Montags-Schlagzeile
Juni 18, 2007
Sonntag, 17. Juni 2007. 20.32 Uhr. Ich warte gerade, bis es Essen gibt. Die Kids, genauer gesagt, Pamela, hat mich gefragt, ob ich mit ihnen essen möchte. Ich sagte für diesen Abend zu. Reichlich spät, mein Magen knurrt. Dennoch. Ich freue mich drauf. Hände muss ich gleich noch waschen.
Heute Mittag war ich bei den Straßenkids. Sie baten mich, nochmals zu kommen, um einige ihrer Fragen zu beantworten. Morgen, Montag, schreiben sie eine Klausur in Englisch, dafür wollen sie sich so gut wie möglich vorbereiten. Insgesamt war ich drei Stunden bei ihnen, im „Centre Birashoboka“. Nachdem ihre Anliegen alle beantwortet und geklärt waren, plauderten wir noch über alles mögliche. Ich mag die Jungs. Ich mag sie wirklich. Auch hier wieder: Ich kann ihre Vergangenheit und ihre Geschichten nicht begreifen. Ich bekomme sie nicht in mein Hirn hinein, nicht, wenn ich sie lächelnd vor mir sehe, scherzend, lernbegierig, offen – und diszipliniert.
Auf der Nachhausefahrt lernte ich einen neuen Taxifahrer kennen. Pascal, ein Kongolese fortgeschrittenen Alters. Er plaudert mit mir in einem astreinen Französisch, ist interessiert, nett, macht einen super gebildeten Eindruck. Am Ende der Fahrt tauschen wir Nummern aus – „falls du mal wieder ein Taxi brauchst“, zwinkert er mir zu und steckt sein Geld ein.
Im Heim angekommen, quatsche ich mit Pamela und Epiphanie. Mit letzterer habe ich am Samstag Nachmittag einige Stunden im Wohnzimmer gesessen und ihr das Notebook gezeigt und erklärt. Sie fragte mich danach, also lehrte ich sie. Anfänglich etwas schüchtern, hackte sie nach einer Weile fasziniert in die Tasten und schrieb einen Brief. Es schien ihr richtig Spaß zu machen – wir lachten viel. „Phil, biragoye!“, schwer sei es, sagte sie mehrmals. Ich lachte, winkte immer ab und sagte, sie solle weiter versuchen, es klappe schon gut. Zum Schluss stand der Brief. Gut gemacht, Happy! (hergeleitet vom Spitznamen Happyphamba für Epiphanie).
Gerade bin ich wieder vom Essen zurück. Maisbrei mit Kohl und Bohnen in Sauce. Lecker war es. Ich merke gerade, dass ich mich richtig an das Essen gewöhnt habe, es schmeckt wirklich. Vielleicht würde es wieder etwas schwieriger werden, wenn ich es jeden Tag essen müsste. Aber ab und an ist es eine sehr schmackhafte Abwechslung. Aber… in welcher Position bin ich eigentlich, das sagen zu können? „Schmackhafte Abwechslung“… im Moment komme ich mir gerade selbst etwas komisch vor, wenn ich so etwas schreibe. Für die Kinder ist es die tägliche Nahrung. Sie haben nicht den Luxus, großartig auswählen zu können.
Ich saß mit Dorine, Pamela, Florette und Espérance am Tisch. Jeder seinen kleinen Plastikbecher mit Wasser vor sich. Espérance ist statt Kohl das Gemüse Lenga Lenga. Kohl vertrage sie nicht, meint sie. Am Arm trägt sie das kleine, schmale Lederarmband, das ich ihr aus Uganda mit gebracht hatte. Das Thema beinahe durchgehend beim Essen: unser Abschied. Wieso wir denn gehen müssten. Wieso wir denn gehen. Was soll ich antworten? Dass es mir genau so schwer fällt, wie ihnen, wissen sie. Das habe ich sie öfter spüren lassen und sage es auch. Doch was kann ich darüber hinaus schon großartig sagen? Ich muss beginnen, mich damit abzufinden. Wir verströsten uns damit, zu sagen, es sei ja noch eine Weile hin. Doch… ich bin überzeugt, dass diese restliche Zeit wie im Fluge vergehen wird. Leider.
Ich erzähle ihnen von den Mädchen, die nach uns kommen werden. Versuche, sie neugierig zu machen. Neugierig auf das Neue, neue Menschen, neuen Spaß. Ich hoffe, so können sie wenigstens ein bisschen mit dem Abschiedsschmerz umgehen. Zumindest die Kids. Wir nicht. Aber um uns geht es ja auch nicht. Es geht um die Sache. Um die Sache, für die wir hier sind, für die wir seit einigen, schönen Monaten arbeiten, uns einsetzen, ja sie leben. Und jeder von uns vier wird sie im Herzen behalten, sie weiter leben. Jeder auf seine Art wird seinen Beitrag leisten. Denn zu tun gibt es ja noch genug.
Dass das so ist, bestätigen Julia und Marie nach ihrem Tansania-Urlaub. Als sie zurück in Burundi angekommen seien, hätten sie schnell und deutlich den Unterschied bemerkt. Nachkriegszeit. Armut. Unsicherheit, ja manchmal sogar Angst und Verzweiflung. Burundi, das vor dem schrecklichen Krieg ein kleines Paradies in Ostafrika war, in das die Menschen aus den umliegenden Ländern reisten, um hier einzukaufen. Tansanier, Ugander eingeschlossen. Im Urlaub wurden Marie und Julia schief angeschaut, als sie sagten, woher sie angereist waren. Dort ist doch Krieg?!
Die einen, im Nachbarland, wissen nicht, dass der Krieg mittlerweile vorbei ist. In Europa aber – das wage ich zu behaupten anhand der einigen Erfahrungen, die ich gemacht habe – wissen die meisten nicht einmal, dass hier Krieg war, welche Brutalität hier herrschte, wie viele Menschen aus ethnischen Gründen niedergemetzelt wurden. „Ach, dasselbe wie in Ruanda?“ Könnte man so sagen. Unterschiede gibt es, alleine in der Anzahl der Opfer.
Da fällt mir ein, dass Didiane gestern hier kurz zu Besuch war. Unterhalb ihres Halses hat sie eine Narbe, quer rüber, zwischen den Schlüsselbeinen. Ich traute mich bislang nicht, sie danach zu fragen. Von ihren Erzählungen weiß ich aber, dass auch sie während des Kriegs einmal fliehen musste. Man kann sich also eins und eins zusammenzählen. „Ach, in Burundi war das auch?“ Ja, in Burundi war das auch. Aber wo liegt das denn noch mal?
Ich möchte nicht behaupten, dass ich schon immer wusste, wo Burundi liegt, geschweige denn über seine Geschichte Bescheid wusste. Ich müsste lügen. Ich habe nicht die Weisheit mit Löffeln gefressen und möchte andere nun belehren. Aber ich habe begonnen, mich damit zu beschäftigen, habe begonnen, meinen Horizont zu erweitern, darüber nachzudenken, es zu verinnerlichen. Und ich stehe dafür ein, andere auch dazu bringen zu wollen. Nicht so intensiv wie wir es hier tun. Das ist nicht möglich, wenn man es nicht selbst gesehen, nicht selbst hier gelebt hat. Aber zumindest ein kleines Stück weit. Dass man es sich zumindest einmal anhört. Dass man aufhört, mit Scheuklappen und Desinteresse durchs Leben zu rennen. Ich denke, es ist nicht falsch, das zu versuchen. Ich will niemanden für Burundi missionieren. Aber ich kann verlangen, dass mein Gegenüber beginnt, nachzudenken. Wenn er es nicht schon getan hat.
Am Wochenende hat mir Benoit die kurze Rede übersetzt, die ich hier zum Abschied auf Kirundi halten möchte. Ich wollte sie jetzt schon haben, weil ich noch die Aussprache üben muss, die Bindungen der Wörter und so fließend wie möglich sprechen möchte. Ein paar kleine Worte an die kleine, große Familie.
Montag, 18. Juni 2007. Heute Morgen lese ich den Artikel auf
http://www.tagesschau.de/aktuell/
meldungen/0,,OID6928120_REF1,00.html
Er zeigt – was der Journalist auch bemängelt –, dass die selben Fehler immer wieder gemacht werden. Am Ende des Beitrags nennt er es beim Namen. Leute in Afrika werden abgeschlachtet. Und wen interessiert’s??? Solange das Geschäft nicht stimmt, niemanden.
Traurig. Wirklich traurig. Aber wen stört es noch, der G8-Gipfel ist ja auch vorbei, man braucht sich also nichts mehr schön reden. Wieso auch rechtfertigen? Im Nachhinein wird dann immer wieder getrauert, große Reden geschwungen, „so was“ dürfe nie wieder vorkommen. Dass ich nicht lache. Wenn es nicht so abartig (und) traurig wäre.