Landfahrt

Februar 28, 2007

Mittwoch, 28. Februar 2007. 16 Uhr in Burundi. Gerade sind wir von einem Ausflug nach Kayanza, eine Provinz im Norden Burundis, zurück gekehrt. Wir waren unterwegs mit Sibylle, die Frau der EU, die wir vergangenen Sonntag beim Fest von Thomas (aus Östringen) kennen gelernt hatten, meiner Mutter, Lena, Marie, Werner und ich. Und Pierre, der Chauffeur. Um 7.45 Uhr holte uns Sibylle ab und wir starteten im leichten Nieselregen los Richtung Norden. Die Straßen in Bujumbura waren mit Menschen gefüllt. Verkehr ohne Ende. Heute Morgen glaubte ich sofort, dass Burundi überbevölkert ist. Das bunte Meer an Menschen war unglaublich. Die Polizisten grüßen freundlich, als ich vom Heim hinunter zu „Chez André“ laufe – unserem Treff- und Abfahrtspunkt.

 

Sibylle und Pierre kommen pünktlich wie die Maurer. Wir starten planmäßig in die Berge von „Bujumbura Rural“, wo sich ein Mal mehr die märchenhafte Aussicht präsentiert. Mittlerweile zwar nichts Neues mehr, aber der Anblick wird wohl nie langweilig werden. Ein grünes Paradies – daran kann selbst der leichte Regen nichts ändern. Auch nicht meine Müdigkeit. Die letzten Tage hatte ich etwas zu wenig Schlaf. Gestern unterhielt ich mich sehr lange mit Werner. Ich erzählte ihm von unserer aktuellen Situation und holte seine Ratschläge ein – die er als erfahrener Journalist und Homepagebetreiber geben kann. Punkt eins war demnach die neue Homepage der Fondation Stamm, die wir derzeit am Basteln sind. Punkt zwei die Partnerschaft mit Baden-Württemberg. Bei ersterem wird sich in den kommenden Wochen einiges tun (müssen), bei letzterem werden wir anders vorgehen als ursprünglich geplant. Ich bin optimistisch.

 

Als erstes besuchten wir heute eine Freundin von Sibylle – die Schwägerin von Chauffeur Pierre in Kayanza. Eine sehr nette, aufgeschlossene Frau, ein super schön eingerichtetes Haus, mit sehr viel Landwirtschaft darum herum. Es finden sich Avocadobäume, die ein Kilo schwere Früchte tragen, Zitronen, rote Beete, Bananen, Sorghum, Bohnen, Mais, Schweine, Ziegen und Kühe. Die Familie habe mittlerweile wieder drei Kühe, nachdem ihre Tiere während des Bürgerkriegs gestohlen worden waren – was die Familie damals am Boden zerstörte. „Madame Katharine“ empfängt uns freudenstrahlend, trinkt Cola mit uns und quatscht über Gott und die Welt. Es ist recht kalt heute, die Sonne zeigt sich nur etappenweise, dafür weht ein starker Wind in 1.200 Meter Höhe.

 

Katharine zeigt uns ihr Hofgut – wovon aus man eine unglaubliche Aussicht genießen kann. Auf dem gegenüberliegenden Hügel finden sich Kaffeeplantagen, soweit das Auge reicht. Zwischendurch auch viele Eukalyptusbäume. Zwei Bauern winken uns von drüben. Ebenso zwei Kleinkinder, die am Eingang einer Lehmhütte stehen. Plötzlich taucht ein Junge auf – ich schätze, er ist 13 oder 14 Jahre alt. In seiner Hand hält er einen weißen Zettel. Ein Brillenrezept. Dass meine Mutter Optikerin ist, scheint sich schneller herumzusprechen als wir glauben. Wir nehmen das Rezept mit, dass meine Mutter in ihren Beständen in Bujumbura eine passende Brille heraussuchen kann, die wir dann nach Kayanza zu dem Jungen schicken werden. Falls wir keine passende mehr haben werden, müssen wir sie eben aus Deutschland nachsenden lassen, sobald meine Mutter wieder in der Heimat ist. Derweil treffen immer noch Brillenspenden bei uns ein. Das ist auch gut so, denn der Bedarf ist noch lange nicht gedeckt.

 

Wir verabschieden uns herzlich mit Küsschen und Umarmung, wie es in Burundi üblich ist. Dann fahren wir weiter zu der Schreinerei in Kayanza, die ehemals von Baden-Württemberg unterstützt wurde. Die deutschen Mitarbeiter mussten aufgrund der Unruhen 1995 abziehen. Seitdem läuft die Schreinerei, in der 35 Verwaltungsangestellte und 60 Arbeiter eingestellt sind, dennoch weiter. Gehälter werden anscheinend von der burundischen Regierung bezahlt, Materialeinkäufe und weitere anfallende Kosten werden durch den Verkauf der produzierten Möbel, Kunstwerke und anderer Dinge gedeckt. Unser – unangemeldeter – Besuch kommt sehr gut an. Wir müssen uns im Gästebuch verewigen, was ich übernehmen darf. Direkt nach Burundis Präsident Pierre Nkurunziza, der ebenfalls zu den Kunden der Schreinerei zählt, und einigen anderen hoch angesehenen Persönlichkeiten des Landes.

 

Langsam knurrten dann aber die Mägen. Unser nächstes Ziel: Ein kleines Restaurant, das von burundischen Schwestern geführt wird. Es gibt Ziege, Pommes, Krautsalat und Erbsen, dazu eine Tomatensauce und natürlich das scharfe Pili Pili. Wir sitzen auf der weiß gehaltenen Terrasse, ein kräftiger Wind bläst uns um die Ohren und auch die Sonne zeigt sich jetzt wieder öfter und stärker. Die Aussicht auf die für Burundi typische hügelige Landschaft ist das schöne Panorama während unseres Mittagessens.

 

Dann war es auch schon wieder Zeit für die Rückfahrt. Es ist deutlich wärmer geworden, sodass wir mit offenem Fenster fahren konnten. Von dem kleinen Handelsörtchen Bugarama, dessen Sperre man vor 17 Uhr passiert haben sollte, waren wir nicht weit entfernt, sodass wir auch dort nochmals kurz halten konnten. Wir suchten nach burundischem Bananenbier, nach dem sich Chauffeur Pierre erkundigte. An einer Stelle fand er zwar welches, riet uns jedoch vom Kauf, geschweige denn von dessen Trinkbarkeit ab. Dass Bananenbier nicht gleich Bananenbier sein muss, davor hatte uns vor unserer Abreise nach Burundi schon unser burundischer Bekannter Alphonse in Freiburg gewarnt. Also fuhren wir ohne das traditionelle Getränk in die Hauptstadt zurück.

 

Morgen steht die Fahrt mit Verena nach Muyinga in den Osten Burundis an. Freitag werden wir nach Bujumbura zurück kehren.

Dienstag, 27. Februar 2007. 11.10 Uhr burundische Zeit. Ich sitze auf dem Balkon bei Verena und arbeite am Notebook. Mit gegenüber: Werner. Ebenfalls am Notebook. Die Situation erinnert mich gerade an unsere gemeinsamen Tage im Redaktionsbüro, wo wir uns auch gegenüber saßen. Auch die Arbeit erinnert mich stark daran. Zwei Stunden am Platz und nichts Wesentliches geschafft, außer Mails beantwortet. Nicht, dass diese Arbeit nicht wichtig wäre – doch sie nimmt Zeit in Anspruch und auf der Agenda steht so einiges.

 

Gestern Mittag waren wir in unserem Heim für junge Mütter. Auch dort gab es einige Kandidatinnen für eine Brille. „Spezielle Fälle“, wie meine Mutter bemerkte. Alle haben sie seltene Stärken. Hinzu kommt, dass Sehtests hier etwas schwierig sind. Die BurunderInnen sind manchmal etwas überfordert damit – verständlich. Dennoch konnten wir gestern schon einige Brillen mehr verteilen. Bei den „speziellen Fällen“ haben wir nur Maß genommen, die passenden Brillen sucht meine Mutter gerade heraus. In den kommenden Tagen werden wir dann nochmals ins Heim fahren, um die Brillen zu testen – mit welchen die Mädchen am besten zurecht kommen.

 

Reißenden Absatz fanden ein Mal mehr die Sonnebrillen. Jede junge Frau konnte eine bekommen – und auf ihren hübschen Gesichtern sieht beinahe jedes Modell modisch aus. Auch einige Kindersonnenbrillen hatten wir dabei – die für ordentlich Gelächter sorgten. Als es dunkel wurde, mussten wir den Testplatz ins Freie verlegen, denn Strom gibt es im Viertel Kamenge keinen. Als es dann jedoch zu dunkel wurde, mussten wir einpacken. Die „Optik-Woche“ im Mütterheim war ebenfalls ein voller Erfolg. Leiterinnen und Mädchen sind versorgt. Die restlichen Brillen werden – wie bereits erwähnt – in den kommenden Tagen an die Frau gebracht.

 

Für Aufregung sorgte auch wieder Werner mit seinen langen Haaren. Zwei Mal hätte ich gutes Geld machen können. Aber ich kann ja nicht meinen Freund an Burunderinnen verkaufen. *schmunzel* Immer wieder wird uns mulmig zumute, wenn wir Babys und Kinder angeboten, „geschenkt“ bekommen. Sie wollen sie uns geben, dass sie in Deutschland ein besseres Leben haben. Ihnen klar zu machen, dass das jedoch nicht möglich ist, ist nicht immer einfach. Ich muss aber sagen, dass ich immer sehr gerne in das Mütterheim komme. Die Atmosphäre ist ruhiger und entspannter als anderswo.

 

Mittags kam noch Sibylle vorbei, eine Frau, die bei der EU hier in Burundi arbeitet. Sie lud uns ein, am Mittwoch aufs Land zu fahren. In den Norden, nach Kayanza. Wir werden dort die Schreinerei besuchen, die früher ein von Baden-Württemberg unterstütztes Projekt war. An der Wiederbelebung der Partnerschaft mit dem Bundesland arbeite ich derzeit. Ein nicht ganz leichtes Unterfangen, doch ich sehe einige Möglichkeiten. Mal sehen, was dabei herauskommt. Von der Fahrt nach Kayanza werden wir am selben Abend wieder zurück kehren. Am Donnerstag fahren wir dann zusammen mit Verena zu unseren Projekten aufs Land. Voraussichtlich Muyinga, ganz im Nordosten Burundis. Eventuell auch mit Übernachtung, sodass wir Freitag wieder in Bujumbura sein werden.

 

Am 1. März werden in Burundi die Telefone und Internetverbindungen umgestellt. Ich schätze, dass es dadurch zu einigen Verzögerungen, ja sogar Ausfällen kommen wird. Ich weiß demnach nicht, wann ich wieder Gelegenheit haben werde, ins Tagebuch zu schreiben. Sicherlich jedoch sobald die Technik wieder bereit ist und funktioniert.

Montag, 26. Februar 2007. 8.45 Uhr in Burundi. Das zurückliegende Wochenende war wirklich ereignisreich. Am Samstag Morgen starteten wir mit den ersten Sehtests unserer „Optik-Woche“. Wir fuhren ins Straßenkinderheim, wo wir wieder freudig empfangen wurden – wie immer. Es dauerte nicht lange bis die Kids spitz bekamen, dass sich im Koffer meiner Mutter nicht nur Brillen mit Sehstärke finden, sondern auch Sonnenbrillen jeder Art. Für Erwachsene und Kids. Der Andrang war entsprechend. Im Raum, der ansonsten als kleine Krankenstation dient, brachten wir die Sehtesttafel an, in vier Metern Entfernung einen Holzstuhl, worauf die „Augenpatienten“ Platz nehmen sollten. Der Reihe nach standen sie an, wollten ihre Augen testen lassen. Die, die wirklich schlecht sahen und die, die einfach nur mal eine Brille haben wollten. Die „Spreu vom Weizen“ zu trennen, war jedoch nicht besonders schwierig.

 

Am Tisch im Hintergrund wurden eifrig Sonnenbrillen gehandelt, vorne waren die Sehtests im Gange. Die Temperatur im Raum war entsprechend der Anzahl von Menschen darin. Dazu war es laut. Draußen wurde gedrängelt, was das Zeug hielt, jeder wollte zu den Brillen. 114 Straßenjungs, dazu noch einige Erwachsene, die sich untersuchen lassen wollten – von außerhalb –, ein Lehrer aus dem Heim und Verwandte der Angestellten, die wir benachrichtigt hatten.

 

Am Mittag mussten wir dann eine Pause einlegen. Freund und Journalistenkollege Werner kam um 12.45 Uhr am Flughafen in Bujumbura pünktlich an. Ich tauschte meinen Reisepass gegen eine Zutrittskarte und ging in den hinteren Bereich, um Werner in Empfang zu nehmen. Ich fand ihn am Schalter für die Visa, freudig strahlte er mir entgegen. Als wir uns umarmten, ernteten wir schon etwas merkwürdige Blicke von Einheimischen – was jedoch, so denke ich, eher an seinen langen Haaren und dem Bart lag denn an unserer Begrüßung. Beim Laufband, wo wir die Koffer abholten, lernte ich auch Werners neue Bekanntschaft aus dem Flugzeug kennen. Bella. Eine Burunderin, die seit dem Bürgerkrieg in London lebte und nun wieder in ihre Heimat zurückgekehrt war. Abends heiratete ein Verwandter von ihr – wir waren schon eingeladen. Mir war jedoch schon klar, dass wir diese Einladung am Samstag Abend nicht gleich annehmen können.

 

Wir fuhren erst einmal ins „Chez André“, wo wir ein kühles Wasser tranken und die Dinge begutachteten, die noch für meine Mutter und uns bestimmt waren, jedoch mit Werners Gepäck erst nach Burundi kamen. Darin – unter vielen Mitbringseln von den vielen, lieben Menschen aus Deutschland – auch ein Hefezopf meiner Oma. Schmackhaft und äußerst selten in Burundi. Wieder einmal etwas, das man erst richtig zu schätzen lernt, wenn es nicht immer verfügbar ist. Nach einem kleinen Mittagessen – Brouchette vom Rind mit Pommes – ging es dann direkt zurück ins Straßenkinderheim.

 

„Yoohhh!“ schallt es uns entgegen – der burundische Ausruf bei Verwunderung. Solch lange Haare wie von Werner, noch dazu bei einem Mann, hatten die Kids noch nie gesehen. Dementsprechend die Reaktion. Jeder wollte sie anfassen. Die „Optik-Woche“ ging weiter, dieses Mal jedoch etwas ruhiger als am Vormittag. Lena achtete darauf, dass immer nur ein Junge im Raum ist. Nämlich der, der den Sehtest macht. Draußen war jedoch das Gedrängel dasselbe. Die Heimleiter mussten ab und an für Ruhe sorgen, bis sie schließlich die Tür schließen mussten und nur wieder öffneten, wenn der nächste Kandidat an der Reihe war.

 

15 Jungen bekamen eine Brille. Stolz liefen sie gleich damit herum, testeten sie später auch gleich beim Fernsehen. Vor allem in der Schule wird es für sie nun besser, denke ich, wenn sie die Tafel wieder deutlicher sehen können. Ali, der Heimleiter, der am Wochenende arbeitet, bemühte sich, zu helfen. Auf Kirundi erklärte er den Kids den Ablauf des Sehtests, sodass sie verstehen, worauf sie achten müssen, welche Linie der Testtafel sie lesen müssen und was meine Mutter von ihnen wollte. Am Abend, kurz bevor es dunkel wurde, brachen wir dann ab. Das Licht war zu schwach geworden, zudem fielen die Moskitos über uns her. Meine Mutter war erschöpft, Ali und Lena ebenfalls. Den Abend ließen wir gemütlich im „Chez André“ ausklingen – Verena, Benoit, meine Mutter, Werner und ich. Lena, Marie, Julia und ihre Eltern waren in der „Kiriri-Bar“.

 

Am Sonntag Vormittag saß ich lange mit Werner auf dem Balkon bei Verena. Wir hatten viel zu reden, immerhin haben wir uns lange nicht gesehen. Meine Mutter und Julias Eltern sind mit Benoit zum Gottesdienst gefahren, um auch die burundische Kirche kennen zu lernen. Selbstverständlich mit Vorstellung auf Aufstehen in der Kirche, wie bei uns damals. Etwa 12.30 Uhr machten wir uns dann zu Fuß auf den Weg, um pünktlich um 13 Uhr bei Thomas von der EU und seinen Kollegen zu sein, wo wir zum Grillen eingeladen waren. Es war beinahe unglaublich, wie viele Nationalitäten sich auf diesem kleinen Grundstück befanden. Deutsche, Amerikaner, Tschechen, Slowaken, Ukrainer, natürlich Burunder und Schotten. Vom Freiwilligen, über Sicherheitsbeamte der EU, Judokas, ein Arzt, Entwicklungshelfer der EU, Sicherheitsbeamte der amerikanischen Marines und UN-Mitarbeiter – alles war vertreten. Eine interessante und lustige Fete, ich lernte viele Menschen mit interessanten Geschichten kennen. Die burundische Judotruppe, die der Tscheche Thomas ehrenamtlich trainiert und zu einem Wettkampf in Nairobi begleitet hatte, präsentierte stolz die Gold-, Silber- und Bronzemedaillen. Anscheinend haben sie nicht schlecht abgeschnitten. Ich gratulierte ihnen, worauf sie mir ihr strahlend weißes Lächeln zeigten. Auch die Unterhaltung mit UN-Arzt Pedro war höchst interessant. Seit 20 Jahren arbeitet er nun in Burundi. Wenn ich ihn richtig verstanden habe, wird demnächst entschieden, ob er vielleicht in den Irak geschickt wird.

 

Tharcisse, der Koch im Haus von Thomas und seinen Sicherheitsbeamten, stand am Grill und winkte mir freundlich zu. Ebenfalls ein netter Kerl. Ich fühlte mich wohl. Sehr wohl. Die anderen auch. Um 16 Uhr mussten wir uns dann jedoch verabschieden – unsere Straßenjungs erwarteten uns schon, da wir versprochen hatten, nochmals zu kommen. Sie trommelten für die neuen Besucher – ein fantastisches Schauspiel. Auch Leute von außerhalb kamen auf das Heimgelände, um dem Spektakel beizuwohnen. Zur Belohnung gab es Cola, Fanta, Fotoshooting, weitere Sehtests und natürlich die heiß begehrten Sonnebrillen. Als es wieder dunkel zu werden begann, machten wir uns auf den Rückweg. Verena ließ meine Mutter, Lena, Werner und mich bei uns im Waisenheim aussteigen, wo wir zusammen noch mit den anderen zu Abend aßen. Um 20 Uhr kam Tscheche Thomas mit seiner Freundin ins Heim. Sie arbeitete einige Zeit in Sambia bei einer Hilfsorganisation, hat also große Ahnung in diesem Feld. Und sie war sehr an unserer Arbeit interessiert. Also führte ich die beiden noch in unserem trauten Heim herum.

 

Thomas’ Vertrag beim Sicherheitsdienst der EU für Burundi ist abgelaufen. Zusammen mit seiner Freundin, die nun zwei Wochen hier zu Besuch war, wird er heute, Montag, zurück in seine Heimat Tschechien fliegen. Bis der nächste Auftrag zur Pflicht ruft. Ein Leben ständig auf Achse. Und ein so netter, sympathischer Kerl in einem derart knallharten Job. Gegensätzliche Welten, die manchmal nur schwer zu begreifen sind. Thomas und ich wollen per Mail in Kontakt bleiben. Ich bin gespannt, wo in der Welt er sein wird, wenn er mir das erste Mal zurück schreibt.

 

Am Sonntag Abend nach dem Essen im Heim wollten wir noch ein Bierchen trinken gehen. Meine Mutter war zu platt von der Wochenendarbeit. Thomas und seine Freundin nahmen sie freundlicherweise mit zurück ins „Chez André“. Julia und ihre Eltern waren ebenfalls müde, sodass Lena, Marie, Werner und ich noch in die „Kiriri-Bar“ gingen. Ein Bierchen zum Abschluss des Wochenendes, dazu ein paar Spiele Billard. Sehr zum Amüsement spielten wir zu viert in Zweierteams. Hierzulande absolut unüblich. Ebenfalls die Länge unserer Spiele – weil wir allesamt grottenschlecht spielen – trug sichtlich zur Belustigung der Umstehenden bei. Ein witziger Abend.

 

Heute steht ein Besuch im Mütterheim an. Auch dort wollen wir Sehtests machen. Bericht folgt.

Besuch in Burundi

Februar 25, 2007

Samstag, 24. Februar 2007. 10 Uhr. Heute Morgen habe ich mit Gaston (vier Jahre) gefrühstückt. Ich bin um kurz nach 7 Uhr aufgestanden, machte Kaffee und richtete mir ein Brot. Kurz nachdem ich in der Küche Platz  genommen hatte, kommt der kleine Gaston angewackelt und drückt mich zur morgendlichen Begrüßung. Ich setze ihn auf den Stuhl neben mich und teile mit ihm ein Stück der Salami, die mir meine Mutter aus Deutschland (auf Bestellung) mitgebracht hatte. Es schmeckte ihm sichtlich, sein Schmatzen war kaum zu überhören. Danach gab es noch ein kleines Marmeladenbrot und ein Glas Wasser. Hände waschen war am Ende bitter notwendig, aber gemeinsam haben wir das hinbekommen.

 

Gestern waren wir zur Eingewöhnung und Erholung von der langen Reise mit meiner Mutter und Julias Eltern am Strand. Zuvor besuchten wir noch unsere Schule im Stadtteil Kajaga, wo Julia, Marie und Lena Musik- und Deutschunterricht geben. Danach sind wir per Anhalter – wie das in Burundi so üblich ist – ein Stück zurück in Richtung Stadtmitte gefahren und ließen uns am „Saga Plage“, einem Strandhotel, absetzen, wo wir es uns im Schatten eines kleinen Baums gemütlich machten. Es ist in diesen Tagen sehr heiß in Burundi. So auch gestern. Im Anschluss sind Marie und Julia mit unseren Müttern in die Innenstadt zum Geld tauschen. Nach Erzählung meiner Mutter waren sie und Julias Mutter etwas überfordert. Die Wechselstelle liegt direkt gegenüber des Markts, dem Hexenkessel der Stadt mit unzähligen Menschen. Also das erste aufregende Erlebnis – einmal von der Strapaze mit Werners Pass am Flughafen abgesehen.

 

Am Ankunftstag am Donnerstag holten Benoit, Verena, Lena, Julia, Chauffeur Melchiade und ich die Neuankömmlinge am Flughafen ab. Es war recht viel los, auch viel UN war zu sehen. Viele ihrer getarnten Militärmaschinen fliegen ab und kommen derzeit an. Trubel am kleinen Flughafen. Mit einer kleinen Verspätung kamen die neuen „Muzungus“ schließlich an. Normalerweise darf nur eine Person in den hinteren Bereich des Flughafens, wo die Passagiere ankommen. Benoit besorgte Julia und mir jedoch eine „V.I.P.“-Karte, die uns den Zutritt erlaubte. Schon wieder „V.I.P.“. Dafür mussten wir lediglich unsere Reisepässe an einem Schalter abgeben, die wir nach Rückgabe der Karte wieder zurück erhielten.

 

Meiner Mutter war noch etwas die Anspannung anzumerken, weil es ja mit Werners Anreise nicht klappte. Im Flugzeug habe sie neben einer älteren Dame gesessen, die nach Äthiopien zum – anscheinend – Wanderurlaub unterwegs war. Da meine Mutter entsprechend entnervt und Fertig aussah, bestellte ihr die Frau umgehend einen kleinen Rotwein. Dann setzte sich der Schock etwas. Mein Onkel und Werner versuchten am Mittwoch Abend, noch schnell vom Frankfurter Flughafen zurück nach Karlsruhe zu fahren, um den richtigen, gültigen Reisepass zu holen. Doch für eine erneute Fahrt nach Frankfurt hat es dann nicht mehr gereicht. Werner wird – dank einer schnellen Umbuchungsmöglichkeit – heute Mittag in Bujumbura eintreffen. Zusammen mit ihm ein Gerät und Werkzeug für die „Optik-Woche“.

 

Nach Ankunft im „Chez André“ tranken wir erst einmal Wasser und Kaffee, quatschten und packten die mitgebrachten Spenden aus. Der Rest folgt ja erst heute. Im Anschluss fuhren wir gleich ins Kinderheim, wo unsere Besucher unsere kleine, große Familie kennen lernte. Viele waren noch in der Schule, kamen jedoch nach und nach ins Heim. Sie freuten sich sichtlich – und meine Mutter und Julias Eltern auch. Nach einem kurzen Rundgang durch die Gebäude, dem ersten burundischen Sonnenuntergang und einer wohltuenden Dusche ging es wieder zurück ins „Chez André“, wo wir alle zusammen zu Abend aßen. Ich lief zusammen mit meiner Mutter schon vor, da ja Julias Eltern bei uns im Heim untergebracht sind – weil sie es so wollten – und dort noch duschen mussten. Meine Mutter wohnt im „Chez André“. Auf dem Weg hinunter treffen wir Julie, der Burunder indischer Herkunft, den wir schon einige Zeit kennen. Er war gerade im kleinen Geschäftchen „Belladone“ einkaufen und fragte, ob er uns mitnehmen solle.

 

Heute wird nun die heiß erwartete „Optik-Woche“ starten. 3.500 Brillen wurden mittlerweile bislang ins Geschäft meiner Mutter geliefert. Starke, schwache, kleine, große, Sonnenbrillen und normale Gläser, Etuis und auch teure Marken. Von überall her. Einige sind nun hier in Burundi – teils mit Paketen, teils mit dem Koffer meiner Mutter. Etwa 1.000 Brillen, etikettiert, gesäubert und sortiert. Dank den vielen fleißigen Helferlein zu Hause, die selbst an den Wochenenden nicht still saßen. Plan ist, ein wenig Optiker-Know How hier in Burundi zu lassen, dass das Projekt nicht nur auf ein, zwei Wochen beschränkt bleibt, sondern langfristig und nachhaltig Wirkung zeigt. Vorerst wird voraussichtlich Lena angelernt, wie man kleinere Reparaturen und Anpassungen vornimmt. Das Wissen wird dann irgendwann in der kommenden Zeit auch an einen Burunder vermittelt, der das Projekt weiterführen kann, wenn wir nicht mehr in Burundi sein werden. Die restlichen Brillenspenden, die derzeit noch in Deutschland bearbeitet werden, kommen in den nächsten Wochen per Paket.

 

Heute startet also die „Optik-Woche“ im Straßenkinderheim der Fondation. Gegen Mittag werden wir dann Werner vom Flughafen abholen, danach gleich wieder ins Straßenkinderheim zurück kehren, um den Trommlern zuzuschauen und eine kleine Fete mit ihnen zu feiern. Mal sehen, was der Abend dann so bringt. Morgen sind wir um 13 Uhr bei Thomas, dem Sicherheitsbeamten der EU (aus Östringen), und seinen Jungs zu Hause eingeladen. Ein kleines Grillfest. Sein Kollege, der die burundischen Jugendlichen im Judo trainiert, war mit seinem kleinen Team anscheinend bei Wettkämpfen in Kenia recht erfolgreich. Das muss gefeiert werden. Und wir sind eingeladen.

 

Sonntag, 25. Februar 2007. 12 Uhr in Burundi. Das Programm ist voll, deshalb nur eine kurze Meldung. Der erste Tag der „Optik-Woche“ lief sehr gut an. Wir waren im Straßenkinderheim, unzählige Sehtests wurden durchgeführt, 15 Jungen haben bereits eine passende Brille verpasst bekommen und können nun endlich wieder scharf sehen. Die Sonnenbrillen ohne Stärke haben reißenden Absatz gefunden. Bilder vom ersten Tag der Aktion werden bald online gestellt. Weitere Details folgen ebenfalls. Jetzt müssen wir uns auf den Weg machen zu unserer Einladung bei Thomas und seinen Kollegen vom EU-Sicherheitsdienst. Werner, der gestern Mittag angekommen ist, hat sich schon sehr gut eingelebt und ist ebenfalls mit von der Partie.

Journalist Werner…

Februar 22, 2007

…wird am Samstag Mittag in BJM eintreffen. Umbuchung hat geklappt. Gott sei Dank! Das zur Info für alle Interessierten…

Für einen Abend V.I.P.

Februar 22, 2007

Donnerstag, 22. Februar 2007. 10.25 Uhr in Burundi. Die Sonne ist wieder sehr heiß – schon morgens. Es scheint eine kleine Trockenzeit ausgebrochen zu sein, seit einigen Tagen regnet es nicht mehr. Auch nachts bleibt es recht heiß. Gut – für die Landwirtschaft, dass die Unmengen Wasser absickern können. Jetzt darf es nur nicht wieder zu lange ohne Regen bleiben. Ein ständiges Hoffen. Das Schöne: Seit es nicht mehr so viel regnet, ist der Sternenhimmel umso schöner. Wie aus dem Bilderbuch. Zuvor hatte ich so etwas noch nie in Wirklichkeit gesehen.

 

Gestern Abend sind Marie, Lena und ich noch auf ein Bier in die „Kiriri-Bar“. Wir saßen nur wenige Minuten, da fragte uns Colin – einer der Jungs, die wir nun schon einige Zeit kennen –, ob wir nicht mit kommen wollen, Fußball schauen. Champions League, Liverpool gegen Barcelona. Normalerweise würden wir dankend ablehnen, aber Fußball schauen mit einigen Burundern? Klingt witzig. Also willigen wir ein und fahren mit. Nur wenige Hundert Meter entfernt liegt das „Sun Safari Club Hotel“. Mit Flachbildschirmfernseher. Schon beim Aussteigen aus dem Auto fallen uns die Augen heraus. Ein hohes, weißes Gebäude, interessante Architektur. Vor dem großen Einfahrtstor stehen drei Soldaten Wache. Dass hier sogar der Staat für die Sicherheit der Hotels sorgt?!

 

Wir gehen einige Stockwerke hoch bis aufs Dach. „V.I.P.“ steht dort. Billardtisch, lang gezogene Bar und ein Ausblich über die gesamte Stadt. Unglaublich. Ich traue meinen Augen nicht. Alles ist gekachelt, poliert und glänzt. Auf dem Weg nach oben erhaschten wir einen Blick in die verschiedenen Ebenen und die Räume. Das Restaurant – vornehmer könnte es nicht sein. Eine Lobby mit Ledersesseln und Fernseher. Bilder von alten Königen hängen an der Wand, kleine Statuen hier und da. Ein weiteres Paradies für Touristen – wer es sich leisten kann. Meine Nachfrage ergibt, dass ein Zimmer hier etwa 120 Dollar pro Nacht kostet. Teurer geht natürlich auch, spezielle Suiten stehen parat. Und es finden sich sogar tatsächlich einige Gäste. Ein paar Weiße, aber auch Einheimische.

 

Wir nehmen in der „V.I.P.“-Bar Platz, wohin uns Colin und noch zwei weitere Jungs – die wir auch schon kannten – führten. Woher sie die Berechtigung haben, sich hier aufzuhalten, ist mir schleierhaft. Sie schmunzeln bei dieser Frage auch nur. Der Flachbildschirmfernseher, der hier an der Wand hängt, empfängt jedoch den Sportkanal nicht. Großes Entsetzen bei Colin, das Spiel hat schließlich schon begonnen. Also alles wieder retour, bis in den Garten des Hotels. Nicht weniger nobel. Palmen, schöner Rasen, Lichter. Und auch hier eine Bar – mit Flachbildschirmfernseher. Einige Gäste schauen schon das Spiel, Barcelona führte eins zu null. Ich trinke ein Primus, das einheimische Bier. Die anderen Amstel, Lena Cola. Dazu bekommen wir Popcorn gereicht, das neben mir gerade frisch in der Maschine gemacht wurde. Salzig. Ich halte mich aktiv zurück. Aber ich komme aus dem Staunen nicht heraus. Eine solche Oase in diesem sonst so armen Land, in dieser Stadt? Colin und die beiden anderen Jungs sind sichtlich amüsiert über unsere großen Augen. Die Kellner und Bedienungen sind dem Namen des Hotels entsprechend gekleidet: „Safari“. Sieht irgendwie lustig aus.

 

Schließlich kommt auch mein Kumpel Flo an. Er ist immer noch in Burundi, wie er mir erklärt. Er wolle nach Belgien ziehen – weil er dort geboren wurde. Dort wolle er arbeiten und leben. Die notwendigen Vorbereitungen trifft er gerade mit seinem Vater. Es steht anscheinend noch offen, wann er tatsächlich abfliegt.

 

Adolphe, der Junge aus unserem Heim mit der Leberzerrhose macht uns in letzter Zeit etwas Sorgen. Die Krankheit ist zu weit fortgeschritten, als dass man noch etwas für ihn tun könnte. Er weiß das. Alle wissen es. Zurzeit fragt er öfter mal nach Medikamenten. Dass die Schmerzen nicht so stark sind. Die kranke Leber kommt daher, dass er als Kleinkind wahrscheinlich eine chronische Krankheit hatte. Vielleicht Malaria, die nie richtig auskuriert wurde. Dass er nicht mehr lange leben wird, ist also auch eine Folge der Missstände in diesem Land. Medizinische Unterversorgung.

 

Um 12.30 Uhr wollen wir heute Richtung Flughafen starten. Meine Mutter und die Eltern von Julia abholen. Gerade erreichte mich die Mail mit eine schlechteren Nachricht: Mein Freund und Journalistenkollege Werner musste vom Frankfurter Flughafen wieder zurück nach Karlsruhe: Abgelaufener Reisepass. Unglücklich und blöd. In seinem Gepäck: Das Werkzeug und die Geräte, die meine Mutter für die „Optik-Woche“ benötigt. Er wird am Freitag fliegen und schließlich – hoffentlich! – am Samstag Mittag dann hier sein. Dann kann die Aktion endlich starten. Freitag wollten wir sowieso noch nichts machen. Erst einmal ankommen und von der Reise erholen. Aber am Samstag wollten wir starten. Dann eben erst mittags, wenn die notwendigen Werkzeuge endlich da sind. Ich ärgere mich ein wenig. Aber vielleicht auch nicht ganz schlecht für meine Mutter, sich ein wenig von den Strapazen (2.000 Brillen richten und versorgen!) der vergangenen Wochen zu erholen.

Mittwoch, 21. Februar 2007. 11 Uhr. Heute Abend startet der Flieger in Frankfurt Richtung Bujumbura mit meiner Mutter, Journalistenkollege und Freund Werner und Julias Eltern. Morgen Mittag werden sie dann hier sein. Dann kann auch die „Optik-Woche“ starten, die hier heiß erwartet wird. Es kann daher sein, dass die Tagebucheinträge in den kommenden Tagen etwas auf sich warten lassen. Ich bitte um Verständnis!

 

Am 20. Februar ist übrigens ein Artikel in der Frankfurter Rundschau über die burundikids erschienen. Eine tolle Unterstützung! Ich bin gespannt auf die Rückmeldungen und Reaktionen. Auch die Unterstützung durch „alles-und-umsonst.de“ läuft weiterhin, was mich sehr, sehr freut. Die Arbeit geht dennoch nicht aus. Nie.

Dienstag in Burundi

Februar 20, 2007

Sonntag, 18. Februar 2007. 13.06 Uhr. Der Sonntag macht seinem Namen alle Ehre. Bereits früh morgens scheint die Sonne stark, es ist richtig warm. Cédric, ein Junge, der einmal im „Centre Uranderera“ war und jetzt immer noch ab und zu zu Besuch kommt und von der Fondation weiterhin unterstützt wird, schenkte mir eine CD. Darauf finden sich Musikvideos aus Burundi und sonstigen afrikanischen Ländern – ich glaube, Ruanda und Tansania. Gerappt wird auf Kirundi oder eben Suaheli. Es ist lustig, in den Videos Gebäude und Gegenden aus Bujumbura wieder zu erkennen. Das Hotel „Village“, die Kneipe „Calvados“ und die Diskothek „Havanna“.

 

Lena und ich sind den halben Tag damit beschäftigt, Bilder auszuwählen. Wir wollen von jedem Kind aus dem Heim ein Foto – das Beste, versteht sich – aussuchen und in Deutschland entwickeln lassen. Fotoentwicklung hier in Burundi ist viel zu teuer – noch dazu von einer digitalen Speicherkarte. Der nächste Besucher (oder im nächsten Paket) soll dann die entwickelten Abzüge mitbringen, dass wir sie an einer Wand aufhängen können. Sieht dann, denke ich, ganz schön aus.

 

Dienstag, 20. Februar 2007. 12.40 Uhr in Burundi. Gestern waren wir in der Provinz Cibitoke, ganz im Nordwesten Burundis. Die Provinz, in der die Hungersnot und die Überschwemmungen bislang am schlimmsten sein sollen. Zuerst sahen wir auf unserer Fahrt dorthin große Felder mit Mais und Sorghum. Beinahe wollte sich wieder das Gefühl von Unverständnis einstellen, weshalb hier ein Mensch hungern sollte. Nahrung im Überfluss!

 

Wir starteten so gegen 11 Uhr. Vorbei am Flughafen und am Friedhof unter Palmen, wo unser kleiner Jimmy liegt. Hindurch durch den kleinen Ort Gihanga, ein armes Fleckchen mit sehr einfachen Hütten und offensichtlich viel Viehwirtschaft. Dann fahren wir durch die „Imbo-Ebene“, ein riesiges Flachland mitten in Burundis Bergen. Fruchtbares Land. Hauptsächlich wird hier Reis angebaut, doch die größte Fläche ist nach wie vor ungenutzt – warum auch immer. Vor dem Krieg war es ein großes Anliegen, diese Ebene zu bewirtschaften. Von Seiten des Staats hatte man bereits damit begonnen, dann kam der Krieg. Aktuell hat Präsident Nkurunziza versprochen, wer sich landwirtschaftlich betätigen wolle, bekäme ein Stück Land zur Verfügung gestellt. Die „Imbo-Ebene“ könne angeblich ganz Burundi mit Nahrung versorgen. Großes Potenzial – das jetzt nur noch genutzt werden muss!

 

Immer wieder glänzt uns Wasser entgegen, viele Bereiche zeugen noch von den Überschwemmungen. Reisanbau ist demnach die beste Lösung. Verena erzählte, dass das nicht schon immer angebaut würde – als sie in den 70ern hier her kam, wurde Reis noch importiert. Jetzt hat man erkannt, dass Reis auch hier prächtig wächst. Bewohnt ist diese Gegend kaum. Große Rinderherden werden von ihren Besitzern durch die Gegend getrieben. Die Vegetation ist hier wieder eine ganz andere. Wir sehen eine knallrote Vogelart, die wir sonst nirgends mehr sehen – geschweige denn gesehen haben. Vielleicht stehen diese kleinen Vögel auf Reis. Im Hintergrund thronen die Berge des Kongo. Ein paradiesisches Szenario.

 

Wir passieren einen Holzbogen, der über die Straße gebaut ist. Wir sind in der Provinz Cibitoke. Plötzlich hört die Straße einfach auf, vor uns nur Sandpiste. Einen kleinen Fluss, der über die Straße fließt, überqueren wir auch. Dann ist unser Weg wieder geteert. Die Straße ist recht gut, bis auf wenige Schlaglöcher. Wir kommen durch eine kleine Siedlung. Die Schule scheint gerade aus zu sein. Viele Kinder entlang der Straße. Sie tragen eine Schuluniform und viele dazu eine Gartenhacke. Ein absurdes Bild. Der gesamte Wegrand ist bunt von den Kleidern der Kids. Dann überqueren wir den Fluss Ruzizi. Natur pur, unbegradigt, unbefestigt, schlängelt er sich durch die schöne Landschaft.

 

Um 12.30 Uhr treffen wir uns mit dem „Berater für soziale und kulturelle Fragen“ im Zentrum von Cibitoke. Er macht einen sympathischen Eindruck, dass wir helfen wollen, freut ihn. Gerne gibt er uns jede Auskunft, die wir haben wollen. Er reicht uns auch eine Statistik, auf der alles fein säuberlich aufgelistet ist: Von den Überschwemmungen betroffene Familien, zerstörte Häuser, Schulen und Hektar der Äcker. Unglaublich. Dann fahren wir weiter in die Kommune Rugombo. Viel von einer Überschwemmung sehen wir vorerst nicht. Wir halten kurz am Deutschen Soldatenfriedhof, der sich hier noch aus der Kolonialzeit befindet. Die Gräber sind – ganz im militärischen Stil – einheitlich. Darauf steht jeweils ein Dornenbusch mit roten Rosen. Ein alter Burunder hält den kleinen Friedhof in Schuss, alles ist sehr sauber, nichts etwa verwuchert oder unkontrolliert bewachsen. Es ist interessant, diese Gräber alter deutscher Kolonialsoldaten und ihrer Askari zu sehen. Wir fahren weiter.

 

Ich sehe wieder die Häuserruinen. Ein Bild aber beeindruckt mich in seiner fast schon traurigen Dramatik. Direkt neben einem zerstörten Haus steht ein neues, schönes Hüttchen. Darin wird gewohnt – in der Ruine ist die Küche, wie mir der aufsteigende Rauch verrät. Ein unglaubliches Bild. Zerstörung und Neuaufbau in einem. Wir treffen uns mit einer Art oberstem Landwirt aus Cibitoke. Er wird uns in Ecken führen, wo man die Überschwemmungen noch sieht, beziehungsweise ihre direkten Folgen. Wir biegen von der Hauptstraße in einen kleinen Trampelpfad ab. Es dauert nicht lange, da zeigt sich uns ein kleiner See, wo eigentlich keiner sein sollte. Bäume, Palmen, Bananen – alles steht im Wasser, als sei es natürlich. Auf der anderen Seite des Pfads liegt ein großes Feld, auf dem Bananen angebaut sind. Die Pflanzen sind braun. Das Wasser hat sich zwar zurück gezogen, doch was noch stehen bleibt, ist pure Fäulnis. So weit das Auge reicht.

 

Wir steigen aus uns besuchen eine kleine Siedlung. An den Häuserwänden sind in etwa 30 Zentimeter Höhe weiße Ränder. Spuren vom Hochwasser. Die Menschen führen mich in ihr Haus. Der lehmige Boden ist noch feucht. Ein größeres Haus ist völlig zerstört – nur noch das Fundament ist zu sehen. Ein anderes liegt noch zusammen gestürzt da, als hätten sie die Steine liegen lassen, dass wir es sehen können. Ich fotografiere ein Kind mit einem unheimlich dicken, unnatürlichen Bauch. Mangelerscheinungen. Doch: Von Jammern bei den Menschen keine Spur. Sie freuen sich über unseren Besuch, scherzen untereinander, lächeln uns an. Sie lächeln, während sie in ihren Häuserruinen stehen. Begleitet hat uns auch ein – ich nenne es mal „engagierter Bürger“. Er kennt Verena und ihren Mann Benoit. Sichtlich freute er sich, dass sich Verena mit ihrer Fondation in Cibitoke engagieren möchte. Er stellte uns wichtigen Leuten vor und führte uns herum. Zum Abschluss spendierte er uns noch eine Cola. Dann fuhren wir weiter.

 

Zwischenstopp auf dem Heimweg machten wir an einem kleinen See. Die Burunder erzählen sich die witzige, aber fragwürdige Geschichte über die Entstehung dieses Sees. Cibitoke hat sehr viel Grundwasser. Ein Mann habe angeblich irgendwann einmal eine Toilette graben und bauen wollen. Da stieß er plötzlich auf Wasser, das aus dem gegrabenen Loch sprudelte. Es wurde mehr und immer mehr – bis eben der kleine See entstand. Heute befindet sich dort ein kleines Bistro, mit einem Holzboot kann man sich hinaus fahren lassen. Für 1.000 Burundifranc. Also nicht einmal ein Euro. Ein Geheimtipp für eventuelle Touristen. Mitten in der paradiesischen Landschaft eine kleine Bootstour. Auch die Geschichte dazu passt zu einem Touristen-Gag. Am späten Nachmittag fahren wir wieder nach Hause, hindurch durch eine riesige Rinderherde. Die größte, die ich bislang sah. Daneben: Zwei Soldaten, die lässig eine Panzerfaust um die Schulter geschwungen haben.

 

Eine witzige Anekdote noch vom vergangenen Freitag. Der burundische Präsident Pierre Nkurunziza war nach Cannes, Frankreich, gereist, um sich dort zum Palaver mit wichtigen anderen Staatsleuten zu treffen. Begleitet von einer schwer bewaffneten Leibwächtertruppe. Die wurde dann, samt Präsident, beim Zwischenstopp in Frankfurt von der deutschen Anti-Terroreinheit festgenommen. Etwa eine Stunde lang. Der Grund: Kein Mensch wusste, dass Burundis Präsident diese Reise unternahm. Keiner so wirklich hier, keiner in Deutschland, nicht einmal die burundische Botschaft in Berlin. Tja. Da wundert es mich nicht, dass es am Frankfurter Flughafen nicht wirklich irgendjemanden interessierte, dass Nkurunziza wild gestikulierend zu erklären versuchte, er sei der Präsident Burundis. Eine urkomische Vorstellung.

 

Gestern Abend traf ich zusammen mit Lena noch den Mann aus der Heimat. Marco aus Leopoldshafen. Die Welt ist ein Dorf. Und Marco arbeitet als Jurist bei den UN in Bujumbura. Seine bisherige Lebensgeschichte ist nicht uninteressant. Wo er schon überall war, ist beinahe unglaublich. Eine interessante, neue Bekanntschaft. Und es ist urkomisch, in Burundi jemanden aus dem guten alten Eggenstein-Leopoldshafen zu treffen. Ich konnte nur noch den Kopf schütteln. Der Kontakt kam zustande durch die „Optik-Woche“, die wir in den kommenden Tagen starten werden. Ein Aufruf zur Brillensammlung machte Marcos Vater aufmerksam, der nicht zögerte, sofort alte Brillen zu meiner Mutter ins Geschäft zu bringen. Nicht zu fassen. Es war witzig, mit Marco über die selben Hausecken, Straßen und Feste zu plaudern. Wir tranken unser Primus im „Circle Nautique“, einem Restaurant direkt am See gelegen. Herrlich. Wieder ein Tipp für Touristen, die mit dem Gedanken spielen, nach Burundi zu kommen.

 

Morgen, Mittwoch, startet der Flieger in Frankfurt mit meiner Mutter, meinem sehr guten Freund und Journalistenkollegen Werner, sowie Julias Eltern. Ankunft ist dann am Donnerstag Mittag. Dann kann auch die „Optik-Woche“ starten. Denn bereits das zweite Paket mit zig Hundert Brillen ist gerade heute bei uns in Bujumbura eingetroffen. Weitere folgen im Koffer. Die Resonanz auf die Brillensammelaktion war und ist nach wie vor überwältigend. Unglaublich. Und mich freut dieses Engagement. An dieser Stelle ein ganz dickes Dankeschön an alle, die gespendet haben – und vor allem auch an die, die meiner Mutter halfen, die – zwischenzeitlich 2.000 Brillen – zu säubern, etikettieren und in Kartons zu verpacken. Brillenspenden, die immer noch eintreffen, werden nachgeschickt oder eventuell in den Container verladen, der bald nach Burundi gehen wird.

 

Die Äthiopien Airlines haben anscheinend gerade in diesen Tagen Probleme mit einem Flugzeug gehabt. Es stand hier auf dem Flughafen in Bujumbura, als noch eine Maschine landete. Da spielten plötzlich die Instrumente verrückt. Das Flugzeug konnte nicht mehr starten und muss nun eine Weile hier bleiben. Monteure und Inspekteure gibt es hier nicht – die müssen erst eingeflogen werden, zusammen mit den Ersatzteilen. Ich denke mal, Ersatz aus Addis Abeba ist schon in Frankfurt eingetroffen. Ein Glück, dass das nun vorher passiert ist. Aber was wäre das Leben, wenn nicht ab und zu was passieren würde. Wäre es nicht alles zu langweilig?

Eine ereignisreiche Woche

Februar 16, 2007

Freitag, 16. Februar 2007. 14.40 Uhr. Vieles ist passiert in dieser Woche. Nach meinem Geschmack zu viel. Wie bereits erwähnt, erlag unser kleiner Jimmy in der Nacht zum Mittwoch seinem Herzleiden. Umso tragischer macht die Situation, dass wir schon so weit gekommen waren. Wir hatten Kontakte in Deutschland geknüpft, alles schon so weit geplant, dass Jimmy hätte nach Deutschland gebracht hätte werden können. Doch dann kam der Anruf, der uns alle schockierte. Auch die Kinder hat es getroffen, wie ich in diesen Tagen spüre. Gestern, Donnerstag, war die Beerdigung. Um 9 Uhr morgens holte uns Verena ab. Auch die Kinder aus dem Heim, Jimmys Freunde, und seine Eltern, die am Abend zuvor aus der armen Provinz Muyinga angereist waren, woher einst Ärzte Jimmy nach Bujumbura gebracht hatten. Es sind arme Bauersleute aus dem Landesinnern. Sie wurden von der Fondation mit neuen Klamotten eingekleidet.

 

Wir fuhren ins Krankenhaus im Stadtteil Kamenge und hielten vor der Leichenkammer. Sieht man die Baracke von außen, würde man nicht vermuten, dass sich darin Kühlkammern mit toten Körpern befinden. Verena erzählt, dass es vor nicht allzu langer Zeit, als der Strom noch für mehrere Tage ausfallen konnte, übel nach Verwesung gestunken haben muss. Zustände, die für Europäer kaum nachvollziehbar sind. Dort drin lag nun unser Jimmy. Wer wollte, konnte ihn nochmals sehen und ihm mit dem Zeigefinger ein Kreuz auf die Stirn zeichnen. Einige der größeren Kids gehen hinein, auch Verena, gefolgt von Lena, Marie und Julia. Ich bleibe draußen stehen und Gaston, unser kleinster Mann mit drei Jahren, hielt meine beiden Hände fest. Er sollte auch draußen bleiben. Dann war es soweit. Unsere großen Jungs und Leiter Emmanuel trugen den Sarg, den Verena hatte machen lassen, in den Bungalow, um ihn kurze Zeit später mit der Leiche Jimmys auf den Pick Up zu laden. Darauf legten sie die Trauerkränze, einer der Fondation Stamm, einer der Kinder und Leiter des „Centre Uranderera“, einer der Eltern, einer von dem befreundeten Franzosen Bruno und einer von uns, Lena, Marie, Julia und mir. Der Sarg war aus Holz, überzogen mit lila Stoff – der Trauerfarbe in Burundi – und weißen Spitzen an den Seiten entlang. Um den Sarg herum auf dem Pick Up nahmen einige der Jungs Platz, der vorderste hielt das Metallkreuz, auf dem Jimmys Name, sein Todestag und sein Geburtsdatum standen: Jimmy Nshimirimana, 1994 – 2007. Die Wagen wurden noch mit lila Schleifen geschmückt, dann setzte sich der Korso in Bewegung: Wir im Geländewagen, hinter uns der Pick Up und schließlich der kleine Lkw mit den Kindern auf der Ladefläche.

 

Wir fuhren zuerst in eine katholische Kirche, wo der Pfarrer eine kurze Predigt hielt, vorne der Sarg Jimmys, auf den Bänken wir. Es war ein junger Pfarrer, seine Worte aber waren gewählt und auch modern – einfach passend zur Beerdigung eines Kindes. Dann holte er sich die Eltern Jimmys nach vorne, nahm sie in den Arm und tröstete sie. Der Vater bedankte sich bei der Fondation Stamm für alles, was sie für seinen kranken Sohn getan hatte. Er entschuldigte sich vor der gesamten Gruppe – in erster Linie vor dem Pfarrer –dafür, dass er Jimmy nicht hatte taufen lassen. Die Mutter hielt sich die Hand vors Gesicht, das Baby, das sie um den Rücken gewickelt trug, Jimmys Geschwisterchen, das er nicht kannte, schlief tief und fest. Auf dem Weg zurück in die Autos parkte dort gerade ein großer Lkw des burundischen Militärs. Auch die Armee hatte an diesem Tag einen Toten zu beklagen.

 

Unser Zug setzte sich in Bewegung in Richtung Friedhof. Als uns ein Polizist am Straßenrand sieht, bleibt er abrupt stehen und salutiert vor Jimmys Sarg. Es ist eine lange Fahrt, wir passieren auch den Flughafen Bujumburas mit seiner schönen Architektur, die an die Oper in Sydney erinnert. Überschwemmte Felder. Dann beginnt ein kleiner Wald, (fast) unberührte Natur. Palmen und Sträucher. Dazwischen blitzen immer mehr schwarze Kreuze. Immer mehr und immer mehr. Nach einer Weile biegen wir links ab, in das Friedhofsgelände. Neben den einfachen Gräbern mit ihren Metallkreuzen stehen prächtige, weiß gekachelte Ruhestätten. Manche sind sogar umzäunt. Ein Stück weiter im Geländeinnern halten wir. Der Sarg wird abgeladen und zum bereits vorbereiteten, ausgehobenen Grab getragen. Die Friedhofsarbeiten stehen in der Grube und nehmen den Sarg entgegen, lassen ihn langsam ab. Dann nimmt jeder eine Hand voll Sand und streut sie auf das Holz, gefolgt von Trauergesängen, die einem die Tränen in die Augen schießen ließen. Betreuerin King Kong, die bei Jimmy war, als er im Krankenhaus starb, kauerte hinter mir und schluchzte laut. Nicht weit von ihr Jimmys Mutter, ein weißes Tuch über den Kopf gezogen. Die Sonne brennt. Unter den Palmen kommt mir der Friedhof vor wie ein Platz im Paradies. Das Paradies der Toten.

 

In schneller, aber sorgfältiger und behutsamer Arbeit schaufelten die Arbeiter das Grab zu, legten Ziegelsteine darauf und betonierten es schließlich von Hand zu – glatt und gleichmäßig. Begleitet von Gesang. Athanas, der Büromitarbeiter von Verena, hält eine Rede auf Kirundi – wie es hier Brauch ist. Dann legen wir nacheinander die Kränze auf das Grab. Hinter uns kommt schon der Laster der Armee angefahren. Für den toten Soldaten ist ein Grab unweit von dem Jimmys ausgehoben. Die Soldaten stehen in Reih und Glied und salutieren. Wir machen uns auf den Rückweg, nachdem wir auch die kleinen, bunten Windlichter, die Julia und Lena zusammen mit den Kindern bebastelt hatten, angezündet und auf das Grab gestellt hatten.

 

Die Fahrt zurück ist noch länger als die Hinfahrt. Tausend Dinge strömen mir durch den Kopf. Als wir wieder zurück im Heim sind, kommen die Kinder, die später aus der Schule kamen, auf uns zu. Wir nehmen alle auf der Terrasse Platz, wo Athanas und anschließend nochmals Jimmys Vater eine kurze rede hielten. Brauch in Burundi. Dann gab es Getränke für alle. Für die Kids Limonade, für die Erwachsenen Bier. Ein Getränk, dann geht man. So sagte es uns Verena. So taten es alle. Einige blieben bei Jimmys Eltern. Nach burundischer Sitte wird um ein Kind drei Tage lang getrauert. Direkt nach der Beerdigung wird eine Schüssel Wasser umhergereicht, man „wäscht sich die Hände rein“. Dann, nach einem Monat, wird ein Fest ausgerichtet. Das Ende der Trauerzeit. Bei Erwachsenen wird eine Woche lang getrauert. Das Fest wird dann nach einem Jahr gefeiert – zusammen mit der Klärung der Erbfolge. Jimmys Fest wird in seiner Heimat Muyinga stattfinden. Sein Vater bat noch vor der gesamten Truppe um Unterstützung. Dass es Jimmys Geschwistern nicht genau so ergehe. Sie werden von der Fondation unterstützt werden.

 

Die Kinder trauern. Ornella (zwölf Jahre) hat sich ganz in Schwarz gekleidet und trägt das lila Tuch um das Handgelenk. Sie weint noch des öfteren. Auch Evelyne (acht Jahre) habe ich mit diesem Tuch gesehen. Die Kinder haben jeder für sich kleine Bilder gemalt, Sätze geschrieben – oder beides –, die wir dann auf ein großes Plakat geklebt haben. In der Mitte ein Bild von Jimmy. Das Bild, das ich auch beim Eintrag „Trauer“ online stehen habe. Darüber ein von Jimmy an Weihnachten gebastelter Strohstern. Das Plakat hängt nun in unserem Wohnzimmer, dem Spielzimmer für unsere Kinder. Der kleine Venuste (zwölf Jahre) trauert auch, das merke ich. Gestern Abend stand ich am Eingang unseres Häuschens, draußen regnete es wieder stark. An der Hauswand entlang hatten wir abends wieder die Windlichter für Jimmy aufgestellt, die die Kids aus Pergamentpapier gebastelt hatten. Venuste stand vor mir. Sobald eines vom Wind ausging, sprang Venuste auf und zündete es wieder an. Dabei sang er die ganze Zeit leise vor sich hin. Ich tröstete ihn mit einem kleinen Päckchen Gummibärchen – das hielt er dann die ganze Zeit in der Hand. Als unsere kleinsten Heimbewohner kamen, Kiki (3), Gaston (4) und Richard (5), verteilte Venuste die Süßigkeiten an sie. Ich glaube, er hat nur ein kleines selbst gegessen. Der kleine Junge hat ein unglaubliches Gespür für Fürsorge.

 

Für mich ist Jimmys Tod schnell zu einem Ansporn geworden. Es macht wütend, aus welchen banalen Gründen Kinder hier in Burundi sterben müssen. Viele Mails erreichten mich, die Anteilnahme war überwältigend. Wenn Jimmy wüsste, wie viele Leute an ihn denken. Es gibt nicht viele Kinder in Burundi, an die gedacht, ja um die sogar getrauert wird. Und genau das ist mein Problem. In der kurzen Zeit, in der wir nun hier sind – beinahe vier Monate – sind bereits drei Kinder gestorben. Jimmy, der kleine Venuste bereits Anfang Januar – Unterernährung – und vor noch längerer Zeit das Baby Pacifique, das ein Monat alt war und gerade mal ein Kilo wog. Seine Mutter erreichte unser Heim für junge Mütter in Kamenge total unterernährt – und zu spät. Drei Kinder in vier Monaten, allein in den Projekten der Fondation Stamm. Und trauriger Fakt ist, dass das nur der winzigste Teil ist von allen Kindern, die an Hunger und anderen Missständen sterben müssen. Täglich.

 

Zeit, umzudenken, umzustrukturieren, effektiver zu werden. Wir wollen den ewigen Kreislauf durchbrechen, immer und immer wieder Kinder aufzunehmen und ihr Leid so gut es eben geht zu lindern. Wir wollen direkt gegen die Misere ankämpfen, direkt in die Regionen gehen und die Familien unterstützen. Bereits in diesen Tagen ist wieder ein Anstieg der Anzahl der Straßenkinder in Bujumbura zu vermerken. Sie strömen aus den armen Regionen in die Hauptstadt in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Ein Irrtum. Und genau das gilt es zu unterbinden. Wir müssen in den Regionen selbst, die jetzt wieder von der großen Hungersnot betroffen sind, den Menschen helfen, ihre Existenz, ihr Überleben zu sichern. Dass die Kinder bei ihren Familien aufwachsen können, im vertrauten Umfeld. Und nicht auf Bujumburas Straßen betteln und schlafen müssen.

 

Kommenden Montag wollen wir in den Norden in die Provinz Cibitoke fahren. Diese Region ist bislang am schlimmsten betroffen von Regenfällen und Hungersnot. Ich bin gespannt, welche Bilder sich uns dort zeigen werden. Es läuft mir zuwider, solche Bilder zu schießen. Aber leider ist es oftmals der Fall, dass Menschen in der westlichen Welt nichts anderes verstehen. Man muss ihnen erst das nackte Elend vor die Nase halten, bis sie kapieren. Viele Organisationen müssen erst so und so viele Todesopfer gemeldet bekommen, bis eine Situation in eine Kategorie zugeteilt werden kann. Hungersnot ist erst, wenn. Bürgerkrieg ist erst, wenn. Würde man etwas früher handeln, könnte man vielleicht auch mehr ausrichten. Aber wie soll man das erreichen?

 

Ich bin heute aber schon wieder guten Mutes. Es gibt noch genug Menschen, die sich Sorgen, die über den eigenen Tellerrand hinaus blicken und die sich kümmern. Positive Nachrichten erreichten mich. Ich wünsche mir, dass diese Partnerschaft zwischen Burundi und Baden-Württemberg zustande kommt. Es würde viel bedeuten. Langfristigkeit. In erster Linie.

 

15 Uhr. Gerade kam Thomas aus Östringen vorbei. Er wollte mir ein paar tröstende Worte sagen. Fand ich total nett von ihm. Er brachte mir noch zwei Bücher vorbei zum Ausleihen. Er ist echt ein sauberer Kerl. Ich mag ihn. Er möchte auch den Kontakt für uns zu einem russischen Arzt hier in Burundi herstellen, der für die UN arbeitet. Wenn das klappen würde, wäre das ideal. Für künftige Notfälle. Für künftige Jimmys.

 

Heute habe ich – zuerst einmal per Mail – einen Mann aus der Heimat kennen gelernt. Er kommt doch tatsächlich aus Leopoldshafen (mein Heimatort ist die kleine Doppelgemeinde Eggenstein-Leopoldshafen im Landkreis Karlsruhe) und arbeitet für die Vereinten Nationen. Wir wollen uns vielleicht am Wochenende auf ein Bierchen treffen. Unglaublich, wie klein die Welt doch ist.

 

Einen zweiten Mann habe ich kennen gelernt – auch per Mail. Zustande kam der Kontakt durch einen Freund in Deutschland. Der Mann ist Burunder. Und wohnt in Karlsruhe. Anscheinend haben wir uns knapp verpasst, er schrieb, er war vor Kurzem noch hier in Bujumbura. Hätte er nur früher von mir erfahren. Aber es ist ja noch Zeit.

 

Ich bin gerade guter Dinge. Ich wollte heute wieder etwas arbeiten, voran kommen. Und es lief ganz gut. Wie gesagt…es war ein Ansporn, dieses Erlebnis in den vergangenen Tagen.

Trauer

Februar 14, 2007

Jimmy

Mittwoch, 14. Februar 2007. Valentinstag. 11 Uhr in Burundi. Wir haben eines unserer Kinder verloren. Alle sind fassungslos. Wässrige Augen. Die Kinder, die Leiter und wir. Vergangenen Freitag war Jimmy ins Krankenhaus gekommen, als wir ihn blutspuckend in seinem Zimmer fanden. Er musste Sauerstoffzufuhr bekommen und Bluttransfusionen. Sein Zustand wollte sich aber nicht bessern. Gestern Nacht, um kurz vor 22 Uhr, kommt Heimleiterin Clothilde zu uns in die Küche. Sie war sichtlich aufgeregt und besorgt. Sie hatte einen Anruf aus dem Krankenhaus bekommen, dass Jimmy wieder einen Anfall hat. Seit 20 Uhr, seit zwei Stunden, würde er wieder Blut erbrechen. Julia und Marie zogen sich sofort Jacken an, um mit Clothilde ins Krankenhaus nach Kamenge zu fahren. King Kong, eine andere Betreuerin, war schon die ganze Zeit bei Jimmy. Ich gab Julia mein Handy, dass sie telefonieren können, wenn nötig – da ich der einzige war, der noch Guthaben auf der Karte hatte. Kurz nach 22 Uhr kommt Clothilde wieder in die Küche. Tränen in den Augen, zitternde Stimme. Sie hatte einen zweiten Anruf bekommen. Jimmy ist gestorben.

Noch am Mittag hatten ihn Julia, Marie und Lena besucht. Da hatte er schwach gesagt, er würde so gerne gebratenen Fisch essen. Wir waren doch schon so weit gekommen. Hatten Ärzte in Deutschland gefunden. Alles schien endlich zu klappen. Doch sein kleiner Körper war schon zu schwach. Die Kinder sind fassungslos. Bis nach Mitternacht saßen alle zusammen im Freien. Das Seufzen, das Schweigen der Jungs, der Trauergesang der Mädchen. Ich kann es nicht beschreiben. Wir sind fassungslos. Es war unser Jimmy. Unser Kind…