Nach dem Wochenende

März 31, 2008

Montag, 31. März. Unter „Bilder“ habe ich neue Eindrücke eingestellt. Auch unter „Downloads“ besteht nun die Möglichkeit, die Infoflyer von burundikids e.V. und Fondation Stamm herunter zu laden.

 

Das Wochenende war entspannt. Ich hatte zum ersten Mal, seit ich hier bin, die Möglichkeit, wirklich nichts zu tun. Eigentlich seit ich im September vergangenen Jahres aus Burundi abgereist bin. Zu unruhig war ich die erste Zeit in Deutschland, dann stand sehr viel nachbereitende Arbeit an, dann der Besuch in Burundi, danach wieder weitere Vorträge und Pressearbeit. Vom Container, der im Februar noch auf die Reise ging, fange ich erst gar nicht an.

 

Den Samstag nutzte ich, um mit den Jungs aus dem Heim Basketball spielen zu gehen. Das letzte Mal, dass ich Basketball gespielt hatte, war im Dezember – ebenfalls auf dem Platz im Viertel Mutanga Süd, unweit vom Waisenheim. Es hat mir gefehlt. Von den Jungs ganz zu schweigen. Ich habe mir jedoch gleich wieder Sonnenbrand eingehandelt. N’ubuzima, wie die Burunder oft sagen. So ist das Leben. Wirklich nichts zu tun muss man auch wieder erst lernen, wenn man selbst zu sich ehrlich ist. Ich habe es ausgehalten bis gestern Abend gegen 22 Uhr.

 

Apropos Basketball. Als wir vergangene Woche im Viertel Sororezo in den Bergen Bujumburas zu Besuch waren, wo Verena zusammen mit den Vereinten Nationen einige Häuser für die Flüchtlinge gebaut hatte, die seit Ausbruch des Kriegs vor 15 Jahren hier unter Wellblechen leben, hatte ich wieder allen Grund zum Schmunzeln. Paradox, wenn man umringt ist von Armut, wie man sie sich nicht vorstellen kann. Die Wellbleche sind rostig, löchrig und formen einen Unterschlupf, in den man sich höchstens zum Schlafen legen kann. Sollte man meinen. Aber darin wird gekocht, gegessen, gestillt, gelebt. Aber das wird bald ein Ende haben. Der Besitzer des Grundstücks, der die Flüchtlinge bis dato duldete, hat angekündigt, selbst auf seinem Grund bauen zu wollen. Die Flüchtlinge, Frauen, Greise, Kinder, müssen weg. Wohin? Egal.

 

Mein Grund zum Schmunzeln hat wieder einmal mit Kindern zu tun. Wir waren natürlich umringt von einer ganzen Schar. Wie üblich. Eines der kleineren Kinder schrie „Muzungu“ zu mir herauf. Plötzlich schubste ihn ein anderer Junge zur Seite und sagte: „Der heißt Philippo, der spielt doch da unten immer Basketball!“ Ich musste lachen, wohl staunend, dass sich der Kleine an mich erinnern konnte. Wo doch alle Weißen gleich aussehen.

 

Was das Problem der hier lebenden Flüchtlinge anbelangt, ist Verena am Überlegen, was wir tun können. Die Umstände so zu belassen, ist grob fahrlässig. 15 Jahre Wellblechhütte, dem Regen und der Hitze ausgesetzt. Manche der Unterschlupfe hatten auch schon Feuer gefangen. Sie sind rußschwarz. Kinder springen darum herum.

 

Es sind Hutus. Leidend unter den Folgen des unsinnigen Kriegs. Weiter unten in der Stadt, wenige Kilometer entfernt: ein Flüchtlingslager von Tutsis. Dasselbe Schicksal, die selben Missstände, dasselbe Elend. Südlich von Bujumbura gibt es Land. Zu genüge. Man könnte es eventuell von der Regierung zur Verfügung gestellt bekommen. Kostenlos. Es wäre ein sehr fördernswertes Projekt, für diese Menschen Land zu beantragen. Wo sie gemeinsam ansiedeln könnten. Hutus und Tutsis – belegt mit demselben Schicksal, gleichermaßen am Boden des Vorstellbaren. Und nur gemeinsam haben sie die Chance, ihr Leben wieder in die Hand zu nehmen. Sich Burunder zu nennen und nicht mehr abzugrenzen. Wir würden ihnen gerne helfen, Häuser zu bauen. Einfache Häuser. Mit einfachen Ziegelsteinen und Wellblechen. 600.000 Franc würde solch ein Projekt pro Haus kosten. 333 Euro. Für den Start in eine neue Existenz, in ein menschenwürdiges Leben – für eine ganze Familie. Es wäre ein etwas größeres Projekt. Wir wollen es versuchen.

 

Gestern Abend habe ich bei den Kindern im Heim gegessen. Maisbrei mit Bohnen. Für mich hatte man extra einen Teller Bohnen mit Soße außen vorgelassen, weil ich die kleinen Fischchen „indagara“ nicht essen kann. Dafür aber reichlich scharfes Pili Pili, das Lena den Kids gekauft hatte, als sie hier war, und das sie nun mit Genuss verschlingen. Plötzlich Schüsse. Es hörte sich an, als würde die Kalaschnikow direkt mitten auf dem Heimgelände abgefeuert. Die Kleinen werfen sich auf den Boden. Die etwas älteren schauen zuerst verdutzt, dann lächeln sie mich an. Als sei es nichts Besonderes mehr. „Schon wieder.“ Danach eine zweite Salve. Die Jungen machen das Licht im Aufenthaltsraum aus. Nach wenigen Minuten und kurzen Diskussionen essen alle weiter. Als sei nichts gewesen. War ja auch nichts. Normale Kriminalität. Hätte in Berlin auch passieren können. Ich bin froh, dass mir Rose, die letzt noch wegen Blutarmut im Krankenhaus gelegen hatte, gegenüber sitzt, es ihr gut geht und sie lächelt.

Freitag, 28. März

März 28, 2008

28. März. Freitag in Bujumbura. Wir warten auf die endgültige Freigabe des Containers, in dem sich die Ausstattung für das Labor des Ausbildungszentrums in Kajaga (Ecole Polyvalente Carolus Magnus) befindet. Er steht im Hafen, wir benötigen nur noch eine Unterschrift des Ministers. Dann wird er direkt auf das Schulgelände gefahren und entsprechend gelagert. Wir rechnen am Montag damit. Eine gute Übung, denn Ende April wird ja schon der nächste Container eintreffen – der aus Karlsruhe.

 

Martinas Besuch war gut – doch ging er wieder viel zu schnell vorbei. In den wenigen Tagen war das Programm voll. Wir fuhren nach Gitega, wo wir allesamt sehr positiv überrascht waren, wie schnell der Bau des neuen Ausbildungszentrums für Handwerk doch voran geht. Seit zehn Tagen herrscht reger Betrieb auf der Baustelle dort, die Grundrisse der Schule sind schon zu sehen. Frauen und Männer schleppen Steine auf Kopf, Schultern und Händen vom Lagerplatz zur jeweiligen Baustelle, zwei Männer mischen mit Schaufeln den Zement, eine Kolonne von Frauen bringt große Wasserkanister auf dem Kopf herbei, Maurer bringen die Steinbrocken in die richtige Position und festigen sie mit Zement. Martina und Verena besprechen mit dem verantwortlichen Bauleiter die weitere Vorgehensweise und eventuelle Verbesserungsvorschläge, sowie weitere Ideen für die Zukunft des Projekts: Twubakire kazoza keza – Wir bauen (für) eine bessere Zukunft!

 

Auch der Bau in Kajaga (EPCM) des zweiten Gebäudes geht stetig voran. Das Obergeschoss nimmt ebenfalls schon erste Formen an, im Erdgeschoss wird derzeit der Innenausbau vorgenommen, Tür- und Fensterrahmen sind gesetzt.

 

Freitags vor Ostern war noch die Zeugnisausgabe in der Schule. Verena verteilte Schulhefte und Kugelschreiber für die jeweils drei Klassenbesten. Besonders erfreulich für uns war, dass die Mädchen in vielen Klassen mit zu den Besten gehören, in einer Oberstufenklasse waren sogar alle drei Erstplatzierten weiblich. Insgesamt ist bei den Schulergebnissen ein Fortschritt und eine deutliche Verbesserung festzustellen. Zurückzuführen ist das wohl nicht zuletzt auf die Nachhilfe und zusätzlichen Lerngruppen, die wir für nachmittags eingerichtet haben. Die Schüler (und Lehrer) bekommen Verpflegung und setzen sich nach Schulende nochmals zusammen, um für Tests zu lernen, Fragen zu klären und ordentlich zu lernen. Das trägt nun Früchte. Wie der schuleigene Garten. Dort baumeln Orangen, Papaya und Chilischoten.

 

Im Mütterheim in Kamenge wurde für Martina getanzt. „Mama aus Deutschland“. Die Mädchen sahen zufrieden aus, auch wenn die spendierte Cola ein wenig zu warm war. Die Kleinen waren auch ziemlich aufgeweckt, rannten herum und lachten viel. Dieses Mal kein einziges weinendes Kind. Extra für den Besuch aus „Allemagne“.

 

Wir besuchten außerdem noch drei weitere Projekte. Eine Ausbildungsstätte zum Automechaniker im Viertel Buyenzi, ein kleines Restaurant im Viertel Bwiza und einen Frisörsalon in Kanyosha. Alle drei zählen zu den armen Vierteln. Der Salon und das kleine Restaurant werden betrieben von Jungen, die in unserem Straßenkinderheim lebten und nun eine kleine selbständige Existenz aufgebaut haben, bzw. noch dabei sind. Beides scheint gut zu laufen, wie sie uns berichten. Sie können verdienen. Und leben. Dann ärgert es einen umso mehr, wenn man Probleme mit dem „Chef de Quartier“, so etwas wie der örtliche Viertelverwalter, bekommt. Geld wolle der eine haben, sonst werde er das kleine Restaurant schließen. Wir überlegen uns, ob wir uns an den Gouverneur wenden, um dem Abhilfe zu schaffen.

 

In dem kleinen Restaurant „Amani“ (Kisuaheli, „Friede“) haben wir auch eine Kostprobe vom täglichen Angebot bekommen. Reis, Kohl, Lengalenga, Kartoffeln und Kochbanane. Außerordentlich lecker. Und als wir fertig waren, lud Martina einige Kinder ein, die auf der Straße sich vor den kleinen Eingang drängten. Eins nach dem anderen schlüpfte durch den orangenen Vorhang, der den Raum abtrennt und setzte sich gespannt und vorfreudig auf eine der niedrigen Holzbänke. Festschmaus nach Ostern.

 

An Ostersonntag selbst besuchten wir die Straßenkinder im „Centre Birashoboka“. Sie hatten sich tierisch gefreut und sogar ein kleines Programm vorbereitet, trugen Gedichte vor, spielten Gitarre und sangen. Tafeln hatten sie aufgestellt mit schönen Zeichnungen und dem Schriftzug „Our Mothers“ – für Verena und Martina. Dann gab es Reis, Sombé (Gemüse aus Maniokblättern) und Rindfleisch. Die Bäuche voll, die Gesichter glücklich.

 

Die Kids im „Centre Uranderera“, dem Waisenhaus, liegen derzeit ein wenig faul herum, genießen die Ferien. Manche aber müssen schon wieder in die Schule, andere lernen und bereiten sich darauf vor. Nach den Prüfungen vor Ostern war eine gewisse allgemeine Erleichterung bei ihnen zu spüren. Jetzt geht es aber nochmals ran – bis zu den großen Ferien im Juli.

Kurz vor Ostern

März 22, 2008

22. März. Wieder ist einiges passiert, beinahe schon zu viel, um immer alles festhalten zu können. In dieser Woche habe ich sehr viel über die Verhältnisse hier nachgedacht, was das Einkommen, die Lebensbedingungen und das zur Verfügung stehende Geld anbelangt. Ausschlaggebend waren gleich mehrere Ereignisse.

 

Martin, ein mir befreundeter Tor- und Nachtwächter auf der Route zwischen „Chez André“ und dem Kinderheim „Uranderera“ verdient 45.000 FBu im Monat. Das sind nach dem derzeitigen Kurs 25 Euro. Eine Telefonkarte fürs Handy, die wir für unsere Arbeit ständig benötigen kostet schon alleine 10.000 FBu. Der Liter Benzin 1.600 FBu.

 

Letzt habe ich abends die Jungs vom Heim zum Kohle holen begleitet, für das Abendessen. Mit Schubkarren hat sich die kleine Kolonne in Bewegung gesetzt zu einem kleinen Holzstand in der Nähe des Heims. Über Schotter und Steine. Dort angekommen heißt es: „Der Sack kostet 16.000 FBu.“ Leider waren nur 12.000 FBu einkalkuliert und in der Hosentasche Thierrys, die er vom Heimleiter Alberic bekommen hatte. Das ist auch normalerweise der Preis. Der Händler ließ sich jedoch nicht herunter handeln, also zogen wir alle wieder unverrichteter Dinge ab zurück ins Heim. Für das Abendessen war jedoch noch genügend Kohle vorrätig. Drei Säcke Kohle benötigen die Kids im Heim pro Woche. Das ergibt Kosten von 36.000 FBu pro Woche – für Kohle. Drei Mahlzeiten am Tag. Für 70 Kinder. 20 Euro.

 

Gestern Abend traf ich mich mit einigen Freunden im Bistro unweit des „Chez André“. Von Weitem kam Alexis auf mich zugeschlappt und rief mir zu: „Guten Abend, Philippo!“ Ich dachte, ich höre nicht recht. Aber es war tatsächlich Alexis. Ein Burunder. Er lachte, wohl aufgrund meines erstaunten Gesichts, und erklärte mir, dass er sich für einen Deutschkurs eingeschrieben hätte. Er wolle unbedingt die deutsche Sprache lernen. Genau wie Kiki (Christian), der schon Englisch studiert hatte. Es fasziniert mich immer wieder, wie schnell sie die Betonung der Wörter blitzschnell auf dem Kasten haben. Ein, zwei Mal vorgesagt und es sitzt. Unglaublich. Im gleichen Atemzug versuche ich mich natürlich immer im Kirundi – was auf der anderen Seite für dieselbe Verwunderung sorgt. Immer wieder ernte ich Kopfschütteln. „Das kann doch nicht wahr sein?!“ Interkultureller Austausch würde man das wohl nennen. Uns macht es einfach nur Spaß. Von ganz alleine.

 

Heute um 13 Uhr kommt burundikids-Vorstand Martina in Burundi an. Wir werden viel besprechen müssen und am Dienstag voraussichtlich nach Gitega in die Landesmitte fahren. Dort wurde ja unterdessen mit dem Bau der neuen Berufsschule für Bauhandwerk begonnen. Martina hatte die Baupläne gezeichnet und will sich nun einen ersten Überblick verschaffen, dass alles seine Ordnung hat und von Anfang an richtig gebaut wird. Morgen steht aber erst einmal ein Osterfest an. Bei den Straßenjungs im Heim „Birashoboka“. Freiwillige Ruth hat am Donnerstag noch 130 Eier gefärbt, bevor sie am Freitag nach Muyinga (im Osten Burundis) aufgebrochen ist, um Kerstin zu besuchen.

 

Am Donnerstag sind auch Lena, Julia, Ruths Vater Leo und Monique, die französische Krankenschwester, abgereist. Auf einen Schlag ist es wieder „leer“. Allesamt haben sie in den vergangenen Wochen sehr viel geleistet und super mit angepackt. Regale gebaut, das Heim verschönert, Kranke versorgt und sich mit um die Kids gekümmert. Nun sind sie schon zurück in der anderen Welt – Deutschland (bzw. Frankreich). Wie sie sich fühlen müssen, kenne ich ganz genau. Aber auch weiß ich, dass wir alle nicht zum letzten Mal gesehen haben. Burundi lässt nämlich nicht mehr los.

 

Gestern Mittag habe ich noch Rose, ein 16-jähriges Mädchen aus dem Waisenheim, aus dem Krankenhaus ausgelöst. Sie war wegen Schwindel und auch Ohnmacht in die Klinik gebracht worden. Blutmangel. Fünf Transfusionen à 500ml mussten sie ihr geben. Höchste Zeit war es. Jedoch weiß immer noch keiner genau, woher ihre Krankheit kommt. Trotz unzähliger Untersuchungen. Ein Arzt nannte uns eine Untersuchung, die jedoch in Burundi kein Mensch durchführen kann. Diese ist aber notwendig, um wohl herauszufinden, was Rose fehlt. Ansonsten muss sie – wie bisher – aus denselben Gründen alle drei Monate ins Krankenhaus für Bluttransfusionen. Mit allen Krankenhauskosten, versteht sich. Wir wollen versuchen, nach einigen Wochen eine Blutprobe von ihr nach Deutschland zu schaffen, um dort die notwendige Untersuchung machen zu lassen. Dass wir endlich die entsprechende Kur mit ihr machen können und sie nicht ständig diese Qualen durchmachen muss. Als ich sie gestern abholte, waren ihre Freundinnen aus dem Heim bei ihr. Auch Heimleiterin Pelline. Rose strahlte, endlich wieder „nach Hause“ zu dürfen. Es geht ihr gut. Zumindest für die nächste Zeit.

Ein denkbares Projekt…

März 19, 2008

Nach zwei Wochen…

März 17, 2008

Sonntag, 16. März 2008. Seit zwei Wochen bin ich nun hier. Die Zeit vergeht wie im Flug und irgendwie ist es, als wäre ich nie weggewesen. In der Tat, eigentlich war es auch nicht lange. Wenn ich aber zurück blicke, was sich in dieser Zeit in Deutschland und auch hier alles getan hat, doch wiederum eine ganze Weile. Froh bin ich nur, dass ich von dem Kirundi, das ich im vergangenen Jahr gelernt hatte, nichts vergessen habe, sondern nahtlos anknüpfen kann.

 

Mit Kirundi habe ich am vergangenen Freitag auch wieder eine witzige Geschichte erlebt. Ein Kumpel, Aubin, rief mich abends an und fragte, ob ich mit ihm ein Bier trinken ginge – im „Cocody“, direkt gegenüber des „Chez André“. Als ich dort ankam, war Aubin gerade auf dem Weg zur Toilette, ich solle doch schon mal rein gehen und was bestellen. Also ging ich in das kleine Bistro, stellte mich an die Theke und bestellte Primus, kalt. Auf Kirundi. Der Mann neben mir war gerade dabei, einen großen Schluck aus seinem Glas zu nehmen und verschluckte sich prompt. Er setzte sein Glas ab und drehte seinen Kopf zu mir, die Backen aufgeblasen vom vor Bier vollen Mund, die Augen weit aufgerissen. Er blinzelte ein paar Mal, als wolle er nicht wahrhaben, dass ein Weißer neben ihm steht. Noch schaute er ungläubig. Dann wendete er sich wieder seinem Glas zu. Ich konnte richtig sehen, wie sein Kopf rauchte und er sich fragte, ob er sich nicht eben verhört hatte.

 

Er nippt am Glas. Und ich frage den Barmann, ob es erlaubt sei, hier zu rauchen. Auf Kirundi. Und mein Nachbar verschluckt sich wieder, dreht dieses Mal schnell den Kopf zur Seite und sagte, dass das doch nicht wahr sei. Seine Blicke wechselten zwischen mir und seinen Kumpels auf der anderen Seite und er fing an zu lachen. Irgendwie wusste er nicht wirklich etwas zu sagen, freute sich aber sichtlich. Dann kam Aubin zurück und wir setzten uns auf die kleine, enge Terrasse. Wo die nächste Überraschung auf mich wartete.

 

Am Tisch neben uns aß eine Familie zu Abend. Der ältere Herr, der sich später als Severin vorstellte, erzählte mir in fließendem Deutsch, dass er lange Zeit in Mannheim gearbeitet habe. Heute Morgen trafen wir uns nochmals zum gemütlichen Laufen.

 

Am Freitag war ich auf dem Zentralmarkt um einige Dinge zu besorgen. Als ich mit vollen Tüten durch die engen Gassen schlappte, traf ich Gilbert. Er lächelte, „Philippo!“, schnappte meine Tüten und fragte, wie es mir geht. Gilbert fährt Taxi. Früher lebte er in unserem Straßenkinderheim „Centre Birashoboka“. Heute hat er seine eigenes Existenz, es ginge ihm gut, sagt er. „Weil mir Madame geholfen hat!“ Gilbert ist eines der Beispiele, dass Unterstützung sehr erfolgreich sein kann. Sein heutiges zufriedenes Gesicht ist Motivation für uns. „Ich fahre Taxi und verdiene mein eigenes Geld“, grinst er stolz. Als er mich aussteigen lässt, merke ich, wie es ihm schwer fällt, Geld zu verlangen. Ich gebe ihm letztendlich noch ein wenig mehr als den Preis, den ich aus ihm heraus bekommen konnte. Dann kam es wohl ungefähr hin mit dem regulären Fahrtpreis.

 

Am Abend besuchte ich die Kids im „Centre Uranderera“, dem Waisenhaus. Epiphanie, von der ich schon einige Male erzählte, hat wieder mehr Probleme, denkt sehr viel nach und ist sehr traurig. An diesem Abend aber hatte sie regelrecht einen Anfall, lag auf dem Boden und weinte bitterlich. Zwischendurch schrie sie. Und immer wieder „Imana“. Gott. Was wirklich in ihr vorgeht, weiß keiner. Sie sagt es nicht. Nicht vollständig. Auch nicht ihren Freundinnen. Noch nicht.

 

Am Samstag musste ich nochmals auf den Markt. Auf dem Weg dorthin traf ich Everiste. Everiste ist schätzungsweise 17, 18 oder 19 Jahre alt und geht an Krücken. Er hat nur noch ein Bein. Ich hatte ihn erst kennen gelernt, als ich im Dezember in Burundi war. Vergangenes Jahr war er noch nicht im Heim und ist es auch jetzt schon nicht mehr. Er lebt nun in Gitega, seinem Heimatort, wo die Fondation Stamm ihn weiter unterstützt. Er wird sein eigenes kleines Einkommen verdienen können. In absehbarer Zeit.

 

Everiste begleitete mich die ganze Zeit über den Markt und half sogar noch beim Tragen. Immer wieder dreht er sich nach mir um, um zu sehen, ob ich noch „ok“ sei und nachkomme. Draußen nehmen wir uns ein Taxi. Der Fahrer sollte später noch mit mir schimpfen. Denn ich bat ihn, ein Stück weiter nochmals zu halten, um noch etwas einzukaufen. Als ich dann schließlich noch mit ihm über seinen Preis diskutierte und nur das bezahlte, was Burunder auch gegeben hätten, sagte er, ich sei teuer. Dennoch lachte er, zeigte den Daumen hoch und rauschte davon.

 

Heute Abend, als ich vom Motorradtaxi abstieg, drückte ich dem Fahrer einen zu großen Schein (2.000 FBu) in die Hand, weil ich es nicht kleiner hatte. Eine Fahrt kostet normalerweise 500 burundische Franc. Als Rückgeld reichte er mir einen 1.000 FBu-Schein, grinste und schaute mich etwas spitzbübisch an. Ich musste laut anfangen zu lachen. Und er stieg mit ein. Letztendlich zückte er auch noch das restliche Rückgeld aus seiner Tasche und bedankte sich. Ich musste eine Träne weg wischen, immer noch lachen und klopfte ihm auf die Schulter. „Hab einen schönen Abend und danke dir“, dann düst er davon. Immer noch lachend.

 

Meinen niederländischen Bekannten traf ich auch wieder. Jeroen vom niederländischen Konsulat in Bujumbura hatte am Wochenende Geburtstag und mich vergangene Woche eingeladen. Julia und Lena gingen auch mit, zusammen mit Doriane, eine burundische Freundin aus der Clique.

BW hilft Burundi

März 15, 2008

Es tut sich immer mehr in Baden-Württemberg zugunsten der Partnerschaft mit Burundi. Vor allem die “Basis” kommt in Bewegung - das Wichtigste einer solchen Unterstützung (zum Artikel!). Gemeinsam lässt sich eben mehr erreichen, wie auch dieses Beispiel wieder beweist.

Artikeltipp

März 14, 2008

Gitega und Cédric

März 12, 2008

12. März 2008. Gestern, Dienstag, brachen Verena, Athanase (Direktor der Fondation Stamm) und ich zusammen mit Fahrer Melchiade nach Gitega auf, um das neue Projekt zu besuchen und zu starten. Wir werden eine Berufsschule bauen mit den unterschiedlichen Ausbildungen in Elektro, Sanitär, Schreiner, Schweißer, Maurer, Schneider und EDV/Computer. Gestern galt es, einen von drei Bewerbern für die Bauleitung und Durchführung auszuwählen. Im Gremium musste jeder der Bewerber den Bauplan erklären, den Martina (Wziontek) in Köln vorbereitet hatte, und Vorschläge machen, was man eventuell besser machen könnte. Bereits heute werden die Arbeiter zusammen getrommelt und mit den ersten Handgriffen begonnen. Die Baustelle für das Ausbildungszentrum Gitega (AZG), das durch die Kinderhilfestiftung Fikentscher mit Sitz in München möglich wird, ist eröffnet. In sechs Monaten soll der Bau fertig sein, sodass mit den dreijährigen Ausbildungen pünktlich zum landesüblichen Rhythmus im September begonnen werden kann. Aufgrund der vielen umliegenden Schulen ist das AZG genau die richtige, sinnvolle Ergänzung des dortigen Bildungsangebots. Denn viele der Schüler gehen nach der Primarstufe (nach dem nationalen Test der sechsten Klasse, vergleichbar mit dem Hauptschulabschluss) von der Schule ab und wollen einen Beruf erlernen. Und genau hier kommen wir ins Spiel. Das Bestehen dieses nationalen Tests ist jedoch auch gleich Voraussetzung für die Aufnahme am AZG.

 

Die ersten Ausbildungen sollen jedoch schon zeitgleich mit dem Bau des Zentrums beginnen. Die Schüler werden von gelernten Handwerkern angewiesen und bauen sich ihre Schule quasi selbst.

 

Im späteren normalen Schulbetrieb werden wir auch einen gewissen Prozentsatz pro Ausbildung an Jugendliche mit Behinderung aufnehmen. Denn sie zählen nach wie vor zu den Vernachlässigten der Gesellschaft.

 

Die Fahrt durchs Landesinnere nach Gitega war wieder voller Eindrücke. Ich kann nicht aufhören, von der Landschaft Burundis zu schwärmen. Besonders wenn die Sonne auf die riesigen, grünen Hügel scheint. Doch im Vordergrund des schönen Panoramas spielen sich eben andere Szenen ab. Ein kleines Mädchen, vielleicht fünf Jahre, schleppt ein Bündel Brennholz auf dem Kopf die Straße entlang. Sein zerrissenes Kleid und seine Haut haben dieselbe Farbe wie die braunrote Erde, auf der es barfüßig der Mutter hinterher rennt. Als es ich mich sieht, lächelt das Mädchen. Und winkt.

 

Eine alte Bäuerin in leuchtendem, traditionellem Gewand taucht aus dem Gestrüpp von Kaffeepflanzen hervor. Über die linke Schulter hatte sie eine Gartenhacke gelegt, in der rechten Hand trägt sie ein Stoffbündel. Ihre Haut ist runzlig und trocken und die alte Frau quält sich nur mühsam bergauf.

 

Weiter weg steht eine gut beleibte, jüngere Bäuerin breitspurig auf dem sandigen Weg, der von der geteerten Hauptstraße abgeht. Sie schaut grimmig. In der linken Hand hält sie locker eine Machete, die sie vor sich hin und her baumeln lässt. Ein Bild, das Verena und mir Schauer verursacht.

 

In Gitega habe ich auch Thérence besucht, der zwar im Waisenhaus in Bujumbura lebte, nach einiger Zeit aber zu seinem Geburtsort zurückkehren wollte. Er wohnt nun in unseren Kinderheim in Gitega Stadt. Es geht ihm gut, wie er mir versichert. Er sei gesund und die Prüfungen in der Schule seien soweit auch „ok“. Strahlend sieht er mich an, als ich ihm ein kleines Päckchen reiche, das ihm seine Briefpartnerin aus Deutschland hat mitbringen lassen. Er schnappte es und verschwand gleich in sein Zimmer. Um kurz darauf wieder zu kommen und sich zu bedanken.

 

Auf dem Rückweg nach Bujumbura hielten wir noch kurz an, um Obst und Gemüse zu kaufen. Ich wollte den Kids etwas für den Abend mitbringen – zur Abwechslung von Maisbrei und Bohnen. Hier im Landesinnern sind die Sachen wesentlich günstiger zu kaufen. So hatten wir am Ende fast das gesamte Auto beladen – innen und auf dem Dach – mit Ananas, Avocados, Physalis, massenweise Süßkartoffeln und Kochbananen. Für zusammen gerechnet vielleicht gerade mal zehn Euro.

 

Ein kleiner Vergleich in Sachen Geld.

 

Seit Kurzem lebt im Waisenhaus „Centre Uranderera“ der kleine Cédric. Er ist etwa sechs oder sieben Jahre alt und hat eine geistige Behinderung. Er kann Körperausscheidungen nicht zurückhalten, sein Mund steht permanent offen. Wenn ich ihm über die Wange streichle und ihn begrüße, lächelt er zwar lieb, aber dennoch irgendwie gequält. Ein mir in Deutschland bekannter Burunder hatte uns gebeten, ihn aufzunehmen, nachdem er aus Burundi die Nachricht von Cédric bekam. Seine Vorgeschichte ist uns (noch) nicht bekannt.

 

Unsere Einrichtungen und unser Personal sind nicht auf die Arbeit mit behinderten Kindern und Jugendlichen geschult. Es gibt jedoch ein Behindertenheim, geleitet von einer Inderin in Bujumbura. Unsere Heimmitarbeiterin Nathalie begleitet nun täglich den kleinen Cédric dorthin, dass er Bewegungsübungen machen kann und seine Muskeln und Motorik geschult werden. Dass er zumindest eine verbesserte Lebenssituation hat. Irgendwann.

 

Die Kosten für Cédrics tägliche Behandlung: 2.000 FBu. Im Monat. Das ist etwas mehr als ein Euro. Nathalie bekommt dadurch natürlich auch ein wenig mehr Gehalt, da sie die Aufgabe zusätzlich zur bisherigen Arbeit übernimmt. Aber auch das ist kein Betrag für den üblichen deutschen Geldbeutel.

 

In den vergangenen Tagen war eine Frau hier mit einem fünfjährigen Mädchen. Ebenfalls mit Behinderung. Sie kann nicht alleine sitzen und hält den Kopf schief. Die Frau ist die Tante, die Eltern der kleinen leben nicht mehr. Sie hat sich um das Mädchen bislang gekümmert, doch kommt sie zu nichts anderem mehr. Sie kann die notwendige Pflege für das behinderte Mädchen nicht mehr leisten und möchte sie in unser Heim geben. Doch gleiches Problem wie bei Cédric: Wir haben kein dafür geeignetes Personal. Sollten wir das behinderte Mädchen aufnehmen, müssten wir noch jemanden einstellen, der sich speziell um sie kümmert. Aber Geld übrig haben wir dafür im Moment nicht.

 

Das monatliche Gehalt liegt im Übrigen bei 50.000 FBu (30 Euro)…

Artikeltipp

März 12, 2008

6. März 2008. Mittlerweile bin ich auch gedanklich in Burundi angekommen. Arbeit gibt es viel, dennoch muss ich mich erst richtig einfinden. Es ist schließlich eine andere Aufgabe, eine andere, größere Verantwortung, der ich nun gerecht werden muss als bei der ersten Entsendung als Freiwilliger. Zwei Jahre liegen vor mir. Richtig realisiert habe ich das allerdings noch nicht. Doch Stück für Stück lebe ich mich ein wenig mehr ein, verschaffe mir einen Überblick und spreche sehr viel mit Verena.

 

Es ist ein sehr schönes Gefühl, von allen herzlich willkommen geheißen zu werden. Auch von den Kollegen, den einheimischen Mitarbeitern der Fondation. Ich fühle mich gut an- und aufgenommen – wie auch nicht anders erwartet. In den kommenden Tagen werden wir einen kleinen Arbeitsplatz für mich einrichten. Für den Computer und ein paar Unterlagen. Dann kann es richtig losgehen.

 

Frau Milla Kühn von der Deutschen Botschaft in Burundi habe ich auch gleich in der ersten Woche besucht. Erstens wollte ich sie einfach nur mal wieder persönlich grüßen, worüber sie sich sehr freute. Zweitens ließ ich mich in die „Liste der Deutschen“ eintragen, die sich in Burundi aufhalten. Anscheinend sind es knapp Hundert Personen auf der Liste. Für die es allerdings keine Meldepflicht gibt. Es war sehr nett, mit Frau Kühn zu plaudern. Ich traf auch gleich einen Typ, halb deutsch, halb Burunder, den ich vom Basketball spielen kannte. Auch er erinnerte sich und redete drauf los.

 

Die neu renovierte Deutsche Botschaft macht auch einiges her und kann sich sehen lassen. Nur der Botschafter, Thomas Mangartz, ist derzeit nicht persönlich anzutreffen. Er ist noch im Urlaub. Aber auch ihn habe ich vor zu treffen, nach seiner Rückkehr kommende Woche. Insbesondere wollte ich mit ihm über die Partnerschaft mit Baden-Württemberg sprechen, die nun ordentlich ins Rollen gekommen ist. Das muss einfach klappen.

 

Um bei den Deutschen zu bleiben: Meinen Freund Marco von den UN habe ich auch schon besucht. Nicht etwa nur, weil er mir freundlicherweise schon etwas Gepäck im Voraus mit nach Burundi schleppte, nach seinem Heimaturlaub in Deutschland. Zusammen mit seinen Mitbewohnern, Fred und Maurizio, haben wir zu Abend gegessen und uns ausgetauscht. Maurizio ist am Tag darauf ebenfalls in Heimaturlaub gegangen.

 

Und noch mehr Deutsche. Sabine Höroldt, die damalige Fotografiestudentin und heute Fotografin ist derzeit ebenfalls wieder in Burundi (mehr Hintergrundinfos auf www.burundikids.org). Auf Besuch bei den Kids – und sie packt auch gleich wieder tatkräftig mit an. Mit dabei ist auch ihr Freund Benni, ebenfalls Fotograf. Für die Kinder wohl eine Hochzeit, alle „Ehemaligen und Bekannten“ auf ein Mal um sich zu haben. Am Donnerstag ist nämlich auch Marie angereist – das heißt, die „alte Riege“ ist wieder komplett an ihrem Ursprungsort. Bedauerlich ist nur, dass Nadine – ebenfalls vergangenen Donnerstag – abreisen musste. Der Abschied fiel nicht nur ihr schwer. Sie hatte hier wahnsinnige Arbeit geleistet und einiges mit aufgebaut. Deshalb sind sich auch alle sicher, dass sie nicht zum letzten Mal hier gewesen ist. Und diejenigen, die noch zweifeln, denen sage ich das Gegenteil. Es geht gar nicht anders. Zumal ich nur zu gut weiß, wie sich Nadine fühlen muss.

 

Eigentlich wollte ich schon längst die Jungs besuchen, die vor einiger Zeit aus dem Heim der Straßenjungen in ein eigenes kleines Häuschen im Viertel Jabe gezogen sind. Darunter auch mein Freund Pascal Habonimana, der klasse Jungjournalist, und meine Basketballkollegen. Doch irgendwie komme ich zu nichts. Viel ist noch zu besprechen, viel zu schreiben, zu organisieren. Aber das wird sich alles einpendeln. Dann werde ich auch Zeit finden, alle zu besuchen, die ich noch nicht gesehen habe. Wie auch die Frauen in Kamenge und die Jungen im „Centre Birashoboka“ in Kanyosha.

 

In der Schule in Kajaga bin ich bereits gewesen. Nur kurz, aber immerhin konnte ich mir einen ersten Eindruck vom Fortgang des Baus machen. Reges Treiben herrscht auf der Baustelle. Ein riesiges Gewusel. Ich bin überzeugt, dass das geplante Labor und die medizinische Station richtig gut werden. Es sieht zumindest alles danach aus – auf der Baustelle als auch das organisatorische Herzblut, das von allen Seiten hinein gesteckt wird. Der Container mit den medizinischen Geräten und der Ausstattung für das Labor ist anscheinend schon auf dem Landweg vom tansanischen Dar es Salaam nach Bujumbura unterwegs, wie mir die zuständige Transportagentur in Bujumbura mitteilte.

 

9. März. An den Abenden bin ich eigentlich regelmäßig bei den Kindern im Heim. Manchmal auch nur kurz nach der Arbeit, oft aber länger – so wie heute Abend. Schon Hundert Meter vor dem Heim kam der zwölfjährige Vénuste auf mich zugerannt, um mich mit einer Umarmung zu begrüßen und anschließend mit zurück durchs rote Tor zu begleiten. Der Tag kann noch so anstrengend gewesen sein, die Arbeit noch so viel – in einem Moment wie diesem ist alles wie verflogen und man kann nur noch strahlen. Was diese Kinder für eine Ausstrahlung und Auswirkung auf das eigene Gemüt haben, lässt sich wahrlich nicht in Worte fassen. Es ist einfach nur schön.

 

Nur kurz hatte ich zum Verschnaufen, dann wollten Gladys, Vénuste, Longin und noch einige andere unbedingt ein paar Brocken Deutsch lernen. Also setzte ich mich mit ihnen auf die kleine Terrasse, links vom Tor innerhalb des Heimgeländes. Ich staune nicht schlecht über das schnelle Begreifen und die korrekte Aussprache der Kids. Aber Vénuste, den alle nur noch Maasai nennen, seit ich ihm im vergangenen Jahr diesen Spitznamen verpasst habe, setzte am Abend noch einen drauf.

 

Ich hatte mit den Mädchen zu Abend gegessen – Maisbrei mit Bohnen, zusammen mit Florette, die nur noch stolz wie Oskar durch die Gegend läuft, seit sie zum Fußballteam der Mädchen des Heims gehört. Als ich wieder aus dem Haus trat, rief mich Vénuste zu sich und führte mich in den Salon des Hauses der Freiwilligen. Dort ist derzeit ein Lernzimmer eingerichtet, dass die Kids und vor allem die Jugendlichen in Ruhe für ihre Klausuren lernen können. An der Tafel war nun mit weißer Kreide fein säuberlich das gesamte Vokabular aufgeschrieben, das ich am Nachmittag Maasai gezeigt hatte. Kirundi – Französisch – Deutsch. Um mir zu beweisen, dass es nicht etwa jemand anderes geschrieben hatte, las er mir alles der Reihe nach vor. Lediglich beim „sprichst“ im Satz „Sprichst du Deutsch?“ hatte er leichte Probleme. Und seine Augen glänzten.

 

Auf den Zentralmarkt hatte ich mich auch schon gewagt, jedoch nur kurz. Kaum hatte ich einen Fuß auf den Vorplatz gesetzt, hörte ich schon meinen Namen. „Erinnerst du dich an mich?“ streckte mir ein Händler die Hand entgegen. Und ja, ich erkannte ihn. Ich hatte im vergangenen Sommer meine Basketballschuhe bei ihm gekauft. Wir hatten uns damals sehr nett unterhalten. Etwas neben uns war ein Polizist gerade damit beschäftigt, einen Sack mit irgendwas zu inspizieren. Er leerte einfach alles auf den Boden, umringt von einer Menschentraube.

 

Wen ich auch schon besuchen konnte, waren die Mädchen im neuen Straßenkinderheim „Tuhinduke“ (in etwa „Wir nehmen unser Leben in die Hand/Wir ändern uns“) in der Stadtmitte, unweit des Zentralmarkts. Auch dort kannten mich die Kleinen noch und Krankenschwester Agnes sowieso. Sie arbeitet normalerweise bei den Frauen in Kamenge, hatte sich jedoch vor einiger Zeit den Fuß gebrochen und hinkt noch ein wenig. Um einen kürzeren Arbeitsweg zu haben, hilft sich übergangsweise bei den Straßenmädchen aus.

 

Das einheimische Primus ist mir natürlich auch nicht entgangen. Ich musste natürlich schon in die Kiriri-Bar, die Stammkneipe seit eh und je. Und die ganze Clique war dabei. Das Geschrei war groß.

 

Verena war noch auf Projektbesuch im Landesinnern, als ich ankam. Nachsehen, was die Landwirtschaftsprojekte in Ngozi und Muyinga, im Norden und Nordosten des Landes machen. In Ngozi konnte sie schon richtig ernten, „riesige Salatköpfe“ schwärmte sie. Da ließ es sich die Chefin nicht einmal nehmen, selbst bei strömendem Regen auf der Feld herum zu wandern. In Muyinga haben wir noch ein kleines Problem mit den Termiten, die die Pflanzen anfressen. Hier müssen wir uns etwas einfallen lassen. An Land mangelt es derweil nicht. Sollten die Projekte weiter gut laufen, bekommen wir von der örtlichen Administration noch weiteres Land je nach Bedarf kostenlos zur Verfügung gestellt. Ende März, Anfang April werden wir die ersten Absolventen unserer dortigen Ausbildungen in Landwirtschaft und Viehzucht in die Selbständigkeit entlassen.

 

Die Übergabe ihrer Abschlusszertifikate wird eine kleine Feierlichkeit, wozu auch die jeweiligen Familien eingeladen werden. Einen Hintergedanken haben wir dabei aber doch. Denn zum Zertifikat haben wir uns dazu entschlossen, jedem Absolventen noch Saatgut oder aber eine Ziege zu schenken. Und zwar mit der Bedingung, eine so genannte „Solidaritätskette“ zu beginnen. Abgegeben werden die Tiere und das Saatgut nur unter bestimmten Voraussetzungen – wie ausreichende Medikamente zur Haltung der Ziegen, ein Stall, Kompostanlagen und einiges mehr. Den ebenfalls neu gekauften Ziegenbock – ein Zuchttier mit Wurzeln noch in der deutschen Kolonialzeit (gilt als besonders resistent) – wird die Fondation behalten. Die Bauern können ihre weiblichen Tiere zur Befruchtung bringen. Wie auch die Ziegen, die wir den Absolventen überlassen werden.

 

Das neu geborene Zicklein muss dann allerdings an einen anderen abgegeben werden – unter denselben Voraussetzungen. Wird das Junge ein Böckchen, muss dieses an die Fondation zurück gegeben werden, sodass wir an anderer Stelle ein erneutes „Solidaritätsprojekt“ starten können, und gegen eine weibliche Ziege eingetauscht. Auch muss ein Zicklein an uns zurück gegeben werden, sollten es bei einem Wurf mehr als nur ein Jungtier sein.

 

Um dieses Prinzip der „Solidaritätskette“ zu erklären, versammeln wir alle Familien zu einer Feierlichkeit zum Abschluss der Ausbildung der Jugendlichen. Die geplante Abgabe dieser Ziegen ist durch mehrere private Spenden aus Deutschland zustande gekommen. Und wir entschieden uns für dieses Projekt, um der oft kritisierten „Geber-Nehmer-Mentalität“ entgegen zu wirken – und darüber hinaus wieder das Zusammengehörigkeitsgefühl und den unschätzbar wichtigen Wert der Solidarität unter den Menschen in Burundi zu fördern.

 

Ein schönes Erlebnis hatte ich auch, als sich zwei Bauern so sehr freuten, als sie zu uns ins Büro kamen. Sie sind die Vertreter eines Verbunds aus Frauen und Männern, die sich in der Provinz Bubanza nördlich von Bujumbura zusammen geschlossen haben und ein gemeinsames Projekt starten wollen. Für ihre Idee brauchten sie jedoch ein Startkapital, das ihnen keine Bank gewährt hätte. Und genau hier tritt unser Mikrokreditprojekt in Kraft. Ebenfalls durch private Spenden ermöglicht, die ich aus Deutschland mitbringen konnte. Dass die beiden Männer nicht noch angefangen haben zu tanzen, hat mich gewundert. Dabei muss man sich diese Situation einmal bewusst machen: Mit 200 Euro können sich etwa zwei Dutzend Frauen und Männer samt ihrer Familien eine neue, selbständige Existenz aufbauen, sich selbst aus der Armut helfen. 200 Euro. Es müssen sich also nur vier Leute in Deutschland finden, die bereit sind, mit 50 Euro zu helfen. Oder 20 Leute mit jeweils zehn Euro. Und wem tun zehn Euro weniger im Geldbeutel in Deutschland schon weh? Die Kiste Bier im Supermarkt kostet meistens schon drei, vier Euro mehr. Plus Pfand.

 

Politisch heiß geht es derzeit auch wieder her. Gestern Abend, als ich vom Kinderheim gegen 19 Uhr wieder die Straße in Richtung „Chez André“ lief, gab es einen lauten, dumpfen Knall, gefolgt von einem zweiten. Am nächsten Tag erfuhr ich, dass es insgesamt vier gewesen sind. Es waren Granatangriffe auf Häuser von vier Politikern. Vier Oppositionelle. Anscheinend kam aber keiner der Politiker zu Schaden. Gefechte mit Kalaschnikowschüssen hörte ich auch, einige Viertel weiter. Der Wahlkampf scheint zu beginnen. Für die Wahlen 2010.

 

Am Freitag schon erreichte mich eine sehr positive Nachricht. In Stuttgart gab es wieder ein „Burunditreffen“ und einige Leute scheinen dort gewesen zu sein. Seit einem Jahr, als ich zum ersten Mal von der Partnerschaft zwischen Baden-Württemberg und Burundi gehört hatte, arbeite ich nun mit einigen Leuten zusammen darauf hin, dass sich etwas bewegt. Und es ist etwas ins Rollen gekommen. Die lang ersehnte Delegationsreise wird nun kommen – im Juni dieses Jahres. Ich freue mich sehr über diese Entwicklung – und bin mir sicher, dass sich einiges bewegen lässt. Ich muss nicht erwähnen, dass mir diese Sache sehr am Herzen liegt – und ich mit Sicherheit weiter „dran bleiben“ werde. In dem kleinen Büro, das wir nun nebst dem von Verena eingerichtet haben, habe ich auch alle Möglichkeiten dazu.