Ulrike Folkerts, Patin von burundikids e.V., bekam aktuell den Courage-Preis 2007 - u.a. für ihr Engagement für die Kinder in Burundi. Einen ausführlichen Artikel gibt es hier.

Heute ist…

September 21, 2007

… Weltfriedenstag.

Im Ostkongo fliehen derzeit Hunderttausende Menschen vor dem Krieg, der die gesamte Region der Großen Seen beunruhigt. “Wenigstens an diesem Tag sollen die Waffen ruhen”, las ich diese Tage irgendwo in einem Artikel. Aber sagt den Kämpfern im kongolesischen Busch auch jemand, dass es diesen Tag des Weltfriedens gibt? Geschweige denn, was das überhaupt sein soll. Was ich mich ja schon frage…

Container in Buja

September 20, 2007

Der Container mit Hilfsgütern, an dem sich burundikids e.V. beteiligen durfte (organisiert vom Orden der Weißen Väter), ist in Burundi angekommen.

In den kommenden Tagen werden die Spenden aus Deutschland (Kleidung, Medikamente, medizinisches Gerät, …) gesichtet und entweder sofort zum Einsatz gebracht oder entsprechend gelagert.

Linktipps

September 20, 2007

Erster Linktipp

und

zweiter Linktipp

Neue Entwicklung

September 18, 2007

http://www.tagesanzeiger.ch/dyn/news/ausland/791864.html

Vielleicht von der Presse wieder etwas überzogen, aber man muss sehen, was kommt. Auf jeden Fall alles andere als beruhigend, wenn man von so vielen Menschen in dieser Region weiß, die man liebt…

Buchtipp

September 16, 2007

In diesen Tagen bin ich auf ein Buch aufmerksam geworden, das einiges zu versprechen scheint. Eine kurze Info findet sich auf

http://www.utexas.edu/utpress/books/krufro.html

Ich werde es mir kaufen und sehen, ob nun endlich jemand über die Wahrheit von 1993 in Burundi geschrieben hat oder ob es ein weiteres Vertuschen ist wie bislang auch.

Ein Schritt nach vorn

September 15, 2007

Freitag, 14. September 2007. 16.50 Uhr. Ich sitze gerade im Zug von Köln nach Karlsruhe. Viele, unendlich viele Dinge gehen in meinem Kopf vor sich. Aber ich bin zuversichtlich. Ich befinde mich nicht mehr in dieser Unsicherheit wie vor meinem Besuch bei Martina, meinem Vorstand von burundikids e. V. Wir sprachen über vieles – über das gesamte zurückliegende Jahr in Burundi. Aber auch über das, was kommen kann. Ich sagte ihr, womit sie so nicht gerechnet hatte, dass ich mir vorstellen könnte, wieder nach Burundi zu gehen. Jederzeit. Und auch für längere Zeit. Sogar, dort zu leben.

 

Ein Wunschtraum meinerseits wäre eine Arbeit, die aufgeteilt ist in eine Zeit hier, in Deutschland, und eine in Burundi. Denn ohne die Basis, hier, können in Burundi keine Projekte umgesetzt werden. Das ist Fakt. Doch – und mit dieser Meinung stehe ich nicht alleine – ebenso wichtig ist die andere Seite. Auf den Punkt gebracht würde das bedeuten: Projekte in Deutschland vorstellen, Unterstützung erreichen, und dann das Vorhaben nach Burundi begleiten. Persönlich. Und eine längere Zeit dort bei der Umsetzung mithelfen. Ich sehe, was Martina in Köln und Verena in Bujumbura leisten. Es ist enorm. Und manchmal kann ich mir auch nicht erklären, wie sie es bewerkstelligt bekommen. Aber es funktioniert.

 

Dass so vieles – und nach dem jetzigen Stand in Burundi noch vieles mehr – möglich ist, das habe ich im vergangenen Jahr selbst gesehen und erlebt. Doch dafür muss man einen weiteren Schritt tun. Einen Schritt hin zu mehr Professionalität. Und ich bin mehr als nur bereit dazu, diesen Schritt zu gehen. Das signalisierte ich an die entsprechenden Stellen. Das Problem – ein Mal mehr: die Finanzierung. Der Verein kann mir nach derzeitigem Stand kein Gehalt zahlen. Verständlich. Doch rein ehrenamtlich geht auch nicht – auch ich muss essen, ein Bett haben und kann nicht ewig zu Hause wohnen bleiben und der Verwandtschaft auf der Tasche liegen.

 

Eine Gratwanderung. Zwischen vollem Einsatz für die burundische Sache und Vermeidung der Selbstaufgabe. Es ist ein bedrängendes Gefühl. Man würde gerne seine gesamte Energie, alle Zeit, alle Kraft für diese Sache aufwenden – aber es fehlt schlichtweg immer am selben. Ich brauche kein riesiges Gehalt. An großer Karriere bin ich auch nicht interessiert. Aber an der Sache, an die ich mit ganzem Herzen glaube, an der schon. Und in diese Richtung gilt es nun, einen Schritt zu tun. Stück für Stück. Aufbau, mehr Professionalität, mehr erreichen für Menschen in einem so winzigen Land, die es verdient haben, endlich das Elend zu überwinden. Ich weiß, dass es möglich ist. Und deshalb werde ich nun in diese Richtung gehen. Hürden werden genügend kommen. Aber nichts ist unmöglich.

Bilder

September 12, 2007

Ich habe unter “Bilder” einige Fotos hinzu gefügt… entstanden sind sie in den letzten Burunditagen, aufgenommen von den Kindern selbst.

Samstag, 8. September 2007. 13.02 Uhr. Gestern Nacht wurde ich ins kalte Wasser geworfen. Mit meinem Einverständnis, versteht sich. Ich traf mich mit meinem Kumpel Patrick. Er selbst lebte über 15 Jahre in Kenia. Wir sprachen nicht viel. Aber ich spürte sehr gut, dass er mich verstand. Bei jedem Wort, das ich sagte, erkannte er die große Bedeutung, die noch dahinter steht. Nach einem gemütlichen Bier in einer Bar gingen wir in eine Diskothek – und die gesamte Absurdität dieser hiesigen (jungen) Gesellschaft brach auf mich herein. Ich stand nur da und staunte, brachte keinen Ton heraus. Patrick fragte mich später, ob es vielleicht doch nicht eine so gute Idee gewesen wäre, mich hier her zu bringen. Aber ich verneine. Genau das war richtig. Ganz oder gar nicht. In dieser Nacht bekam ich die volle Ladung.

 

Aufgedunsene Gesichter. Jugendliche, die meisten nicht einmal 20 Jahre alt, strecken drängelnd ihre Plastikkärtchen zum Barkeeper, heiß darauf, dass der ihnen einen weiteren Betrag abbucht. Für den Prosecco, den sie mit der Freundin an der Bar trinken, wird bargeldlos gezahlt. Eine Masse Jugendlicher verausgabt sich auf der Tanzfläche zu meiner Meinung nach viel zu schneller „Musik“ und Bässen, dass mir der Magen vibriert. Sie schwitzen, holen sich den nächsten Vodka-Red Bull für fünf Euro das Glas. „Wochenende – feieeeeeern!“ schreit der DJ von seinem Podest und die Menge zappelt noch heftiger als vorher. Jubelnd, wieder eine harte, schwer belastende Arbeitswoche hinter sich gebracht zu haben.

 

Dicke Oberärme, Tattoos. Frisuren, die mir mehr als nur fremd sind und von denen ich nicht wüsste, welcher normale Mensch so etwas schneiden würde. Dolce und Gabbana, Goldkettchen, Sportschuhe in allen denkbaren Varianten – und den teuersten. Darin stecken teilweise Typen, die sich mit dem Marlboromann oder einem Model aus der Diesel-Werbung zu verwechseln scheinen. Die dürren Blondchen neben ihnen himmeln sie an und ziehen hektisch an der Zigarette, von der sie nicht so richtig wissen, wie sie sie überhaupt zwischen den Fingern halten sollen. Rauchen – nur draußen. Drinnen läuft währenddessen ein Angestellter mit einem Sprühfläschchen durch die Räume und spritzt Raumspray in die Menge. Als ich ihn sehe, frage ich mich, was er da tut.

 

Unter einem Stehtisch breitet sich eine Pfütze Erbrochenes aus. Zu viel Vodka. Oder Prosecco? Hier und da stolpert jemand an mir vorbei – egal, welches Geschlecht – mit roten Augen und einem Blick, bei dem ich nicht einschätzen kann, ob er stur geradeaus oder in alle Himmelsrichtungen gerichtet ist. Die Jugend – was sich jetzt wohl etwas altklug anhören mag, aber das ging mir durch den Kopf – muss es hier schon schwer haben. Wieso sonst müssen all diese Teenies jedes Wochenende in diese Hallen strömen, ihr hart erkellnertes Taschengeld für Prosecco ausgeben und sich mit Technomusik und Alkohol ins Delirium befördern? Bei den meisten kommt es mir vor wie eine Flucht. Ein Weg, nicht viel nachdenken zu müssen. Außer vielleicht, ob es die eine oder die noch teurere Kleidermarke sein soll. „Noch ein Vodka“, lallt einer neben mir an der Bar. Als ich ihn ansehe, zwinkert er mir lässig und erhaben zu, gefolgt von so etwas wie einer tänzerischen Bewegung. „Alles klar?“ – ich gebe ihm keine Antwort.

 

Als ich mich zur Toilette durchdrücke, schließe ich einen Moment die Augen. Ich stehe auf dem Zentralmarkt in Bujumbura. Die Menschen drängeln sich an mir vorbei, auf ihren Köpfen große Körbe Maracuja oder Kartons mit Haushaltswaren. Einer der Straßenjungs, die ihre Plastiktüten verkaufen, ruft „muzungu“. Eine junge Mutter stillt ihr Baby und bietet mit dabei von ihren Orangen an. Auf der Toilette beugt sich ein Jugendlicher über ein Pissoir und würgt. Drei andere stehen um ihn herum, selbst wohl nur ein Stadium vor diesem Zustand entfernt, und lachen ihn fingerzeigend aus. Ein Security kommt und nimmt sich des Jungen an.

 

Auf einigen Tischen steht eine durchsichtige Säule mit einem Getränk und Einswürfel darin. Die Jugendlichen reihen sich darum und lachen. Mir wird gesagt, das sei Whiskey. Mit Zapfhahn, zum selbst am Tisch portionieren. Den Preis für diese Säule habe ich vergessen oder verdrängt. Lag er bei 30 Euro? Ich wünsche mir ein Primus herbei. Das burundische Bier. Und ich wünsche mich in eine der gemütlichen, ruhigen Bars am See.

 

Mir fehlen die Kinder und Jugendlichen in Burundi, dass ich schreien könnte. Einen Unterschied würde das auch nicht wirklich machen, denn verstehen können mich die Menschen um mich herum so oder so nicht. Nicht wirklich. Sie können sich Mühe geben, sich vielleicht hineinzufühlen versuchen – aber es wird ihnen nicht vollständig gelingen. Wenn ich von den Waisen, Straßenkindern und Kindersoldaten erzähle, klingt das für andere sehr spannend. Berührend. Was aber nicht vermittelt werden kann ist, dass ich – und da schließe ich meine Mitstreiter während dieses Jahrs mit ein – nicht irgendein Freiwilliger für die Kinder war. Das weiß ich, weil es mir mehrmals gesagt wurde. Von den Kindern selbst.

 

Es sind Waisen. In diesem Jahr war es für die meisten von ihnen das erste Mal in ihrem Leben, dass sie eine solche Liebe, eine solche enge Bindung erfahren haben. Die Heimleiter sind da, selbstredend. Aber vier Leiter können sich nicht vollständig um 66 Individuen kümmern. Deshalb sind diese Kinder nicht irgendwelche süßen, afrikanischen Sprösslinge, für die ich gearbeitet habe und denen ich helfen will. Sie sind meine Familie. Meine Kinder, meine Schwestern, meine Brüder. Mancher mag nun sagen, es sei doch nur ein Jahr gewesen. Richtig. Nur ein Jahr. Und in diesem Jahr ist so vieles passiert, ich habe so vieles erfahren, so vieles gelernt und mich in diese Kinder verliebt. Meine Bindung zu ihnen ist enger als zu manchen Menschen hier, die ich seit zehn Jahren kenne. Und dass das keine einseitige Geschichte ist, das weiß ich auch. Nur… wer kann das verstehen?

 

Loslassen müsste ich. Versuchen, hier anzukommen, sagen manche. Aber wieso sollte ich loslassen? Es sind keine Menschen, für die ich „halt“ gearbeitet habe. Nochmals. Es ist eine kleine, große Familie, die sich gebildet hat. Und die kann ich nicht mehr loslassen. Hier ankommen? Ja. Aber ich weiß nicht, ob mir das wieder vollständig gelingen wird. Ein Teil von mir ist immer im Herzen Afrikas.

 

18.25 Uhr. Gerade las ich den aktuellsten Tagebucheintrag von Nadine und ich bin zumindest in dieser einen Sache glücklich. Ich bin heilfroh, dass sie da sind – sie, Ruth, Kerstin, Imani und Laura. Dass sie die Arbeit mit voller Kraft fortsetzen, der Sache dienlich sind, für die wir alle kämpfen. Ich bin froh, dass sie sich anscheinend schnell eingewöhnen, den Kindern Halt und Anhaltspunkte geben. Das beruhigt mich. Mein Schmerz ist groß. Aber ich werde sie alle wiedersehen. Und Liebe bekommen die Kinder weiterhin. Von so tollen Menschen, wie ich sie leider nur kurze Zeit kennen lernen konnte. Aber ich weiß, dass sie ihre Sache gut machen.

 

Ich freue mich, wenn die Tagebucheinträge genau so großes Interesse finden, wie ich es erfahren habe. Denn letztendlich geht es um das Vorankommen in Burundi. Die Stimmen werden lauter und breit gefächerter. Mehr Multiplikatoren, mehr Regionen, mehr unterschiedliche Menschen, die beginnen, sich Gedanken zu machen. Menschen, die wir gemeinsam erreichen können. Mein Trennungsschmerz wandelt sich langsam aber sicher in Motivation und Tatendrang um. Ich muss nur eine Möglichkeit finden, dies alles zu verbinden. So, dass ich leben und zugleich der Sache dienlich sein kann. Auf unbegrenzte Zeit.

Freier Fall

September 8, 2007

Mittwoch, 5. September 2007. Ich fühle mich leer. Seit Montag Morgen, 3. September, 5.50 Uhr habe ich wieder deutschen Boden unter meinen Füßen. Ich sage mit Absicht nicht, dass ich zu Hause bin. Drei Tage gehe ich nun durch die Straßen und finde mich nicht zurecht. Äußerlich bei manchen Dingen, innerlich bei allen. Ich bin noch nicht angekommen. Eine menschliche Hülle ist aus Burundi abgereist und in Frankfurt gelandet. Nicht ich.

Meine Gedanken sind in Burundi. Bei den Kindern. Ich lebe tief in mir drin noch das Leben in Burundi. Ich gehe die Straße vom Kinderheim zur Arbeit hinunter, grüße die Soldaten und Polizisten alle Hundert Meter. Ich trinke Primus und esse Brochette. Ich schreite durch das große, rote Tor und begrüße eines der Kinder nach dem anderen. Ich umarme die Großen, spreche mit ihnen über ihren Tag. Ich fotografiere sie, fange ihr Lächeln ein. Ich höre mir an, was sie zu sagen haben, was sie glücklich macht, was bedrückt. Ich bringe ihnen aktuelle Tageszeitungen für die Bibliothek. Ich streichle Hündin Simba und frage, wie es der kleinen Gladys geht. Am vergangenen Freitag und Samstag hatte ich sie noch im Krankenhaus besucht.

Alles ist mir fremd. Die Gespräche, die Straßen, die Autos, der Supermarkt. Die Menschen, ihre Gesichtsausdrücke. Das Essen. Ich möchte meine Hände benutzen, doch das Essen ist nicht geeignet dafür. Ich werde gefragt: „Und, wie war es in Afrika?“ und weiß keine Antwort. Ich bin still und habe Angst, die Menschen hier zu enttäuschen, die sich auf mich gefreut haben, lange Zeit. Ich will sie nicht verletzen, aber ich habe keine wirklichen Worte für sie. Ich bin gar nicht da. Ich spreche mit ihnen, denke aber an etwas ganz anderes. Ich fühle mich allein. Meine Freunde helfen mir. Sie hören zu und stellen interessierte Fragen. Sie versuchen, sich in die Gedanken zu versetzen. Aber auch sie können es nicht. Geschweige denn entfernte Bekannte oder Verwandte. Ich mache ihnen keinen Vorwurf. Woher soll man das können, wenn man es nicht selbst gelebt hat? Ich liebe meine Freunde. Und ich will sie nicht enttäuschen.

Ich gehe mit meiner dicksten Winterjacke durch die eiskalten Straßen des Dorfs, in dem ich aufgewachsen bin. Ich erschrecke manche Menschen, indem ich sie freundlich grüße. Wenige grüßen zurück, viele schauen mich fragend an. Ich versuche, zu schmunzeln. Doch dahinter ist mir nach weinen. Das tue ich auch. Ich versuche, es zu vermeiden, aber es gelingt mir nicht immer. Ich lese die unzähligen Abschiedsbriefe der Kinder. Sie sind nicht nur die Kinder, für dich ich gearbeitet habe, sie sind meine Familie. Manche haben mir auf das Diktiergerät etwas aufgesprochen. Französisch, Deutsch, Kirundi. Ich höre es mir an, immer wieder. Und ich muss weinen.

In Burundi musste ich mich auch erst einmal einleben. Aber dort hatte ich Motivation. Ich wollte es. Hier und jetzt muss ich es. Aber ich kann es noch nicht. Viele Erwartungen stehen mir gegenüber und ich weiß nicht, ob ich ihnen gerecht werden kann. Ich bin traurig, die ganzen Tage. Ich kann mich auf keine Sache konzentrieren, weil mein Herz und meine Gedanken noch ganz weit weg sind. Ich sitze in meinem Zimmer, einem Saustall. Um mich herum sind alle möglichen Papiere verteilt. Projektanträge. Briefe. Zeitungen und Zeitschriften. Bilder. Souvenirs. Schön verteilt und ich mittendrin. Bevor ich sie sortieren kann, muss ich erst meine Gedanken sortieren. Nur wie? Und… wann?

Ich möchte Maisbrei und Bohnen essen, doch finde keinen. Ich rauche viel zu viel, weil ich nervös bin. Ich strecke mein Gesicht in die Sonne, sobald sie sich in einem der seltenen Moment zeigt. Ich verbringe Zeit mit meinem Freund, der mich auffängt. Auffängt in einer fremd gewordenen Welt. Er hat sich drei Tage frei genommen und ist für mich da. Ich kann nicht viel sprechen. Meine Erklärungen sind wohl zu kurz. Mir fehlen die Worte.

Ich gehe in die Bank nebenan und bin überfordert. Schmal sei ich geworden, sagen alle. Überweisungen funktionieren jetzt nur noch direkt am Computerschalter. Der Espresso am Frankfurter Flughafen kostete mich 2.50 Euro – dafür kaufte ich in Burundi ein ganzes Päckchen Kaffeebohnen. Im Rauchereck werde ich von einer Ruandesin angesprochen und nach einer Zigarette gefragt. Ich freue mich, sie kennen zu lernen. Ihre Sprache zu hören. Um uns herum nur weiße Gesichter. Fremdheit. Ich klammere mich gedanklich an sie fest, weil sie für mich ein Stück Nähe zu dem Ort bedeutet, an dem ich noch vor einigen Flugstunden gestanden hatte.

Ich schaue Fotos an, die die Kinder selbst machten. Meine Augen werden feucht, ich kann nicht begreifen, so weit von ihnen entfernt zu sein. Die Straße, der Sand, das Heim, die Kinder. Alles nur ein Foto. Ich habe ihre Tränen im Herzen, die sie am Sonntag, Abschiedstag, vergossen. Ich wünsche mir, dass sie heute wieder lachend unter dem großen Mangobaum spielen. Schaukeln, Fußball, Hüpfen. Ich wünsche, die Großen bereiten sich auf das Ende der Schulferien vor, lesen in der Bibliothek im Heim und akzeptieren die neuen Freiwilligen. Ich bin in Deutschland. Ich muss es mir nur lange genug vorsagen.

Heute Morgen lese ich im Internet, dass in Bujumbura wieder geschossen wird. Über 20 Tote, Tausende Menschen fliehen aus der Stadt in die Umgebung. Ich bekomme die Krise. Ich muss Verena anrufen und von ihr wissen, ob es den Kindern gut geht. Ich bin nervlich am Ende. Zigaretten helfen dabei. Ich kontaktiere Freunde in Burundi, die für die Kinder sorgen sollen. Nachsehen, ab und an, ob alles in Ordnung ist. Ich mache mir Sorgen um meine Familie. Es muss ihnen noch nicht einmal etwas geschehen. Alleine, dass wieder Krieg herrscht, bringt wieder die alten Bilder in den Köpfen hervor. Ich bekomme eine unendlich große Wut. Meine Mutter sagt: „Wenn ich das höre, bin ich ja froh, dass du wieder hier bist.“ Ich nicht.