Es geht dem Ende zu…

August 20, 2007

Freitag, 17. August 2007. 17.06 Uhr. Am Vormittag war ich wieder mit unseren großen Jungs Basketball spielen. Die Arbeit im Büro fahre ich, wie geplant, herunter auf ein Minimum, dass ich die letzte Zeit mehr mit den Kindern genießen kann. Lange ist es nicht mehr hin. Am Mittag begann es dann plötzlich zu regnen – sehr stark mit Gewitter. Ungewöhnlich, schließlich ist Trockenzeit. Für die Menschen auf dem Land mit Sicherheit nicht von Vorteil.

 

Auch die Party, die heute bei Jeroen angedacht war, fiel ins Wasser. Am Morgen übten die Mädchen noch einen Tanz, den sie als Dank vorführen wollten. Dazu kam es leider nicht. Zudem ist es sehr kalt. Morgen wären alle nur krank, daher schlug mir Jeroen vor, das Ganze auf die kommende Woche zu verschieben. Freitag, gleiche Uhrzeit. Vorausgesetzt, es regnet auch dann nicht. Auch hoffe ich auf das morgige Wetter, wenn wir das Basketballturnier spielen wollen. Abwarten.

 

Ruth und Kerstin waren heute schon im Heim bei uns, beinahe den ganzen Tag. Erster Kontat mit den Kindern, erstes Schnuppern im künftigen Domizil. Als Trost für die ausgefallene Party zeigte ich den Kleinen unter unseren Heimbewohnern den Zeichentrickfilm „Der kleine Eisbär“. Es ist immer wieder ein so schönes Gefühl, die Kinder gespannt mit großen Augen und kichernd zu sehen. Strahlend. Und mitfiebernd. „Yooh!“ und das kurze „eh!“ wechseln sich dabei ab, gemischt mit Diskussionen und Kommentaren zu dem gerade Gesehenen. Während die Kinder Film schauen, schaue ich Kinder. Absolut empfehlenswert für jeden, der eimal in Burundi mit Kids zu tun hat. Es geht einem das Herz auf.

 

Langsam wird es dunkel, Sonne ist keine zu sehen, nur alles grau in grau. Und es ist sehr kalt, wir frieren alle, einschließlich der Kinder, die schon in Pullovern herum rennen. Die Polizisten stehen in ihre dunkle Regenjacken gehüllt an den Straßenkreuzungen. Soldaten auf den Lkw ziehen sich Plastikplanen über die Köpfe, um im Trockenen zu bleiben. Ganz Bujumbura schlottert.

 

Gladys ist derweil wieder aus dem Krankenhaus zurück und wohlauf. Abgenommen hat sie, aber sie sieht gut aus. Zusammen mit ihren Schwestern Johana und Ella-Francine ist sie ins Heim zurück gekehrt. Schöne Ferien waren das wohl nicht. Aber immerhin geht es der Kleinen wieder gut. Zumindest, was die akute Krankheit betraf, was sich als normale Grippe herausstellte. Noch in den Ferien aber wollen wir einen Bluttest mit ihr machen, eine „Helferzellenbestimmung“, um eventuell schon eine Therapie mit ihr beginnen zu können. Gegen HIV, das sie leider in sich trägt.

 

17.22 Uhr – über der ganzen Stadt liegt ein Dunst. In der Ferne ist der Himmel rosa und orange. Die Berge des Kongo sieht man nicht, sie liegen im Nebel. Bujumbura verwandelt sich langsam, wie jeden Abend, in das weiße und gelbe Lichtermeer. Vorausgesetzt, der Strom bleibt an.

 

Ich habe beschlossen, in den kommenden Tagen mein Tagebuch zu beenden – zumindest online. Im Off schreibe ich weiter wie bisher. Ich werde dies aus mehreren Gründen tun. Die neuen Freiwilligen sind angekommen. Sie werden ab nun ihre Tagebücher führen und die Information über das Geschehen bei den Kindern wird weiterhin transportiert. Für alle, die es interessiert. Ich wünsche mir, dass das Interesse weiterhin so großartig sein wird, wie bisher. Denn egal, wer und wie oder wie oft es schreibt, es geht um die Sache. Informationen werden fließen. Sie müssen nur abgerufen werden. Zum anderen werde ich tatsächlich versuchen, meine Erlebnisse und Eindrücke in einem Buch zu verarbeiten. Das liegt nun nur noch an der Suche nach einem interessierten Verlag und dem Zugang zu diesem. Ich habe großen Ehrgeiz, dies zu erreichen. Denn ansonsten würden meine letzten Wochen in Burundi wohl nie und nirgends erscheinen. Man wird sehen. Besser: lesen.

 

Auf den allerletzten Tagebucheintrag werde ich jedoch noch hinweisen.

 

Samstag, 18. August 2007. 18.46 Uhr. Die Dusche gerade war kein Vergnügen. Schon wieder hat es viel geregnet und ist kalt. Die kurze trockene Zeit nutze ich, um mit den Jungs wieder Basketball spielen zu gehen. Auch die Kleinen sind immer dabei und nutzen die Gelegenheit, raus zu kommen. Doriane und Vainey sind dermaßen um das Feld herum getollt, dass ich sie zum Schluss beinahe nach Hause ziehen musste. „Ndarushe, Philippo“, müde sei sie, stöhnte Doriane mehrmals. Aber die beiden waren kichernd glücklich und das ist die Hauptsache. Ich hoffe nur, dass in den kommenden Tagen der Regen aufhört.

 

Am Vormittag war ich mit Julia und den beiden Neuen, Ruth und Kerstin auf dem Markt. Obst und Gemüse kaufen. Dabei bettelte mich ein junger Mann an – kein Kind. „Donnez moi amahella“. Ich fragte ihn, wieso. Dann antwortete er mir tatsächlich: „Kubera uri muzungu“, weil ich ein Weißer sei. Immerhin ehrlich. Dennoch schaute ich verdutzt und wohl auch unverständlich. Ich gab ihm zu verstehen, dass er seine Denkweise nochmals überdenken sollte. Wobei ich selbst weiß, woher diese „Mentalität“, wie sie ja meist allen Afrikanern angedichtet wird, herrührt. Verständlich ist sie. Was aber nicht bedeutet, dass man nicht dagegen angehen könnte.

 

Am Nachmittag wollte ich eigentlich mit drei unserer großen Jungs, Thierry, Flugence und Jimy, ins Fußballstadion gehen. Dort startete heute ein internationales Fußballturnier für die Nachwuchsmannschaften der nationalen Teams. Burundi eröffnete heute gegen Uganda. Außerdem sind, soweit ich weiß, noch Ruanda, Tansania und Sansibar angereist. Da wir uns aber beeilen mussten und in diesem Moment gerade das Essen der Kinder serviert wurde, mussten wir das Vorhaben sausen lassen. Das Turnier dauert jedoch eine Woche. Wir haben also noch Gelegenheit, ein Spiel zu besuchen. Ein burundischer Freund schrieb mir, dass ganze Menschenmassen in Richtung Stadion unterwegs seien. Großes Theater. Faszination Fußball. Ich freue mich auf den Tag, wenn wir mittendrin stehen.

 

Heute Abend esse ich wieder mit den Kids. Danach werde ich in die Bar gehen, um einige Kumpels wieder zu sehen, die ich lange nicht getroffen habe.

 

2.06 Uhr. Nach dem Essen mit den Kindern war ich noch in der Bar, einige einheimische Kumpels treffen. Das Wiedersehen war herzlich, es ist auch lange Zeit her, dass wir uns gesehen haben. George war da, Kiki (eigentlich Christian), der Sprachen studiert hat, und Flo, mein englischsprachiger Kumpel, der auch im September wieder sein Flugzeug nach Kanada nehmen wird, um dort seine Ausbildung abzuschließen. Budda traf ich auch, den burundischen Riesen. Ein Muskelpaket ohnegleichen, jedoch ein netter und lieber Mensch – was man ihm auf den ersten Blick vielleicht nicht zumuten würde.

 

George will davon, dass wir bald fliegen, nichts wissen. Kommt das Thema auf, lenkt er schnell ab oder sagt mir direkt, dass er das nicht hören möchte. Wir werden wohl auch über meine Zeit in Burundi hinaus Kontakt pflegen. Das denke ich auch bei Flo(rian). Zu viel haben wir gemeinsam geplaudert, zu viel Zeit miteinander verbracht, als dass wir vergessen könnten. Der Kontakt steht – meinerseits. Ob die Jungs das genauso sehen, wird sich erst noch zeigen müssen. Zum Schluss fehlte Karol, dem Kellner, das passende Rückgeld. Ich hätte ihm noch 100 FB geben müssen, dass es stimmt. Ich fragte ihn, ob ich ihm das Geld das nächste Mal geben könnte, ich habe keine 100 FB klein. Daraufhin sprach er so herzlich mit mir wie zur Begrüßung. Kein Problem sei das.

 

Beim Abendessen saß ich gemeinsam mit Dorine, Johana und Ella-Francine am Tisch. Die Stimmung war gut an diesem Abend. Alle lachten, scherzten, palaverten und waren anscheinend bester Laune. Ruth, Kerstin und Julia aßen auch mit – jedoch an anderen Tischen. Maisbrei mit Bohnen. Mittlerweile liegt mir diese Speise nicht mal mehr schwer im Magen. Alles Gewöhnungssache.

 

Sonntag, 19. August 2007. Der Genozid ist noch in aller Munde. Zumindest in den Köpfen, angesprochen wird dieses Thema zumeist nur an stillen Orten oder wenn die Beteiligten schon ein wenig Alkohol intus haben. Dann aber wird darüber diskutiert, offen, wie über jedes andere Thema auch. Wie von dem Ruander, der gestern mit mir am Tisch stand. Das ist nur ein Beispiel. Die Meinungen, die man dabei zu hören bekommt, variieren zwischen Himmel und Hölle, zwischen schwarz und weiß, gut und böse, radikal und gemäßigt. Und natürlich je nach Ansicht von Angehörigen der jeweiligen Gruppe. Es ist ein komplexes Thema, ein schlimmes Thema. Doch man muss sich damit auseinander setzen. Ruander und Burunder sowieso, aber auch die Mächte, die in den 90er Jahren nicht unwesentlich mitgespielt, zumindest passiv zugeschaut haben und alles haben geschehen lassen.

 

Eine wirkliche Aufarbeitung gibt es – das ist meine Meinung – nicht. Zwar einen Versuch und auch manchen Fortschritt in einigen Bereichen. Vielleicht auch kleine Erfolge. Gelöst wird dieses Problem aber derweil nicht. Nicht in Kigali, wo Präsident Kagame seine starke Hand auf allen Staatsaffären hat, nicht mit dem Kriegsverbrechertribunal für Ruanda in Arusha und in Bujumbura schon zwei Mal nicht. Dort hat man noch nicht einmal angefangen, irgendetwas zu lösen oder aufzuklären. Manchmal stelle ich mir die Frage, ob man überhaupt gewillt ist, etwas zu ändern. Ist doch alles prima, wie es läuft. Solange das, was passiert, innerhalb der jeweiligen Ländergrenzen bleibt. Oder zumindest in dieser Region da, die der „Großen Seen“.

 

Basketball war heute lustig. Ich spielte mit Danny, einem Jungen, der bis 2006 hier im Heim war – vor unserer Zeit – und nun in den Ferien hier ist. Er wohnt jetzt in Ruyigi, im Osten Burundis. Mit dabei war später auch Fulgence, mit dem ich eigentlich immer spiele. Bis er kam, warf ich ein paar Körbe mit kleinen Jungs, die im Viertel wohnen. Sie hatten sichtlich Spaß. Plötzlich sah ich einen kleinen Jungen in schmutzigen Kleidern und barfuß. Er blieb in einem Sicherheitsabstand zu uns. Die Ziegenherde weiter hinten im Schatten musste wohl zu ihm gehören. Er beobachtete uns aufmerksam, regte sich aber nicht. Als ich ihn zögern sah, signalisierte ich ihm, dass er herkommen solle und drückte ihm den Ball in die Hand. Plötzlich strahlte er über das ganze Gesicht, wollte den Ball aber gleich wieder zu einem der anderen Jungs spielen. Was mich sehr beeindruckte: Der andere gab ihm den Ball zurück und sagte ihm, er solle auf den Korb werfen. Daneben. Und noch einmal. Nach und nach legte der kleine Junge seine Scham ab und spielte mit uns Basketball. Ich denke mir, eine Abwechslung, die er nicht jeden Tag erfährt. Als er außer Puste war, rannte er weg, scheuchte seine Ziegen auf und verschwand mit ihnen hinter dem Berg.

 

Auf dem Rückweg vom Basketballplatz ins Heim, hörte ich plötzlich jemanden meinen Namen rufen. Eine Kinderstimme. Ich sah mich um und konnte nichts sehen. Der Torwächter, der gerade auf meiner Höhe stand, grinste und zeigte auf das Etagenhaus auf der anderen Straßenseite. Dort, im obersten Stockwerk, zwischen aufgehängter Wäsche, strecken sich mir vier Kinderhände durch das Balkongitter entgegen und winken. „Philippooo“. Ich winke zurück und lache. Auch schüttle ich den Kopf. Denn woher mich diese Kinder kennen, weiß ich nicht. Mir war nicht bewusst, dass man mich nun auch in diesem Viertel schon beim Namen kennt. Aber gut so.

Linktipp am Donnerstag

August 16, 2007

http://www.taz.de/index.php?id=digi-artikel&ressort
=sw&art=3151&no_cache=1

Noch eine “schöne” Lektüre, die ziemlich gut beschreibt, wie es um den Kontinent steht. Und wo - mitunter - das Problem liegt.

Burundis neues Problem

August 16, 2007

http://derstandard.at/?url=/?id=2997434

Ich bin beinahe überzeugt - ein weiteres Moment, bei dem die Welt wieder einmal weg sieht. Daher ist es umso mehr Motivation, an der Basis weiter zu arbeiten. Um wenigstens den Schaden begrenzt zu halten…

Party bei Jeroen

August 16, 2007

Mittwoch, 15. August 2007. 19.49 Uhr. Feiertag in Burundi. Katholischer Feiertag. Vor den Kirchen quetschen sich die Autos. Drinnen beten die Schäfchen. Morgens um 9 Uhr waren wir mit Jeroen von der niederländischen Botschaftsvertretung verabredet. Er holte uns ab und zeigte uns den Weg zu seinem Haus, das ebenfalls im Viertel Kiriri steht, unweit von unserem Heim. Nur ein paar verwinkelte Straßen weiter. Der Grund: Am Freitag müssen wir es alleine finden, wenn wir mit unseren 30 Kindern unterwegs sind. Unterwegs zur Poolparty, die Jeroen seit einiger Zeit versprochen hat und nun in die Tat umsetzt. Er lädt alle Kinder ein. Handtücher sollen sie mitbringen. Und einen Fußball. Dann steht der Fete nichts mehr im Wege. Ich bin gespannt auf die Gesichter der Kids. Fußball spielen auf dem großen Rasen, im Pool herumtollen. Und bevor es wieder nach Hause geht, lässt Jeroen ein Essen auftischen – wie es sich für eine Party gehört. Süßigkeiten wird es ohnehin geben.

 

Jeroens Verhalten imponiert mir sehr. Er ist einer der Menschen, die nicht nur große Reden spucken und von denen man dann nie wieder etwas hört. Bislang machte er alles wahr, was er ankündigte oder versprach. Von Anfang an. Vergangene Woche war er schon mal ins Heim gekommen, mit zwei Kollegen und Freunden. Kistenweise hatten sie Kleidung und Spielzeug in allen Varianten für die Kinder vorbei gebracht. Das gesamte Auto war bis obenhin mit Kartons voll beladen. Spenden von Bekannten und Freunden aus den Niederlanden. Er hatte angekndigt, noch mehr Klamotten bringen zu wollen. Er wolle sie aber davor waschen. Die brachte er in den vergangenen Tagen. Unzählige Berge von Kinderkleidung. Für Mädchen und Jungen. Alleine das Sortieren dauert Stunden. Jetzt freue ich mich auf Freitag. Auf die große Party. Die Mädchen wollen noch einen Tanz dafür einüben. Als kleiner Dank.

 

Am Nachmittag spielte ich Basketball. Mit einigen Jungs aus dem Straßenkinderheim und aus dem Waisenheim gemischt. Ich hatte Heimleiter Bienvenu des „Centre Birashoboka“ angerufen und ihm aufgetragen, er solle die Jungs fragen, ob sie Lust hätten. Sie hatten. Als sie ankamen, hatten sie eine ganze Schaar von Kleineren dabei. Die spielten auf dem Feld neben dem Basketballplatz Fußball, während die Großen drei gegen drei spielten. Ein schöner Sportnachmittag. Abwechslung für die Kids vor allem. Und ein gutes Training für Samstag. Dann veranstalten wir nämlich ein Basketballturnier zwischen den Heimen „Birashoboka“ und „Uranderera“. Mit mir als Schiedsrichter.

 

Heute Abend haben Lena, Julia, Nadine und ich mit den Kindern gegessen. Reis und Bohnen. Mit ein wenig Pili Pili, dem scharfen burundischen Chili. Nachdem wir unsere Teller aufgegessen hatten, haben Fébronie und ich beschlossen, dass wir noch Hunger haben und haben uns noch einen weiteren Teller geteilt. Im Anschluss lernte ich mit Anitha und Dorine noch Deutsch. Dorine hatte mich – einmal mehr – danach gefragt. Bei einer Tüte Gummibärchen.

 

Morgen kommen die nächsten Freiwilligen an. Kerstin und Ruth. Sie werden zuerst bei Verena wohnen, bis wir dann abgeflogen sind und hier im Heim Platz frei wird. Das ist eine erschreckend kurze Zeit. Und die Stimmung wird allmählich nachdenklicher. Bei uns und bei den Kindern. Man merkt es – immer mal wieder. Aber jetzt herrscht erst einmal Vorfreude auf die Party am Freitag bei Jeroen.

Dienstag, 14. August 2007. 9.08 Uhr. Gestern Abend, das hatte ich versprochen, zeigte ich den Kindern den Animationsfilm „Ice Age“. Die Vorfreude war größer als alles andere, ich weiß nicht, wie oft ich gefragt wurde, ob wir abends wirklich den Film schauen würden. Immer wieder gab ich dieselbe Antwort: Ja, aber nach dem Abendessen. Doriane, neun Jahre, war dann mit dem Essen besonders schnell fertig und kam wieder zu mir gerannt. Ich musste lachen als sie mit großen Augen wieder unter der Tür stand. Sie schmunzelte, weil sie sehr wohl verstand. Also setzte sie sich neben mich und spielte mit ihrem Tennisball, den sie über alles liebt und eigentlich nie aus der Hand gibt. Außer mir.

 

Doriane, ein sehr aktives kleines Mädchen, kommt in der letzten Zeit wieder öfter zu mir, sucht Nähe und will kuscheln. Ganz am Anfang unseres Burundijahrs war sie ähnlich. Dann zog sie sich abrupt zurück als der kleine Jimmy starb. Doriane ließ sich kaum noch bei uns blicken. Sie hatte damals in der Folgezeit auch zwei, drei Mal einen Aussetzer als sie nur noch wild um sich schlug. Mittlerweile ist sie wieder ganz ruhig, kommt oft zu mir. In den vergangenen Abenden immer. Ein Mal setzte sie sich neben mir, lehnte sich an und schlummerte langsam ein. Der Kopf sank immer weiter runter, bis ich sie weckte und ins Bett schickte. Gestern jedoch war sie hellwach. Sie wollte endlich den Film sehen.

 

Es geht einem das Herz auf, wenn man die Kids lachen sicht. Ich teile mir meinen Stuhl mit Claudine, die vorher die ganze Zeit stehen musste. Vianney hatte mich an der Hand in den Aufenthaltsraum der Jungs gezogen, dass ich mich schneller bewege. Jetzt saß er mit großen Augen und kichernd vor dem Bildschirm, während die animierten Tiere an ihm vorbei rennen und Faxen treiben.

 

Ich werde in der kommenden Zeit meine Arbeit im Büro ziemlich stark herunter fahren und mehr Zeit im Heim verbringen. Tagebuch werde ich weiter schreiben – offline. Wenn ich ehrlich sein soll, habe ich mir in den Kopf gesetzt, das alles (mit Ergänzungen und Bildern) in ein Buch umzusetzen. Es zumindest zu versuchen. Denn erst einmal muss ich einen Verlag finden. Geschweige denn Menschen, die sich dann auch für dieses Buch interessieren. Aber ich bin optimistisch. Wie immer, seit ich in Burundi bin.

Weitere Linktipps

August 13, 2007

Weitere aktuelle Linktipps zu Burundi:

http://www.kath.net/detail.php?id=17485 (für mich persönlich ein Beitrag, der zu sehr langen Diskussionen einlädt…)

und noch mal zusammengefasst:

http://www.oecumene.radiovaticana.org/ted/Articolo.asp?c=149219

Und schließlich:

http://www.donaukurier.de/lokales/eichstaett/art575,1726593

Linktipps

August 13, 2007

Auf www.ka-news.de ist ein weiterer Teil der Burundi-Serie erschienen.

Außerdem möchte ich auf zwei Tagebücher hinweisen, die auch nach meiner Abreise aus Burundi über das Geschehen in den Heimen der burundikids und Fondation Stamm informieren sollen und werden. Geführt werden sie von zwei unserer Nachfolgerinnen. Zu finden sind sie auf

http://kerstinsburundi.wordpress.com/ (Kerstin)

und

http://www.ruthn.wobistdujetzt.com/ (Ruth)

Ich wünsche mir, dass das Interesse an den Geschehnissen vor Ort genau so beibehalten wird wie bisher - wenn nicht sogar noch  Steigerung erfährt!

Internationale Party

August 13, 2007

Samstag, 11. August 2007. 16.06 Uhr. Gestern Abend telefonierte ich wieder mit Epiphanie. Ihr Nachbar, wie sie sagte, sei wieder so freundlich gewesen, ihr sein Mobiltelefon zur Verfügung zu stellen. Es war schön, ihre Stimme zu hören und auch, dass es ihr gut geht. Ihr und ihren Geschwisterchen. Mit dem kleinen Arnaud habe ich auch telefoniert – ungefähr drei Worte, dann ist er kichernd weg gerannt. Epi war hörbar glücklich. Ich auch.

 

Für den Abend waren wir bei einer Geburtstagsfeier eingeladen. Matthias Kunze, ein Deutscher, geboren in Burundi, wohnt außerhalb der Stadt direkt am Strand auf einem traumhaften Anwesen mit tadellosem Rasen, Palmen und Pool. Ihm gehört unter mitunter die örtliche Seifenfabrik „Savonor“ in Bujumbura und die Trinkwasserfabrik „Aquavie“. Im Süden, in Rumonge, stellt er noch Palmöl her. Anscheinend laufen die Geschäfte – wenn auch schwierig – gut. Immerhin hat er ein Monopol mit den Dingen, die er herstellt. Sein Kollege erzählt mir jedoch von den Schwierigkeiten mit den Behörden, immer wieder. Wenn man versucht, ehrlich zu arbeiten, macht man sich nur das Leben schwer. Aber das scheint ihre Philosophie zu sein und die wollen sie auch durchsetzen. Ein weiteres Problem: die Überschwemmung des afrikanischen Markts mit Billigprodukten made in Asien – und noch billigeren Arbeitskräften.

 

Matthias ist ein netter und ruhier Zeitgenosse. Ich habe schon viel von ihm gehört, jedoch bislang noch nie die Gelegenheit gehabt, ihn persönlich kennen zu lernen. Gestern Abend war er sehr nett und gab sich als fürsorglicher Gastgeber. Immer wieder schaute er bei uns vorbei und fragte, ob alles in Ordnung sei. Dennoch war die Party nicht ganz mein Fall – die Musik bereitete mir Kopfschmerzen, zudem fühlte ich mich in der Gesellschaft mit lauter (anscheinend) Reichen um mich herum nicht gerade richtig wohl. Ich habe wohl allgemein mit diesen Partys meine Probleme. Nicht, dass es etwa nicht schön wäre, mal wieder ein Bier zu trinken, mit durchaus interessanten und auch neuen Leuten mit den unterschiedlichsten Nationalitäten und Arbeitsbereichen. Aber ich habe immer das Gefühl, von einer Welt in die andere zu hüpfen. Ich sitze auf einem schönen Bastsessel mit Polster, unter einer Palme, auf tadellos gemähtem Rasen, der Pool beleuchtet und glasklar, an Getränken und Snacks alles da, was das Herz begehrt. Und hinter den hohen Mauern liegt das wirkliche Burundi. Die Lehmhütten mit den kleinen Feuerchen davor, auf denen das alte Frauchen mühsam den Maisbrei umrührt. Manchmal habe ich damit meine Probleme. Natürlich liegt das an mir – aber ich muss sagen, ich brauche diese Art Partys nicht unbedingt, um dem „harten“ Alltag zu entfliehen.

 

Die Fahrt zur Party war mal wieder buchreif. Vom Heim aus liefen wir ein Stück die Straße hinunter, wo uns Nachtwächter Martin freundlich begrüßte und uns ein wenig begleitete. Dann stiegen wir in ein Taxi. Der Fahrer war Kamikaze, seine Bremse kannte er wohl nicht. Wir rauschten am Markt vorbei, in der Einbahnstraße in der falschen Richtung. Ich fand es lustig, den Mädchen auf dem Rücksitz war nicht ganz so sehr zum Lachen. Kurz nach den Stadtgrenzen, wo das Viertel der Vereinten Nationen beginnt, winkt uns ein Polizist an einer Straßensperre zur Seite. Zwei andere halten ihre Kalaschnikow fest und schauen ernst drein. Zu meiner eigenen Verwunderung bin ich kein bisschen nervös. Was sollen sie schon machen?

 

Der wohl ranghöchste Polizist unter ihnen beugt sich hinunter zum Fahrer und verlangt mit unfreundlicher Aufforderung die Papiere unseres jungen Taxifahrers. Der drückt ihm eine kleine Mappe in die Hand, die ihm kurz darauf ins Gesicht geschlagen wird, mit einem Fluch auf Kirundi, den ich nicht verstehen konnte. Der kontrollierende Polizist mit dickem Bauch und Schnauzbart konnte also noch böser drein schauen als zu Beginn. Dann ging es an uns. Ausweise. Ich habe meinen Pass nie dabei, wenn ich abends unterwegs bin, sage ich ihm, worauf er etwas genervt schnaubt. Julia zeigt ihm ihren internationalen Führerschein, was ihm anscheinend genügt. Aber nur, weil wir Ausländer sind. Weiße Ausländer. Der Taxifahrer muss an Ort und Stelle bleiben. Der Dicke ruft einem Kollegen in zivil zu, er solle uns mit dem Polizeiauto zu dem Fest fahren, wohin wir wollten. Also stiegen wir in den weißen Pick Up mit den grünen und roten Streifen an der Seite. Und Kopien vom Ausweis sollten wir machen, die wir mit uns führen, belehrte uns noch einer. Julia drückte dem Taxifahrer noch etwas Geld in die Hand, dass er nicht ganz leer ausging. Darüber freute er sich wie ein kleines Kind. Der restliche Umstand scheint ihn nicht besonders zu beunruhigen.

 

Als wir uns von dem zivilen Polizisten verabschieden, fragt der, ob wir dem Taxifahrer wenigstens ein wenig Geld gegeben hätten, der Fairness halber. Und strecke schon die Hand aus. Wir sagten, wir hätten bereits einen Schein locker gemacht. Er nickt ab und rauscht davon. Hätten wir ihn als Geldboten eingesetzt, davon bin ich überzeugt, wäre der Taxifahrer immer noch leer ausgegangen.

 

Heute war ich kurz auf dem Markt und habe einige Sachen besorgt. Ein kleiner Junge kam an und bettelte mich um Geld an. Neben uns stand in dem Moment ein sichtlich wohlhabender Burunder in schickem Anzug, Gold hier und da, und dem Mobiltelefon am Ohr. Ich sagte dem Kleinen mit einem Fingerzeig, dass er ihn fragen solle. Er schüttelte heftig den Kopf. Warum nicht ihn, sondern mich, fragte ich – und gab auch gleich selbst die Antwort. „Kubera ndi umuzungu?“ (Weil ich ein Weißer bin?). Er nickt. Immerhin war er ehrlich. Die Händler um uns herum lachen. Bei dem Burunder gerät der Junge noch in Gefahr, eine Ohrfeige zu kassieren – es wäre nicht das erste Mal, dass ich das sehe.

 

Auf dem Markt halte ich ein wenig Smalltalk mit den Ananasverkäuferinnen – unseren mittlerweile „guten Bekannten“. Die Mamas faszinieren mich mit ihrer stetig guten Laune. Wie es den anderen gehe, fragt eine. Gut. An mehreren Stellen im Markt werde ich mit meinem Namen gegrüßt. Philippo hier, Philippo da. Teilweise kenne ich die Gesichter, teilweise aber wieder nicht. Keine bösen Mienen, nicht eine. Man fühlt sich akzeptiert. Natürlich ist man immer noch der muzungu, der wird man auch immer bleiben. Aber immerhin nehmen einen die Menschen an, versuchen einen beim Preis nicht mehr unbedingt zu vergaukeln - höchstens noch aus Spaß. Und auch was Taschendiebstahl anbelangt, ist man gut bedient, wenn man die Leute um sich herum kennt, und dass sie auf der selben Seite stehen wie man selbst. Kurzum: Man fühlt sich wohl. Mittendrin. Und spricht man noch ein wenig Kirundi, ist man sowieso adoptiert. Sagen wir: respektiert.

 

2.23 Uhr. Zurück von der Party bei Marco. Für das Fest gab es zwei Gründe: einen Abschied, eine Rückkehr. Als Überraschung hatte Marco unsere Trommler aus dem Straßenkinderheim engagiert, die beim Publikum sehr gut ankamen. Von Anfang an, als sie mit den Trommeln auf dem Kopf durch das große Tor in das Grundstück traten. Ich gebe zu, ich platzte vor Stolz, vor Freude – alle Zuhörer und -schauer an diesem Abend bestaunten und bewunderten diese Jungen. Sie haben sich gemacht, sie sind jemand, ihnen wird Respekt gezollt. In diesem Moment gab es für mich nichts Schöneres als dieses Gefühl.

 

Im Publikum tummelten sich auch allerhand Botschafter. Auch unseren Thomas Mangartz erblickte ich zwischendurch, kam jedoch leider nicht dazu, mit ihm zu sprechen. Sowieso war das Publikum – wie meistens bei diesen Partys – international. Burundisch, deutsch, belgisch, englisch, französisch, südafrikanisch, niederländisch, schottisch, tschechisch… Eine interessante Mischung. Ich unterhielt mich kurz mit Leuten vom belgischen Sicherheitsdienst der Botschaft, mit zwei mir bereits gut Bekannten Kollegen des Sicherheitsdiensts der Europäischen Kommission, einer Frau der englischen Botschaft – und sogar mit dem Nuntius, dem hiesigen päpstlichen Botschafter, ebenfalls ein Engländer.

 

Star des Abends war eindeutig Kevin, unser achtjähriger und damit jüngster Trommler. Wer ihn sieht, möchte ihn behalten, von seinen tänzerischen Darbietungen sind ohnehin immer alle hin und weg. Als er mich sieht, rennt er auf mich zu und umarmt mich. Ich wartete anfangs beim „Chez André“, wo mich die Trommelgruppe abholte. Gemeinsam fuhren wir dann zu Marcos Haus, wo wir zuerst noch in einer Seitenstraße warteten, bis uns Marco das „ok“ gab. Die Überraschung für seine beiden Kolleginnen ist gelungen.

 

Zu meiner Überraschung lernte ich noch einen Deutschen kennen, den ich in der ganzen bisherigen Zeit noch nie gesehen habe. Roland heißt er und wohnt nun auch schon seit 20 Jahren in der Region der Großen Seen, in Bujumbura unweit des „Chez André“. Ich werde mich kommende Woche bei ihm melden und ihn und seine sehr nette Frau Ange besuchen. Ich bin gespannt, was er mir zu erzählen hat. Das erste Gespräch bei der Party gestern war schon einmal sehr… nennen wir es: interessant. Auf einer Wellenlänge liegen wir nämlich in keinster Weise. Aber ich höre mir an, was er zu sagen hat.

 

Sonntag, 12. August 2007. 18.21 Uhr. Nach dem Basketballspiel mit der Hälfte der Kinder, die zurzeit noch im Heim sind, bin ich erschöpft. Heute Abend werde ich noch mit den Kids essen und ein wenig Vokabeln lernen. Heute Mittag kam Aron zurück aus den Ferien. Sichtlich zufrieden sah er aus – was mich sehr freute.

Gladys

August 10, 2007

Freitag, 10. August 2007. Gestern besuchte ich Gladys im Krankenhaus. Ihre Schwestern Ella-Francine und Johana sind dort und kümmern sich rund um die Uhr. Die Zustände im Krankenhaus „Roi Khaled“ lassen mich immer wieder erschaudern. Wenn ich dort hinein trete, bekomme ich schon das Gefühl, selbst gleich krank zu werden. Hier soll sich ein Mensch erholen und kurieren können?

 

Gladys geht es anscheinend schon wieder besser. Ich habe zwar ihren vorherigen Zustand nicht gesehen, doch sie sieht immer noch, wie ich finde, wie ein kleines Häufchen Elend aus. Den kleinen Stoffhund, den ich ihr über Clothilde mitbringen habe lassen, hat sie fest in der Hand, sie liegt auf dem Bauch und schläft. Das Stofftier steht symbolisch für unsere Wachhündin Simba, sie würde selbst im Krankenhaus auf Gladys aufpassen, sagte ich. Der Anblick des kleinen Mädchens ist herzzerreißend. Essen verweigert sie größtenteils, während meines Anwesenheit würgte sie eine Mandarine hinunter. Clothilde überredete sie auch, ein Glas zu trinken. Dann wurde wieder geschlafen. Zum Abschied sagte ich ihr, dass sie beim Abschiedsfest wieder kräftig mit ihren Freundinnen tanzen können wird.

 

Im Freien machte ich Bekanntschaft mit einem kleinen Jungen, der vielleicht zwei oder drei Jahre alt war. Neugierig blieb er bei mir stehen und schaute mich grinsend an, mit der großen Kompresse auf seinem Kopf, als er mit seiner schwangeren Mutter vorbei spazierte. Ich beugte mich zu dem kleinen Patienten hinunter und streckte ihm meine Hand hin, in die er einschlug wie ein Großer. Daraufhin blickte er umgehend und vor Stolz platzend zu seiner jungen, kichernden Mutter. Auch zum Abschied bestand er dann auf einen Handschlag. „Mugenzi wanje“, mein Freund, sagte ich, was bei Dorine, die mit mir ins Krankenhaus gefahren war, für Schmunzeln sorgte.

 

Ich hasse dieses Krankenhaus. Ich hasse diese Zustände, das elende Verrecken hinter den rissigen Gemäuern. Nicht nur, weil wir hier Jimmy verloren haben. Sondern weil er nicht der Letzte war, dem hier schlichtweg nicht geholfen werden konnte – und keine Besserung in Sicht ist, weil es den größten Teil der Welt schlichtweg nicht interessiert. Schon wieder eines unserer Kinder in dieser Bruchbude besuchen zu müssen, kratzt an meinen Nerven. Ich bewundere die jungen, noch motivierten Ärzte, die hier ihren täglichen Job verrichten. Vielleicht ist auch der eine oder andere Idealist und Patriot dabei, der etwas verändern will und nicht nach Europa oder Amerika abhaut. Wobei ich auch diese Mediziner verstehen kann. Vollkommen.

Donnerstag, 9. August 2007. 12.22 Uhr. Gerade war ich auf dem Markt – zusammen mit Anitha. Clothilde hatte mich nach einfachen Schlappen für die Kinder gefragt. Viele würden wieder nur barfuß laufen, weil die Badelatschen kaputt und durchgelaufen seien. Also ging ich heute zusammen mit Anitha welche kaufen. Ich ließ sie alles machen, verhandeln, diskutieren – Burunder unter sich. Sie schaffte es, den Preis pro Paar auf 850 FBU zu drücken. Der Euro steht derzeit bei 1.490 FBU. Nach der Preisschlacht schleppte ich die Tüte mit 28 neuen Paar Badelatschen durch das Gedränge, scherzte mit einigen Jugendlichen, die sich nach meiner Antwort auf Kirundi nicht mehr einkriegten und spendierte Tata (Anitha) eine Cola für ihr Verhandlungsgeschick.

 

Die Leute starrten uns an, als kämen wir vom anderen Stern. Was sie dabei dachten, liegt auf der Hand. Weißer Mann, burundisches Mädchen – die Sache ist klar. Es ist beinahe unmöglich, sich gemeinsam blicken zu lassen, ohne dass sofort an die eine Sache gedacht wird. Dabei kann ich es den Burundern auch gar nicht übel nehmen. Denn dieses Bild hat niemand anders gemalt als die Weißen selbst. Und die Südafrikaner, die hier ihr AU-Mandat ausführen. Die werden aber – im Gegensatz zu den Weißen – recht wenig gemocht. Jedenfalls… seit meinen raren Besuchen in der Diskothek „Havanna“ kann ich die Meinung der Burunder verstehen, was gemischte „Paare“ anbelangt. Ich habe es ja selbst gesehen. Ärgerlich macht mich dabei nur, dass es nicht mehr möglich ist, sich ganz normal zu bewegen – egal mit wem –, ohne dass einem gleich Hintergedanken angedichtet werden. Das ist schade.

 

Ich fragte Anitha, ob es für sie Probleme geben könnte. Ich lache darüber, wenn mich wieder einmal einer oder eine anglotzt und dann hektisch der Freundin zuflüstert mit Blick in meine Richtung. Aber für Anitha? Sie lacht und winkt ab. Nein, nein, keine Probleme. Ich glaube ihr. Wir sind in einer Stadt und sie ist eine Persönlichkeit, die nicht auf den Mund gefallen ist und sich wehren kann. Deshalb nehme ich ihr das ab. Aber aus einem ähnlichen Grund haben Lena und ich beschlossen, Epiphanie auf dem Land nicht zu besuchen. Sie ist, wie ich bereits erwähnte, in ihrem Heimatdorf im Süden, wo ihre Mutter sterbenskrank ist. Sie wird wahrscheinlich nicht zurück kommen, bevor die Schule wieder beginnt. Sprich, nicht vor unserem Abflug. Daher hatten wir überlegt, sie noch einmal zu besuchen. Aber das werden wir unterlassen. Zum einen wissen wir nicht, ob es ihr wirklich recht ist – da es der Mutter ja elend ergeht. Zum anderen ist die Situation in den kleinen Dörfern auf dem Land nochmals eine andere als in Bujumbura. Weiße sind dort eine Rarität, eine wirkliche Rarität. Das Aufsehen, das wir erregen könnten und höchstwahrscheinlich im Falle eines Besuchs auch würden, wäre unangenehm. Die weiteren Folgen, so hatten wir überlegt, wären auch für Epiphanie wohl nicht ganz ohne. Jeder würde sehen, dass sie Kontakte zu Weißen hat. Das würde mit Sicherheit nicht ohne Folgen bleiben, vielleicht auch Belästigung. Und auch für Epiphanies noch lebende Familienangehörige im Dorf. Da dieses liebe Mädchen ohnehin schon Probleme hat und viel zu oft in sich gekehrt ist, würde das bestimmt nicht zu ihrer Besserung beitragen. Wir haben uns bereits verabschiedet, bevor sie fuhr. Damit soll es gut sein. Für sie ist es besser.

 

Sie rief mich aber schon an. Mit einem Mobiltelefon ihres Nachbarn. Ganz kurz, aber ich solle sie doch bitte am Freitag Abend anrufen, wenn ich Zeit habe. Dann könne sie wieder kurz das Mobiltelefon haben. Ich freue mich ehrlich gesagt darauf – denn Epiphanie ist eines der Kinder, die mir am meisten ans Herz gewachsen sind. Gerade, weil sie so oft Nähe suchte. Wenn sie mal wieder so schweigsam war. Nicht unbedingt Gespräche – einfach nur Nähe. Als ich vor meinem Abflug nach Burundi gefragt wurde, was denn so unsere Aufgaben im Waisenheim werden würden, antwortete ich oft: „In erster Linie nur da sein.“ Bei Epiphanie traf das mehr als nur zu.

 

Gestern besuchte ich wieder unsere Straßenjungs. Die Trommler waren gerade am üben, also trank ich mit Déo, einer meiner Englischschüler, der nicht trommelt, eine Cola und plauderte mit ihm. Ich sah seine Vorfreude in seinen Augen blitzen. Zusammen mit sechs anderen aus dem Heim ist er nämlich bei den Pfadfindern und ist heute in eine Art Ferienlager nach Muramvya gefahren – eine Provinz östlich Bujumburas. Er erzählte mir ein wenig, was sie als Pfadfinder alles tun. Ich finde es gut, wenn sie sich sozial engagieren. Mit Déo und den anderen Jungs vereinbarte ich, ein Basketballturnier zu spielen, wenn sie wieder zurück sind. „Centre Birashoboka“ (Straßenkinderheim) gegen „Centre Uranderera“ (Waisenkinderheim) – das wird lustig für alle Beteiligten.

 

Heute Nachmittag werde ich noch die kleine Gladys im Krankenhaus besuchen. Dorine möchte auch mit. Sie war diese Woche schon beinahe jeden Tag dort. Zu Fuß. Dementsprechend müde schaute sie gestern Abend beim Essen aus der Wäsche. Völlig zerknittert und dennoch schmunzelnd. Ich ärgerte sie und neckte sie, was sie mir aber nicht übel nahm. Schließlich beruht das nur auf Gegenseitigkeit.

 

Mit Clothilde, unserer Heimleiterin, habe ich auch wieder lange gesprochen. Über dieses schöne Land Burundi. Und natürlich seine Probleme. Ich habe das Gefühl, sie macht sich sehr viele Gedanken. Sie ist belesen und weiß sehr viel. Es macht Spaß, sich mit ihr auszutauschen. Und nachdem ich mich nun auch mit Verena kurzgeschlossen habe, werden wir Bücher kaufen. Bücher über die Geschichte. Und zwar über die Wahrheit – beider Seiten. Nicht nur links oder rechts. Die Kinder sollen lesen, erkennen und verstehen. Aber dafür müssen sie erst einmal den Zugang zu dieser Literatur bekommen. In der Schule wird darüber natürlich kein Wort verloren. Dafür sorgen die Herren im Anzug schon fleißig. Aber nur, wer die Vergangenheit kennt, kann für die Zukunft lernen. Und da Versöhnung hier in Burundi bislang vollkommen ausgeblieben ist, finde ich das einen wichtigen Schritt. Wie schon oft erwähnt: Bei der jetzigen heranwachsenden Generation muss man ansetzen. Sie müssen verstehen – und dafür müssen sie erst einmal wissen. Dürfen. Können.