Neuer Wochenstart
April 30, 2007
Montag, 30. April 2007. 10.20 Uhr. Mein UN-Bekannter Marco ist derzeit in Arusha bei einem Seminar. Er hatte mir angeboten, mit ihm zu fahren – wäre super interessant gewesen. Leider klappte es nicht – er flog mit dem Flugzeug und ich konnte nicht weg. Er müsste in diesen Tagen wieder in Bujumbura zurück sein. Am Sonntag traf ich mich auch wieder mit Thomas, der aus seinem New York-Aufenthalt zurück gekommen ist, wo er einige geschäftliche Dinge zu erledigen hatte. Nun ist auch er wieder zurück in Burundi – und etwas erschöpft, wie er selbst sagt. War zusammen mit Lena bei ihm und den Jungs, aßen etwas zu Mittag, das er selbst extra für uns gekocht hatte, und quatschten sehr viel. Ich finde die Unterhaltungen immer sehr interessant, höre ihm gerne zu. Auch er hatte, wie es schien, Spaß daran, uns zu sehen.
Nachmittags besuchte ich dann Anitha im Internat, das sich fünf Minuten vom Heim entfernt weiter den Berg hoch befindet. Dorine hatte mich samstags gefragt, ob ich Lust hätte. Ich hatte. Also liefen wir gemeinsam am Sonntag gegen 16 Uhr ins Internat. Ein kleiner Schleichweg, dann kommt eine Straßensperre mit Soldaten. Denn die Straße führt auch zum Wohnsitz des Präsidenten Nkurunziza. Man muss dann angeben, wohin man wolle und weshalb, dann darf man passieren. Als Dorine und ich uns nähern, verstehe ich, dass die Soldaten über uns reden. Als ich einige meiner Sätze aufsage, die ich auf Kirundi kann, sind sie plötzlich etwas stiller und sichtlich erstaunt. Dorine diskutiert dann eine kurze Weile mit ihnen – allerdings so schnell, dass ich nichts verstehen kann. Dann gehen wir weiter – noch etwa 20 Meter, dann sind wir schon am Eingangstor des Internats.
Ich sage Dorine, dass nun gleich alle gucken werden und lachen und die Verwunderung groß ist. Sie lacht und sagt, es komme bestimmt nicht so. Was aber anderes erwarten? Im Internat wohnen 180 Mädchen. Männlicher Besuch ist selten, noch dazu von einem Weißen? Zu meinem Erstaunen ist reger Betrieb auf dem Gelände mit Pflastersteinen. Viele Jungs sind da. Es war der Besuchstag im Internat. An einem Tag im Monat ist sozusagen „offene Tür“, an dem auch ohne Erlaubnis Besuch empfangen werden kann. Meine Anwesenheit erregt dennoch etwas Aufmerksamkeit. Aus einem der Fenster, die mit Metalllamellen versehen sind, höre ich Gekicher. Ich schaue hoch und sehe einige Mädchenköpfe, die die Nasen durch die Fensterschlitze stecken. Ich lache, winke – was für große Begeisterung und Geschrei sorgt. Die alte Schwester – das Internat wird katholisch geführt – beobachtete mich von ihrem alten Metallhocker aus und schmunzelte mir entgegen. Als ich passiere, grüße ich auf Kirundi, was sie anscheinend glücklich machte.
Unser Gang durch einen freiluftigen Korridor wird begleitet von neugierigen Blicken. Dann sieht uns Anitha und stürmt uns entgegen. Sie freut sich sichtlich, strahlt. Dann schnappen wir uns drei Hocker und setzen uns ein Stück abseits des Wegs in den Schatten eines Baums. Eine Freundin Anithas stößt noch hinzu. Anitha will wieder Englisch sprechen, dem ich gerne nachkomme. Wer unerlaubt das Internatsgelände verlässt, fliegt raus, erfahre ich. Es habe schon solche Fälle gegeben. Besser aber, man versucht es nicht. Denn hier zu sein ist schon ein Privileg. Es ist zwar Sonntag, doch die Mädchen lernen dennoch eifrig, diskutieren über Schulheften – wenn nicht gerade Besuch da ist. Anitha kaut auf ihrem Plastikkuli herum. Hektisch. Wie immer. Ich erkundige mich nach der Internatsbibliothek. Anitha und ihre Freundin lachen. Dabei ist ihnen eher zum Heulen zumute. Geöffnet ist nicht immer. Die Bücher – wenn denn vorhanden – sind in einem miserablen Zustand. Noch dazu aus dem – übertrieben gesagt – vorherigen Jahrhundert. Hier werden die Mädchen auf die Universität vorbereitet. Dorine und ich verabschieden uns von den beiden anderen am Stahltor. Die Sonne scheint noch ziemlich kräftig. Nächsten Sonntag werde Anitha uns im Heim besuchen, sagt sie. Rausgehen könne man eigentlich immer, eben nur mit der entsprechenden Erlaubnis.
Abends gehe ich noch schnell zum Lädchen „Belladone“, einen Salat kaufen. Espérance begleitete mich. Wir plaudern. Geboren ist sie in Kigali, also Ruanderin. Ihre Eltern sind beide gestorben, in Ngozi, im Norden Burundis, hat sie aber noch eine Tante. Ins Heim der Fondation kam sie damals (2001) direkt aus einem Flüchtlingslager. Espérance ist ein stolzes, hübsches und intelligentes Mädchen. Große Pläne hat sie. Auch sie will immer Englisch mit mir sprechen, um besser zu lernen. In ihrer Freizeit sieht man sie eigentlich immer mit irgendeinem Schulheft. Ansonsten liest sie die Bibel. Wir unterhalten uns über Schwarz und Weiß. Warum in Europa so viele Menschen die Schwarzen nicht leiden könnten, fragt sie mich. Ich weiß keine Antwort. Weil ich es selbst nicht verstehe. Blickt man diesen Menschen hier in die Augen – wie kann man dann noch sagen: „Ich mag dich wegen deiner Haut nicht?“
Es gebe auch Burunder, die die Weißen nicht mögen. Aber nicht viele, sagt Espérance. Wir versuchen, heraus zu finden, weshalb. Ich sage ihr, dass ich es nicht ausstehen könnte, wenn sich die betagten alten Herren in den Diskotheken und Kneipen die jungen Burunderinnen greifen – und diese eben darauf anspringen, weil mit „westlichen“ (oder aber südafrikanischen!) Scheinchen gewedelt wird und sie bitterarm sind. Auch ihr wurde schon Geld angeboten, erzählt sie mir, woraufhin ich wieder plötzlich diesen Hass in mir spüre. Ich will mehr wissen. 14 sei sie gewesen und vor dem Eingang des Heims gestanden. Nicht weit entfernt wohne ein Weißer, der für die UN arbeite. Er wohne dort immer noch, meint sie. Er habe an dem Tag neben ihr angehalten und aus dem Autofenster gefragt, ob sie nicht mal zu ihm kommen wolle. Sie wollte nicht. Daraufhin streckte er ihr Geld entgegen. Wollte sie auch nicht. „Was du willst kein Geld? Bist du sicher?“ Hätte ich es gesehen, hätte ich ihn – glaube ich – aus seinem Auto geprügelt. UN hin oder her. Hätte auch von der südafrikanischen Armee sein können, von der EU oder dem burundischen Ministerium oder ein indischer Geschäftsmann. Espérance erzählt es, als sei es das Normalste der Welt. Keine Spur von Aufregung, Abneigung oder gar Hass. Diese Gelassenheit. Dieser Stolz.
Am Samstag war wieder Basketball angesagt. Mädchen aus dem Heim, der 14-jährige Désiré und einige mir schon Bekannte Kids aus dem Viertel tummelten sich gemischt auf dem Platz. Ein schöner Anblick. Und ein witziges Spiel. Wir spielen vier Stunden – von 15 bis etwa 19 Uhr. Dementsprechend erschöpft sind wir alle. Aber das war es wert. Abends ging ich dann – zusammen mit Lena, Julia und Marie – in die „Kiriri-Bar“, wo ich schon mehrere Wochen nicht mehr gewesen bin. Bellarmin begrüßt und gleich zu Beginn und setzt sich zu uns an den Tisch. Wir unterhalten uns. Später lerne ich einen seiner Bekannten kennen, der Elvis heißt. Stolz verkündete er mir, dass er zwei Sätze auf Deutsch könne. Einer davon ist weniger nett und sollte man besser nicht von sich geben. Er lacht. Dass ich mich anstrenge, Kirundi in den Kopf zu pauken, finde er sehr gut. Ich auch. Nur ist es alles andere als einfach. Ich renne in den vergangenen Wochen schon nur durch die Gegend mit Fresszetteln in der Brusttasche meines Hemds, voll gekritzelt mit kirundischen Vokabeln und Sätzen. Aber nur so, wenn ich es immer und immer wieder lese, kann ich es lernen. Während dem Essen, abends beim Bier, wann auch immer.
Ein regnerischer Mittwoch
April 25, 2007
Mittwoch, 25. April 2007. 14 Uhr. „Vénuste arawaye!“ kam heute Morgen der kleine Vianney zu mir in die Küche. Vénuste sei krank. Dass sich Vianney, der noch bis vor Kurzem selbstzerstörerische Neigungen hatte und sichtlich psychische Probleme, so um andere kümmert – in diesem Fall um seinen guten Freund – ist ein toller Fortschritt. Das fiel mir sofort auf, als er den Satz zu Ende gesprochen hatte. Mit seinen dunklen Augen schaute er mich erwartungsvoll an. Ich ging mit ihm hinüber zum Haus der Jungen. Der ansonsten schon früh morgens so aktive Vénuste lag unter seinem Moskitonetz im Bett. Ich fragte ihn, was ihm fehle. „Sawa“, sagt er. Es ginge ihm gut. Fieber hatte er keines, nur ein wenig Bauchschmerzen. Das sei alles. Nicht so schlimm, meinte er. Ich mache ihm dennoch einen Tee, den er trinken sollte. Brav wie er ist, tat er das auch.
Heimleiter Emmanuel begleitete mich dann hinunter zum „Chez André“. Auf dem Weg dorthin unterhalten wir uns – soweit mir möglich – auf Kirundi, gemischt natürlich mit Französisch, wenn ich nicht mehr weiter wusste. Er wollte mir dann noch alle möglichen Worte auf Suaheli beibringen, ich sagte ihm aber, dass das zu viel würde. Jetzt müsste ich erst einmal Kirundi ein wenig lernen, dann kann gerne Suaheli kommen. Aber nicht gleichzeitig, ich habe eh schon meine Probleme. Aber es klappt ganz gut mit dem Lernen. Ich bin regelmäßig abends nach der Arbeit ein wenig mit den Kids zusammen, die sich angewöhnt haben, mich Vokabeln und Sätze abzufragen. Wenn ich dann was weiß und richtig sage, ist die Begeisterung groß – „Yoohhh!“. Zur Begrüßung und zum Abschied reden sie sowieso nur noch Kirundi mit mir. Das ist schon zur Gewohnheit geworden. Und es macht Spaß. Ich kann mir zwar nicht erklären wieso, aber zurzeit fällt es mir sehr leicht, die fremde Sprache zu behalten. Natürlich beschränkt sich das Ganze (noch) auf einzelne Sätze, ohne einen wirklichen grammatischen Hintergrund. Aber peu à peu, dann wird das schon. Genug „Lehrer“ habe ich ja im Heim. Und zwar teilweise Lehrer ohne Gnade.
Emmanuel ist auf dem Weg die Straße hinunter erstaunt, wie viele Leute ich kenne. Dass mir Burundi gefalle, freut ihn sichtlich. Beim „Yambu, patron!“ des Jungen mit seinem Straßenstand, bei dem ich immer einkaufe, muss auch ich schmunzeln. Emmanuel ist auf dem Weg zum Markt, indagara kaufen, die kleinen Fischchen, die Koch Samuel immer in die Sauce zu den Bohnen tut. Für die Kids ein Leibgericht – was ich nicht unbedingt haben muss. Ich mache mich an die Arbeit.
Gestern Abend unterhielt ich mich mit Epiphanie. Sie strahlt immer, wenn ich zu ihr komme. Ständig trägt sie ein Schulheft mit sich herum und lernt viel. Bedauerlicherweise lernt sie aber nicht gut. Es falle ihr nicht leicht, sich zu konzentrieren, sagt Lehrer Christoph, aber auch sie selbst. Ich denke, das liegt ganz klar an ihrer tragischen Vergangenheit. Ich zwinge sie jetzt immer, französisch mit ihr zu sprechen. Das ist unsere kleine Abmachung: Ich versuche mich in Kirundi, sie darf nur französisch mit mir reden. Mit Espérance, Spitzname „Sousou“, verhält es sich bei den Sprachen ähnlich – nur bei ihr ist es englisch.
Zurzeit werden wir mit Gemälden der Kinder überhäuft. Blumen, Flugzeuge, Autos, burundische Landschaften und kleine Geschichten mit Menschen sind die Themen. Darauf findet sich immer der Name des entsprechenden Kindes – und der von uns. Entweder Lena, Marie, Julia oder Philipp. Und auch mal alle zusammen. Als „Familie“ wurden wir auch schon betitelt. Mit viel Herzchen und Verehrung. Gemalt mit Buntstiften aller Art. Es geht einem das Herz auf, wenn so ein kleiner Steppke zu einem kommt und stolz sein neuestes Werk präsentiert. Sagt man dann noch höflich „urakoze“ (danke), laufen sie wieder strahlend davon und spielen mit ihren Kameraden. Der Abschied ist dabei stets in unseren Köpfen. Zwar ist es noch eine Weile hin, doch verfliegt die Zeit viel zu schnell. Wir wollen nicht daran denken, hier weg zu müssen. Doch manchmal lässt es sich nicht vermeiden.
Neu eingeführt haben wir die häufigere Vergabe von Obst. Was natürlich sehr gut ankommt. Uns ist jedoch wichtig, dass die Kids ausgewogen essen können, ein gesunderes Immunsystem bekommen, dass sie nicht mehr so oft anfällig für Krankheiten sind. Zwar muss man dabei vorsichtig sein und die Kinder nicht zu sehr verwöhnen – denn wer weiß, wie ihr Leben nach den Heim sein wird. Aber wenigstens eine „gesunde Kindheit“ kann man ihnen ermöglichen. Wenn alles im Rahmen bleibt. Den Leuten auf dem Markt fallen beinahe die Augen heraus, wenn wir mehrere Kilo Maracuja einkaufen. Ganz abgesehen davon wohl das Geschäft ihres Lebens. Sieben Kilo Maracuja für etwa 5.000 FB. Nicht mal fünf Euro. Lena erzählte, in Deutschland habe sie mal auf die Preise geachtet: eine (!) Maracuja für 49 Cent. Muss man dazu noch etwas sagen?
Lena in Burundi – und Schlangen
April 23, 2007
Montag, 23. April 2007. 9.45 Uhr. Lena ist wieder in Burundi. Gut sieht sie aus, erholt. Sie ist froh, wieder hier zu sein. Bereits aus Deutschland hatte sie wissen lassen, dass sie „Heimweh“ nach Burundi habe. Jetzt ist sie da. Die Begrüßung im Heim war stürmisch. Das Taxi hielt vor dem roten Tor, Lena stieg aus und lugte durch einen kleinen Spalt hinein. Ich blieb beim Taxifahrer sitzen. Unsere kleine Doriane machte das Tor auf, als sie Lena sah, ließ sie einen grellen Schrei und klammerte sich sofort an sie. Ich musste lachen – der Taxifahrer ebenfalls. Daraufhin musste ich ihm diese Wiedersehensfreude erklären.
Drinnen dann kamen alle angerannt – zuerst nur die Mädchen. Eine nach der anderen fiel Lena um den Hals, die Umarmungen waren herzlich. Vor allem Flora, so hatte ich das Gefühl, hatte eine unbeschreibliche Wiedersehensfreude. Ich glaube, sie hatte sogar ein Tränchen in den Augen. Sie drückte Lena fest an sich, gefolgt von Salma, Espérance, Amida, Johanna…. Die Herren der Schöpfung brauchten ein paar Minuten länger um zu verstehen, was gerade abging. Gemütlich trottelten sie dann aus ihrem Haus Lena entgegen. Auch sie umarmten sie, jedoch mit etwas mehr Distanz – ich nehme an, es war ihnen etwas unangenehm und sie wussten nicht so recht, wie sie sich verhalten sollen. In Burundi ist es sowieso unüblich, dass sie Jungen und Mädchen derart in den Armen liegen. Dennoch: Ich glaube, es war ihnen ein Bedürfnis und sie taten es auch – jedoch mit ihrer typischen Schüchternheit.
Auch Mutama, unser Torwächter, der Lena sehr mag und mich wie die Kinder mehrmals gefragt hatte, wann sie denn wieder komme, war nun eher verhalten und schüchtern. Doch seinen dunklen, strahlenden Augen konnte man genau ansehen, wie glücklich er nun war. Auch er nahm Lena in den Arm, begleitet vom Gekicher der Mädels, die im Halbkreis um sie herum standen. Das Wiedersehen war also wirklich herzlich. Erneut unser Standpunkt: Wir wollen hier nicht weg. Was folgte, war ein entspanntes Wochenende mit den Kids. Auch Anita schaute wieder zu Besuch vorbei. Wir plauderten ein wenig, zusammen mit Pamela, Rose und Fébronie. Gegen 17 Uhr musste sie dann aber wieder zurück ins Internat, zusammen mit Dorine begleitete ich sie ein kleines Stück. Aus allen Ecken und Straßen kamen plötzlich Mädchen, die dieselbe blau-weiße Uniform wie Anita trugen. Sie alle mussten nach dem freien Sonntag zurück. Dann verabschieden wir uns und sagen, dass wir per Mail in Kontakt bleiben würden – bis sie wieder ins Heim zu Besuch kommen kann.
Heute Morgen wollte ich auf Toilette gehen. Als ich die Tür schloss, erschrak ich ziemlich und öffnete die Tür auch gleich wieder. Grund: In der Ecke hatte ich eine Schlange zusammen gerollt und blitzte mich gerade an. Besonders schön, wenn man geistig noch etwas im Morgengrauen schwebt. Sie war silbrig-schwarz, anscheinend hatte sie gerade gegessen, denn in ihrer Mitte hatte sie eine ziemlich große Ausbeulung – etwa in der Größe eines Frosches oder einer Maus. Sie war zwar nur etwa 50 Zentimeter lang, dennoch musste ich sie nicht unbedingt haben. Ob sie giftig war oder nicht, konnten mir auch die Jungs nicht sagen. Samuel, unser Koch, der gerade vorbei schaute, holte schnell ein langes Stück Schlauch, drosch vier Mal auf die Schlange und die Sache war wieder erledigt. Draußen wurde das Exemplar dann gleich von den neugierigen kleinen Jungs begutachtet – wie sie eben so sind. Dann entfernte Samuel das tote Tier – wohin er die Schlange brachte, weiß ich allerdings nicht. Jedenfalls war ich ab dem Moment hellwach.
Es erreichten mich wieder sehr erfreuliche Mails. Das Minitraberrennen, auf das auch ich an dieser Stelle aufmerksam gemacht hatte, war ein großer Erfolg. Eine wirklich große Unterstützung für die burundikids. Ebenso erhielt ich wieder sehr interessierte Mails von Leuten, die sich engagieren möchten oder es bereits getan haben. Es spornt an, wenn man die kleinen, aber sehr feinen Erfolge sieht. Ich bin gespannt auf die Gala „Sommernachtsfrauen“, die ebenfalls für die burundikids ausgerichtet wird. Auch dort hoffe ich auf rege Unterstützung. Leider kann ich selbst nicht dabei sein.
Eindrücke am Freitag
April 20, 2007
Freitag, 20. April 2007. 11.11 Uhr. Es geht mir wieder etwas besser, ich konnte die Eindrücke und Geschichten, die in den vergangenen Tagen auf mich herein brachen, einordnen, quasi verarbeiten und wieder die – für die eigene Gesundheit unbedingt notwendige – Distanz wieder herstellen. Was nicht heißt, dass ich etwa nicht immer noch jeden Abend mit den Kindern und Jugendlichen im Heim rede, mir anhöre, was sie zu sagen haben. Es liegt mir zu viel daran, als dass ich damit aufhören könnte.
In Bujumbura ist es seit einigen Tagen regnerisch und grau. Fast würde man „deutsches Wetter“ sagen, wenn ich nicht wüsste, dass es in der Heimat gerade – ungewöhnlich – warm und sonnig ist. Dennoch: Die Regenfälle sind gut für die Landwirtschaft, bevor die Trockenzeit von Mai bis September ansteht. Außerdem macht es einem bei diesen Temperaturen herzlich wenig aus, auch mal im Regen durch die Straßen zu laufen. Von den Burundern wird man zwar etwas ungläubig angestarrt, weshalb man als Weißer nicht einfach das Auto nimmt, aber das trägt eher zu meiner Belustigung bei. Bei vielen, die man öfter antrifft, habe ich das Gefühl, dass sie einen langsam aber sicher akzeptieren und zwar als einen, der mit ihnen lebt und nicht als Besatzer in ihr Land gekommen ist. So begrüße ich den Jugendlichen am Straßenrand, bei dem ich immer mein Waschmittel und andere Dinge kaufe, mittlerweile regelmäßig mit Handschlag.
Heute Morgen war ich zum ersten Mal beim Frisör. Zuvor hatte mir Lena die Wolle entfernen müssen. „Racoon“ steht auf dem Firmenschild, extra angemerkt, dass Afrikaner und auch Europäer hier her kommen können. Viele der kleinen Frisöre sind nämlich mit dem „westlichen“ Haar schlichtweg überfordert. Ich finde es lustig, wobei bei uns ja auch der ein oder andere seine Probleme mit afrikanischen Krauselhaar haben dürfte. Ich bewundere immer wieder aufs Neue die Kunstwerke, die Afrikaner auf ihren Köpfen herumtragen – zumeist natürlich Frauen. Unsere Kids im Heim – wie alle Schulkinder in der Unterstufe – müssen widerwillig immer ihre schönen Haare abrasieren. Vorschrift von den Schulen. Eine hygienische Maßnahme. In den Ferien lassen sie dann immer ihre Haare stehen, womit sie noch umso hübscher aussehen. Vor allem bei untergehender Sonne – dem, wie ich finde, besten Licht zum Fotografieren. In den abendlichen Sonnenstrahlen bekommen sie fast schon eine goldene Haut, die dunklen Augen leuchten und man ist hin und weg von dem Aussehen dieser Menschen. Ich bedanke mich bei dem jungen Frisör überschwänglich – immerhin hat er eine verdammt gute Arbeit geleistet. Voll zufrieden. Und er strahlt.
Gestern Abend schauten wir uns den Film „Hotel Ruanda“ an. Ich kannte ihn schon, Julia ebenfalls, nur Marie noch nicht. Ich wusste also, was auf uns zukommt – und dennoch kann man sich auf diesen Film nicht vorbereiten. Ich habe auch nur mit geschaut, weil ich mich dazu in der Lage fühlte – was nicht jeden Abend der Fall war und ist. Sich in einem Land zu befinden, in dem eben genau das, was in diesem Film in aller Brutalität und Wahrheit aufgezeigt wird, stattgefunden hat, ist ein sehr merkwürdiges Gefühl. Und zwar war das nicht etwa vor 100 Jahren, sondern vor etwa gerade mal zehn. Dennoch: Sich diesen Film anzuschauen ist in sofern nicht falsch, dass man sich wieder einiger Dinge bewusst wird. Wo man ist, wer um einen herum lebt – und das Schicksal der Kinder, die tagtäglich um uns herum sind. Doch das sind nur 65. Wie viele leben in Burundi, die das selbe Schicksal ereilte, denen es aber heute nicht so gut geht wie denen bei uns im Heim?
„Wann kommt Lena?“ kam es mir heute Morgen erneut entgegen. Wie beinahe jeden Tag in diesen vier Wochen, in denen sie nun in Deutschland ist. Heute früh war es Mutama, unser Torwächter und ein absolut lieber Kerl. „Heute, ja?“ – als ich ihn auf morgen vertrösten muss, schlappt er etwas enttäuscht davon. Aber morgen. Ja, morgen ist es dann endlich wieder so weit. Ich bin gespannt. Emmanuel fragte, ob er mit zum Flughafen kommen könne. Das wird wohl auch so sein – Verena ist einverstanden. Das Wochenende werde ich dann wohl vollständig im Heim verbringen. Anita wird am Sonntag auch wieder vorbei schauen, ließ sie mir ausrichten. Also passt alles.
Lektüretipp
April 18, 2007
http://www.burundikids.org/
bujumbura/07-04-berichtmartina.html
Das Ende der Ferien und viele Gespräche
April 16, 2007
Montag, 16. April 2007. 10 Uhr. Immer noch strömen viele Gedanken durch meinen Kopf. Ich habe das Gefühl, es werden immer mehr, anstatt dass sich eine Lösung oder ein Ende abzeichnet. Die Eindrücke häufen sich in den vergangenen Tagen. Ob ich dafür offener bin zurzeit oder ob sie einfach häufiger sind, das kann ich nicht beurteilen. Die Sonne scheint heute wieder kräftig, gestern auch schon, nachdem es am Samstag den ganzen Tag grau in grau gewesen ist und fast nur geregnet hat.
Am Freitag Abend hatte ich ein sehr interessantes Treffen mit Männern des burundischen Gesundheitsministeriums. Ich brauchte einige Informationen von ihnen, natürlich ließen sie die Gelegenheit nicht aus, auch mich einige Dinge zu fragen. Ich glaube, sie überschätzten mich ein wenig. Dennoch schien ihnen zuzusagen, was ich von mir gab. Ehrlich gesagt, gab ich mir auch Mühe. Wieso auch nicht. Ich bin zwar nur ein kleiner Freiwilliger, aber dennoch mache ich mir Gedanken und bilde mir zumindest ein, die Lage hier ein wenig verstehen zu können – also kann ich auch eine Einschätzung geben. Am Ende der Gespräche waren beide Seiten zufrieden, sie versicherten mir, mit mir in Kontakt bleiben zu wollen. Wieder neue Kontakte, von denen man nie weiß, inwiefern sie noch nützlich sein könnten. Immerhin bauen wir ja in unserem Schul- und Ausbildungszentrum auch eine medizinische Station mit Labor. Und auch in Hinsicht auf die Partnerschaft mit Baden-Württemberg, die eine Kooperation mit einem Krankenhaus in der nördlichen Provinz Kayanza beinhaltet. Viele, viele Dinge gehen mir durch den Kopf. Ich muss sie sortieren, teilweise Erkennen und dann eventuell richtig umsetzen oder an die richtigen Leute heran tragen.
Als ich am Samstag von der Arbeit nach Hause ging, sah ich ein handfestes Gerangel zwischen Mitarbeitern einer Sicherheitsfirma. Sie stehen mit ihrem gelben Pick Up immer vor dem kleinen Lädchen „Belladone“, an dem ich jeden Tag vorbei komme. Sie grüßen immer freundlich. Dieses Mal bemerkten sie mich aber nicht, weil fünf oder sechs Männer in Uniform damit beschäftigt waren, zwei ihrer Kollegen auseinander zu halten. Worum es ging, konnte ich nicht erkennen. Auf jeden Fall ging es lautstark zu. Mir fiel gleich eine Geschichte ein, die ich in den Nachrichten gelesen hatte. Über diese Sicherheitsfirmen. Keine unbeschriebenen Blätter. In dem Artikel erzählte ein Straßenjunge von seiner Misshandlung in einer Nacht durch solche Sicherheitsbeamten privater Firmen. Er hatte auf dem „Platz der Unabhängigkeit“ übernachtet – wie es viele Straßenjungen tun.
Eine Sicherheitsfirma hatte die Aufsicht für ein Gebäude, das in der Nähe dieses Platzes steht. Jedenfalls kamen die Sicherheitsbeamten plötzlich zu ihm und beschuldigten ihn des Diebstahls, was er natürlich abstritt. Daraufhin haben sie ihn verprügelt – mit ihren Schlagstöcken. Und zwar dermaßen, dass er heute als Krüppel leben muss, mit kaputten Beinen. Einen Rollstuhl kann er nicht bezahlen. Und „wer bezahlt schon für einen Straßenjungen?“ Nach der Tortur hätten sie ihn vor einem Krankenhaus abgeladen. Immerhin. Aber wer behandelt ohne Bezahlung? Straßenkinder würden sofort als Diebe und Abschaum abgestempelt. In vielen Fällen mag das mit dem Klauen zutreffen. Aber man muss sich des Hintergrunds bewusst sein. Warum leben diese Kinder auf der Straße?
Die Ferien sind mit dem heutigen Tage vorbei, die Kids schlendern wieder mit ihren braunen und blau-weißen Uniformen zur Schule. Die letzten Ferientage nutzte ich, mich intensiv mit Anita zu unterhalten. Wir hatten viel Gelegenheit, alleine zu sprechen und auch zusammen mit anderen, beispielsweise Epiphanie. Anita wat früher im Heim, bis sie die Chance hatte, aufs Internat zu gehen. Sie hat schon damals verstanden, dass es weiter gehen muss, dass das Leben im Heim nur ein Sprungbrett ist, das es zu nutzen gilt. Sie lernt sehr viel, ist ein sehr intelligenter Mensch und darüber hinaus eine sehr starke Persönlichkeit. Dabei ist sie gerade mal 16 Jahre alt. Ich habe großen Respekt vor ihr. Das sagte ich ihr auch. Im Heim, wenn sie ab und an zu Besuch kommt, ist sie wie eine große Schwester, Organisator, Hausaufgabenhilfe, Arbeitstier. Beinahe unheimlich.
Am Samstag fragte ich sie abends, was sie tagsüber so gemacht habe. Gelesen, gekocht, Englischaufgaben. Und geweint. Warum, wollte sie mir dann aber doch nicht sagen. Ich fragte auch nicht weiter. Es ist mir klar, dass ein so starker Mensch auch seine Phasen hat, in denen er schwach wird, weinen muss, weil ihn alles zu erdrücken scheint. Gestern Abend war sie wieder sehr nachdenklich. Im Internat gefalle es ihr nicht wirklich. Aber die zwei Jahre, die noch vor ihr liegen, werde sie durchziehen. Sie muss. Und sie will auch auf eine Art. Weil sie weiß, worauf es ankommt. Es fiel mir bei ihr, das gebe ich zu, schwer, die übliche – in Burundi sowieso – Distanz zu wahren. Ich habe so großen Respekt vor ihr, würde sie am liebsten (noch mehr) unterstützen. Aber mehr als sagen kann ich es ihr nicht. Ich denke, sie hat verstanden. Es fiel mir sehr schwer (immer noch), ihre Geschichte nicht zu sehr an mich heran zu lassen. Es ist eine Gefahr, sich zu sehr auf so etwas einzulassen. Emotional und mit dem Kopf. Diese Abgrenzung ist aber alles andere als leicht. Doch zum eigenen Schutz ist es besser. Leichter gesagt, als getan.
Im katholisch geführten Internat gefalle es ihr nicht wirklich. Vier Mal die Woche ist der Kirchenbesuch obligatorisch. Ein Mal zusätzlich dann freiwillig. Das liege Anita nicht. In der Zeit würde sie lieber etwas lesen, lernen. Ich kann sie verstehen. Noch zwei Jahre. Ich wünsche ihr, dass sie durchhält.
Mit Epiphanie habe ich mich ebenfalls unterhalten. Auf der einen Seite ist es – finde ich – wichtig, sich in die Köpfe der Kids hinein zu denken. Zu wissen, wie sie fühlen, was sie denken, was sie wollen, wovon sie träumen. Das macht die Arbeit effektiver. Auf der anderen Seite zehrt es sehr an einem selbst. Epiphanie ist 15 Jahre alt. Sie hat Eltern beider Ethnien, der Vater ist Hutu, die Mutter Tutsi. Als sich der Vater der Rebellengruppe (FNL) anschloss, bereute er, mit einer Tutsi verheiratet zu sein und beschloss, seine Söhne zu Guerilla-Kriegern auszubilden. Epiphanie wollte er an einen Freund verheiraten. Ich denke mal, um die „Schande“, ein Tutsimädchen zu sein, zu kompensieren. Die Mutter war natürlich nicht einverstanden und versteckte sie. Der Vater aber fand sie und ließ sie, um sie zur Heirat zu zwingen, von seinem Freund vergewaltigen. Daraufhin erfuhr die Mutter von unserem Heim und brachte sie zu uns. Die „Hochzeit“ ist nun abgewandt, Epiphanie kann wieder zur Schule. Aber sie ist ein sehr oft trauriges Mädchen, ich sehe sie meistens nachdenklich, den Kopf in beide Hände gestützt. Den Tränen nahe.
Von so einem Schicksal den notwendigen Abstand zu halten, ist alles andere als leicht. Vor allem, wenn man ihr gegenüber steht, sie einem in die Augen schaut und lächelnd fragt, wie es einem geht. Es gibt Situationen, in denen man das Gefühl hat, man wird von irgendetwas in einem selbst zerrissen. Machtlosigkeit. Aber was bringt es, in Tränen auszubrechen? Nichts. Weder einem selbst, noch dem, dem man eigentlich helfen will, für den man etwas tun will und auf eine bestimmte Art und Weise auch tut. Doch was sie erlebt hat, ist passiert. Rückgängig machen kann das keiner. Sie kann nur versuchen, so gut wie möglich damit klar zu kommen. Und wir können ihr dabei helfen. Auf der einen Seite mit psychologischer Hilfe, auf der anderen Seite damit, ihr Schutz zu bieten, Schulbildung – und Austauschmöglichkeiten. Doch, wie schon gesagt, ich muss – besonders in diesen Tagen – aufpassen, mich nicht zu verzetteln, mich zu sehr auf diese Dinge einzulassen.
Espérance (17 Jahre) kommt in letzter Zeit immer zu mir und will, dass ich Englisch mit ihr spreche. Gleiches Problem wie bei Anita: Sprechen und verstehen ist Seltenheit in der Schule. Ich gebe mir Mühe. Oft ist es auch lustig. Man mach viele Späße. Sie ist Anita sehr ähnlich – ein stolzes Mädchen, selbstbewusst, zielstrebig. Ich bin mir so gut wie sicher, dass aus ihr ebenfalls etwas wird. Sie hat begriffen, worum es geht. Allgemein bin ich der Meinung, dass unter den Mädchen im Heim dieses Bewusstsein stärker ausgeprägt ist als bei den Jungs – Ausnahmen bestätigen die Regel. Da gibt es Thierry, Emmanuel, Jimmy. Sie wissen, worauf es ankommt, lernen viel und legen sich ins Zeug. Bei vielen anderen aber steht nur Fußball und Rap im Vordergrund. Auf der anderen Seite denke ich mir: Wieso sollte die burundische Jugend anders sein als die in Deutschland? Ein Blick in deutsche Schulen zeigt doch sehr oft auch kein anderes Bild. Auch hier: Ausnahmen bestätigen die Regel. Doch ist es wichtig, gerade jetzt, in diesem Land, in dieser Situation, dass sich möglichst viele bewusst sind, was hier los ist. Auf diese Generation kommt es an. Sie müssen ihr Land nach den vielen Jahren der Krise aufbauen, noch dazu in diesem Land etwas werden und es zu etwas bringen. Wobei das eine das andere ja mit sich bringt, so oder andersherum.
Die Menschen zu Hause können – wie mir viele Nachrichten und liebe Worte immer wieder zeigen – vieles nachvollziehen, verstehen und mitfühlen. Doch nicht in vollem Umfang, nicht in vollem Maße. Das liegt in der Natur der Sache. Es gibt Dinge, die muss man erlebt haben, um mit ihnen richtig umgehen zu können. Jeder muss das auch nicht können und auch nicht wollen. Der mentale Zuspruch, die Unterstützung mit Kommentaren, mit Anteilnahme und auch viel, viel Unterstützung machen es uns hier oftmals leichter. Nicht leicht, aber leichter. Das ist wichtig, für mich sehr, sehr wichtig. Ich schöpfe daraus neue Kraft, mit manchen Dingen besser umgehen zu können. Allerdings muss auch ich Verständnis aufbringen, wenn ich manchmal nicht richtig oder vollständig verstanden werde.
Dennoch. Ich wiederhole mich zwar, doch das ist nicht verkehrt. Ich bin froh, hier zu sein, das alles erleben zu können. Weil es mich formt und prägt. In vielerlei Hinsicht. Es weckt einen Ehrgeiz in mir, der mir manchmal sogar selbst fast schon unheimlich erscheint. Meine Arbeit wird mit diesem Jahr in Burundi mit Sicherheit nicht zu ende sein. Zu viel ist in meinem Kopf, als dass ich damit abschließen, ja vergessen könnte. Ich habe hier eine kleine, große Familie gefunden, die einen Platz im Herzen hat. Ich sehe es als ganz klare Bereicherung. Dazu zählen nicht nur die Kids, dazu zählen auch Verena, Benoit, die Mitarbeiter der Fondation, viele, viele Menschen, die ich in diesem Jahr kennen lernen durfte, Martina und die Menschen von burundikids e. V. und die unzähligen, die mit so großem Interesse unsere Arbeit verfolgen und ihren wichtigen Beitrag dazu leisten.
Viele Gedanken…
April 13, 2007
Freitag, 13. April 2007. 13 Uhr. Ein von vielen Menschen gefürchtetes Datum. In Burundi ein regnerischer Tag. Seit morgens ist alles grau und bewölkt. Gegen Mittag setzte dann der Regen ein, der sich die ganze Zeit schon androhte. Die gesamte Nacht hat es gedonnert und geblitzt – allerdings weiter weg, in den Bergen. Ohne Regen.
Es ist einiges an Arbeit liegen geblieben, während die Frauentruppe zu Besuch war. Hinzu kommt nun das, was wir besprochen haben und angehen wollen. Ich bin bereits dabei, die ersten Dinge abzuhaken. Gestern Mittag besuchte ich Bénédicte von der WHO (Weltgesundheitsorganisation) in ihrem Büro. Ich wollte einige Kontakte von ihr, die sie mir auch gab. Eine sehr nette, junge Frau. Abends arrangierte Benoit noch ein Interview für mich. Um 20 Uhr. Gegen 21.30 Uhr bin ich dann nach Hause ins Heim und war ziemlich erschöpft. Von Mittwoch auf Donnerstag Nacht hatte ich nicht besonders viel geschlafen. Es war der letzte Abend der Frauen in Burundi, sodass wir ziemlich lange gemütlich beisammen saßen, die letzten Dinge besprachen, Erlebnisse austauschten und auch ziemlich viel Spaß hatten. Vor allem Marion bewies ihr Talent als Sängerin und Kabarettistin. Bei einigen ihrer Erzählungen hatten alle am Tisch tränen vor Lachen in den Augen. Sie ist die Organisatorin der Gala „Sommernachtsfrauen“ (www.sommernachtsfrauen.de), die am 8. Juni im Kölner Maritim-Hotel zugunsten burundikids veranstaltet wird. Ich wäre gerne dabei, so wie vergangenes Jahr. Dieses Mal muss ich mich leider mit einem Mitschnitt begnügen. Verena wird allerdings zu dieser Zeit in Deutschland sein und auf der Gala ein Interview geben. Ich denke, für die Leute, die unterstützen wollen, ist es eine sehr interessante Begegnung, mit der Frau zu sprechen, die hier alle Fäden in der Hand hält und täglich für so und so viele Kinder sorgen muss.
Außerdem konnte Martina die burundische Botschafterin in Berlin als Schirmherrin für die Gala gewinnen – eine wirklich tolle Sache. Sie hatten zusammen im Flugzeug gesessen auf dem Weg nach Bujumbura. Dort hatte die Botschafterin – eine sehr nette, aufgeschlossene und interessierte Frau – die Frauen angesprochen. So kam es auch zu einem Treffen hier im „Chez André“ und dem anschließenden Besuch in unserer Schule und dem Heim für junge Mütter. Anscheinend war die Botschafterin so angetan und gerührt, dass sie sich sofort bereit erklärte, auch zur Gala zu kommen und noch dazu ihren Namen dafür zur Verfügung zu stellen. Wie ich finde, ein ganz klarer Erfolg.
An dem Abend unterhielt ich mich auch mit Gabi Hahn, einer Lehrerin aus dem Örtchen Kall, von der Schule, die mit unserer eine Partnerschaft eingegangen ist. Brötchenverkauf, Spendensammeln aller Art und Aktionen stellen die Schüler und Lehrer dort auf die Beine – was ich sehr begeisternd finde. Sogar ein kleiner Bäcker in Kall gibt immer mittwochs ein extra „Burundi-Brot“ heraus – ansonsten liefert er die Backwaren, die die Schüler für die burundikids verkaufen. Es ging mir beim Gespräch mit Gabi darum, was man den Schülern auf irgendeine Art zurück geben könnte. Wie man die Partnerschaft intensivieren kann, wie man motivieren kann. Ich denke, das Gespräch wird noch Früchte tragen.
Helena, die Tochter einer guten Freundin Marions, sagte, sie würde am liebsten noch bleiben. Allen Frauen ging es so. Die Zeit ging auch – wie immer – viel zu schnell vorbei. Ich denke, sie konnten dennoch sehr viele Eindrücke mit nach Hause nehmen und hoffe auch darauf, dass sie diese weiter transportieren und vermitteln. Bei allen, ausnahmslos, hatte ich aber das Gefühl, dass es ihr Interesse für Burundi erst recht noch zusätzlich angefeuert hat.
Im Laufe der Woche hatte ich die Gelegenheit, mit einigen burundischen Ärzten – oder Deutschen, die in burundischen Kliniken arbeiten – zu sprechen und auch die Krankenhäuser zu besichtigen. Was sich mir da zeigte, lässt einen ein Mal mehr grübeln. Die Zustände sind einfach miserabel. Alleine auf diesem Gebiet gibt es so vieles, was man tun könnte. Was man tun müsste. Aber wo anfangen? Die Intensivstation des Universitätskrankenhauses roch unangenehm. Die Menschen lagen in den Betten nur mit einfachen Duschvorhängen voneinander getrennt. Daneben standen Angehörige, die sich um die Kranken kümmerten. Wie es eben hier üblich – und erforderlich – ist. Die Hoffnungslosigkeit wird bei einem Interview mit dem Krankenhausdirektor deutlich.
Am Mittwoch konnte ich wieder meine Jungs im Straßenkinderheim besuchen und Englischunterricht geben. Martina hatte von einer lieben Spenderin einige Bücher und Aufgabenhefte mitgebracht. Den Jungs konnte ich endlich auch ihre lang versprochenen Wörterbücher Englisch-Französisch aushändigen. Strahlende Gesichter. Ein kleiner Fortschritt im Lernen. Es macht einfach glücklich und lässt sich nur schwer beschreiben, was in einem selbst vorgeht in einer solchen Situation. Auch mit Anita und Ephemie (16 Jahre) lerne ich mit den neuen Materialien Englisch. Anita lernt und fragt nebenbei auch immer noch deutsche Vokabeln und Sätze, die sie in einer Geschwindigkeit lernt und korrekt aussprechen kann, dass es mir die Sprache verschlägt. Sie scheint Talent dafür zu haben.
Eine kuriose Situation erlebte ich beim Englischlernen mit Ephemie. Ich hatte ihr aus dem Aufgabenheft einige Seiten kopiert, die sie innerhalb eines Tages verschlang und größtenteils auch richtig lösen konnte. Bei einer Aufgabe war ein Brief lückenhaft gedruckt. Es waren an manchen Stellen Wörter ausgelassen und in Bildern dargestellt, sodass man das richtige Wort finden und hineinschreiben sollte. Was ist „ice-cream?“ fragt sie mich. Tja. Und auch „popcorn“ musste ich mit einigen Schwierigkeiten erklären. Wir saßen bis nach Mitternacht zu dritt zusammen, bis zum Schluss nur noch Vokabeln in unseren Köpfen kreisten und wir uns auf den nächsten Tag verabredeten.
Lena
Lena wird nächsten Freitag wieder nach Burundi fliegen. Vier Wochen war sie nun zu Hause in Deutschland. Pause machen, eine Auszeit nehmen, neue Energie tanken. Anfang März hatte sie gesundheitliche Probleme – körperlich –, worauf sie Medikamente bekam. Die waren recht stark, sodass sich mit der Zeit eine Veränderung bei ihr bemerkbar machte. Und zwar psychisch. Vieles machte ihr zu schaffen, sie begann zu zweifeln, ob sie hier überhaupt gebraucht werde und ihre Arbeit Sinn mache. Ich merkte, dass etwas im Kopf bei ihr nicht mehr stimmte. Ausgelöst von den Nebenwirkungen der Medikamente, so denken wir alle.
Das Beispiel zeigt, dass es eben doch nicht ganz ohne ist, sich auf ein solches Land mit einer solchen Situation einzulassen. Lena entschied ziemlich schnell, dass sie nach Hause wolle. Nicht für den Rest des Jahrs, quasi ein Abbruch, sondern nur zur Erholung. Also buchten wir ein Ticket, in dem der Rückflug gleich inbegriffen war: 20. April. Sie hatte kaum die Entscheidung gefällt, schon ging es ihr wesentlich besser. Sie konnte wieder lächeln, sprach anders über die Situation hier, konnte vernünftige Überlegungen anstellen. Einfach eine Auszeit, um abzuschalten, runter zu kommen, aufzutanken, um dann mit neuer Energie wieder hier her zu kommen.
Ich habe diese Info lange zurück gehalten. Doch nun will ich sie mitteilen. Nicht etwa, um zu unterstreichen, was für tolle Leute wir doch sind, die so etwas Schwieriges hier auf uns nehmen. Sondern einfach nur, um aufzuzeigen, dass es fürwahr nicht immer ganz leicht ist, was man sieht, hört und erlebt. Dass es Dinge gibt, an denen man manchmal zu nagen hat, über die man sich den Kopf zerbricht, ohne zu einer Lösung zu kommen. Und dass das oft Dinge sind, die sich auch nur schwer verarbeiten lassen. Ich glaube, dass wir diese Gedanken auch noch eine ganze Weile in Deutschland mit uns tragen werden. Man kehrt körperlich innerhalb zweier Tage zurück in eine vollkommen andere Welt. Doch der Kopf ist bei Gott nicht so schnell. Das Fell hier in Burundi wird dicker und dichter. Ein Schutzmechanismus. Aber bei Weitem ist das Fell nicht undurchlässig. Selbst bei Verena, die seit 35 Jahren in Burundi lebt und wirklich jedes Elend kennt, habe ich manchmal das Gefühl, dass es Dinge gibt, über die sie sich den Kopf zerbricht, die ihr schlichtweg zu schaffen machen. Ein jeder hat seine eigene Art, damit umzugehen. Manchmal erfolgreich, manchmal eben weniger. Auch oder besonders wir vier Freiwilligen.
Gestern erfuhr ich, dass der kleine Raoule (zehn Jahre) aus dem Heim will. Mir fiel auf, dass er in den vergangenen Tagen ruhiger wurde, beinahe einen gelangweilten Eindruck machte. Heimleiterin Clothilde versuchte, ihn zu überzeugen, dass er besser bleiben und weiterhin zur Schule gehen solle. Er wollte es direkt von Verena hören. Kommt in ihm der Junge heraus, der in einem Rebellenlager lebte? Der Freiheiten gewohnt war, ein vollkommen anderes Leben als er jetzt hat? Was geht in ihm vor? Raoule hatte sich im Heim bestens entwickelt. Ein fröhliches Kind, so hatte es den Anschein. Aber hier kommt genau dasselbe Thema zum Vorschein: Kann man das Gesehene, Erlebte, Prägende einfach so vergessen? Ich hoffe, es ist nur eine kurze Phase. Und er kommt am Sonntag Morgen wieder zu mir und fragt mich mit leuchtenden Augen, ob ich mit ihm Karten spiele.
Das Leben mit den Kindern
April 11, 2007
Mittwoch, 11. April 2007. 11.15 Uhr. Das Leben mit den Kindern wird – logischerweise – mit der Zeit immer intensiver und näher. Gerade jetzt in den Schulferien wird mir das sehr deutlich bewusst. Ich habe in den vergangenen Tagen absichtlich etwas mehr Zeit mit den Jungs und Mädchen verbracht. Weil ich einfach das Bedürfnis hatte, mehr mit ihnen zusammen zu sein. Dass dann andere Arbeit liegen bleibt, ist klar. Aber mir ist es das wert. Außerdem möchte ich hier nicht zum Bürokraten und Aktenhengst mutieren, sondern weiterhin mitten im burundischen Leben stecken. Außerdem macht es Spaß, bei den Kids zu sein. Wir gehören, und ich denke, ich habe nicht nur das Gefühl, zur Familie.
Gestern Nachmittag bin ich von der Arbeit früher nach Hause ins Heim. Anita saß alleine da und schaute den Jungs beim Fußball zu. Sie war früher im Heim, ist dann aber aus freien Stücken aufs Internat gegangen. Anita ist 16 und sie ist ein Mädchen, das spürt man sofort, die weiß, worauf es ankommt. Sie lernt viel, spricht – wie ich nun aus ihr herausquetschte – gut Englisch. Jetzt in den Ferien lernt sie Deutsch. Sie ist zielstrebig und gibt diese Einstellung und Denkweise auch an die anderen Kids im Heim weiter. Nach dem endgültigen Test in der Schule will sie studieren. Wahrscheinlich Medizin – wenn sie es schafft, sagt sie. Aber ich denke, sie hat das Zeug dazu. Am Nachmittag jedenfalls unterhielt ich mich lange mit ihr. Wir kamen dann auf die Internetseiten von burundikids e. V. zu sprechen. Sie war interessiert und ich schlug vor, ihr die Seite zu zeigen und ihr zu erklären. Also schlappten wir zum „Chez André“, wo ich ihr Martinas Seiten zeigte. Sie hat schon seit Langem Mailkontakt zu Sabine Höroldt, einer Fotografiestudentin aus München, die ebenfalls schon einige Male im Heim zu Besuch war – jeweils für einen Monat. Sabine hatte Anita das Internet beigebracht, dass sie in Kontakt bleiben können. Das finde ich gut und wichtig. Der berühmte „Blick über den Tellerrand“, wie es so schön heißt. Der sollte auf beiden Seiten gegeben sein.
Die Burunder auf der Straße schauten uns interessiert (oder verwundert?) an. Mir war es beinahe schon unangenehm. Was sie wohl dachten? „Was will dieser Muzungu mit dem Mädchen?“ Oder umgekehrt: „Was macht die mit diesem Muzungu?“ Anita schien es egal zu sein. Stolz marschierte sie an allen vorbei und ließ sie links liegen. Ihre Ausstrahlung hat schon etwas Erhabenes, etwas Stolzes und Selbstbewusstes. Bewundernswert. Wir unterhielten uns darüber, ob und wie sie Englisch in der Schule lernt. Das Problem, meint sie, sei, dass sie zwar viel lesen und schreiben, gesprochen würde jedoch sehr wenig. Ich schlug ihr daraufhin vor, nur noch Englisch mit ihr zu sprechen. Zuerst genierte sie sich, aber dann klappte es. Und zwar sehr gut. Doch bei jedem Lob versteckt sie ihr Gesicht hinter ihren Händen und lacht.
Etwas später, wieder im Heim zurück, ging ich zu Heimleiterin Clothilde, die am Eingang des Mädchenhauses stand und sich mit einigen der Größeren unterhielt. Fébronie, Dorine und Rose. Ich stellte mich dazu, hörte erst einmal zu, was gerade Thema bei den Frauen ist. Anita gesellte sich schließlich auch dazu. Es ergab sich eine witzige Gesprächsrunde, die Mädchen stellten viele Fragen über Deutschland, die Jugend dort, mich, Gott und die Welt. Clothilde fungierte als Dolmetscher von Kirundi ins Französische und umgekehrt. Rose wollte wissen, ob Jerusalem bei uns in der Nähe sei. Ich musste lachen und sagte, dass sie wahrscheinlich näher dran sei als Deutschland, was sie verwunderte. Sie werde da mal hingehen, sagte sie fest entschlossen. Ob man bei uns auch trommle wie in Burundi? Leider nein, sage ich. Leider.
Die Mädchen im Heim sind mittlerweile sehr zugänglich und offen. So lange, wie es am Anfang gedauert hat, ihre Zurückhaltung zu überwinden, umso offener ist es jetzt. Mit den Jungs klappte es von Anfang an, doch ich muss sagen, in dieser Hinsicht haben die Mädchen die Jungs nun überholt. Ich habe den Eindruck, bei den Mädchen gehen die Gespräche, die Gedankengänge, die Fragen und Überlegungen weiter als bei den Herren der Schöpfung. Woran das liegt, kann ich im Moment (noch) nicht sagen. Aber es ist Fakt. Natürlich ist auch immer viel Spaß und Faxen dabei. Da Rose beispielsweise nur Kirundi spricht – und das dazu noch in einem Tempo, bei dem einem schwindlig wird – und mich ab und an damit ärgert, mich damit voll zu tratschen, drehe ich den Spieß um und antworte ich nur auf Deutsch. Großes Gelächter um uns herum, aber wir haben es fertig gebracht, fünf Minuten miteinander zu reden, ohne dass der andere etwas von dem verstand, was man sagte. Eine witzige Sache.
Kommt ihr wieder? Mit der Frage habe ich jetzt noch nicht gerechnet. Es ist gerade mal Halbzeit in Burundi. Und ich will auch gar nicht so viel darüber nachdenken. Natürlich werden wir wieder kommen. Ich weiß nur nicht, wann und für wie lange. Aber vergessen kann man das alles nicht. Ich habe das Gefühl, dass die Kids sich besonders um mich „kümmern“ wollen, weil sie wissen, dass ich keine Geschwister habe, sondern Einzelkind bin. Aber momentan habe ich ja 65 Brüder und Schwestern. Epiphanie sagte, sie wird mit mir mitkommen, wenn ich nach Deutschland zurück gehe. Notfalls zu Fuß, sagt sie. Ich muss schmunzeln, sie auch, aber im Nachhinein wird mir bewusst, wie viel in dieser im ersten Moment süßen und witzigen Aussage steckt. Mit Anita rede ich Englisch. Wenn sie in Versuchung kommt, wieder auf Französisch anzufangen, stelle ich mich blöd und sage, ich würde nichts verstehen. Also auf Englisch weiter. Und es klappte sehr, sehr gut. Dann kam das Essen. Ich sagte, ich werde auch was essen und danach würde ich wieder rüber kommen zum Weitertratschen.
Nach dem Essen kam ich also wieder. Rose war gerade dabei, Bohnen für den nächsten Tag zu sortieren, die schlechten heraus zu picken. Anita stand mit einem Becher Wasser auf der Terrasse des Mädchenhauses, andere – Dorine, Salma, Fébronie und Claudine – übten traditionelle burundische Tänze. Ich mag es, dabei zuzusehen, die Tänze sind wirklich klasse und ich muss sagen, unsere Mädels beherrschen es schon gut. Clothilde kennt es aus ihrer Kindheit und tanzt auch nach wir vor. Sie gibt die Tradition an die Kids weiter, was ich sehr gut finde. Gelacht wird dabei immer genug. Aber dass ich als Zuschauer da stehe, ist mittlerweile kommentarlos akzeptiert. Neben mir steht die kleine Géraldine und grinst.
Anita und ich plaudern noch bis 23 Uhr, dann ist Schlafengehenszeit – für alle. Epiphanie und Pamela (14 und 13 Jahre) stehen auch dabei, Anita übersetzt immer für sie. Epiphanie ist am Lernen, Pamela lauscht bei allen Gesprächen aufmerksam. Die Kids frieren ein wenig, es hatte am Abend ein wenig geregnet. Ich stand zwar noch im T-Shirt da und fand es ganz angenehm, aber für die Burunder ist es schon zu kalt. Dann verabschiede ich mich aber, dass die Kids ins Bett konnten. Morgen sei auch noch ein Tag – auch wenn die Gesichter mir sagten, dass sie gerne noch weiter tratschen würden. Aber irgendwann muss man ein Ende finden.
Heute Morgen musste ich eine riesige Tonne voll Wäsche waschen – was alles liegen blieb die vergangenen Tage. Danach spazierte ich kurz auf dem Gelände herum, schaute, was die Kids so treiben. Anita saß da mit einem Block vor sich auf dem Tisch. Darauf fanden sich englische Wörter und einige deutsche daneben. Ich bin begeistert, was sie alles lernt. Einige deutsche Vokabeln wusste sie nicht und bat mich, sie ihr aufzuschreiben. Ich bin mir sicher, dass wenn ich heute Abend zurück ins Heim komme, sie alle gelernt hat und sprechen kann.
Heute Abend kommt auch wieder die Frauentruppe zurück nach Bujumbura. Sie sind gestern Morgen aufgebrochen, eine Landfahrt zu machen und die Projekte im Osten, in Muyinga, zu besuchen. Ich bin gespannt, was sie erzählen – es ist nämlich noch mal etwas anderes als Bujumbura. Da Maries Eltern ebenfalls mit gefahren sind und Marie auch, musste ein größeres Auto her. Benoit, Verenas Mann, hat dafür einen kleinen Bus organisiert mit über 20 Plätzen. Das war die Gelegenheit, auch einige Kids mitzunehmen, die aus den nördlichen und östlichen Regionen stammen, eben aus den Dörfern, Städten und Siedlungen, die auf der Route liegen. Sie haben somit die Chance, eventuelle Bekannte, Freund oder sogar Verwandte zu besuchen. Das Rückgeld für den Bus hat ihnen Verena ausgehändigt. Aus unserem Heim sind Languide, Espérance und Fulgence mit gefahren. Ich freue mich für sie.
Die Frauentruppe
April 9, 2007
Montag, 9. April 2007. Ich komme kaum dazu, Tagebuch zu schreiben, dafür passiert so vieles. Heute Morgen traf ich zum ersten Mal die burundische Botschafterin aus Berlin, die sich zurzeit in Bujumbura aufhält. Sie war im gleichen Flieger wie Martina und die Frauentruppe angereist. Heute war sie im „Chez André“, trank Kaffee mit Martina, Ursula (Meissner) und mir und nun ist die gesamte Gruppe im Viertel Kajaga, unsere Schule besichtigen und danach noch das Mütterheim in Kamenge.
Als ich am Samstag aus dem Kongo zurück kam, waren Martina und Co. bereits im Kinderheim. Da waren Ursula, die schon eifrig am Fotografieren war, Gabi Hahn von der Hauptschule Kall, die eine Partnerschaft mit unserer burundischen Schule pflegt, Ele, eine Chirurgin aus Köln, Marion, die Organisatorin der Gala „Sommernachtsfrauen“ – die im Übrigen am 8. Juni erneut zugunsten burundikids e. V. in Köln stattfinden wird – und Helena, die Tochter einer Freundin und Bekannten von Marion und Martina, die Kommunikationsdesign studiert. Darum herum sprangen unsere Kids. Auf die hatte ich mich im Übrigen sehr gefreut. Wieder überkam mich das Gefühl, „nach Hause“ zu kommen.
Nach einer kurzen Begrüßung ging es ab auf die Terrasse, wo die Mädchen und Jungs ihre obligatorischen Tanzkünste aufführten – was ein Mal mehr auf große Begeisterung stieß. Besonders Marion zeigte ihre Begeisterung. Als Sängerin und Schauspielerin hat sie ohnehin ein Faible dafür, also klatschte, sang und wippte sie ohne zu zögern mit. Zum großen Spaß der Kids. Die Stimmung ist gut.
Soweit möglich werden wir in den kommenden Tagen einiges besprechen. Einiges steht an, einiges muss angesprochen, vielleicht auch gleich beschlossen werden. Schwierig natürlich, in einer solch großen Gruppe. Ich versuche dennoch, mich mit jedem zu unterhalten und einen Eindruck zu erhalten. Bislang klappt das ganz gut. Nur ist die Zeit bis zum Abflug am Donnerstag eben viel zu kurz. Es muss ja dennoch nicht das letzte Treffen gewesen sein. Besonders intensiv und ein sehr effizientes Gespräch hatte ich gestern Vormittag mit Ursula. Das hat mich schon einmal mehr weiter gebracht. Auch mit Chirurgin Ele. Weitere folgen – mit, so hoffe ich, jeder einzelnen der Damen.
Ausflug in den Kongo
April 9, 2007
Sonntag, 8. April 2007. 17 Uhr. Ostersonntag. Zwei ereignisreiche, spannende und interessante Tage habe ich hinter mir gelassen. Ich war in dem Land, von dem ich schon so vieles gehört und gelesen habe. Meist nichts Gutes. Meist negative Schlagzeilen. Gewalt, Armut, Krieg. Kongo. Mein Freund Marco bot mir an, mich dort einigen Kollegen vorzustellen, die bei der Monuc arbeiten, der Truppe der Vereinten Nationen, die dort stationiert sind. Was ich in den beiden Tagen aufschnappen konnte, war jedoch mehr als zwei interessante Menschen.
Zuerst dachte ich, die Deutschen seien die Weltmeister in der Bürokratie. Weit gefehlt. Ich glaube, die Kongolesen haben sie erfunden. Aus der Not heraus, versteht sich. Gegen 14.30 Uhr packe ich meinen kleinen Rucksack, Notizblock und Kamera in den Kofferraum des kleinen grünen Jeeps. Wir fahren bei einer Kollegin vorbei, die zusteigt, dann geht es los. Zuerst in Richtung Stadtviertel Gatumba, wo sich unsere Schule befindet, dann weiter bis zur Grenze zwischen Burundi und dem Kongo. Die Straße ist gut geteert und schnell befahrbar. Links und rechts Sumpfgebiet, viel Papyrus wächst dort. Am Straßenrand reges Treiben, viele Menschen, die Lasten mit ihren Fahrrädern oder auf dem Kopf transportieren. Unsere Route führt direkt auf die hohen, grünen Berge des Kongo zu. Das Panorama könnte schöner nicht sein. Die Sonne gibt volle Kraft, ohne runtergekurbelte Scheibe ist es kaum erträglich. Die Musik aus dem Radio gibt den Rhythmus vor.
Dann treffen wir an einem burundischen Grenzposten ein. Mit dem Reisepass in der Hand gehen wir in ein kleines, herunter gekommenes Büro. An der Wand ganz oben thront Präsident Nkurunziza, golden umrahmt. „Präsident der Republik Burundi und Oberbefehlshaber der Streitkräfte“. Er schaut ernst. Ausnahmsweise mal im Anzug. Nicht in der Sportjacke. Vor mir sitzt der Grenzbeamte in Hemd und Anzugshose. Er grinst und schaut gleichzeitig erwartungsvoll. Die ersten beiden Knöpfe hat er offen gelassen. Ohnehin gibt er sich sehr leger. „Ihr fahrt in den Kongo?“ Zu jedem der Pässe gibt er einen Kommentar ab. Er bestätigt damit meinen Eindruck, dass bei den Burundern nichts ohne Diskussion abläuft. Sei es, wenn sie etwas kaufen, Taxi fahren, eine Rechnung im Restaurant vorgelegt bekommen – oder eben Pässe von Weißen sichten. „Aha. Mhm. Oh, Sie sind deutsch? Warum sind die Deutschen so selten geworden?“ Ich lache, er steigt ein. Dann zückt er ein Buch mit karierten DIN A4-Blättern und beginnt, in die vorgezeichnete Tabelle zu kritzeln. „Z-I-S-E-R“. Mein Beruf? Freiwilliger. Wo es denn genau hingehen soll und wie lange. Ich gebe jede Auskunft, die er haben will. Nächster.
Nach etwa zehn Minuten ist die Sache geritzt, wir haben einen kleinen Stempel im Pass, der uns die Ausreise bescheinigt. Kaum sind wir wieder im Auto und wollen passieren, ruft ein anderer Grenzbeamte etwas in der Landessprache. Der andere an der Schranke schiebt den Balken wieder zurück in seine Verankerung. Wir bräuchten noch ein Blatt Papier für das Auto, weil es zollfrei nach Burundi gebracht wurde, wie die weiße Schrift auf rotem Grund des Nummernschilds verrät. 12.000 FB Gebühr. Dann freie Fahrt. Zuvor müssen wir den Jeep noch zurück setzen, weil der Chinese im Cockpit des großen, grünen Lkw wild gestikuliert, dass er durch wolle. Er kommt gerade vom Kongo. Auf der langen, offenen Ladefläche sind Gasflaschen notdürftig verschnürt. Es klappert als er den Posten passiert. Der Chinese grinst. Ich halte mir die Ohren zu. Schließlich passieren wir die Schranke, fahren über eine Metallbrücke – und befinden uns auf dem folgenden Kilometer in Niemandsland.
Eigentlich ist die sandige und mit Steinen übersäte Piste kongolesisches Gebiet. Den Sinn und Zweck der zwei großen Container am Straßenrand kann ich nicht erfahren. Da man aber bereits den burundischen Grenzposten passiert hat, den kongolesischen jedoch noch nicht, steckt man quasi in einer Wüste, in der sich keiner zuständig fühlt. Links und rechts: Sumpf. Wie ich später erfahre, ist Christian, einer der Monuc-Mitarbeiter, die ich kennen lernen sollte, dort einmal stecken geblieben. Da er ziemlich spät dran war, wurden auf beiden Seiten die Grenzen dich gemacht. Weder auf burundischer, noch auf kongolesischer Seite war mehr Durchgang. Er rief damals die Security der Monuc, die ihn dann in den Kongo begleiten mussten und auf das Auto aufpassen. Denn er selbst durfte durch die Grenze, das Auto jedoch nicht – aus welchen Gründen auch immer. Jedenfalls ist es Fakt, dass ein Auto, das in diesem Streifen über Nacht steht, dort mit Sicherheit nicht lange an einem Stück bleibt.
Wir kommen an den kongolesischen Grenzposten. Man spricht hier Suaheli, kein Wort Kirundi ist mehr zu hören. Es ist reger Betrieb, einige Menschen sitzen im Schatten zweier großer Bäume. Etwas weiter ab vom Schuss sehe ich eine kleine Hütte, vor der es sich Soldaten gemütlich gemacht haben. Wir gehen in ein kleines Zimmerchen, in dem vier Grenzbeamte sitzen. Drei Männer, eine dicke Frau. Das Fenster am Ende des winzigen Raums ist offen für den Durchzug. Auch hier die obersten Hemdknöpfe offen. Aber dennoch schick. „Aha. Deutsch. Wo soll es hin gehen?“ Derselbe Fragenkatalog wie auf burundischer Seite. „Heiß ist es bei uns, nicht wahr?“ grinst er mich an, wobei ich das Gefühl habe, dass er mehr schwitzt als ich. Dann blättert er meinen Pass durch. Drei Mal. Zwischendurch schaut er noch aus dem Fenster, macht Witze mit einem seiner Kollegen. Parallel zu uns fertig die Grenzbeamtin andere durch ein Gitterfenster ab. „30 Dollar fürs Visum.“ Die grünen Scheine – die gegen das einheimische Geld aussehen wie Monopolywährung, verschwinden in seiner Hosentasche. „Visum gültig für sieben Tage“. Dass das genau so viel kostet, wie wenn man nur zwei Tage bleibt, ist ihm recht egal. Dann zückt auch er das Buch mit den karierten Blättern und der Tabelle. Er ist jedoch langsamer und noch diskussionsfreudiger als sein burundischer Kollege. Ein Witzbold, wie es scheint.
Dann verschwindet er wenige Minuten im Zimmer, auf dessen Tür „Chef de Poste“ steht. Als er zurück kommt, drückt er uns grinsend die Pässe in die Hand und wünscht uns einen schönen Aufenthalt. Wir verabschieden uns per Handschlag, gehen zur Tür hinaus, wo schon ein anderer Grenzbeamter auf uns wartet. „Hier hinein, bitte“. Das blau gestrichene Zimmer ist von derselben Größe wie das erste, nur sitzen hier nur zwei. „Wo soll es denn hingehen?“ „Aha, deutsch“. Blättern im Pass, ein Din A4-Buch mit karierten Blättern. „Z-I-S-E-R“. In diesem zweiten Zimmer wird bestätigt, dass man im ersten sein kongolesisches Visum abgeholt – und bezahlt – hat. Gebühr fürs Auto: 15.000 FB. Plus Versicherung fürs Auto: 50 Dollar, was jedoch auch anders gelöst werden kann. Dann dürfen wir auch hier wieder unsere Pässe nehmen und das Zimmer verlassen. „Hier herein, bitte“, sagt der dritte und zeigt auf einen kleinen Pavillon. Impfausweise sind sein Interesse. Zu dumm, dass ich meinen vergessen habe. Wir versuchen, nicht auf den älteren Mann einzugehen und marschieren zügig aufs Auto zu. Als wir einsteigen, brennt draußen eine Diskussion. Ein anderer kommt ans Fenster und fragt, wo das Problem liege. Wir behaupten, der andere wolle bloß Geld und wir wollten nun endlich fahren. Die muskulöse Type an der Schranke weiß nicht so recht, was er tun soll. „Aufmachen“, befiehlt der Beamte am Autofenster, „Nein, Ausweise“, schreit der Alte. Die Schranke ist halb offen und gerade als ein weiterer Ruf von hinten kommt, will der Muskelprotz sie wieder zuschieben. Wir sind jedoch schon fast durch, geben noch mehr Gas, sodass er letztendlich Durchfahrt gewährt. Illegal im Kongo? Ich habe wieder dazu gelernt. Immer, wirklich immer in Afrika den Impfausweis mitnehmen. Es erspart einem Stress. Und viel Geld. Vielleicht sogar einen Tag.
Endlich im Kongo. Auf den ersten Blick sieht es aus, wie in einem armen burundischen Dorf auch. Lehmhütten, viele Kinder, Menschen, die im Schatten sitzen. Die Piste ist ein Mal mehr unglaublich. Steine, Sand, Hügel, dass ich mir mehrmals den Kopf an der Autodecke anstoße. Wer sich den Scherz erlaubt hat, nach etwas Hundert Metern ein Schild „Attention! Speed Bumps!“ aufzustellen, weiß ich nicht. Von den Bremshügeln war nichts mehr zu sehen. Die ganze Straße ist ein einziges Verkehrshemmnis. „Muzungu!“ dringt es durch die Scheibe. Hinter uns eine Staubwolke. Ich fühle mich, als würde ich im Sitz festkleben.
Nach wenigen Kilometern, wir sind noch nicht einmal in der Innenstadt, sind wir schon da. Links von uns erstreckt sich der Tanganyikasee in einem astreinen Blau. Die burundischen und die kongolesischen Hügel liegen sich gegenüber. Grün und überragend. Der Wächter öffnet ein mit Bambus verziertes Tor und grinst. Wir sind bei unseren Freunden und Kollegen angekommen. Ich spüre schon, dass hier ein anderer Wind weht. Ich bin zwar nicht weit von Burundi entfernt, dennoch scheint es mir wie eine andere Welt. Vielleicht nur eine Momentaufnahme, aber der Geruch ist anders, die Luft, die Stimmung, hier in Uvira, einem kongolesischen Nest mit 60.000 Einwohnern in der Region Süd-Kivu, ganz im Osten des riesigen Kongo. Wir parken direkt vor dem Eingang des kleinen, weißen und gemütlichen Gebäudes. Christian ist der Erste – nach dem Torwächter –, der uns begrüßt. Er ist 32 und kommt aus Köln. Dann treffen wir auf Thierry, der aus dem Elsass stammt. „FBI“ steht auf seinem Shirt, grinsend und in perfektem Deutsch begrüßt er mich. Eine sympathische Erscheinung. Vom ersten Moment an.
Wir legen unser Zeug ab und marschieren direkt durch auf die Terrasse hinterm Haus. Von hier aus blickt man direkt auf den See, der nach 30 Metern beginnt. Eine Bambushecke grenzt das sandige Grundstück ein. Wir trinken kalte Cola, dann lerne ich noch Patient kennen, ein kongolesischer Mitarbeiter und Freund Thierrys. Musik schallt aus einem Notebook, am Strand sind Fischer zu Gange und Kinder baden nackt. Einige Frauen transportieren in großen Gefäßen auf dem Kopf Kies ab. Links von unserem Haus befindet sich ein kleiner Posten der Monuc, die Wachtürme überragen alles.
Wir halten uns nicht lange auf, da fahren wir schon weiter in die Stadtmitte. Ein Fußballspiel steht an zwischen Soldaten der Monuc – im Süd-Kivu ausschließlich Pakistani – und der kongolesischen Armee. Die Hauptstraße von Uvira ist ein Teerteppich, der an manchen Stellen gerade mal zwei oder drei Meter breit ist. Viele Motorräder sind unterwegs, Fußgänger und Radfahrer. Sehr eng, ich bewundere Thierrys Fahrkünste – und seine schnelle Reaktion. Was ich sehe, ist Armut. Die Aufschriften und selbst gemalten Werbezüge, die beschreiben, was man im jeweiligen Häuschen finden kann, sehen noch recht neu aus. Alles andere jedoch nicht. Verwittert? Alt? Krieg? Alles zusammen. Nicht unbedingt der Ort, an dem man sich wohl fühlen kann. Thierry hupt. Nach einer Weile biegen wir nach rechts ab und fahren den Hügel, an dessen Fuß Uvira liegt, hinauf. Nach einigen Hundert Metern sind wir da. Eine Menschenmasse umzingelt das Fußballfeld, das mich eher an Beach-Volleyball erinnert. Kaum werden wir gesehen, kommt ein pakistanischer Soldat auf uns zu, schüttelt jede Hand und begleitet uns zur Tribüne. Er scheint so etwas wie ein Kommandant zu sein, zumindest tun alle anderen Soldaten der UN das, was er sagt. Und eskortieren auch zwei, drei „normale“ Soldaten, jeder von ihnen ein Maschinengewehr in der Hand. Die Stimmung ist hier eine andere. Man fühlt sich beinahe wie in einem Kriegsgebiet. Zumindest wie in einem Krisengebiet.
Unter einer Zeltplane sitzen weitere Pakistani. Alle mit der hellblauen Schildkappe der Vereinten Nationen, pakistanischer Tarnuniform, auf deren Ärmeln die Zeichen der UN und die grün-weiße Flagge mit dem weißen Halbmond mit Stern von Pakistan genäht sind. Weitere stehen um das Spielfeld herum verteilt. Neben ihren kongolesischen Kollegen. Oder Gegnern? Ich glaube, es ist irgendetwas dazwischen. Die Kongolesen tragen olivgrüne Uniformen. Rote Abzeichen auf Schultern und Ärmel. Die Barette sind ebenfalls rot. Sie tragen Kalaschnikows. Ihr Blicke sind alles andere als einladend. Ich denke an die burundischen Polizisten und Soldaten, die auch durchaus mal grinsend grüßen. Das scheint mir hier ausgeschlossen. Es fällt mir schwer, mich auf das Spiel zu konzentrieren, während dessen sich 22 Mann in der glühenden Hitze abmühen. Dennoch folge ich der Truppe, an deren Spitze der pakistanische Kommandant voranschreitet. Wir müssen auf der Ehrentribüne Platz nehmen, ansonsten seien die Pakistani beleidigt, wird mir gesagt. Dort finden sich Kongolesen, aber mehr pakistanisches Militär. Ein Pakistani in traditionellem weißen Gewand, kurzem Vollbart und Käppchen streckt mir ein Holztablett entgegen, auf dem ein weißes Deckchen ausgebreitet ist und auf dem er kalte Getränke serviert. Er ist eine sympathische Erscheinung. Das kalte Wasser mit Fruchtsaft schmeckt und tut gut auf der staubigen Kehle.
Rechts vor mir sitzt ein – wie es scheint – hochrangiger kongolesischer Militär. An seinem roten Barett ist ein goldener Löwe als Abzeichen angeheftet. Er ist in das Spiel vertieft, jedoch ganz ruhig, ganz im Gegensatz zu seinem Landsmann neben ihm. Links neben ihm nimmt der bärige UN-Kommandant mit Sonnenbrille Platz. Ein merkwürdiges Bild. Zu leise hört man den Spielkommentator. Ein dicker Kongolese, der an einem kleinen Tischchen mit einem Mikrofon vor sich sitzt und versucht, die Geschehnisse auf dem Feld in Worte zu fassen. Wirkliches Interesse scheint er aber keines zu finden. Auf der kleinen Mauer links und rechts neben der Tribüne sitzen unzählige pakistanische Soldaten in Uniform und blauem Käppi. Jeder zweite schwingt in seiner Hand ein kleines Fähnchen seines Heimatlands. Gegenüber der Tribüne, auf der anderen Seite des Spielfelds, steht die Anzeigetafel, auf der mit Kreide der Spielstand mit „0:1“ angegeben ist. Darüber wehen die pakistanische und die Flagge der UN. Wo ist die kongolesische? Schaut man über die Flaggen hinweg, sieht man Bujumbura auf der anderen Seite des Sees. Die weiße Universität thront auf dem Hügel.
Wenige Minuten später erhöhen die Kongolesen auf zwei zu null durch Elfmeter. Lautstarker Applaus. Faires Spiel. Doch, so ist es mein Eindruck, von der Einigkeit, Friedlichkeit und dem Miteinander, das man mit diesem gemischten Fußballspiel signalisieren möchte, ist außerhalb des Spielfelds nicht viel zu spüren. Die bewachenden Soldaten von UN und Kongo stehen – in respektablem Abstand – nebeneinander und sprechen kein Wort. Besatzer oder Friedenstruppe? Was denkt der Kongolese mit der Kalaschnikow neben dem Pakistani mit einem anderen Maschinengewehr? Alle schauen irgendwie ernst drein. Beinahe bekommt man das Gefühl, die Jungs würden sofort ohne nur einen Moment zu zögern aufeinander schießen, wenn sie den entsprechenden Befehl von ihrer Seite bekommen würden. Es ist eine völlig neue Erfahrung, so etwas zu sehen.
Für mich persönlich furchteinflößend: die Kongolesen. Ihre Gesichtsausdrücke haben irgendwie etwas Erbarmungsloses. Etwas Kaltes, Gnadenloses, Brutales. Man wird mir sagen, dass man im Kongo – auch vom Militär – für Dollars alles haben kann. Alles. Und zwar ohne Ausnahme. Wenn ich die Soldaten sehe, glaube ich das aufs Wort. In der einen Hand den Schlagstock, in der anderen die Kalaschnikow. Dazu ein Blick, wie man ihn aus Filmen und sensationsträchtigen Reportagen kennt: Der Wilde, der Warlord, der im tiefen, unkontrollierbaren Busch sein Unwesen treibt, Kinder entführt, kleine Jungs zum Kämpfen zwingt oder ihnen Enthauptung durch die Machete androht, Mädchen vergewaltigt – alles hemmungslos, weil er schlicht und einfach nichts zu verlieren hat. Gar nichts. Straßenkinder gibt es in Uvira übrigens seltener. Bevor ein Kind nämlich dort landet, kommt es zu den Rebellen in den Busch. So einfach ist das.
Nach dem Spiel gibt es eine Art kleine Siegerehrung, die Kongolesen bekommen jeder ein kleines Päckchen mit arabischer Aufschrift. Der pakistanische Kommandant wirkt wie ein Riese zwischen den Sportlern. Danach geht es in ein Separée, wo eine Tafel gedeckt ist mit Pommes und Keksen, wie sie das Militär seinen Soldaten verabreicht. Der Bereich ist mit Stellwänden und Stoffen sichtgeschützt. Was sich vor mir abspielt, habe ich so noch nicht gesehen. Die kongolesischen Soldaten stürzen sich über die silbernen Platten und Schalen, wie eine wilde Meute. Es dauert nicht lange, da sieht der lange Tisch abgegrast aus, wie nach einer Heuschreckenplage. Ein Soldat nimmt vier oder fünf Kekse auf einmal in die Hand, so wie sie angerichtet waren, und stopft sie sich in den Mund, als wäre es ein Big Mac bei Mc Donald’s. In der anderen Hand hält er Pommes. Die kongolesische Armee bekommt nicht jeden Tag etwas zu essen. Dass das so ist, hätte man mir bei dem Szenario nicht extra dazusagen brauchen. Ich bin fassungslos. Draußen schreien Kinder, die immer wieder mit Bambusstöcken weggetrieben werden.
Ein pakistanischer Soldat möchte gerne ein Foto mit uns haben. Sein Kamerad hantiert etwas ungeschickt mit dem kleinen Fotoapparat bis es letztendlich doch noch blitzt. Dann noch ein anderer Soldat. Und noch einer und noch einer. Aus Spaß frage ich, wie viele hier stationiert seien, wenn das so weiter ginge, dass ich zeitlich planen könne. 850. Na dann. Ich finde es jedoch lustig. Allerdings weiß ich nicht, was an uns so interessant sein soll. Stelle ich mir jedoch vor, ich wäre in dieser Ecke der Welt stationiert, ich würde mich genauso über jede noch so kleine Abwechslung und „Attraktion“ freuen. Schließlich möchte ich ebenfalls ein paar Fotos von den Militärs schießen. Mehr als bereitwillig stehen sie stramm. Lächeln ist aber nicht angesagt. Ich glaube auch, dass sie nicht besonders viel zum Lachen haben.
Wir werden wieder zum Auto gebracht. Patient fährt mit, der 28-jährige Kongolese und Freund Thierrys. Gemeinsam fahren wir wieder zurück ins traute Heim am See. Dort sollte ich dann etwas geboten bekommen, was ich mir niemals hätte träumen lassen und über das ich nur noch den Kopf schütteln konnte. Da Thierry Elsässer ist, wurde selbstredend im kleinen Flammkuchenofen am See frischer Flammkuchen gebacken. Dazu gab es DAB – „Dortmunder Actien-Brauerei“-Bier. Und als ob das noch nicht genug wäre, schallt aus den Boxen bayrische Volksmusik – weil Thierry die so liebt. Als dann später am Abend noch ein paar pakistanische Soldaten – in zivil – eintreffen, die Thierry anscheinend gut kennt, und noch nach pakistanischer Art zubereiteten Reis mit Hühnchen vorbei brachten, war die Sache perfekt. Ich stehe also am Tanganyikasee, mitten in Afrika, in einem kleinen Örtchen im Kongo, in der Hand elsässischen Flammkuchen und eine Dose DAB-Bier, Musik aus Bayern in den Ohren und pakistanischen Reisgeruch in der Nase. Gesprochen wird an dem Abend aufgrund des Multi-Kulti-Besuchs übrigens deutsch, französisch, englisch, pakistanisch und elsässisch – oder am besten alles zusammen.
Jedenfalls ein sehr, sehr lustiger, aber auch interessanter Abend. Die Gespräche sind interessant, ich höre viel zu, stelle aber auch viele Fragen. Es interessiert mich einfach zu vieles und ich möchte nichts auslassen. Lange unterhalte ich mich mit Christian, dem Kölner, der hier in Uvira für die Monuc arbeitet. Sein Job ist es, mit den Rebellen im Busch zu verhandeln. Mit eben diesen gnadenlosen Warlords, schießwütigen Kindersoldaten und so mancher tickender Zeitbombe. Elf Monate sei er schon da. Und ich merke ihm an, dass die Arbeit zehrt – was er mir auch bestätigt. Schätzungsweise 10.000 dieser Rebellen tummeln sich im unkontrollierbaren Gebiet des Kongo alleine in dieser Region. Wenn sie die Muse hätten, könnten sie die offizielle kongolesische Armee ohne größere Anstrengung über den Haufen rennen. Hutu, Tutsi, Maji Maji und wer weiß ich noch – viele Grüppchen, alle unterschiedliche Interessen. Oder gar keine. Und das ist nicht selten das Problem. Wohin? Wo es keine Forderungen gibt, kann man auch nicht verhandeln. Nicht selten wird es wohl auch für Christian brenzlig, wenn er in den Busch zu Gesprächen muss. Eskortiert wird er anscheinen immer vom pakistanischen UN-Militär – Vorschrift. Doch was will eine Eskorte von 20 UN-Helmen anrichten, wenn mehrere Hundert sie einkesseln? Anscheinend arbeitet Christian gut, der Draht zu den Rebellen ist gut, sie lassen ihn an sich heran und sind bereit mit ihm zu sprechen. Allerdings sei so ein Vertrauen keinerlei Vertrauen und keine Garantie. In dieser Sicherheit sollte man sich besser nie wägen. Wenn du ihnen heute nicht mehr passt, dann ist es vorbei. Und zwar einfach so. Vor allem seien die Kindersoldaten ein großes Risiko. Die schießen nämlich zuerst und denken dann nach. So spart man sich schon nervige Diskussionen. Aber mal ganz ehrlich: Wen interessiert es? Als die deutsche Bundeswehr die Wahlen mit absichern sollte, war der Kongo plötzlich großes Thema. Und davor? Und jetzt?
Das DAB mach müde. Lange unterhalte ich mich, die Gespräche sind einfach fesselnd. Ich habe großen Respekt vor diesen Männern – und Frauen –, die hier ihre gute Arbeit leisten. Sie sind diejenigen, die die Drecksarbeit erledigen. Die Pläne umsetzen, die sich andere im maßgeschneiderten Anzug in New York ausgedacht haben. Und diese Leute vor Ort tun es mit einer gewissen Leidenschaft, mit Einsatz. Meinen Respekt, das muss ich ganz ehrlich zum Ausdruck bringen. Tat ich ihnen gegenüber auch. Aber das war ihnen unangenehm und machte sie verlegen.
Ich schlafe auf einem Feldbett. Recht bequem, ich schlafe schnell und gut. Moskitos sind in dieser Nacht kein Problem, den gesamten Abend über hatte ein recht kräftiger Wind geweht. Es kam mir nicht so vor, als hätte ich lange geschlafen, doch ich bin fit. Nach dem Frühstück – das im Übrigen recht luxuriöse ausfällt – stand eine kleine Bootstour an. Zuvor noch ein wenig waschen und Zähne putzen. Wir hatten glücklicherweise noch zwei Flaschen Wasser dabei – im Haus gab es nämlich keines. Die Leitungen gibt es, nur fließt nichts durch. Vielleicht ein, zwei Mal die Woche. Draußen vor der Terrasse stehen große Eimer unter einem frei stehenden Wasserhahn, der tröpfchenweise Wasser ausspuckte. Mit dem Wasser duschen die Jungs. Meine Dusche fällt an diesem Morgen aus, lediglich putze ich mir die Zähne mit Wasser aus der Flasche. Dann noch ein Nescafé.
Eine Badehose hatte ich nicht dabei – es reizt mich ohnehin nie sonderlich, schwimmen zu gehen. Noch nicht einmal hier im Tanganyikasee, obwohl es paradiesisch ist. Wir paddeln mit Thierrys kleinem Holzboot auf den See hinaus. „Monique“ heißt es, auf der anderen Längsseite steht „Alsace“. Das Wasser schimmert erst türkis, dann dunkelblau. Als die anderen im Wasser sind und tauchen, sieht man sie immer noch ganz klar. Im Hintergrund die riesigen, imposanten, grünen Kongoberge. Es ist unbeschreiblich, man fühlt sich wie in einem Paradies. Zumindest für einen Moment, bis man am Strandabschnitt weiter weg den Stacheldraht der UN erblickt und den Soldaten auf dem Wachtürmchen.
Ein Mal kentern wir fast, als einer zurück ins Boot will. Alle springen aus dem Boot, nur der Kongolese und ich schaufeln so schnell wir können das Wasser hinaus. Geht das Boot unter, ist „Monique“ Geschichte. Der See ist sehr lange vom Strand ab noch recht flach, dann geht es jedoch schlagartig in die Tiefe. Der Tanganyikasee soll schließlich der zweittiefste der Welt sein – nach einem in Russland, dessen Namen mir gerade nicht einfallen will. Die Bootstour jedoch ist Entspannung pur. Die Sonne brennt, ich hatte mich zum Glück vorher gut eingecremt. Nach etwa einer Stunde paddeln wir zurück ans Ufer, wo schon die Kinder um uns herum schwimmen. Dann helfen sie uns, „Monique“ zehn Meter weiter auf das Gelände von Thierrys Haus zu schieben.
Nach einem schnellen, aber leckeren Mittagessen auf der Terrasse mit „Meerblick“ und einem anschließenden Kaffee machen wir uns langsam aber sicher auf den Rückweg. Thierry kommt mit, er wollte über das Wochenende in Bujumbura ein bisschen Zeit verbringen. Mit uns fährt auch Eric, ein elsässischer Freund von Thierry, der ihn für einige Wochen Urlaub im Kongo besucht. Auch mit ihm hatte ich tolle Gespräche. Wir tauschen Adressen aus, schließlich ist die Strecke zwischen Karlsruhe und dem Elsass nicht die Welt. Wenn man es fertig gebracht hat, sich im Kongo über den Weg zu laufen, dann sollte man auch die wenigen Kilometer in Süddeutschland auf die Reihe bekommen.
Auf der Fahrt zurück bin ich halbwegs inkognito. Ich setze mir eine blaue Mütze der UN auf, dazu Sonnebrille und ernster Gesichtsausdruck. Außerdem sitze ich auf der Rückbank eines Monuc-Autos. Genug Gründe, mich am kongolesischen Posten ohne weitere Fragen aus- und am burundischen einfahren zu lassen.