeln, man ballt die Faust und freut sich über diesen weiteren, kleinen Triumph.
Natürlich denke auch ich, was sein wird, in zwei Jahren, wenn der jetzige Vertrag zu Ende sein wird. Meine Natur zwingt mich dazu. Aber wirklich Sinn macht es keinen. Klar, kein Fehler. Aber weiter kommen werde ich dadurch (noch) nicht. In zwei Jahren passiert viel. Türen gehen zu, neue gehen auf. Wo ich 2010 stehen werde, weiß niemand. Am wenigsten ich selbst. Fest steht nur, dass es immer voran geht. Auch jetzt. Man entwickelt sich immer weiter. Wenn man es denn zulässt. Denn Stillstand…
Am Wochenende stand eine Gruppe Jugendliche vor der Bar. Als ich heraus trat, kam einer der Jungen auf mich zu. Sie waren allesamt gut gekleidet, hätte genauso gut irgendwo in Europa sein können. Jeans, coole, lange Shirts, Kettchen und blitz blanke weiße Sportschuhe. Ob ich eine Zigarette hätte. Ich hatte keine. Die Schachtel lag noch drinnen auf dem Tisch bei den anderen. „Bitte, die verhauen mich sonst.“ Ich schaute ihn kritisch an und fragte ihn, weshalb ihn seine Freunde schlagen sollten, die noch gerade mit ihm in der Bar Bier getrunken und sichtlich Spaß hatten. Er grinst. Nach kurzem Überlegen sagt er: „Ja, aber sie haben nun ihre Meinung geändert. Ich bin Tutsi, die sind Hutu, weißt du.“
Der Kerl war vielleicht 16 Jahre alt. Und so, wie er den Eindruck auf mich machte, war er mindestens die Hälfte seines Lebens in Europa auf der Schule. Er hatte offensichtlich keine Ahnung von dem, was er gerade von sich gegeben hatte. Seine Kumpels und er schubsen sich und lachen.
Gegen später vor der Diskothek „Toxic“ in der Innenstadt. Ich hatte keine Lust, mich aber überreden lassen. Die anderen versuchten, um den Eintritt herum zu kommen. Es klappte nicht. Während sie mit dem über zwei Meter großen Türsteher diskutierten und dem jungen Inder, dem der Laden anscheinend gehört, stehe ich etwas abseits am Straßenrand und beobachte das Geschehen. Polizisten mit Kalaschnikow bewachen die parkenden Autos. Ein Straßenjunge in zerrissener Hose tanzt mitten auf der Straße zur Musik, die aus dem oberen Stockwerk der Disko dröhnt. Er hat die Augen geschlossen, es sieht irgendwie so aus, als sei er in Ekstase. Dann überwältigt mich die Müdigkeit.
Heute habe ich den Kindern im Heim 20 Kilo Maniokmehl gekauft. In den vergangenen Tagen hatten wir uns unterhalten, was sie am liebsten essen. Da kam Maniokbrei ins Gespräch und ich merkte, wie alle sich in Gedanken danach sehnten. Heute habe ich den Sack ins Heim gebracht. Es war schon dunkel, es hat demnach keiner mitbekommen. Überraschung…
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