Donnerstag, 14. Juni 2007. Gestern Nachmittag war ich wieder im Straßenkinderheim, Englisch unterrichten. Einige der Jungs schreiben am Montag auch eine Klausur in Englisch, also traf sich die Vorbereitung ganz gut. Zufälligerweise hatte ich für die gestrige Stunde auch eine Übung vorbereitet, wie sie in der Klausur dran kommen wird. Auf Anfrage der Jungs werde ich am Sonntag noch eine Zusatzstunde im „Birashoboka“ geben – als letzte Fragestunde sozusagen. Generalprobe. Einer der Jungs fragte mich außerdem nach Sportschuhen – er sei derzeit vom Schulsport ausgeschlossen, weil er keine „passenden“ Sportschuhe besitzt. Ich fand welche im Lager – zusammen mit Beatrice, Verenas Assistentin. Am Sonntag werde ich sie ihm mitbringen.

 

Auf der Fahrt zum Heim hielt ich am Markt – ich wollte noch Obst für die Kids im Straßenkinderheim kaufen. Zwölf Kilo Maracuja. Für etwa drei Euro. Der jungen Händlerin machte ich natürlich eine Freude damit – der Tagesumsatz stimmte wieder. Auf einen Schlag. Als Zeichen ihrer Freude, schüttete sie noch ein zusätzliches halbes Kilo in die Tüte. Auch der Junge, der die Plastiktüten verkauft, verdiente mit. 200 Franc für die Tüten, noch mal 50 fürs Tragen – was man keinesfalls ablehnen sollte. Dann gings weiter ins Heim. Auf dem Weg dorthin, beim Kreisel am „Platz der Unabhängigkeit“, rauschte ein blitzblank polierter dunkelblauer Mercedes an uns vorbei. „AMG“ blitzte es mir entgegen, die silbernen Lettern am Heck der Luxuskarosse. Am Steuer: ein recht junger Inder.

 

Heute Morgen teilte mir Clothilde mit, welche der Kinder in den Ferien nach Hause fahren werden, Freunde und Verwandte besuchen. Etwa die Hälfte wird ausfliegen. Das wird still im Heim. Epiphanies Schwester ist heute Früh auch wieder in Richtung Heimat, Makamba, aufgebrochen. Sie sah recht glücklich aus. Es geht ihr besser, nun wolle sie nach Hause, um die Klausuren am Schuljahresende – nächste Woche – mitschreiben zu können. Epiphanie schaute mich nur an – danke, sagte sie mit ihrem Blick, ohne ein Wort zu sagen. Ich konnte es genau erkennen. Ich zwinkerte ihr zu, sie lachte und verschwand wieder aus der Tür.

 

Auf dem Weg ins Büro rauschte wieder allerhand Uniformiertes an mir vorbei. Ein Pick Up mit Polizisten, schwer bewaffnet, den Berg hinunter, darauf bedacht, den Anschluss an den Autokorso der voraus rasenden und wild hupenden Karossen nicht zu verlieren. Riesige Maschinengewehre und Panzerfäuste ragen links und rechts vom Pick Up in die Höhe. Was diese Burschen damit wollen, habe ich bis heute nicht verstanden. Personenschutz mit der Schulterrakete? Den Berg hoch brummt ein rußiger Lkw, voll bepackt mit Soldaten. Sie quillen links und rechts über die Ladefläche. Die Stimmung scheint gut zu sein, alle lachen. Einige grüßen mich.

 

Kaum hatte ich die große Kreuzung überquert, spricht mich ein rundlicher Mann mit „Hello, bonjour!“ an. Er wird sich als Emmanuel vorstellen, Koch sei er, oben im Viertel Kiriri. Warum ich denn zu Fuß unterwegs sei, fragt er mich. Weil ich das immer bin. Er lacht. Er auch. Er sei zu dick und so bleibe er wenigstens ein bisschen fit, schmunzelt er. Er spricht auf Englisch, warum, weiß ich nicht. Eine sympathische Type, lacht viel, redet viel, aber angenehm. Er ist erstaunt, dass ich so viele Menschen auf dem Weg grüße – ob ich die alle kenne?! Ja, die meisten schon. „Eh!“ Weil ich eben immer zu Fuß unterwegs bin, erkläre ich, mit den Leuten rede. Ich lebe ja hier. Mit den Burundern. Und nicht in meinem kleinen Separée. Emmanuel freut sich. So sei das richtig. Er freue sich, mich getroffen zu haben. Dann geht er seines Wegs weiter, ich biege ab ins „Chez André“.

 

Am Dienstag, das hatte ich noch nicht geschrieben, waren Lena und ich bei Didiane zu Besuch. Das Mädchen, das wir auf der Reise nach Uganda im Bus kennen gelernt hatten. Sie hatte uns zu sich eingeladen, ins Viertel Kanyosha, wo sie mit ihrer älteren Schwester, deren beiden Kinder und ihrem jüngeren Bruder lebt. Am Petit Seminaire warten wir auf sie, aber keine fünf Minuten, dann kommt sie schon. Küsschen zur Begrüßung, wie das so üblich ist. Den umstehenden Burundern fallen beinahe die Augen raus. Weiße? In Kanyosha? Zu Fuß??? Unser Weg bis zum Häuschen von Didianes Schwester ist begleitet von „Yoh!“, „eh!“ und natürlich dem obligatorischen „muzungu!“ Didiane lacht. Wahrscheinlich sind wir die ersten Weißen, die die meisten hier zu Fuß durch Kanyosha laufen sehen, sagt sie.

 

Einige Hundert Meter auf der sehr belebten Hauptstraße entlang, mit den ganzen Fahrardtaxis, Händlern, Mini-Schreinereien, biegen wir links in eine rehct breite Sandpiste ein. An der Ecke stehen einige Jungs mit ihren Fahrrädern und warten auf Kundschaft. Einer davon trägt ein T-Shirt, auf dem Kurt Cobain, der Sänger der Gruppe Nirvana, abgebildet ist. Ich zeige ihm den Daumen – er freut sich. Nirvana… eine Zeit lang das, was ich ausschließlich hörte. „Muzungu!“ werde ich gleich wieder aus den Gedanken gerissen. Ein Kind winkt grinsend.

 

Dann sind wir da. An der Front zur Straße hin ist ein kleiner Container, ein kleines Kiosk. Links daneben schreiten wir durch das schwarzweiße Tor und stehen in einem kleinen, aber sehr gemütlichen und auch gepflegten Gärtchen. Das bescheidene Grundstück der Familie Didianes. Ich lerne gleich ihre Schwester kennen, Jocelyn, ihren dreijährigen Sohn Mujo und die kleine Kerstin Julia. Die Siebenjährige ist sofort neugierig, aber nicht aufdringlich. Mujo hingegen hat noch etwas Hemmungen und versteckt sich hinter der Tür – nachdem er uns mit Handschlag begrüßt hatte. Noch eine ältere Dame mit ihrer Tochter ist gerade zu Besuch, wohl eine Freundin der Familie. Wir plaudern ein wenig. Didiane strahlt über das ganze Gesicht, sehr glücklich sei sie, uns hier zu haben und wieder zu sehen. Dito!

 

Ich muss etwas zu trinken annehmen. Alles andere wäre sehr unhöflich. Es war schon haarscharf vorbei, als ich das Amstel-Bier ablehne. Aber nicht am Mittag. Ich trinke Cola, das wird auch akzeptiert. Dann will uns Didiane „ihr“ Viertel Kanyosha zeigen. Es ist sehr ruhig, obwohl viele Menschen hier wohnen. Vor allem ist es ein riesiges Viertel. Wir laufen auch durch Tschetschenien. Das ist ein kleiner Teil Kanyoshas, der aufgrund des dort besonders schlimm wütenden Bürgerkriegs von Bujumburas Einwohnern mit diesem Namen bedacht wurde. Das burundische Tschetschenien.

 

Dann stehen wir auf recht hohen Klippen. Unten fließt der kleine Fluss Kanyosha, nach dem das Viertel benannt ist. Wir sollten nicht so weit nach vorne gehen, sagt ein älterer Mann zu uns. Er grüßt, grinst, erkundigt sich kurz, was wir hier machen, dann wünscht er noch einen schönen Abend. Es dämmert bereits, bis wir zurück bei Didianes Familie sind, ist es stockdunkel. Alles problemlos. Das Viertel ist wirklich ruhig. Viel gebaut wird hier. Sehr viel. Aber die Kirche der Adventisten steht schon.

 

Nur an einer kleinen Ecke ist etwas Theater. Ein Bistro, wo die Männer sich ihr Bananenbier schmecken lassen. Hier wird natürlich lautstark diskutiert. Ist es irgendwo auf der Welt anders? Die Stimmung ist gut. Auch bei uns drei. Wir plaudern über Gott und die Welt. Dann sind wir wieder vor dem schwarzweißen Tor angelangt. Didianes Bruder öffnet uns. Drinnen nehmen wir wieder auf den Stühlen mit den roten Polstern Platz. Eine sehr kleine Terrasse, sehr gemütlich. Nebenan wird Essen zubereitet – extra für uns, wie Didiane sagt. Es abzulehnen wäre – wie ich erwartet habe – unhöflich. Es gibt leckeres Ziegenfleisch, sehr mager, mit Zwiebeln und Pommes. Wir essen gemeinsam im Wohnzimmer, mit Didiane, ihrer Schwester und den beiden Kids, die Lena und mich nicht aus den Augen lassen.

 

Ein wirklich schönes Treffen. Didiane ist ein super nettes und intelligentes Mädchen. Sie freut sich auch sichtlich über unseren Besuch. Dann, etwa gegen 20 Uhr, fährt uns ihre Schwester Joceylne nach Hause – in einem kleinen weißen Auto. Didiane fährt auch mit und Mujo und Kerstin Julia wollen ebenfalls. Mujo sitzt vorne auf dem Beifahrersitz zwischen Didianes Beinen. Interessiert beobachtet er das Treiben auf der Straße und drückt sich die Nase platt. Es ist recht kühl geworden, die Kleine neben Lena friert. Lena nimmt ihr Tuch, das sie um die Schultern trägt und schlägt es um das Mädchen. Die drückt sich an Lena und wird müde.

 

Beim Aussteigen bedanken wir uns überschwänglich, denn was die Familie extra für unseren Besuch aufgetischt hat, war wirklich unglaublich. Mit Didiane bleiben wir in Kontakt – auf jeden Fall.

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