Radikalismus

Juni 23, 2007

Samstag, 23. Juni 2007. 14.38 Uhr. Gestern Abend passierte das, worauf ich schon warte, seit ich hier in Burundi bin. Ich habe mit eigenen Ohren, auch an mich gerichtet, die radikale Meinung eines Tutsi zu hören bekommen, wie sie radikaler nicht sein könnte. Derjenige war etwas angetrunken, eine Diskussion wäre also nicht sonderlich ratsam, geschweige denn von Erfolg gewesen. Also hielt ich den Mund und hörte nur zu. Dass es diese Meinung gibt, ist mir bekannt, deshalb war ich wohl auch nicht allzu sehr geschockt. Nur eben selbst gehört hatte ich sie bislang noch nicht. Jetzt schon.

 

„Warum ich mir nicht die Parade am 1. Juli anschaue? Weil sie für einen xxx Hutu-Präsidenten ist und ich ein xxx Tutsi bin. Deshalb. Jamais – niemals! Ich fühle mich als Tutsi und ein höher gestelltes Wesen als die. Wie die arische Rasse in Europa. So etwa.“ Nur ein kleiner Auszug dieses – in doppeldeutiger Weise – einseitigen Gesprächs. Geschichtsverdrehung vom Feinsten und ohne Blatt vor dem Mund. Ganz genau die volle Bandbreite, wieso es in diesem Land so zur Sache ging und die Situation ist, wie sie ist. Und das von einem, von dem ich nun einmal behaupten kann, dass er nicht gerade der Intelligenteste ist. Das Schlimme daran: Mit seiner Meinung ist er nicht alleine. Wie viele Studierte gibt es, die seine Ansicht teilen, es aber nur nicht so offen sagen? Die sich ihren Teil denken, bis, ja bis sich vielleicht wieder einmal die richtige Gelegenheit ergibt?

 

Die eine Seite habe ich nun gehört. Ohne Tabu. Ich würde gerne die andere Seite – in der selben Art und Weise – auch noch hören. Die zu finden, dürfte nicht allzu schwer sein. Leider. Widerspruch gab es gestern Abend nur von einem der zwei, die noch mit anwesend waren. Auch ein Tutsi. Aber einer, der nachdenkt, die Geschichte kennt und sie nicht verdreht, auf Ausgleich aus ist. Kein radikales Denken. Welche Seite in Burundi die Oberhand behalten wird? Oder muss sie erst noch gewonnen werden? Tja. Das weiß niemand so genau. Wünschenswert wäre es. Für die Menschen, für die vielen Menschen, die es einfach nur noch satt haben.

 

Ich habe nun drei Wochen in Tansania Zeit, darüber nachzudenken.