Gitega und Cédric

März 12, 2008

12. März 2008. Gestern, Dienstag, brachen Verena, Athanase (Direktor der Fondation Stamm) und ich zusammen mit Fahrer Melchiade nach Gitega auf, um das neue Projekt zu besuchen und zu starten. Wir werden eine Berufsschule bauen mit den unterschiedlichen Ausbildungen in Elektro, Sanitär, Schreiner, Schweißer, Maurer, Schneider und EDV/Computer. Gestern galt es, einen von drei Bewerbern für die Bauleitung und Durchführung auszuwählen. Im Gremium musste jeder der Bewerber den Bauplan erklären, den Martina (Wziontek) in Köln vorbereitet hatte, und Vorschläge machen, was man eventuell besser machen könnte. Bereits heute werden die Arbeiter zusammen getrommelt und mit den ersten Handgriffen begonnen. Die Baustelle für das Ausbildungszentrum Gitega (AZG), das durch die Kinderhilfestiftung Fikentscher mit Sitz in München möglich wird, ist eröffnet. In sechs Monaten soll der Bau fertig sein, sodass mit den dreijährigen Ausbildungen pünktlich zum landesüblichen Rhythmus im September begonnen werden kann. Aufgrund der vielen umliegenden Schulen ist das AZG genau die richtige, sinnvolle Ergänzung des dortigen Bildungsangebots. Denn viele der Schüler gehen nach der Primarstufe (nach dem nationalen Test der sechsten Klasse, vergleichbar mit dem Hauptschulabschluss) von der Schule ab und wollen einen Beruf erlernen. Und genau hier kommen wir ins Spiel. Das Bestehen dieses nationalen Tests ist jedoch auch gleich Voraussetzung für die Aufnahme am AZG.

 

Die ersten Ausbildungen sollen jedoch schon zeitgleich mit dem Bau des Zentrums beginnen. Die Schüler werden von gelernten Handwerkern angewiesen und bauen sich ihre Schule quasi selbst.

 

Im späteren normalen Schulbetrieb werden wir auch einen gewissen Prozentsatz pro Ausbildung an Jugendliche mit Behinderung aufnehmen. Denn sie zählen nach wie vor zu den Vernachlässigten der Gesellschaft.

 

Die Fahrt durchs Landesinnere nach Gitega war wieder voller Eindrücke. Ich kann nicht aufhören, von der Landschaft Burundis zu schwärmen. Besonders wenn die Sonne auf die riesigen, grünen Hügel scheint. Doch im Vordergrund des schönen Panoramas spielen sich eben andere Szenen ab. Ein kleines Mädchen, vielleicht fünf Jahre, schleppt ein Bündel Brennholz auf dem Kopf die Straße entlang. Sein zerrissenes Kleid und seine Haut haben dieselbe Farbe wie die braunrote Erde, auf der es barfüßig der Mutter hinterher rennt. Als es ich mich sieht, lächelt das Mädchen. Und winkt.

 

Eine alte Bäuerin in leuchtendem, traditionellem Gewand taucht aus dem Gestrüpp von Kaffeepflanzen hervor. Über die linke Schulter hatte sie eine Gartenhacke gelegt, in der rechten Hand trägt sie ein Stoffbündel. Ihre Haut ist runzlig und trocken und die alte Frau quält sich nur mühsam bergauf.

 

Weiter weg steht eine gut beleibte, jüngere Bäuerin breitspurig auf dem sandigen Weg, der von der geteerten Hauptstraße abgeht. Sie schaut grimmig. In der linken Hand hält sie locker eine Machete, die sie vor sich hin und her baumeln lässt. Ein Bild, das Verena und mir Schauer verursacht.

 

In Gitega habe ich auch Thérence besucht, der zwar im Waisenhaus in Bujumbura lebte, nach einiger Zeit aber zu seinem Geburtsort zurückkehren wollte. Er wohnt nun in unseren Kinderheim in Gitega Stadt. Es geht ihm gut, wie er mir versichert. Er sei gesund und die Prüfungen in der Schule seien soweit auch „ok“. Strahlend sieht er mich an, als ich ihm ein kleines Päckchen reiche, das ihm seine Briefpartnerin aus Deutschland hat mitbringen lassen. Er schnappte es und verschwand gleich in sein Zimmer. Um kurz darauf wieder zu kommen und sich zu bedanken.

 

Auf dem Rückweg nach Bujumbura hielten wir noch kurz an, um Obst und Gemüse zu kaufen. Ich wollte den Kids etwas für den Abend mitbringen – zur Abwechslung von Maisbrei und Bohnen. Hier im Landesinnern sind die Sachen wesentlich günstiger zu kaufen. So hatten wir am Ende fast das gesamte Auto beladen – innen und auf dem Dach – mit Ananas, Avocados, Physalis, massenweise Süßkartoffeln und Kochbananen. Für zusammen gerechnet vielleicht gerade mal zehn Euro.

 

Ein kleiner Vergleich in Sachen Geld.

 

Seit Kurzem lebt im Waisenhaus „Centre Uranderera“ der kleine Cédric. Er ist etwa sechs oder sieben Jahre alt und hat eine geistige Behinderung. Er kann Körperausscheidungen nicht zurückhalten, sein Mund steht permanent offen. Wenn ich ihm über die Wange streichle und ihn begrüße, lächelt er zwar lieb, aber dennoch irgendwie gequält. Ein mir in Deutschland bekannter Burunder hatte uns gebeten, ihn aufzunehmen, nachdem er aus Burundi die Nachricht von Cédric bekam. Seine Vorgeschichte ist uns (noch) nicht bekannt.

 

Unsere Einrichtungen und unser Personal sind nicht auf die Arbeit mit behinderten Kindern und Jugendlichen geschult. Es gibt jedoch ein Behindertenheim, geleitet von einer Inderin in Bujumbura. Unsere Heimmitarbeiterin Nathalie begleitet nun täglich den kleinen Cédric dorthin, dass er Bewegungsübungen machen kann und seine Muskeln und Motorik geschult werden. Dass er zumindest eine verbesserte Lebenssituation hat. Irgendwann.

 

Die Kosten für Cédrics tägliche Behandlung: 2.000 FBu. Im Monat. Das ist etwas mehr als ein Euro. Nathalie bekommt dadurch natürlich auch ein wenig mehr Gehalt, da sie die Aufgabe zusätzlich zur bisherigen Arbeit übernimmt. Aber auch das ist kein Betrag für den üblichen deutschen Geldbeutel.

 

In den vergangenen Tagen war eine Frau hier mit einem fünfjährigen Mädchen. Ebenfalls mit Behinderung. Sie kann nicht alleine sitzen und hält den Kopf schief. Die Frau ist die Tante, die Eltern der kleinen leben nicht mehr. Sie hat sich um das Mädchen bislang gekümmert, doch kommt sie zu nichts anderem mehr. Sie kann die notwendige Pflege für das behinderte Mädchen nicht mehr leisten und möchte sie in unser Heim geben. Doch gleiches Problem wie bei Cédric: Wir haben kein dafür geeignetes Personal. Sollten wir das behinderte Mädchen aufnehmen, müssten wir noch jemanden einstellen, der sich speziell um sie kümmert. Aber Geld übrig haben wir dafür im Moment nicht.

 

Das monatliche Gehalt liegt im Übrigen bei 50.000 FBu (30 Euro)…

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