Mittwoch, 23. Mai 2007. 8.30 Uhr. Während ich mit dem Reisebericht beschäftigt war, ist schon wieder so vieles passiert. Ich kam jedoch nicht dazu, es aufzuschreiben. Am Donnerstag vergangene Woche besuchten wir abends Marco von den UN. Es war sein Geburtstag. Sein Geschenk überreichte ich ihm in einer echten Eggensteiner Tüte, aus unserer beider Heimatgemeinde. Ein kleiner Gag mitten in Afrika, Marco hat es gefreut. An dem Abend lernte ich wieder interessante Menschen kennen. Ich glaube, ich muss öfter die Gelegenheit wahrnehmen und die Partys von UN und EU besuchen. Was sich dort alles tummelt, ist unglaublich.

 

Am Wochenende arbeitete ich etwas die Sachen ab, die während meines Urlaubs in Uganda liegen geblieben sind. Ansonsten half ich den Kids bei den Schulhausaufgaben. Besonders freute sich Espérance, die am nächsten Tag in Englisch dann ein Lob in der Schule bekam. Es geht einem das Herz auf, wenn man so angestrahlt wird.

 

Am Freitag Abend wollen wir eine kleine Fete für die Kids organisieren. Ein bisschen Cola und Fanta, dazu Süßigkeiten und Erdnüsse. Lena will mit den großen Mädels noch Kuchen backen. Anlass gibt es keinen bestimmten. Einfach so – zur Abwechslung für unsere Familie, die zurzeit wieder viel, viel lernen muss. In den Schulen stehen nämlich die finalen Klausuren an. Da ist so eine Abwechslung am Freitag Abend doch genau das Richtige. Wir wollen aber nicht alles alleine organisieren. Die Kids sollen ruhig mithelfen. Zum Beispiel die Getränke einkaufen und solche Dinge. Dann merken sie auch gleich, was bei einer Feier alles „hinten dran hängt“ – wird nicht alles eingeflogen. Aber das wird gut. Ich freue mich tierisch darauf!

 

Gestern, Dienstag, war wieder ein wahrhaft unerwarteter Tag. Gegen Mittag klingelte mein Telefon, ich nehme ab, kenne jedoch die Nummer nicht. In einem Schweizer Dialekt grüßt mich Paul am anderen Ende der Leitung – mein Bekannter, mit dem ich seit einiger Zeit schon in Kontakt bin, der in Südafrika wohnt und der schon seit Ewigkeiten sagt, er wird uns und die Kinder in Bujumbura besuchen. Er würde gerade in die Stadt hinein fahren, sagt er. In etwa 45 Minuten sei er bei uns im „Chez André“. Ich  kann es kaum fassen. Er auch nicht.

 

Dann, keine fünf Minuten später, klingelt das Telefon erneut. Wieder Paul. Er klingt sehr aufgeregt. Die Polizei habe ihn angehalten und behauptet, er habe oben in den Bergen ein Kind tot gefahren. Ich versichere Paul, dass ich sofort bei ihm bin – zusammen mit Benoit fahre ich los in Richtung Stadtgrenze. Dort sehen wir sofort Pauls „Buschtaxi“ mit Wohnanhänger. Um ihn herum einige Menschen und Uniformierte. Pauls Frau, Maria, sitzt im Auto und scheint mit den Nerven fertig.

 

Benoit stürmt sofort – wie es seine charmant direkte Art ist – auf den gestikulierenden Polizisten zu und will wissen, was los sei. Anscheinend habe oben in den Bergen schon ein Motorradfahrer Paul und seinen zwölf Meter langen Zug überholt, fluchend und fuchtelnd. Unten an der Stadtkontrolle halten die Polizisten Paul an, der Motorradfahrer tuschelt mit einem der Uniformierten. Paul habe ein Kind tot gefahren. Und ihm fällt nun fast das Kinn runter. Wieso hätte er denn weiter fahren sollen, wenn er ein Kind angefahren hätte? Schließlich hat er sich für diesen Trip durch ganz Ostafrika die besten denkbaren Versicherungen zugelegt?! Dem Polizisten ist es egal. Der Motorradfahrer hätte es gesehen. Dann kommt ein Taxibus, der ein verletztes Kind zur Veranschaulichung anschleppt.

 

Die Polizisten wollen Geld. Vorher bekomme Paul seine Fahrzeugpapiere nicht wieder. Benoit zuückt sein Mobiltelefon, um den Polizeichef anzurufen – als sein Gegenüber das sieht, rückt er ganz schnell die Papiere wieder heraus. „Ok, ok!“ Wir bringen den Jungen plus Begleitperson ins nächst gelegene Krankenhaus. Das Universitätskrankenhaus, wo auch schon unser kleiner Jimmy gewesen war. Dort werden wir aber wieder weg geschickt, man könne hier keine Röntgenaufnahmen machen. Benoit sagt, ich solle Paul und Maria ins „Chez André“ führen. Er bringe den Jungen ins Militärkrankenhaus. Und dort soll er dann auch die Wahrheit erfahren.

 

Ich steige zu Paul und Maria in den weißen Toyota. Wir fahren langsam – aufgrund des Verkehrs und des schweren Anhängers – zu „Chez André“, wo uns schon aufgeregt Verena empfängt. Als Benoit kommt, haben alle Spekulationen ein Ende und wir erfahren, was passiert ist. Der Militärarzt konnte aus dem Jungen die Wahrheit heraus bekommen. Zu zweit seien sie auf dem Fahrrad gesessen und als sie den Zug auf der Straße sahen, haben sie sich festhalten wollen. Wie es die Fahrradfahrer gefährlicher Weise immer tun. Sie seien jedoch mit der Hand abgerutscht und im Gebüsch gelandet. Das war alles. Paul traf keinerlei Schuld. Nur habe anscheinend der Motorradfahrer dahinter alles mitbekommen und sich spontan die Mogelei ausgedacht. Mit dem Polizisten hat er ja herumgetuschelt, vielleicht gerade die Anteiel ausgehandelt. Er könne ja alles bezeugen. Tja. Die Rechnung ging wohl nicht ganz auf. Und Paul und ich hatten nun auch richtig Gelegenheit, uns zu begrüßen.

 

Nach einer kurzen Erfrischung mit Verena und nachdem der Schock, der den beiden sichtlich ins Gesicht geschrieben war, etwas verdaut war, sind wir ins Kinderheim gefahren – der Bleibe für Paul und Maria für die kommenden Wochen. Alleine die Ankunft des großen Toyota Landcruiser samt Wohnwagen war die Attraktion schlechthin. Alle halfen mit, den Wohnwagen an die richtige Stelle zu bringen und mit aufzubauen. Paul mit seinen Grimassen ist von Anfang an die Sensation. Ich denke, die Kinder werden viel Spaß mit ihm haben in der kommenden Zeit. Und er auch mit ihnen. Paul und ich werden – wie gestern Abend schon geschehen – viele, interessante Gespräche führen. Die nicht zuletzt auch unsere Arbeit für die Kinder voran bringen wird.

 

Jetzt bin ich erst einmal froh, dass er sein Versprechen wahr gemacht hat und in Buja gelandet ist – ich habe aber keine Sekunde gezweifelt, dass er es nicht wahr machen würde. Jetzt ist er da und wir können anpacken. Denn, wie Paul sagt: „Ich bin nicht umsonst die 10.000 Kilometer bis zu den Kindern gefahren!“

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