Ein Tag nach der New York-Delegation
März 13, 2007 at 11:43 vormittags Hinterlasse einen Kommentar
Dienstag, 13. März 2007. 9 Uhr in Burundi. Ein neuer Tag im kleinen Burundi. Die Sonne scheint wieder einmal sehr stark, schon am frühen Morgen. Die Leute rennen schon geschäftig durch die Gegend, die ganze Straße ist bunt. An der großen Kreuzung, die ich jeden Tag passiere, um vom Heim ins „Chez André“ zu kommen, war heute ein besonders großer Auflauf. Vor allem Frauen mit Kindern. Und Hacken. Manche bearbeiteten den trockenen Boden an einer kleinen, grünen Stelle. Der größte Teil aber lungerte im Schatten herum, stillten Babys oder kauten Grashalme.
Gestern Abend ging ich mit Lena in das kleine chinesische Restaurant „Shanghai“, wo Marco Kalbusch mich zusammen mit meiner Mutter und Werner schon einmal hingeführt hatte. Wobei „Restaurant“ eigentlich zu viel gesagt ist. Es ist traditionell chinesisch, ein kleines Wohnhaus mit ach wer weiß wie vielen Personen darin. Draußen herumspringen sieht man nur die Oma, die Mutter – und anscheinend Chefin – und die Tochter. Im vorderen Bereich des Häuschens ist eben das Restaurant, draußen sitzen kann man auch. Das Wohnzimmer ist zugleich kleine Bar mit Fernseher, die Küche wird für Gäste und privat zugleich genutzt. Im hinteren Bereich werden sich dann wohl noch ein, zwei Schlafzimmer finden. Das Essen ist sehr lecker dort und dabei sehr günstig. Leckerer als beim anderen Chinesen gegenüber des Novotels weiter im Stadtinnern. Und dennoch günstiger. Was will ich mehr? Als wir mit dem Essen beinahe fertig sind, klingelt mein Handy und Marco meldet sich. Ob wir noch im Restaurant seien.
Er kam noch vorbei. Zusammen mit einer Kollegin namens Nelly, die er zuvor telefonisch angekündigt hatte. Nelly ist Psychologin bei UNICEF. Eine sehr nette junge Frau. Ihr exotisches und hübsches Aussehen hat sie aus ihrer Heimat, den Kapverdischen Inseln. Wir kommen – ich weiß nicht mehr genau weshalb – auf unseren jüngsten Zugang im Heim, Viané, zu sprechen. Er wurde ja von UNICEF-Mitarbeitern zu uns gebracht. Es waren Kollegen von Nelly, sie kennt sie. Sie will sich für uns umhören, ob sie vielleicht professionelle Hilfe und eine psychologische Betreuung für den Kleinen auffinden kann. Ihr selbst sind als UN-Mitarbeiterin die Hände gebunden. Aber sie versprach, sich zu melden.
Apropos UNICEF und UN. Gestern Nachmittag war großer Auflauf in unserem Straßenkinderheim „Birashoboka“. Eine Gesandte des UN-Generalsekretärs – also von ganz oben! – für Kinder(rechte) und Kindersoldaten besuchte unser Projekt. Eine Inderin, Pakistanerin – aus der Ecke, mit traditionellem Gewand. Sie wollte mit einigen ausgewählten Kindern reden, ihre Geschichte hören. Das tat sie auch – mit einem Hummelschwarm von Mitarbeitern um sie herum, die übersetzten, telefonierten, Kinder scheuchten und wichtig taten. Nun ja, immerhin sind es ja wichtige Leute – zumindest ein Teil der Leute gestern – also warum das nicht auch zeigen? Die Anzüge saßen perfekt, die Hemden strahlend weiß, Goldrandbrille, Siegelring, glänzende Schuhe. Perfekt. So kann man sich zeigen. Ich spreche kurz mit Alec aus New York. UN direkt aus der Basis. Wie aufregend. Alec ist halb Amerikaner, halb Deutscher. Sprache Deutsch (bemerkenswert gut), Aussehen amerikanisch. Was ich wirklich von ihm halten soll, beziehungsweise von der gesamten Delegation, weiß ich selbst nicht so genau.
Sehr hoher Besuch, keine Frage, vielleicht auch wichtig. Allerdings ist es immer so eine Sache, wenn Bürokraten versuchen, Nähe zu denen zu zeigen, für die sie eigentlich im Endeffekt arbeiten. Um die sie sich „kümmern“. Der Anzug darf schon mal nicht schmutzig werden, das ist klar. Alles andere wird individuell entschieden. Vom Trommeln unserer Jungs sind sie allesamt begeistert. Die Leute von BINUB, UNICEF, diverse – nicht zuordenbare – Fotografen und ein Fernsehteam aus Dänemark. Mit zwei der Dänen unterhalte ich mich. Einer davon heißt Per. „Managing Director“ steht auf seiner Visitenkarte. Ein netter Typ. Der zweite Däne spricht sehr gut deutsch. Lebte anscheinend lange in Flensburg, wie er sagte. Dann war da noch ein Amerikaner namens Trevor. Was seine Aufgabe, sein Ziel bei dem Ganzen ist, wird niemandem so wirklich klar. Und weshalb er mit dem Auto der UN kommt, auch nicht. Ich erfahre von ihm nur, dass er in Texas wohnt und im Oktober seine Samstagsshow starten wird, die in den gesamten USA zu sehen sein wird. Er filmt mit einer kleinen Kamera alles, was um ihn herum geschieht. Und er lässt sich filmen. Von den Kids. Fürs Trommeln hat er sich in eines der burundischen Gewänder geworfen. Der Anblick ist heiter bis sehr amüsant. Bei allem Spaß und Herumalbern mit den Jungen verliert er aber nie die Kamera aus dem Auge. Wird er gerade mal nicht gefilmt, springt er sofort wieder ins Bild seiner Kamera. Mit Speer und Schild. Er mag Kinder, sagt er. Dann hüpft er wieder hektisch zwischen den Trommlern hin und her, die ihre Instrumente mittlerweile auf dem Kopf tragen, sehr zum Erstaunen der UN-Gesandten.
Serafine und Giselle aus unserem Mädchenheim sind ebenfalls da. Auch sie sollen ihre Geschichte erzählen. Ich will Fotos für die Fondation machen, werde aber von einem der UNICEF-Mitarbeiter zurück gehalten. Bis ich ihm erkläre, was ich hier zu suchen habe, dass ich auch ihn kenne und wir bereits an Weihnachten zusammen hier im „Birashoboka“ am Tisch saßen. Dann schlug seine Miene in helle Freundlichkeit um. Tja. Aha.
Zum Abschluss bedankte sich die UN-Gesandte bei allen Anwesenden, insbesondere den Trommlern. Sie prophezeite am Ende ihre kleinen Rede, sie werde die Trommelgruppe nach New York bringen. Für eine Aufführung. Ob das nicht zu hoch gegriffen war? Überlegte Wortwahl oder ein Versprechen, das sie nur vielleicht wahr machen kann? Trevor ist überzeugt: Sie ist keine Frau, die nur redet. Ich bin mir da nicht so sicher. Ebenso wenig wie alle anderen Anwesenden. Außer natürlich die Trommler, die über das ganze Gesicht strahlen. Aber man wird sehen. Für unsere Jungs wäre es natürlich ein wünschenswerter Traum. Ich gönne es ihnen. Absolut keine Frage.
Heute, Dienstag, wird Volker Dattke von Human Help Network anreisen. Die Organisation unterstützt auch die Fondation Stamm, neben Projekten in Ruanda, Südafrika und und und. Am Donnerstag folgt dann eine ganze Delegation aus Deutschland, allen voran der Bildungsminister aus Brandenburg. Beschäftigte Tage. Ich versuche, in der Ruhe vor dem Sturm noch einige Dinge abzuarbeiten.
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