Aus aktuellem Anlass, einem sehr schwierigen Thema und als Reaktion auf eine aktuelle Kritik an meinem Eintrag „Nadine und Kenny“ möchte ich einen Auszug aus meiner Antwort per Mail öffentlich machen und für jedermann/-frau zugänglich, da mir diese Information sehr wichtig scheint…

“Hallo …

ich danke dir für deine Mail und deinen Rat/deine Kritik, der ich natürlich offen gegenüber stehe. Nur so lerne ich dazu und die Meinung der Leser ist mir immer sehr wichtig. Deshalb danke ich dir.

Die Todesstrafe ist eine heikle Sache, eines der meist diskutierten Themen der Welt. Die Meinungen gehen mehr als nur auseinander. So, wie auch an dieser Stelle. An meiner Meinung kann man - selbst ich nicht - nichts ändern. In anderen Fällen lehne ich sie ebenfalls ab, jedoch nicht in diesem Punkt, wenn es Kinder betrifft. Noch dazu, wenn es ohnehin schon benachteiligte Kinder sind, die darunter leiden, in diesem Land unter diesen Umständen geboren zu sein und deren Situation auf diese Weise noch ausgenutzt wird.

Ich möchte dich jedoch bitten, zwei Dinge zu differenzieren.

Der Internetauftritt von burundikids e.V. und mein Tagebuch “Aus dem Herzen Afrikas” sind zweierlei unterschiedliche und unabhängige Dinge. Der Auftritt von burundikids (www.burundikids.org) ist der offizielle der Organisation, es finden sich dort nur sachliche Infos, Fortschritte der Projekte, aktuelle Infos und Geschehen während unserer Arbeit. Arbeit der ORGANISATION. Objektiv.

Das Tagebuch hingegen ist rein privat, persönlich und - hier ganz deutlich - subjektiv. Hinter jedem Satz, ganz klar, steht eine persönliche Note, eine menschliche, individuelle Meinung. Diese Meinung spiegelt in keinem Fall unbedingt die Meinung oder Philosophie der Organisation wider. In diesem konkreten Fall ohnehin nicht.

In diesem Fall hat das Geschriebene auch nichts mit Journalismus zu tun, sondern - wie der Titel der Internetseite schon aussagt (”Tagebuch”) - mit persönlichen Erlebnissen, persönlichen Gedanken und persönlichen Äußerungen. Die durchaus angreifbar sind, jedoch den Autor, also mich betreffen – nichts mehr und nichts weniger.

Diesen Unterschied gilt es zu beachten. Das Tagebuch ist keine offizielle Seite von burundikids e.V., sondern geführt von einem unabhängigen Individuum - mir.

Ich habe mit Kritik an dieser Äußerung gerechnet und bin auch froh, dass sie letztendlich kam. Deshalb danke ich dafür.

Ich grüße dich ganz herzlich und danke dir auch für das große Lob, das in deiner Nachricht steckt. Danke für die Treue.

Ein ganz lieber Gruß aus Buja.

Phil”

Der Hunger

April 29, 2008

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April 29, 2008

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April 28, 2008

Die Scheinheiligkeit unserer Welt:

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Nadine

April 28, 2008

28. April. Die Polizei hat den Nachtwächter, der Nadine vergewaltigt hatte, gefasst. Er ist schon so gut wie im Gefängnis. Dort wird er 25 Jahre bleiben. So sieht es zumindest das Gesetz vor. Wir werden die Sache weiter verfolgen und alles dafür tun, dass er dort auch wirklich hin kommt und auch bleiben wird. Seine Familie hat schon Heimleiterin Pelline Geld angeboten, wenn sie die Anzeige fallen lassen würde. Als sie sich weigerte, drohte man ihr. Telefonterror. Doch Pelline lässt sich nicht abbringen.

Während des Verhörs wagte es der Typ doch tatsächlich zu behaupten, die Blutspuren, die man festgestellt hatte, seien von ihm selbst. Dem Bericht von Ärzte ohne Grenzen (MSF, Médicins Sans Frontiers), wonach Nadine sehr übel zugerichtet worden sein muss, glaubt er nicht. Die Ärztin bei den MSF habe bei der Untersuchung nur den Kopf geschüttelt.

Nadine geht es derweil besser. Sie lacht wieder, spielt mit den anderen. Doch auch das müssen wir beobachten und weiterhin mit ihr Gespräche führen. Es wird sich auf jeden Fall um sie gekümmert. Ich gehe nun zu ihr ins Heim und sehe nach, wie es ihr geht.

Nadine und Kenny

April 27, 2008

27. April. Ein schwarzer Tag. Unsere Heimleiterin Pelline hat erfahren, dass ein Mädchen aus unserem Heim (Nadine, zwölf Jahre) vergewaltigt worden ist. Nadine hatte es nicht sofort gesagt, sondern erst heute davon erzählt. Anscheinend ist es schon Donnerstag oder Freitag passiert. Ich fühle mich hilflos, schockiert, bin unheimlich wütend – was bis hin zu Mordgedanken führt. In der Tat, man kann in Burundi jemanden für gerade mal 10.000 FBu (6 Euro) töten lassen. Sind das elterliche Gefühle?

Zurück auf den Boden der Tatsachen. Nadine war an diesen Mann anscheinend „gewöhnt“. Sie geht in eine staatliche Schule, einige Viertel weiter vom Heim entfernt. Begonnen hatte es mit einfachem Grüßen. Irgendwann kam das Anlocken dazu, wohl mit Geld und anderen Dingen. So, wie diese Geschichten für gewöhnlich ablaufen. Diese Woche war es dann soweit. Er hatte Nadine in ein Haus gebracht – und dort vergwaltigt. Zwölf Jahre. Ein kleines Mädchen. Nadine war heute nur ein Mal kurz zu sehen. Sie sprach nicht, verzog keine Miene. Nadine, die sonst lacht und offenherzig grüßt.

Der sofortige Gang zu „Ärzte ohne Grenzen“ bestätigte: Spuren von Misshandlung und Vergewaltigung. Nadine bekam ein Notfallset zur Vorbeugung von Aids. Auf den Aidstest, ob es Erfolg hatte, müssen wir nun drei Monate warten. Vorher ist nichts feststellbar. Wir können nur hoffen.

Am Abend war Heimleiterin Pelline mit Nadine im Viertel Nyakabiga, wo die Vergewaltigung stattgefunden hat. Nur Nadine kannte bislang das Haus. Man holte die Polizei zur Hilfe. Die wollte jedoch bei Dunkelheit nicht nach dem Mann suchen. Man wird morgen früh um 5 Uhr beginnen. Jedoch handelt es sich bei dem Mann anscheinend um einen Nachtwächter, der nur unter der Woche arbeitet. Ob sie ihn morgen antreffen, ist fraglich. Ob sie ihn überhaupt antreffen. Anscheinend ist es der Nachtwächter eines Weißen, der gerade in Urlaub ist. Ich habe großen Drang danach, diesen Menschen zu sehen. Wie ich in diesem Moment reagieren würde, kann ich jedoch nicht sagen.

Vergewaltigung. Noch dazu an Kindern. Für mich ein Fall für die sofortige Todesstrafe. Zwar mag man mich nun vielleicht aufgrund meiner extremen Ansichten kritisieren, daran kann ich nichts ändern. Aber in so einem Fall kenne ich kein Pardon, keine „Dialoge“ oder „friedliche“ Lösung. Es ist das Unmenschlichste, das existiert. Und hier endet meine gemäßigte, liberale, schlichtende Einstellung.

Pelline rief heute Abend alle Mädchen zu einer Versammlung zusammen. Wir wollen den Kindern, insbesondere den Mädchen einbläuen, um welche Gefahren es sich handelt. Dass man – und das ist das uralte Spiel – nichts von Fremden annehmen soll und schon gar nicht mit ihnen mitgehen. Wir müssen das noch mehr als bisher – insbesondere den Kleinen – einschärfen, in die Köpfe hämmern. Nur so können wir sie schützen. Nicht jeden Vergewaltiger können wir mit der Polizei fassen. Dafür nimmt die Anzahl in Burundi derzeit leider zu stark zu. Die Menschen sind durch den Krieg und die Zeit danach oftmals verdorben, gleichgültig, …

Ich glaube, ich besuche diesen Mann, falls sie ihn ins Gefängnis stecken sollten. Es raubt mir an diesem Abend den letzten Nerv. Heute Nachmittag hatte ich Nadine gesehen. Es geht mir nicht aus dem Kopf. Und man stellt sich immer wieder dieselbe, bescheuerte Frage nach dem warum. Aber zu sagen: „das passiert – leider!“ ist mir zu wenig und zu stupide.

Ich sprach am Abend mit Barbara von UNICEF. Sie hatten ohnehin schon eine Kampagne geplant, die genau gegen dieses Thema vorgeht und aufklärt. Mit Broschüren, im Radio, was auch immer. Möglichst viele sollen erreicht werden – insbesondere Eltern, die ihren Kindern das Gesagte einschärfen sollen. Wir hätten das im Fall Nadine früher leisten sollen.

Für mich persönlich nach den Beerdigungen von Jimmy im Februar und Chantal im Dezember vergangenen Jahres die dritte, sehr tiefe Kerbe, die sich ins Bewusstsein einbrennt.

Apropos Chantal. Ihr kleiner Sohn, Kenny, den sie zurück ließ, ist zurzeit im Kinderheim „Uranderera“. Die jüngere Schwester Chantals, Olga, lebt dort, deshalb ist Kenny einige Tage da. Ob er dort bleiben wird oder zurück zu den Frauen nach Kamenge gehen wird, müssen wir noch sehen. Er begrüßte mich mit strahlenden Augen und kam mit offenen Armen auf mich zugerannt. Er kennt mich noch. Er ist fröhlich und guter Dinge. Die anderen Kinder kümmern sich um ihn wie um ein kleines Geschwisterchen. Er fühlt sich sichtbar wohl.

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April 24, 2008

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April 24, 2008

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