Linktipp am Montag
August 6, 2007
Auf http://burundibar.blogspot.com/ schildert meine Kollegin Julia ihre persönlichen Erlebnisse während unseres Dienstes in Burundi. Ich habe nun die Erlaubnis, es auch im größeren Rahmen bekannt zu geben und empfehle allen Lesern auch diese andere Sicht der Dinge - und außerdem auch ganz andere Erlebnisse… aus den Augen einer Frau.
Gedanken am Wochenende
August 6, 2007
Freitag, 3. August 2007. 20.20 Uhr. Ich sitze in unserem kleinen Garten, wo der Kürbis wuchert. Uns wurde gesagt, der würde gut wachsen – auch in der Trockenzeit. Also warten wir nun auf die Ernte. Wird noch ein wenig dauern, einige Blätter sind auch schon wieder dürr, aber ich glaube, es wird noch. Dann kriegen die Kinder auch mal wieder etwas anderes. Heute Abend werde ich noch mit ihnen essen. Maisbrei mit Bohnen.
Ein wirklich süßes Erlebnis hatten wir mit der kleinen Claudine, neun Jahre. Ein Schmunzeleffekt, wie ihn einem nur Kinder bescheren können. Auf dem Gelände haben wir eine Schaukel stehen, die damals Maries Vater für die Kinder zusammen geschweißt hatte. Ein Autoreifen dient als Sitz, der mit starken Kordeln an dem Gestänge befestigt ist. Doch wurde die Schaukel von Beginn an dermaßen beansprucht, dass die Kordeln irgendwann durchgescheuert sind. Kein Wunder, bei einer Last von teilweise bis zu fünf Kids. Claudine aber, pflichtbewusst wie immer, ging zu Julia und wollte Tesafilm haben. Julia wusste zuerst nicht wofür, als die Kleine dann aber in Richtung Schaukel davon marschierte, um sich ans Werk zu machen, musste Julia lachen und klärte Claudine auf. Auf dieselbe Art wollte die Neunjährige nun auch die Hängematte reparieren. Wir halfen aus.
Heute Morgen rauschte ein Panzerwagen der Armee an mir vorbei. Vom Viertel, wo der Präsident wohnt, hinunter in die Stadt. Auch wenn ich mich allmählich an den Anblick von Kalaschnikows an jeder Straßenecke gewöhnt habe, durchfährt mich manchmal ein merkwürdiges Gefühl. Ich glaube, es ist hier noch lange nicht so stabil, wie es den Anschein haben mag. Ein Blick auf die hiesigen Internetseiten der Nachrichtenvermittler bestätigt das auch in diesen Tagen. Heute äußerte der Deutsche Botschafter Thomas Mangartz öffentlich im Radio seine Besorgnis – stellvertretend auch für einige andere Botschaften. Was man tun kann? Weiter beobachten. Fest steht, dass derzeit in Burundi eine politische Konstellation besteht, die quasi handlungsunfähig ist. Der Präsident hat keine Mehrheit mehr, kann demnach keine Gesetze mehr durchbringen. Gelder von Geberländern warten darauf, nach Burundi zu fließen – doch das ist unter den derzeitigen Umständen unmöglich. Abwarten, ob sie sich zusammenraufen und eine Lösung finden können.
Derweil rückt unser Abschied immer näher. Die Kinder werden unruhig – wir versuchen es, so gut es geht, noch zu verbergen. Wir wollen es ihnen nicht schwerer machen als es eh schon ist. Merke ich, dass ich ruhig werde und nachdenklich, ziehe ich mich zurück und zeige es den Kindern nicht. Was nicht heißen soll, dass wir ihnen nicht zeigen, wie sehr wir sie lieb haben und dass es auch für uns nicht einfach ist zu gehen. Aber das ist das Leben. Ein Abschied ist auch immer der Beginn von etwas Neuem. Auf beiden Seiten. Doch damit umgehen zu können, muss man erst einmal lernen. Wir. Und die Kinder auch.
Wie wird es sein, wenn ich zurück bin? Wohin wird es uns alle als nächstes verschlagen? Was werden wir tun, was sein? Was nicht? Was wird in unseren Köpfen vorgehen, wenn wir wieder im Supermarkt vor dem prall gefüllten Regal stehen oder uns der wütende Nachbar begegnet und von seinem unhinnehmbaren Erlebnis erzählt – der Einkäufer vom Schlecker habe wieder mal zu nah an seinem Hoftor geparkt? Wenn wir von pubertierenden nach einer Zigarette gefragt werden, die dabei ihr Leid klagen, wie scheiße doch alles in der Schule sei und sowieso alles andere auch, während sie gerade ihr Tommy Hilfiger-Shirt zurecht zupfen? Es wird für mich schwer sein, mit den Problemen – von ihrem Schweregrad einmal abgesehen – der Leute zu Hause umgehen zu können. Sie zu verstehen, ja sie mir sogar erst einmal anzuhören. Ohne gleich zu denken: Denkst du wirklich, DU hast Probleme?
Es wird nicht leicht werden, wieder in die andere, die alte Welt, in der wir geboren und aufgewachsen sind, zurück und sich auch zurecht zu finden. Auch wenn es vielleicht Zeit brauchen wird – es wird so geschehen. Dabei habe ich nicht einmal Angst, dass ich mich nicht mehr zurecht finden werde. Vielmehr habe ich Angst davor, dass ich wieder genauso werde, zu viele Dinge vergesse, mir abgewöhne, mich vom Strom mitreißen lasse. Weil ich dann nicht mehr täglich kleine, in zerrissenen Fetzen gekleidete Straßenjungs sehen werde. Weil keine 60 Kinder mehr um mich herumspringen, für die ich Bruder, Vater, Krankenschwester, Sandsack, Ansprechpartner und Taschentuch bin. Weil ich keine abgemagerten Mütter mehr sehe, mit ihren Babys auf dem Arm, die ihren eigenen Kopf nicht aus eigener Kraft heraus mehr halten können – und mit denen es vielleicht auch keine zweite Begegnung gibt.
Wenn ich wieder in Karlsruhe stehe, inmitten des großen Europaplatzes. Neben mir Jugendliche, die Bier trinken, andere später Vodka kotzen und sich mit Fast Food die Bäuche voll schlagen. Im Straßencafé der Espresso für drei Euro getrunken wird, womöglich noch zur Hälfte stehen gelassen, da er kalt wurde, weil man mit der Freundin die gesamte Zeit beschäftigt war, über die neu eingekaufte Sommerkollektion zu diskutieren. Was wird mir durch den Kopf gehen? Werde ich an den kleinen Jimmy denken, der im Februar an einem Herzfehler starb, weil im Krankenhaus hier schlichtweg alles fehlt, wenn ich in Karlsruhe mit der Bahn an der Herzklink vorbei in Richtung Heimat fahre?
Werde ich mit dem Verkäufer im Geschäft handeln, weil mir sein Preis maßlos übertrieben scheint? Wenn ich am Computer sitze und mit dem Internet verbunden bin, werde ich dann aufstehen um eine Zigarette rauchen zu gehen, und wenn ich zurück bin, mich wundern, dass schon alle Mails verschickt, schon alle Seiten geladen sind? Wie wird es sein, wenn sich auf der Straße kein Mensch mehr für einen interessiert, niemand mehr grüßt und sei es nur ein einfaches Kopfnicken?
„Dort bei euch gibt es keine Armen, nicht wahr?“ fragte mich heute ein Mann, mit dem ich mich unterhielt, weil wir zufällig den selben Weg hatten. Ich sagte ihm, dass es die auch bei uns gebe. Jedoch anders und nicht in diesem Ausmaß. Er schaute mich verwundert an und schmunzelte, als wolle er mir zeigen, dass er mir kein Wort glaubt. Ich kann es ihm nicht übel nehmen. Doch dass vielleicht etwas nicht ganz stimmen kann, an manch einem Weltbild, das hier gemalt wird, dazu habe ich, denke ich, beigetragen. So akzeptieren mittlerweile alle, die ich auf meinem Weg zur Arbeit passiere, dass ich zu Fuß gehe, nicht im dicken Auto – und warum das so ist. Dass ich auf dem Markt meine Sachen einkaufe, wie alle anderen auch, und nicht in die teuren Geschäfte gehe. Dass ich mir die einheimischen Zigaretten kaufe und nicht die teuer importierten Sorten aus dem Rest der Welt. Dass ich mir burundischen Joghurt kaufe und nicht die Becher, die auch in Deutschland im Regal stehen.
Niemand sagt, dass die weiße Hautfarbe mit viel Geld assoziiert wird. Aber beinahe jeder denkt es. Das werde ich nicht ändern können. Nicht im großen Stil. Aber im Kleinen. Bei denen, denen ich begegne. Angefangen bei der Miterziehung der Kinder im Heim, über die Menschen auf der Straße bis hin zu manchem Gast in der Bar oder Arbeitskollegen.
Ich hüte mich davor, irgendjemandem einen Vorwurf zu machen. Weder hier, noch auf der anderen Seite der Welt. Denn die meisten Menschen wissen es einfach nicht besser. Aber ich erlaube mir, sie vielleicht darauf hinzuweisen. Ich zwinge niemanden. Aber ich deute an, vielleicht doch einmal mehr nachzudenken, als sich vom ersten bloßen Anschein verleiten zu lassen. „Afrika – ein Land, alles dasselbe, alles Afrikaner“. „Europa und Amerika – eine in sich geschlossene Welt, das Paradies, Reichtum, weiße Haut und Geld.“ Zwei Weltbilder, die sich meiner Meinung nach ändern, sich annähern lassen. Man muss nur zuhören. Können. Wollen.
Fest steht, dass es zu Hause Menschen gibt, die sich auf uns freuen. Und auf die auch wir uns freuen. Sehr sogar. Doch Verständnis ist vorausgesetzt – auf beiden Seiten.
Samstag, 4. August 2007. Heute gehe ich mit den Kids Basketball spielen. Der kleine Japhet, der früher im Heim war und nun zu Besuch in den Ferien da ist, kam heute Morgen schon und wollte verarztet werden. Eine Schramme am Zeh vom Fußballspielen – was auch sonst. Japhet mag ich sehr. Ein kleiner und schon so intelligenter Junge mit einem Anstand und einem Verhalten, das auch für so manchen Erwachsenen beispielhaft ist. Auch, wie er mit seinen Spielkameraden umgeht. Ich bin immer wieder fasziniert. Kinder, die in mir Hoffnung wecken und die mich in meinem Optimismus stärken, dass es in diesem schönen Land auch wieder anders aussehen kann. Eines Tages. Wenn sie nur die Chance dazu bekommen, etwas ändern zu können. Aber das wird kommen.
Sonntag, 5. August 2007. Heute Morgen haben wir keinen Strom, nur schwach fließendes Wasser und draußen regnet es heftig. Dabei ist Trockenzeit. Klimawandel in Burundi.
Gestern Abend musste die kleine Gladys ins Krankenhaus. Sie war in den Ferien gewesen mit ihren beiden größeren Schwestern Johana und Ella-Francine. Im Süden, in Bururi. Dort wurde sie krank, im örtlichen Hospital konnten sie der Kleinen nicht helfen – mit Verdacht auf Tuberkulose (TBC) wurde sie nach Bujumbura „überwiesen“. In der Hauptstadt dann suchten sie einen Platz in einem Krankenhaus – von nachmittags bis spät am Abend. Keiner wollte sie, angeblich nirgends Platz. Das Problem: Man kann Gladys nicht in einen Raum mit anderen stecken, denn sonst haben morgen alle TBC.
Die ganze Zeit war Gladys gesund, ein eher kräftiges Mädchen, keine Anzeichen von Schwäche. Aber anscheinend beginnt nun ihre Krankheit, sich bemerkbar zu machen: AIDS. Oftmals ist TBC eine logische Folge für derart geschwächte Immunsysteme. Endstation: Militärkrankenhaus Bujumbura. Auch dort erst eine ablehnende Haltung. Kein Platz, heißt es. Doch für 5.000 FBU lässt sich auch die Meinung eines sturen Arztes sehr schnell ändern. Auf einmal fällt ihm ein, dass da doch noch ein Raum frei sei – mit drei leeren Betten. Das Problem: An der kleinen Gladys verdienen die Ärzte und Krankenhäuser nichts. Sie müssen sie kostenlos behandeln, weil sie das HIV-Virus in sich trägt. Deshalb die anfängliche Ablehnung, die sich nur durch Bestechung hat brechen lassen. Gladys kann nun dort bleiben. Ihre Schwester Ella-Francine, die Älteste, ist bei ihr und versorgt sie. Wir hoffen, dass sich der Verdacht auf TBC vielleicht doch nicht bestätigt.
Clothilde, unsere Heimleiterin, ist heute Morgen wieder ins Krankenhaus gefahren, Essen bringen. Ich gab ihr auch einen kleinen Plüschhund mit. Ein kleines Pendant zu unserem Wachhund Simba. Er wird im Krankenhaus auf Gladys aufpassen. Das wird Clothilde so ausrichten.