“Yooo!”
April 14, 2008
14. April. „Yooo. Ich bete für dich, mein Junge. Denn er hat dich geschickt. Yoooo. Gehe immer mit Gottes Schutz. Murakoze cane, umugenzi, murakoze, yoooo!” Dorine, 15 Jahre, steht am Eingangstor des Waisenheims in ihrer blau-weißen Schuluniform und kichert vor sich hin, während ich der alten, sehr alten Frau helfe, ihr zusammen gesammeltes Holzbündel aus dem Kofferraum zu heben, um es anschließend auf dem Kopf davon zu balancieren.
Als ich mit der Arbeit fertig war, ging ich aus dem „Chez André“, dem Büro und fuhr los. Auf der Straße sah ich die alte Frau, die ich des Öfteren am Heim vorbei laufen gesehen hatte und die mich schon immer freudig grüßt. Sie muss irgendwo in der Nähe des Heims wohnen. Ich hielt an und fragte sie nach ihrem Weg. Auf dem Kopf Brennholz in ein buntes Tuch zusammen gewickelt, in der Hand eine kleine Plastiktüte mit anderem Hab und Gut und in der anderen einen zerbrechlichen Gehstock – zerbrechlich wie sie selbst, mager und runzlige Haut. Doch wenn sie lächelt, scheint die Sonne. Eine unglaubliche Ausstrahlung. Ich bat sie, einzusteigen und verstaute ihr Holzbündel im Kofferraum. „Yooo!“
Wahrscheinlich war es das erste Mal, dass sie in einem Auto mitfahren durfte. Ich öffnete ihr die Tür und half ihr beim Einsteigen. Wie es unbeholfener nicht ging. Ähnlich beim Aussteigen. Ihre Füße sind geschunden. Vom lebenslangen barfüßig laufen. Doch ihre Augen leuchten. Die Nachtwächter, an denen wir vorbei fahren, heben die Hand zum Gruß. Aus dem Radio burundische Musik. Vor dem Eingangstor zum Heim verabschiedet sie sich. Und bedankt sich mehrmals. Hinterher fragte ich mich, ob ich sie nicht hätte ganz nach Hause fahren sollen. Dorine umarmt mich zum Gruß.
Die Jungs im Heim spielen Fußball mit einem Ball, der eindeutig zu wenig Luft hat. Es hatte geregnet, dementsprechend sehen sie allesamt aus. Ich muss lachen. Doch die Leidenschaft des Kickens – ungebremst. Ich gebe Dorine ein kleines Paket mit Süßigkeiten, das Julia geschickt hatte, und bitte sie, es an alle zu verteilen – nach dem Abendessen. Sie nickt und freut sich. Drinnen höre ich die anderen freudig schreien. Dass sich Bonbons im Heim befinden, kann nicht lange Geheimnis bleiben.
Fébronie, 16 Jahre, ist zum Scherzen aufgelegt und mehr als frech. Ich steige in ihre Blödelei mit ein, was für schallendes Gelächter bei den anderen sorgt. „Schlaf gut“, sagt sie in perfektem Deutsch. Die Kids scheinen zufrieden, habe ich den Eindruck. In der Küche helfen Pascal und Aron beim Zubereiten des Abendessens. Andere schauen ihren Kameraden beim Fußball zu. Man sieht kaum noch etwas wegen der Dunkelheit. Heimleiter Alberic grüßt mich mit dem üblichen Lächeln. Zuvor hat er sich mit einer Frau unterhalten, die gerade zwei neue Mädchen ins Heim brachte. Ihre Geschichte kenne ich noch nicht. Fidèla heißt eine davon. Der kleine Cédric, der Junge mit der geistigen Behinderung, sitzt still auf einem Holzstuhl, der Mund offen, die Beine lässig übereinander geschlagen. Er schaut den Mädchen zu, die Hausaufgaben machen. Antwort gibt er keine, wenn man mit ihm spricht. Doch eine Lächeln erntet man. Und man kann sehen, wenn es ihm gut geht. Oder nicht.
Am Mittag wollte mir in der Stadtmitte ein alter Mann Holzmasken aus dem Kongo verkaufen. Ich lehnte ab. Es tat mir Leid, da ich sehen konnte, dass er sehr arm war. Es ist immer wieder dieselbe Situation. Immer und immer wieder. Hart sein – das ist schwer. Doch notwendig, wenn man nicht selbst bettelarm werden will. Hier und da gebe ich hin und wieder. Doch es kommt immer darauf an, wie. Die Straßenkinder, die vor dem kleinen Supermarkt in der Nähe des „Chez André“ immer auf Leute warten, rufen schon „Fondation Stamm!“ wenn sie mich sehen. Oder „Nadine“ – die ja noch nicht allzu lange wieder in Deutschland ist.
Wie Burunder Fußball leben, habe ich auch wieder erfahren dürfen. Champions League im Fernsehen im Bistro. Wie ein Theaterstück. Der Grund, weshalb ich beginne, mich für Fußballspiele zu interessieren. Ivan, einer unserer Kumpels, wird irgendwann noch einen Herzinfarkt bekommen. Mit großer Wahrscheinlichkeit.
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