Freier Fall
September 8, 2007
Mittwoch, 5. September 2007. Ich fühle mich leer. Seit Montag Morgen, 3. September, 5.50 Uhr habe ich wieder deutschen Boden unter meinen Füßen. Ich sage mit Absicht nicht, dass ich zu Hause bin. Drei Tage gehe ich nun durch die Straßen und finde mich nicht zurecht. Äußerlich bei manchen Dingen, innerlich bei allen. Ich bin noch nicht angekommen. Eine menschliche Hülle ist aus Burundi abgereist und in Frankfurt gelandet. Nicht ich.
Meine Gedanken sind in Burundi. Bei den Kindern. Ich lebe tief in mir drin noch das Leben in Burundi. Ich gehe die Straße vom Kinderheim zur Arbeit hinunter, grüße die Soldaten und Polizisten alle Hundert Meter. Ich trinke Primus und esse Brochette. Ich schreite durch das große, rote Tor und begrüße eines der Kinder nach dem anderen. Ich umarme die Großen, spreche mit ihnen über ihren Tag. Ich fotografiere sie, fange ihr Lächeln ein. Ich höre mir an, was sie zu sagen haben, was sie glücklich macht, was bedrückt. Ich bringe ihnen aktuelle Tageszeitungen für die Bibliothek. Ich streichle Hündin Simba und frage, wie es der kleinen Gladys geht. Am vergangenen Freitag und Samstag hatte ich sie noch im Krankenhaus besucht.
Alles ist mir fremd. Die Gespräche, die Straßen, die Autos, der Supermarkt. Die Menschen, ihre Gesichtsausdrücke. Das Essen. Ich möchte meine Hände benutzen, doch das Essen ist nicht geeignet dafür. Ich werde gefragt: „Und, wie war es in Afrika?“ und weiß keine Antwort. Ich bin still und habe Angst, die Menschen hier zu enttäuschen, die sich auf mich gefreut haben, lange Zeit. Ich will sie nicht verletzen, aber ich habe keine wirklichen Worte für sie. Ich bin gar nicht da. Ich spreche mit ihnen, denke aber an etwas ganz anderes. Ich fühle mich allein. Meine Freunde helfen mir. Sie hören zu und stellen interessierte Fragen. Sie versuchen, sich in die Gedanken zu versetzen. Aber auch sie können es nicht. Geschweige denn entfernte Bekannte oder Verwandte. Ich mache ihnen keinen Vorwurf. Woher soll man das können, wenn man es nicht selbst gelebt hat? Ich liebe meine Freunde. Und ich will sie nicht enttäuschen.
Ich gehe mit meiner dicksten Winterjacke durch die eiskalten Straßen des Dorfs, in dem ich aufgewachsen bin. Ich erschrecke manche Menschen, indem ich sie freundlich grüße. Wenige grüßen zurück, viele schauen mich fragend an. Ich versuche, zu schmunzeln. Doch dahinter ist mir nach weinen. Das tue ich auch. Ich versuche, es zu vermeiden, aber es gelingt mir nicht immer. Ich lese die unzähligen Abschiedsbriefe der Kinder. Sie sind nicht nur die Kinder, für dich ich gearbeitet habe, sie sind meine Familie. Manche haben mir auf das Diktiergerät etwas aufgesprochen. Französisch, Deutsch, Kirundi. Ich höre es mir an, immer wieder. Und ich muss weinen.
In Burundi musste ich mich auch erst einmal einleben. Aber dort hatte ich Motivation. Ich wollte es. Hier und jetzt muss ich es. Aber ich kann es noch nicht. Viele Erwartungen stehen mir gegenüber und ich weiß nicht, ob ich ihnen gerecht werden kann. Ich bin traurig, die ganzen Tage. Ich kann mich auf keine Sache konzentrieren, weil mein Herz und meine Gedanken noch ganz weit weg sind. Ich sitze in meinem Zimmer, einem Saustall. Um mich herum sind alle möglichen Papiere verteilt. Projektanträge. Briefe. Zeitungen und Zeitschriften. Bilder. Souvenirs. Schön verteilt und ich mittendrin. Bevor ich sie sortieren kann, muss ich erst meine Gedanken sortieren. Nur wie? Und… wann?
Ich möchte Maisbrei und Bohnen essen, doch finde keinen. Ich rauche viel zu viel, weil ich nervös bin. Ich strecke mein Gesicht in die Sonne, sobald sie sich in einem der seltenen Moment zeigt. Ich verbringe Zeit mit meinem Freund, der mich auffängt. Auffängt in einer fremd gewordenen Welt. Er hat sich drei Tage frei genommen und ist für mich da. Ich kann nicht viel sprechen. Meine Erklärungen sind wohl zu kurz. Mir fehlen die Worte.
Ich gehe in die Bank nebenan und bin überfordert. Schmal sei ich geworden, sagen alle. Überweisungen funktionieren jetzt nur noch direkt am Computerschalter. Der Espresso am Frankfurter Flughafen kostete mich 2.50 Euro – dafür kaufte ich in Burundi ein ganzes Päckchen Kaffeebohnen. Im Rauchereck werde ich von einer Ruandesin angesprochen und nach einer Zigarette gefragt. Ich freue mich, sie kennen zu lernen. Ihre Sprache zu hören. Um uns herum nur weiße Gesichter. Fremdheit. Ich klammere mich gedanklich an sie fest, weil sie für mich ein Stück Nähe zu dem Ort bedeutet, an dem ich noch vor einigen Flugstunden gestanden hatte.
Ich schaue Fotos an, die die Kinder selbst machten. Meine Augen werden feucht, ich kann nicht begreifen, so weit von ihnen entfernt zu sein. Die Straße, der Sand, das Heim, die Kinder. Alles nur ein Foto. Ich habe ihre Tränen im Herzen, die sie am Sonntag, Abschiedstag, vergossen. Ich wünsche mir, dass sie heute wieder lachend unter dem großen Mangobaum spielen. Schaukeln, Fußball, Hüpfen. Ich wünsche, die Großen bereiten sich auf das Ende der Schulferien vor, lesen in der Bibliothek im Heim und akzeptieren die neuen Freiwilligen. Ich bin in Deutschland. Ich muss es mir nur lange genug vorsagen.
Heute Morgen lese ich im Internet, dass in Bujumbura wieder geschossen wird. Über 20 Tote, Tausende Menschen fliehen aus der Stadt in die Umgebung. Ich bekomme die Krise. Ich muss Verena anrufen und von ihr wissen, ob es den Kindern gut geht. Ich bin nervlich am Ende. Zigaretten helfen dabei. Ich kontaktiere Freunde in Burundi, die für die Kinder sorgen sollen. Nachsehen, ab und an, ob alles in Ordnung ist. Ich mache mir Sorgen um meine Familie. Es muss ihnen noch nicht einmal etwas geschehen. Alleine, dass wieder Krieg herrscht, bringt wieder die alten Bilder in den Köpfen hervor. Ich bekomme eine unendlich große Wut. Meine Mutter sagt: „Wenn ich das höre, bin ich ja froh, dass du wieder hier bist.“ Ich nicht.
September 25, 2007 um 6:41 Uhr nachmittags
Lieber “Ziser P”,
mit großem Interesse las ich Deinen Tagebucheintrag. Zum einen weil es so ergreifend formuliert ist, aber auch weil mich jede Information von und über Burundi brennend interessiert. Ich studiere Geographie und plane Ende Oktober 2007 ebenfalls nach Burundi zu gehen, zuerst 3 Wochen nach Bujumbura, dann in den Norden des Landes.
Bisher hatte ich wohl viel von dem Konflikt zwischen Hutu und Tutsi gehört und gelesen, aber das es seit einem Jahr “ruhig” ist. Das ist es laut Auswärtiges Amt immer noch. Und von den Unruhen in Bujumbura von denen Du schreibst wird nichts genannt. Daher meine Frage, wo man verlässliche Informationen herbekommt. Von der Botschaft in Bujumbura?
Und wie schätzt Du selbst die Lage ein?
Ich danke Dir herzlich im Voraus für jede Antwort!
Alles, alles Gute, vor allem auch für das Fussfassen hier und für einen erneuten Aufenthalt in Burundi, Deinem Herzen folgend,
Lilli.