Für einen Abend V.I.P.
Februar 22, 2007
Donnerstag, 22. Februar 2007. 10.25 Uhr in Burundi. Die Sonne ist wieder sehr heiß – schon morgens. Es scheint eine kleine Trockenzeit ausgebrochen zu sein, seit einigen Tagen regnet es nicht mehr. Auch nachts bleibt es recht heiß. Gut – für die Landwirtschaft, dass die Unmengen Wasser absickern können. Jetzt darf es nur nicht wieder zu lange ohne Regen bleiben. Ein ständiges Hoffen. Das Schöne: Seit es nicht mehr so viel regnet, ist der Sternenhimmel umso schöner. Wie aus dem Bilderbuch. Zuvor hatte ich so etwas noch nie in Wirklichkeit gesehen.
Gestern Abend sind Marie, Lena und ich noch auf ein Bier in die „Kiriri-Bar“. Wir saßen nur wenige Minuten, da fragte uns Colin – einer der Jungs, die wir nun schon einige Zeit kennen –, ob wir nicht mit kommen wollen, Fußball schauen. Champions League, Liverpool gegen Barcelona. Normalerweise würden wir dankend ablehnen, aber Fußball schauen mit einigen Burundern? Klingt witzig. Also willigen wir ein und fahren mit. Nur wenige Hundert Meter entfernt liegt das „Sun Safari Club Hotel“. Mit Flachbildschirmfernseher. Schon beim Aussteigen aus dem Auto fallen uns die Augen heraus. Ein hohes, weißes Gebäude, interessante Architektur. Vor dem großen Einfahrtstor stehen drei Soldaten Wache. Dass hier sogar der Staat für die Sicherheit der Hotels sorgt?!
Wir gehen einige Stockwerke hoch bis aufs Dach. „V.I.P.“ steht dort. Billardtisch, lang gezogene Bar und ein Ausblich über die gesamte Stadt. Unglaublich. Ich traue meinen Augen nicht. Alles ist gekachelt, poliert und glänzt. Auf dem Weg nach oben erhaschten wir einen Blick in die verschiedenen Ebenen und die Räume. Das Restaurant – vornehmer könnte es nicht sein. Eine Lobby mit Ledersesseln und Fernseher. Bilder von alten Königen hängen an der Wand, kleine Statuen hier und da. Ein weiteres Paradies für Touristen – wer es sich leisten kann. Meine Nachfrage ergibt, dass ein Zimmer hier etwa 120 Dollar pro Nacht kostet. Teurer geht natürlich auch, spezielle Suiten stehen parat. Und es finden sich sogar tatsächlich einige Gäste. Ein paar Weiße, aber auch Einheimische.
Wir nehmen in der „V.I.P.“-Bar Platz, wohin uns Colin und noch zwei weitere Jungs – die wir auch schon kannten – führten. Woher sie die Berechtigung haben, sich hier aufzuhalten, ist mir schleierhaft. Sie schmunzeln bei dieser Frage auch nur. Der Flachbildschirmfernseher, der hier an der Wand hängt, empfängt jedoch den Sportkanal nicht. Großes Entsetzen bei Colin, das Spiel hat schließlich schon begonnen. Also alles wieder retour, bis in den Garten des Hotels. Nicht weniger nobel. Palmen, schöner Rasen, Lichter. Und auch hier eine Bar – mit Flachbildschirmfernseher. Einige Gäste schauen schon das Spiel, Barcelona führte eins zu null. Ich trinke ein Primus, das einheimische Bier. Die anderen Amstel, Lena Cola. Dazu bekommen wir Popcorn gereicht, das neben mir gerade frisch in der Maschine gemacht wurde. Salzig. Ich halte mich aktiv zurück. Aber ich komme aus dem Staunen nicht heraus. Eine solche Oase in diesem sonst so armen Land, in dieser Stadt? Colin und die beiden anderen Jungs sind sichtlich amüsiert über unsere großen Augen. Die Kellner und Bedienungen sind dem Namen des Hotels entsprechend gekleidet: „Safari“. Sieht irgendwie lustig aus.
Schließlich kommt auch mein Kumpel Flo an. Er ist immer noch in Burundi, wie er mir erklärt. Er wolle nach Belgien ziehen – weil er dort geboren wurde. Dort wolle er arbeiten und leben. Die notwendigen Vorbereitungen trifft er gerade mit seinem Vater. Es steht anscheinend noch offen, wann er tatsächlich abfliegt.
Adolphe, der Junge aus unserem Heim mit der Leberzerrhose macht uns in letzter Zeit etwas Sorgen. Die Krankheit ist zu weit fortgeschritten, als dass man noch etwas für ihn tun könnte. Er weiß das. Alle wissen es. Zurzeit fragt er öfter mal nach Medikamenten. Dass die Schmerzen nicht so stark sind. Die kranke Leber kommt daher, dass er als Kleinkind wahrscheinlich eine chronische Krankheit hatte. Vielleicht Malaria, die nie richtig auskuriert wurde. Dass er nicht mehr lange leben wird, ist also auch eine Folge der Missstände in diesem Land. Medizinische Unterversorgung.
Um 12.30 Uhr wollen wir heute Richtung Flughafen starten. Meine Mutter und die Eltern von Julia abholen. Gerade erreichte mich die Mail mit eine schlechteren Nachricht: Mein Freund und Journalistenkollege Werner musste vom Frankfurter Flughafen wieder zurück nach Karlsruhe: Abgelaufener Reisepass. Unglücklich und blöd. In seinem Gepäck: Das Werkzeug und die Geräte, die meine Mutter für die „Optik-Woche“ benötigt. Er wird am Freitag fliegen und schließlich – hoffentlich! – am Samstag Mittag dann hier sein. Dann kann die Aktion endlich starten. Freitag wollten wir sowieso noch nichts machen. Erst einmal ankommen und von der Reise erholen. Aber am Samstag wollten wir starten. Dann eben erst mittags, wenn die notwendigen Werkzeuge endlich da sind. Ich ärgere mich ein wenig. Aber vielleicht auch nicht ganz schlecht für meine Mutter, sich ein wenig von den Strapazen (2.000 Brillen richten und versorgen!) der vergangenen Wochen zu erholen.
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