Hühner und Wissen
Juli 31, 2007
Dienstag, 31. Juli 2007. 11.04 Uhr. Gestern Abend hatte sich ein Huhn in unserem Haus verlaufen. Vielleicht auch mit Absicht. Ich hatte letzt schon beobachtet, wie eine Henne mit ihren vielen Küken in unser Haus marschierte und sich unter einem Tisch breit machte. Als ich hinaus ging, sah ich zwei Greifvögel am Himmel kreisen. Nach einer Weile ging die Hühnerfamilie wieder von alleine ins Freie. Die Henne gestern aber weigerte sich. Julia musste sie dann unter Nadines Bett vorziehen und einfangen, dass sie sie wieder nach draußen bringen konnte. Greifvögel waren dieses Mal keine zu sehen, es war auch schon dunkel.
Die Tage abends aß ich erneut mit Anitha, Dorine und Heimleiterin Clotilde an einem Tisch. Reis, Kohl und Bohnen. Wir lachten viel, sprachen über burundische Sitten und Verhaltensweisen und den deutschen Vergleich dazu. Dann wollten sie – warum auch immer – alles über Schnee wissen. Ob da überhaupt Autos fahren könnten? Die Fragen lassen mich schmunzeln und ich finde es irgendwie so süß sympathisch. Aber logisch, woher sollen sie es denn wissen? Clothilde fragte mich, ob ich nicht noch ein wenig bleiben könne. So ein, zwei Jahre. Ein Vertrag wäre doch machbar, Arbeit gebe es genug. Ich lenkte vom Thema ab. Anitha zählt derweil die Tage schon rückwärts.
Unsere kleine Bibliothek im Kinderheim ist bereits eingerichtet und wird auch schon eifrig genutzt. Größte Arbeit war, sämtliche Bücher und Heftchen zu nummerieren, das System einzurichten. Dann aber ging alles wie von selbst. Anitha stand auch zur Seite und tat alles, was man ihr auftragte – wie immer. Nun steht alles, Verantwortliche für die Bibliothek sind gefunden, die Kids können lesen und sich bilden. Es war uns wichtig, dass wir nun mit der kleinen Bücherei nichts mehr zu tun haben, sondern die Kinder selbst dafür Verantwortung übernehmen. Bücher sind teuer. Die Bücher, Magazine und Zeitungen sind da, um in die Welt hinaus blicken zu können, was abgeht – in Burundi, Afrika, auf dem Globus. Und, um zu lernen – Englisch, Suaheli, Französisch und einiges mehr. Es ist ein Angebot, das genutzt werden kann – nicht muss. Und es muss in ihrem eigenen Interesse sein, dass nichts gesteohlen oder kaputt gemacht wird. Das war die Idee. Und bislang klappt es bestens.
Einen großen Teil der Bücher haben wir von der Europäischen Schule Karlsruhe erhalten. Lektüren in Englisch und Französisch für fast jede Altersklasse. Genutzt werden sie nun schon eifrig – bis dann auch in unserer Schule am anderen Ende Bujumburas die Bibliothek fertig ist und Bücher dorthin gebracht werden können. Ich will wirklich, dass diese Kinder und Jugendlichen sich alles anlesen, was in der Welt passiert. Dass sie reflektieren können, Komplexe verstehen – und somit etwas verändern können in diesem Land. Ich wünsche es ihnen von ganzem Herzen, dass sie es können. Denn sie können neue Bahnen einschlagen. Neues Denken, neue Erziehung. Neue Wege. Wirklich etwas Großes verändern, das können aber frühestens ihre Kinder.
Linktipp am Montag
Juli 30, 2007
http://www.sueddeutsche.de/ausland/artikel/889/125699/
Ich freue mich, dass Burundi endlich eine Stimme bekommt – auch in Deutschlands führenden Tagesblättern!
Stille im Heim
Juli 30, 2007
Sonntag, 29. Juli 2007. 15.22 Uhr. Es ist sehr ruhig im Kinderheim. Zu ruhig für meinen Geschmack. Noch etwa 25 Kinder sind da, die anderen sind alle in die Ferien gegangen. Zu Tanten, Onkeln, Freunden, manche auch zur Mutter oder einem Vater. Selbst bei den schwierigen Unterfangen hatten wir Erfolg – beispielsweise bei Aron, der irgendwo mitten im Landesinnern wohnt. Er selbst hätte dorthin nicht gefunden. Also haben wir seinen Bruder kontaktiert, der ihn im Heim abholte und zu noch lebenden Familienangehörigen führte. Dort ist er nun bis Ende August. Bevor dann im Herbst eine weitere Operation für ihn in Österreich ansteht – aufgrund seiner Verbrennungen im Gesicht, die ihn seit seiner Kindheit entstellen. Im Heim hat er sich mittlerweile gut etabliert und seinen Platz unter den anderen sicher.
Gestern Abend habe ich Dorine versprochen, mit ihr zu essen. Dass sie nicht so alleine ist. Denn alle, die normalerweise mit ihr am Tisch sitzen – Espérance, Johana, Ella, Pamella und Euphemie – sind in den Ferien. Sie schmunzelte. Abends saßen wir dann zu viert beim Essen: Anitha, Heimleiterin Clothilde, Dorine und eben ich. Später gesellte sich noch die kleine Kiki dazu. Die wird übrigens im September auch ihre schulische Laufbahn beginnen und den Kindergarten besuchen.
Maries Mutter Brigitte und Ärztin Julia sind derweil wieder aus Muyinga im Landesinnern zurück, wo sie in unserer Ernährungsstation Frauen und Kinder untersuchten und medizinisch versorgten – zusammen mit Stationsleiterin Celestine. Neben der medizinischen Hilfe sprudeln auch wieder Ideen für die Zukunft. Und es scheint mir ganz so, als habe sich nun auch Julia mit dem berühmten Afrika-Virus angesteckt. Gut so – für Burundi.
Gestern Morgen war ich seit Ewigkeiten mal wieder Basketball spielen. Dorine, Anitha und Thierry waren dabei. Zwei gegen zwei, gemischte Teams – und ein riesiger Spaß. Dabei war es unmöglich heiß. Aber mittlerweile habe ich mich ja daran gewöhnt. Später tauchten dann plötzlich meine Jungs aus dem Straßenkinderheim auf, die in meinem Englischkurs sitzen. Sie spielten spontan mit und meine Kondition wurde nach zweistündigem Spiel nochmals gründlich gefordert. Aber ich hielt durch. Und eine Revanche wollen sie nun auch. Demnächst.
Nachmittags ging ich mit Nadine ins Straßenkinderheim. Sie dort vorstellen und ihr alles zeigen. Von den ersten Eindrücken sei sie etwas erschlagen gewesen, schmunzelte sie. Was ich verstehen kann. Erst einmal alles wirken lassen. Mit den Jungs unterhielt sie sich aber schon ganz angeregt. Mich beeindruckt einfach immer wieder, wie offen und interessiert sie sind. Natürlich – Nadine ist auch ein Mädchen. Aber nur darum geht es ihnen nicht. Und das ist, was mir imponiert. Saubere Kerle. Vergangenheit hin oder her.
Abends hatte ich dann einmal mehr wieder eine politische Diskussion. Jemand Neues, den ich vorgestellt und kennen gelernt habe. Von derselben Ethnie, wie der radikale Vertreter, über dessen Begegnung ich hier schon geschrieben hatte. Er aber war das Gegenteil. „Idioten“ nennt er diejenigen, die immer noch so denken, wie der, dessen Meinung ich das letzte Mal hören durfte. Wenn man ihn frage, welche Ethnie er sei, würde er darauf antworten: Burunder. Bravo. Warum denken nur nicht alle so? Es müsste doch eigentlich im Interesse aller liegen – egal aus welche Ecke –, dass dieses wundervolle Land wieder an Kraft gewinnt und aus der Misere kommt, ohne dabei von außer abhängig zu bleiben für die Ewigkeit. So, wie es vor dem Krieg gewesen sein muss. Ein Paradies Ostafrikas. Darüber hinaus das Herz ganz Afrikas. Ich muss ehrlich sagen, dass mir das ganze Ethnien-Gerede tierisch auf die Nerven geht. Weil einfach die Grundlagen für solche hinrissigen Unterscheidungen fehlen. Wieso muss man denn überhaupt eine Grenzlinie ziehen? Sie leben alle zusammen in diesem kleinen, schönen Land. Das müsste doch irgendwann einmal zu akzeptieren sein? Und dass die Burunder einsehen, dass sie nur gemeinsam stark sind und ihr Land gegen außen verteidigen können – gegen Wirtschaft aus Asien oder die Eigeninteressen der Europäer und Amerikaner. Lange Diskussion.
Ein gläubiges Wochenende
Juli 23, 2007
Samstag, 21. Juli 2007. 8.03 Uhr. Ich habe nicht besonders viel geschlafen, bin aber dennoch fit. Genauso wie die Kids, die draußen schon wieder aktiv sind, wie es nur Kinder sein können. Gestern Abend habe ich mit den Mädchen gegessen, da sie mich erneut danach gefragt haben. Maisbrei mit Bohnen. Mittlerweile schmeckt es mir richtig. Aber hauptsächlich geht es um die gemeinsame Zeit. Ich bilde mir auch ein, es langsam aber sicher auch zu beherrschen, richtig mit den Händen zu essen. Zumindest bin ich zum Schluss satt, das bedeutet ja wohl, dass ich es schaffe, Essen in meinen Mund zu bekommen.
Heute sind wir auf einer Hochzeit eingeladen. Eine Nichte von Benoit. Um 14 Uhr müssen wir in der Kirche sein, danach geht es noch etwas trinken. Ich bin gespannt. Am Donnerstag Abend war schon die erste „Phase“ der Hochzeit, zu der wir ebenfalls eingeladen waren. Ich konnte nur leider nicht hin, da meine Erkältung an diesem Tag besonders nervtötend war. Ich wollte nicht stören. Julia und Lena sind aber hin. Und anscheinend ist es wirklich ein köstliches Theater. Die beiden Familien sitzen sich gegenüber und diskutieren den Brautpreis aus. Der Bräutigam sitzt derweil in der Mitte, die Braut ist aber „versteckt“ und zeigt sich erst am Ende der Veranstaltung. Hat man sich schließlich auf einen Preis geeinigt – Kühe oder Geld, was jedoch ohnehin im voraus schon feststeht –, verlangt der Bräutigam auch seinen „Besitz“, und die Frau betritt unter Gesang den Raum. Die wurde am Donnerstag anscheinend von ihren beiden Brüdern an der Seite begleitet, mit ernster Miene. Auch diese musste der Bräutigam noch entlohnen, indem er ihnen jeweils ein Kuvert Geld zusteckte. Dann hatte er schließlich seine begehrte Frau.
Sobald die „travaux communauté“ heute um 10 Uhr vorbei ist, werde ich mit Espérance ein bisschen einkaufen gehen. Sirup und Erdnüsse, um ihr kleines Festchen im Heim nach der Taufe am Sonntag gemütlich werden zu lassen und meinen Beitrag dazu beizusteuern. Als ich ihr den Vorschlag machte, strahlte sie über das ganze Gesicht. Mit ihr, Anitha, Johana und Euphemie saß ich gestern noch bis kurz vor Mitternacht und lernte Deutsch und Englisch. Die Mädchen wollten allerhand wissen. In den Dingen, die sie mich fragten und die ich übersetzen sollte, konnte ich lesen, dass es wahrscheinlich für Briefe sein wird, die sie uns noch vor dem Abschied oder wenn wir schon wieder in Deutschland sind schreiben wollen. Espérance, die einige Minuten ganz still war, schob mir plötzlich ein gesamtes Blatt mit Vokabeln unter. Ich machte mich ans Übersetzen – und plötzlich dachte ich, ich lese nicht richtig. Wenn ich ehrlich bin, war ich geschockt und wusste nicht, was ich sagen, geschweige denn schreiben soll. Auf Englisch hatte sie geschrieben und wollte nun in Deutsch wissen: „There is new fire in Burundi“. Noch jetzt läuft es mir kalt den Rücken hinunter, wenn ich daran denke.
Ich fragte sie, warum sie das wissen wolle, wieso sie das schreibe. Sie schaute mich beinahe gleichgültig an, zuckte mit den Schultern und sagte: „Ich weiß nicht. Weißt du es?“ Ein Moment, in dem man plötzlich ganz klein wird, in Gedanken versinkt. Was, wenn der Frieden hier in Burundi trügt? – Wovon ich ehrlich gesagt nicht ausgehe. Und von den entsprechenden Stellen weiß ich auch, dass es ruhig bleiben müsste. Müsste. Tja. Glauben ist nicht wissen. Wenn ich mir vorstelle, ich bin nicht mehr da und hier in Burundi fallen wieder Schüsse… ich weiß nicht, was ich tun würde.
Derweil hat Nadine (Freiwillige) schon einen Stein im Brett bei – natürlich, Nadine. Besser gesagt, bei einer der drei Nadines, der neunjährigen. Ich soll ständig Grüßchen ausrichten, weil sie sich selbst nicht traut, gestern überreichte sie dann aber doch selbst zwei gemalte Bildchen. Zum Knutschen diese Schüchternheit. Auch dass wir mit der Ärztin noch eine zweite „Julie“ da haben, finden die Kinder äußerst amüsant.
Sonntag, 22. Juli 2007. 21.27 Uhr. Die Hochzeit war – zumindest der kurze Teil, den ich davon miterlebt habe – schön anzusehen. Um 14 Uhr waren wir in die Kirche eingeladen, wo die Trauung stattfand. Benoits Nichte, Sonya, und ihr Bräutigam Christian gaben sich das Ja-Wort. Es war eine katholische Trauung mit Chor, viel Rhythmus und lockerer Stimmung. Es war die Kirche des Internats, in dem Anitha wohnt. Von unserem Heim nicht weit entfernt, weiter den Berg hoch. Alle Gäste waren total heraus geputzt, die Frauen in traditionellen Gewändern, die Herren im feinen Anzug. Benoit selbst war nicht anwesend. Der Grund liegt in der Tradition: Nach dem Aushandeln des Preises für die Braut – was bereits am Donnersag geschehen war –, ist die Frau quasi „ausgelöst“ und ihre Familie hat keinerlei Ansprüche mehr. Die Brautmutter war dennoch da, wir kamen mit Verena.
Die Zeremonie hatte eine angenehme Länge. Dazwischen immer wieder mit Gesang des Gospelchors. Eine schöne Abwechslung. Im Anschluss setzte sich die Autoschlange in Bewegung. Ich ging zurück ins Heim. Mein Grund war Epiphanie.
Heute Morgen fing der Tag mit einem Trauerspiel an. Epiphanie, die mir in den vergangenen Wochen sehr stark ans Herz gewachsen ist, ist in die Ferien gefahren, zusammen mit ihrem Brüderchen Richard, einem der Kleinsten unseres Heis, ihrer Cousine Nadine und deren Brüdern Gael und Arnaud. Sie werden aller Voraussicht nach nicht wieder zurück sein, bevor wir Burundi verlassen. Ihr Mutter ist schwer krank, ebenso die Großmutter. Deshalb wird Epiphanie dort bleiben, solange es möglich ist, sprich, die Schule wieder beginnt. Und das ist erst Anfang September.
Trotz der Tränen, die sie vergoss, sagte ich ihr, dass es gut so sei. Sie müsse jetzt zu ihrer Mutter, die sie brauche. Und sie soll ja nicht meinen, wegen uns oder dem Abschiedsfest früher zurück kommen zu müssen. Natürlich bin ich endlos traurig. Aber ich will es den Kindern nicht schwerer machen, als es ohnehin schon ist. Wenn sie weinen, bringt es keinem etwas, wenn ich mich daneben stelle und mit heule. Ich will ihnen den Abschied von uns möglichst schmerzfrei ermöglichen. Zumindest soweit das möglich ist. „Tuzosubira“ sagte ich Epiphanie. Wir sehen uns wieder.
Das war um 6 Uhr. Um 7.30 Uhr stand ich bereits auf dem Gelände der Pfingstkirche. Espérance hatte mich gefragt, ob ich sie zu ihrer Taufe begleiten möchte. Ich mochte. Was ich von der Pfingstkirche, sonstigen protestantischen Abspaltungen, noch den restlichen „Gotteshäusern“ halte, spielte in diesem Moment keine Rolle. Ich wollte ihr eine Freude machen und bin für sie gekommen. Nicht für die Kirche oder sonst wen. Dennoch muss ich sagen, dass es mir bei Gott – wie passend! – nicht möglich, völlig objektiv über dieses Erlebnis bei den „Pfingstlern“ zu schreiben. Da ich niemandem zu nahe treten möchte, werde ich den Schaden so gering wie möglich halten. Doch vielleicht ganz abwenden kann ich ihn nicht.
Vorab: Ich respektiere eines jeden Glauben. Ob Katholik, Muslim, jüdisch, protestantisch, Hindu oder was sonst noch alles möglich ist. Jedem steht frei, was er glauben möchte und woran er glaubt. Aber demnach auch mir. Und wenn ich etwas nicht leiden kann, dann ist es, wenn man mich von einem Glauben überzeugen möchte. Und dabei vielleicht auch noch aufdringlich wird. Und wenn man das auch noch im großen Stil praktiziert, möglichst viele Schäfchen einzusammeln. So wie bei der Massentaufe heute Morgen, im kleinen Wasserbecken vor der „Eglise Pentecote“, der Pfingstkirche.
Es waren bestimmt Hundert Jugendliche, die sich taufen ließen, die in ihren weißen Kutten in einer Schlange vor dem Becken standen. Darunter auch Espérance. Es war ihr Wille – also bitte. Nach und nach, immer zu dritt, stapften die Täuflinge in das Becken, in dem schon drei Priester, Prediger – oder wie sie sich bei der Pfingstkirche sonst nennen mögen – warteten. Dann wurde untergetaucht, zuvor noch beschwörend die Hände in den Himmel gestreckt. Ein – mit Verlaub – abartiges Bild. Für mich. Ich war aber zu dem Zeitpunkt schon so damit beschäftigt, mich durch die Fotografen zu drücken, um ein Foto von Espreance machen zu können, dass ich mich nur noch auf die „Arbeit“ konzentrierte.
Danach ging es in die Kirche. Den großen Bau, der neben dem Becken steht. Sah eigentlich auf den ersten Moment aus, wie jede andere Kirche auch. Doch was sich darin abspielen sollte, unterscheidet sich von allem, was ich bisher gesehen, beziehungsweise erlebt habe. Die vier (!!!) Prediger (oder was auch immer), allesamt in feinen, schwarzen, wahrscheinlich auch teuren Anzügen, predigen in einer Lautstärke, dass einem beinahe das Trommelfell platzt. Und ich saß in etwa in der Mitte der Kirche. Zu allem Überfluss ist auch noch ein Mikrofon angeschlossen. Anitha wird mir später erzählen, dass man es selbst noch im einen Kilometer entfernten Heim gehört hat.
Vergangene Woche schaute ich mir einen Film über Idi Amin an, den früheren ugandischen Diktator. Als ich den Prediger höre, muss ich an Amins lautstarke und ebenso emotional vorgetragene Rede vor einer Menschenmenge nach seinem Militärputsch denken. Mit geballten Fäusten. Auch einige Schwarzweissfilmchen aus dem Geschichtsunterricht in der Schule schossen mir durch den Kopf. Wie einfach es doch ist, ganze Massen zu mobilisieren. Der Unterschied zwischen Predigt und politischer Hetzrede war mir in dem Moment nicht mehr ganz bewusst. Kann so etwas nicht auch verschmelzen?
Plötzlich senken alle in der Kirche die Köpfe. Manche knien auch nieder, andere wiederum stehen aufrecht. Jeder einzelne murmelt ein Gebet vor sich hin, jeder für sich, durcheinander. Der Herr im feinen Anzug ganz vorne versucht derweil, alle noch zu übertönen. Ich verhalte mich ruhig, bete aber nicht. Wofür ich von einem Mann weiter weg – wohl ein kirchlicher „Mitarbeiter“ – böse Blicke ernte. War mir egal, ich schaute ihn genauso lange an, ohne die Miene zu verziehen. Jedem das seine, jeder wie er will. Auch ich.
Die Menschen scheinen aus tiefstem Herzen zu glauben, was sie gerade hören, sehen oder von dem anderen vorgebetet bekommen. Manche beten regelrecht agressiv. Ein Mann schräg hinter mir steht aufrecht, hält die Augen geschlossen, murmelt lautstark vor sich hin und schlägt ab und an mit seiner rechten Faust in seine linke Hand. Christoph, der Lehrer, der zu uns ins Heim zur Nachfolge kommt, sitzt rechts neben mir und betet. Er aber ist still. So, wie ich es aus Kirchen kenne. Der Geräuschpegel in der Kirche wird mir unheimlich. Die gesamte Situation ohnehin.
„Kaze“, sagte der eine Prediger. Willkommen. Das kann ich mir denken. Spätestens, als am Ende die Klingelbeutel herum gehen. Und zwar ganze fünf Mal. Dass es sich der ein oder andere vielleicht doch noch mal überlegt, ob er nicht etwas geben möchte. Der Typ, der einen dieser Klingelbeutel trug, blieb bei der letzten Runde penetrant neben mir stehen, als ich es gewagt hatte, schon bei den ersten vier Durchgängen nichts hinein zu werfen. Es war mir egal. Von mir bekam er wieder nichts. Das sah ich dann doch nicht ein. Meine Toleranzgrenze war hier erreicht.
Ganz vorne rechts – als die Menschen noch beteten, manche ihre geballten Fäuste voraus in die Luft streckten (auch ein Bild, das ich aus anderer Situation kenne), um sie dann ganz langsam zu entspannen und ihre Finger auszustrecken – macht sich einer der Prediger ans Scheine zählen. In regelmäßigen Abständen kommt einer mit dem Klingelbeutel und füllt den großen Pott nach. Die Sache schien kein Ende zu nehmen. Ich dachte einen Moment, der Prediger wird gleich in die Tonne steigen, um die Massen an Geldscheinen platt zu drücken, dass noch mehr oben drauf passen. Aber es hatte dann wohl doch noch alles Platz. Die Schäfchen, die nun wieder still und erwartungsvoll auf ihren Plätzen saßen, waren gemolken.
Vielleicht ist nicht alles so schlecht, wie es aussieht. Beispielsweise steht neben der Kirche auch eine kleine Schule. In die wohlgemerkt auch einige unserer Kids gehen. Demnach tun sie etwas für die Kinder. Aber zu welchem Zweck, frage ich mich da wieder. Bestimmt nicht, dass sie sich später einmal ihren Glauben aussuchen können. Massentaufe. Das ist für mich schon eine ganz klare Sache. Massenkonvertierung – mit möglichst wenig Aufwand, möglichst viele Schäfchen an Land ziehen und an sich binden. Spender. Geld. Taufpaten gibt es nicht. Wofür auch? In der Kirche wurde mir allmählich warm.
Die Chöre waren das einzige, was Spaß machte. Abgesehen von Espérances strahlendem Gesicht, als sie sich bei mir bedankte, sie begleitet zu haben. Für sie da zu sein, wie ein Bruder. Es bedeute ihr viel, sagte sie und umarmte mich. Darum ging es mir auch. Um 12 Uhr, nach sage und schreibe fast fünf Stunden, war die Sache gelaufen. Zwischen Taufzeremonie im Freien und Gottesdienst im Kircheninnern waren noch einige Minuten Zeit. Die nutzte ich, um in einem stilleren Eck eine Zigarette zu rauchen. Natürlich mit vorheriger Nachfrage bei Christoph, unserem Lehrer. Ich war reif dafür. Aber um ehrlich zu sein, tat ich es auch, um eventuell zu provozieren. Nicht etwa ihn, Christoph. Sondern irgendeinen streng gläubigen dieser Protestanten, die Bier und Zigaretten – und eigentlich alles andere, das nur den Anschein von Spaß hat – ablehnen. Dabei würde ich gerne einen dieser Prediger einmal per Zufall in der Stadt treffen, wie er sich gerade nach dem Essen eine ansteckt oder etwa ein Primus zum Essen genießt.
Das ist auch so eine Sache, die ich verachte. Das Heuchlerische, das sich in jeder Kirche – egal welcher Ausrichtung – findet. Mir kann kein Mensch erzählen, dass alle diese Menschen, die heute die Kirche aus ihren Nähten haben platzen lassen, kein Bier trinken und alle strenge Nichtraucher sind. Falls ich mich täuschen sollte: Hut ab.
Im Heim war ich dann wieder sehr entspannt. Es gab ein kleines Festchen zu Ehren Espérances. Nochmal bedankte sie sich bei mir – und ich sah es ihren funkelnden Augen an, dass es ihr Ernst war. „Urakoze cane, cane, cane!“ Auf der Terrasse saßen alle Kids, die noch nicht in den Ferien sind, beisammen und aßen zu Mittag. Inklusive mir. Reis mit Bohnen und Lenga Lenga. Danach gab es Saft, Erdnüsse und Gebäck. Im Hintergrund Musik. Anscheinend im Leben eines Pfingstkirchenanhängers ein ganz besonderer Tag, diese Taufe, denn plötzlich erschienen wieder Leute, die ebenfalls dieser Kirche angehören. Keine Fremden, anscheinend sind sie vielen im Heim bekannt. Auch Christoph.
Als dann – mit Verlaub – die Beterei wieder los ging (dieses Mal aber nicht exzessiv), wurde es mir zu viel und ich ging in den Gang, wo ich Anitha und Heimleiterin Clothilde traf. Die beiden schmunzelten mich an, als sähen sie, was ich denke. Ich sagte nur, dass es mir jetzt genug sei. Der gesamte Vormittag habe gereicht. Anitha stimmt nur nickend zu. Clothilde lachte und fügt hinzu: „Ich glaube, wenn man ein Mal betet, dann versteht einen Gott auch ganz gut.“
Eine Woche nach der Reise
Juli 20, 2007
Freitag, 20. Juli 2007. 15.48 Uhr. Nun bin ich eine Woche zu Hause und stecke schon wieder mitten drin. Ein Unterschied ist mir jedoch aufgefallen: Die Bindung zu den Kindern, der Umgang, ist irgendwie noch intensiver, seit ich wieder in Burundi bin. Ob es an mir liegt oder an den Kindern, oder etwa beiden Seiten – das kann ich schwer sagen. Jedenfalls freuen sie sich immer noch jeden Morgen so, mich zu sehen, als würde ich gerade erst vom Urlaub zurück kommen. Ein sehr schönes Gefühl, berührend. Ich glaube, sie spüren, dass uns nicht mehr allzu viel Zeit übrig bleibt. Viele werden am Wochenende und in der kommenden Woche in die Ferien fahren, zu noch lebenden Familienmitgliedern oder Bekannten. Einige sind schon weg. Die meisten werden erst wieder am 29. August kommen, zum Abschiedsfest. Das ist auch gut so – schließlich sollen sie den Kontakt zu ihren Familien nicht verlieren, sich in ihren heimatlichen Provinzen weiterhin integrieren. Denn irgendwann werden sie wohl dorthin zurückkehren. Nicht alle. Aber die meisten. Zumindest viele.
Auch Epiphanie wird mit ihren Geschwisterchen nach Makamba in den Süden fahren. Am Sonntag. Sie würde mich mitnehmen, sagte sie gestern Abend und ließ meinen Arm nicht mehr los. Espérance wird sich am Sonntag noch taufen lassen, anschließend in die Ferien fahren. Nach Ngozi, im Norden. Zwei unserer Jungs sind dorthin schon aufgebrochen. Am gestrigen Donnerstag. Dorine wird im Heim bleiben. „Mit dir“, schmunzelte sie mich an. Und auch Anitha wird bleiben. Sie hat nicht wirklich jemanden, den sie besuchen könnte.
Seit gestern sind auch wieder neue Gesichter in Bujumbura. Maries Mutter ist zum zweiten Mal in Burundi gelandet. Dieses Mal zusammen mit Julia, einer jungen Frauenärztin aus Heilbronn. Gemeinsam wollen sie – die Ärztin und die Krankenschwester – die Frauen der Fondation Stamm untersuchen. Heute steht ein erster Besuch im Mütterheim in Kamenge an. Für Kinder und Mütter. Dabei dürften wohl allerlei Krankheiten, Ausschläge und Infektionen anstehen. Soweit die Frauen möchten, werden auch Untersuchungen angestellt, was die Sexualität, Geschlechtskrankheiten und Verhütung anbelangt. Aufklärung ist das große Stichwort. Denn von vielem wissen die Mädchen schlichtweg nichts. Für den Unterricht haben die Mediziner sogar ein kleines Modell einer Gebährmutter im Gepäck.
In den kommenden Tagen werden Brigitte – Maries Mutter – und Julia, die Ärztin, nach Muyinga fahren. Zu unserer Ernährungs- und Medizinstation. Dort wird sie eine Menge Arbeit erwarten. Zusammen mit unserer Krankenschwester Celestine, die die dortige Leitung inne hat, werden sie so viele Frauen und Kinder untersuchen, wie ihnen in der kurzen Zeit nur möglich ist. Mehrere Koffer voll Medikamente jeglicher Art aus Deutschland sollten dafür genügen. Am wichtigsten ist jedoch die Aufklärarbeit. Um den berühmten „Tropfen auf den heißen Stein“ zu vermeiden. Wer lernt und etwas einsieht, gibt sein Wissen weiter. Das ist das Ziel. Und natürlich nimmt nur der Teil, der möchte.
Viele werden nun vielleicht sagen: „Bringt doch eh alles nichts!“ oder: „Was wollen die denn in zwei Wochen erreichen?!“ Richtig. Zwei Wochen sind definitiv nicht viel Zeit. Aber es sind zwei Wochen, in denen durchaus etwas erreicht werden kann. Und zwar mehr als all diejenigen erreichen, die von vorneherein die Arme verschränken und den Blick abwenden. Meist geschieht das nur aus einem einzigen Grund: Weil sie es sich selbst nicht zutrauen. Vielleicht aus der Befürchtung heraus, nicht mit den Bildern fertig zu werden, an Grenzen zu stoßen. Das ist nicht weiter schlimm. Jeder Mensch hat seine Grenzen. Aber dann soll er – mit Verlaub – den Schnabel halten und andere nicht kritisieren, die es anders machen. Aber Kritiker gibt es immer und überall und auch ziemlich schnell. Das Maul ist nämlich schnell aufgemacht. Nur selbst anpacken, Vorschläge bringen, das schaffen dann die wenigsten.
Was aus einer Aktion wie dieser, wenn man „nur“ zwei Wochen hilft, entstehen kann, weiß niemand vorher. Alles ist möglich und man sollte jede Gelegenheit nutzen, die sich bietet. Und wenn sie es nur schaffen, in diesen zwei Wochen ein einziges Kind vor dem Dahinsiechen zu bewahren. War es dann die Aktion nicht schon wert? Ich finde schon. Und ich freue mich immer wieder, Menschen zu begegnen, die anpacken und sich für die Sache einsetzen. Nicht immer einfach – gerade deswegen lobenswert.
Mit neu angekommen ist auch Nadine – die erste von drei Freiwilligen, die unsere Nachfolge antreten werden. Sie studiert soziale Arbeit und legt in Burundi ihr Praxissemester ab. Die erste Zeit wird sie sich nun eingewöhnen und wir ihr alles zeigen. Wieder ein weiterer Schritt in Richtung Ende unserer Zeit im Herzen Afrikas…
Hinweis für Verspätete
Juli 20, 2007
Für diejenigen, die die Beiträge in der ARD im Juni über Burundi verpasst haben sollten, steht ein Download bereit:
www.neuneinhalb.wdr.de
(Sendungen vom 9. und 23. Juni, später im „Archiv“ zu finden…)
Außerdem noch ein Video zum Download – aufgenommen während des Besuchs von Trevor Romain in unserem Straßenkinderheim „Birashoboka“:
http://comicalsense.com/trevor/videos.php
Zurück bei der Arbeit – und der Familie
Juli 18, 2007
Montag, 16. Juli 2007. 23.36 Uhr. Ich sitze in meinem kleinen Zimmer, wieder zurück an den Tasten meines Notebooks und lasse die vergangene Zeit Revue passieren. Gerade komme ich vom Aufenthaltsraum der Mädchen, wo ich mit Anitha und Espérance Deutsch gelernt habe. Die beiden hatten mich bereits gestern danach gefragt. Anitha ist die gesamten Ferien über im Heim zu Besuch. Das Internat, in dem sie während der Schulzeit wohnt, ist diese Zeit über geschlossen. Ich freue mich sehr, sie so oft zu sehen. Auch Epiphanie kam irgendwann zu uns an den Tisch, setzte sich aber teilnahmslos daneben und blieb still.
Am Abend hatten Julia, Lena und ich die Beiträge von „neuneinhalb“ (ARD) angeschaut, die Verena aus Deutschland mitgebracht hatte. Eine Sendung über die „Aktion Tagwerk“, die im Übrigen dieses Jahr bundesweit 1.5 Millionen Euro eingespielt hat. Die zweite Sendung über den „G8-Gipfel“ in Heiligendamm, in der das Fernsehteam mich durch Burundi begleitete. Ein Portrait war dabei über Pascal Habonimana, einer unserer Straßenjungs im „Centre Birashoboka“. Ein ehemaliger Kindersoldat und Teilnehmer meines wöchentlichen Englischkurses. Als der Sprecher von den Krisen und Kriegen in Burundi erzählt, von den Kindersoldaten, und neben mir, auf Lenas Schoß gerade der zehnjährige Raul sitzt, läuft es mir kalt den Rücken hinunter. Er versteht zwar die Sprache des kurzen Filmchens nicht. Doch erzählen könnte er dieselbe Geschichte.
Die Ankunft vergangenen Donnerstag im Heim, bei den Kindern, bei der kleinen Familie, war unbeschreiblich. Die kleine Evelyne rannte ungebremst in meine Arme, nach und nach stürmten sie alle auf Lena und mich zu. Epiphanie entdeckt uns erst später, ihr kullern die Tränen von den Wangen, als sie uns im Arm liegt. So viel Wärme umstrahlte uns, so viele strahlende Gesichter, das war unglaublich. In dem Moment wurde mir sehr deutlich, was wir hier für einen tiefen Eindruck hinterlassen haben. Aber ebenso die Kinder bei uns. Sie haben unser Herz im Sturm erobert. Und das wird wohl für ewig halten. Eine Begrüßung, wie man sie nur selten erlebt – dabei waren wir gerade einmal drei Wochen weg…
DER TRIP NACH TANSANIA – Mit Bus, Zug und Fahrradtaxi
24. Juni 2007. 7.45 Uhr. Lena und ich stehen an dem Busstand hinter dem Zentralmarkt in Bujumburas Innenstadt. Auf dem Markt ist bereits die Hölle los, die Straßen wild befahren, hupen überall. Auf dem Weg am Markt vorbei wollte uns schon ein Burundi „einfangen“. Ja, ja, nach Makamba fahre er. In den Süden Burundis, der an Tansania grenzt. Ja. Ja. Als ich ihm mein Ticket entgegenstrecke, das wir bereits am Vortag gekauft haben, wendet er sich ab und ein anderer kümmert sich um uns. „Makamba Express“ steht auf unserem kleinen Bustaxi. Peter heißt der Fahrer. Peter Sterling. Ein noch recht junger Bursche, der noch müde aussieht und keinerlei Lust ausstrahlt, um diese Uhrzeit irgendwohin zu fahren, geschweige denn einige Stunden in den Süden.
Händler schwirren um uns herum und bieten uns ihre Ware an. Sonnenbrillen von Gucci. Kekse. Zigaretten. Handtaschenspiegel und Parfum. „Promotion Pack – Not For Sale“. Ich plaudere mit Peter und rauche meine erste Zigarette des Tages. Wohin wir gingen, beginnt er das Gespräch. Danach bekomme ich zu hören, dass er es leid sei, in Bujumbura zu wohnen. Er habe keine Lust mehr. Für mich sieht er in dem Moment aus, als habe er auf überhaupt nichts Lust. Aber er ist nett. Mein Mobiltelefon habe ich zu Hause gelassen, wir sind also zeitlos. Ich nehme dennoch an, dass wir etwa eine Stunde warten. Die anderen Fahrgäste lassen auf sich warten. Kein Problem – wir haben Zeit.
Ein Bus mit einem burundischen Fußballteam hält vor uns, die Mannschaft steigt aus. Ich kann es mir nicht verkneifen, sie zu fragen, woher man ein Trikot von Burundi bekommen kann. Sie wissen es nicht. „Nirgends, wahrscheinlich.“ Scheint mir auch so. Als ich schonmals auf dem Markt auf der Suche danach war, gab man mir dieselbe Antwort. Dann fahren wir ab. Ich kaufe am Gehsteig noch einem Jungen drei kleine Brötchen ab – eines für Lena, eines für mich und eines für Peter, der am Steuer vor sich hin brummt und die Hupe quält. Wir haben die luxuriösen Plätze ganz vorne. Neben Peter. Ich denke an die Kleinen, wie sie schön in einer Reihe auf der Terrasse der Mädchen standen und uns zum Tor hinterhersahen, bis wir verschwunden waren. „Oya“, hatten sie immerzu gerufen. Geht nicht.
Wir fahren die Straße nach Rumonge, zuerst durch das riesige Viertel Kanyosha. Dabei rauschen wir auch an Johana und Euphemie vorbei. Die beiden Mädels aus unserem Heim gehen wohl hier zur Kirche. In dem Moment wird mir erst bewusst, dass Sonntag ist. Am Abend zuvor habe ich noch lange mit Epiphanie gesprochen. Und einfach nur mit ihr da gesessen. Irgendwann zeigte sie mir einige Narben. „Papa“, sagte sie. Ihr Gesichtsausdruck hatte etwas Gleichgültiges, aber zugleich Fragendes und Trauriges. Einer anderen Verwandten von ihr habe er die Fingerkuppen abgeschnitten.
Allesamt schienen die Kinder nicht besonders begeistert zu sein von unseren Urlaubsplänen. Aber sie akzeptierten es. Wie schon so vieles im Leben. Einen Termin für ein Abschiedsfest machten wir ebenfalls vor Abreise aus, da viele der Kinder nun in den Ferien zu noch lebenden Verwandten oder Bekannten gehen. Nachdem alle sagten, sie seien die gesamten Ferien nicht da, wir müssten also bis in den September hinein in Burundi bleiben, durchschauten wir ihre Masche und einigten uns schließlich auf den 29. August für die Abschiedsparty im Heim. Ein Tag vor Abreise. „Oh, FNL“, reißt mich Peter aus Gedanken und nickt in Richtung Fenster. Draußen stehen zwei Gestalten in Uniform und Kalaschnikov. Rebellen (Force National de Liberation). Die letzten ihrer Art in Burundi. Man findet sie immer noch in manchen Waldabschnitten. Fünf Minuten später rasen wir an regulärem Militär vorbei.
Die erste Polizeikontrolle. Vor uns liegen noch etwa drei Stunden bis nach Mabanda, unsere erste Etappe. Peter ist das beste Beispiel, dass die Hupe eines Autos in einem Land wie Burundi auf alle Fälle funktionieren sollte. Wieder FNL. Dann Armee. Sie scheinen hier nebeneinander her zu existieren, ohne wirklich ein Problem miteinander zu haben. Wieder FNL. Dieses Mal mit zwei schicken Handgranateiern am Hemd. Dahinter wälzt sich ein Nilpferd am Ufer des Tanganyikasees. Die Sonne scheint nun klar und heiß, über Bujumbura hängt noch eine graue Dunstwolke. Wir brettern über die Sandpiste und Peter hupt.
Am Ufer schwanken die kleinen Holzboote der Fischer. Unzählige. Einige der Männer sind auch draußen auf dem See und kämpfen mit ihren Netzen. Die Luft riecht ein wenig nach Fisch. Am Straßenrand stehen kleine Kinder, schälen Obst und winken uns Fratzen ziehend entgegen. Ein alter Mann, gekleidet in Lumpen und nur noch ein Skelett aus Haut und Knochen bettelt vom Straßenrand aus. Er zeigt auf seinen Bauch, stützt sich auf seinen krummen Stock, die dünne, schmutzige Hand ausstreckend. Im Bus klingelt ein Mobiltelefon. Peter gibt mehr Gas und der Alte muss zur Seite springen.
Wir halten in einem kleinen Ort. Sofort sind wir von Händlerinnen umringt, die Ugali, Maniokbrei, verpackt in großen Bananenblättern, verkaufen wollen. An unserem Bustaxi wird ein Reifen gewechselt. Junge Mädchen kommen mit Silberschalen auf uns zu. Mandarinen, Maracuja bieten sie an und schauen uns fragend in die Augen. Sie scherzen auf Kirundi. Ich unterhalte mich ein wenig mit ihnen, was helle Begeisterung auslöst. „Yooh, muzungu arazi ikirundi!“ Der weiße Mann versteht Kirundi. Ein Stück weiter abseits entdecke ich einen älteren Herrn, gekleidet in olivgrün und einem Cowboyhut mit Kuhmuster auf dem Kopf. Er schaut, als interessiere ihn nichts, doch hat er alles genau Blick. Wahrscheinlich der Chef der kleinen Kommune, in der wir uns gerade befinden.
10.30 Uhr. Wir rollen weiter. Peter hat sichtlich noch schlechtere Laune als zuvor. Und nun auch noch ölige Hände obendrein. Die Bremsscheiben sind nun aber notdürftig wieder einsatzbereit. Bis nach Mabanda sollte es reichen. Vorbei rauschen wir an vielen Menschen am Straßenrand. Überall wuseln Männer, Frauen, Kinder. Ich habe es anders in Erinnerung, als wir das vergangene Mal in den Süden Burundis gefahren sind. Damals war es wie ausgestorben.
Eine Viertelstunde später bremst Peter abrupt und heftig ab. Dann setzt er zurück. Ich weiß zuerst nicht, was nun geschieht, dann sehe ich im Rückspiegel die blaue Uniform eines Polizisten. Der Ordnungshüter rückt sein blaues Barett zurecht und marschiert auf Peters Fenster zu. Weiter hinten steht ein zweiter. Auf einem kleinen Hockerchen daneben thront eine ziemlich dicke Polizistin. Sie schaut mich an, als wäre sie in der Lage, Kinder zu fressen. Wohl nicht ihr Tag. Ich winke trotzdem. Aber Spaß erwarte ich von ihr keinen. Unter lautstarken Diskussionen sieht Peter seine Papiere in eine kleine Aktentasche der Polizistin verschwinden, die anfängt, irgendetwas in ein kleines Buch zu kritzeln. Währenddessen scheint sie auf taubstumm umzuschalten. In die kirundischen Fluche ist mittlerweile ein Kollege Peters eingestiegen, der auf den hinteren Plätzen saß. Die dicke Polizistin scheint wenig berührt und schlendert davon. Langsam, sehr langsam, schlendert sie weg. Unser Fahrer schnaubt, fährt ihr hinterher, flucht weiter.
Peters Kollege steigt aus, huscht schleunigst um den Taxibus herum und steckt der Polizistin 10.000 FBU zu. Mit einem triumphalen Lächeln öffnet die Polizistin ihre kleine, lederne Tasche und reicht Peters Papiere durchs Fenster. Der nimmt sie wortlos entgegen und drückt sie absichtlich aggressiv in ein kleines Fach neben dem Lenkrad. Den Strafzettel, den Peters Kollege noch zum Führerschein bekommen hat, wirft er der Polizistin direkt vor die Füße. Dann rauschen wir wieder davon. Alles hinter uns sehe ich in einer großen, braunen Staubwolke verschwinden. Peters Laune ist mittlerweile explosiv.
Eine Weile danach, Peter hat sich wieder ein wenig eingekriegt, erreichen wir Rumonge, ein kleines Städtchen im Süden Burundis, in der Provinz Makamba. Wir nehmen noch einige Passagiere mit, schließlich müssen wir nun wieder das Geld für den „Strafzettel“ reinbekommen. Die Burunder werden in den Bus hineingequetscht, bis wirklich nichts mehr geht. Ein burundischer Geldkreislauf. Alltag. Man muss nur wissen, wie man an die Moneten kommt. Jeder für sich.
Auf dem weiteren Weg machen wir einige Stopps, Leute steigen aus, neue ein. Bei dem Trubel hoffe ich, dass unsere Rucksäcke im hinteren Teil des Wagens auch dort bleiben. Und nicht etwa in einem der kleinen Dörfer. Nach Rumonge wird die Straße unerwartet gut. Glatter Teer, keine Schlaglöcher, sogar eine Fahrbahnmarkierung. Wir rauschen an einer alten Zugbrücke vorbei. Schienen liegen aber keine mehr.
11.15 Uhr. Die nächste Polizeikontrolle. Nach links steht ein Schild: Bururi, Makamba. Wir fahren rechts. Ich genieße die Vegetation. Riesige Palmwälder, Maniokfelder. Aber auch hier teilweise Befall durch die Pilzkrankheit „Mosaik“. Die Grundstücke der Menschen hier sind größer. Auch die Häuser machen einen stabileren, besseren Eindruck. Einige Hundert Meter weiter – der nächste Stopp. Wegen Polizei.
Peter scheint ziemlich erleichtert zu sein, als er den Polizisten erkennt, der an sein Fenster kommt. Die beiden geben sich die Hand und lachen. Dann reicht der Uniformierte einen 10.000 FBU-Schein durchs Fenster, nickt zustimmend und wir fahren weiter. Dann erreichen wir wieder das Ufer des Tanganyikasees. Ich ärgere mich, nicht an meine Kamera zu kommen, die in meinem Rucksack verstaut ist. Wir passieren ein winziges Fischerdörfchen, vor dem unzählige kleine Nussschalen auf dem glänzenden See hin und her schwappen. Türkises Wasser, weißer Sandstrand. Der See scheint eine unendliche Weite zu haben.
Papayabäume, Zitronen. Das nächste Fischerdorf, dasselbe Bild. Ich bin am Überlegen, ob ich meine Kamera nicht doch auskramen soll. Doch wie an sie heran kommen? Der Mann hinter mir schaut schon kritisch. Noch 25 Kilometer bis Mabanda. Dann folgt wieder die übiche Grenzpostenprozedur. Über die Berge schleppt sich unser kleiner Bus nur mit größter Mühe. Ich werde müde. Die Aussicht ist überwältigend, doch meine Augen fallen zu. Im Bus herrscht Totenstille.
Um 12.33 Uhr erreichen wir Mabanda. Ein – wie es den ersten Eindruck macht – kleines, verschlafenes Dörfchen. Wir steigen aus dem „Makamba-Express“ aus und suchen uns ein Taxi für die Weiterfahrt. Lange warten müssen wir nicht, bis wir von einem Fahrer angesprochen werden. Ich verabschiede mich von Peter und steige zusammen mit Janvier und Désiré in das Taxi. Die beiden Burunder hatte ich bereits auf der Fahrt kurz kennen gelernt. Später soll ich noch erfahren, dass die beiden Salz aus Tansania nach Burundi importieren. Wir einigen uns auf einen Preis von 2.000 FBU pro Person. Nicht viel für die Strecke, die vor uns liegt, mitten durch das burundisch-tansanische Niemandsland im Grenzgebiet. Zuerst halten wir noch vor dem Polizeiposten, wo wir unsere Ausreisestempel bekommen. In dem kleinen, dunklen Büro sitzen zwei Uniformierte. Ein junger, der die Arbeit macht und ein älterer Herr, der die Verantwortung zu tragen scheint und etwas grimmig dreinschaut. Jung prüft bis ins Detail, Alt prüft, ob Jung richtig prüft. Das Bild lässt mich schmunzeln.
Dann startet die Fahrt durch Staubwolken. Wir rasen über die steinige Sandpiste bis zu einer Schranke – der letzten auf burundischem Gebiet. Der Polizist drückt dem Fahrer Geld in die Hand – er solle ihm auf dem Weg eine Cola mitbringen. Nach einem kleinen Waldstück sind wir dann auf tansanischem Staatsgebiet. Am Posten sind recht viele Leute unterwegs. Wir stellen uns in die Reihe und warten, bis wir in das Büro mit den zwei Beamten dürfen, unsere Pässe vorzeigen. Als wir endlich an der Reihe sind, klingelt das Telefon der rundlichen Beamtin. Feierabend. Sie packt ihr schwarz-goldenes Handtäschchen, klappt das Buch auf dem Holztisch zu und verschwindet. Ihr Kollege macht Überstunden und nimmt uns das Geld für die Visa ab. Unsere burundischen Begleiter zahlen 20 US-Dollar. Wir, als Europäer, 50. Mein Impfausweis, den ich noch sorgfältig zu Hause überprüft und eingepackt hatte, interessiert niemanden wirklich. Der Beamte, der dafür zuständig ist, winkt uns aus seinem schattigen Plätzchen unter einem großen Baum einfach durch.
Weiter oben wartet Janvier bereits vor einem Dalla Dalla auf uns – die tansanischen Bustaxis, von derselben Größe wie die Modelle in Burundi. Nur noch mehr beladen. Vom Sand und Staub ist alles mit einer rötlichen Schicht belegt. Der Fahrer und sein Assistent, der im hinteren Teil für das Geldeintreiben zuständig ist, wollen meinen Rucksack aufs Dach des Dalla Dalla spannen. Ich halte sie hektisch davon ab, wohlwissend, dass sich meine Kamera ebenfalls darin befindet – und sie quetschen ihn irgendwie noch ins Wageninnere. Immer geht alles irgendwie in Afrika. Geht nicht, gibt es nicht. So kommt es auch, dass wir sage und schreibe 21 Personen in unserem Taxi sind. Reguläre Plätze gibt es 14. Inklusive Gepäck, versteht sich. Unter lautem HipHop auf Suaheli rauschen wir die Straße – oder besser: den Graben entlang. Wir sind in Tansania.
Ich liebe die klischeehaften „afrikanischen Mamas“, mit ihren bunten Gewändern, ihren lauten Organen und ausgeprägten Hüftregionen. Aber in einem Bustaxi neben ihnen zu sitzen, mit ihrer unbeholfenen, desinteressierten Art, ist fürwahr kein wirkliches Vergnügen. Die schlankeste von unseren Mitfahrerinnen steigt bereits im nächsten Ort schon wieder aus. Nach einer Weile halten wir, der Fahrer reißt an der Leine, die das Gepäck auf dem Autodach hält, diskutiert mit seinem Assistenten, macht eine verachtende Handbewegung und tritt wieder auf das Gas. Gegen späten Nachmittag sind wir in Kigoma angelangt. Eine Stunde später als in Burundi, da man sich auch in Kigoma, das etwa auf deselben Länge wie Bujumbura liegt, in der Zeit jedoch nach Dar es Salaam an der Ostküste richtet.
„Never go to Kigoma on Sundays“ wird unser Spruch sein. Zusammen mit unseren burundischen Begleitern Janvier und Désiré machen wir uns auf die endlose Suche nach einer Unterkunft. „Ausgebucht“, ist die meist gegebene Antwort. Der Grund liegt auf der Hand – beziehungsweise einige Straßen weiter: das Bahnhofsgebäude. Am Montag Morgen startet der Zug nach Dar es Salaam. Viele der Reisenden nehmen sich deshalb schon sonntags ein Zimmer im kleinen Kigoma. Die Unterkünfte sind demnach gnadenlos ausgebucht. Schließlich haben wir aber doch noch Glück: In der „Zanzibar Lodge“ sind noch drei Zimmer frei. Genau die Anzahl, die wir brauchen. 10.000 TSH (Tansanische Shilling) pro Nacht und Zimmer. Etwa sechs Euro.
Die Zimmer sind in Ordnung, eine Dusche in Form eines nackten Metallrohrs, das aus der Wand ragt, existiert zwar, doch kommt daraus kein Wasser. Das steht nämlich in einem großen, roten Eimer neben der Toilette, die ebenfalls nur ein kleines Loch darstellt. Anscheinend haben wir weniger Probleme mit diesem Umstand als unsere neuen burundischen Bekannten. Janvier meckert und findet es unmöglich. Bei einem Kilimanjaro – einem der unzähligen einheimischen Biere – in einer gegenüberliegenden Bar an der Hauptstraße beruhigt er sich aber. Mit Désiré komme ich an diesem lustigen Abend überein, dass das burundische Primus dennoch besser schmeckt.
Die beiden fragen uns, was wir in Tansania vorhätten, wo wir noch hin wollten. Als sich Mwanza am Vokitoriasee herausstellt, überlegen die beiden, was sie noch für uns tun könnten. Den jungen Mann am Tisch nebenan fragt Janvier, wann und wo in Kigoma Busse nach Mwanza abfahren. Der entgegnete, er sei von einem Promotionteam, das für den Mobilfunkbetreiber Vodacom werbe und am Morgen ebenfalls nach Mwanza abfahre. Er würde uns mitnehmen – auf der Ladefläche ihres kleinen Trucks. Am Nebentisch kreischt plötzlich ein Mädchen. Ich drehe mich in meinem Plastistuhl um und traue meinen Augen kaum: Drei Jungs haben auf ihrem Tisch eine Sporttasche platziert, aus der nun ein meterlanger Python kriecht. Die Jungs – offensichtlich angetrunken und in bester Stimmung – fangen an, mit dem Tier zu „spielen“ und um sie herum zu tanzen. Die Kellnerin bleibt auf Abstand. Janvier plaudert irgendetwas von traditioneller Religion.
Nach Rührei mit eingebackenen Pommes – einer tansanischen Spezialität und wie ich mir denke, absurde Hinterlassenschaft englischer Kolonialtage – und einem weiteren Kilimanjaro verabschieden wir uns und gehen zurück zur Lodge. Um 6 Uhr morgens sei Abfahrt. Die Vodacom-Leute nächtigen zufälligerweise auch in der „Zanzibar Lodge“. An die Trauminsel erinnert jedoch nur der alte Muslim, der die Unterkunft leitet.
Später klopft es nochmals an unserer Zimmertür. Der Typ, der uns am nächsten Tag mitnehmen möchte, steht davor und entschuldigt sich. Zu betrunken sei er, die Abfahrt würde auf 8 Uhr verschoben. Ob das in Ordnung sei? Lena freut sich über den gewonnen Schlaf und wir verabschieden uns erneut auf den Folgetag. Doch sehen sollten wir von Vodacom höchstens noch Plakate am Kiosk gegenüber. Anscheinend haben seine Kollegen revoltiert und er es sich anders überlegt. Zumindest sagt uns die schlecht gelaunte Frau an der Rezeption, dass der junge Mann bereits um 6 Uhr ausgecheckt habe. Wir bleiben also noch vorerst in Kigoma und wollen uns nach Abreisemöglichkeiten in Richtung Norden informieren.
In unserer Duschkammer steht noch das Wasser von der Eimerdusche am vorherigen Abend, weshalb ich die Toilette im Gang aufsuche. Auch hier nur ein kleines Loch am Boden, daneben der obligatorische Eimer mit Wasser. Wir packen unsere großen Backpackerrucksäcke, verabschieden uns vom alten Moslem und starten auf unsere Suche nach Frühstück. Im „Sun City“ in der Nähe des Bahnhofs werden wir fündig. Ein kleiner Geheimtipp, denn die üppigen und frischen Portionen stehen in keinerlei Verhältnis zu den günstigen Preisen. Das Häuschen ist in Regenbogenfarben gestrichen, man kann von der kleinen Terrasse aus das Treiben auf der Hauptstraße beobachten, wo schon allerhand Menschen unterwegs sind. Unser erstes tansanisches Frühstück besteht aus frischem Saft aus Passionsfrucht, Anrührkaffee – zu meinem völligen Unverständnis in Tansania, als Kaffeeanbauland –, einem Chapati (ähnlich einem Pfannenkuchen) und einem „egg chop“, einem gekochten Ei, umhüllt von gebratenem Hackfleisch. Die Sonne wärmt uns und die Rechnung hebt unsere Laune nochmals erheblich. Alles in allem etwa 4.000 TSH für zwei Personen.
Kaum habe ich den letzten Schluck meines Safts getrunken, grüßt uns ein junger Mann freundlich und stellt sich als Olivier vor. Nach wenigen Sätzen stellt sich heraus – auch er ist aus Burundi und freut sich nun sichtlich, „Landsleute“ in Kigoma zu treffen. Er sei beruflich unterwegs, er importiere Zement nach Burundi. Am Tisch neben uns sitzt eine Gruppe Frauen – ebenfalls aus Burundi –, die uns zuerst nicht glauben, dass wir aus Bujumbura kommen. „You lie!“ lachen sie. Aber erst Recht in Gelächter brechen sie aus, als ich ihnen nach Dar es Salaam „urugenda ryiza“ wünsche. Gute Reise. Damit glauben sie uns auch, woher wir kommen. Olivier will uns helfen, einen Bus nach Norden zu finden.
Wir kommen zum ersten Busunternehmen. Nach Bukoba, an der westlichen Küste des Viktoriasees, haben wir uns überlegt – mit Hilfe des kleinen Reiseführers, den wir bei uns haben. Doch der Bus ist bereits am frühen Morgen abgefahren und der nächste starte erst wieder am Donnerstag. Als gehen wir weiter. In der dritten Agentur, in der wir anfragen, finden wir dann noch einen Platz in einem Bus, allerdings direkt nach Mwanza. Da wir offen sind und keinen vorgebuchten Hotels hinterher fahren müssen, kaufen wir das Ticket. 20.000 TSH pro Person. Abfahrt ist um 5 Uhr morgens. Ankunft nach zwölf Stunden.
Somit landen wir letztendlich wieder in der „Zanzibar Lodge“, wo uns die Rezeptionistin freudig empfängt. Das Wasser sei nun allerdings ganz abhanden gekommen. Schließlich sei „dry season“, Trockenzeit. Wir nehmen das selbe Zimmer. Olivier geht ebenfalls weiter seines Wegs, das „business“ rufe, sagt er geschäftig und fuchtelt mit der kleinen Mappe, die er unter dem Arm trägt. Ich gebe ihm meine Nummer, dass wir uns einmal in Bujumbura treffen können. Er wohnt im Viertel Mutanga-Nord, nicht weit von unserem Heim entfernt.
Kigoma. Ein kleines, altes Städtchen. Die Menschen scheinen vergnügt, jeder grüßt freundlich. „Salama“ oder „Jambo“. Mein Suaheli beschränkt sich leider auf wenige Worte. Ich nehme mir vor, das zu ändern. Dafür habe ich extra ein kleines Büchlein mitgenommen, das ich in Uganda gekauft hatte. English-Suaheli. „Muzungu“ höre ich recht selten. Am Straßenrand findet man aufgebahrte Sportschuhe, Stände mit Zeitungen – was ich in Burundi sehr vermisse –, Weißbrot und allem möglichen Kleinkram aus China.
Viele Muslime leben hier, was mir bereits um 5 Uhr morgens nicht entging, als ich durch das scheppernde Lautsprechergebrüll des Muezzin aufwachte. Straßenkinder sehe ich so gut wie keine. Wenige, vereinzelt. Aber nicht in Scharen, wie sie einem in Burundis Hauptstadt und eigentlich überall begegnen. Eine alte Frau fällt mir auf, die am Straßenrand sitzt und mit einem kleinen Plastiktellerchen um Geld bettelt. Um auf sich aufmerksam zu machen, schleudert sie zwei Münzen immerzu in die Luft und fängt sich mit dem Plastik wieder auf. Die UN rauschen vorbei. UNHCR, die Flüchtlingsagentur der Vereinten Nationen. Die haben hier zu tun mit Menschen aus Burundi und dem Kongo. Als ich mit Janvier sonntags an der Grenze gestanden hatte, erklärte er mir, dass das Gebiet, auf dem wir stünden, früher noch alles zu Burundi gehört habe. Vor der Kolonisation. Deshalb sprechen auch die Menschen hier in Kigoma, das Volk der „Ha“, einen Mix aus Suaheli und Kirundi.
Nach einem weiteren frischen Saft im „Sun City“ schlendern wir durch das Städtchen. Vorbei am alten Bahnhof, der noch von den Deutschen gebaut wurde, ein Stück den Hügel hinauf, wo wir eine alte Ruine entdecken. Ein altes Haus, zerfallen und überwuchert, aus deutschen Kolonialtagen. Ich gehe auf das offene Grundstück und mache Fotos, nicht ohne die Sorge, dass gleich jemand angerannt kommt und Geld dafür verlangt. Aber Fehlanzeige. Nur ein kleiner Junge schielt hinter der Mauer vor und interessiert sich für unsere Anwesenheit. Als ich mitten in der Ruine stehe, kann ich mir sehr gut die Zeit vorstellen, in der hier deutsche Wasauchimmer residierten. Ähnlich fühle ich mich, als ich im Bahnhof stehe, der 1912 von deutschen Ingenieuren gebaut worden war. Als „Vollendung der Kolonisation Deutsch-Ostafrikas“. Wir trinken eine Cola und treffen wieder zwei Männer, die im Dalla Dalla aus Burundi mit uns über die Grenze gefahren waren.
Im Bahnhofsgebäude sitzen Mütter mit ihren Babys und allerlei Hausrat auf dem Boden und warten auf den nächsten Zug. Bahnangestellte sehe ich keine. Der Schalter „Tickets – 1st and 2nd class“ ist geschlossen und verriegelt. Davor warten zwei schick gekleidete Männer. Wir beschließen, zum „Jacobsen Beach“ zu fahren, von dem im Reiseführer geschwärmt wird. Am Taxistand gegenüber des Bahnhofs lernen wir Ray kennen, einen Taxifahrer. „Ya, ya“, er kenne den Strand. Nach wenigen Minuten Fahrt weiß er es dann doch nicht mehr. Wir zeigen ihm die kleine Karte im Reiseführer, dann rauscht er weiter. Die Teerstraße wird zur Sandpiste und auch immer holpriger. Wir verlassen Kigoma und fahren durch ein kleines Lehhüttendorf – und beginnen uns zu fragen, ob wir hier richtig sein können. „Ya, ya“, bestätigt Ray. Zwischen Feldern hindurch, einen Hügel hoch, wieder hinunter, einen steinigen Pfad entlang, wieder Sandpiste. Fast schon eine Geländetour, das Taxi stöhnt, die Schlaglöcher werden größer und größer. Wobei man hier eigentlich nicht mehr von Schlaglöchern reden kann – es gibt ja schließlich gar keine Straße. Eine der abgelegendsten Stellen, die ich jemals gesehen habe.
„Salama!“ – ein Mann kommt uns entgegen. Tatsächlich Menschen in dieser Gegend. Der Strand sei privat, wir sollten zahlen. Jetzt und an Ort und Stelle. 4.000 TSH pro Person und schwimmen würde noch mal extra kosten. Wir sagen, wir zahlen nicht hier auf der Straße, sondern dann vor Ort. Er ist einverstanden und geht weiter seines Wegs. Wir fahren auch weiter und kommen endlich am Ziel an. Ein Paradies. Verlassen, keine Menschenseele weit und breit. Das einzige Problem: wie wieder zurück kommen?
Taxifahrer Ray ist einverstanden, eine Stunde mit uns am Strand zu verbringen. „No problem“, versichert er. Nach einem kurzen Abstieg zwischen Felsen und kleinen Büschen sind wir am feinsandigen Strand. Lena geht sofort schwimmen im klaren Wasser, ich rauche eine „Sportsman“ – eine tansanische Zigarettenmarke – mit Ray am Ufer. Traumhafte Stille. Ein unberührtes Fleckchen unter Palmen. Ich bemerke, wie schmutzig ich bin, von dem ständigen Staub, der durch Kigoma weht. Ich hoffe auf Wasser in der Lodge am Abend. Noch einmal duschen, bevor wir uns morgen auf die lange Fahrt nach Mwanza begeben und ich die Dreckschicht nicht mehr abbekomme. In der Ferne kann ich den Kongo nur erahnen. Es ist zu diesig, um die Berge sehen zu können. Der Kongo – ein unwahrscheinlicher Reiz, von dem ich nicht weiß, woher er kommt. Ich denke an die Kinder daheim. Nach einem Tag vermisse ich sie schon. Wie sie auf der Terrasse standen und uns winkten…
Nach etwa einer Stunde machen wir uns auf den Rückweg. Ray war im Sand eingeschlafen. Beim Auto angekommen, müssen wir erst einmal schieben. Der Motor springt bei der Hitze nicht mehr an. Leichter gesagt als getan im Sand. Aber wir haben Glück. Auch Ray sieht wesentlich erleichterter aus, als die Zündung endlich klappt. Um 15.30 Uhr sind wir wieder in der „Zanzibar Lodge“. Der Weg wäre wohl zu Fuß lange geworden. Und wir haben nochmals Glück: Aus dem Metallrohr in der Wand kommt Wasser. Wir nutzen die Gelegenheit gleich aus, denn am Abend kann die Sache schon wieder anders aussehen.
Ich fühle mich wie neu geboren, als ich sauber und in frischen Kleidern auf die kleine Terasse zur „Straße nach Ujiji“ hin trete. Der Abluss funktionierte nicht, also musste ich nach dem Duschen das Dreckwasser mit dem kleinen grünen Eimerchen in die Toilette schaufeln. Aber alles bestens – immerhin haben wir Wasser. Auch wenn das Klo aufgrund der fehlenden Spülung stinkt. Ohne Strom, das merke ich immer wieder, ist alles kein Problem. Aber ohne Wasser – das ist hart. Ich sitze nun auf der Terrasse und denke an einen Satz, den Olivier am Morgen losgelassen hatte: „Ja, so ist das. Wir müssen uns eben anpassen, wenn wir aus unseren schönen Häusern in Bujumbura in diese Gegend hier kommen.“ Zuerst dachte ich, er spielt auf unsere weiße Hautfarbe an. Aber mit der Aussage schloss er sich mit ein. Weiße Taxis rauschen vorbei. Vor mir müssen sie abbremsen – wegen der Bremshügel. Manche tun es dennoch nicht.
Leute rennen geschäftig vorbei. Andere wiederum scheinen alle Zeit der Welt zu haben. Ein alter Muslim neben mir mit weißem, langem Gewand hat es sich neben mir im Stuhl gemütlich gemacht. Er scheint alles genau zu beobachten. Aber dann fallen seine Augen zu. Als er wieder aufwacht, grinst er mich an. Im „Yilika-Shop“ gegenüber, einem kleinen Kiosk, herrscht Totenstille. Der Betreiber sitzt mit Kumpels im Hof nebenan und quatscht. Es scheint hier gemütlich zuzugehen, in Kigoma. Die „Saigon Video Library“ nebenan hat ganz geschlossen. Ich muss schmunzeln, als ich an den Weißen vom Morgen denke, der an der Straße in seinem filmreifen Safari-Outfit Brot kaufte. Zuerst dachte ich an „Crocodile Dundee“.
Ein älterer Herr spricht mich an, der sich als „Hessel“ vorstellt. Am Mittwoch würde er weiter nach Sambia fahren, wo er 35 Jahre als Entwicklungshelfer gearbeitet habe. Nun wolle er schauen, was daraus geworden sei, sagt er schmunzelnd und schaut über seinen Brillenrand. Plötzlich schneit Olivier herbei. Er wolle sich noch bei uns verabschieden. Heute Nacht schlafe er im Busch. Wegen dem „business“. Wir würden uns dann in Bujumbura treffen.
Hessel erzählt mir, er reise jedes Jahr für drei Monate nach Afrika. Es sei sein inneres Bedürfnis, wenn es in Neuseeland kalt würde, lacht er. Dort wohne er, geboren sei er aber in den Niederlanden. Lena und machen uns auf zu einem kleinen Spaziergang. Brot kaufen für die Fahrt morgen. Dann verschlägt es uns wieder ins „Sun City“, wo wir zu Abend essen. Rindfleisch, Reis und Kokosnusssauce. Kaum habe ich die erste Gabel im Mund, denke ich, ich falle vom Stuhl. An der Straße hüpft ein junges Pärchen vorbei – dasselbe Hippie-Paar, das wir in Uganda gesehen hatten, bei unserem Ausflug zu den „Sipi Falls“. Als Nachtisch gibt es einen Obstsalat gratis.
4 Uhr, dienstags. Ich bin hellwach. Wir packen unsere sieben Sachen und machen uns auf den Weg zum Abfahrtspunkt des Busses. Es ist noch stockdunkel und keine Menschenseele unterwegs. Nach etwa 300 Metern sind wir da. Ein Bus steht schon da. Wir sind schon drin, als ich nochmals sicherheitshalber nachfrage, wohin der Bus fahre. Damit sind wir auch gut bedient, denn er fährt in eine völlig andere Richtung. Also steigen wir wieder aus und warten. Wenige Minuten später kommt dann der Bus nach Mwanza – ein riesiges Monstrum. Auf der rechten Seite sind drei Plätze, links nur zwei. In der Mitte befindet sich eine Eisenstange für die Stabilität des Busses, die ich zu verfluchen beginne. Am Fenster sitzt ein Mann mit seinem kleinen Sohn auf dem Schoß. Dann Lena und zwischen ihr und die Stange quetsche ich mich. Was sich allerdings als unmöglich herausstellt. Ich lehne mich nach vorne.
Während der Fahrt nach Mwanza soll ich diese Eisenstange aber noch schätzen lernen. Denn sie hält die Menschenmassen von mir ab, die sich in den Busgang drängen. Die erste Strecke ist genug Platz. Die Sitze sind gut gepolstert, sodass die Piste, auf der wir durch Tansanias Busch und Savanne düsen, nicht allzu heftig erscheint, wie sie vielleicht in Wirklichkeit ist. Nicht umsonst steht auf dem Bus vorne „Kigoma – Mwanza. Adventure Connection“. Abenteuerlich ist die Strecke allemal. Der Sonnenaufgang ist reif für ein Bild. Immer eine Entschädigung für so vieles. Doch dann kommt der erste Stopp. Wir halten in einer kleinen, staubigen Bretterbudenstadt mitten im Nirgendwo. Ich schätze, es ist eine der zahlreichen Flüchtlingssiedlungen im Westen Tansanias. Zur burundischen Grenze ist es nicht weit. Zwei halbstarke Gestalten in Sportdress und Kalschnikow beobachten das Geschehen. Kleinkinder werden durch die Fenster in den Bus gehievt, dazu Brot, Fleischspieße und Getränke verkauft. An der Bustür drängeln sich die Menschen – Frauen, Männer und Kinder. Es wird gedrückt, gedrängelt, geschubst. Ich stehe etwa zwei Meter neben dem Schauplatz. Es kommt mir so vor, als würden Afrikaner ihre sonst so professionell ausgeübte Gelassenheit in den Momenten ablegen, in denen es darum geht, in einen Bus oder Zug zu steigen. Etwa für eine halbe Stunde, dann geht wieder alles normal und langsam vonstatten. Das Getümmel vor mir ist unglaublich.
Als ich wieder in den Bus einsteigen möchte, sitzt vorne ein Mann mit Handschellen. Gefangenentransport inklusive. Ich steige über einige Gepäckstücke, Füße, nehme kurzfristig ein Kind auf den Arm, um vorbei zu kommen. Man geht in Afrika auch nicht zur Seite – man wird zur Seite gedrückt oder eben nicht. Irgendwie schaffen es Lena und ich doch noch auf unsere Plätze weiter hinten im Bus. Wie, das ist mir im Nachhinein auch ein Rätsel, denn wenn ich nach vorne schaue, sehe ich nichts als dicht gedrängte Körper. Ich kann nicht schätzen, wie viele Menschen in diesem Bus sind. Aber es sind definitiv zu viele. Die Luft wird immer mehr gewühnungsbedürftig, ich wünsche mir, dass wir gleich weiter fahren, dass wenigstens ein kleiner Windzug Frischluft bringt. Der Busfahrer tut mir den Gefallen, kaum als ich den Gedanken fertig gedacht habe. Neben mir steht eine Frau, ihr Baby um die Brust gebunden. Eigentlich steht sie zur Hälfte auf mir. Meine Füße versuche ich, um die Gepäckstücke am Boden herum anzupassen.
Die Piste hat ebenfalls alles zu bieten. Von einer unmöglichen Schieflage, in der die Menschen das Beten anfangen, bis hin zu wellblechähnlichen Verhältnissen. Der Mann, der die Tickets kontrolliert drückt sich nun auch noch nach hinten durch. Wenn es nicht weiter geht, steigt er eben darüber. Alles geht irgendwie. Warum die Tickets aber nicht draußen schon kontrolliert werden, ist mir nicht klar. Ich genieße die Landschaft, die an unserem Fenster vorbei zieht. Ein Anblick, an den ich mich wohl immer erinnern werde. Ein kleines Mädchen einige Reihen weiter vorne beobachtet mich. Ich spiele verstecken mit ihr. Später, wenn der Gang wieder frei sein wird, setzt sie ihre Mutter dorthin, dass sie pinkeln kann. Der große Mann einen Sitzplatz hinter ihr findet es nicht besonders witzig. Aber was muss, das muss. Die Mutter scheint es wenig zu interessieren.
Irgendwie ist es schon ein merkwürdiges Gefühl, als einzige Weiße in einem Bus wie diesem zu sitzen, mitten im Nichts. Aber es hat etwas Aufregendes, Schönes – eine Erfahrung, die ich genieße und um die ich froh bin. Der Sonnenuntergang ist so schön wie der Aufgang am Morgen. Es riecht nach Schweiß und Keksen.
Als wir anhalten, ist es schon wieder dunkel. Hier ist nichts – nur ein kleines Hüttchen, ein Kiosk – und Wasser. Wir sind an der Fähre angelangt, worauf wir nun einige Minuten warten. 200 TSH kostet uns die Überfahrt pro Person. Es ist recht kühl. Mit dem kleinen Jungen, der neben uns im Bus auf dem Schoß seines Vaters ausgeharrt hat, habe ich mittlerweile Freundschaft geschlossen. Bei der Fährüberfahrt lehnt er seinen Kopf an mich und schläft ein. Später helfe ich ihm die steilen Metalltreppen nach unten. Gegen 22 Uhr sind wir am Ziel: Mwanza am Viktoriasee, oder auch „Nyanza“, wie die Einheimischen Afrikas größten See nennen.
Um den Bus herum scharen sich die Taxifahrer. Mohamed soll unserer sein. Er schnappt unsere Rucksäcke und fährt uns – nachdem die „Geita Lodge“ voll ist – in eine Herberge der katholischen Kirche, das „Nyakahoja Hotel“. Ein absoluter Glücksgriff, wie sich herausstellen soll. Für 13.000 TSH pro Nacht wohnt man in einer der sichersten Unterkünfte, die man bekommen kann. Frühstück ist inklusive, es gibt – man höre und staune – warmes Wasser, Strom – und alles durchgehend. Die Zimmer sind super sauber, das Bett groß genug. Und im eigenen Garten lässt es sich herrlich entspannen. Ich schlafe bestens in der ersten Nacht. Die Anstrengung der Busfahrt ist spürbar.
Das Frühstück ist einfach, aber lecker. Gekochte Eier, Weißbrot, der unumgängliche Anrührkaffee und Obst. Mit uns frühstücken einige schick gekleidete Leute. Zwei Seminare finden in den Räumen des Hotels statt, wie ich später erfahre. Ich gönne mir einen zweiten Kaffee, der in heißer Milch angerührt wird und nach einer Zeit der Angewöhnung doch recht gut schmeckt. Im Gras des Gartens rauche ich dazu eine Zigarette. Bis mir die großen Ameisen zu sehr auf die Nerven gehen und ich mich unter einen der Sonnenschirme setze. Es ist bereits sehr heiß. Wir werfen einen kleinen Blick in den Reiseführer und brechen dann doch recht planlos auf – in Richtung See.
In der kleinen Straße sitzen Händler, die freundlich grüßen. Männer schieben Gitterkarren vor sich her, voll beladen mit Obst – oder nur Berge von Ananas. Am Ufer steht hohes grünes Gras. Der Ausblick ist sehenswert, am Ufer gegenüber schwimmen einige Dhaus, die kleinen, landestypischen Holzsegelboote. Riesige Granitfelsen ragen in die Höhe, dazwischen die Häuser. Die großen, hässlichen Vögel, die wir schon aus Uganda kennen, belagern das Ufer. Die Luft riecht nach Fisch. Zwei Frauen mit großen Säcken auf den Köpfen laufen an mir vorbei und schmunzeln. Sie sprechen mich auf Suaheli an, ich kann aber leider nicht verstehen. Fremd komme ich mir plötzlich vor. In Burundi verstehe ich die Landessprache wenigstens ein bisschen. Hier: Fehlanzeige. Die Leute an der Straße grüßen, viele Autos rauschen vorbei. Dalla Dallas in allen Farben und Variationen. Auch die Feuerwehr rast vorbei. Die Feuerwehrleute ganz schick in weißen Hemden und dunkelblauer Uniform. Mwanza – eine richtige afrikanische Kleinstadt. Zu Fuß ist alles bestens zu erreichen. Die Entfernungen auf der Karte scheinen größer als sie in Wirklichkeit sind.
Wir spazieren zum Bahnhof von Mwanza. Die Kolonialzeit lässt abermals grüßen. Der ältere Herr am Schalter ist sehr freundlich. Wir kaufen gleich die Tickets nach Tabora. Samstag, 7. Juli, 8 Uhr morgens. Um 7 Uhr ist schon „report time“, in der man sich auf dem Bahnhofsgelände einfinden sollte. Das Ticket kostet in der ersten Klasse 21.200 TSH pro Person. Zwölf Euro in etwa. Dann schlendern wir weiter, am Ufer entlang. Nach einer Weile kommen wir am Büro vorbei, in dem man Fahrten zur Insel „Saa Nane“ buchen kann. Kaum sind wir auf dem Grundstück, grinst uns ein wohlgenährter Mann entgegen. „Karibu!“ – Willkommen! Eine Fahrt nach Saa Nane sei jeden Tag möglich. 10.000 TSH würde es kosten, das Boot für die Fahrt zu mieten. Deshalb empfiehlt er uns, am Wochenende wieder zu kommen. Dann koste es nämlich nur 800 TSH pro Person, wenn genug Leute zusammen kommen. Und 1.000 TSH fürs Fotografieren extra.
Wir spazieren weiter, schauen uns die Gegend an. Bars reihen sich am Seeufer, schwarze Felsen ragen in die Höhe. Darauf huschen unzählige Echsen in allen möglichen Farben. Graue und meistens lila-rote, die aussehen wie Plastikspielzeug. Am Ende der sandigen Piste befindet sich ein Friedhof, wo sich laut Reiseführer auch noch alte deutsche Gräber befinden sollen. Am Eingang stehen riesige Kakteen. Auf dem Friedhof ist eine Beerdigung im Gange, von den alten Gräbern nichts zu sehen. Wir beschließen, die Zeremonie nicht zu stören und drehen um. Dann biegen wir links ab und laufen durch ein ruhiges, beinahe schon idyllisches Viertel mit nettes Häusern. Groß und stabil, inmitten von Granitfelsen. Alles ist grün, Kinder spielen in den Gärten. Den Menschen scheint es gut zu gehen, an nichts zu fehlen. Nicht einmal an ausreichenden Fernsehkanälen, wie mir die überdimensionalen Antennen auf den Dächern verraten.
Wir machen Halt im „Mwanza Institute“, einem kleinen Bistro. Plastikgartengarnitur im grünen Idyll unter Bananenstauden. Eine Art tansanischer Biergarten. Die kalte Cola tut gut im staubigen Rachen. Dazu zu fettige Pommes. Und Ketchup und Chilli Sauce, die automatisch immer dazu serviert werden und eine absolut künstliche Farbe haben.
Die Menschen in der Stadt sind allesamt schick gekleidet. Männer in Anzügen und Krawatte, Frauen oft in traditionellen Gewändern und kunstvollen Frisuren. Die einzigen, die Lumpen tragen, sind die Arbeiter an der Straße. Aber wer schuftet schon im Dreck mit weißem Hemd? Armut scheint hier kein großes Thema zu sein. Nur für die Bettler, die an mancher Straßenecke sitzen und wie man sie in jeder größeren Stadt finden kann – selbst in Deutschland. Handys, silberne Uhren, Sonnenbrillen, Ledertaschen. Eine andere Welt als die, in der wir seit etwa einem Jahr leben. Aber Tansania hat auch nie einen Krieg erlebt wie sein kleiner Nachbar Burundi. Bis auf den Einmarsch Idi Amins, als der vor einigen Jahrzehnten meinte, den Viktoriasee ganz für Uganda beanspruchen zu müssen. Die über 100 Ethnien in Tansania leben friedlich nebeneinander her. Ein Bürgerkrieg wie er in Burundi zustande kam, ist hier in der Form gar nicht möglich. Und es wird mir in diesen Tagen so richtig deutlich bewusst, was ein Krieg aus einem Land und seinen Menschen machen kann. Burundi soll vor dem großen Krieg ein Einkaufsparadies für Tansanier und Ugander gewesen sein. Heute läuft alles umgekehrt.
Wir gehen weiter zum Hafen von Mwanza und wollen uns nach Tickets für die Fähre nach Ukerewe Island erkundigen, eine große Insel im Viktoriasee. Das lange Gebäude ist leer, keine Menschenseele. In einem Hinterzimmer entdecke ich doch noch drei Männer, die Fußball im Fernsehen schauen. Nur durch ihr lautes Diskutieren habe ich sie wahrgenommen. Einer sagt mir, man könne die Tickets nicht reservieren. Morgen früh sollten wir da sein, dann die Tickets kaufen und direkt auf die Fähre gehen. Preis: 5.000 TSH für die Überfahrt. Dann lächelt er und wendet sich wieder dem Fußballspiel zu. Das Gelände der „Mwanza Port Authority“ ist wie ausgestorben. Nur eine Alkoholleiche liegt irgendwo weiter hinten im Staub und hat Schluckauf.
Wir schlendern weiter durch die Stadt. Vorbei an „Husseins Gift Center“. Abgelegen von der Hauptverkehrsader in einer ruhigeren Ecke entdecken wir einige Straßencafés. Wir nehmen in einem davon Platz. „U R at the right place on the right time“ steht am Eingang. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Na dann. Den „muzungu“ hörte ich nun schon öfter. Noch mehr jedoch „sister“, wenn Leute Lena ansprechen. „Sister, sister“. In Tansania die normale Ansprache für eine junge Frau. Ältere nennt man respektvoll „mama“. Ich werde nur allzu oft „rafiki“ gerufen – Freund. Man scheint schnell viele Freunde zu haben, wenn man zu Fuß durch Mwanza unterwegs ist. Lena scheint mir hier genauso im Blickfeld der Männer zu stehen wie in Bujumbura. Nur eben ist hier nicht unbedingt die Hautfarbe der ausschlaggebende Punkt.
Besonderen Gefallen finde ich an den vielen Zeitungsständen überall in der Stadt. Eine ausgeprägte und entwickelte Presse scheinen sie zu haben, die Tansanier. Wichtig finde ich das. In Burundi noch ein Manko. Auffallend sind die vielen Frauen in den Cafés. In Burundi nicht zu finden. Frauen scheinen hier eine andere Stellung zu haben. Mehr Respekt scheint ihnen entgegengebracht zu werden. Die Straßenhändler versuchen hier meistens Mobiltelefone oder Zubehör dazu loszuwerden. Dabei sind sie aber weniger aufdringlich als ihre burundischen Kollegen. Ein einmaliges „asante“ – danke – reicht und sie ziehen weiter.
Multikulti, bunt gemischt. Ein Potpourri der Kulturen. Als ich an einem Hindutempel vorbei laufe, höre ich weiter hinten den Muezzin durch schäppernde Lautsprecher. Auf der Straße herrscht reges Treiben. Sikh, Hindus, Moslems, Christen, traditionelle Religiöse. Angehörige 100 unterschiedlicher Ethnien. Alle durcheinander. Miteinander. Anscheinend problemlos. Ist Tansania ein positives Beispiel, wie es funktionieren kann?
Durch eine kleine Seitengasse sehen wir weiter hinten den Markt. Ich traue mich aber dort nicht hin, weil ich die Kamera um die Schulter trage. Wir wollen an einem anderen Tag noch dort hin. Vor uns reihen sich zahlreiche Bücherstände aneinander. Hauptsächlich mit kleinen Heftchen, Englisch-Suaheli. In allen Schwierigkeitsstufen. Ich kaufe einige Exemplare für unsere Kinder. Manche der Größeren sprechen Suaheli und können damit ihr Englisch aufbessern. In einem Viertel sehen wir die Stände der traditonellen Mediziner. Pülverchen in allen Farben, Knochen, Ketten und Wurzeln. Dahinter alte Mütterchen oder Männer in bunten Gewändern. Die traditionelle Religion und die mit ihr verbundene Medzin ist in Tansania noch sehr ausgeprägt. Nicht jeder scheint damit einverstanden. Nicht lange ist es her, da wurden in einem District mehrere alte Frauen ermordet unter dem Vorwurf der Hexerei.
28. Juni. Mwanza. Der Wecker klingelt um 6.30 Uhr. Eigentlich wollen wir aufbrechen auf die Insel Ukerewe, aber wir wollen nicht aus dem Bett. Die Anstrengung steckt noch in den Knochen. Also beschließen wir kurzfristig, noch einen Tag zu warten und auszuspannen. Der Vorteil eben, wenn man „planlos“ durch ein Land reist, ohne feste Hotelbuchung. Der einzige Fixpunkt, den wir haben, ist unser Zug nach Tabora. Bis dahin können wir unsere Zeit einteilen, wie uns beliebt.
Wir tauschen bei der Bank Geld und ziehen von Café zu Café. Der Dollar steht bei 1.223 TSH. Nach einem kurzen Besuch im Internetcafé, gehen wir noch ein wenig die Stadt ansehen. Weiße sieht man hier schon ab und an, dennoch nicht unbedingt überwiegend. Viele, wie uns gesagt wird, sind nur in Mwanza als Sprungbrett für die Serengeti. Wir laufen am Ufer entlang in Richtung „Yun Long“, einem großen chinesischen Restaurant direkt am See. Hier zu sitzen ist herrlich – mit Blick auf den See, die Boote, die Inseln. Ab gestrigen Abend hatten wir hier gegessen. Lecker, aber nicht ganz günstig. Im Vergleich zu europäischen Preisen natürlich immer noch nicht der Rede wert, aber zu anderem, einheimischem Essen eben schon. Am Tisch neben uns sitzen einige Nonnen. Lena liest einen Heidelberger Krimi, ich die „Daily News“, die ich mir für 400 TSH an der Straße gekauft habe. Und prompt steht etwas über die burundischen Flüchtlinge darin, die sich noch auf tansanischem Boden befinden. Einige seien in die Niederlande gebracht worden. In Tansania befinden sich – laut Bericht der UN – noch 273.678 Flüchtlinge aus Burundi und dem Kongo. Die tansanische Regierung aber behauptet, es seien nochmals 200.000 weitere im Land. Selbst von 1972 – der ersten Welle aus Burundi. Und dann eben seit 1993. Neben diesem Umstand sind die weiteren Probleme in Tansania: Malaria, Aids, Drogen und Diebe in den Städten.
Ich bin schlapp, anscheinend kommen die Strapazen jetzt erst so richtig aus mir heraus. Den Trip nach Ukerewe wollen wir morgen aber dennoch in Angriff nehmen. Vorbei an der „Mahatma Ghandi Memorial Hall“ und dem „Hindu Union Hospital“ laufen wir zurück ins Hotel. Jetzt sehe ich auch ein Heim für Straßenkinder. „Kuleana – Centre for children’s rights”. Die Jungs auf dem Gelände winken uns zu. Aus einem Radio dröhnt HipHop. Die Polizei fährt an uns vorbei – in einem blauweißen Omnibus von Volkswagen. Ein netter Anblick.
Nach einer erholsamen Dusche mit warmem Wasser – es ist schon recht kühl geworden –, gehen wir nochmals in die Stadt, etwas essen. Neben dem alten, weißen, von Efeu überwachsenen Gebäude mit der Aufschrift „Indian Public Library Mwanza 1935“ nehmen wir Platz in einem kleinen Bistro, das ebenfalls „Kuleana“ heißt. An der Fassade sind Kinderzeichnungen und die Rechte der Kinder aufgeschrieben, was auf eine Verbindung zu dem Straßenkinderheim schließen lässt. Als ich nur einen kurzen Moment vor der Mauer stehen bleibe, um mir die Zeichnungen anzusehen, schießen sofort fünf schwarze Hände aus den weißen Autos, die davor parkten: „Taxi?!“ Ich muss schmunzeln bei dem Anblick und lehne dankend ab.
Nach den Sorten „Serengeti“ und „Kilimanjaro“ probiere ich heute das tansanische Bier „Balimi“. Allesamt kommen sie aus Dar es Salaam. Und geschmacklich sind sie alle ähnlich gut. „Not for sale to persons under 18“ steht auf dem Etikett – anscheinend darf Tansanias Jugend erst mit der Volljährigkeit Bier trinken. Im Hintergrund ruft wieder der Muezzin. Die Moskitos scheinen heute mein Autan zu mögen. Die ersten Dinge, die wir bestellen, sind leider nicht mehr vorhanden. Auch eine Erfahrung, die ich nun öfter machte. Typisch afrikanisch ist auch, Eintausend Dinge auf der Speisekarte stehen zu haben, aber nur die Hälfte davon steht in der Küche. Einfach liebenswert. Die Bedienung schmunzelt schüchtern. Das in Burundi übliche „sss“, das Schlangenzischen, wenn man etwa nach der Bedienung Ausschau hält, ist in Tansania nur üblich, wenn man sich kennt. Ansonsten gilt es als unhöflich. Wir erfahren es glücklicherweise, bevor wir die praktische Erfahrung machen müssen.
Neben dem Bistro befindet sich das Casino von Mwanza. Feine Damen und Herren in Abendrobe passieren Aufpasser mit Maschinengewehren. Vorbei an vier kleinen Straßenjungs. „Mister, mister…“ Ich muss an das Buch „Ach, Afrika“ denken von Bartholomäus Grill. Ein sehr eindrucksvolles Buch und so viel Wahres. Man fühlt sich verstanden, ja erkennt sich und so viele Situationen wieder. Die Jungs sehen aber recht gut genährt und auch sauber aus. In Bujumbura habe ich schon andere gesehen…
Auf dem Nachhauseweg halten wir noch kurz im „Sizzler“, einem kleinen Restaurant. Wir sitzen an der Straße und trinken die letzte Cola des Tages. Am Tisch nebenan sitzen vier Chinesen und schmatzen lautstark Pommes mit Fleisch. Auf der anderen Straßenseite sitzen die Straßenjungs. Ich komme mir bescheuert vor mit der Zigarette in der Hand und meiner kalten Cola. Hier bin ich nicht, um zu helfen. Hier bin ich bloßer Tourist. Ein Unterschied.
Ein Dalla Dalla rauscht vorbei, die Bassboxen sind nicht zu überhören. Mir scheint es, als sei Rap oder HipHop die inoffizielle Musik der Nation Tansania. An allen Ecken und Enden ist diese Musik zu hören. Immer und überall. Zurück im Hotel sehe ich einen Eintrag im Gästebuch. Ein deutscher Journalist, Holger Riedel, ist gerade auch im Hotel. Tage später lese ich ein Interview mit ihm in der Zeitung. Er dreht anscheinend eine Dokumentation über den Vorfall mit den ermordeten alten Frauen und traditionelle Religion.
29. Juni. Als wir aufstehen, ist es noch dunkel. Wir frühstücken und machen uns dann auf den Weg zum Hafen. Eine Menschenmenge wartet schon auf die Ankunft der Fähre. Bei einer murrigen Angestellten kaufen wir unsere Tickets für das obere Deck. Auch hier schwirren wieder allerlei Händler um uns herum. Ramsch aus Asien. Ich kaufe mir eine Zeitung für die Fahrt. Ein Mann zieht einen Karren voll beladen mit Matrazen an uns vorbei. Er scheint bei der kleinsten Erschütterung umzukippen, doch natürlich passiert es nicht. Die Menschen in der Warteschlange sind wieder fast alle schick gekleidet. Zurecht gemachte Frisuren, Handtäschchen, lackierte Fuß- und Fingernägel, Lederschuhe oder Sportliches von Reebok oder Nike.
Auch bei der Fähre „Butiama“ habe ich das Gefühl, dass der Transport von Menschen nur ein netter Nebenverdienst ist – wie bei allen Transportmitteln in Afrika. Ob Bus, Zug oder Schiff, alles wird so voll geladen wie nur möglich. An diesem Morgen sogar mit Kran. Das Geschäft wird hier mit Gütern gemacht. Menschen sind nur zweite Ware. Wir sitzen oben und haben eine super Aussicht. Da stört auch der Dieselgestank nicht wirklich. Hindurch durch eine Felsenlandschaft fahren wir hinaus auf den See, dessen Weiten mir erscheinen wie bei einem Ozean. Die Dhaus blitzen in der Ferne mit ihren weißen Segeln. Die Type hinter mir geht mir etwas auf die Nerven, weil er sich fast den Hals verrenkt, um zu schauen, was ich tue. Als ich ihn anschaue, verzieht er keine Miene und wartet. Als wolle er sagen, ich solle endlich weiter machen, dass er auch weiter gucken kann. Auch das ist Afrika: Die im „Westen“ ständig und überall praktizierte und geforderte Distanz ist hier ein Fremdwort.
Fischer holen auf ihren kleinen Nussschalen gerade ihre Netze ein. Ich lese im „The African“ einen Artikel über die Probleme im Norden Tansanias, verursacht durch gewaltbereite Somalis, die selbst Touristen belästigen. Anscheinend hält man hier nicht viel von den Somalis. Zumindest schimmert das in dem Artikel so durch.
Um 12.15 Uhr treffen wir in Nansio ein, der größten Stadt auf Ukerewe. Frauen waschen gerade Wäsche und Hausrat neben der Anlegestelle. Eine Gruppe Fischer steht weiter hinten im flachen Wasser und breitet ein Netz aus. Als die Fähre hupt, startet ein ganzer Schwarm Vögel. Am Hafen warten ebenfalls viele Menschen. Ob auf ihre Bekannten, die mitgebrachte Ware oder die Rückfahrt, kann ich nicht beurteilen. Wahrscheinlich von allem etwas dabei. Links und rechts von der engen Straße sitzen Frauen und Mädchen hinter flachen Holztischen voller Orangen und Mandarinen. Wir marschieren mit unseren Rucksäcken geradeaus, bis ein Hotel nach links ausgeschildert ist.
Um 13 Uhr sitzen wir am Strand des „Monarch Beach Resort“ und genießen den Blick hinüber zum Hafen, wo immer noch die Fähre vor Anker liegt und Menschen wie die Ameisen umher rennen. Daneben steht ein altes Gebäude aus englischer Kolonialzeit, halb zerfallen. Das Zimmer des Hotels ist sauber, kostet aber 20.000 TSH – inklusive Frühstück. Die Angestellten sind superfreundlich. Ich denke mir, hierher verirrt sich nicht wirklich oft jemand. Im Hotel scheinen wir die einzigen Gäste zu sein. Kinder winken von der Straße her. Lena geht es nicht besonders, ihr tue alles weh. Sie fällt erschöpft ins Bett und schlummert. Mein Verdacht soll sich wenige Stunden später bestätigen: Malaria.
Als sie sich etwas ausgeruht hat und ihr Kopf glüht, nehmen wir ein Taxi und fahren in die nächstgelegene Medizinstation. Der Taxifahrer, ein älterer Herr, kümmert sich wie ein Vater um Lena. Er steigt mit aus und fährt erst wieder, als er alles mit dem Arzt geklärt weiß. „Don’t worry“, sagt er mir noch, dann verschwindet er. Eine dicke, junge Schwester nimmt uns in Empfang und bittet uns, auf einer der weiß gestrichenen Holzbänke zu warten. Nach etwa fünf Minuten kommt ein älterer Herr und bittet uns in sein Sprechzimmer, das von der Wartestube durch einen kleinen Vorhang getrennt ist. Ich denke im ersten Moment nur, dass ich hier so schnell wie möglich wieder raus möchte. Der dunkle Schreibtisch des Arztes ist überhäuft mit alten Unterlagen, Heften, Zettelchen, Stiften – und Staub. Platz hätte hier nicht mal mehr ein DIN A4-Blatt. Links neben dem Tisch steht eine alte Liege, die ich noch einmal sehen sollte. „Wo fehlt es denn?“ beginnt er die Sprechstunde.
Er stellt einige Fragen und notiert sie sich auf einem kleinen Zettelchen Papier. Dann misst er noch Fieber mit einem uralten Thermometer, um anschließend über seinen Notizen zu brüten, die Stirn in Falten gelegt. Das Thermometer steckte im Übrigen in derselben Halterung wie ein paar Bleistifte und Büroklammern. Haare raufen. Brummen. Er setzt seine alte Brille ab und wieder auf. Ich werde etwas nervös, was nicht wirklich oft vorkommt. Während das Thermometer unter Lenas Achsel steckt, schaut der Doktor unentwegt auf die große Uhr an der Wand, die mit den olympischen Ringen verziert ist. 37,6 Grad – nach wenigen Minuten. Das scheint ihm zu genügen und er bittet uns hinüber in ein anderes Zimmer. Zum Malariatest.
Wieder durch einen Vorhang hindurch stehen wir in einem winzigen Zimmerchen. Auf zwei Holztischen sind die nötigsten medizinischen Instrumente und Mittelchen, Watte und Blecheimerchen verteilt. Lena soll sich setzen, der Arzt nimmt ihr nun Blut von der Fingerspitze ab. Lena meint, ihr werde schwindelig. Wir setzen uns wieder in das „Wartezimmer“ auf die weiße Holzbank und warten auf das Ergebnis, das in 45 Minuten fertig sei. Mittlerweile ist es 17 Uhr. Lena fängt an zu schwitzen und ihr wird mehr und mehr schwindelig. „So schwarz alles“, sagt sie, dann verdreht sie die Augen und ist weggetreten. Auf meine Ansprache reagiert sie nicht. Ich halte ihren Kopf, der Arzt eilt hektisch herbei, aber doch irgendwie gelassen, als könne ihn nichts wirklich erschüttern, und gemeinsam tragen wir sie auf die Liege, die ich vorhin schon gesehen hatte. „Ich habe geschlafen und geträumt“ ist das erste, was Lena sagt, als sie wieder zu sich kommt. Der zweite: „Aber irgendwie war es cool!“ In dem Moment denke ich, ich spinne.
Der Arzt schickt derweil einen kleinen Jungen zur nächsten Apotheke, um Glucose zu kaufen. Kurze Zeit später rührt die Schwester es in Wasser an und streckt es Lena mütterlich hin, dass sie es trinken solle. Anschließend gehen wir in einen kleinen Raum, in dem zwei einfache Holzbetten stehen, wo sich Lena ausruhen kann, bis das Testergebnis fertig ist. Sie lacht schon wieder, was mich sehr beruhigt. Das zweite Glas mit Glucose muss sie dennoch über sich ergehen lassen. Wie ein sorgvoller Großvater schaut der Arzt ab und an zu uns herein und fragt, ob alles in Ordnung sei. So groß meine Sorgen beim Betreten der Station waren, umso mehr glaube ich jetzt, dass dieser Mann sehr wohl weiß, was er tut. Je länger ich hier bin, desto mehr Vertrauen habe ich in ihn.
Nach einer Weile holt er uns wieder in sein Sprechzimmer mit dem beladenen Schreibtisch. In rot steht nun auf seinem kleinen Zettelchen: 1/200. Malaria. Aber ganz schwach. Er klärt ab, ob Lena irgendwelche Allergien bekannt seien, ob sie schon mal Malaria hatte und welche Medikamente sie nicht haben möchte. Dann schickt er wieder den Jungen, der ein Mittelchen besorgt. Pflanzlich. Mit Artemisia. Die sagenumwobene Wunderpflanze. An der Wand prangert ein Plakat der Pharmafirma Roche. Werbung für Lariam, das hier nur einen anderen Namen trägt. Dazu drückt er uns Paractemol gegen das Fieber in die Hand und noch ein weiteres Mittelchen gegen Kopfweh. Das Ganze kostet und 10.000 TSH. Er ruft uns noch ein Taxi, schreibt uns seine Nummer auf, falls noch etwas sei und verabschiedet uns freundlich. Zurück im Hotel fragt uns auch die junge Frau an der Rezeption besorgt, ob alles in Ordnung sei. Bestens. Bevor Lena die Pillen schlucken kann, essen wir noch Suppe mit Brot. Nach dem Sonnenuntergang legen wir uns hin. Im Fernsehen kommen englische Nachrichten von den Terroranschlägen. Als im Anschluss eine dämliche Soap beginnt, schläft Lena, ich lese mein Buch „Ach, Afrika“ weiter. Apartheid in Südafrika. Eine der perversesten Hirnverwirrungen der weißen Menschheit.
Draußen springen Kinder um einen Brunnen. Mädchen tragen Gemüse auf dem Kopf. Gegen 21 Uhr mache ich das Licht aus. Gemütlich unterm Moskitonetz. Wäre da nicht die Beschallung von draußen mit Orgelmusik und Gesang. Und zwar bis in die Morgenstunden. Ein Ritual? Ein Fest? Es hört sich an, wie eine Beschwörung von irgendetwas.
Ich wache noch vor dem Wecker um 8 Uhr auf. Die Frau an der Rezeption hatte mir gesagt, man müsse die Tickets für die Fähre gegen 9 Uhr am Hafen kaufen. Nach Brot, Marmelade, einer Banane und – natürlich – Kaffee zum Anrühren, mache ich mich auf den Weg. Raus aus dem Hotel, vorbei am alten Nachtwächter, den ich freundlich grüße. Vorbei an dem kleinen, umzäunten Brunnen, auf dem zwei Mädchen stehen und mühsam pumpen und dennoch freudig winken, Frauen, die vor den Lehmhütten alle möglichen Arbeiten verrichten, vorbei an den kleinen Schreinereien, kleinen Shops, durch die belebte Straße hin zum Hafen von Nansio. Es ist irgendwie ein merkwürdiges Gefühl, hier als Tourist durch zu laufen. Etwas, was ich nicht gewohnt bin. Ich sehe mich einfach als Journalist. Das redet mir zumindest mein Gewissen schön.
Fahrräder sind hier anscheinend das Fortbewegungsmittel Nummer eins. Autos scheint es nicht viele zu geben. Ein Sammeltaxi brettert an mir vorbei und wirbelt Staub auf. Das sind alte Lkw, deren Ladefläche eben mit Menschen vollgeladen werden. Wie die Militärlaster in Bujumbura. Nur ohne Waffen und Uniform. Die Leute sind wenig beeindruckt von meiner Anwesenheit, beachten mich kaum und gehen ihrem Tagesgeschäft nach. Das tut gut. Oder sie grüßen freundlich. Ich scheine der einzige Weiße weit und breit zu sein. Ich fühle mich wohl. Dennoch. Oder gerade deshalb? Mir fällt auf, dass besonders die älteren Menschen am freundlichsten sind. Ein „muzungu“ würde ich aus ihren Mündern niemals hören. Das ist in Burundi dasselbe. Die alte Garde. Ein Mann grinst und winkt stürmisch aus seinem kleinen Lädchen heraus. Ich beschließe, auf dem Rückweg bei ihm Wasser zu kaufen, was ich später auch tue.
Am Hafen ist alles noch geschlossen. Keine Menschenseele. Nur die Mandarinen- und Orangenverkäuferinnen, die ich gestern schon gesehen habe. Zwei Mal werde ich nach Geld gefragt. Ich lehne ab – wie immer in solchen Situationen. „Hapana“ – nein. Das reicht auch aus und man wird in Ruhe gelassen. Ich stehe vor dem Hafen-Office. Allerdings vor verschlossenen Türen. Plötzlich ruft jemand hinter mir aus einem kleinen Häuschen heraus. „Tumaini Tours [tt]“ steht mit schwarzer Farbe an die weiße Hausfassade geschrieben. Darunter eine kleine, selbst gemalte Karte der Insel. „Hi, I’m John!“ streckt mir ein kleiner, recht junger Mann mit freundlicher Miene seine Hand entgegen. Ob ich die Fähre brauche. Ich bejahe. Es sei leider noch geschlossen. Also gehen wir in sein bescheidenes Büro auf der gegenüberliegenden Straßenseite.
Dort sitzen noch zwei andere, ich denke, etwas jünger als John. Auch sie grüßen freundlich per Handschlag. Er drückt mir gleich seine kleine Broschüre in die Hand, die von „Tumaini Tours“, seinem Touristikbüro hier auf Ukerewe. Ich lese seine Mailadresse und frage, wer Yohana sei. Das sei er, sagt John. Die meisten Ausländer würden aber immer sagen, in Europa sei das ein Mädchenname, deshalb würden sie ihn John nennen. Fortan nenne ich ihn Yohana, bei seinem echten, einheimischen Namen. Yohana freut sich sichtlich. Irgendwie sind wir von Anfang an auf derselben Wellenlänge. Sympathie. Wir plaudern einige Minuten, dann zeigt er mir sein Gästebuch. Dort steht schon einiges drin, ich hätte bislang nicht gedacht, dass es so viele Touristen nach Ukerewe verschlägt. Auf dem kleinen, unaufgeräumten Schreibtisch liegen einige Propekte von Hotels auf der Insel.
Yohana ist auf Ukerewe geboren. Wir schlendern ein bisschen durch die Gegend, in Richtung Ufer, und er erzählt mir ein wenig über die Geschichte der Insel. Das passt ganz gut, denn plötzlich stehen wir in dem alten Kolonialgebäude, das ich am Vortag vom Strand auf der anderen Seite aus gesehen hatte. Es gehörte einst einem Engländer, der später an Hindus verkaufte, erklärt mir Yohana. Nun ist es in einheimischem Besitz. Kikerewe sei die Sprache der Menschen hier. Wir stehen zwischen den alten Gemäuern, draußen waschen sich Jugendliche im See und auch ihre Kleider. Eigentlich sei das von der Regierung verboten, erklärt mir Yohana. Die Leute sollen ihr Wasser in die Häuser holen und sich dort waschen. Nicht im See. Wirklich zu kümmern scheint das niemanden. Wieso auch? Das staatliche Verbot steht sogar in roten, ausgebleichten Lettern an die alte Fassade geschrieben. Irgendwie absurd, dieses Bild. Auf den alten Mauern einer Reliquie aus kolonialen Tagen steht ein neues Verbot für die einheimische Bevölkerung. Die pfeifen aber drauf. Als wollten sie sagen: „Schon wieder Vorschriften?“ Das Verhalten der Menschen wirkt sympathisch.
Als ich Yohana sage, dass ich aus Deutschland komme, klopft er mir auf die Schulter, freut sich und wiederholt seine anfänglichen Begrüßungsworte: „Ahh!!! Welcome, rafiki!“ Weshalb Deutsche überall als Freunde empfunden und anderen Europäern bevorzugt werden, weiß ich nicht. Anscheinend ist der Mist, den die Deutschen damals fabriziert haben, aus den nationalen Gedächtnissen verschwunden. Nur noch die positiven Hinterlassenschaften werden hoch gehalten und gelobt: Anbau von gewinnbringenden Landwirtschaftsprodukten wie Baumwolle und Kaffee, die Eisenbahn, die Ausbildungen – und, natürlich, sogar bis heute im Wortschatz des Suaheli erhalten: „shule“.
„Die Deutschen waren früher auch mal hier“, sagt Yohana freudig. Ich halte ihm entgegen, dass nicht alles so ruhmreich war, was die Deutschen damals in ihrer Kolonie anstellten. Außerdem hatte sie ja niemand hergebeten. Doch Yohana verteidigt seine These. Die Deutschen seien damals friedlich gekommen. Sie hätten mit den Menschen hier leben wollen, mit ihnen Handel treiben. Und – sie brachten Gottes Botschaft: Frieden! Er verdeutlicht mir das an einer alten Geschichte. Es gebe in der Nähe von Ukerewe noch eine andere Insel. „Island of Killings“ heiße ihr Name übersetzt. Ein Ort, wohin man früher Albinos, Behinderte und alle Andersartigen brachte, sie aussetzte und verhungern ließ. Dann seien die Deutschen gekommen und hätten die Nachricht verbreitet, dass wenn ein Leben auf der Erde existiert, es Gottes Wille sei – und somit das Wesen auch ein Recht auf eine friedliche und freie Existenz habe. Von höchster Stelle sozusagen. Von diesem Beispiel bin ich beeindruckt.
Die Deutschen als Wohltäter? Das kann ich mir aufgrund meiner westlichen, aufgeklärten Erziehung und Bildung kaum mehr vorstellen. Allerdings habe ich leider keine Zeit für geschichtliche Diskussionen, für die mir – ehrlich gesagt – für Ukerewe auch die wissenschaftlichen Grundlagen fehlen. Lena wartet. Ich verabrede mich mit Yohana für später. Er würde kommen, sagt er. Er sage mir Bescheid, wann es die Tickets für die Fähre gibt. Dann mache ich mich auf den Rückweg zum Hotel, wo ich Lena einen Tee bestelle. Hunger habe sie auch – wohl ein gutes Zeichen. Als ich Malaria hatte, musste ich mich zwingen, etwas hinunter zu würgen, um die Tabletten nehmen zu können. Also essen wir eine Portion „fried eggs“ mit Brot auf dem Zimmer.
Nach etwa einer Stunde taucht Yohana auf. Die Fähre fahre früher als er dachte, weil Samstag sei. Wir müssten aufbrechen. Ich lade ihn ein, mit uns mit dem Taxi vor zum Hafen zu fahren. Wir halten vor seinem Büro, wo wir Platz nehmen, bis der Zugang zur Fähre frei für Passagiere ist. Noch werden die wichtigeren Waren verladen. Die Tickets haben wir in der Tasche. Ich unterhalte mich mit ihm über sein kleines Unternehmen, „Tumaini Tours“, das er nun ein bisschen ausbauen möchte. Touren zu Vögeln, Nilpferden, Affen. Wandern, Geschichtsstunden, Boots- und Angeltrips – sein Angebot kann sich sehen lassen. Aber sei eben alles noch am Anfang, sagt Yohana. Hoffnung bedeute der Name. Tumaini – sein Familienname. Das passt, denn er bemühe sich, auch wenn es nicht ganz einfach sei. Mit einem anderen Deutschen habe er schon einmal Kontakt gehabt und mehrere Mails an ihn geschrieben – jedoch nie eine Antwort erhalten. Der wollte ihm damals anscheinend helfen, einen Internetauftritt zu kreieren, woraus aber bis heute nichts wurde. Der Besuch ist zwei Jahre her. Und Yohana lächelt. Dennoch.
„Karibu! Everytime!“ lacht er. Wir sind bei ihm willkommen. Jederzeit. In Bujumbura werde ich mich später bei ihm melden. Die Fähre hupt, unser Signal zum Einstieg. Yohana trägt Lenas Rucksack bis zu unserem Platz auf der Fähre. Er bringt uns an der Warteschlange vorbei, durch das Tor hinauf auf das Schiff. Etwas unangenehm ist mir das. Die „privilegierten Weißen“ mal wieder. Während das alte Mütterchen in der Schlange warten muss. Und die junge Mutter mit dem Baby auf dem Rücken und dem schweren Koffer. Da es Lena jedoch nicht gut geht, kann ich mein Schamgefühl gut verdrängen. Doch dann erwische ich mich selbst.
Bis zu unserem Platz auf der Fähre, dem oberen Deck, wohin uns Yohana begleitet, habe ich Zweifel in mir. Bis zu seinem freundschaftlich festen Händedruck, seiner brüderlichen Umarmung, denke ich: „Okay, supernett. Schon oft erlebt. Wie viel willst du?“ Nichts dergleichen. Mit einem letzten „karibu“ macht er sich davon. Bis bald. Ich habe zwar nichts gesagt, aber dennoch ärgere ich mich über mich selbst ungemein. Hätte ich ihm einfach etwas zugesteckt, hätte ich ihn zutiefst beleidigt. Er fragte nicht. Er zögerte auch keine Sekunde, in der er hätte überlegen können, ob er fragen soll. Beziehungsweise dieses Warten, das man kennt, mit diesem Blick, wenn der Gegenüber auf einen entsprechenden Lohn wartet. – Nichts. „Karibu“.
Man eignet sich diese Haltung zu schnell an. Immer misstrauisch zu sein, immer zurückhaltend. Zweifel. Vorurteile. Man schreckt davor zurück, Gefallen anzunehmen. Höflichkeit. Und zwar aus Angst oder mit der Befürchtung, hinterher wieder einmal enttäuscht zu werden. Wenn sich die Freundlichkeit wieder einmal in bloße Dienstleistung mit Entgeld verwandelt. Doch Grund dafür gibt es auch genug. Unser letztes Beispiel war Taxifahrer Mohamed, der uns am ersten Abend in Mwanza herum fuhr, ein Zimmer für uns suchte und uns noch zeigte, wo es etwas zu Essen gibt – und im Anschluss einen frechen Taxipreis abverlangte. Es ist alles andere als leicht. Weil man es nie vorher einschätzen kann. Aber wenn man sich dann dabei erwischt, dem anderen Unrecht getan zu haben, ärgert man sich. Und man schämt sich.
Für Mohamed war damals – wie er es selbst nannte – alles „nur business“. Für Yohana auch ein Aspekt. Ein unfreundlicher Touristenguide würde schließlich nicht viel verdienen. Schon gar nicht in einem so kleinen Nest wie Nansio auf Ukerewe. Aber bei ihm ist es etwas anderes. Dieser schwer zu benennende, aber entscheidende Unterschied.
Dann fühle ich mich wieder so unendlich frei und ungebunden. Der See erstreckt sich wieder weit wie ein Meer. Endloser Horizont – nur das Dröhnen des Dieselmotors. Wir rauschen wieder an einem kleinen Fischerbötchen vorbei. Zurück nach Mwanza. Ins „Nyakahoja Hotel“. Im „Monarch Beach Resort“ auf Ukerewe hatten wir kein fließend Wasser. Es regnet auch nicht, demnach sind die Auffangbehälter des Hotels trocken. Die Putzfrauen schleppten uns täglich Wasser von irgendwoher an – es erinnerte mich farblich an naturtrüben Apfelsaft. Als Toilettenspülung okay, aber waschen? Zähne putzten wir ohnehin mit Wasser aus der Flasche. Nicht also gerade die besten Umstände, um eine Malaria auszukurieren. Und da Lena auch keine Ausflüge ins Inselinnere unternehmen kann, beschließen wir, zurück nach Mwanza zu fahren. Dort sind die Umstände besser – und außerdem noch für weniger Geld.
Jetzt schippern wir also wieder über das kleine Meer Viktoriasee. Lena schläft mit dem Kopf auf dem Rucksack. Weiter vorne am Geländer baumelt ein Bündel Fische. Der Bauch der Fähre ist voll mit Orangen – wohl das Exportgut Nummer eins aus Ukerewe. Ich hoffe, die Malaria verschwindet schnell wieder.
18 Uhr. Wir sitzen im Garten des „Nyakahoja“. Trinke eine Cola und esse „Nice“-Kekse, das butterkeksähnliche Gebäck aus Kenia. Irgendwo weiter weg singt ein Gospelchor. Auf der Fähre habe ich heute „Ach, Afrika“ zu Ende gelesen. Er zeigt wirklich alles auf – nichts mehr hinzuzufügen. Außer vielleicht noch ein wenig mehr Informationen über Burundi? Auf der anderen Seite… wen interessiert das schon? Die Zeit der Leichenberge ist vorbei, das letzte Massaker ging 2004 über die Bühne; keine toten Kindersoldaten mehr in Bujumburas Straßen. Nur noch die Kriegsfolgen sind sicht- und spürbar. Narben in Gesichtern und Gesellschaft. Armut. Die Bilder, die man zuhauf kennt im Westen. Oder zumindest zu kennen glaubt. „In Afrika nichts Neues“.
Als ich mir die Beiträge von „neuneinhalb“ über Burundi ansah, wurde mir bewusst, dass ich mit ganz anderen Augen hin schaue. Die Arbeit ist professionell, keine Frage – und für die Kindernachrichten in der ARD bestens geeignet. Dennoch: Am Bildschirm lässt sich einfach nicht der volle Umfang der Gefühle transportieren, die in einem sind, wenn man mitten drin im Geschehen steht. Die Wahrnehmung im Fernsehen ist eine andere. Abgesehen davon war es lustig, meine Kinder im deutschen TV zu sehen. Auch Raul schaute mit und entdeckte sich. Seine Augen strahlten.
Zurück im Mwanza. Ich kaufe Lena drei Orangen von einem der Händler, die mit ihren Karren immer durch die Straßen ziehen. Eine gab es dann noch gratis dazu. „Asante, my friend!“ drückt er mir die schwarze Plastiktüte in die Hand, wie man sie wohl in ganz Afrika antrifft. In der „Nkrumah Road“ – benannt nach Ghanas erstem Präsidenten und Führer in die Unabhängigkeit – kaufe ich bei einem alten Mütterchen noch eine Tageszeitung und am Kiosk „Stop and Shop“ ein Softpack „Sportsman“. Auf dem Rückweg sehe ich eine alte Frau im Müllberg herumstöbern. Sie nimmt mich nicht wahr. Die Hunderte Vögel in den Baumkronen gegenüber beobachten das Geschehen. Der Anblick ist beinahe unheimlich. Zumindest wenn man Hitchcocks „Die Vögel“ kennt. Krähen, Greifvögel und auch die hässlichen Marabus. Wieder ist ein Tag vorbei. Und ich vermisse die Kinder.
1. Juli. Unabhängigkeitstag in Burundi. Der 45. müsste es sein. In Bujumbura laufen Polizei, Militär und viele andere eine Parade. Ich hätte es gerne gesehen, doch man kann nicht alles haben. Nach dem fettigen Mittagessen, Pommes und Sambusa – Hackfleisch in Teig gebacken –, schläft Lena. Ich sitze im Garten des Hotels, lese, schreibe und denke nach. Und an zu Hause, an Buja, Burundi und die Kinder. Die Klausurzeit ist vorbei, sie haben Ferien und alle Zeit der Welt. Freizeit – bis auf die „travaux domestique“, die häuslichen Arbeiten eben. Beim Thema Parade denke auch an die radikale Äußerung, die ich mir vor meiner Abreise habe anhören dürfen.
21 Uhr und ich bin auf dem Zimmer. Lenas Gesundheit bessert sich schnell, anscheinend wirken die Medikamente des alten Arztes sehr gut. Zum Abendessen bei den katholischen Schwestern gab es Reis, Kartoffeln, Kraut, panierten Fisch und eine Sauce. Die Afrikaner nach uns laden sich die Teller voll, bei dem ich mich frage, wer das alles essen soll. Dem einen rollt beinahe die Kartoffel wieder vom Reisberg herunter. Der Fisch wird auch noch irgendwie oben drauf balanciert. Und auch der Nachtisch – ein Stück Papaya – hat noch Platz. Man zahlt eben nur 2.000 TSH – egal, wie voll der Teller ist. Der Speisesaal mit den langen Tischen ist gut gefüllt. Auch zwei Schwestern essen neben uns. Ein wohlhabender Mann im Anzug neben uns schikaniert den jungen Angestellten. Später soll der ihm noch zwei Stück Papaya bringen, obwohl er selbst gerade mal zwei Meter davon entfernt sitzt.
Montag, 2. Juli. Es ist sehr windig und heiß. In der Innenstadt trinken wir eine Cola in einer einheimischen Kneipe, wie sie im Buche steht. Eine dunkle Treppe hinauf, wo es riecht wie in einer alten Diskothek, Mief, alter Rauch – fast wie eine ungelüftete Bahnhofskneipe. Oben ist reger Betrieb, fast alle Tische sind besetzt. Bis auf einen auf dem schmalen Balkon, wo wir Platz nehmen. Am Tisch nebenan diskutieren vier gut gekleidete Männer mittleren Alters lautstark bei einigen Flaschen „Serengeti“ – ich kann leider nicht verstehen, worum es geht – die Diskussion ist in Suaheli. Auf dem großen Kühlschrank in der Ecke steht ein kleiner Farbfernseher, im Programm läuft amerikanisches Wrestling, wo sich gerade zwei Muskelprotze unter lautstarkem Jubel der Massen die Schädel einkloppen.
Die Straße unter uns ist belebt. Dieselgestank und Motorenlärm. Händlergeschrei und Gelächter junger Mädchen am Kiosk gegenüber. Weiter hinten entdecke ich ein Fußballstadion – ein Sandplatz, umrahmt von einer halb zerfallenen Mauer. „Shilingi mia nane“ reißt mich die Bedienung aus meinen Gedanken und grinst. 800 TSH kosten unsere Getränke. Lena scheint sich schnell zu erholen. Wir müssen eben noch ein bisschen langsam machen.
22.30 Uhr. Heute Abend lernte ich flüchtig Brandon kennen, ein dunkelhaariger, blasser junger Amerikaner. Er suchte nach dem Essen einen Zahnstocher – und die standen zufälligerweise bei uns. So kamen wir ins kurze Gespräch. Auf Forschungsreise sei er hier, sagte er. „Medical research“. Noch bis August. Ich denke, ich kann in den Folgetagen nochmals mit ihm plaudern. Mit beim Essen, ihm gegenüber, saß eine junge Frau mit schwarzer Kunststoffbrille. Ich nehme an, seine Kollegin. Dieses Mal gab es Ugali, Maniokbrei, mit Kraut, Spinat, Fleisch und Sauce. Ich trinke dazu ein „Tusker“, ein weiteres tansanisches Bier. Das erste Ostafrikas, wie mir das Etikett verrät. Ich habe wohl so etwas wie Heiweh, die Kinder gehen mir nicht mehr aus dem Kopf.
Dienstag, 3. Juli. Ein frischer Wind, es ist recht kühl. Am gestrigen Abend dachte ich viel über meine Zukunft nach und sprach lange mit Lena darüber. Vielleicht konnte ich deswegen nicht besonders schnell einschlafen. Mir brummt ein wenig der Schädel, meine Laune hält sich ziemlich in Grenzen. Ich merke, wie schwer es ist, entspannen zu können, wenn man so viele Dinge im Kopf hat. Sich zu überwinden, die Mails im Postfach nicht zu öffnen, von denen man genau weiß, sie bedeuten neue Arbeit oder viele Gedanken und die einen „geschäftlichen“ Betreff haben. Es ist nicht leicht, sie ruhen zu lassen, bis man zurück bei der Arbeit ist. Einen Moment glaube ich, dass ich gar nicht mehr richtig abschalten kann, es zumindest erst wieder erlernen muss. Ständig bin ich am Notizen machen, schlachte die aktuellen Tageszeitungen aus und denke an weitere Möglichkeiten für und in Burundi, wie man weiter kommen könnte.
In den vergangenen zwei Tagen verschlang ich einen 200-Seitenkrimi um abzuschalten. Jetzt ist er gelesen, meine Flucht in eine erdachte Welt zu Ende. Hört sich beinahe so an, als wäre ich krank. Ich bin jedoch nur voller Enthusiasmus und Tatendrang. Nur bremsen muss ich mich manchmal, das spüre ich. Muss ich?
15 Uhr und zurück vom Bummel durch Mwanza. Die Stadt ist recht klein und überschaulich. Und staubig. Müll liegt an allen Ecken, trotz der Putzkolonnen in grellem Orange. Ich muss sagen, Bujumbura ist sauberer. Wir schlenderten auch über den Markt, ebenfalls klein und überschaubar. Es riecht dort weniger streng als auf dem Zentralmarkt in Buja. Die Auswahl ist jedoch nicht groß. Hauptsächlich bekommt man Stoffe, Bohnen und Ramsch aus China. Aber auch Honig, Schuhe und Käfige voller Hühner. Von den schweren Lastenträgern wird man genauso über den Haufen gerannt wie in Burundi, wenn man nicht schnell genug auf ihr Pfeifen und Schreien reagiert und zur Seite hechtet. „Muzungu“ höre ich in etwa genauso oft wie „zu Hause“, dafür sind andere Händler umso freundlicher. Den Honig gibt es in kleinen Flaschen, inklusive der Bienen.
Ein kleiner Junge hängt sich an unsere Fersen und folgt uns durch die Gassen auf Schritt und Tritt. Selbst vor dem Internetcafé wartet er, bis wir nach einer halben Stunde wieder heraus kommen. Bis wir am Hotel ankommen, schmunzelt er und trottelt neben uns her. In der Stadt kaufte ihm Lena noch ein Stück Schokolade, die er strahlend und mit großen Augen entgegen nahm. Er bettelte keine Sekunde. Schlecht sah er auch nicht aus. Er wollte uns anscheinend einfach nur begleiten. Zwischendurch kam ich mir vor wie in einem völlig anderen Land – als eine der zahlreichen mobilen Bassboxen vorbei geschoben wird, von jungen Kerlen, die Kassetten verkaufen, und dann auch noch zwei Rastas an uns vorbei laufen.
Die Kühle vom Morgen ist der Mittagshitze gewichen. Die Sonne knallt mit voller Kraft herunter. Eine Horde Schulmädchen hüpft kichernd in blauweißen Uniformen an uns vorbei. Ich sehe viele schicke Frauen. Sie scheinen niemals aus dem Haus zu gehen, ohne nicht ihrer würdig gekleidet zu sein. Make-Up, lackierte Nägel, kunstvolle Frisuren und glitzernde Handtaschen. Ärmere Frauen sieht man kaum, ab und an sitzen sie an der Straße und verkaufen Erdnüsse.
Ich habe mir heute den „East African“ gekauft, eine Wochenzeitung. Abwechslung muss sein. Ehrlich gesagt, tat ich das in der Hoffnung, auch etwas über Burundi lesen zu können. Um etwa 18 Uhr landen wir wieder im „Kuleana“. Zuvor habe ich noch im Hotel Herman kennen gelernt, einen tansanischen Journalistenkollegen. In Mwanza ist er für ein Seminar, das in unserem Hotel statt findet. Ursprünglich kommt er aus dem District Shinyanga, südlich des Sees. Er wohnt im Zimmer direkt neben uns – Nummer 39. Nach kurzem Smalltalk tauschten wir unsere Mailadresse aus und verabredeten uns auf die Folgetage. Zuerst hatte ich seinen Namen nicht richtig verstanden. Beziehungsweise gedacht, ich habe mich verhört. „Helman?“ Zum einen war da wieder die schöne Verwechslung von „l“ und „r“, zum anderen konnte ich mir in diesem Augenblick – warum im Himmels Willen auch immer – nicht vorstellen, dass sich mir mitten in Tansania jemand in gebrochenem Englisch als Herman vorstellt. Er grinste. Und ich war wohl zu lange in der Sonne.
Am Nachmittag waren wir noch zum Dhau-Hafen gebummelt. Es ist jedoch eines der Viertel, das man sich nicht unbedingt ansehen muss, beziehungsweise sich dort lange aufhalten. Schon gar nicht bei Dunkelheit. Und schon gar nicht als Weißer. Kaum sind wir von der Hauptverkehrsstraße in das Viertel eingebogen, riecht es nach Fisch. Nein, es stinkt nach Fisch, denn frisch ist anders. Müll in allen Varianten schmückt den Wegrand bis zum Ufer hin. Dazu verpestet Rauch die Luft, von den unzähligen kleinen Feuerchen, mit denen der Müll verbrannt wird. Wir werden beäugt wie die Tiere in der Serengeti. Nur dürften die sich dort wohl öfter blicken lassen als ein paar Weiße in dieser Gegend.
Einige starren wortlos, andere maulen etwas in unsere Richtung, gefolgt vom Gelächter anderer, wieder andere sind überschwänglich freundlich, strecken den Daumen in die Höhe und grinsen. „Mambo, brother, poa!“ – die meist gehörte und mit einer coolen Geste verbundene Begrüßung. Ehrlich gesagt, fühle ich mich unwohler als im Armenviertel Kamenge in Bujumbura. Halbstarke sitzen auf einer Mauer und lassen die Füße baumeln. Freundlich schauen sie nicht drein. „Poa!“ rufen sie trotzdem. Auf der anderen Straßenseite schlürft eine Gruppe Maasai vorbei. In lila-roten Gewändern, Dolchen am Gürtel und einem Stock in der Hand. Sie machen aber einen eher herunter gekommenen Eindruck. Vom immer und überall gelesenen Stolz dieses Volks ist nichts zu sehen. Hier machen sie einen ärmlichen Eindruck.
Plötzlich spricht mich ein Uniformierter in Khaki an. Ich nehme an, ein Polizist. Älter schon, und mit Bierfahne. Er ist mittelmäßig dekoriert, also kein kleiner Streifenpolizist. „Going?!“ lallt er in meine Richtung. Wohin wir unterwegs sind, möchte er wohl damit fragen. Ich versuche, ihm in Englisch zu erklären, dass wir nur ein wenig spazieren gehen. „Ah, ok! … Going?!“ – “Home!!!” sage ich dann, zwar bestimmt, aber immer noch freundlich. „Ah, ok. Goodbye.“ Er wankt seinen Weg weiter in Richtung des Viertels zwischen den massiven Felsformationen. Wir drehen um und laufen zurück. Ein weiterer Maasai grinst mich mit großer Zahnlücke an. „Habari?“ fragt er, wie es mir gehe. Seine großen Löcher in den Ohrläppchen faszinieren mich und ich muss mich zwingen, weg zu sehen, um nicht idiotisch zu wirken.
Wir gehen zurück, vorbei an dem großen Haus, auf dem die hässlichen Marabus sitzen und auf Fischreste warten. Ein etwas verwirrter Mann hängt sich an mich, seine knallroten Augen, sein Verhalten und das, was er sagt, verrät mir, dass er auf Drogen sein muss. Er läuft einen Schritt hinter mir, während er sich mit mir unterhalten will. Ich sehe ihn nicht, was mich etwas beunruhigt. Den Trageriemen der Kameratasche greife ich nun noch fester. Die Leute am Straßenrand, hinter den Ednüssen und Orangen, finden das Szenario anscheinend ziemlich lustig. Jedenfalls sehe ich plötzlich nur noch strahlende Gesichter. Mir ist in dem Moment nicht nach lachen. Irgendwann ist er aber einfach weg. „Poa!“ ist das letzte, was ich von ihm höre.
Zurück also im Bistro „Kuleana“. Ich esse ein „Mixed Sandwich“, äußerst lecker, dazu eine Cola. Seit ich in Tansania bin, ist mein Cola-Konsum ins unermessliche gestiegen. Plötzlich knallt es auf der Straße, kurz wird es ganz hell. Die Menschen im Bistro zucken zusammen, die Bedienung lässt einen kurzen, heiseren Schrei heraus. Einen kurzen Moment herrscht allgemeine Ratlosigkeit, dann folgt die Nachricht von einem der Taxifahrer: nur eine Stromleitung. Dann geht der rauschende Betrieb im Bistro weiter. Nach den Meldungen aus London und Glasgow denkt man wieder schneller in diese Richtung, es könnte etwas Schlimmeres sein als nur eine Stromleitung. Ich frage mich, ob es in Tansania denn keine Probleme zwischen Christen und Moslems gibt. Das geht alles gut? Oder bekommt man es nur nicht mit? Warum funktioniert es dann in anderen Erdteilen nicht?
Um kurz nach 22 Uhr sind wir wieder auf dem Zimmer. Wir saßen noch lange im Garten des Hotels und unterhielten uns. Unsere Wahrnehmungen von Afrika sind sehr unterschiedlich. Nein, sagen wir eher, die Art und Weise, mit bestimmten Dingen umzugehen. Es ist wohl auch ein sehr großer Unterschied, ob ich als Frau oder als Mann in einem afrikanischen Land lebe. Insbesondere in Burundi. In der Nachkriegszeit.
„Ist dort Frieden?“ fragte mich Herman am Nachmittag. Ich war etwas erstaunt. Sollte man das als Journalist nicht wissen, ob im Nachbarland gerade Krieg ist oder nicht? Denn ansonsten macht er einen sehr, sehr intelligenten Eindruck und weiß sehr viel. Ein kleines Buch habe er geschrieben, vergangenes Jahr. Über den Mord an den „Hexen“. Ein Ereignis von 2006 – im doch so fortschrittlichen Tansania. Weitere Gesprächsthemen sind der Einmarsch Idi Amins in Tansania, Hermans Universitäts- und Militärzeit, in der er als Friedensstifter nach Mosambik musste, wo Bürgerkrieg herrschte und anscheinend der Agressor vom weißen Apartheidsregime unterstützt worden war. Dann verabschiedet sich Herman, als ihn zwei Kollegen rufen. Eine letzte Besprechung im Seminar. Er reicht uns die Hand mit der uns bekannten Geste: den rechten Unterarm mit der linken Hand zu umfassen, bevor man sie seinem Gegenüber reicht.
Keinen Bürgerkrieg habe Tansania erlebt. Das einzige „Nennenswerte“ sei eben der Vormarsch Idi Amins aus Uganda gewesen. Mitte der 70er Jahre war das. Als der meinte, die kolonial gezogenen Grenzlinien zugunsten seines Landes korrigieren zu müssen und den gesamten Viktoriasee einnehmen wollte. Man spürt den Unterschied der Mentalität in Tansania. Das Verhalten. Der Wohlstand. Ein krasser Gegensatz zu den geplagten Generationen in Burundi. Aber ich bin zuversichtlich. Die schlimme Zeit des Hasses ist vorbei. 13 Jahre Kämpfen zu Ende. Es ist die Chance, endlich anzufangen. Daraus schöpfe ich meinen unerschütterlichen Optimismus. Und daran kann auch eine radikale Tutsi-Meinung nichts ändern, wie ich sie hören durfte. Auch nicht das Gegenstück der anderen Seite. Idioten gibt es überall und viel zu viele auf der Welt. Und es wird sie auch immer geben. Aber das Wort einer Nation sollten und dürfen sie niemals – oder nicht mehr? – führen. Dahin sollte die Arbeit gehen. Der Rest läuft dann (fast) von alleine. Ich gestehe: Ich bin Optimist. Und zwar weil ich sehe, dass es geht. Ich spüre es in mir. Trotz allem.
5. Juli. 9.30 Uhr. Nach dem Frühstück – mit hängt Anrührkaffee langsam zum Hals raus – sitzen wir in der Sonne im Garten. Am Tag zuvor waren wir auf der kleinen Insel „Saa Nane“, ein Paradies vor dem Ufer Mwanzas. Mit einem kleinen Motorboot wird man in etwa 15 oder 20 Minuten hinüber zur Insel gebracht. Der See war recht unruhig, die Wellen peitschten ins Boot. Aber die Aussicht entschädigte für alles. Der Yamaha-Motor hat zu kämpfen. Links liegt die Stadt Mwanza, der große Hafen, die graubraunen Häuschen der einfacheren Bevölkerung am Hügel, zwischen den Felsen. Rechts die Weiten des Sees, kleine Felsinseln, bevölkert mit den unterschiedlichsten Vogelarten. Falken kreisen über den riesigen Felsbrocken. Ein weißer Vogel – ich bin leider kein Experte – mit langem, dünnem Schnabel lässt sich auf einem Stück Holz übers Wasser treiben. Ein anderer, kleinerer, flattert beinahe auf der Stelle, um sich dann blitzschnell Schnabel voraus ins Wasser fallen zu lassen. Sollte er sich auf einen Fisch gestürzt haben, blieb er leider erfolglos.
Wir steuern direkt auf Saa Nane zu, links an einem mächtigen Felsen vorbei – und dann tut sich so etwas wie ein kleines Paradies vor uns auf. Rechts eine winzige Buchtm umzingelt von Felsmassiv, das sich um eine einzige, schlanke Palme reiht. Unzählige, unterschiedliche Vogelarten betrachten die neuen Besucher. Sie putzen ihr Gefieder, sonnen sich, streiten oder tauchen nach Fisch. Unweigerlich denke ich an ein überfülltes Freibad in Deutschland. Im Hochsommer, wenn sich alle Familien vom Umkreis um ein kleines, warmes Schwimmbecken drängen.
Stille. Kein Mensch in Sicht. Die knallorangenen Schwimmwesten – oder zumindest das, was davon übrig ist – liegen unbenutzt im Boot auf dem Boden. Beruhigend, dass wir schon an der Anlegestelle sind. Wir machen mit dem Fahrer aus, dass er uns gegen 17 Uhr wieder abholt – dann rauscht er wieder davon. Drei Stunden sollten genug sein – denken wir. Im Nachhinein stellt sich heraus, dass man hier einen ganzen Tag verbringen könnte. Ich entdecke eine recht große Schildkröte, die sich durchs Gras kämpft und stürze mich gleich mit der Kamera darauf. Wir warten einige Minuten an Ort und Stelle, da die Frau im Büro am Festland irgendetwas von „Rangers“, Führern in diesem „Game Reserve“, gemurmelt hatte. Aber Fehlanzeige. Niemand ist zu sehen. Also beginnen wir, uns ein wenig umzusehen.
Schilder weisen darauf hin, doch bitte auf dem Pfad zu bleiben und die Umwelt sauber zu halten. Immer noch kein Mensch. Echsen huschen auf den Felsen und auf dem Weg vor uns weg. Es sind wieder diese großen Plastikspielzeugechsen, die wir schon auf dem Friedhof gesehen hatten. Wir waten den kleinen Pfad zwischen den Felswänden hoch. Kein Schritt ohne Rascheln oder Knistern im Busch. Die Echsen beobachten uns, manchmal auch in Gruppen zu drei oder mehr Tieren. Es ist ein wenig unheimlich, denn immer noch nicht die geringste Spur von Menschen und wir wissen nicht so richtig, welche Tiere sich auf dieser Insel befinden. „Wenn es gefährlich wäre, würden die uns schon nicht alleine hier aussetzen“, rede ich mir ein. Dennoch. Mutterseelenallein auf so einer Insel, links und rechts im Busch raschelt es permanent?
Vorsichtig, aber genauso neugierig gehen wir weiter. „Zu den Hyänen“ steht auf einem Schild mit Pfeil. Also doch nicht nur Echsen. Es wird mir etwas mulmig. Ich krieche unter einem Busch hindurch, der mit seinen nähnadellangen Stacheln über den Weg ragt. Rechts ein Gehege. Ziemlich verwuchert und es sieht verlassen aus. Doch sicher sind wir zuerst nicht. Wir steigen auf einen Felsen, um in das Gehege von oben hineinsehen zu können. Nichts zu sehen, außer hohem Gras. Und zwei Bierdosen, die irgendwelche Scherzbolde hineingeworfen hatten.
Plötzlich stehen wir – einige Meter und Echsen weiter – vor einem flachen, länglichen Bretter- und Wellblechverschlag. Einfacher Maschendrahtzaun ist davor. Löcher sind darin. Innen ist es stockduster, nur die Sonnenstrahlen bringen etwas Licht durch die Ritzen der Bretter. Scheint leer zu sein – denken wir. Von wegen. Plötzlich raschelt es und als ich genau hinsehe, blitzen mit zwei Augen an. Vor mir erhebt sich der massive und große Schädel einer Hyäne. Sie schaut durch das kleine Loch im Zaun, durch das sie aber nicht passen dürfte. Zumindest hoffe ich das. Sie schaut mich aber nur halbwegs interessiert an. Dann wendet sie sich wieder ab und legt sich ins Dunkle, wo ich sie nicht mehr sehen kann. Der sandige Weg führt hinter den Bretterverschlag, doch dorthin muss ich nicht unbedingt. Wenn dort offen sein sollte, will ich es erst gar nicht wissen.
Im Nachhinein tun mir die Tiere leid. Sie vegetieren auf der Insel eingesperrt (?) zwischen Holzbrettern vor sich hin. Mit Sicherheit nicht ihr natürlicher Lebensraum. Irgendwo eingefangen und für Touristen auf Saa Nane ausgesetzt. Für Besucher wie uns. Die 30 Zentimeter lange Echse vor mir kommt mir jedoch sehr heimisch vor. Aus einer Felsritze heraus schaut sie mich an, regungslos. Ich lasse sie und gehe weiter. Auf dem Pfad liegen keine Kotknöllchen. Wir denken sofort an Ziegen – aber wir sollten uns irren.
Eine weitere der Plastikechsen huscht vor uns weg und hinterlässt nur eine kleine Staubwolke. Sie hechtet von einem Felsen zum andern. Dann, auf einer Lichtung mit halbhohem, gelbem Gras: Gazellen. Freilaufend und anscheinend wohl vergnügt. Unter einem Baum grasen sie im Schatten. Wahrscheinlich haben sie uns längst entdeckt. Als wir uns nähern, tun sie so, als würden sie zufällig in dem Moment einige Schritte weiter noch besseres Gras finden. Als ihnen die Distanz allerdings doch zu gering wird, schauen sie erschrocken auf, machen ein paar Sprünge von uns weg und speisen weiter. Wir lassen sie in Ruhe und nehmen den Weg nach rechts.
Eine Wäscheleine gibt uns endlich Gewissheit: Es gibt doch noch Menschen auf dieser Insel. Weiter hinten sehe ich auch eine Wellblechhütte, doch keine Menschen. „Muzungu“, ruft es plötzlich. Na also. Da ist jemand. Doch als ich mich umdrehe: nichts. „Jambo, muzungu!“ ich schaue mich um, kann aber niemanden sehen. Wir denken, es springt gleich ein Kind hinter der Mauer hervor und lacht uns aus. Von wegen. Aus einem kleinen Käfig glotzen uns drei kleine, grau-gelb-rote Papageien an. „Jambo“ krächzt einer noch mal, doch als wir uns nähern, sind sie still. Einer hat den Schnabel halb offen stehen. Es sieht aus, als würde er mich auslachen. Weiter hinten entdecken wir noch einen großen Käfig. „Schimpanse“ steht auf dem kleinen Schild. Doch drinnen baumelt nur ein alter Autoreifen an einem Seil im Wind. Der Affe ist wohl längst an Einsamkeit gestorben, nachdem man ihn hier ausgesetzt und eingesperrt hat.
Wir gehen weiter. Links, in Richtung Ufer, unter einem Baum, eine weitere Gazellenfamilie. Rechts auf einem Schild: „Lion“. Die Käfigtür steht offen, also gehe ich schwer davon aus, dass auch der Löwe nicht mehr auf der Insel ist. Der Anblick an sich ist etwas gewöhnungsbedürftig. Die Insel ist ein Paradies – keine Frage. Aber definitiv nicht für Löwen und Schimpansen. Und was weiß ich noch, was man hier alles auszusetzen versucht hat. Die leeren Gehege geben dem Ganzen einen etwas bitteren Beigeschmack. Und wir wandern weiter.
Ein sandiger Weg hindurch durch meterhohes, goldenes Gras. Darin sitzen Vögel und lassen sich vom Wind hin und her schaukeln. Eine faszinierende Landschaft mit den schwarzen Felsen zwischendrin. Auf einem flachen Felsen schon wieder Kot – allerdings eines wohl etwas größeren Tieres. Lena und ich schauen uns wieder etwas verunsichert an. Fällt uns jetzt gleich etwas aus dem hohen Gras heraus an? Natürlich nicht. Blöd sind die Tansanier auch nicht und setzen irgendwelche ahnungslosen Touristen alleine auf gefährlichen Inseln aus. Oder?
Wir gehen weiter, direkt am Ufer entlang, wo uns hohes Schilf überragt. Die Abenteuerlust packt mich. Wir landen auf einer kleinen Lichtung, am Seeufer abgegrenzt durch das hohe Schilf, links und rechts steile Felsen, über denen Greifvögel kreisen. Ein großer Baum spendet Schatten. Plötzlich raschelt es wieder in den Büschen. Ein Tier huscht von einem Felshang einen umgestürzten Baumstamm entlang. Doch erkennen können wir es nicht wirklich. Wir sitzen wie versteinert da und warten, bis sich das Tier nochmals zeigt. Aber nur Rascheln im Busch.
Eine Gans kommt angeflogen und setzt sich in einem gewissen Sicherheitsabstand zu uns auf einen Felsen. Ihre Augenpartie ist interessant schwarz-rot gemustert. Und siehe da, nun zeigt sich auch das andere Tier. Etwas, was ich noch nie gesehen hatte. Eine Mischung aus Hund und Ratte, etwa so groß wie ein Waschbär. Kurz darauf – noch ein zweiter Artgenosse. Mir knurrt der Magen und ich erinnere mich, dass es schon wieder Zeit ist, zur Anlegestelle zurück zu kehren. Einige Meter neben dem Platz, wo wir gesessen haben, entdecke ich einen ewig langen Tausendfüßler. Schwarz mit knallgelben Beingliedern. Er ist etwa fingerdick und so lange wie Lenas Schuhgröße 39.
Zurück durch das goldgelbe Feld sehen wir nochmals die Gazellen. Am Ufer fotografiere ich nochmals eine Schildkröte, die versucht, einen dicken Grashalm zu verspeisen und sich dabei ziemlich schusselig anstellt. Wir hoffen darauf, dass unser Boot auch wirklich kommt. Kaum habe ich den Gedanken fertig gedacht, kommt ein junger Mann um die Ecke gepaddelt. Lena hofft, dass dies nicht unsere Rückfahrgelegenheit ist. Der Mann steigt aus, grüßt und joggt davon. Kaum ist er verschwunden, brummt unser Boot um den Felsen. Ein kleiner Schuljunge steigt aus, wir ein. Kaum haben wir Platz genommen, kommt der Mann von eben zurück gejoggt und hüpft ebenfalls ins Boot. Er hat sich nur umgezogen. Anscheinend fürs Ausgehen.
Die Rückfahrt ist entspannend. Der See ist ruhig, die untergehende Sonne spiegelt sich in der Wasseroberfläche, in der Ferne schaukeln Segelboote, wir gleiten langsam über den See. Die Felsen werden dunkler. Woher wir kommen, fragt der Bootsfahrer. Als wir Bujumbura nennen, lacht er und sagt: „Der da auch“, während er auf den Mann vorne im Boot zeigt. Dem scheint es jedoch unangenehm und sagt kein Wort. Ich kann es mal wieder kaum fassen. Ich fahre zu einer winzigen Insel mitten im Viktoriasee in Tansania und wen treffe ich? Einen Burunder.
Zurück im Hotel, kaufe ich mir abends ein Bier im hoteleigenen Bistro. Ich komme kurz mit dem Mann neben mir ins Gespräch. Aus Ukerewe sei er. Ich erzähle ihm, dass ich dort gerade am Wochenende gewesen bin, woraufhin er sich sehr freut. Noch ein Zufall. Ich setze mich im Freien unter einen der Pavillons im Garten. Unter einem sitzt ein Mann, die anderen sind frei. Ich setze mich zu dem Mann. Julius. Katholischer Priester in Mwanza. Das Gespräch mit ihm ist sehr interessant, wir vertiefen uns schnell. Er ist sehr an Burundi interessiert. Dann erzählt er mir, dass Malaria in Tansania wohl das größte Problem sei. Daran sterben die meisten Menschen. Gefolgt von HIV und Aids. Ich frage ihn nach dem friedlichen Nebeneinander der Religionen in seinem Land. Ich denke, gerade ihm als Priester die Frage zu stellen, könnte besonders interessant sein. „Problemlos“, gibt er mir als Antwort.
Und zwar deshalb, weil man es bislang geschafft habe, die Religion von der Politik zu trennen, wichtige Ämter nicht mit irgendwelchen Fanatikern zu besetzen. Am Ende fügt er hinzu: „Was sich natürlich jederzeit sehr schnell ändern kann.“ Nach dem Abendessen unterhalte ich mich lange mit Brandon – den ich letzt schon kurz gesprochen hatte – und seiner Kollegin, Lilly. Die beiden kommen aus Bosten und sind für medizinische Forschungen hier, er während seines Studiums. Wie es der Zufall so will, kennt Brandon jemanden, der in Burundi arbeitet. Er habe ihn wohl in Boston kennen gelernt. Er schreibt mir eine Adresse aus Burundi auf einen kleinen Zettel. Genaueres wusste er dann doch nicht.
Auch hatte ich noch ein weiteres, interessantes Gespräch mit Herman. Wir verstehen uns gut. Ich erfahre, dass er für den tansanischen „The Guardian“ schreibt. Er ist Korrespondent für den District Shinyanga, seiner Heimat. Eine Goldmine habe es auch dort, erzählt er mir stolz. Wenn ich wolle, könne ich die mal besuchen. Er lädt Lena und mich zu sich nach Hause ein, seine Frau und dreijährige Tochter, von der er mir noch ein Bild zeigt, kennen lernen. Er vertraut mir an, dass ihm ein kleines Hilfsprojekt für seine Heimatregion vorschwebt. Er scheint jemand zu sein, der sich viele Gedanken macht.
Ich lerne noch einen seiner Seminarkollegen kennen. Mr. Maganga. Ein großer, gut beleibter Mann. Und unsympathisch. Niemals würde er einen Fuß dort rein setzen, sagt er, als ich ihm erzähle, woher ich gekommen bin. Dort sei doch noch Krieg. Genau, Herr Maganga. Am besten bleiben Sie auch hier. In Mwanza. Mir kommt es so vor, als seien viele Afrikaner, denen es gut geht und die in Ländern leben, denen es vergleichsweise gut geht, ausschließlich auf sich fixiert. Vielleicht noch auf den Rest ihres Landes. Aber das genügt. Auf der anderen Seite – ist es irgendwo in der Welt anders? Man muss ja nicht über alles bestens Bescheid wissen. Aber wenigstens, ob im Nachbarland Krieg oder Frieden herrscht. Zumal ja Tansania aufgrund des Flüchtlingsproblems und seiner Vermittlerrolle, ja sogar als Gastgeber für Gespräche zwischen Präsident und Rebellen, mehr oder weniger direkt betroffen ist. Aber vielleicht ist es Verdruss. Nach dem Motto: „Dort drüben ist es doch eh immer dasselbe.“
7. Juli. 7 Uhr am Bahnhof von Mwanza. Reger Betrieb vor und in dem alten, kleinen Gebäude. Reisende, Händler, Taxifahrer. Der Zug steht schon bereit. Wir gönnen uns die erste Klasse. Das bedeutet in diesem Fall einfach nur eines: Platz. Man hat ein eigenes, kleines Abteil für sich. Und kann sich bewegen. Wir haben sogar ein kleines metallenes Waschbecken. Die drei abstehenden Drähte verraten mir aber, dass der Ventilator an der Wand außer Betrieb ist. Draußen ist es noch recht frisch.
Nach der felsigen Umgebung Mwanzas erstreckt sich vor uns das endlos weite Flachland Tansanias. Ab und an kleine Siedlungen, aber auch Landstriche, die absolut unbewohnt sind. Kinder kommen angerannt oder winken aus der Ferne. Arbeitende Frauen auf Maniok- oder Reisfeldern. Wir schaukeln langsam und gemächlich durch Tansanias Landesmitte nach Tabora. Nachdem wir – zu meinem Erstaunen – pünktlich abgefahren waren.
Baumwollfelder ziehen vorbei. Wir halten an mehreren Stellen, meist kleine Bahnhöfe im Niemandsland, aber auch mal einfach so vor einer kleinen Strohhüttensiedlung, wo dann ein Passagier aussteigt. An jedem der kleinen Bahnhöfe gibt es etwas anderes zu kaufen. Durch die Zugfenster, versteht sich. Mais, Eier, Zuckerrohr. Beim letzten Stopp war es Reis, den die Mädchen und Frauen in Eimern auf den Köpfen trugen, während sie hektisch den Zug entlang vor und zurück liefen. Rinderherden, riesige Mangobäume.
Ab und an fliegen aus den Zugfenstern leere Plasitkflaschen, Verpackungen oder andere Dinge, die man nicht mehr benötigt. Man entledigt sich seines Mülls hier an Ort und Stelle. Umweltschutz ist woanders. Wir halten wieder. Der Bahnhof verwandelt sich für wenige Minuten in ein hektisches Ameisennest. Ananas, Pommes, Gurken, Cola. Sogar Hosen und Hemden werden anprobiert. Ein richtiges Marktreiben. Dann ertönt das Signal des Zugs und die Menge verstreut sich wieder, woher sie gekommen war, geldzählend und zufrieden. Die Händler tragen ihre Holztische fort. Der Bahnhof stirbt wieder aus.
Im Abteil neben uns sind zwei kleine Jungs und Mädchen. Interessiert spicken sie in unser Abteil und stellen sich kameradschaftlich zu uns. Ein älterer Herr kommt vorbei und schaut mich fragend an. „Your new friends?!“ Ich klopfe einem der Kleinen auf die Schulte und nicke. Der platzt vor Stolz. Draußen zieht die trockene Landschaft an uns vorbei. Bis auf wenige Wasserlöcher nur trockene Erde und Staub. Allerdings auch nur wenige Siedlungen. Die bewirtschafteten Felder sind ebenfalls trocken. Nur die Baumwolle bildet eine Ausnahme.
Bei einem weiteren Stopp bekomme ich Streit mit einer älteren Frau. Ich mache einige Fotos aus dem Fenster heraus, als sie plötzlich von der anderen Seite angestürmt kommt und mich auf Suaheli anschwatzt. Freundlich war es nicht, das konnte ich verstehen, auch wenn ich sie nicht beim Wort fassen konnte. Die Leute darum herum lachen. Ich frage sie, was sie für ein Problem habe, sie sei auf keinem der Fotos zu sehen. Ein Mann neben mir im Zug startet einen kleinen Verteidigungsversuch und sagt ihr, dass ich nur Englisch spreche. „You don’t have permission!“ schreit sie. Keine Erlaubnis. „We don’t like dat!“ Obwohl ich das Gefühl habe, dass sie die einzige ist mit diesem Problem, stecke ich die Kamera weg. Ich möchte ja niemanden verärgern, wobei es bei ihr wohl schon zu spät war. Nur weil ich keines ihrer Wassermelonenstücke kaufen wollte.
Der Sonnenuntergang tröstet über jeden Streit hinweg. Der große, orangene Feuerball über der Savanne. Einfach ein kitschiges Bild. Wie auf einer Postkarte. Um 19.30 Uhr sind wir noch nicht da, lange kann es aber nicht mehr dauern bis nach Tabora. Mittlerweile ist es schon dunkel geworden und wir packen zusammen und machen uns fertig für den Ausstieg. Ich denke wieder an die Kinder. Was sie wohl gerade machen? Essen und dann Film schauen. Wie immer samstags.
10 Uhr. Wir sind nach einer ruhigen Nacht mit dem Frühstück fertig. Es gab beidseitig gebratenes Spiegelei mit Toast und Kaffee. Dazu ein Stück Papaya und von dem Honig, von dem uns Herman in Mwanza schon vorgeschwärmt hatte. Der wird hier in Tabora hergestellt. Gestern Abend hatte ich Spaghetti gegessen, wobei ich auch wieder an Herman denken musste. Wir hatten uns über die italienischen Nudeln unterhalten. Er findet sie absolut unappetitlich und versteht nicht, wie wir Europäer so etwas essen können. Das sehe doch aus wie Würmer. Einmal habe er sogar einen Freund beim Essen versetzen müssen, weil er es nicht hinunterbekommen hatte. Was habe ich gelacht. Aber ich kann es verstehen.
Die Zugfahrt war ein tolles Erlebnis. Fernab von den Touristenzentren sieht man die atemberaubende Landschaft Tansanias. Als wir Tabora erreichten, war es stockduster, der Bahnhof dennoch überbevölkert. Leute saßen da, schliefen. Riesige Säcke wurden durch die Gegend geschleift. Noch vorher an einer kleinen Station entdeckte uns eine kleine Gruppe Kinder. Sie stellten sich vor unser Fenster und gaben ein lautstarkes Konzert: „Wazungu, wazungu!“ – Weiße! Ich musste an unseren Kindergarten in Kamenge denken, wo uns bei jedem Besuch dasselbe Schauspiel erwartet. Sie tanzen herum, hüpfen, schreien. In Tabora quetschten wir uns erst einmal durch die Massen und marschierten die dunkle Straße entlang, die vom Bahnhof in die Stadt führt. Links Kerzen der Händler, die noch darauf warten, ihre letzte Ware loszuwerden. Unser erster Halt ist am „Orion Tabora Hotel“, doch die Preise hauen uns fast aus den Schuhen.
48.000 TSH für das Doppelzimmer. Natürlich für internationale Standards immer noch nicht viel, doch für uns schon. Das Gebäude steht seit der deutschen Kolonialzeit. Es wurde errichtet für einen Besuch Kaiser Wilhelms, zu dem es aber aufgrund des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs nicht mehr kommen sollte. Heute ist es wieder hergerichtet, ein Springbrunnen am Eingang und macht einen noblen Eindruck. Insofern dürften die Preise keinesfalls übertrieben sein. Im Reiseführer lesen wir, dass die alten Möbel von damals immer noch zum Inventar gehören. Der Nachtwächter ruft uns im Gegenwert einer Zigarette ein Taxi, das uns zu einem anderen Hotel bringt. Wir landen im „Hotel Wilca“. Zuerst möchte der Fahrer 5.000 TSH haben, als er meinen entgeisterten Blick sieht, lässt er sich auf 2.000 TSH herunter handeln. Die Straße erinnert mich an Bujumbura. Der Fahrer muss den Schlaglöchern ausweichen – ich habe Heimatgefühle.
Das „Wilca“ ist klein und überschaulich, das Personal zwar etwas unbeholfen, dafür aber sehr, sehr nett. Ich bin froh über das kleine Suaheli-Sprachheft, denn Englisch ist hier fehl am Platz. Um den Billardtisch an der Bar herrscht reger Betrieb unter Einheimischen. Beim Abendessen schlürft neben uns ein Chinese sein Gemüse ganz in seiner Landesmanier, das Gesicht dabei fast im Teller. Plötzlich großes Geschrei beim Billard. Einer der beiden hat anscheinend phänomenal gewonnen – zumindest freut er sich in selbem Maße. Er kreischt wie ein kleines Kind, rennt um den Tisch herum, springt seinen Freund an und wiederholt bis zum nächsten Morgen, als ich ihn wieder treffe, er sei der „professor of professors!“ Alle Anwesenden müssen lachen. Eine witzige Atmosphäre. Ich glaube, so können sich nur Afrikaner freuen.
8. Juli. Heute wollen wir ein wenig Tabora erkunden. 150.000 Einwohner sollen hier leben. Doch irgendwie ist alles sehr eingeschlafen. Durch die Weitläufigkeit der langen Mangobaumalleen kommt es einem vor, als wohnen hier nur wenige Menschen. Auch der hiesige Bahnhof aus den Kolonialtagen und recht gut erhalten. Wir wollen ein Ticket reservieren, doch der ältere Mann am Schalter sagt, wir sollten morgen wieder kommen und um ein Ticket kämpfen. „Fight“. Was er damit meint, soll ich später noch erfahren.
Einige Sandpisten weiter kommen wir an einem alten deutschen Fort vorbei, das heute vom tansanischen Militär genutzt wird. Eine beeindruckende Festung, hier und da aber vom Zerfall bedroht. Ich muss mich zurückhalten, kein Foto zu machen. Denn das ist strengstens verboten. Und ich möchte bei Gott keinen Ärger mit afrikanischen Behörden riskieren – weil man grundsätzlich den Kürzeren zieht. Wir holen den Reiseführer aus der Tasche, um die alten deutschen Gräber zu suchen, die sich hier noch befinden sollen. Wir stehen kaum eine Minute, da kommt ein Uniformierter auf uns zu.
Ein Soldat putzt sein Fahrrad, ein anderer übt mit Maschinengewehr vor dem Eingangstor Parade. Was wir hier wollen, fragt der Soldat freundlich, aber bestimmt. Sich hier aufzuhalten sei „not allowed“, erklärt er. Falls doch, würde man inhaftiert. Ich mache einen auf unwissenden, ahnungslosen Touristen und strecke ihm den Reiseführer entgegen. Mit meinem Finger zeige ich ihm auf der Karte, wonach wir suchen. Er legt die Stirn in Falten und konzentriert sich auf das Buch. Dann bemüht er sich in schlechtem Englisch, uns den Weg zu erklären, den wir schon vorher wussten. Um den Schein zu wahren, höre ich mir seine Erklärung an, die ich ohne Reiseführer so nicht verstanden hätte. Dann bedanken wir uns und gehen weiter.
Wir trödeln hinter einer kleinen Gruppe Schulkinder her, die unter der Hitze stöhnen. Auf der Straße ist nicht viel los. Aus einer Kapelle schallt Blasmusik. An dieser Stelle müssten die Gräber sein. Wir schreiten durch ein kleines Stück Busch, wo wir die alten Tafeln entdecken. Doch viel ist nicht mehr übrig. Die Marmortafeln mit den Aufschriften sind aus dem Stein herausgebrochen und wahrscheinlich für irgendeine Baumaßnahme zweckentfremdet. Eine letzte vorhandene entdecken wir dann aber doch. Sie ist zwar in der Mitte durchgebrochen, doch immer noch recht gut lesbar. „Ernst Herrmann, gestorben April 1905“.
Nach der kurzen Geschichtsexkursion gehen wir ins Tabora Hotel und gönnen uns etwas Kaltes. Wir sitzen auf der Terrasse. Bar, Bühne, Disko-Equipment. Anscheinend hat das Hotel alles für Touristen zu bieten. Wenn nur jemand hier wäre, der Parkplatz ist völlig leer.
Es ist vor 7 Uhr am Morgen. Und stockdunkel. Ich folge dem Rat des Bahnhofsangestellten und mache mich auf den Weg, die Tickets zu erkämpfen. An diesem Morgen wünsche ich mir eine dicke Winterjacke herbei. Es ist unvorstellbar kalt. Wie Grill in seinem Buch schreibt, ist „warten lassen in Afrika eine Demonstration von Macht“. Ich bekomme gerade die der Bahnhofsangestellten zu spüren. Zusammen mit unzähligen anderen, die sich schon vor dem Office anreihen. Andere wachen gerade in ihren Decken auf und schauen fragend um sich. Männer, Greise, Frauen, Kinder. Je heller es wird, desto unruhiger werden die Menschen. Der Sonnenaufgang ist wieder einmal eine Sache für sich. Die sonst übliche Gelassenheit wird auch am Ticketschalter vorerst abgelegt. Ein Mann putzt sich die Zähne, ein Kind wäscht sich zitternd vor Kälte das Gesicht. Ein anderes streckt seine Glieder. Es kommt Leben in den Bahnhof.
Gerade als ich mich dabei erwische, wieder einmal auf die große Bahnhofsuhr zu sehen und mich über diese westliche und lästige Angewohnheit ärgere, schiebt ein Mann neben mir seinen Hemdärmel hoch und wirft einen Blick auf seine goldene Armbanduhr. Die Leute reihen sich in die Schlange vor dem Schalter ein. Plötzlich ein regelrechter Sturm nach vorne. Jetzt wird wohl offen sein, denke ich. Doch falsch gedacht. Nichts. Wahrscheinlich hat nur jemand innen das Licht angemacht. Doch die Menge draußen drückt. Ich stehe etwas abseits und schaue mir das Geschehen an. Einige Tansanier tun das auch, zwei gehen sogar erst noch in das Bistro gegenüber frühstücken. Dann kann es ja so eilig nicht sein, denke ich mir und spare mir den Andrang wenige Meter vor mir. Wird schon irgendwie klappen.
Ein Tansanier kommt auf mich zu und zeigt auf einen Schalter, der rechts von dem kleinen Gebäude ein Fensterchen offen hat. Links die Schlange zur dritten Klasse im Zug. Ich gehe an das Fensterchen, über dem „1st and 2nd class“ steht. Die Frau sagt mir, ich solle zum Station Master gehen und deutet auf eine dicke, grüne Holztür gegenüber. Dort wartet schon jemand, zu dem ich mich dazu stelle. Nach fünf Minuten stehe ich wieder bei der Frau. Nach Kigoma nur dritte Klasse möglich. Ich nehme zwei Tickets. Irgendwie muss ich ja nach Kigoma kommen. Noch ahne ich nicht, welches Abenteuer uns bevor steht. Doch schlimmer als die Busfahrt von Kigoma nach Mwanza kann es ja nicht werden. Denkste. Um 7 Uhr morgen sollen wir hier in den Zug steigen.
Abfahrtstag nach Kigoma. Wir sind pünktlich um 7 Uhr am Bahnhof, wie uns gesagt wurde. Dieses Mal sind schon alle wach, es ist laut. Auch aus dem Lautsprecher dröhnt das Radio, unterbrochen ab und an von einer Durchsage auf Suaheli. Ich sehe einige bekannte Gesichter vom Vortag. Eine Unterhaltung in normaler Lautstärke ist nicht möglich. Wir stellen uns ein wenig abseits vor die Gleise. Die Mienen der Menschen am Bahnhof passen nicht ganz zur fröhlichen Musik des Radios. Die Kälte weicht der Morgensonne.
Die Zugfahrt in der dritten Klasse von Tabora nach Kigoma erweist sich als eines der Abenteuer, die man ein Mal im Leben erfahren haben sollte – aber kein zweites Mal erleben möchte. Auf dieser Strecke ist nur dritte Klasse möglich, da die zweiten und ersten Klassenplätze allesamt ausgebucht sind – der Zug kommt aus Dar es Salaam und ist schon voller Menschen. Nachdem wir drei unterschiedliche Leute gefragt und auch drei unterschiedliche Auskünfte erhalten hatten, landen wir schließlich doch noch im richtigen Waggon nach Kigoma. Unsere Plätze finden wir gleich. Die Bänke aus einfachem Holz sind mit Schaumstoff überzogen, das rote Leder, das sie einmal zusammenhalten sollte, ist nur noch in Fetzen vorhanden. Die Bank neben uns ist sogar aus blankem Holz, also sind wir froh, nicht diese Plätze bekomen zu haben.
Anfangs sitzt jeder auf seinem Platz. Und vor allem: ein Mensch pro Platz. „Na, ist doch besser als im Bus“, sagt Lena euphorisch. Aber ich traue dem Ganzen nicht. Und ich sollte Recht behalten. Wir sitzen noch über eine Stunde im Zug bis zur Abfahrt. Nach und nach steigen mehr Menschen ein. Selbst dann noch, als keiner mehr so richtig weiß, wohin eigentlich noch mit den riesigen Taschen, die allesamt anschleifen. Kartons, Plastiktüten, Proviant. Die Tüten werden unten an das Gitter der Gepäckablage über den Köpfen festgeknotet. Geht nicht, gibt’s nicht. Im Gang stehen Koffer, wie ich sie in dieser Größe noch nicht gesehen habe. Lena sitzt am Fenster, ich am Gang. Ihr gegenüber eine dünne Frau mittleren Alters, neben ihr eine junge Frau. Ihren Trolli hat sie zwischen meine Beine geschoben. Ohne ein Wort. Da ist noch Platz, also wo liegt das Problem.
Als sich der Zug in Bewegung setzt, kann schon kein Mensch mehr umfallen. Es fehlt schlichtweg der Platz. Ein Mal will sich Lena zur Toilette durchkämpfen. Nach kurzer Zeit kommt sie zurück, schweißgebadet. Nach der Hälfte des Wegs hat sie aufgegeben. Kein Durchkommen. Nachdem sie über die ersten paar Koffer und Kinder gestiegen war, wurde die Menschenmasse zu dicht. Das bedeutet aber nicht, dass immer alles friedlich zugeht. Einige Mal bekomme ich mit, wie es am Eingang, vorne und hinten, beinahe zu Schlägereien kommt, sich Frauen anfauchen und Kinder lautstark heulen. Willkommen bei der Tanzanian Railway Company. Für 7.800 TSH.
Die Krönung dieser Zugfahrt passiert jedoch in etwa der Hälfte der Strecke. An einem der vielen Stopps an einem kleinen Bahnhof kaufen die Zuginsassen Essen, als hätten sie nicht schon genug dabei. In diesem Moment stellt sich auch der Nachteil eines Fensterplatzes heraus. Denn der gesamte Zug hängt in dieser halben Stunde oder Stunde auf einer Seite – dort, wo die Händler außerhalb stehen. Dabei wird keine Rücksicht auf Verluste genommen. Notfalls stellen sich die Menschen auch auf deine Knie, um an ihren Mais, Maniokbrei oder Fleischspieß zu kommen. Die Ware wird dann triefend zum Fenster hinein gereicht. Zieht man seine Beine nicht zur Seite, hat man die Sauce eben auf der Hose. Draußen gibt es frische Ananas. Außerdem Maniokbrei, eingewickelt in Bananenblättern. Und frittierten Fisch. Kleine Fische, im ganzen Stück gebraten, triefend vor Fett. Der Mann, der neben mir im Gang steht, kauft gleich Proviant ein, den er in einem kleinen Karton verstaut und in die Gepäckablage oben stopft.
Als sich der Zug wieder in Bewegung setzt, schmatzt alles. Außer uns. Die dünne Frau gegenüber bietet uns ein Stück Fisch an, aber ich sage ihr, dass ich satt sei. Auf Kirundi – irgendwie ein Reflex. Von dem Moment an aber freut sie sich, sie fahre auch nach Burundi. Fortan verständige ich mich mit ihr auf Kirundi – zur Unterhaltung aller um uns herum. Der Fischgeruch hat sich auch langsam wieder aus dem Zug verzogen. Man bekommt wieder Luft zum Atmen. Plötzlich ein dumpfer Schlag gegen meinen Kopf. Ich realisiere zuerst gar nicht, was los ist. Dann ein Rascheln. Als ich an mir hinunter sehe, glotzen mich zwei gebratene Fischaugen an. Um mich herum: Fisch. Und Salz. Die Leute um mich herum – einschließlich der Mann, dem das Frittierte gehört, schauen ebenso verdutzt wie ich. Gesprochen wird kein Ton. Dann sammelt er seine Fische wieder ein, stopft sie zurück in den Karton und drückt den wieder in die Gepäckablage. Ich muss lachen. Die anderen nun auch. Und Lena hat sowieso schon Tränen in den Augen.
Im Augenwinkel sehe ich, wie der Mann mit einem Tuch meine Hose abreiben möchte. Ich halte ihn dankend davon ab. Zuvor habe ich nämlich beobachtet, wie die runde Frau neben mir, der das Tuch gehört, gegessen hat. In dem bunten Lappen hängt noch Reis. Vielleicht ist es auch Maniokbrei, das kann ich nicht erkennen. Auf jeden Fall hat sie damit ihre fettigen Finger nach der Fischspeise abgewischt, einschließlich ihren Mund, um den herum noch alles mögliche klebte. Ein richtiges Bauernweib. Rülpsen. Aus der Flasche trinken, dass das Wasser die Mundwinkel und das Kinn hinunterläuft. Schmatzen. Eigentlich das volle Programm. Ihre Serviette kann sie gerne behalten. Das mit dem Fisch und Salz auf meiner Hose ist nicht weiter schlimm.
Die Landschaft, die an einem vorbei zieht, entschädigt jedoch für alles. Zuerst die sandige Landschaft, ewiges Flachland. Dann die Savanne mit den exotisch geformten Bäumen. Und schließlich richtiger Urwald. Die Vielfalt ist atemberaubend. An einer Stelle sehe ich etwas entfernt sogar eine Herde Büffel. Der Sonnenuntergang ist ein Ereignis, das ich so noch nie gesehen habe und übertrifft auch alle bisherigen Sonnenuntergänge, die ich in Afrika erlebt habe. Diese Farbenvielfalt am Himmel, gefolgt von einem Sternenhimmel, wie man ihn nur aus Filmen kennt – unglaublich. Da stört es einen auch nicht mehr, wenn es im Zuginnern nach Essen, Mief, Schweiß und Kinderpipi riecht. Dennoch: Die letzten beiden Stunden der Fahrt hänge ich am Fenster und sehe hinaus. Frischluft.
In Kigoma kommen wir an, als es schon dunkel ist. Als der Zug hält, warten wir erst noch auf unseren Plätzen. Denn unsere gelassenen Afrikaner hatten sich schon seit einer halben Stunde in die Startlöcher positioniert. Und wie erwartet, gestaltet sich das Aussteigen wie das Einsteigen. Nämlich Hauptsache schnell, jeder zuerst und natürlich mit lautstarken Diskussionen. Koffer und Kleinkinder werden zum Fenster raus ausgeladen, der Rest auf dem Kopf hinausgetragen. Draußen aus dem Bahnhof gehen wir erst einmal nach links. Doch die katholische Herberge ist bereits voll ausgebucht. Also müssen wir doch ein Taxi nehmen.
Wie schon bei der ersten Ankunft in Kigoma startet am nächsten Tag ein Zug nach Dar es Salaam. Ein freies Zimmer zu finden ist demnach reine Glückssache. Mit dem Taxi klappern wir vier oder fünf Herbergen ab – allesamt winken ab. Wir fahren immer weiter aus Kigoma hinaus, dann finden wir schließlich doch noch ein freies Plätzchen. In dem recht großen Haus, das aber beinahe zusammen zu fallen scheint, sitzt ein altes Mütterchen am Eingang und flechtet einen Korb. Das Zimmer besteht aus kahlen, schmutzigen Wänden und einem Bett mit Moskitonetz. Mehr wollen wir aber erst einmal auch gar nicht. Wasser gibt es – im Eimer und eigentlich nur noch als Toilettenspülung geeignet. Die wenigen Angestellten, die wohl auch der ein und derselben Familie angehören, sind sehr freundlich. Und obwohl es schon beinahe 23 Uhr ist, werfen sie nochmals den Grill für uns an. Zum Abendessen bekommen wir ein halbes Hähnchen und leckere, gebackene Bananen.
11. Juli. Nach der anstrengenden Reise wollen uns wir noch einmal Erholung pur gönnen. Wir entschließen uns, an „Jacobsen Beach“ zu fahren, wo wir bei unserem ersten Kigoma-Aufenthalt schon einmal kurz gewesen waren. Ein Tag am Paradies, glasklarem Wasser und feinem Sandstrand. Plötzlich sehe ich eine kleine Affenfamilie. Sie kommen an den See, um ihren Durst zu stillen. Etwas weiter vorne hatte eine Tauchergruppe ihr Lager aufgeschlagen. Kurz inspiziert von den Affen, klauen sie kurzerhand ein paar Bananen. Danach setzen sie sich in sicherem Abstand um uns herum und spähen nach uns. Doch an unser Gepäck kommen sie nicht ran. Ich lerne die Tauchlehrerin kennen. Eine Amerikanerin, die auch schon zwei Jahre in Bujumbura gelebt hatte und dort eine kleine Tauchschule betrieb. Welch Zufälle!
Am Morgen lernten wir noch Eddyson kennen, während wir wieder im „Sun City“ frühstückten. Eddyson ist Marineinspekteur aus Dar es Salaam und einige Tage in Kigoma, um Schiffe zu untersuchen. Er ist sehr nett und unterhält sich lange mit uns. Auch er ist von den Deutschen begeistert. Aus den bekannten Gründen. Er habe sogar einige Jahre in Berlin studiert, erzählt er. Als wir ihm sagen, dass wir in der dritten Klasse aus Tabora gekommen sind, schlägt er die Hände über dem Kopf zusammen. „Na, dann müsst ihr ja ein Buch schreiben!“ …
Nach dem Strandaufenthalt machen wir uns wieder auf Zimmersuche. Da wir abends im „Sun City“ essen wollen, fragen wir erst einmal in der näheren Umgebung. Und direkt nebenan haben wir Glück. Die Herberge hat nicht einmal einen Namen – denn es ist eine Baustelle. Doch ein Zimmer ist frei. Ein großer Raum mit Bett – und einem Moskitonetz, das zur Hälfte an einem Stromkabel an der Wand befestigt ist. Ausreichend also. Wasser zum Duschen bekommen wir aus einer alten Badewanne, die im Hof steht. Es ist aber soweit sauber, sodass wir mit einem kleinen Eimerchen endlich wieder duschen können. Bei Kerzenlicht.
Nach dem Abendessen wollen wir weiter oben noch ein wenig durch die Stadt schlendern. Wir nehmen ein Dalla Dalla. Die Innenbeleuchtung ist rot, das gesamte Auto innen mit rotem Teppich ausgekleidet. Und die Bassbox dröhnt. So etwas wie ein Partymobil. Als wir aussteigen, ruft uns jemand von der anderen Straßenseite. Ein weißer und ein schwarzer Mann – etwa in meinem Alter – kommen auf uns zu. Der Weiße entschuldigt sich für seinen Freund. Der hätte gedacht, er kenne mich. Ich lache. Denn schließlich sehen wir für die Afrikaner alle gleich aus. Meine Laune ist gut.
12. Juli. Um 10 Uhr fahren wir mit einem Dalla Dalla in Richtung Heimat – Burundi. Platz ist hier wieder Fehlanzeige. Alles passt hinein. Was nicht passt, wird passend gemacht. Länger als bis 13 Uhr – unserer Ankunftszeit – hätte ich es auch nicht mehr durchgehalten. Meine Knie schmerzen zu sehr. Dennoch, die ganze Fahrt über habe ich ein Grinsen im Gesicht. Die Vorfreude auf unsere Kinder ist so groß, da kann kommen, was wolle. Am Nachmittag soll ich sie wieder in den Armen halten. Schon als ich an der Grenze – das letzte Stück dorthin legen wir im Übrigen mit dem Fahrradttaxi auf Sandpiste zurück, inklusive großer Rucksäcke – das erste burundische blauweiße Taxi sehe, schlägt mein Herz höher. Ich kann die Landessprache wieder annähernd verstehen. Das Diskutieren der Menschen – einfach herrlich. Selbst der Taxifahrer, anfangs sehr mürrisch, fängt an zu grinsen, als ich mich mit ihm auf Kirundi unterhalte. Den Geldwechslern in Mabanda, dem ersten Örtchen auf burundischer Seite, fallen beinahe die Augen heraus, als ich in ihrer Landessprache ablehne und sage, ich habe schon Burundifranc.
Mit dem Grenzbeamten im Büro, der nur vier Jahre älter ist als ich, scherze ich herum. Meiner Laune kann nichts mehr etwas anhaben. Und ich glaube, ich stecke die Leute um mich herum damit an. Denn nicht nur der Polizist ist bester Laune, das Ganze soll sich im Kleinbus nach Bujumbura noch fortsetzen. Als wir in Richtung Dorfmitte gehen, stoppt ein gelber Postbus neben uns und fragt, ob wir nach Buja wollen. Als wir bejahen, sagt der Fahrer: „Na, dahin bin ich unterwegs.“ Dass sich die Rückfahrt noch so luxuriös gestalten wird, damit haben wir niemals gerechnet. Der Bus ist recht neu, demnach schnell und vor allem: sauber. Die Sitze in einem tadellosen Zustand und das Allerbeste: Auf jedem Platz sitzt nur eine Person!
Aufgrund der Zeitverschiebung gewinnen wir noch eine Stunde. Die Strecke durch Burundis Süden ist traumhaft. Sagenhafte Strände, Palmwälder, Fischerdörfchen mit kleinen Nussschalen, die im Wasser schwanken. In Bujumbura endlich angekommen, schnappen wir uns das schnellstmögliche Taxi. „Nach Kiriri, bitte“. Als ich vorsichtig durch das rote Tor unseres Heims luge, werde ich schon entdeckt. Elias, der ruhige Kerl, strahlt über das ganze Gesicht und streckt mir die Hand hin. Und dann kommt auch schon die kleine Evelyn, die mich ungebremst über den Haufen rennt. Wir sind wieder zu Hause.
Gruss aus Mwanza
Juli 2, 2007
Ein kurzer Gruss aus Mwanza am Victoriasee in Tansania. Ich sauge die neuen Eindruecke in mir auf – und vermisse dennoch so sehr mein Burundi und meine Kinder.
Noch eine erfreuliche Neuigkeit:
http://www.ka-news.de/karlsruhe/
news.php4?show=jfk2007627-388B