Stille im Heim

Juli 30, 2007

Sonntag, 29. Juli 2007. 15.22 Uhr. Es ist sehr ruhig im Kinderheim. Zu ruhig für meinen Geschmack. Noch etwa 25 Kinder sind da, die anderen sind alle in die Ferien gegangen. Zu Tanten, Onkeln, Freunden, manche auch zur Mutter oder einem Vater. Selbst bei den schwierigen Unterfangen hatten wir Erfolg – beispielsweise bei Aron, der irgendwo mitten im Landesinnern wohnt. Er selbst hätte dorthin nicht gefunden. Also haben wir seinen Bruder kontaktiert, der ihn im Heim abholte und zu noch lebenden Familienangehörigen führte. Dort ist er nun bis Ende August. Bevor dann im Herbst eine weitere Operation für ihn in Österreich ansteht – aufgrund seiner Verbrennungen im Gesicht, die ihn seit seiner Kindheit entstellen. Im Heim hat er sich mittlerweile gut etabliert und seinen Platz unter den anderen sicher.

 

Gestern Abend habe ich Dorine versprochen, mit ihr zu essen. Dass sie nicht so alleine ist. Denn alle, die normalerweise mit ihr am Tisch sitzen – Espérance, Johana, Ella, Pamella und Euphemie – sind in den Ferien. Sie schmunzelte. Abends saßen wir dann zu viert beim Essen: Anitha, Heimleiterin Clothilde, Dorine und eben ich. Später gesellte sich noch die kleine Kiki dazu. Die wird übrigens im September auch ihre schulische Laufbahn beginnen und den Kindergarten besuchen.

 

Maries Mutter Brigitte und Ärztin Julia sind derweil wieder aus Muyinga im Landesinnern zurück, wo sie in unserer Ernährungsstation Frauen und Kinder untersuchten und medizinisch versorgten – zusammen mit Stationsleiterin Celestine. Neben der medizinischen Hilfe sprudeln auch wieder Ideen für die Zukunft. Und es scheint mir ganz so, als habe sich nun auch Julia mit dem berühmten Afrika-Virus angesteckt. Gut so – für Burundi.

 

Gestern Morgen war ich seit Ewigkeiten mal wieder Basketball spielen. Dorine, Anitha und Thierry waren dabei. Zwei gegen zwei, gemischte Teams – und ein riesiger Spaß. Dabei war es unmöglich heiß. Aber mittlerweile habe ich mich ja daran gewöhnt. Später tauchten dann plötzlich meine Jungs aus dem Straßenkinderheim auf, die in meinem Englischkurs sitzen. Sie spielten spontan mit und meine Kondition wurde nach zweistündigem Spiel nochmals gründlich gefordert. Aber ich hielt durch. Und eine Revanche wollen sie nun auch. Demnächst.

 

Nachmittags ging ich mit Nadine ins Straßenkinderheim. Sie dort vorstellen und ihr alles zeigen. Von den ersten Eindrücken sei sie etwas erschlagen gewesen, schmunzelte sie. Was ich verstehen kann. Erst einmal alles wirken lassen. Mit den Jungs unterhielt sie sich aber schon ganz angeregt. Mich beeindruckt einfach immer wieder, wie offen und interessiert sie sind. Natürlich – Nadine ist auch ein Mädchen. Aber nur darum geht es ihnen nicht. Und das ist, was mir imponiert. Saubere Kerle. Vergangenheit hin oder her.

 

Abends hatte ich dann einmal mehr wieder eine politische Diskussion. Jemand Neues, den ich vorgestellt und kennen gelernt habe. Von derselben Ethnie, wie der radikale Vertreter, über dessen Begegnung ich hier schon geschrieben hatte. Er aber war das Gegenteil. „Idioten“ nennt er diejenigen, die immer noch so denken, wie der, dessen Meinung ich das letzte Mal hören durfte. Wenn man ihn frage, welche Ethnie er sei, würde er darauf antworten: Burunder. Bravo. Warum denken nur nicht alle so? Es müsste doch eigentlich im Interesse aller liegen – egal aus welche Ecke –, dass dieses wundervolle Land wieder an Kraft gewinnt und aus der Misere kommt, ohne dabei von außer abhängig zu bleiben für die Ewigkeit. So, wie es vor dem Krieg gewesen sein muss. Ein Paradies Ostafrikas. Darüber hinaus das Herz ganz Afrikas. Ich muss ehrlich sagen, dass mir das ganze Ethnien-Gerede tierisch auf die Nerven geht. Weil einfach die Grundlagen für solche hinrissigen Unterscheidungen fehlen. Wieso muss man denn überhaupt eine Grenzlinie ziehen? Sie leben alle zusammen in diesem kleinen, schönen Land. Das müsste doch irgendwann einmal zu akzeptieren sein? Und dass die Burunder einsehen, dass sie nur gemeinsam stark sind und ihr Land gegen außen verteidigen können – gegen Wirtschaft aus Asien oder die Eigeninteressen der Europäer und Amerikaner. Lange Diskussion.

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