Neue Leute und brandmarkende Bilder

Mai 31, 2007 at 2:54 nachmittags 1 Kommentar

Donnerstag, 31. Mai 2007. 13.41 Uhr. Wo soll ich beginnen? Mein Kopf ist voll neuer Dinge. Ich liege nachts wach und denke. Denke an so vieles. Vieles freut mich, gibt mir Ansporn und ich überlege, wie ich diese Dinge weiterhin gut führen kann. Vieles macht mich aber traurig, enttäuscht und bringt mich dazu, nicht mehr zu wissen, wo mir der Kopf steht. Manchmal ist es schwierig, sich dann auf die Arbeit zu konzentrieren, die man tagtäglich erledigen soll. Aber ich wollte es nicht anders, seit dem Zeitpunkt, als ich mich entschied, in ein solches Land wie Burundi zu gehen. Dennoch: Trotz der Bewusstheit im Vorhinein, ist die Wahrheit manchmal schwer zu begreifen, zu verstehen, zu verarbeiten.

 

Ich lernte auch wieder sehr interessante, neue Menschen kennen. Vier insgesamt in der vergangenen Woche. Als erstes kam Paul an, der mit seiner Frau Maria aus Südafrika den Weg nach Bujumbura gesucht und gefunden hat. Sein großer Wunsch sei gewesen, an seinem 62. Geburtstag am Nil in Uganda zu sitzen. Das hat er auch geschafft. Als er mich jedoch über Umwege durch das Internet, das die Welt zu einem Dorf werden lässt, kennen lernte, lag es ihm sofort am Herzen, mich hier zu besuchen. Noch besser: die Kinder. Also nahm er die 9.980 Kilometer in 45 Tagen auf sich, um sich von der Fondation Stamm zu überzeugen. „Du spinnst“, sagten alle zuvor, die von seinem Vorhaben erfuhren. Mag sein, dass Paul spinnt. Immerhin hätte er in Burundi eintreffen können und feststellen, dass überhaupt keine Projekte existieren und ich mir einen Scherz erlaubt habe. Alles schon vorgekommen. Doch nun ist er da. Und sagt: „In diesem Falle bin ich absolut gerne ein Spinner!“ Bewundernswert. Und auch beispielhaft.

 

Ewald Dietrich. Gründer und Präsident der Hilfsorganisation Human Help Network (HHN) aus Mainz. Er kam am Samstag hier in Bujumbura an. HHN unterstützt die Fondation Stamm, insbesondere durch die „Aktion Tagwerk“, die am 19. Juni erneut in der ganzen Bundesrepublik starten wird. Sein Aufenthalt endete bereits am Montag, weil er weiter nach Kigali und dann in den Kongo musste, um dort Projekte zu „evaluieren“, wie er es nannte. Die Idee, HHN zu gründen, entstand übrigens im Nachhinein eines Sting-Konzerts in den 80er Jahren.

 

Mit Ewald Dietrich kamen am Samstag auch die beiden jungen Frauen an – das Fernsehteam. Ute Mattigkeit und Malin Büttner, die aufgrund des G8-Gipfels in Heiligendamm die Probleme Afrikas aufzeigen möchten. Am Beispiel Burundis. Für die Kinder- und Jugendnachrichten „Neuneinhalb“ in der ARD. Ein, wie ich finde, nicht ganz leichter Job, eine solche Problematik für Kinder verständlich zu verpacken und zu erklären.  Die beiden Journalistinnen sind super aufgeschlossen und interessiert. Wir drehen in unseren Heimen in Bujumbura und fahren auch gemeinsam aufs Land – nach Muyinga, zu unserer Ernährungsstation. Die Station wurde gerade umstrukturiert und ich hatte sie so auch noch nicht besucht. Also auch für mich etwas Neues. Doch die Bilder sind so erschreckend wie das vergangene Mal. Sie beschäftigen. Und ich merke, wie sie auch Ute und Malin zu schaffen machen. Ich wollte in diesem Moment nicht in deren Haut stecken, auch noch einen Job machen zu müssen, indem ich mit der Kamera voll drauf halte. Die Anspannung war zu merken. Die Bilder verfolgen einen.

 

Ein Baby auf dem Arm seiner Mutter. Vier Monate soll es sein und es ist vielleicht gerade mal die Hälfte eines „normal gewachsenen“ Babys in diesem Alter. Es sieht verformt aus, nur Knochen, die Augen sehen aus, als wären sie viel zu groß für den kleinen, schwachen Kopf. Die Mutter holt ihre Brust aus der Tuch, um das Kind zu stillen. Die Brust erinnert in keiner Weise an eine weibliche Form. Ausgetrocknet, leer, unterernährt. Die Mutter ein Gerippe. Steht man vor so einem Menschen, würde man am liebsten die Augen schließen und nur noch weg rennen. Aber wohin? Denn Hundert Meter weiter zeigt sich das selbe Bild. Und erreichen würde man so auch nichts. Im Gegenteil. Wegschauen – das tut die halbe Welt. So absurd es klingen mag, aber ich bin froh darüber, dass ich, ich, der kleine Freiwillige, diese Bilder gesehen hat. Dass sie sich in mein Hirn einbrennen, zu einer nie zu vergessenden Erinnerung werden. Dass sie mich immer begleiten, immer daran denken lassen, wie es tatsächlich auf dieser Welt aussieht. Dann, später mal, wenn ich wieder vor den endlos langen und mit Waren aller Art gefüllten Regalen in unseren riesigen Supermärkten stehe und überlege, ob ich nun Erdbeeren oder Waldfrüchte in meinem Joghurt haben möchte.

 

Man wird sensibler, reizbarer und man bekommt auch ein dickeres Fell. Die Voraussetzungen, den Sinn in seiner Arbeit zu sehen und niemals zu verlieren, im klimatisierten Büro, und dennoch nicht daran zu verzweifeln. Doch dieser Reifeprozess dauert. Und er ist sehr, sehr anstrengend.

 

Wir besuchen auch einen Kaffeebauern. 400 bis 500 Kilo pro Jahr kann er auf seinem kleinen Stück Land ernten. Sechs Monate Arbeit bedeutet das für ihn. Für ein Kilo bekommt er 200 FB ausbezahlt. Der Euro steht mittlerweile bei 1.415 FB. Von dem Geld bezahlt er das Schulgeld seiner Tochter – etwas Außergewöhnliches in Burundi, dass gerade ein Mädchen eine schulische Laufbahn einschlägt. Doch dieses Jahr blieb die Ernte aus. Komplett.

 

Ungewöhnlich und auffallend viele Mädchen sehe ich auch in der Schule in der Kommune Buhinyuza, in der Provinz Muyinga, wo die Fondation Stamm eine Schulspeisung durchführt. Finanziert von der Deutschen Botschaft. Die Kinder – in dieser Schule sind es 1.700, die uns sofort umringen – kommen zum Lernen. Und zwar der größte Teil nur, weil sie etwas zu Essen bekommen können. Man hat jedoch beschlossen, dass es der Provinz Muyinga jetzt besser gehe. Die Schulspeisung endet in den kommenden Monaten, mit dem Trimesterende. Die Gelder werden gestoppt. Unser Koordinator im Norden sagt mir, dass schon in der Woche darauf sich die Zahl der Mädchen in der Schule drastisch reduzieren wird. Sie werden wieder zu Hause bleiben, um das Feld zu bestellen. Weil die Familien kein Geld für solche Dinge wie Schule haben. Schon gar nicht für Mädchen.

 

Auf der Nachhausefahrt kaufe ich Bananen und Gemüse für unsere Kinder. Sie freuen sich mit strahlenden Augen, zuerst als ich wieder aus dem Auto steige und dann noch dazu das Geschenk auspacke. Am Wochenende wird es einen Festschmaus geben – mit Kochbananen.

 

Zum Abschluss noch ein kleiner, externer Lesetipp:

 

http://fluter.de/look/article.tpl?IdLanguage=5&IdPublication=
2&NrArticle=5964&NrIssue=58&NrSection=20

Eintrag abgelegt unter In Burundi. Tags: .

Das Fernsehen in Burundi Linktipp

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