Nach dem Wochenende

März 31, 2008

Montag, 31. März. Unter „Bilder“ habe ich neue Eindrücke eingestellt. Auch unter „Downloads“ besteht nun die Möglichkeit, die Infoflyer von burundikids e.V. und Fondation Stamm herunter zu laden.

 

Das Wochenende war entspannt. Ich hatte zum ersten Mal, seit ich hier bin, die Möglichkeit, wirklich nichts zu tun. Eigentlich seit ich im September vergangenen Jahres aus Burundi abgereist bin. Zu unruhig war ich die erste Zeit in Deutschland, dann stand sehr viel nachbereitende Arbeit an, dann der Besuch in Burundi, danach wieder weitere Vorträge und Pressearbeit. Vom Container, der im Februar noch auf die Reise ging, fange ich erst gar nicht an.

 

Den Samstag nutzte ich, um mit den Jungs aus dem Heim Basketball spielen zu gehen. Das letzte Mal, dass ich Basketball gespielt hatte, war im Dezember – ebenfalls auf dem Platz im Viertel Mutanga Süd, unweit vom Waisenheim. Es hat mir gefehlt. Von den Jungs ganz zu schweigen. Ich habe mir jedoch gleich wieder Sonnenbrand eingehandelt. N’ubuzima, wie die Burunder oft sagen. So ist das Leben. Wirklich nichts zu tun muss man auch wieder erst lernen, wenn man selbst zu sich ehrlich ist. Ich habe es ausgehalten bis gestern Abend gegen 22 Uhr.

 

Apropos Basketball. Als wir vergangene Woche im Viertel Sororezo in den Bergen Bujumburas zu Besuch waren, wo Verena zusammen mit den Vereinten Nationen einige Häuser für die Flüchtlinge gebaut hatte, die seit Ausbruch des Kriegs vor 15 Jahren hier unter Wellblechen leben, hatte ich wieder allen Grund zum Schmunzeln. Paradox, wenn man umringt ist von Armut, wie man sie sich nicht vorstellen kann. Die Wellbleche sind rostig, löchrig und formen einen Unterschlupf, in den man sich höchstens zum Schlafen legen kann. Sollte man meinen. Aber darin wird gekocht, gegessen, gestillt, gelebt. Aber das wird bald ein Ende haben. Der Besitzer des Grundstücks, der die Flüchtlinge bis dato duldete, hat angekündigt, selbst auf seinem Grund bauen zu wollen. Die Flüchtlinge, Frauen, Greise, Kinder, müssen weg. Wohin? Egal.

 

Mein Grund zum Schmunzeln hat wieder einmal mit Kindern zu tun. Wir waren natürlich umringt von einer ganzen Schar. Wie üblich. Eines der kleineren Kinder schrie „Muzungu“ zu mir herauf. Plötzlich schubste ihn ein anderer Junge zur Seite und sagte: „Der heißt Philippo, der spielt doch da unten immer Basketball!“ Ich musste lachen, wohl staunend, dass sich der Kleine an mich erinnern konnte. Wo doch alle Weißen gleich aussehen.

 

Was das Problem der hier lebenden Flüchtlinge anbelangt, ist Verena am Überlegen, was wir tun können. Die Umstände so zu belassen, ist grob fahrlässig. 15 Jahre Wellblechhütte, dem Regen und der Hitze ausgesetzt. Manche der Unterschlupfe hatten auch schon Feuer gefangen. Sie sind rußschwarz. Kinder springen darum herum.

 

Es sind Hutus. Leidend unter den Folgen des unsinnigen Kriegs. Weiter unten in der Stadt, wenige Kilometer entfernt: ein Flüchtlingslager von Tutsis. Dasselbe Schicksal, die selben Missstände, dasselbe Elend. Südlich von Bujumbura gibt es Land. Zu genüge. Man könnte es eventuell von der Regierung zur Verfügung gestellt bekommen. Kostenlos. Es wäre ein sehr fördernswertes Projekt, für diese Menschen Land zu beantragen. Wo sie gemeinsam ansiedeln könnten. Hutus und Tutsis – belegt mit demselben Schicksal, gleichermaßen am Boden des Vorstellbaren. Und nur gemeinsam haben sie die Chance, ihr Leben wieder in die Hand zu nehmen. Sich Burunder zu nennen und nicht mehr abzugrenzen. Wir würden ihnen gerne helfen, Häuser zu bauen. Einfache Häuser. Mit einfachen Ziegelsteinen und Wellblechen. 600.000 Franc würde solch ein Projekt pro Haus kosten. 333 Euro. Für den Start in eine neue Existenz, in ein menschenwürdiges Leben – für eine ganze Familie. Es wäre ein etwas größeres Projekt. Wir wollen es versuchen.

 

Gestern Abend habe ich bei den Kindern im Heim gegessen. Maisbrei mit Bohnen. Für mich hatte man extra einen Teller Bohnen mit Soße außen vorgelassen, weil ich die kleinen Fischchen „indagara“ nicht essen kann. Dafür aber reichlich scharfes Pili Pili, das Lena den Kids gekauft hatte, als sie hier war, und das sie nun mit Genuss verschlingen. Plötzlich Schüsse. Es hörte sich an, als würde die Kalaschnikow direkt mitten auf dem Heimgelände abgefeuert. Die Kleinen werfen sich auf den Boden. Die etwas älteren schauen zuerst verdutzt, dann lächeln sie mich an. Als sei es nichts Besonderes mehr. „Schon wieder.“ Danach eine zweite Salve. Die Jungen machen das Licht im Aufenthaltsraum aus. Nach wenigen Minuten und kurzen Diskussionen essen alle weiter. Als sei nichts gewesen. War ja auch nichts. Normale Kriminalität. Hätte in Berlin auch passieren können. Ich bin froh, dass mir Rose, die letzt noch wegen Blutarmut im Krankenhaus gelegen hatte, gegenüber sitzt, es ihr gut geht und sie lächelt.