Montag in Burundi

März 12, 2007

Sonntag, 11. März 2007. 15.35 Uhr. Endlich komme ich wieder dazu, zu schreiben. Die letzten Tage waren doch recht stressig und mit Programm gefüllt. Letztendlich kann man sagen, dass die „Optik-Woche“ in und außerhalb von den Projekten der Fondation ein Erfolg war. Wie viele Brillen an den Mann oder die Frau gebracht wurden, können wir nicht genau sagen. Es waren jedoch sehr, sehr viele. Verena ist voll und ganz zufrieden. Sogar so zufrieden, dass wir mit dem Gedanken spielen, ja ihn sogar fast schon gefasst haben, diese Optik-Sache zu einem langfristigen Projekt zu machen. Brillenspenden aus Deutschland haben wir erst einmal noch genug. Wenn die Menschen in Deutschland uns weiterhin so tatkräftig unterstützen, könnte das auch durchaus Erfolg haben. Wir würden dafür einen gelernten Optiker einstellen, der die Heime der Fondation mit Sehtests und Brillen versorgt. Wir würden eine Art Kartei anlegen mit festen „Kunden“. Die Schützlinge der Organisation würden die Versorgung natürlich kostenlos bekommen. Aber auch Arme und Bedürftige könnten teilhaben. Hier müssten wir jedoch einen kleinen Beitrag abverlangen, dass nicht alles kostenlos abgegeben wird. Zum einen, um die Eigenkosten – zu einem gewissen Teil – tragen zu können, aber auch – und das ist meiner Meinung nach sehr wichtig – um der „Handaufhalten-Mentalität“ entgegenzuwirken. Leider macht sich das Verhalten breit, beziehungsweise ist längst gegeben, dass die Burunder einfach nur die Hand aufhalten und betteln, sobald sie einen Weißen sehen. Anstatt selbst etwas zu unternehmen. Wieso auch, die „Muzungus“ kommen doch immer und bringen alles? Dem gilt es entgegen zu wirken. In erster Linie, um von dieser falschen und fatalen Einstellung weg zu kommen. Denn wie schon öfter erwähnt: Eigentlich sollte Ziel sein, dass Hilfe von außen überflüssig wird. Irgendwann. Aber dafür müssen die Menschen hier erst einmal verstehen, worum es geht.

 

Ich denke, wenn man etwas nicht ganz umsonst bekommt, wird gefördert, dass man sich etwas verdienen muss. Dinge werden mehr geschätzt, man setzt sich quasi auch mal „auf den eigenen Hosenboden“ und will etwas erreichen. Ehrgeiz ist vielleicht ein Stichwort. Denn wir sind keine Besatzer, die das unterworfene Volk versorgen müssen, sondern wollen dahin gehend helfen, dass die Leute auf eigenen Beinen stehen können und sich versorgen müssen. Manch Kritiker mag nun einwerfen, dass man den Afrikanern den europäischen Stil und Lebensweise überstülpen möchte. Das sollte natürlich nicht sein. Aber zumindest sollte eine Lebensweise das eigene Überleben sichern. Nur in so weit, dass keiner mehr an Hunger sterben muss. Das reicht schon aus. Das hat, meiner Meinung nach, nichts mit „Überstülpen“ einer fremden Lebensweise oder Kultur zu tun.

 

Zurück von irgendwelchen Theorien zur Realität. Am letzten Abend in Burundi ist es uns sogar passiert, dass Leute vor Verenas Haus auf unsere Rückkehr gewartet haben, um von meiner Mutter einen fachgerechten Sehtest zu bekommen. Und natürlich eine Brille. Es war ein Jugendlicher, der seinen kleinen Bruder herbrachte. Würde es nach der Nachfrage gehen, hätte meine Mutter noch Wochen bleiben und arbeiten können. Leider ist das ja aber nicht möglich. Ich bin mir jedoch sicher, dass dieses langfristige Optik-Projekt eine gute Sache wäre. Um der hiesigen Wirtschaft nicht zu schaden – mit „Dumping-Preisen“ – werden wir die Brillenaktion jedoch nicht kommerziell betreiben, sondern lediglich als humanitäre Hilfe anbieten und uns ausschließlich an die wenden, die sich ansonsten keine Sehhilfe leisten können. 58 Prozent der Burunder haben laut UN weniger als einen Dollar pro Tag zur Verfügung. 89 Prozent sogar weniger als zwei Dollar. Eine Brille mit dazugehörigem Augenarztbesuch beispielsweise bedeutet für viele also die Hälfte eines Monatsgehalts – oder sogar ein ganzes? Wer dann tatsächlich noch den Weg zum Optiker wählt, wird nicht zur Mehrheit gehören.

 

Ich sehe gerade, ich habe diese Gedanken schon einmal fest gehalten. Aber doppelt hält besser.

 

Gestern, Samstag, traf Bernd Weisbrod bei uns ein, ein freier Fotograf, derzeit im Auftrag für Human Help Network (HHN) unterwegs, um die Projekte der Fondation Stamm fotografieren, aber insbesondere den Besuch des Brandenburgischen Bildungsministers ab Donnerstag zu begleiten. HHN und Aktion Tagwerk – bei der Tausende Schüler in mehreren Bundesländern an einem Tag für ein Projekt in Entwicklungsländern arbeiten – unterstützen unter anderem auch unsere Fondation. Soweit ich gelesen habe, schon seit 2002. Bernd ist ein netter, ruhiger Mann, der mit viel Lebenserfahrung erzählen kann. Ursprünglich sollte seine Tochter Nora, die Geschäftsführerin von Aktion Tagwerk e. V., mit anreisen. Aus geschäftlichen Gründen kommt sich jedoch erst am Donnerstag mit der Delegation aus Brandenburg nach. Bereits am Dienstag wird Volker Dattke von HHN bei uns eintreffen. Viel gibt es zu tun, vor allem vorzubereiten für Verena, viel zu besprechen, viel zu erledigen.

 

Bernd erzählte, dass auch er mein Tagebuch mit großem und regelmäßigem Interesse verfolge. Ich bin erstaunt, freue mich aber natürlich darüber. Dass mein Tagebuch solche Kreise ziehen würde, hätte ich mir niemals träumen lassen. Was anfangs als „Fenster“ für die Freunde, Ver- und Bekannten zu Hause angedacht war, wird heute schon in mehreren Ländern gelesen, von Deutschland über Österreich bis hin nach Südafrika. Selbst der Minister aus Brandenburg, auf den wir uns hier alle freuen, weiß davon und liest. Ebenso wie der Deutsche Botschafter in Burundi, Thomas Mangartz, den ich schon kennen lernen durfte.

 

Freitag Abend traf ich wieder Flo in der „Kiriri-Bar“. Als es dort aber leer wurde, führte er mich, Julia und Marie in eine Bar ganz in der Nähe, um die Ecke des „Sun Safari Hotels“, in dem wir einmal Fußball schauen waren. Die Bar dort ist um einiges größer als die in Kiriri. Mehr Tische – im Garten –, mehr Leute und lautere Musik. Eine Mischung aus Club im Freien und Biergarten. Die Atmosphäre ist drinnen sehr entspannt und gut, auch wenn draußen bei unserer Ankunft gerade eine rege Diskussion zwischen mehreren Burundern in Handgreiflichkeiten umzuschwenken schien. Ein Taxifahrer, der die beiden Hauptstreithähne zu kennen schien, schaffte es jedoch zu schlichten. Vor der Bar war die gesamte Straße verstopft – mit Taxis und Privtautos. Flo wohnt hier um die Ecke, wie er uns auf dem Nachhauseweg zeigt. Wie die Bar hieß, weiß ich leider nicht mehr. Der Name war zu exotisch, als dass ich ihn mir hätte merken können. Vielleicht das nächste Mal.

 

Werner und meine Mutter sind wieder zu Hause. Wohlbehalten, wie ein Anruf bestätigte. Viel gebe es erst einmal zu verarbeiten, wie meine Mutter meinte. Verständlich. Dann wird sie wieder der unvermeidliche Alltag einfangen. Auch Werner wird wieder in sein mehr oder weniger geregeltes Leben eintauchen. Sein Besuch weckte wieder alte Erinnerungen an unsere gemeinsame Arbeit in der Redaktion des „Wochenblatts“. Es gab einige Situationen, in denen wir herumalberten und beide nicht mehr aufhören konnten zu lachen. Wie in der Redaktion hin und wieder. Mir fehlt die Arbeit in einer festen Redaktion. Vor allem in diesem ganz speziellen Büro. Das kann ich sagen. Natürlich ist es nicht das einzige, was fehlt. Die Gedanken an die Freunde daheim sind immer präsent. Als in einer Mail von daheim letzt stand, dass vielleicht schon wieder die ersten Touren mit dem Fahrrad nach dem – nicht wirklich einsetzenden – Winter möglich seien, wurde mir plötzlich wieder bewusst, dass ich aus einem Alltag, aus einem Leben daheim heraus getreten bin. Zumindest für eine gewisse Zeit. Winter. Jahreszeiten. So etwas gibt es hier gar nicht. Entweder es regnet oft oder nicht. Aber warm ist es immer. „Überwintern“. Ein Fremdwort.

 

Was ich aus der Heimat erhaschen kann, an Infos aller Art, sauge ich förmlich auf. Meist eben per Internet, der einzigen Möglichkeit. Was in der Heimat Karlsruhe passiert, was die Freunde durchmachen und erleben. Wie und was sich verändert. Ich freue mich immer über kleine Nachrichten, die mich von zu Hause erreichen. Sie helfen mir – vielleicht – Ende des Jahres nach unserer Rückkehr nach Deutschland wieder in das Leben dort hinein zu finden, Fuß zu fassen, nicht völlig in ein Loch zu fallen. Was allerdings meine eigene Zukunft anbelangt, beruflich, steht noch in den Sternen. Ich werde mein Jahr hier in Burundi durchziehen und dann erst einmal nach Hause gehen. Verarbeiten, Nacharbeiten, neu orientieren. Vielleicht auch den gegangenen Weg beibehalten. Wer weiß, wo ich landen werde? Was ich machen werde?

 

Wie haben einen neuen Jungen im Heim. Viané, schätzungsweise sechs oder sieben Jahre alt. UNICEF-Mitarbeiter haben ihn weinend auf der Straße gefunden und zu uns gebracht. Angeblich habe er gesagt, er wohne zwar auf der Straße, habe aber noch einen großen Bruder. Irgendwo. Der Junge hat eine starke psychische Störung. Im ersten Moment lacht er und tobt mit Gleichaltrigen herum. Eine Minute später sitzt er apathisch alleine in einer Ecke, wimmert, weint und schreit laut. Beruhigen lässt er sich meist nur, wenn man ihn in einen ruhigen Raum zu sich nimmt und ihm eine Beschäftigung gibt – beispielsweise irgendetwas schreiben oder malen. Doch es verstreicht nie viel Zeit bis zum nächsten Anfall. Entsprechende Situationen im Heim lassen uns vermuten, dass der Junge ein Drogenproblem hatte oder hat. Klebstoff. Viané hat außerdem eine sehr große Zerstörungswut – ausschließlich gegen sich selbst. Er schlägt sich selbst mit den Fäusten oder irgendwelchen greifbaren Gegenständen. Wenn er abhauen möchte, das Tor aber verschlossen ist, schlägt er mit dem Kopf dagegen. Letzt abends waren einige der größeren Jungs mit aller Kraft damit beschäftigt, dem Kleinen einen Strick aus der Hand zu nehmen, den er sich um den Hals gelegt hatte. Die Kinder, Betreuer und wir sind ratlos. Professionelle Hilfe braucht der Junge. Professionelle Hilfe eines Psychiaters in Burundi?!