6. März 2008. Mittlerweile bin ich auch gedanklich in Burundi angekommen. Arbeit gibt es viel, dennoch muss ich mich erst richtig einfinden. Es ist schließlich eine andere Aufgabe, eine andere, größere Verantwortung, der ich nun gerecht werden muss als bei der ersten Entsendung als Freiwilliger. Zwei Jahre liegen vor mir. Richtig realisiert habe ich das allerdings noch nicht. Doch Stück für Stück lebe ich mich ein wenig mehr ein, verschaffe mir einen Überblick und spreche sehr viel mit Verena.

 

Es ist ein sehr schönes Gefühl, von allen herzlich willkommen geheißen zu werden. Auch von den Kollegen, den einheimischen Mitarbeitern der Fondation. Ich fühle mich gut an- und aufgenommen – wie auch nicht anders erwartet. In den kommenden Tagen werden wir einen kleinen Arbeitsplatz für mich einrichten. Für den Computer und ein paar Unterlagen. Dann kann es richtig losgehen.

 

Frau Milla Kühn von der Deutschen Botschaft in Burundi habe ich auch gleich in der ersten Woche besucht. Erstens wollte ich sie einfach nur mal wieder persönlich grüßen, worüber sie sich sehr freute. Zweitens ließ ich mich in die „Liste der Deutschen“ eintragen, die sich in Burundi aufhalten. Anscheinend sind es knapp Hundert Personen auf der Liste. Für die es allerdings keine Meldepflicht gibt. Es war sehr nett, mit Frau Kühn zu plaudern. Ich traf auch gleich einen Typ, halb deutsch, halb Burunder, den ich vom Basketball spielen kannte. Auch er erinnerte sich und redete drauf los.

 

Die neu renovierte Deutsche Botschaft macht auch einiges her und kann sich sehen lassen. Nur der Botschafter, Thomas Mangartz, ist derzeit nicht persönlich anzutreffen. Er ist noch im Urlaub. Aber auch ihn habe ich vor zu treffen, nach seiner Rückkehr kommende Woche. Insbesondere wollte ich mit ihm über die Partnerschaft mit Baden-Württemberg sprechen, die nun ordentlich ins Rollen gekommen ist. Das muss einfach klappen.

 

Um bei den Deutschen zu bleiben: Meinen Freund Marco von den UN habe ich auch schon besucht. Nicht etwa nur, weil er mir freundlicherweise schon etwas Gepäck im Voraus mit nach Burundi schleppte, nach seinem Heimaturlaub in Deutschland. Zusammen mit seinen Mitbewohnern, Fred und Maurizio, haben wir zu Abend gegessen und uns ausgetauscht. Maurizio ist am Tag darauf ebenfalls in Heimaturlaub gegangen.

 

Und noch mehr Deutsche. Sabine Höroldt, die damalige Fotografiestudentin und heute Fotografin ist derzeit ebenfalls wieder in Burundi (mehr Hintergrundinfos auf www.burundikids.org). Auf Besuch bei den Kids – und sie packt auch gleich wieder tatkräftig mit an. Mit dabei ist auch ihr Freund Benni, ebenfalls Fotograf. Für die Kinder wohl eine Hochzeit, alle „Ehemaligen und Bekannten“ auf ein Mal um sich zu haben. Am Donnerstag ist nämlich auch Marie angereist – das heißt, die „alte Riege“ ist wieder komplett an ihrem Ursprungsort. Bedauerlich ist nur, dass Nadine – ebenfalls vergangenen Donnerstag – abreisen musste. Der Abschied fiel nicht nur ihr schwer. Sie hatte hier wahnsinnige Arbeit geleistet und einiges mit aufgebaut. Deshalb sind sich auch alle sicher, dass sie nicht zum letzten Mal hier gewesen ist. Und diejenigen, die noch zweifeln, denen sage ich das Gegenteil. Es geht gar nicht anders. Zumal ich nur zu gut weiß, wie sich Nadine fühlen muss.

 

Eigentlich wollte ich schon längst die Jungs besuchen, die vor einiger Zeit aus dem Heim der Straßenjungen in ein eigenes kleines Häuschen im Viertel Jabe gezogen sind. Darunter auch mein Freund Pascal Habonimana, der klasse Jungjournalist, und meine Basketballkollegen. Doch irgendwie komme ich zu nichts. Viel ist noch zu besprechen, viel zu schreiben, zu organisieren. Aber das wird sich alles einpendeln. Dann werde ich auch Zeit finden, alle zu besuchen, die ich noch nicht gesehen habe. Wie auch die Frauen in Kamenge und die Jungen im „Centre Birashoboka“ in Kanyosha.

 

In der Schule in Kajaga bin ich bereits gewesen. Nur kurz, aber immerhin konnte ich mir einen ersten Eindruck vom Fortgang des Baus machen. Reges Treiben herrscht auf der Baustelle. Ein riesiges Gewusel. Ich bin überzeugt, dass das geplante Labor und die medizinische Station richtig gut werden. Es sieht zumindest alles danach aus – auf der Baustelle als auch das organisatorische Herzblut, das von allen Seiten hinein gesteckt wird. Der Container mit den medizinischen Geräten und der Ausstattung für das Labor ist anscheinend schon auf dem Landweg vom tansanischen Dar es Salaam nach Bujumbura unterwegs, wie mir die zuständige Transportagentur in Bujumbura mitteilte.

 

9. März. An den Abenden bin ich eigentlich regelmäßig bei den Kindern im Heim. Manchmal auch nur kurz nach der Arbeit, oft aber länger – so wie heute Abend. Schon Hundert Meter vor dem Heim kam der zwölfjährige Vénuste auf mich zugerannt, um mich mit einer Umarmung zu begrüßen und anschließend mit zurück durchs rote Tor zu begleiten. Der Tag kann noch so anstrengend gewesen sein, die Arbeit noch so viel – in einem Moment wie diesem ist alles wie verflogen und man kann nur noch strahlen. Was diese Kinder für eine Ausstrahlung und Auswirkung auf das eigene Gemüt haben, lässt sich wahrlich nicht in Worte fassen. Es ist einfach nur schön.

 

Nur kurz hatte ich zum Verschnaufen, dann wollten Gladys, Vénuste, Longin und noch einige andere unbedingt ein paar Brocken Deutsch lernen. Also setzte ich mich mit ihnen auf die kleine Terrasse, links vom Tor innerhalb des Heimgeländes. Ich staune nicht schlecht über das schnelle Begreifen und die korrekte Aussprache der Kids. Aber Vénuste, den alle nur noch Maasai nennen, seit ich ihm im vergangenen Jahr diesen Spitznamen verpasst habe, setzte am Abend noch einen drauf.

 

Ich hatte mit den Mädchen zu Abend gegessen – Maisbrei mit Bohnen, zusammen mit Florette, die nur noch stolz wie Oskar durch die Gegend läuft, seit sie zum Fußballteam der Mädchen des Heims gehört. Als ich wieder aus dem Haus trat, rief mich Vénuste zu sich und führte mich in den Salon des Hauses der Freiwilligen. Dort ist derzeit ein Lernzimmer eingerichtet, dass die Kids und vor allem die Jugendlichen in Ruhe für ihre Klausuren lernen können. An der Tafel war nun mit weißer Kreide fein säuberlich das gesamte Vokabular aufgeschrieben, das ich am Nachmittag Maasai gezeigt hatte. Kirundi – Französisch – Deutsch. Um mir zu beweisen, dass es nicht etwa jemand anderes geschrieben hatte, las er mir alles der Reihe nach vor. Lediglich beim „sprichst“ im Satz „Sprichst du Deutsch?“ hatte er leichte Probleme. Und seine Augen glänzten.

 

Auf den Zentralmarkt hatte ich mich auch schon gewagt, jedoch nur kurz. Kaum hatte ich einen Fuß auf den Vorplatz gesetzt, hörte ich schon meinen Namen. „Erinnerst du dich an mich?“ streckte mir ein Händler die Hand entgegen. Und ja, ich erkannte ihn. Ich hatte im vergangenen Sommer meine Basketballschuhe bei ihm gekauft. Wir hatten uns damals sehr nett unterhalten. Etwas neben uns war ein Polizist gerade damit beschäftigt, einen Sack mit irgendwas zu inspizieren. Er leerte einfach alles auf den Boden, umringt von einer Menschentraube.

 

Wen ich auch schon besuchen konnte, waren die Mädchen im neuen Straßenkinderheim „Tuhinduke“ (in etwa „Wir nehmen unser Leben in die Hand/Wir ändern uns“) in der Stadtmitte, unweit des Zentralmarkts. Auch dort kannten mich die Kleinen noch und Krankenschwester Agnes sowieso. Sie arbeitet normalerweise bei den Frauen in Kamenge, hatte sich jedoch vor einiger Zeit den Fuß gebrochen und hinkt noch ein wenig. Um einen kürzeren Arbeitsweg zu haben, hilft sich übergangsweise bei den Straßenmädchen aus.

 

Das einheimische Primus ist mir natürlich auch nicht entgangen. Ich musste natürlich schon in die Kiriri-Bar, die Stammkneipe seit eh und je. Und die ganze Clique war dabei. Das Geschrei war groß.

 

Verena war noch auf Projektbesuch im Landesinnern, als ich ankam. Nachsehen, was die Landwirtschaftsprojekte in Ngozi und Muyinga, im Norden und Nordosten des Landes machen. In Ngozi konnte sie schon richtig ernten, „riesige Salatköpfe“ schwärmte sie. Da ließ es sich die Chefin nicht einmal nehmen, selbst bei strömendem Regen auf der Feld herum zu wandern. In Muyinga haben wir noch ein kleines Problem mit den Termiten, die die Pflanzen anfressen. Hier müssen wir uns etwas einfallen lassen. An Land mangelt es derweil nicht. Sollten die Projekte weiter gut laufen, bekommen wir von der örtlichen Administration noch weiteres Land je nach Bedarf kostenlos zur Verfügung gestellt. Ende März, Anfang April werden wir die ersten Absolventen unserer dortigen Ausbildungen in Landwirtschaft und Viehzucht in die Selbständigkeit entlassen.

 

Die Übergabe ihrer Abschlusszertifikate wird eine kleine Feierlichkeit, wozu auch die jeweiligen Familien eingeladen werden. Einen Hintergedanken haben wir dabei aber doch. Denn zum Zertifikat haben wir uns dazu entschlossen, jedem Absolventen noch Saatgut oder aber eine Ziege zu schenken. Und zwar mit der Bedingung, eine so genannte „Solidaritätskette“ zu beginnen. Abgegeben werden die Tiere und das Saatgut nur unter bestimmten Voraussetzungen – wie ausreichende Medikamente zur Haltung der Ziegen, ein Stall, Kompostanlagen und einiges mehr. Den ebenfalls neu gekauften Ziegenbock – ein Zuchttier mit Wurzeln noch in der deutschen Kolonialzeit (gilt als besonders resistent) – wird die Fondation behalten. Die Bauern können ihre weiblichen Tiere zur Befruchtung bringen. Wie auch die Ziegen, die wir den Absolventen überlassen werden.

 

Das neu geborene Zicklein muss dann allerdings an einen anderen abgegeben werden – unter denselben Voraussetzungen. Wird das Junge ein Böckchen, muss dieses an die Fondation zurück gegeben werden, sodass wir an anderer Stelle ein erneutes „Solidaritätsprojekt“ starten können, und gegen eine weibliche Ziege eingetauscht. Auch muss ein Zicklein an uns zurück gegeben werden, sollten es bei einem Wurf mehr als nur ein Jungtier sein.

 

Um dieses Prinzip der „Solidaritätskette“ zu erklären, versammeln wir alle Familien zu einer Feierlichkeit zum Abschluss der Ausbildung der Jugendlichen. Die geplante Abgabe dieser Ziegen ist durch mehrere private Spenden aus Deutschland zustande gekommen. Und wir entschieden uns für dieses Projekt, um der oft kritisierten „Geber-Nehmer-Mentalität“ entgegen zu wirken – und darüber hinaus wieder das Zusammengehörigkeitsgefühl und den unschätzbar wichtigen Wert der Solidarität unter den Menschen in Burundi zu fördern.

 

Ein schönes Erlebnis hatte ich auch, als sich zwei Bauern so sehr freuten, als sie zu uns ins Büro kamen. Sie sind die Vertreter eines Verbunds aus Frauen und Männern, die sich in der Provinz Bubanza nördlich von Bujumbura zusammen geschlossen haben und ein gemeinsames Projekt starten wollen. Für ihre Idee brauchten sie jedoch ein Startkapital, das ihnen keine Bank gewährt hätte. Und genau hier tritt unser Mikrokreditprojekt in Kraft. Ebenfalls durch private Spenden ermöglicht, die ich aus Deutschland mitbringen konnte. Dass die beiden Männer nicht noch angefangen haben zu tanzen, hat mich gewundert. Dabei muss man sich diese Situation einmal bewusst machen: Mit 200 Euro können sich etwa zwei Dutzend Frauen und Männer samt ihrer Familien eine neue, selbständige Existenz aufbauen, sich selbst aus der Armut helfen. 200 Euro. Es müssen sich also nur vier Leute in Deutschland finden, die bereit sind, mit 50 Euro zu helfen. Oder 20 Leute mit jeweils zehn Euro. Und wem tun zehn Euro weniger im Geldbeutel in Deutschland schon weh? Die Kiste Bier im Supermarkt kostet meistens schon drei, vier Euro mehr. Plus Pfand.

 

Politisch heiß geht es derzeit auch wieder her. Gestern Abend, als ich vom Kinderheim gegen 19 Uhr wieder die Straße in Richtung „Chez André“ lief, gab es einen lauten, dumpfen Knall, gefolgt von einem zweiten. Am nächsten Tag erfuhr ich, dass es insgesamt vier gewesen sind. Es waren Granatangriffe auf Häuser von vier Politikern. Vier Oppositionelle. Anscheinend kam aber keiner der Politiker zu Schaden. Gefechte mit Kalaschnikowschüssen hörte ich auch, einige Viertel weiter. Der Wahlkampf scheint zu beginnen. Für die Wahlen 2010.

 

Am Freitag schon erreichte mich eine sehr positive Nachricht. In Stuttgart gab es wieder ein „Burunditreffen“ und einige Leute scheinen dort gewesen zu sein. Seit einem Jahr, als ich zum ersten Mal von der Partnerschaft zwischen Baden-Württemberg und Burundi gehört hatte, arbeite ich nun mit einigen Leuten zusammen darauf hin, dass sich etwas bewegt. Und es ist etwas ins Rollen gekommen. Die lang ersehnte Delegationsreise wird nun kommen – im Juni dieses Jahres. Ich freue mich sehr über diese Entwicklung – und bin mir sicher, dass sich einiges bewegen lässt. Ich muss nicht erwähnen, dass mir diese Sache sehr am Herzen liegt – und ich mit Sicherheit weiter „dran bleiben“ werde. In dem kleinen Büro, das wir nun nebst dem von Verena eingerichtet haben, habe ich auch alle Möglichkeiten dazu.

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