Neue Leute und brandmarkende Bilder
Mai 31, 2007
Donnerstag, 31. Mai 2007. 13.41 Uhr. Wo soll ich beginnen? Mein Kopf ist voll neuer Dinge. Ich liege nachts wach und denke. Denke an so vieles. Vieles freut mich, gibt mir Ansporn und ich überlege, wie ich diese Dinge weiterhin gut führen kann. Vieles macht mich aber traurig, enttäuscht und bringt mich dazu, nicht mehr zu wissen, wo mir der Kopf steht. Manchmal ist es schwierig, sich dann auf die Arbeit zu konzentrieren, die man tagtäglich erledigen soll. Aber ich wollte es nicht anders, seit dem Zeitpunkt, als ich mich entschied, in ein solches Land wie Burundi zu gehen. Dennoch: Trotz der Bewusstheit im Vorhinein, ist die Wahrheit manchmal schwer zu begreifen, zu verstehen, zu verarbeiten.
Ich lernte auch wieder sehr interessante, neue Menschen kennen. Vier insgesamt in der vergangenen Woche. Als erstes kam Paul an, der mit seiner Frau Maria aus Südafrika den Weg nach Bujumbura gesucht und gefunden hat. Sein großer Wunsch sei gewesen, an seinem 62. Geburtstag am Nil in Uganda zu sitzen. Das hat er auch geschafft. Als er mich jedoch über Umwege durch das Internet, das die Welt zu einem Dorf werden lässt, kennen lernte, lag es ihm sofort am Herzen, mich hier zu besuchen. Noch besser: die Kinder. Also nahm er die 9.980 Kilometer in 45 Tagen auf sich, um sich von der Fondation Stamm zu überzeugen. „Du spinnst“, sagten alle zuvor, die von seinem Vorhaben erfuhren. Mag sein, dass Paul spinnt. Immerhin hätte er in Burundi eintreffen können und feststellen, dass überhaupt keine Projekte existieren und ich mir einen Scherz erlaubt habe. Alles schon vorgekommen. Doch nun ist er da. Und sagt: „In diesem Falle bin ich absolut gerne ein Spinner!“ Bewundernswert. Und auch beispielhaft.
Ewald Dietrich. Gründer und Präsident der Hilfsorganisation Human Help Network (HHN) aus Mainz. Er kam am Samstag hier in Bujumbura an. HHN unterstützt die Fondation Stamm, insbesondere durch die „Aktion Tagwerk“, die am 19. Juni erneut in der ganzen Bundesrepublik starten wird. Sein Aufenthalt endete bereits am Montag, weil er weiter nach Kigali und dann in den Kongo musste, um dort Projekte zu „evaluieren“, wie er es nannte. Die Idee, HHN zu gründen, entstand übrigens im Nachhinein eines Sting-Konzerts in den 80er Jahren.
Mit Ewald Dietrich kamen am Samstag auch die beiden jungen Frauen an – das Fernsehteam. Ute Mattigkeit und Malin Büttner, die aufgrund des G8-Gipfels in Heiligendamm die Probleme Afrikas aufzeigen möchten. Am Beispiel Burundis. Für die Kinder- und Jugendnachrichten „Neuneinhalb“ in der ARD. Ein, wie ich finde, nicht ganz leichter Job, eine solche Problematik für Kinder verständlich zu verpacken und zu erklären. Die beiden Journalistinnen sind super aufgeschlossen und interessiert. Wir drehen in unseren Heimen in Bujumbura und fahren auch gemeinsam aufs Land – nach Muyinga, zu unserer Ernährungsstation. Die Station wurde gerade umstrukturiert und ich hatte sie so auch noch nicht besucht. Also auch für mich etwas Neues. Doch die Bilder sind so erschreckend wie das vergangene Mal. Sie beschäftigen. Und ich merke, wie sie auch Ute und Malin zu schaffen machen. Ich wollte in diesem Moment nicht in deren Haut stecken, auch noch einen Job machen zu müssen, indem ich mit der Kamera voll drauf halte. Die Anspannung war zu merken. Die Bilder verfolgen einen.
Ein Baby auf dem Arm seiner Mutter. Vier Monate soll es sein und es ist vielleicht gerade mal die Hälfte eines „normal gewachsenen“ Babys in diesem Alter. Es sieht verformt aus, nur Knochen, die Augen sehen aus, als wären sie viel zu groß für den kleinen, schwachen Kopf. Die Mutter holt ihre Brust aus der Tuch, um das Kind zu stillen. Die Brust erinnert in keiner Weise an eine weibliche Form. Ausgetrocknet, leer, unterernährt. Die Mutter ein Gerippe. Steht man vor so einem Menschen, würde man am liebsten die Augen schließen und nur noch weg rennen. Aber wohin? Denn Hundert Meter weiter zeigt sich das selbe Bild. Und erreichen würde man so auch nichts. Im Gegenteil. Wegschauen – das tut die halbe Welt. So absurd es klingen mag, aber ich bin froh darüber, dass ich, ich, der kleine Freiwillige, diese Bilder gesehen hat. Dass sie sich in mein Hirn einbrennen, zu einer nie zu vergessenden Erinnerung werden. Dass sie mich immer begleiten, immer daran denken lassen, wie es tatsächlich auf dieser Welt aussieht. Dann, später mal, wenn ich wieder vor den endlos langen und mit Waren aller Art gefüllten Regalen in unseren riesigen Supermärkten stehe und überlege, ob ich nun Erdbeeren oder Waldfrüchte in meinem Joghurt haben möchte.
Man wird sensibler, reizbarer und man bekommt auch ein dickeres Fell. Die Voraussetzungen, den Sinn in seiner Arbeit zu sehen und niemals zu verlieren, im klimatisierten Büro, und dennoch nicht daran zu verzweifeln. Doch dieser Reifeprozess dauert. Und er ist sehr, sehr anstrengend.
Wir besuchen auch einen Kaffeebauern. 400 bis 500 Kilo pro Jahr kann er auf seinem kleinen Stück Land ernten. Sechs Monate Arbeit bedeutet das für ihn. Für ein Kilo bekommt er 200 FB ausbezahlt. Der Euro steht mittlerweile bei 1.415 FB. Von dem Geld bezahlt er das Schulgeld seiner Tochter – etwas Außergewöhnliches in Burundi, dass gerade ein Mädchen eine schulische Laufbahn einschlägt. Doch dieses Jahr blieb die Ernte aus. Komplett.
Ungewöhnlich und auffallend viele Mädchen sehe ich auch in der Schule in der Kommune Buhinyuza, in der Provinz Muyinga, wo die Fondation Stamm eine Schulspeisung durchführt. Finanziert von der Deutschen Botschaft. Die Kinder – in dieser Schule sind es 1.700, die uns sofort umringen – kommen zum Lernen. Und zwar der größte Teil nur, weil sie etwas zu Essen bekommen können. Man hat jedoch beschlossen, dass es der Provinz Muyinga jetzt besser gehe. Die Schulspeisung endet in den kommenden Monaten, mit dem Trimesterende. Die Gelder werden gestoppt. Unser Koordinator im Norden sagt mir, dass schon in der Woche darauf sich die Zahl der Mädchen in der Schule drastisch reduzieren wird. Sie werden wieder zu Hause bleiben, um das Feld zu bestellen. Weil die Familien kein Geld für solche Dinge wie Schule haben. Schon gar nicht für Mädchen.
Auf der Nachhausefahrt kaufe ich Bananen und Gemüse für unsere Kinder. Sie freuen sich mit strahlenden Augen, zuerst als ich wieder aus dem Auto steige und dann noch dazu das Geschenk auspacke. Am Wochenende wird es einen Festschmaus geben – mit Kochbananen.
Zum Abschluss noch ein kleiner, externer Lesetipp:
Das Fernsehen in Burundi
Mai 26, 2007
Samstag, 26. Mai 2007. Gestern Abend hatten wir eine kleine, aber sehr feine Fete mit unseren Kids im Heim. Thomas spendierte die Cola, Fanta, Kekse und Süßigkeiten, Pauls Frau Maria und Lena backten mit einigen unserer großen Mädchen in der Küche Kuchen und Kekse. Von Verena holten wir den CD-Spieler und somit war die Party perfekt. Emmanuell machte den DJ, Thierry und Fulgence waren verantwortlich für die (ordentliche) Getränkevergabe. Wir sagten vorher, keiner brauche drängeln, es ist genug für jeden da. Und es funktionierte. Die Kids hatten Spaß, tanzten, lachten, sangen. Nur strahlende Gesichter – ein Anblick, wie er schöner nicht sein könnte und bei dem einem das Herz aufgeht. Ich mischte mich unter die Kids, unterhielt mich mit ihnen, blödelte herum. Dann stand „Reise nach Jerusalem“ auf dem Plan – ein einziges Gelächter, vor allem, als alle Leiter – inklusive uns – gegeneinander antraten. Ein Spaß, den man nicht in Worte fassen kann. Auch Paul und Maria mischten sich unters Volk. Die beiden sind in den vergangenen Tagen von den Kids längst als Oma und Opa adoptiert. Tja, die Familie wächst.
Heute kommt das Fernsehteam aus Deutschland an. Wir werden gleich zum Flughafen aufbrechen. Dann steht eine Woche Arbeit mit dem Team an. Samstag bis Sonntag.
Was ich ganz vergaß: Alphonse hat uns nochmals besucht, als wir aus Uganda zurück waren. Er lud uns ein ins „Petite Seminaire de Kanyosha“, wo wir alle seine Kollegen kennen lernten, uns das Internat anschauten und gemeinsam Brouchette aßen. Und – wir kauften leckeres Bananenbier, direkt von den Priestern. Es schmeckt! Eigentlich wollten wir noch Alphonses Projekt im Süden Bujumburas besichtigen, wofür jedoch auf beiden Seiten die Zeit fehlte. Er gab mir aber die Telefonnummer des Priesterseminarleiters, Anatole, sodass wir den Besuch mit ihm nachholen können. Was wir auch werden. Mittlerweile ist Alphonse schon wieder in Deutschland. Nach zwölf Jahren zum ersten Mal wieder in seine Heimat zu kommen, stelle ich mir sehr schwierig vor. Viel habe sich verändert, sagt Alphonse. Nach seiner Habilitation werde er im Februar wieder endgültig nach Burundi kommen.
16.17 Uhr. Das Fernsehteam ist da. Die Drehwoche kann beginnen. Heute ist übrigens auch der 17. Geburtstag von Espérance. Sie erzählte mir das irgendwann einmal, ich merkte es mir. Als ich ihr heute Morgen gratulierte, war es ihr fast schon peinlich. Gefreut hat es sie dennoch. Sichtlich.
Wer’s nicht glaubt…
Mai 24, 2007
… dass Paul da ist:
http://paul.lebay.co.za/
Ein internationaler Morgen
Mai 24, 2007
Donnerstag, 24. Mai 2007. 11.18 Uhr. Gerade bin ich zurück gekommen von der Geberkonferenz für Burundi. Die halbe Welt war vertreten, Konsuln, Botschafter, allerlei wichtige Leute. Thomas Mangartz, unseren Botschafter, habe ich auch getroffen. Ebenso Mme Barancira, die burundische Botschafterin in Deutschland und Jeroen Kelderhuis, den Premier Secretaire der Niederlande in Burundi, der letzt unser Heim besuchte. Auch Burundis Präsident Pierre Nkurunziza linste einige Male in meine Kamera. Ich hatte das Gefühl, er überlegte, wo er mich schon mal gesehen haben könnte. In Cibitoke war das damals, Herr Präsident. Damals im März, als Brandenburgs Bildungsminister Holger Rupprecht kam. Damals haben Sie meine Hand geschüttelt und leger gefragt: „How are you doing?“ Ich erinnere mich.
Benoit war zu diesem Treffen eingeladen und fragte mich gestern, ob ich ihn begleiten möchte. Klar wollte ich. So etwas lasse ich mir nicht entgehen. Mein erstes Mal, sozusagen. Sehr interessant. Mit einem ganz großen Schmunzeleffekt dabei. Denn zwischen den Reihen der Nationenvertreter umher zu schwirren, während die großen Reden geschwungen werden, ist sehr interessant – und durchaus auch amüsant. Vor allem, wenn man die einzelnen Damen und Herren etwas genauer beobachten kann.
Auf den Kärtchen vor den Vertretern standen Namen aus Ecken der gesamten Welt. Von Europa über Asien, einige afrikanische Staaten bis hin zu den USA. Die amerikanische Botschafterin ist eine kleine, zierliche Frau. Sie macht einen sehr sympathischen Eindruck und ist sehr aufgeweckt. Viele interessierte Gesichter sah ich. Was auffiel, ist, dass die „neuen“ Länder, die sich engagieren möchten, sehr gespannt aus der Wäsche schauten und vor allem auch zuhörten. Da wären die Niederlande. Oder Japan und China. Ich nenne jeweils nur wenige Beispiele. Verwundert war ich, dass der Platz für Indien leer blieb. Denn in Burundi sind nicht gerade wenige indische Geschäftsleute unterwegs. Sie wohnen in schicken, großen Villen. Aber wie gesagt: Es sind Geschäftsleute. Das heißt noch lange nicht, dass sie sich auf der Geberkonferenz blicken lassen müssen. Wie ich finde, ein deutliches Signal. Ob das so sehr zu ihrem Vorteil ist, ist fraglich. Denn die Meinung über die Inder in Burundi ist nicht gerade eine sehr zuvorkommende.
Während dessen hat der italienische Vertreter, der in seinem Stuhl ziemlich weit nach hinten unten gesunken ist, Probleme damit, seine Augen offen zu halten. Dass es nicht gleich jeder sieht, hat er die Hände vor dem Gesicht gefalten. Vielleicht will er Glauben machen, dass er gerade so mit dem Vatikan kommuniziert. Wer weiß? Er sieht zumindest sehr in ein Gebet vertieft aus. „Bitte hol mich hier raus“, oder so ähnlich. Kanada blättert derzeit in einer Zeitschrift. Und die Schweiz gähnt permanent. Ich stutze, als der Vertreter aus Sudan anfängt, ziemlich nervös auf seinem Stuhl hin und her zu rutschen und sich umzusehen, als ich ihn fotografiere. Der Sudan auf einer Geberkonferenz? Ja. Petrol kommt da her. Und Waffen. Und Kooperation in Rebellenausbildung. Ich lasse ihn wieder in Ruhe, bevor er das Schwitzen anfängt.
Russland schaut etwas ungläubig in Richtung Rednerpult. Pierre Nkurunziza gibt derweil auf der Bühne sein Bestes. Die Menge applaudiert. Auch er kein unbeschriebenes Blatt. Aber was soll’s. Ich möchte die Akten all dieser Leute in diesem großen Saal erst gar nicht zu Gesicht bekommen. Hinter den einzelnen Ländervertretern sitzen die Hilfsorganisationen, von den privaten bis hin zur UN. Die hören zu. Habe ich zumindest das Gefühl. Der „Chef de Mission“ der MSF (Ärzte ohne Grenzen) aus den Niederlanden drückt mir seine Visitenkarte in die Hand. Ich bedanke mich. Wer weiß, wofür sie noch gut sein wird.
Die Plätze, die leer sind, notiere ich mir. Neben dem schon erwähnten Indien fehlen Griechenland, Dänemark, Kroatien, Saudiarabien – was mich auch sehr wundert, denn gerade vor wenigen Wochen flog der Honorarkonsul für Burundi in Stuttgart dorthin und wollte auch Burundi zur Sprache bringen –, Spanien, Finnland, Äquatorialguinea und Irland. Südafrika schrieb sehr interessiert mit und schwitzte dabei ordentlich. Es war auch verdammt heiß in dem Saal. Mit dem entsprechenden Körperumfang wird das schnell zu einer Qual. Die Südafrikaner sind ja noch mit Militär in Burundi vertreten. Mit einem Mandat der Afrikanischen Union. Ich grüße immer die Soldaten, die ab und an vor unserem Heim vorbei fahren. Manchmal grüßen sie auch zurück. Neben den ganzen offiziellen Menschen tummeln sich auch die muskulösen, böse dreinschauenden Jungs mit den Knöpfen im Ohr. Die Sicherheitsbeamten. Auch hier die Nationalitäten bunt gemischt. Ich lasse alles auf mich wirken. Sie huschen närrisch hin und her. Man sieht ihnen an, dass sie immer die gesamte Situation im Blick haben. Irgendwie faszinieren mich diese top ausgebildeten Leute. Aber wenn ich mir vorstelle, dafür bezahlt zu werden, um mich in letzter Sekunde in die Schusslinie zu werfen, dass mein Klient unversehrt bleibt – nun ja.
Jedenfalls war die Geberkonferenz – zumindest der kurze Ausschnitt, den ich davon mitbekam – eine interessante Erfahrung mehr. Nur frage ich mich, nachdem ich das nun alles gesehen habe, wieso Politik denn so schwierig sein kann, wenn man wirklich an etwas interessiert ist. Aber ich glaube, genau darin liegt das größte Problem der Politik. Vieles wäre einfacher. Wenn es nur von denen, die es mit Reden in großen Tönen vom Podium herunterspucken, auch wirklich gewollt würde. Aber so ist die Welt, denke ich.
Raketen statt Entwicklungshilfe
Mai 23, 2007
Immer noch Mittwoch. Gerade lese ich auf den Seiten der Tagesschau, dass die Amerikaner weitere (!) 100 Millarden Dollar für ihre Kriege in Irak und Afghanistan aufwenden werden. Beschlossene Sache. E-i-n-h-u-n-d-e-r-t M-I-L-L-A-R-D-E-N!!! Das kann doch eigentlich nicht deren Ernst sein. Und das kurz bevor auf dem G8-Gipfel im deutschen Heiligendamm darürber diskutiert wird, wie man wohl den Armen auf der Welt am besten helfen könne. Gibt es denn etwas Absurderes? Ich bin gerade etwas fassunglos.
9.980 Kilometer - Paul in Burundi
Mai 23, 2007
Mittwoch, 23. Mai 2007. 8.30 Uhr. Während ich mit dem Reisebericht beschäftigt war, ist schon wieder so vieles passiert. Ich kam jedoch nicht dazu, es aufzuschreiben. Am Donnerstag vergangene Woche besuchten wir abends Marco von den UN. Es war sein Geburtstag. Sein Geschenk überreichte ich ihm in einer echten Eggensteiner Tüte, aus unserer beider Heimatgemeinde. Ein kleiner Gag mitten in Afrika, Marco hat es gefreut. An dem Abend lernte ich wieder interessante Menschen kennen. Ich glaube, ich muss öfter die Gelegenheit wahrnehmen und die Partys von UN und EU besuchen. Was sich dort alles tummelt, ist unglaublich.
Am Wochenende arbeitete ich etwas die Sachen ab, die während meines Urlaubs in Uganda liegen geblieben sind. Ansonsten half ich den Kids bei den Schulhausaufgaben. Besonders freute sich Espérance, die am nächsten Tag in Englisch dann ein Lob in der Schule bekam. Es geht einem das Herz auf, wenn man so angestrahlt wird.
Am Freitag Abend wollen wir eine kleine Fete für die Kids organisieren. Ein bisschen Cola und Fanta, dazu Süßigkeiten und Erdnüsse. Lena will mit den großen Mädels noch Kuchen backen. Anlass gibt es keinen bestimmten. Einfach so – zur Abwechslung für unsere Familie, die zurzeit wieder viel, viel lernen muss. In den Schulen stehen nämlich die finalen Klausuren an. Da ist so eine Abwechslung am Freitag Abend doch genau das Richtige. Wir wollen aber nicht alles alleine organisieren. Die Kids sollen ruhig mithelfen. Zum Beispiel die Getränke einkaufen und solche Dinge. Dann merken sie auch gleich, was bei einer Feier alles „hinten dran hängt“ – wird nicht alles eingeflogen. Aber das wird gut. Ich freue mich tierisch darauf!
Gestern, Dienstag, war wieder ein wahrhaft unerwarteter Tag. Gegen Mittag klingelte mein Telefon, ich nehme ab, kenne jedoch die Nummer nicht. In einem Schweizer Dialekt grüßt mich Paul am anderen Ende der Leitung – mein Bekannter, mit dem ich seit einiger Zeit schon in Kontakt bin, der in Südafrika wohnt und der schon seit Ewigkeiten sagt, er wird uns und die Kinder in Bujumbura besuchen. Er würde gerade in die Stadt hinein fahren, sagt er. In etwa 45 Minuten sei er bei uns im „Chez André“. Ich kann es kaum fassen. Er auch nicht.
Dann, keine fünf Minuten später, klingelt das Telefon erneut. Wieder Paul. Er klingt sehr aufgeregt. Die Polizei habe ihn angehalten und behauptet, er habe oben in den Bergen ein Kind tot gefahren. Ich versichere Paul, dass ich sofort bei ihm bin – zusammen mit Benoit fahre ich los in Richtung Stadtgrenze. Dort sehen wir sofort Pauls „Buschtaxi“ mit Wohnanhänger. Um ihn herum einige Menschen und Uniformierte. Pauls Frau, Maria, sitzt im Auto und scheint mit den Nerven fertig.
Benoit stürmt sofort – wie es seine charmant direkte Art ist – auf den gestikulierenden Polizisten zu und will wissen, was los sei. Anscheinend habe oben in den Bergen schon ein Motorradfahrer Paul und seinen zwölf Meter langen Zug überholt, fluchend und fuchtelnd. Unten an der Stadtkontrolle halten die Polizisten Paul an, der Motorradfahrer tuschelt mit einem der Uniformierten. Paul habe ein Kind tot gefahren. Und ihm fällt nun fast das Kinn runter. Wieso hätte er denn weiter fahren sollen, wenn er ein Kind angefahren hätte? Schließlich hat er sich für diesen Trip durch ganz Ostafrika die besten denkbaren Versicherungen zugelegt?! Dem Polizisten ist es egal. Der Motorradfahrer hätte es gesehen. Dann kommt ein Taxibus, der ein verletztes Kind zur Veranschaulichung anschleppt.
Die Polizisten wollen Geld. Vorher bekomme Paul seine Fahrzeugpapiere nicht wieder. Benoit zuückt sein Mobiltelefon, um den Polizeichef anzurufen – als sein Gegenüber das sieht, rückt er ganz schnell die Papiere wieder heraus. „Ok, ok!“ Wir bringen den Jungen plus Begleitperson ins nächst gelegene Krankenhaus. Das Universitätskrankenhaus, wo auch schon unser kleiner Jimmy gewesen war. Dort werden wir aber wieder weg geschickt, man könne hier keine Röntgenaufnahmen machen. Benoit sagt, ich solle Paul und Maria ins „Chez André“ führen. Er bringe den Jungen ins Militärkrankenhaus. Und dort soll er dann auch die Wahrheit erfahren.
Ich steige zu Paul und Maria in den weißen Toyota. Wir fahren langsam – aufgrund des Verkehrs und des schweren Anhängers – zu „Chez André“, wo uns schon aufgeregt Verena empfängt. Als Benoit kommt, haben alle Spekulationen ein Ende und wir erfahren, was passiert ist. Der Militärarzt konnte aus dem Jungen die Wahrheit heraus bekommen. Zu zweit seien sie auf dem Fahrrad gesessen und als sie den Zug auf der Straße sahen, haben sie sich festhalten wollen. Wie es die Fahrradfahrer gefährlicher Weise immer tun. Sie seien jedoch mit der Hand abgerutscht und im Gebüsch gelandet. Das war alles. Paul traf keinerlei Schuld. Nur habe anscheinend der Motorradfahrer dahinter alles mitbekommen und sich spontan die Mogelei ausgedacht. Mit dem Polizisten hat er ja herumgetuschelt, vielleicht gerade die Anteiel ausgehandelt. Er könne ja alles bezeugen. Tja. Die Rechnung ging wohl nicht ganz auf. Und Paul und ich hatten nun auch richtig Gelegenheit, uns zu begrüßen.
Nach einer kurzen Erfrischung mit Verena und nachdem der Schock, der den beiden sichtlich ins Gesicht geschrieben war, etwas verdaut war, sind wir ins Kinderheim gefahren – der Bleibe für Paul und Maria für die kommenden Wochen. Alleine die Ankunft des großen Toyota Landcruiser samt Wohnwagen war die Attraktion schlechthin. Alle halfen mit, den Wohnwagen an die richtige Stelle zu bringen und mit aufzubauen. Paul mit seinen Grimassen ist von Anfang an die Sensation. Ich denke, die Kinder werden viel Spaß mit ihm haben in der kommenden Zeit. Und er auch mit ihnen. Paul und ich werden – wie gestern Abend schon geschehen – viele, interessante Gespräche führen. Die nicht zuletzt auch unsere Arbeit für die Kinder voran bringen wird.
Jetzt bin ich erst einmal froh, dass er sein Versprechen wahr gemacht hat und in Buja gelandet ist – ich habe aber keine Sekunde gezweifelt, dass er es nicht wahr machen würde. Jetzt ist er da und wir können anpacken. Denn, wie Paul sagt: „Ich bin nicht umsonst die 10.000 Kilometer bis zu den Kindern gefahren!“
Die Reise nach Uganda
Mai 21, 2007
Freitag, 18. Mai 2007. 13.15 Uhr. Sonnig in Bujumbura, dennoch im Schatten recht kühl. Ab und an mal Nieselregen. Gerade laufen die Nachrichten im Radio. Im Norden des Landes gibt es wieder Rebellenaktivität der FNL (Force National de Libération). Dabei spielt jedoch die Ethnie – das in den Medien oftmals hoch gespielte Thema – keine Rolle mehr. Es geht nur noch um pro Radjabu oder contra Radjabu. Der ehemalige Präsident der amtierenden Partei sitzt im Gefängnis. Seine Anhänger sind es nun, die versuchen, das Land zu destabilisieren und die Regierung zu bekämpfen. Dabei sind selbst die FNL-Rebellen gespalten. Übergriffe auf die Bevölkerung werden aus Ngozi im Norden und Muyinga im Nordosten gemeldet. Bewaffnete Raubüberfälle, Nahrungsmittel werden gestohlen, Frauen vergewaltigt. Im Moment scheinen sich die Rebellen wieder in den großen Wald zurück gezogen zu haben. Nach Verenas und Benoits Einschätzung wird das bald wieder abflauen und unter Kontrolle sein. Es seien ja schließlich keine wirklichen Kampfhandlungen, sondern „nur“ Überfälle. Dennoch sollte man – finde ich – die Sache beobachten. Denn Hussein Radjabus Anhängerschaft umfasst doch eine beachtliche Zahl. Abwarten.
Dann ereilte mich gestern noch eine interessante Pressemitteilung, die vielleicht für den ein oder anderen Computerspielfan etwas sein könnte. Und zwar bietet das World Food Programme (WFP) ein Spiel kostenlos zum Download an, das neuerdings auch in deutscher Sprache zu haben ist. Weltweit haben bereits fünf Millionen Menschen das Spiel ´“Food Force“ herunter geladen. Mal eine Abwechslung zum tagtäglichen „Ballerspiel“ – sogar mit Lerneffekt. Eventuell. Der Link zum kostenlosen (!) Spiel:
UGANDA
10. Mai 2007. Um 6.30 Uhr klopft es an unserer Schlafzimmertür. Julia schaut nach uns. Verpennt – mein Wecker hatte bereits um 5 Uhr morgens geklingelt. Ich hatte ihn jedoch ohne weitere Reaktion wieder ausgedrückt und muss wieder eingeschlafen sein. Am Abend davor bin ich noch lange mit Espérance zusammen gesessen und habe geplaudert. Um 7 Uhr sollen wir in der Stadtmitte sein, „report time“ vor dem Büro der Busgesellschaft „Gaso“. Abfahrt ist dann um 7.30 Uhr. Wir treffen etwa Viertel nach sieben ein. Eine kleine Menschenmenge hat sich schon um den riesigen Bus geschart, Reisende, die, die sie verabschieden, Angestellte der Reisegesellschaft, dazwischen kleine Straßenhändler mit ihren Bauchläden, die noch auf die Schnelle Bonbons, Erdnüsse, Taschentücher und Zigaretten an Mann und Frau bringen wollen, bevor sich das Monstrum in Bewegung setzt und die Überlandfahrt beginnt. Der Bus ist voll, alle 50 Plätze sind belegt. Und wir sind die einzigen Weißen. War auch zu erwarten. Ich kann aber nicht sagen, dass ich mich unwohl fühle. Eher belustigt, da es einige der Burunder – soweit sie denn alle Burunder sind – sichtlich erstaunt, dass sich „muzungus“ zu ihnen in den stickigen Bus quetschen und nicht etwa mit dem eigenen Mercedes fahren. Dann setzt sich der „Gaso“-Bus in Bewegung. Hupend natürlich.
Das Dröhnen sollte sich auch die gesamten 15 Stunden bis nach Kampala durchziehen. Der Bus bremst nicht, er hupt. Kleinwagen, Motorräder, Fahrräder, Fußgänger – alles schaut besser, dass es Land gewinnt, wenn wir vorbei rauschen. Gebremst wird wirklich nur dann, wenn es nicht mehr anders geht. Auch in Kurven. An Bujumburas Stadtrand wartet schon eine lange Schlange von Lkw, die darauf warten, dass die nächtliche Sperre aufgehoben wird. Wir fahren an einigen vorbei, müssen dann aber auch warten. Nach etwa fünf Minuten setzt sich der ganze Konvoi in Bewegung, unser Busfahrer gibt Gas und überholt so viele Lkw, wie er nur kann. Zuvor mussten wir in der Stadt noch einmal kurz stoppen, weil die Autokolonne des Präsidenten wie wild (bescheuert?) an uns vorbei raste. Besser dann, man macht sich dünn.
Der Abschied von der Kids im Heim war schwer. Schon in den Tagen zuvor überschütteten sie uns mit Briefchen, kleinen Bildern, sagten, dass sie uns vermissen werden. Dabei sagte ich immer: Es ist doch nur eine Woche! Was wird erst im August oder September sein, wenn wir Burundi verlassen? Am Morgen, als wir ins Taxi steigen, stehen einige der Kids mit ihren süßen Schuluniformen vor dem roten Tor und winken uns. Sie schauen traurig, vom sonstigen glücklichen Lachen nichts zu sehen. „Urugendo rwiza!“ – Gute Reise.
Erst als wir schon einige Zeit gefahren sind, fällt mir auf, dass kein Mensch mein Busticket sehen wollte. Unser Gepäck wurde sofort geschnappt und im Bauch des Busses verstaut, dann wurden wir nach innen gebeten. Jedoch ohne unser Ticket zu verlangen. Wir rauschen die Straße hinauf in Burundis Berge, mitten durchs Grüne. Hupend, teilweise Reifen quietschend, wenn der Fahrer die Kurve doch etwas unterschätzt hat.
Noch am Tag zuvor traf mich fast der Schlag. Ich kam gerade aus der Dusche und vom Anziehen aus meinem Zimmer, wollte in der Küche etwas trinken. Dann höre ich eine männliche Stimme, die mir sehr bekannt war. Klar! Er ist da – Alphonse aus Freiburg! Die Begrüßung ist mehr als herzlich. Bereits am Dienstag war er aus Deutschland angekommen. Der liebe burundische Priester Alphonse, den Lena und ich schon vor unserer Abreise ins Herz Afrikas in Deutschland kennen gelernt hatten. Ein super Typ! Er freut sich sichtlich, uns zu sehen. Im „Chez André“ bei Verena war er schon, als er uns dort nicht auffand, kam er kurzerhand zu uns ins Heim. Mit zwei Kollegen. Lange kann er nicht bleiben, aber wir verbleiben so, dass er sich in einer Woche melden wird, wenn wir aus Uganda wieder zurück sind. Ich kann es kaum fassen. Alphonse ist hier.
Burundis schöne Landschaft rauscht an uns vorbei. In der Sitzreihe neben mir diskutiert ein dicklicher Mann im teuren Anzug heftig mit seinem Sitznachbarn. Wenn der Fahrer die Kurve zu scharf nimmt, beschwert sich der Dicke lautstark. Direkt hinter dem Busfahrer sitzen Marie am Fenster, daneben Julia. Dahinter kommen Lena und ich. Wir sehen also ganz genau, wie schnell der Bus auf eventuelle Hindernisse auf der Straße zurast – eine aufregende Sache und man muss schon großes Vertrauen in den Fahrer aufbringen können, um nicht den Herzkasper zu bekommen. Am besten einfach zurück lehnen und Augen schließen. Doch müde bin ich trotz der kurzen Nacht überhaupt nicht. Unser Ticket nach Kampala hat übrigens 27.000 FB gekostet. Zur Erinnerung: Für einen Euro bekommt man 1.400 FB.
Unser „Boardservice“ hat die Gestalt eines jungen Mannes im Blaumann und mit Fischerhut, auf den Enten abgedruckt sind. Sein Gesichtsausdruck ist nicht einmal freundlich, wenn er lacht. Ein kantiger, kalter Typ. Er ist auch ständig nur am Diskutieren und mit den Händen herumfuchteln. Er sitzt auf seinem roten Polster neben dem Fahrer, vor sich sein Proviant: eine Packung Weißbrot. Draußen sind viele Frauen den Berg hinunter unterwegs, mit ihren leuchtenden Gewändern und den unterschiedlichen Waren auf dem Kopf. Ein langer Weg zum Markt in Bujumbura.
8.30 Uhr. Wir fahren durch Bugarama, das kleine Handelsörtchen in den Bergen. Hier und heute sehe ich den ersten Burunder, der mit Daunenjacke und Schal eingepackt ist wie ein Arktisforscher. Kühl ist mir auch, die Sonne versteckt sich hinter den Wolken und es nieselt leicht und immerhin sind wir in den Bergen. Aber in einer Daunenjacke würde ich dennoch eingehen wie eine Rosine. 100 Kilometer pro Stunde. Und ein Hupkonzert durch ganz Bugarama. Wird ein Lkw überholt, wird zur Begrüßung gehupt – der Lkw antwortet natürlich. Es ist beinahe wie ein Begrüßungsschauspiel zwischen zwei Giganten. Ob ich in Uganda einen Elefanten sehen werde?
Wir rauschen vorbei an der „Königsquelle“ bei Muramvya. Die Menschen draußen laufen trotz Kälte barfüßig. Lena wickelt sich neben mir in eine Decke ein und schläft. Ich schaue mich ein wenig im Bus um. Was mir immer wieder auffällt und im Moment ganz besonders: In Burundi ist man, wie man ist. Und so verhält man sich auch. Und zwar ohne von anderen komisch angeschaut zu werden. Ein krasser Gegensatz zu Deutschland. Ich weiß nicht, ob ich es mir nur einbilde, aber hier fühle ich mich freier. Um nicht zu sagen wohl, ausgeglichen und frei. Gut eben. Wir rauschen durch den nächsten Ort. Die Menschen springen von der Straße weg wie Fliegen. Wenn einer im Bus pinkeln muss, sagt er es einfach der Type im Blaumann. Dann wird gehalten. Wir oft dem Wunsch jedoch nachgekommen wird, kann ich nicht sagen. Solange die Geduld des Fahrers eben ausreicht. Kaum hält man an, wird man von Händlern umschwirrt – Maracuja, Mais, Erbsen. Ich beobachte das Treiben. Der Dicke im schicken Anzug kauft ein.
Wir kommen nach Kayanza, wo wir links abbiegen in Richtung ruandische Grenze. 10 Uhr und „Murakaza neza mu Rwanda!“ – Herzlich willkommen in Ruanda. Wir reihen uns in die Schlange vor dem kleinen Office, um unseren Ausreisestempel zu bekommen. Die Eisenschranke ist abenteuerlich zusammen geschweißt. Ich muss lachen, worauf mich der Polizist, der seinen dicken Bauch gerade daran lehnt, mürrisch anschaut. Ich drehe mich einfach um. Und schmunzle weiter. Stempel im Pass, auf über die Grenze. Der Beamte schaut sehr kritisch meinen Ausweis an. Er blättert wichtigtuerisch darin. Nur blöd, dass er ihn falsch herum hält und noch dazu nur die Seiten inspiziert, auf denen gar nichts steht. Er nickt zufrieden und gibt mir das Dokument zurück. Ich schmunzle wieder. Auf ruandischer Seite wieder anstehen. Stempel, weiter geht’s. Zahlen müssen wir als Deutsche nicht. Keine Visumspflicht. Unsere österreichischen Nachbarn jedoch schon – wobei mir der Sinn dieser Regelung bislang nicht klar wurde. Aber wir haben auch gar keine Österreicher dabei.
Alte Menschen betteln uns an. Sie sind aber freundlich, nicht aufdringlich. Auf den Hügeln um die Grenze herum – einer kleinen Brücke – stehen auf burundischer und ruandischer Seite kleine Lehmhüttchen. Die ruandischen Polizisten tragen dunkelblaue Uniformen. Insgesamt sehen sie nobler aus als ihre burundischen Kollegen. Eine Feststellung, die sich noch in anderen Varianten bestätigen sollte. Unser selbst ernannter „Manager“ namens Severino, der im Bus nur bis hierher mitfährt, winkt uns an der Warteschlange vorbei und regelt alles; schnell, schnell, husch, husch. Er spricht englisch mit uns, warum, weiß ich auch nicht. Über uns weht die ruandische Flagge – blau, gelb, grün, mit der kleinen Sonne. Die neue Flagge. Die Fahne mit dem großen, schwarzen „R“ wurde abgeschafft. Totale Veränderung nach dem schwarzen Kapitel in Ruandas Geschichte. Eine Frau in der Warteschlange entdeckt den Zettel, der in der Brusttasche meines Hemds steckt. Es sind Kirundi-Vokabeln, die ich auf der Reise lernen muss, wie mir Espérance aufgetragen hat. Sie spricht mit ihrer Freundin über mich, was ich allerdings verstehe. Ich gehe auf ihr Gespräch ein, erkläre mich und meinen Zettel. Ein nettes kurzes Gespräch. Meinen Impfausweis will übrigens kein Mensch sehen. Dabei hatte ich ihn extra noch eingepackt nach den Erfahrungen im Kongo.
Das erste, was ich von Ruanda sehe, ist Nadelwald. Und eine makellose Straße – sogar mit Markierungen! Und sogar noch für Fußgänger! Das Panorama im Hintergrund gleicht dem in Burundi. Schöne, endlos weite, grüne Hügel. Dazwischen Häuserruinen – jedoch weniger zahlreich als in Burundi – und Felder. Die Felder sind aber klar strukturiert, man hat das Gefühl, es steckt ein ausgetüfteltes System dahinter. „Attention! Travaux!“ – Ein Hinweisschild auf eine Baustelle. So etwas gibt es? Schon im Kleinen fällt der Unterschied, das Gefälle zwischen Ruanda und Burundi auf. Es drängt sich auf, egal wohin man blickt. Die Baustelle gleicht einer deutschen, gut organisiert – und alles ist gut ausgestattet. Die Bauarbeiter leuchten, haben neue Westen, daneben steht neues Arbeitsgerät. Bagger in leuchtendem Gelb.
Lena erzählt mir, dass wir beide morgens im Halbschlaf französisch miteinander gesprochen hätten. Ich erinnere mich nicht. Doch sie ist sich sicher. Unglaublich, wie man sich umgewöhnt. Und jetzt müssen wir erst einmal wieder umdenken. Englisch ist angesagt in Uganda. In Ruanda übrigens auch schon. Denn Präsident Kagame hat eine leichte Aversion gegen Frankreich. Er spricht englisch. Und findet das auch gut so. Reklame, Schilder, Schriftzüge – alles in englisch. Selbst die Grenzbeamten sprachen englisch mit uns. Auch das ist Politik.
Nyanza heißt der erste Ort, den wir in Ruanda passieren. Am Ortseingang stehen zwei Motorradtaxis bereit. Es sind zwei Vespa. Daneben stehen einige Kinder, die die Hand nach uns ausstrecken. Gegen 11 Uhr treffen wir in Mukoni ein. Mir fällt das leuchtende Schild der „KK Security“ auf, die wir auch in Bujumbura überall finden können. Ärmliche Häuser sehe ich, doch sie stehen zwischen zahlreichen Bauten des Wohlstands, die in der Überzahl sind. Europäischer Standard – schicke Gardinen, Topfpflanzen. Die Straße hat kein einziges Schlagloch. Ich entdecke sogar einen Zebrastreifen. Und alles ist so sauber!
Nächster Ort. Die Straßen sind blitzblank gekehrt. Die gepflasterten Gehsteige voll mit Menschen. Auch hier schöne Häuser mit bunten Blumentöpfen auf den Balkonen. In der Mitte der Straße ist ein Grünstreifen angelegt, der Rasen tip top gepflegt, alle paar Meter eine kleine Palme. Neben dem „Musée National“ prangert ein riesiges, gelbes Werbeschild: „DHL“. Am Stadtrand ändert sich das Bild ein wenig. Die Häuser sehen arm aus, es wird etwas schmutziger. In meinem Kopf sind die Bilder aus Burundi. Ist Burundi wie ein herunter gekommener Vorhof Ruandas? Ein Überholverbotsschild, eine durchgezogene Linie in der Straßenmitte – ich bin sprachlos. Das Flair ist beinahe wie in einem südeuropäischen Land.
11.24 Uhr. Außen am Bus kracht es. Wir stoppen. Irgendwas im Gepäckraum. Der dicke Geschäftsmann neben mit diskutiert wieder mit dem Busfahrer, während er mit zwei noblen Mobiltelefonen jongliert. Ich habe nicht einmal mehr Empfang. Wir fahren durch mehrere kleine Dörfchen. Selbst die sind sauber und aufgeräumt. Uns kommt ein anderer „Gaso“-Bus entgegen. Natürlich wird gehupt, dann gehalten. Die Straße gehört nun „Gaso“. Es wird lautstark diskutiert, der Geschäftsmann ist ganz vorne dabei. Der Typ mit der Fischerkappe steht nur daneben mit verschränkten Armen und grinst. 11.57 Uhr – wir sind in Butansinda, kurz danach in Butare. Als erstes sehe ich ein Schild „Achtung spielende Kinder“. Ich traue meinen Augen kaum. Vor dem Bistro „La bonne adresse“ tummeln sich einige Männer. „Überholverbot“, „Vorfahrt achten“ – die gesamte Schilderpalette. Jetzt werden auch unsere Bustickets kontrolliert. Was, wenn man nun keines hat? Ich erfahre es nicht.
Wir fahren an einer Schule vorbei. Im Freien tanzen Mädchen im Kreis und singen. Ihre Uniformen sind dunkelblau. 12.12 Uhr. Die nächste Polizeikontrolle. Ein Mann, eine Frau – in Ruanda habe ich nun schon einige Polizistinnen gesehen. Sobald die Uniformierte den Bus zur Seite winkt, springt der Dicke im Anzug auf in Richtung Tür. Er flüstert ihr etwas zu, dann fahren wir weiter. Ich staune immer wieder über die Straßen. In den Kurven sind Pfähle und Hinweisschilder angebracht, es gibt in regelmäßigen Abständen Nothaltebuchten. Die Hütten, an denen wir vorbei rauschen sind etwas größer und auch aus festem Stein. 12.20 Uhr. Wir sind in Muhororo. Hier sehe ich die erste Moschee. Sie ist klein und grün, über dem Eingang thront der Sichelmond. Darum herum sind Felder angelegt, mit einem klar strukturierten Be- und Entwässerungssystem. Der Bus fährt langsam wegen der Schulkinder. Vorbei an einem Werbeschild, auf dem eine Kampagne gegen „Malariya“ verbreitet wird.
12.23 Uhr. Kabgayi. Wieder alles sauber und schön hergerichtet. Hier sehe ich auch verdammt schicke Autos. „Oxfam Great Britain“ steht auf einem Hoftor. Daneben ein Sonnenblumenfeld und Sorghum. Die Straße ist voller Kinder in Schuluniformen. Auffallend sind die vielen Tankstellen. Sogar mit Anzeigenschilder, wie viel das Petrol gerade kostet: Premium 607 RF. Der Ruandafranc steht, soweit ich weiß, gerade bei 700 Franc pro Euro. Die Maisfelder, zwischen denen wir hindurch fahren, können wir nicht überblicken. Endlose Weiten. Eine einheitliche Fläche, von kleinen zerstückelten Parzellen nichts zu sehen. Wir kommen in einen Ort, der sich Buhoro nennt. „Langsam“ in Kirundi. Ob es im Kinyarwanda dasselbe bedeutet, kann ich nicht sagen.
„Genozide – never again“. Ein Denkmal. Mir fallen Bilder aus dem Film “Hotel Ruanda” ein. Wilde Horden mit Macheten in den Händen, Straßen übersät mit Leichen. Plötzlich rauscht ein Laster des WFP an uns vorbei. Was muss sich hier nur abgespielt haben, im April vor 13 Jahren? Oder an der Grenze, über die wir heute gegangen sind. Wie muss es gewesen sein? Idyllisch liegen die kleinen Hüttchen da, vor dem Eingang kleine Blumenbeete, liebevoll gepflegt und ordentlich. Beinahe wie ein kleiner deutscher Schrebergarten. An den Hügeln sind Trassen angelegt, um Erdrutsche zu vermeiden und die Äcker zu schützen. Im Tal sind die Äcker aufgewölbt, darum herum fließt Wasser – also auch keine Überschwemmungsgefahr. Ist denn alles so einfach, wie es aussieht?
13.02 Uhr. Ruyenzi. Wir fahren eine Straße hinunter ins Tal. 80 km/h sind vorgeschrieben, unser Fahrer hält sich daran. Wir befinden uns zwischen einem riesigen Papyrussumpf. Unendlich weit. Auf der anderen Seite findet sich Industrie, die sich um den Fluss gebildet hat. Zahlreiche Fabriken, Rauch steigt überall auf. Produktion auf Hochtouren. Vor uns fährt ein glänzender Pkw mit Kennzeichen aus Süd-Kivu, Kongo (SK – gelbe Schrift, blauer Grund). Die ruandischen Kennzeichen sind übrigens mit schwarzer Schrift auf gelbem Grund. Und weil wir gerade dabei sind: In Burundi hat man weißen Grund, grün-rote Schrift und einen roten Rahmen. In der kleinen Industriestadt ist – logischerweise – weniger sauber. Ich entdecke auch den ersten Soldaten. In einer schicken, gepflegten Uniform steht er am Straßenrand und scheint sich für rein gar nichts zu interessieren.
Um 13.08 erreichen wir Kigali. Die Stadt scheint geradezu zwischen den Hügeln zu hängen. Zwischen dem Grün der Bäume immer wieder das Lehmbraun der Häuser. Viele Menschen sind unterwegs. Der Stadtrand macht einen sehr armen Eindruck. Wir stoppen nur kurz, einige Businsassen holen sich etwas zu essen. Sie schleppen die braunen Papiertüten in den Bus und essen zufrieden auf ihren Plätzen. Plastiktüten sind im Übrigen verboten. Abgeschafft. Genauso wie „normale“ Latschen, Flip Flops oder ähnliches, mit denen man nicht mehr ins Innere Kigalis gehen darf.
Als sich der Bus wieder in Bewegung setzt, bekommen wir die Ausreisekarten von Ruanda in die Hand gedrückt, dass wir sie ausfüllen. Dabei haben wir gerade erst die für die Einreise voll geschrieben. Um 13.40 Uhr sind wir in Murenge. Am Straßenrand schlendert ein Arbeiter mit einer Motorsäge auf der Schulter. In Burundi wäre das eine Machete oder allenfalls ein kleines Beil. Dann folgen riesige Teeplantagen. Unglaubliche Flächen. Die Straße wird nun schlechter, je weiter wir in Richtung Norden kommen. 14.33 Uhr – die nächste Polizeikontrolle. Scheinwerfer, Blinker und Co. werden überprüft. Dabei schmunzelt der Beamte so, als wüsste er ganz genau, dass es eigentlich nur Schikane ist. Unser dicker Geschäftsmann fuchtelt wieder mit dem Mobiltelefon und palavert.
Dann erreichen wir die nächste Grenze. Auf ruandischer Seite müssen wir wieder anstehen, die Karte abgeben und den Ausreisestempel abholen. Warten – eine große Tugend. Vor allem, wenn hier Vordrängeln Gang und Gäbe ist. Völlig normal. Aber schneller läuft dadurch überhaupt nichts – immerhin müssen wir alle zurück in den selben Bus. „No smoke here“ quatscht mich einer an, der ebenfalls aus unserem Bus stammt. Ich entschuldige mich und frage, wo es denn erlaubt sei. Er zeit auf eine Stelle fünf Meter von mir entfernt. Ich schaue ihn unglaubwürdig an und sage ihm, dass er mich nicht verarschen solle. „No smoke here“. Ob nun hier oder fünf Meter daneben sei wohl schlichtweg egal – wir sind im Freien! – „No smoke here“. Ich drehe mich um und ignoriere ihn. Der Grenzbeamte, der die Szenerie beobachtete, schmunzelt nur und interessiert sich nicht weiter für uns. Geschweige denn für meine Zigarette. Didiène, eine junge Burunderin, mit der ich schon im Bus kurz gesprochen hatte, fragt mich nach einem Kugelschreiber. „No smoke here“ im Hintergrund. Ich muss lachen. Didiène auch.
Nach dem ruandischen Stempel geht es zu Fuß wieder über eine Brücke, wo die Lkw Schlange stehen. Auf der anderen Seite zeigt man dann wieder seinen Ausweis und stellt sich in die nächste Reihe, um das Visum für Uganda zu bekommen. Nichts mehr mit französisch und Kirundi. Umdenken ist angesagt. Man spricht englisch und Luganda, allenfalls noch Suaheli. Da ich die letzteren beiden nicht kann – bis auf wenige Wörter in Suaheli – versuche ich, mich wieder in die englische Sprache einzufinden. In ganz Uganda gibt es rund 40 unterschiedliche Sprachen, die auch überhaupt nichts miteinander zu tun haben. „Change?“ – Nein, danke. „My brother, change?“ – Nein, immer noch nicht. Nach einiger Zeit in der Warteschlange darf ich endlich meine 30 Dollar über den Tresen schieben. Der Grenzbeamte prüft die Scheine kritisch, dann stempelt und kritzelt er etwas in meinen Reisepass, der mittlerweile sehr exotisch aussieht: Stempel und Visa aus Burundi, Kongo, Ruanda, Uganda. Ich plaudere wieder mit Didiène. Sie wohnt im Viertel Kanyosha in Bujumbura. In Kampala mache sie jetzt eine Woche Urlaub. Freunde besuchen. Gedränge an der Visastelle. Diskretion und Distanz ist hier ein absolutes Fremdwort. Oder ist das nur das europäische Denken, Vordrängeln, Drücken und Schieben als störend zu empfinden? Drängele ich mich als Weißer an der Schlange vorbei bekommt das Ganze gleich wieder einen eigenartigen Tatsch. Oder ist auch das nur das eigene Denken? Der eigene Komplex?
Noch eine Umstellung: Linksverkehr! Selbst unser Busfahrer erinnert sich an diesen Umstand erst, als im ein Auto entgegen kommt. Uganda. Ein anderes Land, andere Vegetation, andere Menschen, Sprachen, Kultur. Ein neues Abenteuer, auf das ich mich nun ganz und gar einlasse. Ich nehme jede Erfahrung mit, die ich nur bekommen kann. Die Landschaft ähnelt der bisherigen erst einmal. Grün, Bananen – nur weniger Hügel. Dann stoppen wir auch schon in der ersten Stadt: Kabale. „Kabale University“ sehe ich ein Schild. Eine Tankstelle von Shell. Die „Yakobo Clinic“ neben dem „Kadio Motel“. Und ein Haus mit dem Schriftzug „Adventists of the seventh day“ – diese Art der protestantischen Glaubensrichtung gibt es also auch hier. Wie das Haus in Bujumbura, nicht weit von unserem Heim entfernt.
Wir kommen an einem Unfall vorbei. Auch hier dienen Äste als Absicherung, als natürliches Warndreieck. Ein Konvoi der UN rauscht an einigen Fahrrädern vorbei. Auf den Nummernschildern der Autos steht nun „UAG“, „UAE“, „UAH“ oder ähnliches. Das ruandische blau-gelb-grün ist nun ugandisches schwarz-gelb-rot. Das burundische „telecel“ heißt nun „celtel“ und ist überall zu lesen. Zumeist auf grellen, rot gestrichenen Häusern. Statt unserem gewohnten Primus-Bier gibt es Club, Bell und Nile. Riesige Bananenwälder, dazwischen grasen Langhornrinder. Ein schwarzer Pick Up der „Police Highway Control” steht am Straßenrand. Die Landschaft verändert sich plötzlich. Das Land wird flacher, nur am Horizont sind Berge zu sehen. Grasland, Prärie wie im Wilden Westen. Jetzt sehe ich auch schwarzweiße Kühe. Die weit entfernten grünen Berge werden von der untergehenden Sonne angestrahlt. Der Konkurrenzkampf zwischen Pepsi und Coca Cola wird selbst in dem kleinen Örtchen ausgetragen, das wir jetzt passieren. Abwechselnd werben Schilder für das jeweilige Getränk. Der Geschäftsmann neben mir zählt einen Batzen Geldscheine. Alles andere um ihn herum scheint ihn in diesem Moment herzlich wenig zu interessieren. Ein unangenehmer Typ, arrogant und verschwitzt. Er macht Späße über den jungen Mann im Blaumann, der nicht so recht weiß, wie er damit umgehen soll. An für sich gibt der sich cool, scheint aber dennoch eine eher traurige Existenz zu sein. Der Dicke lacht schallend.
Arme Menschen sitzen vor ihren einfachen Hütten. Unser Bus ist mittlerweile gnadenlos überfüllt, seit in Kigali noch weitere Passagiere eingestiegen sind, die nun im Mittelgang sitzen oder aber die gesamte restliche Zeit bis nach Kampala stehen. Der Dicke zählt weiter Geldscheine – ihr Geld. Ein Mann sitzt neben mir auf dem Boden, er kann vor Erschöpfung seinen Kopf nicht mehr halten und schläft ein – mit dem Kopf auf meinem Knie. Wir halten wieder in einer kleinen Ortschaft und sofort springen wieder Händler um den Bus herum. Der Geschäftsmann kauf unzählige Bananen, der mit dem Fischerhut verstaut sie für ihn vorne im Bus. Eine steckt sich der Dicke gleich in den Mund. Mit zwei Bissen bezwingt er das Obst, ein kleiner Rest bleibt in seinem Schnauzbart hängen. Ich würde gerade sehr viel dafür geben, in den Genuss eines leckeren burundischen Brouchette (Fleischspieß) von der Straße zu kommen. Der ist aber nicht in Sicht. Statt dessen das Kreuzungsschild: Kabale – Mbarara.
17.55 Uhr, es dämmert und wir erreichen Mbarara, ein recht großes Städtchen. Viele, große Gebäude, ein super gepflegter Sportplatz. Die „Nile Bank“ thront neben den Einkaufszeilen in der Innenstadt. An kleinen Ständen werden Teigfladen (Chapati) gebacken. Wir halten zum Tanken. Wir gönnen uns einen der Chapati. Fettig, aber sehr lecker. Dann fahren wir weiter nach Kampala, das große Zentrum, die Haupt- und Handelsstadt Ugandas. In der Nachtfahrt erstreckt sich über uns der schönste Sternenhimmel, den ich jemals gesehen habe, beziehungsweise bislang nur aus dem Fernsehen oder von Postkarten kannte. Ein gesprenkeltes Sternenmeer. Unglaublich.
Um etwa 22 Uhr – nach ugandischer Zeit schon eine Stunde später – treffen wir in Kampala ein. Judith und ihr ugandischer Freund Jonas erwarten uns schon. Wir packen unser Zeug, laufen hinüber zum Bustaxipark und tuckern in unser neues Heim, wo wir eine Woche bleiben werden: das „Rainbow House of Hope Uganda (RHU)“. Vorher verabschiede ich mich noch von Didiène und wir machen aus, uns einmal in Bujumbura zu treffen, wenn wir wieder zurück sind. Der Bus scheint gleich nach Ankunft wieder gewartet zu werden und in der Nacht zurück nach Burundi zu fahren.
9.47 Uhr (ugandische Zeit). Ich bin hellwach – zu meiner eigenen Überraschung. Am Abend hatten wir gleich noch Rose kennen gelernt, eine ugandische Kollegin Judiths im „Rainbow“. Sie studiert und arbeitet und wohnt seit drei Jahren im Jugendzentrum für benachteiligte Kinder. Rose ist 27 Jahre, durchgeknallt und super nett. Auch Timothy, ein Schüler und ebenfalls Mitarbeiter im RHU, begrüßt uns herzlich. Wir lernen auch Max kennen, einen Bayer, der dort seinen Zivi-Ersatzdienst leistet, und Anna aus Essen, die dort ein mehrwöchiges Praktikum absolviert, das ihr ihr Studium vorschreibt. Derzeit würden, wie uns Judith erklärt, auch noch weitere fünf Ugander in dem kleinen Häuschen wohnen. Mit uns zusammen ist die Bude nun wirklich voll und der Platz ausgereizt. Matratzenlager in Judiths und Roses Zimmer, die eigens ihre Betten für uns räumen. Es nicht anzunehmen wäre gegenüber einem Ugander eine Unverschämtheit – ebenso verhält es sich mit dem Essen, wenn man es angeboten bekommt. Heute wollen wir uns erst einmal Kampala anschauen und auch Geld tauschen. Ugandische Schilling.
Mit „olya otya niabo/sebo“ (Begrüßung) und „jendi niabo/sebo“ (Antwort auf Begrüßung) mache ich meine ersten tapsigen Schritte in Luganda, der örtlichen Sprache. Schwierig ist – zumindest für den Anfang, dass sich immer danach gerichtet wird, ob man mit einem männlichen oder weiblichen Gegenüber spricht. Dementsprechend ändern sich die Worte. „Webale nyo niabo/sebo“ – vielen Dank!
Um 10 Uhr sitzen wir draußen, die Sprösslinge, die Judith betreut, sind bereits alle zahlreich anwesend. Als sie uns sehen, stürmen sie auf uns zu und springen uns mit offenen Armen an. Einige wollen gleich auf den Rücken krabbeln oder sonst irgendwie an mir herum klettern. Von Scheu keine Spur. Auch das ein Unterschied, wenn ich an unsere Kids in Burundi denke. Nachdem wir jedes der Kinder einmal umarmt haben, an den Armen durch die Luft geschleudert oder auch nur an der Hand gehalten haben, bekommen wir unser erstes ugandisches Frühstück – und sind gleich hin und weg. Es gibt Chapati, den Teigfladen (der an den türkischen Yufka-Teig erinnert). Dazu eine Creme aus Avocado, Tomaten und Paprika. Man ist es gerollt. Und es ist sättigend – aber sehr lecker. Dazu essen wir frittierte Süßkartoffeln. Ein wahres Festmahl zur Begrüßung. Die ugandischen Jungs freuen sich sichtlich, als sie sehen, dass es uns schmeckt. Sie strahlen über das ganze Gesicht.
Nach einer Zigarette hinterm Haus machen wir uns auf den Weg in die Stadtmitte. Das Viertel, in dem das RHU liegt, war einmal sehr, sehr arm, ist aber auf dem fortschrittlichen Weg. Die Kinder – regelmäßig sind es 40, insgesamt etwa 200 – kommen alle aus armen oder zerrütteten Familien, auch wenige Waise sind darunter. Und Straßenkinder. Sie kommen jedoch nur tagsüber, am Abend kehren sie nach Hause zurück. Es sind Kleinkinder bis hin zu Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Wir gehen zu Fuß in die Stadt, etwa 20 Minuten. Auf dem Weg dorthin haben wir eine super Aussicht auf die Skyline der Stadt. Nach dem Marsch über Straßen, kleine Felder, Zugschienen stehen wir in einer riesigen Metropole. Drei Millionen Einwohner tummeln sich hier zwischen Taxibussen in den Straßenschluchten. Aus einer Kirche tönt „Halleluja“, auf der Straße rennt ein Mann mit Bibel in der Hand herum und palavert auf jeden ein, der nicht schnell genug an ihm vorbei kommt. Über den Hochhäusern schweben riesige Vögel namens Marabu, die nicht so gerne gesehen sind. Sie scheißen anscheinend schon mal einfach so herunter, wer es abbekommt, kann gleich nach Hause. „Wie eine Dusche“, lacht Judith. Mahlzeit. Dazu sind die Vögel auch noch hässlich. Und anscheinend auch giftig. Die Fliegen gehen nicht einmal an die Kadaver. Judith meint, nur deshalb gebe es die Vögel noch, andernfalls hätte man sie hier längst gegessen.
Wir gehen eine Cola trinken. Ich plaudere ein wenig mit Jonas, der in Kampala geboren wurde. Er ist Tänzer, wird am Montag wieder einmal nach Deutschland fliegen, für Auftritte, Workshops. Dieses Mal nach Hamburg. Als wir weiter ziehen, sehe ich junge Frauen, die mit Körbchen in der Hand herum rennen und kalte Getränke verkaufen. Noch ein Unterschied zu Burundi. Andere haben größere, runde Körbe und bieten Nüsse, Zigaretten – die hier „Rex“, „Sportsman“ oder „Safari“ heißen –, Taschentücher, Obst oder Kekse an. Mir fällt auf, dass die Ugander irgendwie anders aussehen. Ein ganz anderes Volk. Ich finde es interessant, in diese Unterschiede Afrikas einzusteigen, sie zu erkennen, zu erkunden. Es ist eben nicht alles einfach nur „Afrika“. Judith bestätigt mir, dass es den Ugandern an für sich gut gehe. Die letzten Kriege liegen lange zurück – bis auf den Norden des Landes, wo die LRA (Lord’s Resistance Army) noch aktiv ist. Aber hungern muss in Uganda keiner. Und Kampala ist ohnehin eine Millionenstadt mit ganz klarem Flair einer Großstadt. Nein, einer Riesenstadt.
Wir gehen noch auf den „Craftsmarket“, einer reinen Touristätte, wo es die Souvenirs gibt. Schöne Dinge, nur ist das meiste aus Tansania oder Kenia – so wie die meisten Touristenfänger ist Ostafrika. Die Ware aus den beiden am weitesten entwickelten Staaten überschwemmt die anderen. Ich sehe eine winzige Maske, die als Schlüsselanhänger angeboten wird. Der Händler versichert mir, sie sei aus Uganda. Ich zweifle. 2.000 USH will er von mir haben. Ich will nur 1.000 geben. Also gehe ich weiter. An einem anderen Stand sehe ich die gleiche noch mal. Woher die komme, frage ich die Frau. Südafrika. Ich muss lachen und gehe geraden Wegs zurück zu dem ersten Lädchen. Okay, sage ich, ich gebe dir 1.000 USH, weil du mich angeschwindelt hast. Er schmunzelt mit. Denn jetzt sei die Idee für die Maske plötzlich aus Malawi. 2.000 USH will er dennoch. Ich gehe – ohne Maske. Aber schmunzelnd.
Im selben Laden kauft gerade ein anderer Weißer zwei – mit Verlaub gewöhnungsbedürftige, wenn nicht gar hässliche – Skulpturen aus dem Kongo. Sie sind etwa 50 Zentimeter groß. Der Touri bezahlt umgerechnet 50 Dollar. Ich denke mir meinen Teil und gehe zurück zu den anderen. In den Augen des Händlers kann ich genau lesen, was er denkt. Wahrscheinlich wird er nach diesem Geschäft für den Rest des Tags seinen Laden zu machen, einen saufen gehen und mit Freunden lästern, wie blöd doch die Weißen sein können. Ich lache. Was für ein schönes Leben.
In der Stadtmitte herrscht fast schon Chaos. Verkehr verstopft die Adern, vor allem die Bustaxis, genannt „Matatu“. Am schnellsten voran kommt man noch – wenn man nicht laufen möchte – mit den „Boda Bodas“, den Motorradtaxis. Das Wort kommt anscheinend von „boarder“ (Grenze) und wurde ursprünglich auf die Transportfahrräder an der Grenze bezogen, mit denen Handel mit den Nachbarländern betrieben wurde. Am Straßenrand wird alles verkauft. Bücher, Obst, Gemüse, Tageszeitungen (!), Mobiltelefone. Zwischendrin finden sich immer wieder kleine Pavillons – „Public Pay Phone“. Quasi eine Telefonzelle, in der jedoch ein Angestellter steht und auch richtige Telefone. Über dem weißen Meer des Bustaxiparks prangert ein überdimensionales Werbeschild von Motorola für Mobiltelefone: „Yourmoto“. Es ist sehr staubig. Und laut. Das Getöse wird in regelmäßigen Abständen immer wieder durchschnitten von der Trillerpfeife eines Verkehrspolizisten, der einsam und vergebens gegen den motorisierten Strom ankämpft. Dann wird er beinahe von einer Holzschubkarre angefahren. Am Horizont, auf einem Hügel um die Innenstadt, thront eine große Moschee. In einer anderen Ecke ein riesiger hinduistischer Tempel. Und – natürlich – eine Kirche. Am Abend bleiben wir im Haus bei Judiths Freunden. Ich spendiere den Mädels und Jungs eine Kiste Fanta und Cola, für die sie sich überschwänglich bedanken. Einige umarmen mich sogar. Die auffallende Freundlichkeit in Uganda freut mich. Nicht nur im „Rainbow“, überall. Zu essen gibt es ein wahres Festmahl: Cassava, Süßkartoffel, Reis, Bohnen, Erdnusssauce, Brei aus Kochbananen (Mutoke). Rose neben mir isst traditionell mit den Händen. Julia und Timo haben sich die Gitarren geschnappt, die Kids singen dazu. Ein schönes Gefühl, mitten in der Dunkelheit, mitten in Afrika. J.B. (eigentlich John Bosco), ein kleiner Junge, ist sichtlich müde und hängt an mir. Aber einschlafen will er auch nicht. Er könnte ja etwas verpassen. Er grinst mich nur ununterbrochen an.
Unser Frühstück am zweiten Tag in Uganda besteht aus einem „Rolex“ und Kaffee zum Anrühren. „Rolex“ ist ein Rührei mit Zwiebeln, Paprika und Tomate, das in einen Chapati eingerollt wird. Sehr lecker und ebenso fettig. Zu bekommen an vielen kleinen Straßenständen für 600 USH (Uganda-Shilling). Einen Euro bekommt man getauscht für 2.200 USH. Roses erster Kommentar, als sie aufwachte, war: „What’s going on?“ Grund war, dass einige Leute um sie herum im Zimmer standen und darauf warteten, dass das Bad frei wird. Bei einem einzigen Badzimmer und 13 Leuten ein zeitaufwändiges Unterfangen. Aber auch das ist machbar. Warten – eine Tugend. Immer wieder.
Draußen schallt schon wieder laut die Musik, Kinderlachen ist zu hören. Da das Bad jedoch zu lange besetzt bleibt und ich auf Toilette muss, beschließe ich, das „einfache“ Klo in der anderen Ecke des Grundstücks aufzusuchen. Ein Plumpsklo. Nett in grün gestrichen. Ich mache mich auf dem Weg dorthin schon auf das Schlimmste gefasst, werde aber positiv überrascht. Es stinkt kein bisschen, das Holzkämmerchen ist sauber. Man berührt rein gar nichts, also eine saubere Angelegenheit – vorausgesetzt, man verfehlt nicht das Ziel, das kleine Loch am Boden. Also auch das wieder einmal eine Erfahrung mehr.
„Hi Philipp!“ höre ich eine Mädchenstimme und schaue mich um. Ein kleines Mädchen, das am gestrigen Abend noch mit uns zusammen da saß steht in der Nachbarschaft an einem Zaun und winkt mir lächelnd zu. Ich winke zurück, dann hüpft sie davon. Kaum drehe ich mich um, umklammert mich die kleine Lysaya (bei der Schreibweise ist sich keiner so sicher). Es ist ein goldiges Mädchen, vielleicht vier Jahre, von der Familie, die den kleinen Gemüsestand gegenüber des „Rainbows“ betreibt. Sie hat süße kleine Zöpfchen geflochten, die mit jeder ihrer Bewegungen mitwippen. Mit großen Funkelaugen steht sie nun lachend vor mir.
Was mir auffällt, ist, dass selbst die Straßenkinder in Kampala nicht so sehr fordernd sind wie in Burundi. Natürlich, noch mal eine andere Situation. Aber spielt nicht auch die Mentalität eine Rolle? Das „Donnez moi“ in Bujumbura kann einen bis nach Hause verfolgen. „Mpako sente“ hingegen hört man nur ein, höchstens zwei Mal. Den Menschen geht es allgemein besser – jetzt einmal von Straßenkindern abgesehen, deren Situation im Allgemeinen ja dieselbe ist. In der Stadt ist es ein normales Leben. Hektisch. Vielleicht etwas einfacher als im „entwickelten“ Westen. Aber normal. Kein Krieg. Kein Hunger. Keine schlagzeilenverdächtige Sensation. Eine normale afrikanische, sehr lebhafte Stadt mit allen Vor- und Nachteilen einer Metropole.
Es ist Samstag und wir wollen zu den „Sipi Falls“ fahren, einem Naturparadies im Osten Ugandas, wie es nur noch selten zu finden ist – ohne Touristenauflauf. Also nehmen wir eines der Bustaxis im belebten Taxipark. Zuerst müssen wir nach Mbale fahren, dann umsteigen und noch eine Stunde nach Sipi, das kleine Dörfchen in den Bergen in der Nähe des Mount Elgon. Händler schwirren wieder um den Bus und drücken alle mögliche und denkbare Ware durch oder an die Fenster. Frittierte Grashüpfer. Lollis. Damenunterwäsche. Haarspangen, Uhren, Sonnenbrillen. Gucci made in China. Und Weißbrot, wie es in Uganda beinahe an jeder Ecke zu finden ist. Vier bis fünf Stunden Fahrt liegen vor uns. Keine gute Aussicht, denn ich habe gerade so genügend Platz, meine Knie pressen sich schon an den Vordersitz. Der Ugander vor mir kauft sich noch eine schicke Uhr. Das Produktionsland ist klar.
16 Leute inklusive Fahrer. Außen auf dem Taxi steht aufgedruckt, dass es eine Lizenz für 14 Insassen hat. Dennoch: Im Vergleich zu anderen Erfahrungen ist das noch bequem. Ich beschwere mich nicht. Es geht mir gut. Ich lese die Überschriften der ugandischen Tageszeitung, die mir ein Händler entgegenstreckt. Die Ohrstäbchen des anderen brauche ich nicht. Auch keine indischen Medikamente. „Sijagala“ – Ich will (es) nicht. Dann ist auch gut. Judith erklärt mir, dass in Luganda „amazi“ ebenfalls Wasser bedeutet – gleich dem Wort in Kirundi. Doch falsch betont kann es im Luganda auch Scheiße bedeuten. Man lernt nie aus. Gut zu wissen.
10.45 Uhr und unser Taxi setzt sich in Bewegung. Erst einmal müssen wir uns aus dem Taxipark hinaus quetschen. Ich sitze in der zweiten Reihe von hinten, am Fenster. Demnach kann ich das Treiben außen genau beobachten. In der Mercedes-Vertretung kann ich auch gleich die neuesten Modelle der Luxusmarke sehen. Am Stadtrand tanken wir. 2.090 USH pro Liter Benzin. Teuer. Sprit scheint überall teuer – auch in Bujumbura, wo im Übrigen gerade wieder der Preis gestiegen ist. Demnach sind auch Taxi und öffentliche Verkehrsmittel teurer geworden. Die Sonne knallt durch die Scheibe. Wegrutschen kann ich nicht, ich sitze fest zwischen meiner Lehne und der des Vordermanns. Beziehungsweise Vorderfrau. Also halte ich es aus. „Rotary Club of Kyambogo-Kampala“ steht groß auf einer Bushaltestelle. Sponsoring. Die sind aber auch überall. In Bujumbura ist es der „Lions Club“, dessen Schriftzug man auf den Haltestellen finden kann. Rotary gibt es auch – selbstredend.
Die Kindersterblichkeitsrate in Uganda ist sehr hoch. Das bezeugen auch die Stände am Straßenrand, in denen Möbel verkauft werden. Und Särge. Sie sind am Straßenrand fein säuberlich aufgebahrt. Die großen unten. Die Babysärge oben. Das Bild lässt mich erschaudern. Es ist dasselbe wie in Burundi. Im ersten Lebensjahr bekommen die Kinder keinen Namen. Da sie ja noch sterben könnten. Überleben die Kinder ihr erstes Jahr, gibt es schon die nächste Hürde. Hexenkult. Täglich werden in Uganda Kinder entführt und für irgendwelche Rituale massakriert. Geschlechtsteile und Innerein werden für den Kult benötigt. In der Presse wird berichtet, wenn wieder mal ein Fall bekannt wird. Die Polizei nimmt die Anzeige auf. Mehr aber auch nicht. Das ist der Grund, warum die meisten Kleinkinder in Uganda Ohrringe tragen. Denn durch den Schmuck werden sie für den Hexenkult unbrauchbar. So kam es schon vor, dass Kinder plötzlich verschwunden sind – weil entführt – und am nächsten Tag wieder ausgesetzt wurden, weil sie Ringe in den Ohren hatten. Glück gehabt in diesem Fall. Ich stellte diese Frage, da auffallend ist, wie viele Kinder schon Ohrringe tragen (müssen).
Viele Truthähne rennen am Straßenrand durch die Gegend. Die Stände bieten eine unglaubliche Vielfalt an Obst und Gemüse. Melonen, Kürbis, Ananas, Bananen. Alles bunt, alles da. Daneben Baumaterial, Bettenverkauf und Möbel wie beispielsweise im „Basindi Furniture Center“. Und wieder Kindersärge. Gleich neben dem „Highway Restaurant“. Und die hässlichen, großen Vögel. „Live on the Coke side of life“ knallt es mir entgegen. „Celtel – making life better” oder „Sadolin – colour your world”. Schriftzüge, die einem denselben Schrott vorgaugeln wie in der Heimat. Nur dass es sich hier nicht jeder leisten kann. Ein Blasorchester der evangelischen Kirche zieht an uns vorbei. Sie spielen verdammt gut. Im „Rainbow“ können die Jugendlichen auch ein Instrument lernen. Ein eigenes Orchester haben sie auch schon zusammen, gebucht werden sie auch schon.
Die Straße wird zur Schneise durch den Urwald. Links und rechts vom Teer nur Busch, riesige Bäume, Natur pur. Der „Mabiraa-Wald“ (wenn man ihn so schreiben sollte). Zuvor war die Landschaft geprägt von Zuckerrohr und Teeplantagen. Judith erzählt, dass das gesamte Gebiet, auf dem der Wald steht, verkauft werden sollte. Von der Regierung Museveni. Eine Freigabe zur Abholzung und den weiteren Anbau von Zuckerrohr. Natürlich rief dieses Abkommen heftige Proteste auf den Plan – leider auch handgreifliche. Hauptsächlich aus Tier- und Naturschutzkreisen. Hinzu kommt der Umstand, dass das Gebiet an einen Inder verkauft werden sollte. Die Inder sind anscheinend sehr tüchtige – und verhasste – Geschäftsleute in Uganda. Wie eigentlich im gesamten Ostafrika. Einmal seien die Proteste in der Innenstadt sehr heftig gewesen und kurz vor der Ausschreitung. Judith habe sich dann aus dem Staub gemacht, bevor Tränengas die Luft verpestete und Menschen von der hiesigen Polizei zusammen geschlagen wurden. Die Stimmung gegen Inder sei nun nur noch mehr aufgeheizt.
Zufälligerweise habe am selben Tag ein Inder in Uganda zwei Afrikaner mit dem Auto umgefahren – an für sich ein Unfall. Doch von den umstehenden Ugandern wird er auf der Stelle gelyncht. Eine Reaktion darauf habe kurz darauf in der Tageszeitung gestanden: 15 Ugander in Indien getötet. Die Queen von England drohte daraufhin, ihren für Oktober geplanten Besuch in Uganda abzusagen. Eine Ausweichmöglichkeit nach Südafrika sei bereits in Planung. Dabei habe man erst vor wenigen Monaten in Kampala ein Ampelsystem eigens für die Queen eingeführt. Gefahren wird dennoch, wie es einem gerade passt. Verkehrspolizisten zur Regelung sind ohnehin zusätzlich notwendig. Museveni habe den Kaufvertrag nun abgesagt. Die Frage ist nur – für wie lange? Was passiert, wenn die Queen wieder in ihrem Schlösschen in England sitzt, weit weg von Uganda und fern ab vom dortigen Geschehen?
Wir fahren über den Nil. Sehr breit ist er an dieser Stelle. Irgendwie erinnert er mich an den Rhein. An seinen Ufern: Industrie. Das große Kraftwerk versorgt ganz Uganda mit Elektrizität. In früheren Tagen habe Uganda aufgrund dieses Werks sogar Strom in die Nachbarländer Ruanda und Kenia exportieren können. Hundert Meter nach der Brücke sehe ich ein „Chinese Restaurant“. Dann dauert es nicht lange und ich kann in der Ferne den Viktoriasee entdecken. Wir heizen derweil durch eine Baustelle. Staub ist in der Luft, der sich auf alles legt – das Zuckerrohr am Straßenrand ist rotbraun. Nicht etwa welk, sondern mit einer dicken Staubschicht belegt. Der Ugander vor mir mit der schicken neuen Uhr klemmt sich ein Stofftaschentuch unter die Sonnenbrille. Der Lkw vor uns wirbelt dermaßen viel Dreck auf, dass ich mich wundere, dass unser Fahrer überhaupt noch etwas sehen kann. Aber er kann und er lenkt uns direkt in die wieder schöner werdende Landschaft Ugandas. Strohhüttchen – in einer anderen Bauweise als die burundischen –, Felder, viele Bäume. Es ist mittlerweile 14.15 Uhr und wir müssten bald ankommen. Zwei Männer sind bereits unterwegs ausgestiegen. Besuch in der Heimat? Bei der Familie?
Das Landeleben sieht in Ordnung aus. Klar, einfachste Umstände, aber in Ordnung und die Menschen sind überlebensfähig. Ich sehe keine wirklichen Bruchbuden und genug Felder mit Lebensmitteln. Natürlich unterscheidet sich nun der Begriff „Bruchbude“ sehr stark zwischen meinem Empfinden und Vergleich – zwischen Burundi und anderen afrikanischen Ländern – und dem europäischen Gehirn. Auch möglich, dass ich nicht ins wirkliche Landesinnere komme und das hässliche Gesicht Ugandas zu sehen bekomme. Aber hier verlasse ich mich nun einfach auf das, was ich sehe und das, was ich erzählt bekomme. Bettelnde Kinder sehe ich hier zumindest mal keine. Die Hüttchen sind traditionell rund, ich denke aus Lehm, darauf ein Dach aus Stroh. Es sieht nicht so aus, als könnte ein Mann darin unbedingt aufrecht stehen. Auf den Fassaden sind teilweise schöne Verzierungen zu sehen. Schöner wohnen auf ugandisch. Und, wie ich finde, auch ein Zeichen, dass es den Menschen gut geht.
Meine Knie schmerzen ein wenig. Auch das Hinterteil, weil man sich keinen Zentimeter bewegen kann. Wir kommen durch eine kleine Ortschaft, wo mir als erstes ein Schild von Shell entgegenprangert. Mangobäume, voll behangen mit Früchten. Bananenstauden. Papyrussümpfe. Dann fahren wir an einem Sportplatz vorbei, wo gerade ein Fußballspiel in Gange ist. Rot gegen Gelb. Dann kommen wir nach Mbale, wo wir umsteigen. Vorher aber suchen wir noch einen kleinen Supermarkt auf, in dem wir uns mit Wasser versorgen. Und Keksen. Ich schieße einige Fotos von den Häusern, die mich wieder an den Wilden Westen erinnern. Das Städtchen macht einen gemütlichen Eindruck. Viele Fahrradtaxis sind unterwegs, andere stehen in Reih und Glied am Fahrbahnrand und warten auf Kundschaft. Wir sitzen wieder im Bustaxi – zur Weiterfahrt. Ein kleines Mädchen bleibt neben uns stehen und schaut mir in die Augen. Sie hat ein Tuch über den Kopf geworfen und lächelt mich lieb an. Aber sie fordert nichts. Sie schaut nur. Ich lächle zurück. Dann geht sie weiter ihren Weg. Und wir fahren los. Nicht aber, bevor ich noch ein Foto eines kleinen Jungen gemacht habe, der es verlangt hat. Eine ältere Frau im Hintergrund lacht sich fast kaputt. Ich finde ihre Zahnlücke zwischen den oberen Schneidezähnen hinreißend. Leider bekomme ich sie nicht mehr vor die Linse.
16.20 Uhr. Wir passieren Buyaga und es regnet. Die Lehmhäuser haben richtige Fensterscheiben und Ziegeldächer. Daneben stehen weiterhin die traditionellen runden Hüttchen. Man könnte fast annehmen, es sei so etwas wie der Geräteschuppen neben dem Wohnhaus. Die Leute sitzen zusammen unter den Bäumchen, reden oder spielen, trinken oder essen. Oder alles zusammen. Rechts ab nach Kapchorwa. 28 Kilometer, sagt das Schild. Direkt auf eine Bergkette zu. Dementsprechend wird das Bustaxi auch langsamer. Mit 20 km/h den Berg hoch – aber so können wir wenigstens die Landschaft genießen. Ich sitze nun auch vorne auf dem Beifahrersitz, brauche mich also nicht mehr um eingequetschte Knie kümmern.
Im Gebirge sehe ich einfachere Hütten als bislang. Die Sonne zeigt sich auch wieder. Die Aussicht ist fantastisch. 16.37 Uhr. Kaserem. Ein weiteres Kaff im ugandischen Nirgendwo. Die Kühe sehen hier auffallend anders aus. Ich sehe sogar einen Esel. Zwischen Hühnern, Schafen und Hunden. Dazu viele Bananen. Neben den ganzen traditionellen Hüttchen ragt auch ein „normales“ Wohnhaus empor. Eckig. Gestrichen. Das, was man sich als Deutscher vielleicht unter „Haus“ vorstellen mag. Dieser Hauch Europa verfliegt gleich wieder und wird ersetzt durch eine neue Entzückung. Auf einer der kleinen Hütten aus Lehm steht gekritzelt: Hotel. Ich schmunzle. Zu gerne hätte ich mir das Hotel angesehen.
16.39 Uhr. Amukol. Diese exotischen Namen erinnern mich immer wieder daran, wo ich mich gerade befinde. Mitten in Afrika, im Busch, genauer gesagt im Osten Ugandas. Unweit der kenianischen Grenze. Und noch genauer: in Amukol. Ein richtiges Urwalddörfchen, wie man es sich vorstellt. Kleine Hütten, bestellte Felder, Viehzucht. Überall springen viele Kinder herum. Schließlich, um 16.45 Uhr kommen wir endlich an unserem Ziel an: Sipi. Einem Örtchen, das sich in der Größe von den anderen Dörfern nicht sonderlich unterscheidet. Aber in Sipi sind die drei wundervollen Wasserfälle. Ein Naturparadies. Unberührt. Noch. Bislang nicht entdeckt, beziehungsweise nicht sonderlich ausgeschlachtet von den großen Reisekonzernen. Es ist still in Sipi. Wenige Menschen. Und die wenigen, die gerade in der Nähe stehen, als wir aussteigen, interessieren sich nicht sonderlich für uns. Wie herrlich!
Wer sich für uns interessiert, das ist ein weißes Pärchen, das hüpfend auf uns zukommt. „Hi, welcome, we have a nice place over there. Check it out”. Sie, vielleicht Mitte 20, lange Locken und ein buntes Kleid. Er, nicht viel älter, Vollbart, lange Haare. Hippies! Mitten im Urwald treffen wir auf zwei Aussteiger. Das Hüpfen, die Art zu sprechen, das Verhalten – der Ort, an dem sie sich befinden. All das bedient die Klischees, die man von Hippies hat. Es gibt sie also doch, diese Spezies der Blumenkinder, die immer lachen, hüpfen und auf irgendeine Weise durch ihr überproportioniertes Sozialverhalten beinahe schon naiv wirken. Ich traue erst meinen Augen nicht, schaue dann Lena an, die genau so erstaunt sein muss wie ich. Dann beginnen wir zu lachen. Natürlich war das Pärchen zuvor schon weiter seines Wegs gehüpft. Der Busfahrer hat blitzschnell unsere Rucksäcke auf einen Haufen geworfen und ist wieder davon gerauscht.
200 Meter, dann haben wir es geschafft. „Crow’s Nest“ soll es sein, unsere Bleibe für eine Nacht in Sipi. Abgelegen an einem Hang, geführt von zwei ugandischen Familien und absolut der Traum für jeden, der die Einsamkeit, Entspannung und Ruhe sucht. Die Begrüßung ist sehr freundlich – Rezeptionist Moses erinnert sich auch an Judith, die schon zwei Mal hier gewesen ist. 30.000 USH bezahlen wir pro Nacht. Wir gehen immer zu zweit in die „Bandas“, kleine, gemütliche Hüttchen aus Bambus. Jeder hat seine eigene Dusche und eigene Toilette – ein nettes Konstrukt. Zementiert in der Höhe einer wirklichen Toilette, auch mit Klobrille und -deckel. Und dennoch ein Plumpsklo. Alles in einem separaten Raum. Ich traue meinen Augen kaum. Für diesen Preis? An diesem Ort? Ich bin heilfroh, dass TUI und Co. noch nicht darauf aufmerksam geworden sind. Lange wird es wohl nicht mehr dauern. Leider. Leider für uns. Für die Menschen hier, die es sich wünschen, kann es Reichtum bedeuten. Auf der anderen Seite geht wieder so vieles durch den Tourismus verloren. Aber das ist ja ein anderes Kapitel. Ich sitze immer noch in Sipi, glücklich und erschlagen von der Aussicht, direkt auf einen der Wasserfälle, die „Sipi Falls“ – den größten der drei.
Wir befinden uns im Nationalpark um den Mount Elgon. Und wir haben Strom – dank eines Generators, der keinerlei störende Geräusche von sich gibt – und fließend Wasser. Luxus pur. Und als ob das noch nicht genug wäre haben wir auch noch warmes Wasser am Abend, das uns die erste warme Dusche seit sieben Monaten möglich macht! Neben weiteren Duschen, die für jedermann im „Crow’s Nest“ zugänglich sind, ist nämlich ein kleiner Holzofen mit Boiler angebracht. Absoluter Wahnsinn. Mitten im Idyll.
Wir bringen unsere Rucksäcke in die Bandas, bestellen das Essen für den Abend – was uns ebenfalls 30.000 USH kostet, allerdings für alle zusammen – und steigen dann die Naturtreppen hoch auf einen kleinen Hügel. Nun stehen wir dort oben, umringt von einer massiven Bergkette, und warten auf den Sonnenuntergang. Außer uns sind noch wenige Leute dort oben. Ein weißes Pärchen, das Rotwein trinkt, ein Afrikaner und zwei Kinder. Das Gefühl ist unbeschreiblich. Ein recht kühler Wind bläst um uns herum, kein Wunder in dieser Höhe. Zudem hat es gerade noch stark geregnet. Jetzt reißen jedoch die Wolken auf und einer der schönsten Sonnenuntergänge wird sich uns darbieten, den ich jemals gesehen habe. Beinahe wie Kitsch für eine Postkarte. Aber alles echt. Hinter uns liegt das verschlafene Sipi, die gigantischen Wasserfälle, die grüne Bergkette. Vor uns, auf einem kleineren, vorgelagerten Hügel, springen und schreien Kinder bei einem Spiel. Es ist eine Schule, die ebenso mitten im Paradies liegt, umringt von Bananenstauden, auf ihrem eigenen Hügel. Unberührbar.
Vor uns unendlich weites, flaches Land, ganz weit in der Ferne spiegeln sich einige Seen. Die Sonne taucht alles in ein rot-orange, der Himmel über uns ist noch blau in allen Varianten, unten wird das Grün der Hügel allmählich schwarz. Die Kinder verziehen sich in das lange Gebäude, wir steigen wieder hinab. Denn bei Dunkelheit nicht zu sehen, wohin man tritt, noch dazu bei dieser Steigung, ist mit Sicherheit nicht besonders lustig.
Zurück in unserem kleinen Bambushüttenparadies freuen wir uns auf die warme Dusche. Mitten im Urwald. Dazu Gebrüll von Rindern in der Ferne. 19 Uhr. Und stockdunkel. Zurück im Banda staune ich unter der Energiesparlampe wieder aufs Neue. Moskitonetz, Handtücher, blitzblank sauber, Bettwäsche, warme Decke – die auch notwenig sein wird. Dann steht das Abendessen an. Eine weitere Überraschung.
Eine junge Frau bringt ein Tablett mit einigen Blechtöpfen. Die erste Ladung, wie sich herausstellen sollte. Sie kommt noch weitere zwei Mal. Essen für sechs Personen. Zum Schluss stehen auf dem Tisch: Hühnchen in einer Tomatensauce, mehrere Töpfe Reis, Peanut-Sauce (Erdnusssauce), Bambusgemüse, Chapati – die Fladen –, eine scharfe Gemüsesauce, Kraut, Karotten. Dazu trinken wir Stoney, die Ingwerlimonade in Uganda (ein sehr leckeres und erfrischende Getränk, wobei ich mir vorher nicht vorstellen konnte, dass ein Getränk aus Ingwer schmecken kann). Auch Cola und das einheimische Bier, Club, stehen auf dem Tisch. Um 21 Uhr geht der Generator aus, nicht jedoch ohne Vorwarnung der Betreiber, ob das auch in Ordnung gehe. Schlafenszeit, zuvor wird noch pro Banda eine Gaslampe ausgeteilt. Wir könnten sitzen bleiben, so lange wir wollten, wird uns gesagt. Das tun wir jedoch nicht mehr lange, denn wir sind von der Reise erschöpft. Wir lernen aber noch drei Norweger kennen, zwei junge Frauen und einen Mann. Sie arbeiten in der Entwicklungshilfe in Kampala. Eine der Frauen habe ich bereits in der Hauptstadt in einem Café gesehen.
Um uns und die Gaslampen herum schwirren kleine Käfer. Beinahe schon eine Plage. Sie machen einen etwas unbeholfenen Eindruck, knallen gegen alles, was zufällig in ihre Flugbahn gelang, landen dann auf dem Tisch und scheinen nicht so recht zu wissen, wie ihnen geschieht. Weiter oben unter der Decke saust auch ein Glühwürmchen umher. Zu den Norwegern gesellen sich noch drei englische Jungs. Mit ihnen habe ich jedoch keine Gelegenheit zu sprechen. Der offene Raum, wo das Essen serviert wird, wurde anscheinend noch am selben Tag neu gestrichen, der Boden klebt noch von der blutroten Farbe. Unsere Plastiktischdecke ist von Coca Cola.
Der Service im „Crow’s Nest“ ist absolut erstklassig. Und das, was ich besonders daran schätze, ist, dass sich die beiden Betreiberfamilien vollständig selbst organisieren. Kein Konzept eines riesigen Reisekonzerns steckt dahinter, keine Ausbeute, keine Touristenabfertigung. „I don’t like Mondays“ singt Julia, während sie auf ihrer Gitarre klampft. Morgen ist auch erst einmal Sonntag. Und es wird ein besonderer Sonntag werden. Die Wanderung zu den Wasserfällen steht an. Der Guide kostet uns 9.500 USH pro Kopf. Für vier Stunden kein wirklicher Preis. Die Führungen machen die Familien auch selbst. In Anspruch nehmen sollte man das auch, denn nimmt man einen Guide von außerhalb, besteht die Gefahr, dass sie mitten in der Pampa anhalten und Geld von einem verlangen. Da man jedoch auf sie angewiesen ist, um wieder nach Hause zu finden, hat man in diesem Fall sehr schlechte Karten.
„Castle – Africa’s finest“ steht auf dem Aschenbecher. „Africa’s finest“. Ich finde auf diesem Kontinent sehr, sehr viel „fine“. Afrika hat so vieles zu bieten. Exotisches, Kultur, sehr hohe Kultur sogar, schöne Menschen. Und einige der schönsten Fleckchen der Erde. Gelassenheit. Ich muss mich bremsen, diesen interessanten Kontinent nicht in den Himmel zu loben, über alles andere zu stellen. Bei Gott ist nicht alles gut. Abscheuliche, für uns heutige Europäer oftmals unverständliche Gewalt, Korruption, Eigensinn – auch das ist Afrika. Aber ich frage mich: Ist der „zivilisierte, fortschrittliche“ Westen wirklich so viel anders, was das betrifft? Sind unsere geführten Kriege weniger unmenschlich? Nur weil es eine Rakete ist und keine Machete, bei der man dem Gegenüber noch in die Augen sehen muss, während man ihm den Kopf abschlägt? Ich finde, so gesehen ist die Rakete viel hinterlistiger. Der Abschussknopf ist nämlich leichter gedrückt. Oder wenn ich an die israelischen Streubomben im Libanon denke. Tötungswerkzeuge, entwickelt eigens für zivile Ziele. Kinder. Ist das alles „zivilisierte“, weniger brutal als Raketen, Flugzeugangriffe und Artillerie? Es ist nur eine Erleichterung für denjenigen, der töten muss, soll oder will. Nicht mehr.
Ich habe mich in Afrika verliebt. Die Länder, die Menschen, die Kultur, die Lebensweise. Die Leichtigkeit, die Denkweise. Habe ich das nur, weil ich ein „weißes“ Leben in Afrika führen kann, beziehungsweise automatisch führe? Der Gedanke kommt mir, als ich meine Zigarettenschachtel „Rex“, vor mir liegen sehe. Zigaretten – eigentlich ein Luxusgut. Mittlerweile singen die anderen den „Kleinen grünen Kaktus“.
Wie ist das wirkliche Leben in Uganda? Außerhalb der schönen Bandas, ohne wirklich viel Geld? Würde ich Afrika dann immer noch lieben, wenn ich in einer Lehmhütte leben würde? Vielleicht. Vorstellen kann ich es mir. Vieles geht mir durch den Kopf. Vor allem, als wir auf unserem grünen Hügelchen standen, auf den Sonnenuntergang warteten und ich weiter unten die einfach Hüttchen sah, Fotos machte. Das Pärchen neben uns trinkt eine Flasche Rotwein. Bin ich gerade einer dieser Touristen? Ich fühle mich bei dem Gedanken unwohl. Doch als Weißer, noch dazu mit Kamera, in einer solch abgelegenen Gegend, mit mehr Geld in der Tasche als alle zusammen um einen herum, erfüllt man automatisch diese Rolle. Ich rede mir zur Kompensierung immer ein, ich sei als Journalist unterwegs. Weil ich die Fotos verwerten möchte, wo möglich, die Informationen. Und nicht nur fürs heimische Fotoalbum, um der Clique angeberisch zu zeigen, wo man schon überall war.
Ich vermisse die burundikids daheim. Meine kleine, große Familie. Ich habe das Bedürfnis, sie zu sehen, mit ihnen zu reden, zu lachen. Ihnen nahe zu sein. Sicherlich sitzen sie gerade wieder mit ihren Schulheften in irgendeiner Ecke und pauken. Für die sechsten Klassen steht nämlich am 30. Mai ein nationaler Test an, den sie bestehen müssen, um auf weiterführende Schulen zu gehen. Lernen ist angesagt. Ich darf mir gerade „Bolle reiste jüngst zu Pfingsten“ anhören. Ich glaube, der Verfasser hätte nie damit gerechnet, dass „Bolle“ auch einmal in Sipi gesungen werden würde. Ich auch nicht.
8.45 Uhr. Die Nacht habe ich super geschlafen. Kurz nachdem wir im Bett waren und es gemütlich hatten unterm Moskitonetz, setzte ein starker Regen ein. Durch das Prasseln aufs Wellblechdach konnte ich sehr schnell einschlafen. Als ich am Morgen vor die Banda trete, ist alles voller Nebel. Die gesamten Berge sind verhangen. Ein wahnsinniger Anblick. Ich frühstücke zwei Pancakes (kleine, dicke Pfannkuchen) mit Marmelade und Honig. Dazu Kaffee. Mit Verlaub, der burundische schmeckt besser.
9.30 Uhr. Wir machen uns auf zur Wanderung. Unser Guide, Malicia, begrüßt uns grinsend vor dem Hüttchen der Rezeption mit kleiner Bar. Wir gehen zuerst die geteerte Straße ein Stück entlang ins Dorf hinein. Dann biegen wir einfach links ab, querfeldein, zwischen zwei Hütten, mitten ins Grüne. Und dann geht es bergab. Mitten im Busch, zwischen Felsen. Auf und ab auf einem kleinen Trampelpfad. Tritt man daneben, rutscht man ein nicht gerade kleines Stück hinab. Aber Malicia lässt uns nicht aus den Augen. Hinzu gesellen sich noch zwei kleinere Jungs aus dem Dorf. Rogers und Julas. Sie sorgen sich um einen bei jedem Schritt. Sie geben sich als Fremdenführer, erklären Pflanzen und Früchte. Sie sind erstaunt, als ich schon einiges kenne. Aber als sie erfahren, dass ich in Burundi wohne, ist ihnen alles klar. Dennoch: Einiges Neues ist dabei. Wie zum Beispiel irgendwelche Heilkräuter, die in Uganda stetige Verwendung finden. Den Namen habe ich aber leider vergessen, da ich auf der Wanderung nicht zum Notieren komme – weil ich schauen muss, wohin ich trete.
Wir latschen mitten durch ein Gehöft, vorbei an einer kleinen Lehmhütte. Eine Frau mit Kind auf dem Arm beobachtet uns. Was sie wohl denkt? Mir ist es unangenehm. Was würde unsereiner sagen, wenn irgendwelche Touristen einfach durch unseren Hof laufen würden, nur weil es kürzer ist? Ich mache kein Foto, lasse die Kamera stecken, das wäre zu viel des Guten. Jonas erklärt uns aber später, dass es eine Beleidigung wäre, um das Gehöft herum zu gehen. Den Bewohnern würde damit Abneigung signalisiert. Krankheiten oder sonst etwas. Es ist üblich, mitten durch zu gehen. Meine Scham war also unbegründet. Wieder etwas dazu gelernt. Immer dieses eingeschränkte, europäische (deutsche?) Denken. Ich muss es ablegen. Irgendwie.
Wir schlüpfen durch Bananenplantagen, bestelltes Ackerland mit Bohnen und Zwiebeln. Dann folgt ein felsiger Abstieg, über einem kleinen Wasserfall sind wacklige Holzbretter als Treppe angebracht. Es ist sehr rutschig, man muss sich beidseitig an den Felsen festkrallen. Bergauf, bergab. Zwischendurch fange ich an zu keuchen. Aber es geht schnell wieder. Ich schwitze, nicht zuletzt durch den Film von der Sonnencreme auf meiner Haut, die ich mir eigentlich hätte sparen können. Es ist bewölkt, nicht zu heiß. Eigentlich perfekt. Nur sehr, sehr schwül. Dann erreichen wir den ersten der „Sipi Falls“. Lautes Getöse, 19 Meter ist er lang. Die Wassermasse prallen auf hartes Gestein, darum herum ist alles grün. Wieder fast schon Kitsch aus dem Bilderbuch. Aber so faszinierend, davor zu stehen. Hier ist einer der Orte, an dem die Natur zeigt, wie schön sie sein kann. Und wie gewaltig. Wie winzig der Mensch doch eigentlich ist. Wie unbeholfen gegenüber diesen Gewalten wie Bergmassiv und Wasserfall.
Gerade denke ich noch, hier sei keine Menschenseele, da rücken von weiter hinten die Norweger aus dem „Crow’s Nest“ an. Wir ziehen weiter. Lena hat rutschige Schuhe, weshalb Rogers vor ihr und Julias hinter ihr läuft, um ihr an den besonders schwierigen Stellen zu helfen. Dann kommen wir, nach einem steilen Aufstieg zwischen einem Bananenwald und einer abenteuerlichen Holzleiter über zu steile Felsen, zu einer Höhle. Julia und Jonas gehen hinein, zu den Fledermäusen, wir anderen bleiben draußen. Um uns herum springen nun einige kleine Kinder, die hier irgendwo wohnen. Sie tragen kleine Rüschenkleidchen, die ganz schmutzig und zerrissen sind. Sie freuen sich und lachen. Ich wasche mir die Hände und mein Gesicht mit dem Wasser, das von der Klippe hinunter tropft. Wir gehen weiter. Esther, eines der kleinen Mädchen, folgt mir auf Schritt und Tritt, ist aber schüchtern. Sobald ich stehen bleibe, tut sie es mir gleich und schaut mich an. Gehe ich weiter, folgt sie mir auf Schritt und Tritt.
Wir erreichen eine kleine Weide mit saftig grünem Gras. Die Kühe darauf kümmern sich herzlich wenig um uns. Die wenigen Männer vor ihren Hütten schon eher. Ich unterhalte mich mit unserem Guide Malicia. Die Sprache hier, erklärt er mir, sei eine ganz eigene, die sonst nirgendwo in Uganda verstanden würde. Sie sei einer Sprache in Westkenia ähnlich, mit einigen Völkergruppen dort könnten sie sich verständigen. Mit anderen Ugandern aber nicht. Mir fallen die willkürlich, mit dem Lineal gezogenen Grenzlinien der Kolonialisten ein. Eine Absurdität ohnegleichen.
Wir sitzen nun am Fuß des Bergs mit dem zweiten Wasserfall. Lena und ich setzen uns auf eine Bank, machen es uns gemütlich, die anderen steigen nochmals auf, direkt zum Wasserfall. Vor uns fließt ein kleiner Bach, dessen Ufer üppig bewachsen ist. Auf der anderen Seite steht eine kleine Hütte, versteckt im Grünen. Ein kleiner Junge winkt uns zu. Andere Kinder tragen quietschgelbe Wasserkanister auf dem Kopf und verschwinden im Dickicht. Eine Frau wäscht ihre Kleider im Bach. Diese Stille! Hinter uns zieht eine Gruppe japanischer Touristen vorbei. Es sind jedoch nur zwei oder drei, keine der fotografierwütigen Horden, wie sie in Bussen massenweise abgefertigt werden, bei einer dieser „Europareisen in sieben Tagen“. Sie grinsen und winken. Eine indische Familie sitzt weiter weg unter einem Baum und trinkt Fanta.
Dann gehen Lena und ich zurück zum „Crow’s Nest“. Wir gehen entlang der Straße – die einzige in Sipi, der entlang sich das Leben abspielt. Ein wirkliches Nest, ruhig, verschlafen. Die Äcker sehen ordentlich aus, kleine Pflänzchen sprießen überall. Die Menschen winken oder bemerken uns gar nicht und verrichten ihr Tagesgeschäft, sind in ihre Mahlzeiten vertieft. Wie lange wird Sipi noch so bleiben? Unberührt, ruhig? Noch ein absoluter Geheimtipp für jeden, der Entspannung oder Wanderabenteuer sucht. Klar, Tourismus bringt Geld. Aber ist das immer so vorteilhaft? Auf jeden Fall ist Sipi der Wahnsinn. Die beste Alternative zum Tourismusgehege Serengeti.
Die Bars und Stores im „Dorfzentrum“ erinnern mich an den Wilden Westen. Die Bauweise, das Flair. Zwei kleine Jungs rennen lachend neben uns her. Wir kommen an ein langes Bambushaus, in dem gerade ein Gottesdienst abgehalten wird. „Halleluja“ schallt es ein paar Mal heraus. Der Prediger klingt schon heißer. Dann kommt der „Community Center“, aus dem Gesang von Frauen tönt. Draußen springen und spielen Kinder in schicken Kleidern. „Hotel“ steht auf einer Lehmhütte und ich muss lachen. Der Alte, der neben dem Eingang in seinem Stuhl eingeschlafen ist, hat den Mund offen. Noch so eine Wild West-Szenerie. Denn einen Hut trägt er auch noch. Auch die örtliche Polizeistation ist mir ein Foto wert. Eine Lehmhütte, die nicht gerade zu den neuesten und schönsten in Sipi zählt, Fenster ohne Glasscheiben, Risse in den Wänden. Vom „Sherrif“ keine Spur. Nur eine Frau sitzt davor im Gras und scheint sich zu langweilen.
Unsere Abreise zurück nach Kampala ist für 15.45 Uhr vorgesehen. Zuvor noch duschen und ein – mal wieder – leckeres Mittagessen. Wir lernen Saskia kennen, eine 19-jährige Deutsche aus Mainz. Sie wohnt eigentlich auch in Kampala und arbeitet für eine Umweltschutzorganisation, schaut sich aber gerade auf eigene Faust das Land ein wenig an. Sie checkt ein, wir gehen essen. Eine Schüssel mit Avocado, gestampft mit Paprika und Tomaten, dazu so etwas wie die mexikanischen Tortillas. Und einen Rolex, das Rührei, das in den Chapati eingewickelt wird. Satt und zufrieden. Dann geht es ans Packen und Auschecken. Insgesamt haben wir für den Aufenthalt in Sipi mit Essen, Übernachtung und allem drum und dran weniger bezahlt als für die Busfahrten. Natürlich sind die ganzen Beträge immer noch unglaublich billig, aber der Transport ist hier noch das „teuerste“.
Mir fällt wieder die Mentalität der Ugander auf. Hier wird nicht vor dem Weißen „gekuscht“, wie es einem zu oft in Burundi passiert. Es ist hier ein normales Verhältnis, freundschaftlich oder eben ein freundliches Kunden- oder Gastverhältnis. Aber keine Abstufung zwischen schwarz und weiß. Was ich sehr gut finde. Sehr, sehr gut.
Auf der Rückfahrt plaudere ich mit Jonas und Judith über das ugandische Schulsystem. Ein Beispiel dafür, wie schwer umsetzbar (stumpfsinnig?) manche der „UN-Milleniumsziele“ doch sind, in diesem Fall das Vorhaben, bis 2015 jedem Kind eine kostenlose Schulbildung zu ermöglichen. Kostenlose Schulen gibt es in Uganda auch, klar. Nur sind das die, in denen sich 100 Schüler pro Klasse tummeln, die (unterbezahlten) Lehrer auf einem absolut nicht erwähnenswerten Niveau arbeiten und man die gesamte Sache eigentlich gleich sein lassen könnte. Wer etwas lernen möchte, geht auf eine Schule, für die bezahlt werden muss. Das beginnt bereits im Kindergarten (den „Nursery Schools“) und zieht sich durch bis zu den Universitäten. Je teurer ein Platz, desto besser die Ausbildung und die spätere Chance auf einen Arbeitsplatz. Die teuersten Universitäten sind mit ihren Studiengebühren etwa auf gleicher Höhe mit denen in Deutschland. Und wie viele Ugander können sich das leisten? Denn zu den „School fees“, den Gebühren, kommen noch Kosten für eine Uniform, Schuhe, Lernmaterial und weitere Dinge hinzu.
Moses, der Rezeptionist des „Crow’s Nest“ erzählte mir, er würde so gerne die Schule beenden und Touristik studieren. Doch woher das Geld nehmen? Ein eigenes Haus, Frau und Kinder seien die Wünsche seines Lebens. Wieder fällt mir der Unterschied, das Gefälle zu Burundi auf. Denn dort bekommt man Wünsche wie „genug zu essen, auch noch morgen“ zu hören. Es sind banale Dinge, die mir auffallen, die jedoch alle für sich sprechen. Denn ich finde, im Kleinsten fängt es an. Der Taxibus hat ein Schiebedach, elektrisch. Die in Burundi oftmals nicht mal einen ganzen Rückspiegel. Alleine das fehlende Betteln in Uganda spricht für sich. Die Kids spielen, lachen, singen. Die Erwachsenen kümmern sich recht wenig bis gar nicht um Touristen oder Fremde, grüßen höchstens kurz – es sei denn, sie sind Händler und wollen ihre Ware loswerden. Aber alles immer ohne den hoffnungsvollen Blick, etwas vom weißen Mann abzubekommen. Auf der gesamten Reise nach Sipi bin ich nur ein Mal nach Geld gefragt worden. Von einem Jungen vor der Höhle in den Bergen. Er wollte Geld für die Fotos, die ich machte. Das hat jedoch nichts mit großer Armut zu tun. Diese Art der Bezahlung kenne ich schon aus Ägypten, von Leuten, die es eigentlich nicht nötig haben, ihr Gesicht aber nicht umsonst für die Kamera hergeben wollen.
Es klingt immer so klischeehaft, dieses „einfach, aber glücklich“. Doch ich muss gestehen, dass mir genau das in den Sinn kommt, wenn ich mich umsehe. Unglücklich scheinen mir hier wenige. Wieso auch? Oder liege ich falsch und sie beklagen sich einfach nur nicht? Wir rauschen vorbei an einer „School of Hygiene“ – der Staat achtet hier auf sein Volk. Ich bin beeindruckt. Oder ist es nur der Anschein, der sich mir bietet, der nur wenige Tage durch Uganda zieht? Schulen habe ich jedoch viele gesehen. Alleine im kleinen Sipi stehen zwei. Und viele Krankenhäuser scheint es auch zu geben. Sie sehen auch sehr sauber aus. Ansehnlich. Zumindest äußerlich. Hinein kann ich leider nicht. Oder sagen wir besser: Ich bin froh, nicht hinein zu müssen. Doch wie ich erfahre, wird auch hier nur behandelt, wer bezahlen kann. Das scheint wohl überall dasselbe zu sein.
16.30 Uhr. Wir treffen wieder in Mbale ein. Zwanzig Minuten später sitzen wir im anderen, dieses Mal größeren, richtigen Bus in Richtung Kampala. 10.000 USH kostet das Ticket pro Person. Auf der einen Seite sind Zweiersitze, auf der anderen Seite des Gangs Einersitze. Alle Plätze sind belegt. Die hektische Type, die die Tickets verteilte, sagt zu mir: „Take a seat“, ich solle Platz nehmen. Aber wo? Fast schon gereizt klappt er einen Sitz herunter, der Gang ist nun zu. Ich nehme Platz, wie befohlen. „Take a seat“ sagt er zu Lena. Wo? Der Typ schiebt mich bei Seite und Lena soll ebenfalls in der Reihe neben mir Platz nehmen. Fünf Personen pro Reihe. Normal. Wir sind aber zu siebt, denn die Frau rechts neben mir hat zwei Kinder auf dem Schoß. Der Mann links neben Lena ist ans Fenster gedrückt. Der rechts neben der Frau ans andere. Ich muss lachen. Obwohl ich nur auf der Kante meines Sitzes hänge und mehrere Stunden Fahrt vor uns liegen. Ich finde es nahezu lustig. Lena weniger. Das kleine Mädchen neben mir beobachtet mich ununterbrochen vom Schoß seiner Mutter aus. Ausdruckslos. Im Bus wird es heißer und heißer. Wir warten bis der Mann alle Tickets ausgestellt hat, die er jetzt einzeln beschriften muss. Er reicht sie dann von außen durchs Fenster, denn im Bus ist Gehen unmöglich – geschweige denn einer einfachen Bewegung. Ich schnaufe durch, als es endlich losgeht. Doch weit gefehlt, wir halten schon an der nächsten Tankstelle. Mein Rücken schmerzt jetzt schon, aber ich beklage mich nicht. That’s life. Ich lache. Lena schaut mich verständnislos an. Ich glaube, mein Grinsen macht sie nur wütend. Kurz darauf lacht aber auch sie. Weil sie ein Huhn unter ihrem Sitz entdeckt.
17.09 Uhr. Wir sind in Fahrt. Wir erfahren von dem Mann neben Lena, dass es drei Hühner sind statt nur eines. Also. Besser sitze ich auf der Kante eines Klappsitzes, habe Rückenschmerzen und schwitze, als dass ich als Huhn mit zwei Artgenossen unter diesem Klappsitz hocken muss. Oder, wie die Frau weiter vorne, vier Stunden lang stehen muss. Ein Huhn kauft man übrigens für 7.000 USH.
Nach einiger Zeit fallen der Frau die Augen zu. Sie schafft es tatsächlich, im ruckligen Bus im Stehen zu schlafen. Ich sehe einen kleinen Jungen ein paar Reihen vor mir. Er hat Kanülen in der Hand stecken mit Pflastern. Wahrscheinlich ist er gerade mit der neben ihm sitzenden Frau in ein Krankenhaus in Kampala unterwegs. Er schaut traurig. Die Kleine neben mir blinzelt mich an. Dann schläft sie ein und lehnt sich an mich. Ihre junge Mutter muss lachen. Die Kleine lässt sich aber nicht stören. Durch gar nichts. Die Sonne geht unter, von draußen riecht es nach Holzkohle und mein Hintern tut weh. Lena bietet dem Mann neben sich ein Pfefferminz an, das er dankend annimmt. Seinem anschließenden Gesicht nach zu urteilen scheint es ihm jedoch ein wenig zu scharf zu sein. Ich muss noch mal an die Wasserfälle denken. Diese Stille und Einsamkeit…
19.48 Uhr. Wir überqueren im Ort Njero wieder den Nil. Riesig ragen die „Nile Breweries“ neben der Straße in die Höhe. Qualm steigt auf. 21.19 Uhr – wir sind nach unzähligen Schlaglöchern endlich wieder in Kampala. Großstadt. Absolut. Ein Lichtermeer, Tausende Autos. Auch eines, dessen Scheibenwischerwasserdüsen bunt leuchten. Alles ist laut. Ich sehe einige Ugander etwas trinken. Natürlich mit Strohhalm – mit dem man alles in Uganda trinkt. Ohne geht nicht. Die Essensläden schließen bereits um 21 Uhr. Und das in einer Hauptstadt? Wir finden dennoch ein kleines Bistro. Das „City Restaurant“. Die hübsche Bedienung gabelt uns auf dem Gehsteig auf und bittet uns hinein. Wir folgen. Wir trinken wieder den leckeren, kalten Fruchtsaft, wie man ihn überall bekommt.
Nach einer Portion zu fettiger und matschiger Pommes mit künstlich rosa Ketchup wollen wir noch kurz ins Büro von „Gaso“ gehen, um nach der genauen Uhrzeit der Abfahrt nach Bujumbura zu fragen. Am Dienstag wollen wir zurück. Alles ist dort noch hell erleuchtet, es wird noch gearbeitet. Sehr gut. Dass wir schon heute dorthin sind, ist Zufall – und unser Glück. Beinahe der gesamte Bus ist schon ausgebucht. Außer uns fünf sind noch drei weitere Plätze frei. Wir reservieren und bringen am nächsten Tag die Bezahlung. 45.000 USH pro Person.
Dann der Gang über den Taxipark zu den Bussen, die unser Viertel anfahren. Die Stände haben noch geöffnet, die Händler preisen müde noch ihr letztes Gemüse, Brot und Obst an. An einer Stelle riecht es irgendwie nach Weihnachten. Der Weihnachtsmarkt in Karlsruhe schießt mir in den Kopf. Der Gedanke verfliegt aber schon beim nächsten Stand, als mir wieder einheimischer HipHop um die Ohren dröhnt, ugandisches Weißbrot angeboten wird und einer „muzungu“ ruft. Ja, ich bin in Kampala. Im „Rainbow“ werden wir von allen herzlich und mit Umarmung begrüßt.
Montag in Uganda. Heute sollte ich mit „G Point“, „Dead Dutchman“, „Sausage Maker“, „Chicken Line“ und „Bad Place“ Bekanntschaft machen. Was klingt wie die Namen irgendwelcher brutaler Wrestling-Kämpfer ist nichts anderes als die Bezeichnung für die „Rapids“, Stromschnellen auf dem Nil, die man mit dem Boot beim Rafting durchleben muss. Muss ist der falsche Ausdruck, wir haben uns ja freiwillig auf dieses Abenteuer eingelassen. Um 7.30 Uhr ist Abfahrt vor einem Hotel in der Stadt. Der Bus kommt beinahe pünktlich. Er sammelt uns auf zum „Nile Rafting“ mit der Firma „adrift“. Beim Warten lernen wir einen Belgier kennen, der die 50 schon überschritten hat und sich mit seiner 16-jährigen Nichte fürs Rafting angemeldet hat. Sein Schwager, erzählt er, lebe und arbeite hier in Kampala. Zuvor sei er in Kigali gewesen, musste dort bei Ausbruch des Kriegs weg, ging nach Nairobi, dann nach Dar es Salam und schließlich nach Kampala. Der Bus ist voller Weißer – natürlich. Tourismus pur. Wieder fühle ich mich unwohl. Aber was soll’s. Eine weitere Ladung Bleichgesichter holen wir im Hotel „Red Chilli“ ab. Eineinhalb Stunden Fahrt nach Jinja liegen vor uns. Auf dieser Fahrt hat jedoch jeder seinen eigenen Platz. Wir sitzen ganz hinten.
Angekommen, werden wir angewiesen, alles bis auf Shirt und Shorts auszuziehen, auch Schmuck, Uhren, Ohrringe. Barfüßig legen wir dann die Helme an, die Schwimmwesten und schnappen uns ein weißes Paddel und eine Banane zur letzten Stärkung. Nach der kurzen Einweisung an Land und Einteilung in Gruppen zu bis zu acht Leuten marschiert die gesamte Truppe zum Nil hinunter, wo schon die blauen Schlauchboote auf uns warten. Wir vier „burundikids“ sitzen zusammen im Boot mit einem jungen Pärchen aus England und unserem Leader Jussi, ein junger, strahlend blonder Finne, der seit Januar in Uganda lebt. Er reist in der Weltgeschichte herum und heuert als Bootsführer an. Rafting ist seine Spezialität. Und in Finnland sei es eben zu kalt dafür, lacht er. In den anderen Booten finden sich Amerikaner, Neuseeländer, Engländer, Belgier – und eben wir Deutsche.
Im Boot folgt erst einmal die nächste Einweisung. „Paddle forward“, „paddle back“, „paddle right/left“, „get down“ – das wohl wichtigste Kommando, wie ich herausfinden sollte und „get back“. Und, ebenfalls wichtig: „paddle harder“. Wir lernen und üben, den anderen wieder aus dem Wasser zurück ins Boot zu ziehen, wie wir das Paddel in allen denkbaren Situationen zu halten haben, ohne den Nebenmann zu verletzen, was zu tun ist, wenn man über Bord fliegt und sich das Boot umdreht („if we flip“, wie es Jussi ausdrückt).
Das Rafting ist eine Mischung aus Todesangst, Stromschnellen, Wasserfällen und purer Entspannung mitten im Paradies. So treiben wir im ruhigen und sehr warmen Nilwasser an einer kleinen, grünen Insel vorbei. Das ist Rastafari, schreit Jussi und winkt einem dunklen Mann, der am Ufer vor seinem Holzboot steht. Rastafari gehöre die Insel. Dass es so etwas noch gibt? Eine Art Robinson Crusoe?
Unsere Kolonne wird die gesamte Zeit über von einem Begleitboot eskortiert, in dem sich Sonnencreme, Wasser und manche Wertsachen befinden. Sonnenbrand bekomme ich dennoch, vor allem auf dem Oberschenkeln. Zuerst ist es recht bewölkt und gut auszuhalten, später arbeitet sich jedoch die Sonne durch und es wird sehr, sehr heiß. Außer dem Begleitboot sausen noch einige Minikajaks um uns herum, in denen jeweils ein Retter sitzt. Ich werde noch Bekanntschaft mit ihnen machen. Geführt wird das Ganze sehr, sehr gut. Vor jedem „Rapid“ bekommen wir klare Anweisungen von Jussi. Am Ufer und auf den kleinen Inseln im Nil sitzen die unterschiedlichsten Vogelarten, sonnen sich, fangen Fisch oder beobachten uns. Komorane, Fischadler und unzählige andere. Wir paddeln durch das Paradies. Trotz genauer Anweisungen kentern wie insgesamt zwei Mal. Das sei auch unvermeidbar, sagt Jussi. Ein Mal sei es sogar beabsichtigt gewesen, gibt er schmunzelnd zu. Sehr lustig. Ins Wasser fliege ich aber noch ein weiteres Mal, bei dem unsere gesamte linke Seite dran glauben musste. Ich war dabei.
Nach den ersten paar Stromschnellen und schon halbwegs erschöpft, machen wir Rast auf einer kleinen Insel. Darauf ist eine kleine Lichtung, das Ufer ist komplett von Bäumen umringt. Ein nettes Plätzchen. Und wir bekommen ein Lunch serviert. Sandwiches, Ananas, Kartoffelsalat und kalter Tee. Alles sehr lecker, vor allem, weil es dunkles Brot ist, was man nur selten findet. Ich esse nicht zu viel, obwohl ich noch ein zweites Brot vertragen könnte. Ich habe jedoch Bedenken, mich zu voll zu stopfen und nachher keine Energie mehr fürs Paddeln zu haben.
Die erste weitere Zeit lassen wir uns fast nur vom Strom treiben. Das Wasser ist sehr ruhig, wir können sogar schwimmen. Wobei schwimmen mit der Schwimmweste der falsche Ausdruck ist. Man liegt quasi im Wasser und braucht rein gar nichts zu tun. Man sollte nur schauen, dass man nicht zu weit vom Boot wegdriftet. Aber dafür sorgt Finne Jussi schon.
Es ist ein mehrstündiges Hin und Her zwischen fast ertrinken und absoluter Entspannung in der puren Idylle. Wir dachten, mit einem kleinen Wasserfall – den wir meisterten, ohne zu Kentern – hätten wird das Schlimmste überstanden. Aber wir sollten eines besseren belehrt werden. Denn wir kannten den „Bad Place“, die letzte Stromschnelle, die wir passieren, noch nicht. Es ist laut Jussi einer der „größten und gefährlichsten Rapids der Welt“, nur die Besten der Besten würden ihn durchfahren können. Das ist auch der Grund, weshalb wir kurz vorher an Land gehen, über einen kleinen Hügel marschieren, von dem aus wir den gesamten „Bad Place“ überschauen können. Böse sieht das wahrhaftig aus. Tosende Wassermasse, pure Gewalt. Wir steigen etwa in der Mitte der Stromschnelle am Uferrand wieder ein. Jussi brüllt gegen das Rauschen noch einige Anweisungen, die er mit „Viel Glück“ abschließt. Dann heißt es nur noch „paddle harder, harder, harder!“ – doch alles hilft nichts. Kaum sind wir in der Flussmitte, reißt es unser Boot um, wir kentern und landen unter Wasser.
Im Boot festhalten, an der so genannten „Shit Line“ am Bootsrand, ist unmöglich. Man fühlt sich hilflos wie ein Gummiball, der durch die Gegend geschleudert wird. Dann ist man unter Wasser, um einen herum sprudelt es wilt wie in einem Whirlpool. Warm ist es auch, nur fühlt man sich im Sprudelpool etwas entspannter. Und man schluckt etwas weniger Wasser. Man wedelt mit den Armen, wobei das sehr wenig Sinn macht. Die Schwimmweste bringt einen ohnehin an die Oberfläche – wenn es die Stromschnelle zulässt. Da hilft auch kein beklopptes Herumgefuchtel. Ich tue es trotzdem. Zwischendurch hat man wirklich Bedenken, dass es das nun gewesen sein könnte. Mehr Wasser passt nicht mehr in mich hinein. Dann, die Rettung – Luft! Ich bin an der Oberfläche. Ich spucke meinen Mund voll Wasser aus, will nach Luft schnappen und – die nächste Welle drückt mich gerade wieder unter Wasser. Dann denke ich wirklich, ich komme nicht durch. Da man mit allem möglichen anderen beschäftigt ist, denkt man nicht an die scharfen Felsen unter sich. Beine hoch, hatte Jussi noch gebrüllt. Aber ich schrammte bereits an einem Steinbrocken und schürfe mir den recht