Wochenende vorbei

April 2, 2007

Montag, 2. April 2007. 15.17 Uhr. Am Sonntag wurde wieder viel gelacht bei den Kids. Ich organisierte einen Miniausflug zum Basketballplatz. Das halbe Heim hat sich dort getummelt. Groß und Klein, Mädels und Jungs. Dann spielten wir auch Basketball – Mädchen gegen Jungs, ich spielte bei den Mädchen mit, um die Chancen etwas auszugleichen. Klappte auch ganz gut, wie gewannen zwei von drei Spielen. Die Sonne brannte unwahrscheinlich, sogar noch am späten Nachmittag, wenn es normalerweise etwas abkühlt. Regen ist immer noch Mangelware, obwohl es eigentlich die regenreichste Zeit sein soll.

 

Wir schwitzten also ordentlich beim Spiel. Dorine (14), Florette (zwölf) und Amida (13) waren in meinem Team und wir bezwangen mit großem Spaß Emmanuel (15), Fulgence (17), Thérence (16) und Arsènne (zwölf). Fulgence war es etwas unangenehm, gegen Mädchen zu spielen, das merkte ich. Kann ich jedoch nachvollziehen. Wenn ich an die Zeit denke, in der ich noch Handball spielte, mochte ich gemischte Turniere auch nie besonders. Man weiß eben nie so recht, wo man hinfassen soll – und die Mädels gehen ohne Gnade in den Zweikampf. Es ist nicht leicht. Doch die anderen meisterten das mit Bravour. Die Mädels platzten vor Stolz, die Jungs – mehrfach – besiegt zu haben, die Jungs hatten einfach Spaß. Und Florette war stolz wie Oskar, mit mir gespielt zu haben. Händchenhaltend hüpft sie neben mir her, bis wir wieder im Heim sind.

 

Der Anblick war wirklich unglaublich – schätzungsweise 30 Kids auf dem Gelände, wo sich die Basketballkörbe befinden. Allesamt hatten sie Spaß, großes Geschrei. Die Prüfungen in der Schule sind vorbei, jetzt sind Ferien. Ich denke, es tut den Kindern ganz gut, wenn sie auch mal aus dem Heim raus kommen. Außer nur auf dem Weg zur Schule und zurück. Oft haben sie die Gelegenheit nicht dazu. Die Größeren, klar. Aber auch die nicht immer. Und die Kleinen sowieso nicht. Strahlende Gesichter überall. Richtig klasse war das. Und ich muss sagen, der Zusammenhalt ist wirklich schon fast der einer Familie. Das merkt man besonders, wenn Außenstehende dazu kommen. Eine interessante Entwicklung und Beobachtung. Und schön außerdem auch.

 

Lustig fand ich den erstaunten Blick von Evelyne (zwölf Jahre), als ich Wasser trank. Die Kinder hatten drei kleine, gelbe Kanister mit, aus denen sie immer trinken. Als ich auch einen Schluck aus dem Kanister nahm, schaute mich Evelyne völlig überwältigt an, lachte und teilte es gleich lautstark den anderen mit. „Yooohhh!“ – der allgemein verbreitete Ausdruck für großes Erstaunen. Ich muss lachen. Anscheinend ist es für sie etwas Besonderes, wenn ich aus dem gleichen Behältnis trinke, wie die Kinder. Aber wieso auch nicht?

 

Als schließlich alle erschöpft waren, machte sich der Pulk von Kindern mit mir in der Mitte auf den 50 Meter langen Heimweg. An meinen Armen hingen – wie immer – mindestens vier. Die Torwächter und andere Leute am Straßenrand kriegen sich meistens nicht mehr ein, so witzig muss das aussehen. Florette, die bei Gott nicht auf den Mund gefallen ist, schimpft dann immer mit den Burundern. Was sie sagt, verstehe ich nicht. Aber es wird darauf hinaus laufen, dass sie nicht so blöd glotzen sollen. Ich muss lachen. Sie dann auch. Im Heim angekommen, sind alle glücklich – und platt. Es bleibt ruhig.

 

Am Samstag hatte ich mittags Andreas Schmidt, der bei der EU arbeitet und den ich vor einiger Zeit kennen gelernt habe, noch einen Besuch abgestattet. Er wollte eine CD mit einigen Bildern von mir haben. Im Gegenzug gab er mir einen kurzen Film, etwa 20 Minuten, die „Gustave“ zeigen sollen. Das Krokodil, das hier alle ehrfürchtig nur „Monstre du Lac“ nennen, das „Monster aus dem See“. Die Längenangaben zu Gustave variieren sehr stark. Zwischen sechs und zwölf Metern habe ich schon alles gehört. Ich glaube, mit jedem Bier kommt ein Meter dazu. Und die meisten, die ihn gesehen haben wollen, können sich wohl nicht mehr so genau daran erinnern. Jedenfalls ist die Geschichte und der Mythos um Gustave recht witzig. Erinnert ein wenig an Nessie von Loch Ness. Sollten hier in Burundi einmal Touristen sein, könnte man Gustaves Geschichte durchaus vermarkten. T-Shirts, Schlüsselanhänger und so. Klappt doch in Schottland auch.

 

Den Film werde ich mir heute Abend mal anschauen. Ich bin gespannt. Er stammt von einem Franzosen, der ihn einmal fangen wollte. Anscheinend hatte er einen riesigen Käfig bauen lassen, um Gustave einzufangen. Um die Burunder vor Gustave zu schützen oder umgekehrt, das sei mal dahin gestellt. Auf jeden Fall bekam er Gustave anscheinend nur zwei Mal kurz zu Gesicht. Ich werde es ja heute Abend sehen. Fest steht nur, dass das Krokodil nach wie vor im Tanganyikasee unterwegs ist. Wie lange, wie groß, das weiß wohl keiner so genau. Den Gesprächen über das Tier zu lauschen ist aber immer ein Erlebnis. Eine Übertreibung übertrifft die andere. Und anscheinend haben die Burunder wirklich Angst vor Gustave. Übrigens kommt der Name des Tiers von einem Franzosen – den er vor vielen Jahren angeblich mal gefressen haben soll.

 

Am Nachmittag stellte ich mich dann kurz auf die Terrasse. Die Sonne tauchte alles in ein schönes, orangenes Licht. Und Tausende Libellen kreisten hektisch in der Luft. Ein Spektakel, das man hier ab und an sieht, ich in Deutschland jedoch nie beobachten konnte. Dieses Land ist wirklich faszinierend. In vielen Facetten. Wenn, ja wenn…

 

Heute Mittag, Montag, war ich kurz in Kamenge, in unserem Mütterheim. Freute mich richtig, die jungen Damen und die Kleinen zu sehen. Wie ich schön öfter erwähnte, bin ich sehr gerne dort. Leider fehlt mir oft die Zeit, öfter dorthin zu gehen. Es liegt außerdem am Stadtrand, zu Fuß und „mal eben schnell“ kommt man dort nicht hin. Dennoch: Es war mal wieder schön, die Mädels zu sehen. Und auch der Kindergarten war in Betrieb. Die 40 Kids dort, die aus dem umliegenden Viertel kommen, sind einfach der Knüller. Und laut. Sobald sie einen sehen, singen sie, klatschen – und schreien. Ich bin jedes Mal überwältigt, wie sehr sie sich freuen können. Natürlich auch hier: mindestens drei an jedem Arm. Besonders meine Haare an den Armen finden sie interessant. Alles sind so hübsche Kinder. Manchmal ist das unfassbar. Die Kulleraugen, die Zöpfchen, die strahlend weißen Zähne.

 

Morgen werden Maries Eltern anreisen. Am kommenden Wochenende wird dann auch Julia wieder aus Muyinga zurück kehren. Und Vorstand Martina wird mit weiterem Besuch über Ostern hier eintreffen. Dann gibt es wieder einiges zu tun. Und der Spaß wird – wie gewöhnlich – auch nicht zu kurz kommen. Freue mich auf den Besuch.

 

Ach, eines habe ich vergessen. Wieder mal ein Moment, in dem ich sehr nachdenklich wurde. Es war am Sonntag, ich war gerade fertig mit dem Frühstück. Da klopfte es an der Küchentür und Raoule, zehn Jahre, streckte seine Nase hindurch. „Yambu, Philippo!“ sagt er leise, dann bitte ich ihn herein. Ohne diese Aufforderung betritt er nämlich keinen Raum. Eine Höflichkeit, die dieser Junge an den Tag legt, das ist unfassbar. Jedenfalls begrüßte er mich mit Handschlag – so wie das alle unsere Kinder machen und eigentlich in ganz Burundi üblich ist. Er wollte Karten mit mir spielen. Also setzten wir uns gemeinsam hin. Ich hatte zwar Arbeit, aber das war es mir wert. Er lachte, seine Augen strahlten. Und anscheinend war er glücklich. Da ist mir seine Geschichte wieder durch den Kopf. Kindersoldat soll er gewesen sein. Aus einem Rebellenlager haben sie ihn herausgeholt, bevor er zu uns ins Heim kam. Er, der kleine Raoule, der gerade mir gegenüber auf dem Stuhl sitzt, mit dem etwas zu großen Pulli, den kurzen, roten Hosen und dem Kinderlachen. In seinen Händen Spielkarten. Und keine Kalaschnikow mehr. Wie ich schon des öfteren erwähnte, die Differenz zwischen dem, was man weiß und dem, was man sieht, könnte hier in Burundi nicht größer sein. Und, was ich auch schon erwähnte, manchmal gerät man in Versuchung, das zu vergessen. Und dann gibt es Situationen, in denen einem schlagartig und knallhart bewusst wird, wo man sich eigentlich befindet.