Donnerstag, 9. August 2007. 12.22 Uhr. Gerade war ich auf dem Markt – zusammen mit Anitha. Clothilde hatte mich nach einfachen Schlappen für die Kinder gefragt. Viele würden wieder nur barfuß laufen, weil die Badelatschen kaputt und durchgelaufen seien. Also ging ich heute zusammen mit Anitha welche kaufen. Ich ließ sie alles machen, verhandeln, diskutieren – Burunder unter sich. Sie schaffte es, den Preis pro Paar auf 850 FBU zu drücken. Der Euro steht derzeit bei 1.490 FBU. Nach der Preisschlacht schleppte ich die Tüte mit 28 neuen Paar Badelatschen durch das Gedränge, scherzte mit einigen Jugendlichen, die sich nach meiner Antwort auf Kirundi nicht mehr einkriegten und spendierte Tata (Anitha) eine Cola für ihr Verhandlungsgeschick.

 

Die Leute starrten uns an, als kämen wir vom anderen Stern. Was sie dabei dachten, liegt auf der Hand. Weißer Mann, burundisches Mädchen – die Sache ist klar. Es ist beinahe unmöglich, sich gemeinsam blicken zu lassen, ohne dass sofort an die eine Sache gedacht wird. Dabei kann ich es den Burundern auch gar nicht übel nehmen. Denn dieses Bild hat niemand anders gemalt als die Weißen selbst. Und die Südafrikaner, die hier ihr AU-Mandat ausführen. Die werden aber – im Gegensatz zu den Weißen – recht wenig gemocht. Jedenfalls… seit meinen raren Besuchen in der Diskothek „Havanna“ kann ich die Meinung der Burunder verstehen, was gemischte „Paare“ anbelangt. Ich habe es ja selbst gesehen. Ärgerlich macht mich dabei nur, dass es nicht mehr möglich ist, sich ganz normal zu bewegen – egal mit wem –, ohne dass einem gleich Hintergedanken angedichtet werden. Das ist schade.

 

Ich fragte Anitha, ob es für sie Probleme geben könnte. Ich lache darüber, wenn mich wieder einmal einer oder eine anglotzt und dann hektisch der Freundin zuflüstert mit Blick in meine Richtung. Aber für Anitha? Sie lacht und winkt ab. Nein, nein, keine Probleme. Ich glaube ihr. Wir sind in einer Stadt und sie ist eine Persönlichkeit, die nicht auf den Mund gefallen ist und sich wehren kann. Deshalb nehme ich ihr das ab. Aber aus einem ähnlichen Grund haben Lena und ich beschlossen, Epiphanie auf dem Land nicht zu besuchen. Sie ist, wie ich bereits erwähnte, in ihrem Heimatdorf im Süden, wo ihre Mutter sterbenskrank ist. Sie wird wahrscheinlich nicht zurück kommen, bevor die Schule wieder beginnt. Sprich, nicht vor unserem Abflug. Daher hatten wir überlegt, sie noch einmal zu besuchen. Aber das werden wir unterlassen. Zum einen wissen wir nicht, ob es ihr wirklich recht ist – da es der Mutter ja elend ergeht. Zum anderen ist die Situation in den kleinen Dörfern auf dem Land nochmals eine andere als in Bujumbura. Weiße sind dort eine Rarität, eine wirkliche Rarität. Das Aufsehen, das wir erregen könnten und höchstwahrscheinlich im Falle eines Besuchs auch würden, wäre unangenehm. Die weiteren Folgen, so hatten wir überlegt, wären auch für Epiphanie wohl nicht ganz ohne. Jeder würde sehen, dass sie Kontakte zu Weißen hat. Das würde mit Sicherheit nicht ohne Folgen bleiben, vielleicht auch Belästigung. Und auch für Epiphanies noch lebende Familienangehörige im Dorf. Da dieses liebe Mädchen ohnehin schon Probleme hat und viel zu oft in sich gekehrt ist, würde das bestimmt nicht zu ihrer Besserung beitragen. Wir haben uns bereits verabschiedet, bevor sie fuhr. Damit soll es gut sein. Für sie ist es besser.

 

Sie rief mich aber schon an. Mit einem Mobiltelefon ihres Nachbarn. Ganz kurz, aber ich solle sie doch bitte am Freitag Abend anrufen, wenn ich Zeit habe. Dann könne sie wieder kurz das Mobiltelefon haben. Ich freue mich ehrlich gesagt darauf – denn Epiphanie ist eines der Kinder, die mir am meisten ans Herz gewachsen sind. Gerade, weil sie so oft Nähe suchte. Wenn sie mal wieder so schweigsam war. Nicht unbedingt Gespräche – einfach nur Nähe. Als ich vor meinem Abflug nach Burundi gefragt wurde, was denn so unsere Aufgaben im Waisenheim werden würden, antwortete ich oft: „In erster Linie nur da sein.“ Bei Epiphanie traf das mehr als nur zu.

 

Gestern besuchte ich wieder unsere Straßenjungs. Die Trommler waren gerade am üben, also trank ich mit Déo, einer meiner Englischschüler, der nicht trommelt, eine Cola und plauderte mit ihm. Ich sah seine Vorfreude in seinen Augen blitzen. Zusammen mit sechs anderen aus dem Heim ist er nämlich bei den Pfadfindern und ist heute in eine Art Ferienlager nach Muramvya gefahren – eine Provinz östlich Bujumburas. Er erzählte mir ein wenig, was sie als Pfadfinder alles tun. Ich finde es gut, wenn sie sich sozial engagieren. Mit Déo und den anderen Jungs vereinbarte ich, ein Basketballturnier zu spielen, wenn sie wieder zurück sind. „Centre Birashoboka“ (Straßenkinderheim) gegen „Centre Uranderera“ (Waisenkinderheim) – das wird lustig für alle Beteiligten.

 

Heute Nachmittag werde ich noch die kleine Gladys im Krankenhaus besuchen. Dorine möchte auch mit. Sie war diese Woche schon beinahe jeden Tag dort. Zu Fuß. Dementsprechend müde schaute sie gestern Abend beim Essen aus der Wäsche. Völlig zerknittert und dennoch schmunzelnd. Ich ärgerte sie und neckte sie, was sie mir aber nicht übel nahm. Schließlich beruht das nur auf Gegenseitigkeit.

 

Mit Clothilde, unserer Heimleiterin, habe ich auch wieder lange gesprochen. Über dieses schöne Land Burundi. Und natürlich seine Probleme. Ich habe das Gefühl, sie macht sich sehr viele Gedanken. Sie ist belesen und weiß sehr viel. Es macht Spaß, sich mit ihr auszutauschen. Und nachdem ich mich nun auch mit Verena kurzgeschlossen habe, werden wir Bücher kaufen. Bücher über die Geschichte. Und zwar über die Wahrheit – beider Seiten. Nicht nur links oder rechts. Die Kinder sollen lesen, erkennen und verstehen. Aber dafür müssen sie erst einmal den Zugang zu dieser Literatur bekommen. In der Schule wird darüber natürlich kein Wort verloren. Dafür sorgen die Herren im Anzug schon fleißig. Aber nur, wer die Vergangenheit kennt, kann für die Zukunft lernen. Und da Versöhnung hier in Burundi bislang vollkommen ausgeblieben ist, finde ich das einen wichtigen Schritt. Wie schon oft erwähnt: Bei der jetzigen heranwachsenden Generation muss man ansetzen. Sie müssen verstehen – und dafür müssen sie erst einmal wissen. Dürfen. Können.