Kurz vor Ostern

März 22, 2008

22. März. Wieder ist einiges passiert, beinahe schon zu viel, um immer alles festhalten zu können. In dieser Woche habe ich sehr viel über die Verhältnisse hier nachgedacht, was das Einkommen, die Lebensbedingungen und das zur Verfügung stehende Geld anbelangt. Ausschlaggebend waren gleich mehrere Ereignisse.

 

Martin, ein mir befreundeter Tor- und Nachtwächter auf der Route zwischen „Chez André“ und dem Kinderheim „Uranderera“ verdient 45.000 FBu im Monat. Das sind nach dem derzeitigen Kurs 25 Euro. Eine Telefonkarte fürs Handy, die wir für unsere Arbeit ständig benötigen kostet schon alleine 10.000 FBu. Der Liter Benzin 1.600 FBu.

 

Letzt habe ich abends die Jungs vom Heim zum Kohle holen begleitet, für das Abendessen. Mit Schubkarren hat sich die kleine Kolonne in Bewegung gesetzt zu einem kleinen Holzstand in der Nähe des Heims. Über Schotter und Steine. Dort angekommen heißt es: „Der Sack kostet 16.000 FBu.“ Leider waren nur 12.000 FBu einkalkuliert und in der Hosentasche Thierrys, die er vom Heimleiter Alberic bekommen hatte. Das ist auch normalerweise der Preis. Der Händler ließ sich jedoch nicht herunter handeln, also zogen wir alle wieder unverrichteter Dinge ab zurück ins Heim. Für das Abendessen war jedoch noch genügend Kohle vorrätig. Drei Säcke Kohle benötigen die Kids im Heim pro Woche. Das ergibt Kosten von 36.000 FBu pro Woche – für Kohle. Drei Mahlzeiten am Tag. Für 70 Kinder. 20 Euro.

 

Gestern Abend traf ich mich mit einigen Freunden im Bistro unweit des „Chez André“. Von Weitem kam Alexis auf mich zugeschlappt und rief mir zu: „Guten Abend, Philippo!“ Ich dachte, ich höre nicht recht. Aber es war tatsächlich Alexis. Ein Burunder. Er lachte, wohl aufgrund meines erstaunten Gesichts, und erklärte mir, dass er sich für einen Deutschkurs eingeschrieben hätte. Er wolle unbedingt die deutsche Sprache lernen. Genau wie Kiki (Christian), der schon Englisch studiert hatte. Es fasziniert mich immer wieder, wie schnell sie die Betonung der Wörter blitzschnell auf dem Kasten haben. Ein, zwei Mal vorgesagt und es sitzt. Unglaublich. Im gleichen Atemzug versuche ich mich natürlich immer im Kirundi – was auf der anderen Seite für dieselbe Verwunderung sorgt. Immer wieder ernte ich Kopfschütteln. „Das kann doch nicht wahr sein?!“ Interkultureller Austausch würde man das wohl nennen. Uns macht es einfach nur Spaß. Von ganz alleine.

 

Heute um 13 Uhr kommt burundikids-Vorstand Martina in Burundi an. Wir werden viel besprechen müssen und am Dienstag voraussichtlich nach Gitega in die Landesmitte fahren. Dort wurde ja unterdessen mit dem Bau der neuen Berufsschule für Bauhandwerk begonnen. Martina hatte die Baupläne gezeichnet und will sich nun einen ersten Überblick verschaffen, dass alles seine Ordnung hat und von Anfang an richtig gebaut wird. Morgen steht aber erst einmal ein Osterfest an. Bei den Straßenjungs im Heim „Birashoboka“. Freiwillige Ruth hat am Donnerstag noch 130 Eier gefärbt, bevor sie am Freitag nach Muyinga (im Osten Burundis) aufgebrochen ist, um Kerstin zu besuchen.

 

Am Donnerstag sind auch Lena, Julia, Ruths Vater Leo und Monique, die französische Krankenschwester, abgereist. Auf einen Schlag ist es wieder „leer“. Allesamt haben sie in den vergangenen Wochen sehr viel geleistet und super mit angepackt. Regale gebaut, das Heim verschönert, Kranke versorgt und sich mit um die Kids gekümmert. Nun sind sie schon zurück in der anderen Welt – Deutschland (bzw. Frankreich). Wie sie sich fühlen müssen, kenne ich ganz genau. Aber auch weiß ich, dass wir alle nicht zum letzten Mal gesehen haben. Burundi lässt nämlich nicht mehr los.

 

Gestern Mittag habe ich noch Rose, ein 16-jähriges Mädchen aus dem Waisenheim, aus dem Krankenhaus ausgelöst. Sie war wegen Schwindel und auch Ohnmacht in die Klinik gebracht worden. Blutmangel. Fünf Transfusionen à 500ml mussten sie ihr geben. Höchste Zeit war es. Jedoch weiß immer noch keiner genau, woher ihre Krankheit kommt. Trotz unzähliger Untersuchungen. Ein Arzt nannte uns eine Untersuchung, die jedoch in Burundi kein Mensch durchführen kann. Diese ist aber notwendig, um wohl herauszufinden, was Rose fehlt. Ansonsten muss sie – wie bisher – aus denselben Gründen alle drei Monate ins Krankenhaus für Bluttransfusionen. Mit allen Krankenhauskosten, versteht sich. Wir wollen versuchen, nach einigen Wochen eine Blutprobe von ihr nach Deutschland zu schaffen, um dort die notwendige Untersuchung machen zu lassen. Dass wir endlich die entsprechende Kur mit ihr machen können und sie nicht ständig diese Qualen durchmachen muss. Als ich sie gestern abholte, waren ihre Freundinnen aus dem Heim bei ihr. Auch Heimleiterin Pelline. Rose strahlte, endlich wieder „nach Hause“ zu dürfen. Es geht ihr gut. Zumindest für die nächste Zeit.