Mittwoch, 11. April 2007. 11.15 Uhr. Das Leben mit den Kindern wird – logischerweise – mit der Zeit immer intensiver und näher. Gerade jetzt in den Schulferien wird mir das sehr deutlich bewusst. Ich habe in den vergangenen Tagen absichtlich etwas mehr Zeit mit den Jungs und Mädchen verbracht. Weil ich einfach das Bedürfnis hatte, mehr mit ihnen zusammen zu sein. Dass dann andere Arbeit liegen bleibt, ist klar. Aber mir ist es das wert. Außerdem möchte ich hier nicht zum Bürokraten und Aktenhengst mutieren, sondern weiterhin mitten im burundischen Leben stecken. Außerdem macht es Spaß, bei den Kids zu sein. Wir gehören, und ich denke, ich habe nicht nur das Gefühl, zur Familie.

 

Gestern Nachmittag bin ich von der Arbeit früher nach Hause ins Heim. Anita saß alleine da und schaute den Jungs beim Fußball zu. Sie war früher im Heim, ist dann aber aus freien Stücken aufs Internat gegangen. Anita ist 16 und sie ist ein Mädchen, das spürt man sofort, die weiß, worauf es ankommt. Sie lernt viel, spricht – wie ich nun aus ihr herausquetschte – gut Englisch. Jetzt in den Ferien lernt sie Deutsch. Sie ist zielstrebig und gibt diese Einstellung und Denkweise auch an die anderen Kids im Heim weiter. Nach dem endgültigen Test in der Schule will sie studieren. Wahrscheinlich Medizin – wenn sie es schafft, sagt sie. Aber ich denke, sie hat das Zeug dazu. Am Nachmittag jedenfalls unterhielt ich mich lange mit ihr. Wir kamen dann auf die Internetseiten von burundikids e. V. zu sprechen. Sie war interessiert und ich schlug vor, ihr die Seite zu zeigen und ihr zu erklären. Also schlappten wir zum „Chez André“, wo ich ihr Martinas Seiten zeigte. Sie hat schon seit Langem Mailkontakt zu Sabine Höroldt, einer Fotografiestudentin aus München, die ebenfalls schon einige Male im Heim zu Besuch war – jeweils für einen Monat. Sabine hatte Anita das Internet beigebracht, dass sie in Kontakt bleiben können. Das finde ich gut und wichtig. Der berühmte „Blick über den Tellerrand“, wie es so schön heißt. Der sollte auf beiden Seiten gegeben sein.

 

Die Burunder auf der Straße schauten uns interessiert (oder verwundert?) an. Mir war es beinahe schon unangenehm. Was sie wohl dachten? „Was will dieser Muzungu mit dem Mädchen?“ Oder umgekehrt: „Was macht die mit diesem Muzungu?“ Anita schien es egal zu sein. Stolz marschierte sie an allen vorbei und ließ sie links liegen. Ihre Ausstrahlung hat schon etwas Erhabenes, etwas Stolzes und Selbstbewusstes. Bewundernswert. Wir unterhielten uns darüber, ob und wie sie Englisch in der Schule lernt. Das Problem, meint sie, sei, dass sie zwar viel lesen und schreiben, gesprochen würde jedoch sehr wenig. Ich schlug ihr daraufhin vor, nur noch Englisch mit ihr zu sprechen. Zuerst genierte sie sich, aber dann klappte es. Und zwar sehr gut. Doch bei jedem Lob versteckt sie ihr Gesicht hinter ihren Händen und lacht.

 

Etwas später, wieder im Heim zurück, ging ich zu Heimleiterin Clothilde, die am Eingang des Mädchenhauses stand und sich mit einigen der Größeren unterhielt. Fébronie, Dorine und Rose. Ich stellte mich dazu, hörte erst einmal zu, was gerade Thema bei den Frauen ist. Anita gesellte sich schließlich auch dazu. Es ergab sich eine witzige Gesprächsrunde, die Mädchen stellten viele Fragen über Deutschland, die Jugend dort, mich, Gott und die Welt. Clothilde fungierte als Dolmetscher von Kirundi ins Französische und umgekehrt. Rose wollte wissen, ob Jerusalem bei uns in der Nähe sei. Ich musste lachen und sagte, dass sie wahrscheinlich näher dran sei als Deutschland, was sie verwunderte. Sie werde da mal hingehen, sagte sie fest entschlossen. Ob man bei uns auch trommle wie in Burundi? Leider nein, sage ich. Leider.

 

Die Mädchen im Heim sind mittlerweile sehr zugänglich und offen. So lange, wie es am Anfang gedauert hat, ihre Zurückhaltung zu überwinden, umso offener ist es jetzt. Mit den Jungs klappte es von Anfang an, doch ich muss sagen, in dieser Hinsicht haben die Mädchen die Jungs nun überholt. Ich habe den Eindruck, bei den Mädchen gehen die Gespräche, die Gedankengänge, die Fragen und Überlegungen weiter als bei den Herren der Schöpfung. Woran das liegt, kann ich im Moment (noch) nicht sagen. Aber es ist Fakt. Natürlich ist auch immer viel Spaß und Faxen dabei. Da Rose beispielsweise nur Kirundi spricht – und das dazu noch in einem Tempo, bei dem einem schwindlig wird – und mich ab und an damit ärgert, mich damit voll zu tratschen, drehe ich den Spieß um und antworte ich nur auf Deutsch. Großes Gelächter um uns herum, aber wir haben es fertig gebracht, fünf Minuten miteinander zu reden, ohne dass der andere etwas von dem verstand, was man sagte. Eine witzige Sache.

 

Kommt ihr wieder? Mit der Frage habe ich jetzt noch nicht gerechnet. Es ist gerade mal Halbzeit in Burundi. Und ich will auch gar nicht so viel darüber nachdenken. Natürlich werden wir wieder kommen. Ich weiß nur nicht, wann und für wie lange. Aber vergessen kann man das alles nicht. Ich habe das Gefühl, dass die Kids sich besonders um mich „kümmern“ wollen, weil sie wissen, dass ich keine Geschwister habe, sondern  Einzelkind bin. Aber momentan habe ich ja 65 Brüder und Schwestern. Epiphanie sagte, sie wird mit mir mitkommen, wenn ich nach Deutschland zurück gehe. Notfalls zu Fuß, sagt sie. Ich muss schmunzeln, sie auch, aber im Nachhinein wird mir bewusst, wie viel in dieser im ersten Moment süßen und witzigen Aussage steckt. Mit Anita rede ich Englisch. Wenn sie in Versuchung kommt, wieder auf Französisch anzufangen, stelle ich mich blöd und sage, ich würde nichts verstehen. Also auf Englisch weiter. Und es klappte sehr, sehr gut. Dann kam das Essen. Ich sagte, ich werde auch was essen und danach würde ich wieder rüber kommen zum Weitertratschen.

 

Nach dem Essen kam ich also wieder. Rose war gerade dabei, Bohnen für den nächsten Tag zu sortieren, die schlechten heraus zu picken. Anita stand mit einem Becher Wasser auf der Terrasse des Mädchenhauses, andere – Dorine, Salma, Fébronie und Claudine – übten traditionelle burundische Tänze. Ich mag es, dabei zuzusehen, die Tänze sind wirklich klasse und ich muss sagen, unsere Mädels beherrschen es schon gut. Clothilde kennt es aus ihrer Kindheit und tanzt auch nach wir vor. Sie gibt die Tradition an die Kids weiter, was ich sehr gut finde. Gelacht wird dabei immer genug. Aber dass ich als Zuschauer da stehe, ist mittlerweile kommentarlos akzeptiert. Neben mir steht die kleine Géraldine und grinst.

 

Anita und ich plaudern noch bis 23 Uhr, dann ist Schlafengehenszeit – für alle. Epiphanie und Pamela (14 und 13 Jahre) stehen auch dabei, Anita übersetzt immer für sie. Epiphanie ist am Lernen, Pamela lauscht bei allen Gesprächen aufmerksam. Die Kids frieren ein wenig, es hatte am Abend ein wenig geregnet. Ich stand zwar noch im T-Shirt da und fand es ganz angenehm, aber für die Burunder ist es schon zu kalt. Dann verabschiede ich mich aber, dass die Kids ins Bett konnten. Morgen sei auch noch ein Tag – auch wenn die Gesichter mir sagten, dass sie gerne noch weiter tratschen würden. Aber irgendwann muss man ein Ende finden.

 

Heute Morgen musste ich eine riesige Tonne voll Wäsche waschen – was alles liegen blieb die vergangenen Tage. Danach spazierte ich kurz auf dem Gelände herum, schaute, was die Kids so treiben. Anita saß da mit einem Block vor sich auf dem Tisch. Darauf fanden sich englische Wörter und einige deutsche daneben. Ich bin begeistert, was sie alles lernt. Einige deutsche Vokabeln wusste sie nicht und bat mich, sie ihr aufzuschreiben. Ich bin mir sicher, dass wenn ich heute Abend zurück ins Heim komme, sie alle gelernt hat und sprechen kann.

 

Heute Abend kommt auch wieder die Frauentruppe zurück nach Bujumbura. Sie sind gestern Morgen aufgebrochen, eine Landfahrt zu machen und die Projekte im Osten, in Muyinga, zu besuchen. Ich bin gespannt, was sie erzählen – es ist nämlich noch mal etwas anderes als Bujumbura. Da Maries Eltern ebenfalls mit gefahren sind und Marie auch, musste ein größeres Auto her. Benoit, Verenas Mann, hat dafür einen kleinen Bus organisiert mit über 20 Plätzen. Das war die Gelegenheit, auch einige Kids mitzunehmen, die aus den nördlichen und östlichen Regionen stammen, eben aus den Dörfern, Städten und Siedlungen, die auf der Route liegen. Sie haben somit die Chance, eventuelle Bekannte, Freund oder sogar Verwandte zu besuchen. Das Rückgeld für den Bus hat ihnen Verena ausgehändigt. Aus unserem Heim sind Languide, Espérance und Fulgence mit gefahren. Ich freue mich für sie.

Eine Antwort zu “Das Leben mit den Kindern”

  1. lothar schulz Sagt:

    Frohe Weihnachten

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