Internationale Party

August 13, 2007 at 7:59 am 9 Kommentare

Samstag, 11. August 2007. 16.06 Uhr. Gestern Abend telefonierte ich wieder mit Epiphanie. Ihr Nachbar, wie sie sagte, sei wieder so freundlich gewesen, ihr sein Mobiltelefon zur Verfügung zu stellen. Es war schön, ihre Stimme zu hören und auch, dass es ihr gut geht. Ihr und ihren Geschwisterchen. Mit dem kleinen Arnaud habe ich auch telefoniert – ungefähr drei Worte, dann ist er kichernd weg gerannt. Epi war hörbar glücklich. Ich auch.

 

Für den Abend waren wir bei einer Geburtstagsfeier eingeladen. Matthias Kunze, ein Deutscher, geboren in Burundi, wohnt außerhalb der Stadt direkt am Strand auf einem traumhaften Anwesen mit tadellosem Rasen, Palmen und Pool. Ihm gehört unter mitunter die örtliche Seifenfabrik „Savonor“ in Bujumbura und die Trinkwasserfabrik „Aquavie“. Im Süden, in Rumonge, stellt er noch Palmöl her. Anscheinend laufen die Geschäfte – wenn auch schwierig – gut. Immerhin hat er ein Monopol mit den Dingen, die er herstellt. Sein Kollege erzählt mir jedoch von den Schwierigkeiten mit den Behörden, immer wieder. Wenn man versucht, ehrlich zu arbeiten, macht man sich nur das Leben schwer. Aber das scheint ihre Philosophie zu sein und die wollen sie auch durchsetzen. Ein weiteres Problem: die Überschwemmung des afrikanischen Markts mit Billigprodukten made in Asien – und noch billigeren Arbeitskräften.

 

Matthias ist ein netter und ruhier Zeitgenosse. Ich habe schon viel von ihm gehört, jedoch bislang noch nie die Gelegenheit gehabt, ihn persönlich kennen zu lernen. Gestern Abend war er sehr nett und gab sich als fürsorglicher Gastgeber. Immer wieder schaute er bei uns vorbei und fragte, ob alles in Ordnung sei. Dennoch war die Party nicht ganz mein Fall – die Musik bereitete mir Kopfschmerzen, zudem fühlte ich mich in der Gesellschaft mit lauter (anscheinend) Reichen um mich herum nicht gerade richtig wohl. Ich habe wohl allgemein mit diesen Partys meine Probleme. Nicht, dass es etwa nicht schön wäre, mal wieder ein Bier zu trinken, mit durchaus interessanten und auch neuen Leuten mit den unterschiedlichsten Nationalitäten und Arbeitsbereichen. Aber ich habe immer das Gefühl, von einer Welt in die andere zu hüpfen. Ich sitze auf einem schönen Bastsessel mit Polster, unter einer Palme, auf tadellos gemähtem Rasen, der Pool beleuchtet und glasklar, an Getränken und Snacks alles da, was das Herz begehrt. Und hinter den hohen Mauern liegt das wirkliche Burundi. Die Lehmhütten mit den kleinen Feuerchen davor, auf denen das alte Frauchen mühsam den Maisbrei umrührt. Manchmal habe ich damit meine Probleme. Natürlich liegt das an mir – aber ich muss sagen, ich brauche diese Art Partys nicht unbedingt, um dem „harten“ Alltag zu entfliehen.

 

Die Fahrt zur Party war mal wieder buchreif. Vom Heim aus liefen wir ein Stück die Straße hinunter, wo uns Nachtwächter Martin freundlich begrüßte und uns ein wenig begleitete. Dann stiegen wir in ein Taxi. Der Fahrer war Kamikaze, seine Bremse kannte er wohl nicht. Wir rauschten am Markt vorbei, in der Einbahnstraße in der falschen Richtung. Ich fand es lustig, den Mädchen auf dem Rücksitz war nicht ganz so sehr zum Lachen. Kurz nach den Stadtgrenzen, wo das Viertel der Vereinten Nationen beginnt, winkt uns ein Polizist an einer Straßensperre zur Seite. Zwei andere halten ihre Kalaschnikow fest und schauen ernst drein. Zu meiner eigenen Verwunderung bin ich kein bisschen nervös. Was sollen sie schon machen?

 

Der wohl ranghöchste Polizist unter ihnen beugt sich hinunter zum Fahrer und verlangt mit unfreundlicher Aufforderung die Papiere unseres jungen Taxifahrers. Der drückt ihm eine kleine Mappe in die Hand, die ihm kurz darauf ins Gesicht geschlagen wird, mit einem Fluch auf Kirundi, den ich nicht verstehen konnte. Der kontrollierende Polizist mit dickem Bauch und Schnauzbart konnte also noch böser drein schauen als zu Beginn. Dann ging es an uns. Ausweise. Ich habe meinen Pass nie dabei, wenn ich abends unterwegs bin, sage ich ihm, worauf er etwas genervt schnaubt. Julia zeigt ihm ihren internationalen Führerschein, was ihm anscheinend genügt. Aber nur, weil wir Ausländer sind. Weiße Ausländer. Der Taxifahrer muss an Ort und Stelle bleiben. Der Dicke ruft einem Kollegen in zivil zu, er solle uns mit dem Polizeiauto zu dem Fest fahren, wohin wir wollten. Also stiegen wir in den weißen Pick Up mit den grünen und roten Streifen an der Seite. Und Kopien vom Ausweis sollten wir machen, die wir mit uns führen, belehrte uns noch einer. Julia drückte dem Taxifahrer noch etwas Geld in die Hand, dass er nicht ganz leer ausging. Darüber freute er sich wie ein kleines Kind. Der restliche Umstand scheint ihn nicht besonders zu beunruhigen.

 

Als wir uns von dem zivilen Polizisten verabschieden, fragt der, ob wir dem Taxifahrer wenigstens ein wenig Geld gegeben hätten, der Fairness halber. Und strecke schon die Hand aus. Wir sagten, wir hätten bereits einen Schein locker gemacht. Er nickt ab und rauscht davon. Hätten wir ihn als Geldboten eingesetzt, davon bin ich überzeugt, wäre der Taxifahrer immer noch leer ausgegangen.

 

Heute war ich kurz auf dem Markt und habe einige Sachen besorgt. Ein kleiner Junge kam an und bettelte mich um Geld an. Neben uns stand in dem Moment ein sichtlich wohlhabender Burunder in schickem Anzug, Gold hier und da, und dem Mobiltelefon am Ohr. Ich sagte dem Kleinen mit einem Fingerzeig, dass er ihn fragen solle. Er schüttelte heftig den Kopf. Warum nicht ihn, sondern mich, fragte ich – und gab auch gleich selbst die Antwort. „Kubera ndi umuzungu?“ (Weil ich ein Weißer bin?). Er nickt. Immerhin war er ehrlich. Die Händler um uns herum lachen. Bei dem Burunder gerät der Junge noch in Gefahr, eine Ohrfeige zu kassieren – es wäre nicht das erste Mal, dass ich das sehe.

 

Auf dem Markt halte ich ein wenig Smalltalk mit den Ananasverkäuferinnen – unseren mittlerweile „guten Bekannten“. Die Mamas faszinieren mich mit ihrer stetig guten Laune. Wie es den anderen gehe, fragt eine. Gut. An mehreren Stellen im Markt werde ich mit meinem Namen gegrüßt. Philippo hier, Philippo da. Teilweise kenne ich die Gesichter, teilweise aber wieder nicht. Keine bösen Mienen, nicht eine. Man fühlt sich akzeptiert. Natürlich ist man immer noch der muzungu, der wird man auch immer bleiben. Aber immerhin nehmen einen die Menschen an, versuchen einen beim Preis nicht mehr unbedingt zu vergaukeln – höchstens noch aus Spaß. Und auch was Taschendiebstahl anbelangt, ist man gut bedient, wenn man die Leute um sich herum kennt, und dass sie auf der selben Seite stehen wie man selbst. Kurzum: Man fühlt sich wohl. Mittendrin. Und spricht man noch ein wenig Kirundi, ist man sowieso adoptiert. Sagen wir: respektiert.

 

2.23 Uhr. Zurück von der Party bei Marco. Für das Fest gab es zwei Gründe: einen Abschied, eine Rückkehr. Als Überraschung hatte Marco unsere Trommler aus dem Straßenkinderheim engagiert, die beim Publikum sehr gut ankamen. Von Anfang an, als sie mit den Trommeln auf dem Kopf durch das große Tor in das Grundstück traten. Ich gebe zu, ich platzte vor Stolz, vor Freude – alle Zuhörer und -schauer an diesem Abend bestaunten und bewunderten diese Jungen. Sie haben sich gemacht, sie sind jemand, ihnen wird Respekt gezollt. In diesem Moment gab es für mich nichts Schöneres als dieses Gefühl.

 

Im Publikum tummelten sich auch allerhand Botschafter. Auch unseren Thomas Mangartz erblickte ich zwischendurch, kam jedoch leider nicht dazu, mit ihm zu sprechen. Sowieso war das Publikum – wie meistens bei diesen Partys – international. Burundisch, deutsch, belgisch, englisch, französisch, südafrikanisch, niederländisch, schottisch, tschechisch… Eine interessante Mischung. Ich unterhielt mich kurz mit Leuten vom belgischen Sicherheitsdienst der Botschaft, mit zwei mir bereits gut Bekannten Kollegen des Sicherheitsdiensts der Europäischen Kommission, einer Frau der englischen Botschaft – und sogar mit dem Nuntius, dem hiesigen päpstlichen Botschafter, ebenfalls ein Engländer.

 

Star des Abends war eindeutig Kevin, unser achtjähriger und damit jüngster Trommler. Wer ihn sieht, möchte ihn behalten, von seinen tänzerischen Darbietungen sind ohnehin immer alle hin und weg. Als er mich sieht, rennt er auf mich zu und umarmt mich. Ich wartete anfangs beim „Chez André“, wo mich die Trommelgruppe abholte. Gemeinsam fuhren wir dann zu Marcos Haus, wo wir zuerst noch in einer Seitenstraße warteten, bis uns Marco das „ok“ gab. Die Überraschung für seine beiden Kolleginnen ist gelungen.

 

Zu meiner Überraschung lernte ich noch einen Deutschen kennen, den ich in der ganzen bisherigen Zeit noch nie gesehen habe. Roland heißt er und wohnt nun auch schon seit 20 Jahren in der Region der Großen Seen, in Bujumbura unweit des „Chez André“. Ich werde mich kommende Woche bei ihm melden und ihn und seine sehr nette Frau Ange besuchen. Ich bin gespannt, was er mir zu erzählen hat. Das erste Gespräch bei der Party gestern war schon einmal sehr… nennen wir es: interessant. Auf einer Wellenlänge liegen wir nämlich in keinster Weise. Aber ich höre mir an, was er zu sagen hat.

 

Sonntag, 12. August 2007. 18.21 Uhr. Nach dem Basketballspiel mit der Hälfte der Kinder, die zurzeit noch im Heim sind, bin ich erschöpft. Heute Abend werde ich noch mit den Kids essen und ein wenig Vokabeln lernen. Heute Mittag kam Aron zurück aus den Ferien. Sichtlich zufrieden sah er aus – was mich sehr freute.

Eintrag abgelegt unter In Burundi. Tags: .

Gladys Linktipps

9 Kommentare Füge Deinen hinzu

  • 1. Dr. Horst Bloch, Development Consultant  |  Januar 4, 2010 um 12:02 pm

    4. Jan. 2010

    Bitte an Matthias Kuntze von Savonor Seifenfabrik in
    Bujumbura herzliche Gruesse bestellen.
    In den 70er Jahren war ich zusammen mit Horst Schwandt
    (Sophabu) haeufig zu Gast im Hause Kuntze in Bujambura.

    Dr. Horst Bloch, Dipl.-Geol.i.R.
    c/o Freundeskreis
    Lilienthal-Kodiak-Aviation
    Buchenhain 20
    D-57271 Hilchenbach, Germany

    Kommentar
  • 2. ZiserP  |  Januar 7, 2010 um 12:29 pm

    Lieber Dr. Bloch,

    Grüße habe ich soeben ausgerichtet. Vielen Dank!

    Herzliche Grüße aus Bujumbura,

    PZ

    Kommentar
  • 3. Bernd venjakob  |  Mai 5, 2011 um 5:50 pm

    Hallo, haben Sie auch Heimo Vicens kennengelernt?
    Wäre schön wernn ich den mal wieder sprechen könnte.
    Waren in Deutschland Arbeitskollegen.
    Telefonisch über Nummer Aquavie ist er aber nicht zu erreichen.

    Gruß aus Bielefeld
    Bernd

    Kommentar
    • 4. Philipp Ziser  |  Mai 9, 2011 um 3:06 pm

      Hallo Bernd,

      vielen Dank für die Nachricht. Ich leite sie gerne an Heimo weiter. Beste Grüße aus Bujumbura!

      Kommentar
  • 5. Messner  |  Dezember 1, 2011 um 11:27 pm

    Hallo Philipp Ziser
    sind Sie noch in Bujumbura? Ich war vor vielen Jahren auch 2 mal zu Gast bei Matthias Kunze. Dort habe ich auch Heimo Vicens kennengelernt. Falls Sie noch dort sein sollten. Dann würde ich mich freuen, wenn Sie Beiden schöne Grüße von Susanne aus Frankfurt/Main ausrichten würden.
    Vielen Dank.
    Grüße
    Susanne

    Kommentar
  • 6. Philipp Ziser  |  Dezember 5, 2011 um 11:58 am

    Hallo Susanne,

    gerne richte ich die Grüße aus.

    Beste Grüße,

    Philipp

    Kommentar
  • 7. Messner  |  Dezember 8, 2011 um 9:39 pm

    Hallo Philipp

    vielen Dank.

    Grüße
    Susanne

    Kommentar
    • 8. Michelle Erfling  |  Februar 7, 2012 um 8:51 pm

      Hallo Philipp,
      ich bins Michelle aus München. Richte bitte dem Matthias aus, dass ich ihm schon viele Mails gesendet habe, die aber alle zurück kamen. Hier meine Email Adresse michelle_erfling2000@yahoo.de
      Grüße an deine Frau
      Vielen Dank…

      Kommentar
      • 9. Philipp Ziser  |  Februar 9, 2012 um 10:29 am

        Erledigt. Grüße nach München!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Diesen Artikel zurückverfolgen  |  Abonniere Kommentare via RSS Feed


Kurznachrichten aus Burundi

Was war zuletzt?

Das Burundi-Tagebuch als e-Mail? Einfach hier Mailadresse eintragen und immer auf dem aktuellen Stand sein!

Join 60 other followers

Was war am…

August 2007
M D M D F S S
« Jul   Sep »
 12345
6789101112
13141516171819
20212223242526
2728293031  

Artikelsuche im Archiv

Besucher

  • 178,824 Abrufe bis heute...

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.

Join 60 other followers