Die Erinnerung daran…

Januar 1, 2008

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Artikeltipp

Der Start in 2008

Januar 1, 2008

1. Januar 2008. Das vergangene Jahr endete beispielhaft für das Leben und die Gefühlswelt, wie sie einen in Burundi überwältigen kann. Dass ich gestern die Frauen und Mädchen aus dem Mütterheim kurz nach dem fröhlichen Weihnachtsfest schon wieder sehen würde, damit hatte ich nicht gerechnet. Keiner. Wie auch. Und vor allem aus diesem traurigen Anlass. Um 11 Uhr fuhren wir zum Krankenhaus Roi Khaled, zur Leichenhalle, wo Chantal über Nacht aufbewahrt wurde. Als wir ankamen, standen alle Frauen schon dort, ihre Babys auf den Rücken gebunden, die größeren Kinder an der Hand. Mit dabei: der kleine Kenny, Chantals dreijähriger Sohn. Irgendwie unbeholfen stand er da und schaute um sich. Und verstand nicht wirklich, was um ihn herum geschah. Die Mädchen hatten Tränen in den Augen. Auch einige aus dem Waisenheim waren dort, die Chantal kannten. Und ihre nähere Verwandte, Olga, die ebenfalls im „Centre Uranderera“ wohnt. Sie weinte. Bei der Begrüßung streichelte ich ihr über den Kopf. Die Sonne brannte mit voller Kraft. Aus der Leichenhalle dringt ein unangenehmer, dennoch auszuhaltender Geruch.

 

Ich setzte mich auf einen Stein und schaute in den Himmel. Von Weitem sah ich Kenny auf mich zulaufen, in seiner kleinen Blue-Jeans. In seiner Hand hielt er zwei Bonbons, die er mir nun entgegen streckte, während er sich an mich anlehnte. Eins stecke ich ihm in den Mund, das andere verstaue ich in seiner winzigen Hosentasche. Er lächelt mich zufrieden an und schmatzt. Ich kann nicht wirklich beschreiben, was in mir vorging, als ich den Jungen auf meinem Schoß sitzen hatte, dessen junge Mutter gleich beerdigt werden sollte. Und Kenny weiß nicht, wie ihm geschieht.

 

Der Konvoi setzt sich in Bewegung in Richtung Friedhof. Ich denke sofort an Jimmy, als ich schon von Weitem die Palmen sehe, unter denen die Gräber, teilweise protzig, teilweise einfache Holzkreuze, angeordnet sind.

 

Alle versammeln sich um das Grab. Sie singen. Und trauern. Ich kämpfe damit, meine Tränen zurück zu halten. Konzentriere mich auf Kenny, der auf dem Arm einer anderen jungen Mutter gespannt ins Grab schaut und immer noch nicht versteht. Die Friedhofarbeiter schaufeln schnell. Als wir wieder gehen, ragt das schwarze, metallene Kreuz in die Höhe: Chantal Irakoze. Geboren 1986. Darunter, im frischen Betonbett, der kleine Handabdruck von Kenny.

 

Wieder einer der Momente, in dem Trauer in Motivation umgewandelt wird. Ein innerer Prozess, der sich nicht beschreiben, nicht wirklich erklären lässt, aber umso wichtiger für das eigene Wohlbefinden ist. AIDS. Seine Bekämpfung. Chantals Tod ist ein Ansporn, sich weiter anzustrengen und nicht zu resignieren. Denn im neuen Jahr können wir noch so viel erreichen. Und wir werden es.