Archiv für August 20, 2007
Es geht dem Ende zu…
Freitag, 17. August 2007. 17.06 Uhr. Am Vormittag war ich wieder mit unseren großen Jungs Basketball spielen. Die Arbeit im Büro fahre ich, wie geplant, herunter auf ein Minimum, dass ich die letzte Zeit mehr mit den Kindern genießen kann. Lange ist es nicht mehr hin. Am Mittag begann es dann plötzlich zu regnen – sehr stark mit Gewitter. Ungewöhnlich, schließlich ist Trockenzeit. Für die Menschen auf dem Land mit Sicherheit nicht von Vorteil.
Auch die Party, die heute bei Jeroen angedacht war, fiel ins Wasser. Am Morgen übten die Mädchen noch einen Tanz, den sie als Dank vorführen wollten. Dazu kam es leider nicht. Zudem ist es sehr kalt. Morgen wären alle nur krank, daher schlug mir Jeroen vor, das Ganze auf die kommende Woche zu verschieben. Freitag, gleiche Uhrzeit. Vorausgesetzt, es regnet auch dann nicht. Auch hoffe ich auf das morgige Wetter, wenn wir das Basketballturnier spielen wollen. Abwarten.
Ruth und Kerstin waren heute schon im Heim bei uns, beinahe den ganzen Tag. Erster Kontat mit den Kindern, erstes Schnuppern im künftigen Domizil. Als Trost für die ausgefallene Party zeigte ich den Kleinen unter unseren Heimbewohnern den Zeichentrickfilm „Der kleine Eisbär“. Es ist immer wieder ein so schönes Gefühl, die Kinder gespannt mit großen Augen und kichernd zu sehen. Strahlend. Und mitfiebernd. „Yooh!“ und das kurze „eh!“ wechseln sich dabei ab, gemischt mit Diskussionen und Kommentaren zu dem gerade Gesehenen. Während die Kinder Film schauen, schaue ich Kinder. Absolut empfehlenswert für jeden, der eimal in Burundi mit Kids zu tun hat. Es geht einem das Herz auf.
Langsam wird es dunkel, Sonne ist keine zu sehen, nur alles grau in grau. Und es ist sehr kalt, wir frieren alle, einschließlich der Kinder, die schon in Pullovern herum rennen. Die Polizisten stehen in ihre dunkle Regenjacken gehüllt an den Straßenkreuzungen. Soldaten auf den Lkw ziehen sich Plastikplanen über die Köpfe, um im Trockenen zu bleiben. Ganz Bujumbura schlottert.
Gladys ist derweil wieder aus dem Krankenhaus zurück und wohlauf. Abgenommen hat sie, aber sie sieht gut aus. Zusammen mit ihren Schwestern Johana und Ella-Francine ist sie ins Heim zurück gekehrt. Schöne Ferien waren das wohl nicht. Aber immerhin geht es der Kleinen wieder gut. Zumindest, was die akute Krankheit betraf, was sich als normale Grippe herausstellte. Noch in den Ferien aber wollen wir einen Bluttest mit ihr machen, eine „Helferzellenbestimmung“, um eventuell schon eine Therapie mit ihr beginnen zu können. Gegen HIV, das sie leider in sich trägt.
17.22 Uhr – über der ganzen Stadt liegt ein Dunst. In der Ferne ist der Himmel rosa und orange. Die Berge des Kongo sieht man nicht, sie liegen im Nebel. Bujumbura verwandelt sich langsam, wie jeden Abend, in das weiße und gelbe Lichtermeer. Vorausgesetzt, der Strom bleibt an.
Ich habe beschlossen, in den kommenden Tagen mein Tagebuch zu beenden – zumindest online. Im Off schreibe ich weiter wie bisher. Ich werde dies aus mehreren Gründen tun. Die neuen Freiwilligen sind angekommen. Sie werden ab nun ihre Tagebücher führen und die Information über das Geschehen bei den Kindern wird weiterhin transportiert. Für alle, die es interessiert. Ich wünsche mir, dass das Interesse weiterhin so großartig sein wird, wie bisher. Denn egal, wer und wie oder wie oft es schreibt, es geht um die Sache. Informationen werden fließen. Sie müssen nur abgerufen werden. Zum anderen werde ich tatsächlich versuchen, meine Erlebnisse und Eindrücke in einem Buch zu verarbeiten. Das liegt nun nur noch an der Suche nach einem interessierten Verlag und dem Zugang zu diesem. Ich habe großen Ehrgeiz, dies zu erreichen. Denn ansonsten würden meine letzten Wochen in Burundi wohl nie und nirgends erscheinen. Man wird sehen. Besser: lesen.
Auf den allerletzten Tagebucheintrag werde ich jedoch noch hinweisen.
Samstag, 18. August 2007. 18.46 Uhr. Die Dusche gerade war kein Vergnügen. Schon wieder hat es viel geregnet und ist kalt. Die kurze trockene Zeit nutze ich, um mit den Jungs wieder Basketball spielen zu gehen. Auch die Kleinen sind immer dabei und nutzen die Gelegenheit, raus zu kommen. Doriane und Vainey sind dermaßen um das Feld herum getollt, dass ich sie zum Schluss beinahe nach Hause ziehen musste. „Ndarushe, Philippo“, müde sei sie, stöhnte Doriane mehrmals. Aber die beiden waren kichernd glücklich und das ist die Hauptsache. Ich hoffe nur, dass in den kommenden Tagen der Regen aufhört.
Am Vormittag war ich mit Julia und den beiden Neuen, Ruth und Kerstin auf dem Markt. Obst und Gemüse kaufen. Dabei bettelte mich ein junger Mann an – kein Kind. „Donnez moi amahella“. Ich fragte ihn, wieso. Dann antwortete er mir tatsächlich: „Kubera uri muzungu“, weil ich ein Weißer sei. Immerhin ehrlich. Dennoch schaute ich verdutzt und wohl auch unverständlich. Ich gab ihm zu verstehen, dass er seine Denkweise nochmals überdenken sollte. Wobei ich selbst weiß, woher diese „Mentalität“, wie sie ja meist allen Afrikanern angedichtet wird, herrührt. Verständlich ist sie. Was aber nicht bedeutet, dass man nicht dagegen angehen könnte.
Am Nachmittag wollte ich eigentlich mit drei unserer großen Jungs, Thierry, Flugence und Jimy, ins Fußballstadion gehen. Dort startete heute ein internationales Fußballturnier für die Nachwuchsmannschaften der nationalen Teams. Burundi eröffnete heute gegen Uganda. Außerdem sind, soweit ich weiß, noch Ruanda, Tansania und Sansibar angereist. Da wir uns aber beeilen mussten und in diesem Moment gerade das Essen der Kinder serviert wurde, mussten wir das Vorhaben sausen lassen. Das Turnier dauert jedoch eine Woche. Wir haben also noch Gelegenheit, ein Spiel zu besuchen. Ein burundischer Freund schrieb mir, dass ganze Menschenmassen in Richtung Stadion unterwegs seien. Großes Theater. Faszination Fußball. Ich freue mich auf den Tag, wenn wir mittendrin stehen.
Heute Abend esse ich wieder mit den Kids. Danach werde ich in die Bar gehen, um einige Kumpels wieder zu sehen, die ich lange nicht getroffen habe.
2.06 Uhr. Nach dem Essen mit den Kindern war ich noch in der Bar, einige einheimische Kumpels treffen. Das Wiedersehen war herzlich, es ist auch lange Zeit her, dass wir uns gesehen haben. George war da, Kiki (eigentlich Christian), der Sprachen studiert hat, und Flo, mein englischsprachiger Kumpel, der auch im September wieder sein Flugzeug nach Kanada nehmen wird, um dort seine Ausbildung abzuschließen. Budda traf ich auch, den burundischen Riesen. Ein Muskelpaket ohnegleichen, jedoch ein netter und lieber Mensch – was man ihm auf den ersten Blick vielleicht nicht zumuten würde.
George will davon, dass wir bald fliegen, nichts wissen. Kommt das Thema auf, lenkt er schnell ab oder sagt mir direkt, dass er das nicht hören möchte. Wir werden wohl auch über meine Zeit in Burundi hinaus Kontakt pflegen. Das denke ich auch bei Flo(rian). Zu viel haben wir gemeinsam geplaudert, zu viel Zeit miteinander verbracht, als dass wir vergessen könnten. Der Kontakt steht – meinerseits. Ob die Jungs das genauso sehen, wird sich erst noch zeigen müssen. Zum Schluss fehlte Karol, dem Kellner, das passende Rückgeld. Ich hätte ihm noch 100 FB geben müssen, dass es stimmt. Ich fragte ihn, ob ich ihm das Geld das nächste Mal geben könnte, ich habe keine 100 FB klein. Daraufhin sprach er so herzlich mit mir wie zur Begrüßung. Kein Problem sei das.
Beim Abendessen saß ich gemeinsam mit Dorine, Johana und Ella-Francine am Tisch. Die Stimmung war gut an diesem Abend. Alle lachten, scherzten, palaverten und waren anscheinend bester Laune. Ruth, Kerstin und Julia aßen auch mit – jedoch an anderen Tischen. Maisbrei mit Bohnen. Mittlerweile liegt mir diese Speise nicht mal mehr schwer im Magen. Alles Gewöhnungssache.
Sonntag, 19. August 2007. Der Genozid ist noch in aller Munde. Zumindest in den Köpfen, angesprochen wird dieses Thema zumeist nur an stillen Orten oder wenn die Beteiligten schon ein wenig Alkohol intus haben. Dann aber wird darüber diskutiert, offen, wie über jedes andere Thema auch. Wie von dem Ruander, der gestern mit mir am Tisch stand. Das ist nur ein Beispiel. Die Meinungen, die man dabei zu hören bekommt, variieren zwischen Himmel und Hölle, zwischen schwarz und weiß, gut und böse, radikal und gemäßigt. Und natürlich je nach Ansicht von Angehörigen der jeweiligen Gruppe. Es ist ein komplexes Thema, ein schlimmes Thema. Doch man muss sich damit auseinander setzen. Ruander und Burunder sowieso, aber auch die Mächte, die in den 90er Jahren nicht unwesentlich mitgespielt, zumindest passiv zugeschaut haben und alles haben geschehen lassen.
Eine wirkliche Aufarbeitung gibt es – das ist meine Meinung – nicht. Zwar einen Versuch und auch manchen Fortschritt in einigen Bereichen. Vielleicht auch kleine Erfolge. Gelöst wird dieses Problem aber derweil nicht. Nicht in Kigali, wo Präsident Kagame seine starke Hand auf allen Staatsaffären hat, nicht mit dem Kriegsverbrechertribunal für Ruanda in Arusha und in Bujumbura schon zwei Mal nicht. Dort hat man noch nicht einmal angefangen, irgendetwas zu lösen oder aufzuklären. Manchmal stelle ich mir die Frage, ob man überhaupt gewillt ist, etwas zu ändern. Ist doch alles prima, wie es läuft. Solange das, was passiert, innerhalb der jeweiligen Ländergrenzen bleibt. Oder zumindest in dieser Region da, die der „Großen Seen“.
Basketball war heute lustig. Ich spielte mit Danny, einem Jungen, der bis 2006 hier im Heim war – vor unserer Zeit – und nun in den Ferien hier ist. Er wohnt jetzt in Ruyigi, im Osten Burundis. Mit dabei war später auch Fulgence, mit dem ich eigentlich immer spiele. Bis er kam, warf ich ein paar Körbe mit kleinen Jungs, die im Viertel wohnen. Sie hatten sichtlich Spaß. Plötzlich sah ich einen kleinen Jungen in schmutzigen Kleidern und barfuß. Er blieb in einem Sicherheitsabstand zu uns. Die Ziegenherde weiter hinten im Schatten musste wohl zu ihm gehören. Er beobachtete uns aufmerksam, regte sich aber nicht. Als ich ihn zögern sah, signalisierte ich ihm, dass er herkommen solle und drückte ihm den Ball in die Hand. Plötzlich strahlte er über das ganze Gesicht, wollte den Ball aber gleich wieder zu einem der anderen Jungs spielen. Was mich sehr beeindruckte: Der andere gab ihm den Ball zurück und sagte ihm, er solle auf den Korb werfen. Daneben. Und noch einmal. Nach und nach legte der kleine Junge seine Scham ab und spielte mit uns Basketball. Ich denke mir, eine Abwechslung, die er nicht jeden Tag erfährt. Als er außer Puste war, rannte er weg, scheuchte seine Ziegen auf und verschwand mit ihnen hinter dem Berg.
Auf dem Rückweg vom Basketballplatz ins Heim, hörte ich plötzlich jemanden meinen Namen rufen. Eine Kinderstimme. Ich sah mich um und konnte nichts sehen. Der Torwächter, der gerade auf meiner Höhe stand, grinste und zeigte auf das Etagenhaus auf der anderen Straßenseite. Dort, im obersten Stockwerk, zwischen aufgehängter Wäsche, strecken sich mir vier Kinderhände durch das Balkongitter entgegen und winken. „Philippooo“. Ich winke zurück und lache. Auch schüttle ich den Kopf. Denn woher mich diese Kinder kennen, weiß ich nicht. Mir war nicht bewusst, dass man mich nun auch in diesem Viertel schon beim Namen kennt. Aber gut so.
August 20, 2007 at 8:19 vormittags Hinterlasse einen Kommentar
Der Senf der anderen