4. April. Und die Preise steigen munter weiter. Ein Fahrrad hatte bislang 80.000 FBu gekostet. Nun kostet es 100.000 FBu. Nähmaschinen für unsere Ausbildungsprojekte: gestiegen von 90.000 FBu auf 120.000 FBu. Zur Erinnerung: 1 Euro sind 1.800 FBu. Das Problem ist nun – reduzieren wir unsere Aktivitäten? Wenn nicht… woher zur selben Zeit mit den steigenden Preisen auch mehr Unterstützung bekommen?

8. April. In den vergangenen Tagen wurde dem Genozid in Ruanda gedacht. Am vergangenen Sonntag vor 14 Jahren brach dort das aus, was sich nie jemand hätte vorstellen können. Ich musste an das Denkmal denken, das vor Gitega, in der Landesmitte Burundis steht. „Plus jamais ca!“ – Nie wieder. Ein anderes steht in Gatumba, noch ein Stück weiter als unsere Schule am nördlichen Stadtrand Bujumburas. Doch das in Burundi war ja etwas anderes. Man hat es nie als Genozid deklariert. Wer sich immer noch keine Vorstellung machen kann, der sollte sich „Hotel Ruanda“ ansehen. Ein guter Film. Wenn man das so sagen kann. Danach hat man zumindest eine Ahnung, was sich hier abgespielt haben muss. Und was immer noch in den Köpfen ist. So oder so.

10. April. Diese Woche hatte ich eine erfreuliche Begegnung. Kamulet, der alte Schneider, der lange Jahre bei Verena gearbeitet und als Ausbilder fungiert hatte, war plötzlich wieder aufgetaucht, nachdem wir ihn alle verschollen geglaubt hatten. Er lebt nun in Fizi, eine Region ein Stück weit über die Grenze hinüber im Kongo. Auf einem Hügel sei er glücklich, baue Mais, Tomaten und Bohnen an. Ich weiß nicht, ob ich es mir nur einbildete, aber ich hatte ihn nie zuvor so strahlend und auch redefreudig erlebt. Ich sah es seinen Augen an, dass es ihm gut geht. So, wie er sagte. Er sei zufrieden. Ein kleines Häuschen wolle er sich nun bauen mit dem Geld, das er über Jahre hinweg bei Verena verdienen konnte. Ein kleines Häuschen, in das er dann seine Frau und Kinder aus Bujumbura zu sich holen kann. Ich musste lächeln. Es machte mich verlegen glücklich, diesen alten Mann so froh zu sehen. So zufrieden. Und ausgeglichen. Ein frohes Herz im so oft verdammten und nur negativ behafteten Ostkongo.

Ein Lächeln erntete ich auch von Longin, der im Waisenheim lebt. Seine Brille war ihm geklaut worden und in der Schule erkannte er nicht mehr, was an der Tafel stand. Verzweifelt erzählte er mir mehrmals, dass seine Brille weg sei, obwohl er sie doch so dringen brauche. Diese Woche suchte ich im Lager Verenas, wo noch Kartons stehen vom Besuch meiner Mutter damals, einer Optikerin. Ich konnte eine passende für ihn finden. Als ich ihn abends darauf besuchte, stand er auf der Terrasse und schmatze zufrieden seinen Reis mit Bohnen. Die Brille auf der Nase.

Die Preise für sämtliche Waren werden mehr und mehr besorgniserregend. Was sich als Spottpreis anhören mag – 800 FBu für ein Kilo Reis (1 Euro = 1.800 FBu) –, ist für Burunder zunehmend ein Alptraum und macht sich auch in unserer Arbeit bemerkbar. Die Versorgung der Heime summiert sich. Unsere Kosten steigen. Die Lebenshaltung – oder soll ich sagen: das am Leben halten? – wird teurer und teurer. Im Norden der Erdkugel wird derweil zunehmend Biokraftstoff verlangt. Der Umwelt zuliebe. Und heute hörte ich, dass die Universität in Karlsruhe als „Eliteuni“ eine Spende von 200 Millionen Euro erhalten hat, dass dort die besten der besten Professoren lehren können.

Auf dem Nachhauseweg heute Abend hatte ich die erste nächtliche Polizeikontrolle. Man schaute ins Handschuhfach und in den Kofferraum. Ob ich nicht etwa Waffen mit mir schleife? Geschossen wird derweil immer mal wieder. Nichts sonderlich Beunruhigendes. Nur zunehmende Kriminalität. Wer sich sein Essen auf legalem Weg nicht mehr leisten kann, muss sich eben anderweitig behelfen. Ist es irgendwo auf der Welt anders? Der Unterschied ist nur, dass hier für 50 FBu getötet wird. Anderswo geht es um Handys oder Dinge, die das Leben eben „schöner“ machen.

Ich erfuhr, dass Ezechiel, zehn oder elf Jahre, aus dem Waisenheim HIV-krank ist. Was wir bislang auch nicht wussten. Es ist schon merkwürdig, wenn man so etwas erfährt. Zu meiner Verwunderung bleibt aber der große Schock aus. Klar, man ist traurig, denkt darüber nach, kann es nicht fassen und will es auch nicht wahrhaben. Aber es gehört fast schon zum Alltag dazu. Hier einer, dort eine. Und genau das ist es, was so traurig macht. Dass AIDS schon fast dazu gehört. Als wäre nichts. Ezechiel. Der kleine Kerle mit dem großen Gebiss, der immer lacht und gerne HipHop tanzt. Im Übrigen ein Cousin von Rose, dem 16-jährigen Mädchen, das letzt wegen Blutarmut im Krankenhaus lag.