Radikalismus

Juni 23, 2007

Samstag, 23. Juni 2007. 14.38 Uhr. Gestern Abend passierte das, worauf ich schon warte, seit ich hier in Burundi bin. Ich habe mit eigenen Ohren, auch an mich gerichtet, die radikale Meinung eines Tutsi zu hören bekommen, wie sie radikaler nicht sein könnte. Derjenige war etwas angetrunken, eine Diskussion wäre also nicht sonderlich ratsam, geschweige denn von Erfolg gewesen. Also hielt ich den Mund und hörte nur zu. Dass es diese Meinung gibt, ist mir bekannt, deshalb war ich wohl auch nicht allzu sehr geschockt. Nur eben selbst gehört hatte ich sie bislang noch nicht. Jetzt schon.

 

„Warum ich mir nicht die Parade am 1. Juli anschaue? Weil sie für einen xxx Hutu-Präsidenten ist und ich ein xxx Tutsi bin. Deshalb. Jamais – niemals! Ich fühle mich als Tutsi und ein höher gestelltes Wesen als die. Wie die arische Rasse in Europa. So etwa.“ Nur ein kleiner Auszug dieses – in doppeldeutiger Weise – einseitigen Gesprächs. Geschichtsverdrehung vom Feinsten und ohne Blatt vor dem Mund. Ganz genau die volle Bandbreite, wieso es in diesem Land so zur Sache ging und die Situation ist, wie sie ist. Und das von einem, von dem ich nun einmal behaupten kann, dass er nicht gerade der Intelligenteste ist. Das Schlimme daran: Mit seiner Meinung ist er nicht alleine. Wie viele Studierte gibt es, die seine Ansicht teilen, es aber nur nicht so offen sagen? Die sich ihren Teil denken, bis, ja bis sich vielleicht wieder einmal die richtige Gelegenheit ergibt?

 

Die eine Seite habe ich nun gehört. Ohne Tabu. Ich würde gerne die andere Seite – in der selben Art und Weise – auch noch hören. Die zu finden, dürfte nicht allzu schwer sein. Leider. Widerspruch gab es gestern Abend nur von einem der zwei, die noch mit anwesend waren. Auch ein Tutsi. Aber einer, der nachdenkt, die Geschichte kennt und sie nicht verdreht, auf Ausgleich aus ist. Kein radikales Denken. Welche Seite in Burundi die Oberhand behalten wird? Oder muss sie erst noch gewonnen werden? Tja. Das weiß niemand so genau. Wünschenswert wäre es. Für die Menschen, für die vielen Menschen, die es einfach nur noch satt haben.

 

Ich habe nun drei Wochen in Tansania Zeit, darüber nachzudenken.

Reise verschieben

Juni 22, 2007

Freitag, 22. Juni 2007. 12.03 Uhr. Nous sommes encore la – wir sind immer noch im Lande. Die Abreise nach Tansania verschiebt sich um einige Tage. Lena hat Halsschmerzen und mit der Verdauung Probleme – nicht gerade die besten Voraussetzungen, eine Busreise anzutreten. Heute Vormittag waren wir beim Arzt, bei Théo Spinne, dem Deutschen. Lena wird nun ein Antibiotikum bekommen, dann sehen wir weiter. Voraussichtlich fahren wir am Montag. Wenn dann gesundheitlich alles stimmt. Nichts Schlimmes, einfach nur eine Sicherheitsmaßnahme. Gebucht haben wir ja nichts, Stornogebühren fallen also für nichts an. Alles kein Problem.

 

Den Kids ist das, wenn es auch im ersten Moment etwas makaber klingen mag, gerade recht. Zurzeit werden sie immer anhänglicher, seit ihnen bewusst wird, dass der Abschied immer näher rückt. So sind sie jetzt froh, noch das Wochenende mit uns zu haben. Machen wir das Beste daraus.

 

Heute Morgen, als wir an der großen Straße auf ein Taxi warteten, kam kein einziges Auto vorbei. Die Polizei übte weiter vorne wieder für die Parade. Ein Burunder, ein netter älterer Herr, nimmt uns – zusammen mit zwei dicken Mamas – in seinem Wagen mit. Bis zur Stadtmitte. Dort steigen wir um in ein Taxi. Nicht aber, ohne zuvor den marschierenden Soldaten zuzuschauen, die ebenfalls für den 1. Juli trainieren. Ich will gar nicht wissen, wer da alles an mir vorbei marschiert. Tarnuniformen, rein olivgrüne Uniformen, rote Barette, grüne – und natürlich Waffen aller Gattungen. Teilweise blödeln die jungen Kerle herum, um gleich einen Anschiss vom Vorgesetzten zu kassieren. Andere wiederum nehmen die Sache bitterernst und versuchen, den Gleichschritt nicht zu verlieren. Mir fällt auf, dass die Soldaten in den olivgrünen Uniformen besser und gekonnter marschieren als die getarnten. Die machen einen eher unbeholfenen Eindruck, die Offiziere mit ihren Bambusstöcken schwirren wie die Hornissen um die Truppe, fuchteln aufgeregt, brüllen ab und an ein Kommando und machen einen wohl unzufriedenen Eindruck. Noch ist Zeit bis zum ersten Juli – dann aber muss es sitzen, wenn die Armee vor den aufmerksamen Augen des Staatsoberhaupts die Straße passiert. Ein komisches Gefühl, diese teilweise noch so jungen Kerle zu sehen. Krieg, Waffen, Tarnuniformen. Warum braucht man das alles?

 

Am 1. Juli werde ich bei der tatsächlichen Parade leider nicht da sein. Sehen würde ich es gerne, nachdem ich nun heute den Vorgeschmack bekommen habe. Aber – man kann nicht alles haben. Ich freue mich auf den Trip nach Tansania. Es wird klappen, die Frage ist nur, wann.

 

Der Besuch bei Dr. Spinne dauert nicht lange. In seiner lockeren Art plaudert er mit Lena und Julia, schaut kurz hier und da, wo es zwickt und schon ist die Sache erledigt. Absolut nichts Schlimmes, „eine einfache Aufgabe für mich“, um es in seinen schmunzelnden Worten wiederzugeben. Zurück in die Stadt geht es mit dem Bustaxi. Problemlos, schnell. Aber dann mit dem Taxi weiter (hatte mein Notebook dabei), das war schon eher lustig. In der kleinen Gasse hinter dem Markt war nämlich überhaupt kein Durchkommen mehr, weil sich sämtliche Autos verkeilt haben, kreuz und quer verteilt waren, sodass wirklich gar keiner mehr fahren konnte. Weder vorwärts, noch rückwärts. Unser Taxifahrer begann zu fluchen, was mich nur noch mehr amüsierte. Als er merkte, dass ich nur noch lachen konnte, lachte er aber mit. Er schüttelte den Kopf und sagte: „Burunder!“

 

Noch eine Sache wollte ich loswerden, die mir diese Woche bewusst wurde und über die ich selbst erschrocken bin. Und zwar als ich mit Johana Englisch lernte. Es kam das Wort „Hexe“ vor, das sie auf Französisch übersetzt haben sollte. Sie kam nach einigen Sekunden und einem Blick ins Wörterbuch selbst darauf und sagte: „Ah, ein traditioneller Mediziner.“ Ich schluckte. Klar – ein traditioneller Mediziner. Was sonst? Ich erschrak über meine tief in mir sitzende westliche Kultur, in der „Hexe“ immer gleich negativ behaftet ist. Logisch – es ist ja auch etwas nicht Christliches. Dabei ist es nichts anderes als ein traditioneller Mediziner. Der eben mit Geistern und Mächten arbeitet und sie beschwört, die nicht ins Bild der westlichen Kirche passen. So ein „Negerkult“ eben. Ich erschrecke und ärgerte über mich selbst, dieses von der Kirche propagierte Denken in mir zu haben – ohne es vorher bemerkt zu haben, da ich an für sich nichts mit der Kirche am Hut habe. Zumindest dachte ich das. Aber ich spürte einmal mehr, wie tief so etwas in einem steckt. Und ich bin froh, mich ab und an quasi selbst zu ertappen – mich zu entdecken.

Eintrag vor der Reise

Juni 21, 2007

Donnerstag, 21. Juni 2007. 9.48 Uhr. Gerade komme ich vom Frisör. Vorbereitung auf die Reise. Zu lange Haare sind einfach zu heiß. Und zu  umständlich. Die Kinder bekommen immer die Krise, wenn ich das mache. Sie lieben längere Haare, insbesondere, wenn sie hell sind. Aber den Gefallen kann ich ihnen nicht tun. Heute Mittag, wenn ich nach Hause komme, darf ich mir dann wieder ihre Vorwürfe anhören. „Yooh, Philippo“… Auch dass Lena und ich nun nach Tansania gehen werden, konnten sie nur schwer akzeptieren. Aber sie tun es – so wie (beinahe) alles.

 

Mittags war ich im Straßenkinderheim, meinen Jungs Englischbücher bringen, dass sie auch in den Ferien die Möglichkeit haben, zu lernen – wenn sie wollen. Und mich verabschieden für die kommenden Wochen. Wer denn den Kurs weiter mache, fragten sie mich, wenn ich wieder nach Deutschland gehe. Ob ich nicht bleiben könnte? Einen Vertrag solle Verena machen. Einen ähnlichen Vorschlag machte Espérance auch schon: Zu Verena wolle sie gehen, schmunzelte sie einmal, mit Martina wolle sie auch reden. Und dann würde sie einen Vertrag für mich machen, dass ich bleiben muss. Dagegen könne ich gar nichts unternehmen.

 

Kaum hatte ich die Bücher ausgeteilt, stürzten sich die Jungs wissbegierig darauf. Déo schlägt gleich Vokabeln im Wörterbuch nach, Pascal liest den ersten Text. Alain macht sich  über eine Abbildung lustig – lauter „muzungus“ an einem Strand. Dann komme ich mir etwas merkwürdig vor, als sie weiter blättern und an einem Foto hängen bleiben, auf dem ein reichlich gedeckter Tisch zu sehen ist. Sie unterhalten sich angeregt auf Kirundi über das Bild. Draußen bereiten andere derweil Kohl vor, den sie später mit Maisbrei und Bohnen essen werden…

 

Pascal, einer der jungen Journalisten, die ein Programm der UNICEF mitmachen, fragte mich, ob ich ihm einen Fotoapparat erklären könne. Das werde ich – nach meiner Rückkehr. Dann ist auch die Examenszeit vorbei und die Jungs haben Zeit, solche Dinge zu lernen. Mit ihm, dem ehemaligen Kindersoldaten, der heute aufgeschlossen, lernbegierig und klug ist wie kaum ein anderer, unterhalte ich mich noch über das Dasein eines Journalisten. Er spitzt die Ohren, schaut interessiert, schmunzelt, fragt nach. Ich mag ihn sehr. Und ich bin wirklich überzeugt, dass er seinen Weg machen wird. Der Englischunterricht wird auch nach meiner Abreise weiterlaufen, dafür werde ich sorgen. Ich habe schon eine Möglichkeit gefunden, die nur noch ein bisschen ausreifen muss. Aber ich bin zuversichtlich. Wichtig ist es allemal, weil fast alle im Kurs im kommenden Jahr den Nationalen Test schreiben müssen – auch in Englisch.

 

Die diesjährigen Schreiberlinge des Tests, Thierry, Jimy und Johana sind mittendrin. Die ersten Examen scheinen ganz gut gelaufen zu sein. Gestern Abend lernte ich zum zweiten Mal mit Johana Englisch, als letzte Vorbereitung sozusagen. Ich drücke allen dreien die Daumen. Da aber keiner von ihnen auf den Kopf gefallen ist, habe ich keinerlei bedenken. Am 12. Juli werden anscheinend die Ergebnisse bekannt gegeben. Da bin ich dann auch (fast) wieder im Lande. Lena und ich werden am 13. Juli wieder in Bujumbura sein – wenn alles nach Plan läuft.

 

Der Abschluss des Tages fand für mich im Aufenthaltsraum der Mädchen statt. Mit Epiphanie, die unbedingt mit mir reden wollte (und der ich zugegebenermaßen (fast) keinen Wunsch abschlagen kann), und Johana saß ich noch bis kurz nach 22 Uhr und quatschte über alle möglichen Dinge. Epi wollte noch wissen, wie man einige englische Sätze ausspricht. Sie schrieb mit in ihrer ganz persönlichen Lautsprache. Es war sehr interessant, das zu sehen, wie sie Dinge notiert, um sie richtig auszusprechen. Würde ich – ohne zu wissen, was es bedeuten und wie es klingen soll – diese Notizen lesen, es würde etwas völlig anderes dabei heraus kommen. Vielleicht eine neue Sprache?

Mittwoch, 20. Juni 2007. 10.49 Uhr. Als ich zur Kreuzung hinunter komme, stehen wieder Hunderte von Polizisten in Reih und Glied mit ihren Kalaschnikows auf der Straße – soweit das Auge nur reicht. Ich erschrecke nicht besonders, das selbe Schauspiel hatte ich am Montag bereits gesehen. Sie üben anscheinend die Parade für den 1. Juli, den Unabhängigkeitstag Burundis, der mit einem großen Aufmarsch begangen wird: Polizei, Militär, Schüler, Firmen, einfach alle. Soll ein ziemliches Spektakel sein. Ich bin zu diesem Zeitpunkt leider nicht da – sondern weile noch in Tansania, wohin ich voraussichtlich am Freitag zusammen mit Lena aufbrechen werde.

 

Ein Meer blau Uniformierter. Die Stimmung scheint heiter, viele lachen, andere gucken nur cool mit Grashalm im Mundwinkel. Was all diese heutigen „Ordnungshüter“ noch vor zwei, drei Jahren gemacht haben, weiß man auch nicht so genau. Da gibt es mehrere Möglichkeiten, die man sich denken kann. Besser, man weiß nicht jede Einzelheit. Fest steht nur, dass hier gerade keine Autos durch dürfen. Nicht einmal die weißen Jeeps der UN und auch nicht die riesigen Panzerwagen der Afrikanischen Union, die ich weiter unten die Straße überqueren sehe. Auf den weißen Riesen ist noch das abgebleichte „UN“ zu lesen. Vorne blitzt der neue Aufdruck: „Union Africaine“. Der Bulle mit dem grünen Barett grinst  und winkt mir.

 

Gestern Morgen als ich den Weg zur Arbeit lief, sprach mich ein Jugendlicher an. Einfach so, Geld wollte er keins. Kongolese sei er. Seiner Kluft nach scheint er Maler zu sein, vielleicht ein Azubi. In der Hand trägt er einen kleinen, gelben Kanister. Er erzählt mir von seiner Leidenschaft: Rap. Eine Kostprobe gibt er mir auch gleich. Nicht schlecht. Zum großartig Fragen stellen komme ich nicht, er redet schnell und viel. Aber keineswegs unsympathisch oder aufdringlich. Einfach nur gesellig. Dann biege ich ab und er geht weiter seines Wegs, nicht aber ohne mir noch „Schönen Tag und gute Arbeit“ zu wünschen. Ein netter Arbeitsweg.

 

Am Freitag werden Lena und ich in Richtung Tansania starten. Ein Reisebericht wird folgen, nehme ich einmal schwer an. In dieser Zeit werden im Tagebuch keine Texte erscheinen – man möge es mir verzeihen. Mitte Juli geht es dann wieder weiter. Ich freue mich auf die Tour – vor allem, weil wir nicht in die Tourismusmühle fahren werden, sondern das „echte“ Tansania kennen lernen werden. So erhoffe ich mir das zumindest. Keine Handtücher um 5 Uhr morgens, wie die Ölsardinen am Poolrand, die die Liegen noch vor dem Frühstück im all inclusive-Hotelrestaurant reservieren, dass sich auch ja kein anderer auf den gewohnten Stammplatz wagt. Keine Dinner in Bermudashorts, kein Gemecker, dass es kein Wiener Schnitzel gibt. Einfach nur einheimisch, Suaheli, Staub, Busse (die Dalla Dallas) und auch ein bisschen Wildnis. Ich bin gespannt.

 

Am morgigen Donnerstag soll in den deutschen Kinos ein Film starten: „Fährte des Grauens“. Ein Film, der – man höre und staune – in Burundi spielt. Doch leider, das flüsterte mir ein renommierter Schreiber und Kritiker, sei der Film für die Mülltonne. Absolute Dritt-, wenn nicht gar Viertklassigkeit. Ein „Polit-Horror“ soll es sein. Der Völkermord wird thematisiert, aber anscheinend so schlecht, dass die Botschaft auf der Strecke bleibt. Wenn denn überhaupt eine transportiert werden sollte. Hauptsächlich geht es aber um das „Monster des Tanganyikasees“, das sagenumwobene Krokodil Gustave, auf den nun auch Hollywood aufmerksam geworden ist. Alles animiert – würde mich nicht wundern, wenn keine einzige Sekunde dieses Films in Burundi gedreht worden ist. Daher kann dem Film auch nicht der notwendige politische Hintergrund zur Verfügung stehen, um das Thema des ethnischen Konflikts richtig aufzugreifen. Ich werde mir den Film besorgen, wenn ich wieder in Deutschland bin. Das muss ich sehen, sei er noch so schlecht, wie überall gesagt.

Montags-Schlagzeile

Juni 18, 2007

Sonntag, 17. Juni 2007. 20.32 Uhr. Ich warte gerade, bis es Essen gibt. Die Kids, genauer gesagt, Pamela, hat mich gefragt, ob ich mit ihnen essen möchte. Ich sagte für diesen Abend zu. Reichlich spät, mein Magen knurrt. Dennoch. Ich freue mich drauf. Hände muss ich gleich noch waschen.

 

Heute Mittag war ich bei den Straßenkids. Sie baten mich, nochmals zu kommen, um einige ihrer Fragen zu beantworten. Morgen, Montag, schreiben sie eine Klausur in Englisch, dafür wollen sie sich so gut wie möglich vorbereiten. Insgesamt war ich drei Stunden bei ihnen, im „Centre Birashoboka“. Nachdem ihre Anliegen alle beantwortet und geklärt waren, plauderten wir noch über alles mögliche. Ich mag die Jungs. Ich mag sie wirklich. Auch hier wieder: Ich kann ihre Vergangenheit und ihre Geschichten nicht begreifen. Ich bekomme sie nicht in mein Hirn hinein, nicht, wenn ich sie lächelnd vor mir sehe, scherzend, lernbegierig, offen – und diszipliniert.

 

Auf der Nachhausefahrt lernte ich einen neuen Taxifahrer kennen. Pascal, ein Kongolese fortgeschrittenen Alters. Er plaudert mit mir in einem astreinen Französisch, ist interessiert, nett, macht einen super gebildeten Eindruck. Am Ende der Fahrt tauschen wir Nummern aus – „falls du mal wieder ein Taxi brauchst“, zwinkert er mir zu und steckt sein Geld ein.

 

Im Heim angekommen, quatsche ich mit Pamela und Epiphanie. Mit letzterer habe ich am Samstag Nachmittag einige Stunden im Wohnzimmer gesessen und ihr das Notebook gezeigt und erklärt. Sie fragte mich danach, also lehrte ich sie. Anfänglich etwas schüchtern, hackte sie nach einer Weile fasziniert in die Tasten und schrieb einen Brief. Es schien ihr richtig Spaß zu machen – wir lachten viel. „Phil, biragoye!“, schwer sei es, sagte sie mehrmals. Ich lachte, winkte immer ab und sagte, sie solle weiter versuchen, es klappe schon gut. Zum Schluss stand der Brief. Gut gemacht, Happy! (hergeleitet vom Spitznamen Happyphamba für Epiphanie).

 

Gerade bin ich wieder vom Essen zurück. Maisbrei mit Kohl und Bohnen in Sauce. Lecker war es. Ich merke gerade, dass ich mich richtig an das Essen gewöhnt habe, es schmeckt wirklich. Vielleicht würde es wieder etwas schwieriger werden, wenn ich es jeden Tag essen müsste. Aber ab und an ist es eine sehr schmackhafte Abwechslung. Aber… in welcher Position bin ich eigentlich, das sagen zu können? „Schmackhafte Abwechslung“… im Moment komme ich mir gerade selbst etwas komisch vor, wenn ich so etwas schreibe. Für die Kinder ist es die tägliche Nahrung. Sie haben nicht den Luxus, großartig auswählen zu können.

 

Ich saß mit Dorine, Pamela, Florette und Espérance am Tisch. Jeder seinen kleinen Plastikbecher mit Wasser vor sich. Espérance ist statt Kohl das Gemüse Lenga Lenga. Kohl vertrage sie nicht, meint sie. Am Arm trägt sie das kleine, schmale Lederarmband, das ich ihr aus Uganda mit gebracht hatte. Das Thema beinahe durchgehend beim Essen: unser Abschied. Wieso wir denn gehen müssten. Wieso wir denn gehen. Was soll ich antworten? Dass es mir genau so schwer fällt, wie ihnen, wissen sie. Das habe ich sie öfter spüren lassen und sage es auch. Doch was kann ich darüber hinaus schon großartig sagen? Ich muss beginnen, mich damit abzufinden. Wir verströsten uns damit, zu sagen, es sei ja noch eine Weile hin. Doch… ich bin überzeugt, dass diese restliche Zeit wie im Fluge vergehen wird. Leider.

 

Ich erzähle ihnen von den Mädchen, die nach uns kommen werden. Versuche, sie neugierig zu machen. Neugierig auf das Neue, neue Menschen, neuen Spaß. Ich hoffe, so können sie wenigstens ein bisschen mit dem Abschiedsschmerz umgehen. Zumindest die Kids. Wir nicht. Aber um uns geht es ja auch nicht. Es geht um die Sache. Um die Sache, für die wir hier sind, für die wir seit einigen, schönen Monaten arbeiten, uns einsetzen, ja sie leben. Und jeder von uns vier wird sie im Herzen behalten, sie weiter leben. Jeder auf seine Art wird seinen Beitrag leisten. Denn zu tun gibt es ja noch genug.

 

Dass das so ist, bestätigen Julia und Marie nach ihrem Tansania-Urlaub. Als sie zurück in Burundi angekommen seien, hätten sie schnell und deutlich den Unterschied bemerkt. Nachkriegszeit. Armut. Unsicherheit, ja manchmal sogar Angst und Verzweiflung. Burundi, das vor dem schrecklichen Krieg ein kleines Paradies in Ostafrika war, in das die Menschen aus den umliegenden Ländern reisten, um hier einzukaufen. Tansanier, Ugander eingeschlossen. Im Urlaub wurden Marie und Julia schief angeschaut, als sie sagten, woher sie angereist waren. Dort ist doch Krieg?!

 

Die einen, im Nachbarland, wissen nicht, dass der Krieg mittlerweile vorbei ist. In Europa aber – das wage ich zu behaupten anhand der einigen Erfahrungen, die ich gemacht habe – wissen die meisten nicht einmal, dass hier Krieg war, welche Brutalität hier herrschte, wie viele Menschen aus ethnischen Gründen niedergemetzelt wurden. „Ach, dasselbe wie in Ruanda?“ Könnte man so sagen. Unterschiede gibt es, alleine in der Anzahl der Opfer.

 

Da fällt mir ein, dass Didiane gestern hier kurz zu Besuch war. Unterhalb ihres Halses hat sie eine Narbe, quer rüber, zwischen den Schlüsselbeinen. Ich traute mich bislang nicht, sie danach zu fragen. Von ihren Erzählungen weiß ich aber, dass auch sie während des Kriegs einmal fliehen musste. Man kann sich also eins und eins zusammenzählen. „Ach, in Burundi war das auch?“ Ja, in Burundi war das auch. Aber wo liegt das denn noch mal?

 

Ich möchte nicht behaupten, dass ich schon immer wusste, wo Burundi liegt, geschweige denn über seine Geschichte Bescheid wusste. Ich müsste lügen. Ich habe nicht die Weisheit mit Löffeln gefressen und möchte andere nun belehren. Aber ich habe begonnen, mich damit zu beschäftigen, habe begonnen, meinen Horizont zu erweitern, darüber nachzudenken, es zu verinnerlichen. Und ich stehe dafür ein, andere auch dazu bringen zu wollen. Nicht so intensiv wie wir es hier tun. Das ist nicht möglich, wenn man es nicht selbst gesehen, nicht selbst hier gelebt hat. Aber zumindest ein kleines Stück weit. Dass man es sich zumindest einmal anhört. Dass man aufhört, mit Scheuklappen und Desinteresse durchs Leben zu rennen. Ich denke, es ist nicht falsch, das zu versuchen. Ich will niemanden für Burundi missionieren. Aber ich kann verlangen, dass mein Gegenüber beginnt, nachzudenken. Wenn er es nicht schon getan hat.

 

Am Wochenende hat mir Benoit die kurze Rede übersetzt, die ich hier zum Abschied auf Kirundi halten möchte. Ich wollte sie jetzt schon haben, weil ich noch die Aussprache üben muss, die Bindungen der Wörter und so fließend wie möglich sprechen möchte. Ein paar kleine Worte an die kleine, große Familie.

 

Montag, 18. Juni 2007. Heute Morgen lese ich den Artikel auf

 

http://www.tagesschau.de/aktuell/
meldungen/0,,OID6928120_REF1,00.html

 

Er zeigt – was der Journalist auch bemängelt –, dass die selben Fehler immer wieder gemacht werden. Am Ende des Beitrags nennt er es beim Namen. Leute in Afrika werden abgeschlachtet. Und wen interessiert’s??? Solange das Geschäft nicht stimmt, niemanden.

 

Traurig. Wirklich traurig. Aber wen stört es noch, der G8-Gipfel ist ja auch vorbei, man braucht sich also nichts mehr schön reden. Wieso auch rechtfertigen? Im Nachhinein wird dann immer wieder getrauert, große Reden geschwungen, „so was“ dürfe nie wieder vorkommen. Dass ich nicht lache. Wenn es nicht so abartig (und) traurig wäre.

Linktipp am Freitag

Juni 15, 2007

http://www.tagesschau.de/aktuell/
meldungen/0,,OID6932826_REF1,00.html

Donnerstag, 14. Juni 2007. Gestern Nachmittag war ich wieder im Straßenkinderheim, Englisch unterrichten. Einige der Jungs schreiben am Montag auch eine Klausur in Englisch, also traf sich die Vorbereitung ganz gut. Zufälligerweise hatte ich für die gestrige Stunde auch eine Übung vorbereitet, wie sie in der Klausur dran kommen wird. Auf Anfrage der Jungs werde ich am Sonntag noch eine Zusatzstunde im „Birashoboka“ geben – als letzte Fragestunde sozusagen. Generalprobe. Einer der Jungs fragte mich außerdem nach Sportschuhen – er sei derzeit vom Schulsport ausgeschlossen, weil er keine „passenden“ Sportschuhe besitzt. Ich fand welche im Lager – zusammen mit Beatrice, Verenas Assistentin. Am Sonntag werde ich sie ihm mitbringen.

 

Auf der Fahrt zum Heim hielt ich am Markt – ich wollte noch Obst für die Kids im Straßenkinderheim kaufen. Zwölf Kilo Maracuja. Für etwa drei Euro. Der jungen Händlerin machte ich natürlich eine Freude damit – der Tagesumsatz stimmte wieder. Auf einen Schlag. Als Zeichen ihrer Freude, schüttete sie noch ein zusätzliches halbes Kilo in die Tüte. Auch der Junge, der die Plastiktüten verkauft, verdiente mit. 200 Franc für die Tüten, noch mal 50 fürs Tragen – was man keinesfalls ablehnen sollte. Dann gings weiter ins Heim. Auf dem Weg dorthin, beim Kreisel am „Platz der Unabhängigkeit“, rauschte ein blitzblank polierter dunkelblauer Mercedes an uns vorbei. „AMG“ blitzte es mir entgegen, die silbernen Lettern am Heck der Luxuskarosse. Am Steuer: ein recht junger Inder.

 

Heute Morgen teilte mir Clothilde mit, welche der Kinder in den Ferien nach Hause fahren werden, Freunde und Verwandte besuchen. Etwa die Hälfte wird ausfliegen. Das wird still im Heim. Epiphanies Schwester ist heute Früh auch wieder in Richtung Heimat, Makamba, aufgebrochen. Sie sah recht glücklich aus. Es geht ihr besser, nun wolle sie nach Hause, um die Klausuren am Schuljahresende – nächste Woche – mitschreiben zu können. Epiphanie schaute mich nur an – danke, sagte sie mit ihrem Blick, ohne ein Wort zu sagen. Ich konnte es genau erkennen. Ich zwinkerte ihr zu, sie lachte und verschwand wieder aus der Tür.

 

Auf dem Weg ins Büro rauschte wieder allerhand Uniformiertes an mir vorbei. Ein Pick Up mit Polizisten, schwer bewaffnet, den Berg hinunter, darauf bedacht, den Anschluss an den Autokorso der voraus rasenden und wild hupenden Karossen nicht zu verlieren. Riesige Maschinengewehre und Panzerfäuste ragen links und rechts vom Pick Up in die Höhe. Was diese Burschen damit wollen, habe ich bis heute nicht verstanden. Personenschutz mit der Schulterrakete? Den Berg hoch brummt ein rußiger Lkw, voll bepackt mit Soldaten. Sie quillen links und rechts über die Ladefläche. Die Stimmung scheint gut zu sein, alle lachen. Einige grüßen mich.

 

Kaum hatte ich die große Kreuzung überquert, spricht mich ein rundlicher Mann mit „Hello, bonjour!“ an. Er wird sich als Emmanuel vorstellen, Koch sei er, oben im Viertel Kiriri. Warum ich denn zu Fuß unterwegs sei, fragt er mich. Weil ich das immer bin. Er lacht. Er auch. Er sei zu dick und so bleibe er wenigstens ein bisschen fit, schmunzelt er. Er spricht auf Englisch, warum, weiß ich nicht. Eine sympathische Type, lacht viel, redet viel, aber angenehm. Er ist erstaunt, dass ich so viele Menschen auf dem Weg grüße – ob ich die alle kenne?! Ja, die meisten schon. „Eh!“ Weil ich eben immer zu Fuß unterwegs bin, erkläre ich, mit den Leuten rede. Ich lebe ja hier. Mit den Burundern. Und nicht in meinem kleinen Separée. Emmanuel freut sich. So sei das richtig. Er freue sich, mich getroffen zu haben. Dann geht er seines Wegs weiter, ich biege ab ins „Chez André“.

 

Am Dienstag, das hatte ich noch nicht geschrieben, waren Lena und ich bei Didiane zu Besuch. Das Mädchen, das wir auf der Reise nach Uganda im Bus kennen gelernt hatten. Sie hatte uns zu sich eingeladen, ins Viertel Kanyosha, wo sie mit ihrer älteren Schwester, deren beiden Kinder und ihrem jüngeren Bruder lebt. Am Petit Seminaire warten wir auf sie, aber keine fünf Minuten, dann kommt sie schon. Küsschen zur Begrüßung, wie das so üblich ist. Den umstehenden Burundern fallen beinahe die Augen raus. Weiße? In Kanyosha? Zu Fuß??? Unser Weg bis zum Häuschen von Didianes Schwester ist begleitet von „Yoh!“, „eh!“ und natürlich dem obligatorischen „muzungu!“ Didiane lacht. Wahrscheinlich sind wir die ersten Weißen, die die meisten hier zu Fuß durch Kanyosha laufen sehen, sagt sie.

 

Einige Hundert Meter auf der sehr belebten Hauptstraße entlang, mit den ganzen Fahrardtaxis, Händlern, Mini-Schreinereien, biegen wir links in eine rehct breite Sandpiste ein. An der Ecke stehen einige Jungs mit ihren Fahrrädern und warten auf Kundschaft. Einer davon trägt ein T-Shirt, auf dem Kurt Cobain, der Sänger der Gruppe Nirvana, abgebildet ist. Ich zeige ihm den Daumen – er freut sich. Nirvana… eine Zeit lang das, was ich ausschließlich hörte. „Muzungu!“ werde ich gleich wieder aus den Gedanken gerissen. Ein Kind winkt grinsend.

 

Dann sind wir da. An der Front zur Straße hin ist ein kleiner Container, ein kleines Kiosk. Links daneben schreiten wir durch das schwarzweiße Tor und stehen in einem kleinen, aber sehr gemütlichen und auch gepflegten Gärtchen. Das bescheidene Grundstück der Familie Didianes. Ich lerne gleich ihre Schwester kennen, Jocelyn, ihren dreijährigen Sohn Mujo und die kleine Kerstin Julia. Die Siebenjährige ist sofort neugierig, aber nicht aufdringlich. Mujo hingegen hat noch etwas Hemmungen und versteckt sich hinter der Tür – nachdem er uns mit Handschlag begrüßt hatte. Noch eine ältere Dame mit ihrer Tochter ist gerade zu Besuch, wohl eine Freundin der Familie. Wir plaudern ein wenig. Didiane strahlt über das ganze Gesicht, sehr glücklich sei sie, uns hier zu haben und wieder zu sehen. Dito!

 

Ich muss etwas zu trinken annehmen. Alles andere wäre sehr unhöflich. Es war schon haarscharf vorbei, als ich das Amstel-Bier ablehne. Aber nicht am Mittag. Ich trinke Cola, das wird auch akzeptiert. Dann will uns Didiane „ihr“ Viertel Kanyosha zeigen. Es ist sehr ruhig, obwohl viele Menschen hier wohnen. Vor allem ist es ein riesiges Viertel. Wir laufen auch durch Tschetschenien. Das ist ein kleiner Teil Kanyoshas, der aufgrund des dort besonders schlimm wütenden Bürgerkriegs von Bujumburas Einwohnern mit diesem Namen bedacht wurde. Das burundische Tschetschenien.

 

Dann stehen wir auf recht hohen Klippen. Unten fließt der kleine Fluss Kanyosha, nach dem das Viertel benannt ist. Wir sollten nicht so weit nach vorne gehen, sagt ein älterer Mann zu uns. Er grüßt, grinst, erkundigt sich kurz, was wir hier machen, dann wünscht er noch einen schönen Abend. Es dämmert bereits, bis wir zurück bei Didianes Familie sind, ist es stockdunkel. Alles problemlos. Das Viertel ist wirklich ruhig. Viel gebaut wird hier. Sehr viel. Aber die Kirche der Adventisten steht schon.

 

Nur an einer kleinen Ecke ist etwas Theater. Ein Bistro, wo die Männer sich ihr Bananenbier schmecken lassen. Hier wird natürlich lautstark diskutiert. Ist es irgendwo auf der Welt anders? Die Stimmung ist gut. Auch bei uns drei. Wir plaudern über Gott und die Welt. Dann sind wir wieder vor dem schwarzweißen Tor angelangt. Didianes Bruder öffnet uns. Drinnen nehmen wir wieder auf den Stühlen mit den roten Polstern Platz. Eine sehr kleine Terrasse, sehr gemütlich. Nebenan wird Essen zubereitet – extra für uns, wie Didiane sagt. Es abzulehnen wäre – wie ich erwartet habe – unhöflich. Es gibt leckeres Ziegenfleisch, sehr mager, mit Zwiebeln und Pommes. Wir essen gemeinsam im Wohnzimmer, mit Didiane, ihrer Schwester und den beiden Kids, die Lena und mich nicht aus den Augen lassen.

 

Ein wirklich schönes Treffen. Didiane ist ein super nettes und intelligentes Mädchen. Sie freut sich auch sichtlich über unseren Besuch. Dann, etwa gegen 20 Uhr, fährt uns ihre Schwester Joceylne nach Hause – in einem kleinen weißen Auto. Didiane fährt auch mit und Mujo und Kerstin Julia wollen ebenfalls. Mujo sitzt vorne auf dem Beifahrersitz zwischen Didianes Beinen. Interessiert beobachtet er das Treiben auf der Straße und drückt sich die Nase platt. Es ist recht kühl geworden, die Kleine neben Lena friert. Lena nimmt ihr Tuch, das sie um die Schultern trägt und schlägt es um das Mädchen. Die drückt sich an Lena und wird müde.

 

Beim Aussteigen bedanken wir uns überschwänglich, denn was die Familie extra für unseren Besuch aufgetischt hat, war wirklich unglaublich. Mit Didiane bleiben wir in Kontakt – auf jeden Fall.

Dienstag, 12. Juni 2007. 8.11 Uhr. Ein sonniger Morgen. Annick, Epiphanie und Claudine stehen auf der Terrasse, als ich aus dem Haus gehe und im Hof stehen bleibe. Die Sonne scheint den dreien ins Gesicht, weshalb sie die Augen zusammen kneifen. Ein Bild für Götter. Müde sind sie noch – sichtlich. Ich schmunzle und winke ihnen. Dann lachen sie. „Philippo, nisawa?“ – das allmorgendliche Begrüßungsritual. Natürlich mit Handschlag. Weiter hinten sehe ich Ernest sitzen, über einem Schulheft brütend. Und auch Sousou (Espérance) schlappt mit einem Heft in der Hand durch die Gegend. Sie sieht noch müder aus als alle anderen. Ich lache. Sie mit. „Philippo!“ sagt sie wehleidig und haut mir auf die Schulter. Aber ich lache weiter.

 

Mutama ist schon wieder fleißig am Körbe flechten. Hündin Simba versucht bei jedem, der das Heim verlässt, mit durch das Tor zu witschen. Ohne Erfolg. Nachdem sie es gestern geschafft hat und ewig weit weg rannte und sich nur schwer wieder einfangen ließ. Sagen wir: überzeugen ließ. Denn diesen Hund gegen seinen Willen irgendwo hin zu bringen, ist beinahe unmöglich. Ich habe noch nie so ein eigensinniges Tier erlebt. Zurzeit ist es sowieso furchtbar, weil Simba anscheinend wieder läufig ist. Man muss auf jede Bewegung achten, wenn sie in der Nähe ist.

 

Schlagzeile in den aktuellen Nachrichten:

 

http://www.tagesschau.de/aktuell/
meldungen/0,,OID6914850_REF1,00.html

 

Auch hier im burundischen Radio gibt es die Meldung, dass Kinder in Gitega in Massen auf die Straße geschickt werden, um einige wenige Franc zu erwirtschaften. Ob betteln, Lasten tragen oder sonstige Dienste – alles dabei. Folge der Armut, logisch.

 

Und noch eine aktuelle Schlagzeile:

 

http://www.tagesschau.de/aktuell/
meldungen/0,,OID6911374_REF1,00.html

 

Dazu haben wir auch eine Geschichte. Da wir gerade damit bemüht sind, technische Ausstattung – darunter hauptsächlich Computer – für unsere Schule und ein weiteres Projekt mit Internetcafé und Computerunterricht zu bekommen, wandte sich auch jemand an Microsoft. Mit der Anfrage nach einigen wenigen Lizenzen für die Hilfsorganisation. Ohne nur geringstes Interesse an einer Prüfung zu zeigen (natürlich kann nicht jeder ankommen und etwas umsonst wollen), wurde dieses Anliegen anscheinend abgelehnt. So viel dazu. Was einem alles zu Ohren kommt…

Immer noch Montag

Juni 11, 2007

Immer noch Montag. Was ich vergessen hatte. Gestern Nachmittag waren Lena und ich auf dem Markt. Die Stimmung war sehr gut, vor allem, als ich begonnen habe, mich mit einigen dicken Mamas auf Kirundi zu unterhalten. Sie lachten, mit einem Organ, wie man es ansonsten nur aus dem Fernsehen kennt. Große, sympathische Zahnlücken zwischen den Schneidezähnen blitzten mir entgegen. Ich lachte mit ihnen. Als dann von irgendwo her auch noch Musik zu hören war, gab es kein Halten mehr. Die Frauen tanzten um ihre gigantischen Obstkörbe herum, die Arme in die Luft gestreckt. Ein wahnsinniges Bild, mit ihren bunten Gewändern. Im Gedränge drückte sich dann ein Typ an mich und ich merkte, dass er etwas in meiner rechten Hosentasche suchte. „Hewe!“ schrie ich, jedoch in einem ruhigen Ton. Die Frauen um mich herum machten den Anschein, als wollten sie den anderen gleich verkloppen. Ich schmunzelte nur und signalisierte ihm, dass er wohl besser in der linken Hosentasche hätte fühlen sollen. Da seien die Scheine. Er dreht sich peinlich berührt weg. Und ich gehe auf einen der gestikulierenden Taxifahrer ein, der uns nach Hause bringen möchte.

 

Plötzlich macht ein anderer den Kofferraum auf, nannte irgendeinen Preis, den ich nicht richtig verstanden habe und läd eine Plastiktüte ein. Dann streckt er die Hand her. Ich lache und sage nur „oyaaa!“ – worauf auch der Taxifahrer lachen muss und dem anderen zeigt, dass er verschwinden solle. Wenn mir die Type etwas veraufen möchte, kann er mir gerne seine Ware zeigen. Ich schaue und höre mir an, was er zu sagen hat. Aber nicht so.