Zitat

März 26, 2007

Ein Bekannter schickte mir das u. s. Zitat. Finde ich sehr gut.

“Some things start out big and some things start out small, very small, but sometimes the smallest things can make the biggest changes of all.”

Samstag, 24. März 2007. 10.36 Uhr. Gefrühstückt, aber noch im T-Shirt und Boxershorts, in denen ich schlafe. Marie schläft noch. Julia hat sich heute Morgen von uns verabschiedet. Sie fährt heute mit dem Bus nach Muyinga und wird dort zwei Wochen in unserem Heim leben. Dort ist die ganze Sache noch mal eine andere. Kein fließend Wasser, kein Strom. Benoit war dagegen, dass sie geht. Aber sie war nicht davon abzubringen. Verena findet die Idee gut. In Muyinga steht nämlich der Umzug der Heimkinder Ende des Monats an, in ein neues, anderes Haus. Dort kann Julia gleich mithelfen. Außerdem plant sie, bei den Pygmäen, den Batwa, einiges zu machen. Kleiderspenden hat Julia genug im Gepäck. Na ja, was heißt in dem Falle schon genug?

 

Gestern war „Weltwassertag“. Auch im burundischen Fernsehen wurde dazu berichtet. Ist auch notwendig, immerhin trifft die traurige Erkenntnis, dass immer noch Milliarden von Menschen auf der Welt keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben und unzählige Kinder jährlich genau an diesem Umstand sterben müssen, auch auf Burundi zu. Wasserprojekte wären hier sehr angebracht. Denn Wasser haben sie genug. Nur zu viel an falscher Stelle und keine Möglichkeit, es von A nach B zu transportieren. Aktuell bei den vergangenen Überschwemmungen, die jetzt die große Hungersnot nach sich ziehen – viele Felder wurden nur überflutet, weil sie über kein richtiges Be- und Entwässerungssystem verfügen.

 

Gestern Abend in der „Kiriri-Bar“ war es wieder recht lustig. George und Colin sind sozusagen meine Lieblinge, weil man mit ihnen auch mal ernst bleiben und über normale Dinge reden kann. Bellarmand ist auch so einer, aber den haben wir jetzt bestimmt einen Monat lang nicht mehr gesehen. Ich muss mal in seinem Apartment vorbei gehen. Das befindet sich in dem Viertel, wo ich auch Basketball spielen gehen. Apropos, auch das möchte ich am Wochenende nach langer Zeit einmal wieder machen. Zurück zur Bar. Ich lernte zwei Burunder kennen, die (sehr gut) deutsch sprachen. Alain und Vincent. Alain arbeitet bei der BCB, einer Bank hier in Bujumbura. Er war in Bonn studieren. Ich schätze ihn auf 40 Jahre. Er ist sehr zurückhaltend und super nett. Wir tauschten unsere Nummern aus und werden uns bald nochmals treffen.

 

Dann kam schon der zweite. Vincent. Auch er spricht gut deutsch. Er kam an den Billardtisch zu Marie und mir und fragte: „Mit wem darf ich spielen?“ Vincent ist schon etwas älter, glaube ich, als Alain. So um die 50? Aber man verschätzt sich bei den Burundern auch immer ganz leicht. Manchmal sehen sie jünger aus als sie sind und manchmal auch umgekehrt. Jedenfalls war Vincent in Hannover und hat dort Elektrotechnik studiert. 1978 war er nach Deutschland gekommen, wie er sagt. 1994 kam er zurück nach Burundi – ausgerechnet in dieser Zeit. Der Grund: Seine Mutter sei alleine gewesen, der Vater nicht mehr da, die anderen Geschwister alle im Ausland. Also wollte er zu seiner Mutter. Dann hatte seine Erzählung aber Lücken. Er meinte, er sei dann aber wieder nach Deutschland – ich nehme an, wegen des Kriegs – um dann 1996 endgültig wieder zurück in seine Heimat zu gehen. Hier in Burundi habe er dann für unterschiedliche NGOs gearbeitet. Heute sei er jedoch arbeitslos – seit sechs Monaten. Dabei wolle er arbeiten, sagt er. Wer will das nicht? Er ist dynamisch, fuchtelt viel mit den Händen, seine Brille auf den Kopf geschoben. Am rechten Arm trägt er einen silbernen Armreif. Anscheinend hatte er mal Geld. Ich glaube aber, dass diese Zeiten vorbei sind. Er fragt mich, ob er nicht in der Fondation Stamm arbeiten könne, ob ich einen Job für ihn habe. Ich entgegne nur, dass das nicht meine Entscheidung sei, ich habe nicht die Kompetenz, in anzustellen. Er kennt Verena und Benoit, sagt er. Er werde vorbei kommen. Na denn.

 

Heute Mittag, 13 Uhr, sind wir mit Colin verabredet. Wir treffen uns in dem Büro, in dem er arbeitet, dann gehen wir zusammen in irgend einen Sportclub, wie er meinte, um dort – nicht etwa Sport zu treiben, sondern Mittag zu essen. Mein Hunger hält sich jedoch im Moment noch in Grenzen. Das Marmeladenbrot sättigt noch. Aber ich denke, bis dahin ist es ja noch ein bisschen Zeit. Bin mal gespannt, was das wieder für ein Nobelschuppen sein wird. Abwarten.

 

Die Kids sind alle schon wieder seit früh morgens auf den Beinen und gut drauf. Sie spielen „Völkerball“ oder so etwas ähnliches zumindest, bei dem man sich mit einem Ball abwerfen muss. Die kleineren Mädels spielen das. Die Großen sitzen oder stehen auf ihrer großen Terrasse, lästern, kichern und quatschen – was Mädchen in dem Alter eben so tun. Zunehmend lauter wird das immer, wenn sie mich sehen. Ich lache meistens nur, worauf ich zehn süße Lächeln ernte. Unmöglich. Weiber. *lach*

 

Vianney – mittlerweile weiß ich, dass man ihn so schreibt – hat sich richtig gemacht. Keine Selbstzerstörung mehr. Er spielt mit den anderen, ist nicht mehr apathisch oder depressiv, haut seinen Kopf nicht mehr gegen das Tor. Abhauen will er auch nicht mehr. Er geht zwar raus, wie alle anderen auch, setzt sich dort aber auf das kleine Steinbänkchen, bis es ihm zu langweilig wird und er wieder ins Gelände geht – ohne abzuhauen. Erfreulich. Gott sei Dank kann man sagen. Dennoch warte ich auf Antwort von Nelly, der Psychologin bei UNICEF. Nach dem Jungen schauen sollte man dennoch, auch wenn er sich nun gebessert hat. Wer weiß, in welchen Situationen das Ganze wieder aufbrechen kann.

 

Draußen, entlang der Straße vor dem Heim, haben die gesamte Woche ein großer Trupp Bauarbeiter einen langen, etwa ein Meter tiefen Graben gezogen. Anscheinend für eine neue Wasserleitung für ein neues Viertel weiter hinten, den Berg hoch. Richtig witzig sieht es aus, wenn der ganze Bauerbeitertrupp, geladen auf die Fläche eines Lkw, morgens singend, klatschend und pfeifend hier eintrifft, um dann sofort die Hacken und Spaten zu schwingen. Einer fragt mich nach einer Zigarette, die ich ihm gebe und er sich daraufhin überschwänglich bedankt. Er war pechrabenschwarz, wirklich faszinieren. Pechschwarz und der Kontrast seiner strahlend weißen Zähne faszinierte mich. Er lachte und verabschiedete sich, um wieder weiter zu schaufeln. Den Mädels pfeifen und lachen sie hinter her. Bauarbeiter eben. Weshalb sollte es irgendwo auf der Welt anders sein? Ich finde es amüsant.

 

In diesen Tagen ist es extrem heiß in Bujumbura. Regen ist wieder etwas weniger, meistens nachts. Gegen Nachmittag wird es am Schlimmsten mit der Schwüle. Als ich nach Hause lief, vorgestern, dachte ich, ich stehe mitten im Urwald, in den Tropen. Das Wasser stand in der Luft, es war heiß und dazu noch der Feierabendverkehr Bujumburas. Diesel. Und ich mittendrin. Glückwunsch. Danach hätte ich am liebsten in der Dusche übernachtet. Aber auch das ist nicht wirklich ratsam. Aufgrund gewisser Tierchen. Es sein denn, man mag es. Dann bitte. Mais, pas moi!

 

Samstag, 24. März 2007. 20.13 Uhr. Heute Mittag waren Marie und ich mit Colin essen. Wir hatten uns gestern Abend schon verabredet. Colin wartete vor seinem Büro in der Innenstadt auf uns. Reges Treiben – wie immer. Es war unwahrscheinlich heiß, selbst unser burundischer Freund beschwerte sich und schüttelte nur ungläubig den Kopf. Manchmal habe ich das Gefühl, die Burunder sind noch anfälliger für die Hitze als wir Weiße. Zumindest jammern sie schneller. Und öfter. Aber heute war es wirklich extrem heiß. Alles Kinder waren im Heim und dennoch herrschte einen Totenstille. Alle schliefen, lernten – es ist gerade wieder Klausurzeit – oder verkrochen sich in irgendwelchen schattigen Ecken. Bis, ja bis ich wieder den Foto auspackte. Sonnenbrillen waren das Motiv. Ich hatte sie noch vorrätig und bislang leider nicht die Zeit, sie sorgfältig zu verteilen. Heute war es dann soweit. Stolz pur in den Gesichtern. Und richtig schick sehen sie aus. Fotos zum Schreien. Manche lustig, manche aber auch verdammt gut. Wären gute Werbeplakate.

 

Das Essen mit Colin war lustig. Wie immer, wenn wir ihn treffen. Es war in einem Sportclub in der Innenstadt, nur wenige Meter von seinem Büro entfernt. Colin geht dort immer in seiner Mittagspause essen, sagt er. Verständlich. Wir essen Reis mit Rindfleisch, Soße, Sombé (Gemüse aus Maniokblättern, so etwas wie burundischer Spinat), Bohnen in einer Tomatensoße und natürlich das obligatorische Pili Pili. Dazu jeder ein Getränk. Macht: umgerechnet fünf Euro. Unglaublich. Das Bistro des Sportclubs ist gut besucht. Wir treffen noch einen weiteren Bekannten, der sich nach seinem sportlichen Treiben zu uns an den Tisch setzt und ebenfalls etwas isst. Kartoffeln mit Erbsen, dazu eine Pampe, die ich nicht definieren kann. Aber anscheinend schmeckte es ihm. Zumindest sah es so aus.

 

Bevor wir gehen, werfen wir noch einen Blick in das Fitnessstudio. Heimtrainer, Hanteln. Wie in einem deutschen Studio. Vielleicht etwas kleiner. Und verdammt heiß. Ich würde in dieser Bude keine fünf Minuten Anstrengung überleben. Auf Hanteltraining in einer Sauna bin ich bislang aber auch nicht gekommen. Habe ich, ehrlich gesagt, auch nicht vor. Wir verabschieden uns, Marie und ich schlendern noch kurz zum Markt hinüber, kaufen Tomaten, Paprika und Zitronen. Und Margarine, ein großer Pott. Alles in allem: 2.700 FB. Wieder die Erinnerung: ein Euro sind 1.300 FB. Die Margarine war mit 2.000 FB noch das teuerste. Dazu kamen noch 50 FB für eine Plastiktüte, die einem der kleinen Jungs immer entgegen strecken, sobald man etwas kauft. Wir brechen beinahe zusammen unter der Last der wirklich winzigen Tüten. Die Hitze ist einfach unglaublich. Marie spendiert ein Taxi nach Hause. Den Berg hoch würde sie es nicht schaffen, lacht sie. Der Taxifahrer pennt am Steuer. Als ich ihn anspreche, erschrickt er. Ich entschuldige mich, ihn aus seinem Mittagsnickerchen gerissen zu haben, worauf er nur lacht. Kein Problem, meint er. Er fährt uns nach Hause.

 

Am Nachmittag, es hat inzwischen ein wenig geregnet und ist ein bisschen abgekühlt, spiele ich mit den Jungs Basketball. Lange ist es her, dass wir hier waren. Heute war die Zeit wieder reif. Habe sie mir einfach genommen. Es machte wieder Spaß, eigentlich wie jedes Mal. Der Platz wurde neu gemacht, ist nun wirklich eben und ohne Risse. Sogar das Spielfeld mit allen Linien ist eingezeichnet, die Körbe repariert und gestrichen. Am Rand des Spielfelds sind sogar Plätze für Zuschauer eingerichtet. Die sind auch prompt besetzt. In den vergangenen Wochen hatte ich gesehen, dass die UN den Platz mit Baggern und Gerät neu gestalteten. Aktion für die Jugend. Finde ich gut. Es wird auch sichtlich genutzt.

 

Als ich zurück komme, wollen die Kids ihre Bilder vom Mittag sehen. Das kleine Zimmerchen quillt über. Es ist so heiß wie am Mittag – aber nur in diesem Raum. Die Stimmung ist lustig. „Yoooo!“ oder „Eeee!“, wie die Burunder ihr Erstaunen ausdrücken, schallen bei jedem einzelnen Bild durch die Luft, gefolgt von Gelächter. Diese kleine, große Familie. Wirklich zum Knutschen. Allesamt. Danach komme ich endlich zu meiner heiß ersehnten Dusche. Jetzt werde ich in die „Kiriri-Bar“ gehen, ein Bierchen zum Abschluss des Abends trinken. Mal sehen, was der morgige Tag so bringen wird. Immer spannend, hier in Burundi. Ich bin froh, hier zu sein. Immer noch. Nach wie vor.

 

Sonntag, 25. März 2007. 20.08 Uhr. Heute habe ich lange geschlafen. Bis etwa Viertel vor elf. Gestern sind wir nämlich nach der „Kiriri-Bar“ noch ins „Havanna“, eine Diskothek in der Stadtmitte. In der Bar hatten wir Billard gespielt – wie mittlerweile immer. Zum Ende hin hat mich ein Burunder herausgefordert. Ich sagte ihm gleich, dass ich schlecht spiele, was ihn aber nicht von seinem Vorhaben abhielt. Er war betrunken. Nein, besoffen. Das trifft es. Und er seine Kugeln nicht. Mein Glück, ich gewinne. Und zwar zwei Mal. Danach liegt er nur noch auf seinem Kumpel, der noch nüchterner war als er und ihn stützen konnte. Als wir gehen, sehen wir, wie ihn seine Kollegen aus der Bar hinaus tragen. Tja. Wieso sollte es hier anders sein als in deutschen Kneipen? Ich denke, gesoffen wird auf der ganzen Welt gleich.

 

Im Anschluss also „Havanna“. Und ein Mal mehr werde ich bestätigt, dass ich in diesen Laden eigentlich nie mehr will. Wieso ich doch immer wieder hier lande – es war jetzt das vierte Mal in fünf Monaten –, weiß ich auch nicht. Das erste, das ich sehe, als ich an dem Kartenanreißer vorbei bin, ist ein alter, dicker Chinese, der sich schwitzend an einer jungen Burunderin von hinten antanzt. Oder anschleicht? Ich kriege Hassgefühle. Unmöglich. Einfach nur unmöglich. Aber das ist durchaus kein Einzelfall. Viele, viele „muzungus“ in der Diskothek sind auf das selbe aus. Dabei sind „muzungus“ nicht etwa nur Weiße, als Europäer. Für die Burunder sind Chinesen, Inder oder wer auch immer auch „muzungus“. Kann ja sein, dass ich dem einen oder anderen Unrecht tue. Natürlich kann man sich verlieben. Aber nicht innerhalb von fünf Minuten (hier werden mir jetzt wieder die widersprechen, die an Liebe auf den ersten Blick glauben) und schon gar nicht flächendeckend bei alten Männern und jungen, hübschen Mädchen. Für mich ist die Sache in diesem Schuppen eigentlich klar. Und jedes Mal rege ich mich von Neuem darüber auf. Bringt nur niemandem was. Weder mir, wenn ich noch eins auf die Nase kriege, noch dem Alten, dem ich dann den Spaß sowieso nicht verderben kann, noch dem Mädchen, das sich dadurch vielleicht ein bisschen Geld erhofft. Aber ich verdamme jeden, der es tut.

 

Colin, Daniel und Flo sind da. Flo verzieht sich gleich in die V.I.P.-Lounge, die anderen beiden bleiben bei uns am Tisch – Stehtisch versteht sich. Vor mir die Tanzfläche, auf der sich nur etwa die Hälfte der Leute ästhetisch bewegen kann. Ich bin kein Tänzer, das gebe ich zu. Aber ich mag es auch nicht. Und deshalb lasse ich es gleich, bevor ich mich zum Affen mache. Aber das tun ja genügend andere für mich. Amüsement pur. Gegen zwei Uhr fahren wir heim. Es war dann genug der Eindrücke. Mehr als ein Primus wollte ich eh nicht trinken.

 

Um 12 Uhr heute Mittag war ich mit Flo verabredet. Das hatten wir schon im „Havanna“ ausgemacht. Er sagte mir, er werde am Sonntag Basketball spielen, mit einigen Jungs – von denen auch ich manche kenne –, auf dem Sportplatz der französischen Schule. Ich mache mich also nach dem Frühstück auf zu Flos Haus. Ich wusste nur ungefähr, wo es ist. Vorbei am Lädchen „Belladone“, an „unserem“ jungen Burunder mit seinem Straßenstand, wo ich immer Waschpulver einkaufe, an einem UN-Wohngebiet und am „Sun Safari Hotel“, wo wir einmal „Champions League“ schauten, als Barcelona gegen Liverpool gespielt hatte. Als ich an der Ecke stehe, wo ich Flos Haus vermutete, klingelte ich ihn kurz an. In dem Moment öffnet sich die Tür von dem Grundstück, vor dem ich gerade stand. Heraus kam ein kleiner Junge. Jonathan. Er zeigt mir, wo Flo wohnt. Nämlich gerade um die Ecke. Flo öffnet das Tor, noch etwas verpennt. Mein Eindruck bestätigte er auch gleich umgehend. Um 8 Uhr morgens sei er nach Hause gekommen. Er roch auch noch „Havanna“. Aber er schien schon wieder gut gelaunt zu sein. Jonathan kommt auch mit rein. Der Kleine und ich setzen uns mit einem Glas Wasser ins Wohnzimmer, bis sich Flo fertig gemacht hat. Ich war heute zum Basketballspiel aber nicht mitgekommen, um mitzuspielen. Ich hatte die Kamera dabei, wollte ein paar schöne Sportfotos machen. Die schönsten werde ich aussuchen und den Jungs dann geben.

 

Das Grundstück ist groß, das Häuschen schön eingerichtet. Anscheinend sind Flos Eltern wohlhabend. Einmal erzählte er mir, sein Vater sei für die WHO früher im Kongo gewesen. Seine Eltern sind aber gerade nicht da. Sondern in Südafrika. Hinten in der Küche huscht nur der alte Angestellte herum. Ab und zu schielt er durch die Tür, um zu sehen, wer da im Wohnzimmer Platz genommen hat. Ich grüße ihn, worauf er mir ein lückenhaftes Lächeln zeigt. Eine sympathische Erscheinung. Flo und ich laufen los, Jonathan geht wieder nach Hause. Etwa fünf Minuten und wir sind da. Die Schule ist direkt gegenüber des Fußballstadions, wohin ich auch noch möchte, um mal ein Spiel zu sehen und burundische Stadionluft zu schnuppern. Colin meinte, die Stimmung sei immer gut.

 

Als wir ankommen, sind schon einige am Spielen. Einen kannte ich von zuvor. Den Namen hatte ich aber leider vergessen. Ich wusste nur noch, dass er in Georgia, USA, war, um zu studieren. Das stand jetzt auch auf seinem T-Shirt. Ein riesiger Mann. Bestimmt zwei Meter und einen Meter Schulterbreite. Na ja. Fast. Auf jeden Fall ein Tier und für Basketball mehr als nur geeignet. Dazu ist er eine absolut witzige Type. Ich glaube, er war auf dem Feld einer der ständigen Animateure, der immer was zu sagen hatte, immer lachte, immer mit den Händen wild gestikulierte. Überhaupt wurde beim burundischen Basketballspiel über das ganze Feld mehr diskutiert als gespielt. Ich muss ständig lachen. Ball aus? Faul? Wer? Ich mache ein paar schöne Fotos. Mich überkommt die Lust, selbst mitzuspielen, aber mit langer Leinenhose, Polo und Ledersandalen wäre ich wohl nicht ganz einsatzfähig gewesen, wie ich mir das gewünscht hätte. Also bleibe ich bei der Kamera. Die Stimmung ist hier eine ganz andere. Kein einziges „muzungu“, kein Anstarren, nichts. Noch nicht einmal um eine Zigarette wird man angeschnorrt.

 

Nach dem Spiel gehe ich wieder mit Flo zurück. Wir trinken noch ein Glas Wasser, dann muss ich gehen. Zuvor gab ich ihm noch die CD, die ich morgens mit Seeed gebrannt hatte. Er wollte mal deutschen HipHop hören. Jetzt hat er ihn. Als ich zu Hause ankomme, wartet Wäsche auf mich. Und danach lebe ich meinen Willen aus und spiele selbst Basketball. Mit Flugence, Emmanuel, Elias und Thérence aus unserem Heim. Kaum sind wir am Platz, strömen auch andere Jugendliche herbei. Wie immer. Und wie immer macht es Spaß. Als wir fertig sind – im wahrsten Sinne des Worts –, trifft ein Tiertransport neben dem Basketballplatz ein, wie ich ihn auf dem Land schon mehrfach gesehen habe. Voll mit Langhornrindern und oben, auf einem Zwischengitter, Ziegen. Die Rinder werden abgeladen, die Ziegen fahren weiter. Großer Auflauf, anscheinend ist das hier ein sehenswürdiges Spektakel. Auf jeden Fall formt sich eine Menschentraube um den kleinen Lkw. Die Kühe werden von der Ladefläche gepeitscht. Ich habe beinahe Angst, dass sich eine die Beine bricht, weil die Tiere von der Ladefläche ohne Rampe oder ähnliches auf die Straße springen müssen. Nach und nach verirren sich zwei Kühe auf das Spielfeld. Sofort eilt ein Junge herbei und zeigt den Rindern mit einem Bambusstock den richtigen Weg. Ein Bekannter hier in Burundi hat mal gesagt, dass Kühe die ärmsten Tiere der Welt sind. Sie werden ihr Leben lang geschlagen. Und dann, wenn sie einmal tot sind, auch dann wird noch auf sie eingedroschen. Nämlich weil ihr Fell als Bezug für die traditionellen Trommeln benutzt wird.

 

Nach dem Essen – Spaghetti mit Tomaten, Karotten und Paprika – bin ich platt. Müde, Rückenschmerzen. Durch die Anstrengung vom Sport und nicht zuletzt wegen der unglaublichen Hitze, die auch heute wieder Mensch und Tier schwitzen ließ. Für heute ist Feierabend. Morgen wird wieder gearbeitet. Ich freue mich schon beinahe drauf. Und zwar ohne jegliche Ironie!