Ein internationaler Morgen

Mai 24, 2007 at 11:54 vormittags Hinterlasse einen Kommentar

Donnerstag, 24. Mai 2007. 11.18 Uhr. Gerade bin ich zurück gekommen von der Geberkonferenz für Burundi. Die halbe Welt war vertreten, Konsuln, Botschafter, allerlei wichtige Leute. Thomas Mangartz, unseren Botschafter, habe ich auch getroffen. Ebenso Mme Barancira, die burundische Botschafterin in Deutschland und Jeroen Kelderhuis, den Premier Secretaire der Niederlande in Burundi, der letzt unser Heim besuchte. Auch Burundis Präsident Pierre Nkurunziza linste einige Male in meine Kamera. Ich hatte das Gefühl, er überlegte, wo er mich schon mal gesehen haben könnte. In Cibitoke war das damals, Herr Präsident. Damals im März, als Brandenburgs Bildungsminister Holger Rupprecht kam. Damals haben Sie meine Hand geschüttelt und leger gefragt: „How are you doing?“ Ich erinnere mich.

 

Benoit war zu diesem Treffen eingeladen und fragte mich gestern, ob ich ihn begleiten möchte. Klar wollte ich. So etwas lasse ich mir nicht entgehen. Mein erstes Mal, sozusagen. Sehr interessant. Mit einem ganz großen Schmunzeleffekt dabei. Denn zwischen den Reihen der Nationenvertreter umher zu schwirren, während die großen Reden geschwungen werden, ist sehr interessant – und durchaus auch amüsant. Vor allem, wenn man die einzelnen Damen und Herren etwas genauer beobachten kann.

 

Auf den Kärtchen vor den Vertretern standen Namen aus Ecken der gesamten Welt. Von Europa über Asien, einige afrikanische Staaten bis hin zu den USA. Die amerikanische Botschafterin ist eine kleine, zierliche Frau. Sie macht einen sehr sympathischen Eindruck und ist sehr aufgeweckt. Viele interessierte Gesichter sah ich. Was auffiel, ist, dass die „neuen“ Länder, die sich engagieren möchten, sehr gespannt aus der Wäsche schauten und vor allem auch zuhörten. Da wären die Niederlande. Oder Japan und China. Ich nenne jeweils nur wenige Beispiele. Verwundert war ich, dass der Platz für Indien leer blieb. Denn in Burundi sind nicht gerade wenige indische Geschäftsleute unterwegs. Sie wohnen in schicken, großen Villen. Aber wie gesagt: Es sind Geschäftsleute. Das heißt noch lange nicht, dass sie sich auf der Geberkonferenz blicken lassen müssen. Wie ich finde, ein deutliches Signal. Ob das so sehr zu ihrem Vorteil ist, ist fraglich. Denn die Meinung über die Inder in Burundi ist nicht gerade eine sehr zuvorkommende.

 

Während dessen hat der italienische Vertreter, der in seinem Stuhl ziemlich weit nach hinten unten gesunken ist, Probleme damit, seine Augen offen zu halten. Dass es nicht gleich jeder sieht, hat er die Hände vor dem Gesicht gefalten. Vielleicht will er Glauben machen, dass er gerade so mit dem Vatikan kommuniziert. Wer weiß? Er sieht zumindest sehr in ein Gebet vertieft aus. „Bitte hol mich hier raus“, oder so ähnlich. Kanada blättert derzeit in einer Zeitschrift. Und die Schweiz gähnt permanent. Ich stutze, als der Vertreter aus Sudan anfängt, ziemlich nervös auf seinem Stuhl hin und her zu rutschen und sich umzusehen, als ich ihn fotografiere. Der Sudan auf einer Geberkonferenz? Ja. Petrol kommt da her. Und Waffen. Und Kooperation in Rebellenausbildung. Ich lasse ihn wieder in Ruhe, bevor er das Schwitzen anfängt.

 

Russland schaut etwas ungläubig in Richtung Rednerpult. Pierre Nkurunziza gibt derweil auf der Bühne sein Bestes. Die Menge applaudiert. Auch er kein unbeschriebenes Blatt. Aber was soll’s. Ich möchte die Akten all dieser Leute in diesem großen Saal erst gar nicht zu Gesicht bekommen. Hinter den einzelnen Ländervertretern sitzen die Hilfsorganisationen, von den privaten bis hin zur UN. Die hören zu. Habe ich zumindest das Gefühl. Der „Chef de Mission“ der MSF (Ärzte ohne Grenzen) aus den Niederlanden drückt mir seine Visitenkarte in die Hand. Ich bedanke mich. Wer weiß, wofür sie noch gut sein wird.

 

Die Plätze, die leer sind, notiere ich mir. Neben dem schon erwähnten Indien fehlen Griechenland, Dänemark, Kroatien, Saudiarabien – was mich auch sehr wundert, denn gerade vor wenigen Wochen flog der Honorarkonsul für Burundi in Stuttgart dorthin und wollte auch Burundi zur Sprache bringen –, Spanien, Finnland, Äquatorialguinea und Irland. Südafrika schrieb sehr interessiert mit und schwitzte dabei ordentlich. Es war auch verdammt heiß in dem Saal. Mit dem entsprechenden Körperumfang wird das schnell zu einer Qual. Die Südafrikaner sind ja noch mit Militär in Burundi vertreten. Mit einem Mandat der Afrikanischen Union. Ich grüße immer die Soldaten, die ab und an vor unserem Heim vorbei fahren. Manchmal grüßen sie auch zurück. Neben den ganzen offiziellen Menschen tummeln sich auch die muskulösen, böse dreinschauenden Jungs mit den Knöpfen im Ohr. Die Sicherheitsbeamten. Auch hier die Nationalitäten bunt gemischt. Ich lasse alles auf mich wirken. Sie huschen närrisch hin und her. Man sieht ihnen an, dass sie immer die gesamte Situation im Blick haben. Irgendwie faszinieren mich diese top ausgebildeten Leute. Aber wenn ich mir vorstelle, dafür bezahlt zu werden, um mich in letzter Sekunde in die Schusslinie zu werfen, dass mein Klient unversehrt bleibt – nun ja.

 

Jedenfalls war die Geberkonferenz – zumindest der kurze Ausschnitt, den ich davon mitbekam – eine interessante Erfahrung mehr. Nur frage ich mich, nachdem ich das nun alles gesehen habe, wieso Politik denn so schwierig sein kann, wenn man wirklich an etwas interessiert ist. Aber ich glaube, genau darin liegt das größte Problem der Politik. Vieles wäre einfacher. Wenn es nur von denen, die es mit Reden in großen Tönen vom Podium herunterspucken, auch wirklich gewollt würde. Aber so ist die Welt, denke ich.

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