Die zweite Landfahrt
Januar 22, 2007
Sonntag, 21. Januar 2007. 14.13 Uhr in Burundi. Heute komme ich dazu, die Notizen der zurückliegenden Landfahrt ins Tagebuch einzutragen. Ich habe wieder einen halben Notizblock verbraucht, um alle Eindrücke und Erlebnisse der zwei Tage festzuhalten. Am Freitag Abend kamen wir wieder zurück, heiß empfangen von unserer kleinen Familie. Man fühlt sich wirklich schon wie zu Hause, schon wenn man die Grenzen der Stadt passiert – man weiß, hier wohnt man, gleich betritt man sein zu Hause und sieht die vielen Gesichter, die man so lieb gewonnen hat. Und das schon nach nur drei Monaten. Heute übrigens auf den Tag genau. Rückblickend schon eine recht lange Zeit, wenn man bedenkt, was wir schon gesehen, erlebt und gemacht haben. Blickt man jedoch nach vorne, ist es noch nicht einmal die Hälfte des Aufenthalts. Das ist auch gut so, denn es gibt noch so vieles, das ich vorhabe, das auf meiner Agenda steht, das ich erreichen möchte. Und ich werde nicht eher zufrieden, bis ich alles auf dem Blatt Papier abhaken konnte. Aber nun zur Landfahrt.
Besuch der Projekte in Kayanza, Ngozi und Gitega
Um 9.45 Uhr fahren wir am Donnerstag, 18. Januar, los in Richtung Norden. Auf dem Plan stehen Besuche in den Projekten der Fondation Stamm in Kayanza, der ersten Station, dann weiter im Norden Ngozi und schließlich in Gitega, der Landesmitte. Melchiade, der Chauffeur, sitzt am Steuer unseres weißen „Buschtaxis“ (Toyota Landcruiser), Lena und ich sind auf dem Beifahrersitz. Hinten sitzen Marie mit Freund Robin, Julia, Verena und Artenase (falls ich ihn an dieser Stelle richtig schreibe), ein Büromitarbeiter der Fondation. Außerdem haben wir einige Kartons mit Kleiderspenden geladen, die wir in den Norden bringen wollen.
Als wir die Stadtgrenzen Bujumburas passieren, bietet sich uns wieder eine Aussicht, wie man sie sich nur träumen kann. Wir kannten den Anblick zwar schon von unserer ersten Landfahrt, doch fasziniert ist man dennoch jedes Mal von Neuem. Das viele Grün, die unterschiedliche Vegetation, die tausend Hügel, um die die Adler kreisen. Die vielen Menschen mit ihren bunten Gewändern am Straßenrand – ebenso faszinierend wie die bestellten Äcker, die sich selbst an den steilsten Hängen finden. Es wundert nicht, dass durch den Regen viele Erdrutsche verursacht werden, die dann wiederum die Ernten vernichten. Ich würde schon alleine abrutschen, beim bloßen Versuch, den Hügel zu erklimmen. Die Frauen auf den Äckern aber schwingen ihre Hacken, als sei es überhaupt kein Problem. In Wirklichkeit ist es jedoch Hochleistungssport. Was haben sie auch für eine andere Wahl in einem solch hügeligen Land? Wer kann, baut in den ebenen Tälern an – was ebenfalls zu einem Fiasko führen kann. Dazu aber später mehr.
Ich sehe auch wieder viele zerstörte Häuser, die an den Krieg erinnern. Daran vorbei rauschen die – man könnte meinen lebensmüden – Fahrradfahrer. Sie rasen um die Kurven, wenn möglich auch noch auf der falschen Straßenseite und weichen dann eben schnell aus, wenn ihnen nach der Kurve ein Lkw entgegen kommt. Wie sie das oftmals schaffen mit drei großen Reissäcken auf dem Gepäckträger, ist mir allerdings schleierhaft. Unser „Buschtaxi“ dröhnt laut bei der schweren Last und der steilen Straße. Fahrten mit diesen Geländewagen bin ich ja schon gewohnt. Ich hatte ein Mal die Gelegenheit, zusammen mit einem Bekannten im badischen Ort Weingarten mit dessen „Buschtaxi“ in den dortigen Hügeln herumzufahren. Ähnlich war es, nur vielleicht stellenweise nicht ganz so steil und abenteuerlich. Lag vielleicht auch daran, dass man wusste, dass man sich – wenn auch auf dem Berg in Weingarten – mitten in der Zivilisation befand. In manchen Gegenden in Burundi hat man jedoch besser keine Panne.
10.17 Uhr, wir passieren die Stelle auf dem Berg, an der die geteerte Straße für etwa 100 Meter einfach aufhört. Um die Stoßdämpfer und Achsen zu schonen, müssen wir langsam machen. Sofort kommen Händler herbei gestürmt und bieten uns ihren gebratenen Mais an. Wir hatten gerade gefrühstückt, also mussten wir leider ablehnen. Das Auto klappert, wo es nur zu klappern geht. Ein Vorgeschmack auf die Straßenverhältnisse in Ngozi. Es ist sehr kühl jetzt, weiter oben auf dem Berg. Auch das ein Vorgeschmack auf den Norden. Schließlich fahren wir durch den Kontrollposten „Bugarama“, an dessen Stelle zwischen etwa 16.30 Uhr und 8 Uhr die Ein- und Ausfahrt nach und aus Bujumbura dicht gemacht wird. Ziegen fressen an den steilen Hängen das Gras ab.
Kurze Zeit später kommen wir in die kleine Siedlung „Bukeye“. Die teilweise blau und weiß gestrichenen Häuser erinnern mich an die tunesische Stadt Hammamet. Mit 80 Stundenkilometern nähern wir uns dem ersten Ziel: Der Kommune „Matongo“, in der in den vergangenen Tagen die ersten Hungertoten gemeldet wurden. Ein merkwürdiges Gefühl, zu wissen, wo man sich gerade befindet. Dabei hat man überhaupt keinen Grund, so etwas an dieser Stelle anzunehmen. Alles sieht grün aus, fruchtbar, mag man sogar annehmen. Keine Überschwemmung, nichts. Und doch kennt man die Fakten, was einem einen Schauer verursacht. Nach etwas über einer Stunde sind wir also am ersten Halt angekommen.
Die Fondation betreibt hier eine kleine Ziegelei. 35 ehemalige Kindersoldaten sind gerade am Schuften. Sie sind froh, endlich eine Arbeit zu haben. Auch eine, die Sinn macht, denn zum Wiederaufbau des Landes gehört der Häuserbau und für ein Haus werden Ziegel benötigt. Hier hergestellt in harter, sorgfältiger Handarbeit. Die Jungs haben für mich aber etwas, das mich auf Distanz bleiben lässt. Sie lachen zwar und freuen sich auch sichtlich, dass wir kommen. Dennoch hat das Kämpfen und ihre Erlebnisse Spuren hinterlassen, die sich nicht mehr verbergen lassen. Sie posieren cool vor der Kamera. Die beiden Holzverschläge, unter denen die Ziegel hergestellt, getrocknet und in dem großen Ofen gebrannt werden, haben die Jungen selbst gebaut. Die Ziegel werden verkauft, sodass das Projekt sich potenziell selbst tragen könnte.
Wir fahren weiter, zur nächsten Station – immer noch in der Provinz Kayanza. Der nächste Besuch ist in einer Nähstube (36 Schüler, darunter 20 Kindersoldaten) und Schreinerei. Auch hier scheint man sich auf uns vorbereitet und gefreut zu haben. Es wird eifrig den Ausbildern gelauscht oder selbständig ein Kleid genäht oder mit dem Hobel die Holzplanke geglättet. In der Nähe der kleinen Schneiderei entdecke ich einen Basketballplatz. Zumindest wird es mal einer gewesen sein. Eine Sandpiste mit zwei Basketballkörben. Die Häuser darum herum sind in einem schlechten Zustand, die Fassaden entweder bröckelig und/oder dreckig. Es hat etwas von einer Geisterstadt. Man kann erahnen, wie hart das Leben hier sein muss. Wirklich vorstellen kann man es sich aber wahrscheinlich nicht. Die Schreinerei liegt ein Stück von der Nähstube entfernt. Auch hier arbeiten die Jugendlichen in einem einfachen Holzverschlag und werden von einem Ausbilder angeleitet. Eine Schultafel mit den Maßen eines Stuhls steht in der Ecke, davor sitzt ein junger Mann, der in die Kamera schmunzelt. Dieser Junge soll einmal eine Waffe bedient haben? Ja, vielleicht sogar getötet haben?
Verena bespricht einige Dinge mit dem örtlichen Leiter. Wir werden derweil von einer Menschentraube umzingelt. Kinder, Frauen, Alte. Ich stelle mich etwas abseits, dass ich – wenigstens etwas ungestörter – Fotos machen kann. Ich sehe eine Reihe Frauen, die in grellen, orangenen und gelben Gewändern gekleidet sind. Sie bieten einen schönen Kontrast zur grünen Wiese, die hinter dem Baumstamm liegt, auf dem sie sitzen. Sie lachen als ich das Objektiv auf sie richte.
Weiter geht es nach „Muruta“, wo die Fondation ebenfalls ehemaligen Kindersoldaten eine Ausbildung in Viehzucht und Landwirtschaft anbietet. Für dort sind auch die metallenen Gießkannen, die wir auf dem Autodach geladen haben und die schon die gesamte Fahrt über klappern. Auf dem Weg dorthin sehen wir viele Erbsenverkäufer. Sobald sie einen Motor hören, springen sie auf uns halten ihre Tüten mit den Hülsenfrüchten in die Höhe. Mancher einer stellt sich sogar mitten auf die Straße und hüpft erst im letzten Moment auf die Seite. Melchiade, unser Chauffeur, tritt einfach aufs Gas. So scheint das hier in Burundi zu laufen. Wir essen Teigtaschen, gefüllt mit Käse, Hackfleisch oder Ananas. Der Hunger ist mittlerweile groß geworden. Dennoch: Ich befinde mich in einem Gebiet, in dem die Menschen an Hunger sterben und esse Teigtaschen. Das Gefühl ist mehr als nur merkwürdig. Natürlich, ich muss essen. Aber man fühlt sich dabei alles andere als gut. Sagen wir, hilflos. Dabei kostet eine dieser Teigtaschen gerade mal 500 FB – nicht ganz 50 Cent.
Ein Stück weiter sehen wir einen Stand am Straßenrand, an dem Hängematten verkauft werden. Wir hatten ihn bei der ersten Fahrt aufs Land schon entdeckt – und es scheint der einzige auf der gesamten Strecke zu sein. Auch die Berge von ordentlich gestapelten Backsteinen kommen wir bekannt vor. Neu sind für mich aber die vielen Erdrutsche, die ich an den Hängen in nah und fern sehe. Ob sie nun erst seit den starken Regenfällen verursacht wurden oder mir erst jetzt auffallen, da ich mich mit diesem Thema beschäftigt habe, weiß ich nicht. Es kommt auch auf das selbe heraus: die Ernten sind hinüber. Vor uns fährt ein Pick Up, über dessen Ladefläche ein Gitter gezogen ist. Dabei ist das Auto dermaßen mit Säcken und Männern beladen, dass es sich stark nach hinten neigt. Vor allem noch, wenn es den Berg hinauf geht. Es sieht aus, als würde der Wagen gleich umkippen.
Ankunft beim Landwirtschaftsprojekt in „Muruta“. 60 ehemalige Kindersoldaten sitzen vor ihrem Lehrer, der ihnen gerade theoretisches Wissen vermittelt. Sie hätten anscheinend schon Unterrichtsschluss gehabt, hätten aber auf uns gewartet, wie man uns sagt. Eine nette Geste. Sie bauen hier auf einem Feld Kartoffeln und auf einem anderen Futtergras für die Ziegen und Schweine an. Das Futtergras hat den Vorteil, dass es immer wieder nachwächst und immer nur oben abgeschnitten werden muss. Neben den Ställen ist ein Kompost und Misthaufen angelegt. Somit ist der landwirtschaftliche Kreislauf vollständig. Ich mache Fotos von den Ställen. Dabei sehe ich eine Machete, die an eine Holzplanke lehnt. Der Anblick lässt mich erschaudern. Genau mit diesen Buschmessern wurde im burundischen Genozid geschlachtet. Etwa auch mit diesem Exemplar? Der örtliche Leiter lächelt mir zu.
Neben der Ausbildungsstätte liegt eine Schule. Sie gehört jedoch nicht zur Fondation. Das hält die Kinder aber nicht davon ab, uns auf Schritt und Tritt zu begleiten. „Amahera“, Geld, wollen einige. Andere würden sich mit einem „Bonbon“ begnügen. Ich gebe keinem etwas – denn für alle hätte ich nicht genügend gehabt. Das hätte nur zu Neid und eventuellen Streitigkeiten bis hin zu Schlägereien geführt. Also lieber gar nichts. Auch wenn es mir im Nachhinein Leid tut. Manchmal ist es hart, nichts zu geben. 13.06 Uhr. Wir fahren weiter. Noch eine Schreinerei steht auf dem Plan, dann fahren wir weiter nach Ngozi. Die Straße ist extrem gut, ich bin erstaunt. Während Verena auch hier mit dem örtlichen Leiter spricht, schaue ich mich in der Umgebung um. Wir sind auf einem hohen Hügel, direkt vor uns geht es steil hinab ins Tal. Die Aussicht ist himmlisch, viele grüne, aber auch abgerodete Hügel erstrecken sich vor uns. In den Tälern ganz klein die Bauern, die Land bestellen. Vor dem schönen Panorama entdecke ich im Vordergrund eine alte Frau mit Kippenstummel im Mundwinkel. Die erste, die ich in Burundi sehe. Der Anblick ihres faltigen Gesichts, eingehüllt in ein grell orangenes Gewand und dann noch die selbst gedrehte Zigarette – ein besseres Motiv konnte ich in diesem Moment wirklich nicht ausmachen. Sie scheint sich zu freuen, meine Aufmerksamkeit geweckt zu haben. Bevor ich aber ein Foto machen darf, zieht sie noch einmal kräftig an dem Stummel. Ich weiß nicht, was sie da raucht, aber der Geruch der Zigarette sagt mir, dass ich es nicht rauchen würde.
Um 14 Uhr brechen wir erneut auf. Weitere 30 Kilometer Sandpiste liegen vor uns bis nach Ngozi. Bevor wir aber losfahren drücke ich einigen Kindern noch ein paar Bonbons in die kleinen, schmutzigen Hände. Es sind nicht viele an dieser Stelle, also muss keiner leer ausgehen oder in Versuchung kommen, dem anderen etwas wegnehmen zu wollen. Deshalb sind sie wahrscheinlich auch so zurückhaltend und nicht gierig. Sie sind in staubige, zerlumpte Klamotten gekleidet. „Gekleidet“ ist hier der falsche Ausdruck. Ich sehe einen kleinen Jungen, der lediglich ein Sweatshirt im XXL-Format trägt, das ihm bis zu den Knien reicht. Somit spart er sich die Hose. Ober er auch noch etwas darunter trägt, weiß ich nicht. Ich wünsche es ihm, denn nachts wird es hier auf den Bergen sehr kalt. Die Menschen hier zählen sichtlich zu den ärmsten. Sieht man die barfüßigen Kinder mit ihren süßen Kulleraugen, wie sie einen ansehen, möchte man sie am liebsten mitnehmen und alles für sie tun. Mit diesen Anblicken und den Gedanken in meinem Kopf verliert sogar die schöne Landschaft und traumhafte Aussicht ihren Reiz. Als wir weiter fahren, sehe ich die (oder eine?) Wasserstelle des Dorfs. Männer stehen darum herum und füllen gelbe Kanister. Eine Spende der UN. Der Anblick lässt mich erahnen, wie es an solchen Wasserstellen zu Streit und Auseinandersetzungen kommen kann. Insbesondere dann, wenn nur noch wenige Tropfen aus dem Brunnen zu gewinnen sind.
Wir fahren also nach Ngozi, wo sich Verena mit Vertretern der UN treffen möchte, wir einige gespendeten Klamotten lassen und wir auch die Nacht verbringen werden. Anne, die Frau von BINUB (UN in Burundi), die vergangene Woche im „Chez André“ war, ist leider nicht anzutreffen. Sie wird aber ihren Stellvertreter schicken. Die UN wären ein starker Partner für einige Projekte.
Es ist verdammt heiß im Auto, ich sitze noch dazu auf der Sonnenseite. Das Fenster weit geöffnet, scheint mir die Sonne direkt ins Gesicht. Plötzlich sehe ich tatsächlich ein Fußballfeld. Die Tore sind zwar aus einfachen Holzstämmen gezimmert. Doch immerhin ist das Feld vollständig von Rasen bedeckt und noch dazu eben. Spieler sehe ich jedoch keine. Wahrscheinlich fehlt der Ball. Wäre ja auch zu schön, wenn sie tatsächlich ein Mal alles hätten. Wir überholen zum dritten Mal den selben Lkw. Da wir immer in den Projekten gehalten hatten, gerieten wir immer wieder hinter ihn. Ein orangenes Monstrum, beladen mit einem ebenfalls monströsen weißen Container. „Thai“ steht darauf.
15 Uhr. Wir sind da, in Ngozi, nur wenige Kilometer von der ruandischen Grenze entfernt. Eine Gegend mit vielen Demobilisierten, ehemaligen Kindersoldaten und auch dementsprechend hoher Kriminalitätsrate. Das große Eingangstor ist noch geschlossen, da hören wir schon den Jubel der Jugendlichen. Sie erwarteten uns bereits. Unzählige Hände werden geschüttelt, bis wir im Haus sind. Einige Kinder waschen gerade ihre Wäsche, andere sitzen brav auf einer Holzbank und erhalten theoretischen Kochunterricht. 52 Kids leben hier. 30 Kindersoldaten, an die das Projekt in seinem Ursprung gerichtet war. Hinzu kommen seit jüngstem 22 Straßenkinder. Die UN hatten an Weihnachten ein kleines Fest in einem Hangar ausgerichtet, zu dem sie auch Kinder von der Straße holten und zu essen gaben. Im Anschluss an dieses Fest sagten die Kinder jedoch, dass sie nicht mehr gehen wollen, sondern einfach bleiben. Wen wundert es. Jedenfalls waren die UN in Ngozi dann etwas überfordert – und baten um Hilfe. Die Fondation nahm also 22 dieser Straßenkinder in ihrem Heim auf. Als Dankeschön bekam sie einige Kartons geschenkt. Mineralwasser – das ist gut. Tee lässt man sich auch noch gefallen. Aber über den Rest der Lieferung lässt sich streiten: Gläser mit Apfelmus, riesige Tüten mit getrocknetem, grünem Paprika und – was meiner Meinung nach allem die Krönung aufsetzt – etwa zehn große Kartons mit Glasnudeln. Was damit anfangen? Auch eine Packung Müsli findet sich, die wir mitnehmen dürfen, weil es die Kinder ohnehin nicht essen. Ablaufdatum: 1. Januar 2006. Mir blieb die Spucke weg.
Zu den Kindern und Jugendlichen, die im Heim leben, kommen noch etwa 90 Demobilisierte hinzu, die hierher kommen, um eine Ausbildung zu absolvieren. Auch wenige Mädchen finden sich darunter. Sie lernen hier Schneider, Schreiner und ab dem kommenden Montag, 22. Januar, auch Schweißer. Mit Beginn der Schweißerausbildung steigt die Anzahl der Azubis auch auf 120. Die Spenden, die wir dabei haben, werden wir erst am nächsten Tag verteilen. Es sind großzügige Spenden eines deutschen Sportvereins. Schön warm und gegen den Regen. Genau das, was hier im kalten Norden benötigt wird. Wir befinden uns in etwa 1.600 Meter Höhe, was sich vor allem nachts und bei Regen bemerkbar macht. Die Jugendlichen nehmen teilweise täglich einen zehn Kilometer langen Marsch in Kauf, um von ihren Häusern und Hütten zur Ausbildungsstätte zu gelangen. Genau für diese Jugendlichen wollten wir die Spenden nehmen. Die Kinder, die im Heim untergebracht sind, genießen ohnehin schon das Privileg eines warmen Schlafplatzes und regelmäßiger Mahlzeiten. Die Jugendlichen, die von außerhalb kommen, haben den langen Weg – und ob sie täglich etwas zu essen haben, geschweige denn eine richtige Unterkunft und nicht auf dem Boden schlafen müssen, ist ungewiss. Mit Sicherheit verbringt der ein oder andere seine Nächte auf einem Pappkarton. Und das hier in Ngozi. Die Kälte nachts werden wir am Abend selbst erleben. Jedenfalls wollen wir die warmen Regensachen an diese Jugendlichen vergeben. Heute sind sie jedoch schon nach Hause gegangen. Deshalb warten wir auf den nächsten Morgen. Wenn etwas übrig bleibt, bekommen es die Kinder aus dem Heim.
Verena trifft sich im Anschluss mit dem Mann der UN, um eventuelle gemeinsame Projekte zu besprechen. Marie, Robin, Julia, Lena und ich waten derzeit etwas durch die Umgebung. Wir suchen eine Unterkunft für die Nacht. Aber zuerst gönnen wir uns eine Cola an einem kleinen Straßenständchen. Der Jugendliche, der es betreibt, ist sehr freundlich. Auch starrt er uns nicht an, wie ansonsten oftmals gegeben. Als wir aber unsere Cola trinken, sind wir nach und nach von mehr Jugendlichen – Jungs wie Mädchen – umzingelt. Einer stellt sich als der Clown der Gruppe heraus. Zumindest ist er der, der am meisten und am lautesten redet. Ein Sprücheklopfer, wie man zu Hause einige dieser Gesellen kennt. Die anderen lachen immer nur. Es stört mich recht wenig, ich habe jedoch das Gefühl, die Mädels schon eher. Vor allem Julia, die aufspringt und das Gaffen der Umstehenden nachäfft, was natürlich wiederum zu weiterem Gelächter führte.
Das erste Hotel, in dem wir anfragen, kostet 20.000 pro Nacht. Etwa 18 Euro. Eindeutig zu viel. Die Zimmer sind zwar schön und sauber, auch der Gesamteindruck stimmt, aber wir brauchen keinen Fernseher und keine Diskothek. Wir bedanken uns höflich und ziehen weiter. „Guest House“ entdecken wir auf einem Schild am Ende der Straße. Gegenüber liegt das Hauptquartier der UN in Ngozi, umzäunt von Stacheldraht und bewacht von bewaffneten Männern. Vor dem „Guest House“ steht ein kleiner Kiosk, in dem sich eine etwas korpulentere Frau hin und her schiebt. Sie beobachtet uns schon von weitem. Zuerst dachten wir, das Schild sei alt. Die hohe Mauer versperrt jede Sicht auf das „Guest House“, keinerlei Bewegung ist auszumachen. Wir fragen die Frau in dem Kiosk. Es dauert keine Minute, da öffnet uns ein kleiner, schmächtiger Mann das große, blaue Stahltor.
Es ist ein Bungalow mit einigen Schlafzimmern und einer Art kleinem Aufenthaltsraum gleich am Eingang des Hauses. Es riecht nach Farbe im Innern. Der Verwalter des Hauses erzählt uns, dass das Häuschen auch erst seit einer Woche fertig gestellt sei. Im Garten sehe ich noch Schubkarren und andere Arbeitsgeräte und Materialien einer Baustelle. Alles ist sauber. Die Betten sind nagelneu, unsere Matratze ist sogar noch in Plastik eingehüllt. Das Bad ist geputzt, Strom und Wasser fließen. 6.000 FB pro Person. Gebongt. Das ist bei Gott nicht viel für ein so schönes, blau-weiß gestrichenes Häuschen. Da wir so viele sind und sechs Zimmer benötigen – Lena und ich eines, Marie und Robin, Julia, Verena, Melchiade, Artenase –, haben wir das gesamte Häuschen für uns. Eigentlich ein richtig gutes Touristenangebot. Im Hof stehen noch zwei Bananenstauden, die das Bild perfekt machen. Wir sind froh, dieses kleine „Guest House“ entdeckt zu haben. Zwar hängen über den Betten keine Moskitonetze, in diesen Höhen ist das aber auch nicht notwendig. Ich glaube, ich habe an diesem Abend in Ngozi höchstens eine Mücke gesehen. Ein weiterer Vorteil des „Guest House“: Es ist dem Verwalter schlichtweg egal, ob wir katholisch oder sonst etwas sind, noch ob wir als junges, unverheiratetes Pärchen in einem Bett schlafen. Mir sehr sympathisch.
Wir buchen jedoch noch nicht und wollen zuerst Verena berichten, die noch bei den UN zum Gespräch ist. Also verabschieden wir uns bei dem kleinen Mann und versichern ihm, am Abend wieder zu kommen. Er nickt zufrieden und lässt das Tor wieder in seine Verankerung zuknallen. Die dicke Frau im Kiosk lächelt und winkt. Dann gehen wir die Straße wieder hinauf, an dem kleinen Straßenständchen mit der Cola vorbei, dann links in eine ungeteerte Straße. Ich sehe ein kleines, sichtlich armes Mädchen am Straßenrand sitzen. Sie bettelt nicht. Aber ihre Augen machen mich traurig. Ein Mann kommt auf sie zu und scheucht sie weg. Daneben wärmt sich ein Basketballteam mit tollem Outfit auf. Wie könnte das Gefälle zwischen arm und reich größer sein? Auf der rechten Seite ist eine Schule mit großem Sportplatz. Ich hatte sie schon bei der vergangenen Landfahrt gesehen. Dieses Mal aber war das Basketballfeld von Menschen umzingelt, die jeweils eines der Teams lautstark antrieben. Wir gesellen uns dazu, was bei den Jugendlichen um uns herum zu dessen Vergnügen beitrug. Kaum stelle ich mich hin, kommt ein Bettler und hält seine beiden Hände auf und faselt etwas auf Kirundi. Ich habe nichts bei mir, was ich ihm geben könnte. Später aber bin ich recht froh darüber, denn ich sehe ihn, wie er mit – anscheinend – Freunden spricht, herum albert und lacht. Und die hatten sichtlich Geld. Zumindest lese ich das an dem Auto ab, an das sie lehnen, an der goldenen Uhr und an den Klamotten. Zumindest wage ich zu behaupten, dass diese beiden über mehr Geld verfügen als ich.
Das Team in den hellblauen Trikots scheint das der hiesigen Schule zu sein. Zumindest platzt einem fast das Trommelfell, punktet einer der Spieler dieses Teams. Bei den Jungs im weiß-lila Outfit fällt der Jubel etwas gemäßigter aus. Beide Mannschaften seien aber aus Ngozi, wie ich von meinem Nebenan erfahre. Abpfiff, das erste Viertel scheint vorbei. Auch wir gehen wieder weiter. Die Straße weiter gerade aus steht noch ein Hotel. Wir beschließen, auch hier noch einmal nach dem Zimmerpreis zu fragen und bei dieser Gelegenheit auch gleich etwas zu trinken. Auf dem Weg dorthin kommt uns Verena auf dem Beifahrersitz eines dieser weißen UN-Jeeps entgegen. Sie wollten sich gemeinsam noch ein Grundstück anschauen, dann würde sie zu uns stoßen.
15.000 bis 35.000 FB pro Zimmer, je nach Klasse. Die Entscheidung für das „Guest House“ ist gefallen. Wir setzen uns auf die kleine, aber schöne Terrasse, etwas erschöpft und vorfreudig auf das kühle Getränk. Vögel zwitschern und flattern in dem Garten, der die Terrasse umgibt. Schön angelegt ist der, mit unterschiedlichen Blumen, Gras und einigen Bäumchen. Dahinter scheinen die Zimmer zu sein. Am Tisch neben uns sitzen zwei Franzosen vom Fernsehen. Gleich, als ich die Terrasse betrete, sehe ich das große Mikrofon. Sie nicken bejahend auf meine Frage. An einem weiteren Gespräch scheinen sie nicht interessiert. Ich dann auch nicht.
Die Geschwindigkeit des Kellners ist in vollem Umfang der afrikanischen Mentalität angepasst. Ich muss schmunzeln. Wir unterhalten uns in der Zeit, in der der Kaffee kocht und meine Cola auf dem Tresen wartet, über Land und Leute. Robin erzählt – auf meine Anfrage –, dass es in Thailand auch so etwas in der Art wie das burundische „Muzungu“ gebe. Es heiße zwar nicht „Weißer“, aber mit dem thailändischen „Fareng“ würden sich die Asiaten über die weißen „Langnasen“ amüsieren. Etwa gegen 18 Uhr – es wird schon deutlich kühler – bringt uns der Kellner in dem obligatorischen, geflochtenen Körbchen die Rechnung. Verena war wieder da. Wir werden zuerst unsere Zimmer beziehen und im Anschluss etwas essen gehen, wieder in dem Hotel, in dem wir unseren Kaffee tranken.
Auch Verena ist begeistert von unserer Auswahl für das nächtliche Quartier. Vor allem bei dem Preis ist das fast unglaublich. Wir schmeißen also unsere Rucksäcke in die Zimmer und etwas Wasser ins Gesicht und steigen wieder zurück ins „Buschtaxi“. Melchiade hat mittlerweile eine dicke, gefütterte Lederjacke übergeworfen. Kühl ist es geworden, mir reichen jedoch zwei T-Shirts übereinander. Dummerweise habe ich nichts Langärmliches eingepackt. Aber zwei Shirts tun es auch. Der kleine Hausverwalter scheint richtig glücklich, dass wir wirklich wieder gekommen sind und auch die Nacht bleiben werden. Dann fahren wir – wohlgemerkt zu elft in einem Geländewagen – zurück ins Hotel „Kigobe“. 19.12 Uhr ist es und wir marschieren in das kleine, aber feine Restaurant ein. Der schnelle Kellner vom Nachmittag begrüßt uns freundlich und ich helfe ihm gleich, einige Tische für unsere große Runde zusammen zu stellen. Außer uns Besuchern sind noch dabei: Lucien, der Leiter in Ngozi, dann Gérard, ein junger Student, der neben dem Studium mit den Straßenkindern in unserem Projekt arbeitet und noch ein Hausbesitzer, dessen Grundstück Verena für die Ausbildung der Schweißer nutzen möchte und der sich im Übrigen selbst in unsere Runde eingeladen hat.
Das Gespräch mit den Leuten der UN schien gut gelaufen zu sein, wie Verena berichtet. Beide Seiten seien an einer Zusammenarbeit interessiert. Es ist nie schlecht, einen starken Partner an der Seite zu haben – und Kooperationen mit anderen Hilfsorganisationen sind meiner Meinung nach sowieso unbedingt notwendig. Vor allem bei der Arbeit mit den Straßenkindern in Ngozi möchten die UN mit der Fondation ein gemeinsames Projekt beginnen. Das Projekt mit den Demobilisierten der Fondation Stamm läuft bereits im April schon wieder aus. Die UN haben aber so viel Material zur Verfügung gestellt, dass sich das Projekt vielleicht auch ohne Fondation selbständig tragen kann.
Am nächsten Tag wollen wir die Straße von Ngozi in Richtung Süden bis nach Gitega fahren. „Straße“ ist zuviel gesagt. Auf dem Weg nach Gitega halten wir noch kurz in der Kommune Ruhororo, wo wir ebenfalls ein Landwirtschafts- und Viehzuchtprojekt betreiben. Dann soll es weiter gehen nach Gitega, in die Landesmitte Burundis, wo noch viele alte Häuser, erbaut von den Deutschen, stehen. Aber zuerst lasse ich mir meinen Spieß mit den Pommes schmecken. Womit wir wieder beim Thema wären. Anscheinend gibt es noch genügend von allem, immerhin kann man frei aus einer Karte wählen. Andernorts sterben die Menschen, weil sie nichts zu essen haben. Eine Materie, mit der ich (noch) nicht ganz zurecht komme. Ich unterhalte mich lange an diesem Abend mit Verena und Lucien darüber. Vor allem in den Tälern fehlt es an Nahrung, in den höher gelegenen Gebieten ist noch genug vorhanden. Unten sterben sie, oben bringen sie es nicht fertig, etwas hinunter zu schicken. Die Regierung habe angeblich kein Geld, etwas zu unternehmen. Man kann diese Problematik bis ins Globale, die große Weltpolitik zurück führen. Aber ist das nicht zu hoch gegriffen, immer das höher stehende, das, was man nicht wirklich zur Verantwortung ziehen kann, für alles verantwortlich zu machen? Eine Unzahl von Gründen zu nennen, dass man nicht mehr das nächststehende erkennen kann? Eine Lösung habe ich auch nicht. Aber deswegen sitze ich auch nicht auf einem Präsidentenstuhl.
Ich sehe auch wieder das Fernsehteam vom Nachmittag. Anscheinend sind sie hier im Hotel auch untergebracht. Gegen 22 Uhr machen wir uns auf den Heimweg. Müde sind wir allesamt und am folgenden Tag ist ja wieder volles Programm. Die Heimfahrt wird allerdings etwas abenteuerlich. Dieses Mal sind wir zwar nur zehn Personen im „Buschtaxi“ – Lucien, der Leiter in Ngozi ist die 100 Meter ins Heim gelaufen –, dafür regnet es aber in Strömen. Hinzu kommt ein dichter Nebel, sodass man nicht einmal fünf Meter weit sehen kann. Bei Schlaglöchern und keinerlei Fahrbahnbeleuchtung sehr anstrengend. Aber Melchiade manövrierte uns sicher ins „Guest House“, wo wir erschöpft in die Betten fielen – nachdem ich noch die Matratze aus der Plastikfolie befreit hatte.
Nach diesem Tag fällt es mir schwer zu begreifen, dass eine Hungersnot in Burundi herrschen soll. Dass es schon Menschen gibt, die bereits an Hunger gestorben sind. Alles wirkte so normal. Gedanken in dieser Nacht, die sich am nächsten Tag rasch ändern sollten. Schon am Abend in Ngozi hatte ich einen Vorgeschmack bekommen. Ich saß im Auto und dachte darüber nach, dass ich die aktuelle Hungersnot in Burundi nicht nachvollziehen kann. Gerade habe ich fertig gedacht, biegt vor uns ein großer Laster des „World Food Programme“ in die Straße ein. „W-o-r-l-d F-o-o-d P-r-o-g-r-a-m-m-e“…die Lettern gehen an mir vorbei wie in Zeitlupe. Und schlagartig wusste ich wieder, wo ich bin.
Der zweite Tag
Freitag, 19. Januar, 2007. 8 Uhr, wir treffen uns allesamt im Hof des „Guest House“, bereit zur Weiterfahrt. Die Sonne tut schon ihr Bestes, dennoch ist es recht kühl. Der Blick auf die entfernten Berge ist fantastisch, dunkel, fast schwarz werden sie umhüllt vom weißen Nebel. Wir verabschieden uns vom Hausverwalter und fahren erneut ins Hotel „Kigobe“ zum Frühstück. Unser nächtliches Quartier bietet leider kein Essen an. Wir nehmen wieder auf der Terrasse Platz, es ist zwar kühl, aber angenehm. Sie Sonne scheint und der Nebel verflüchtigt sich allmählich. Etwas, das ich noch nie gesehen oder erlebt habe – der Nebel kommt von den Bergen hinunter und umfließt uns wie ein kleiner Bach. Wir saßen inmitten kleiner Wölkchen. Zuerst dachten wir, es wäre Rauch von irgendwo her. Dann merkten wir, dass es der Nebel war. Omelette, Kaffee und Maracujasaft schmecken wunderbar – wie immer. Wir sprechen über den Tagesablauf: Kinderheim – Landwirtschaftsprojekt in Ruhororo – Gitega. Außerdem erzählt Verena, dass UNICEF Pilotprojekte in Ngozi starten wolle und die Fondation sich beteiligen werde.
9.15 Uhr sind wir im Heim in Ngozi. Die Spannung ist groß, schließlich ist den Jugendlichen nicht entgangen, dass sie heute etwas bekommen werden. Sie sind schon fleißig am Arbeiten, die Nähmaschinen stehen nicht still, die Hobel kratzen über das Holz. Auch die angehenden Köche sitzen wieder vor der Tafel und lauschen dem Lehrer. Die Zeichenschüler fertigen Bastelarbeiten und Zeichnungen für die Fondation. Ich sehe, dass sie die Kronkorken von Colaflaschen als Farbtöpfchen verwenden. Nach einer kurzen Besprechung Verenas mit Lucien können wir endlich verteilen. Die Jungs freuen sich sichtlich, strahlen über das gesamte Gesicht. Natürlich wird gleich anprobiert und jeder Reißverschluss, jede Tasche der Jacke inspiziert. Einige kommen sogar persönlich zu mir oder Verena und bedanken sich für die tollen Sachen. Ich glaube, es ist mir in dem Moment nicht wirklich ganz bewusst, was es für diese Jungs bedeutet: nicht mehr frieren. Die Spende ist wirklich großzügig, teilweise sogar noch ganz neu mit Etikett. Und in Ngozi, bei diesen Jungs, ist sie mit Sicherheit sehr, sehr sinnvoll eingesetzt.
Um kurz nach 11 Uhr fahren wir weiter. Der Tagesplan ist voll. Melchiade wird nun gefordert. Einem Hindernisparcours um mit Wasser gefüllte Schlaglöcher folgt ein „Straßen“-abschnitt, der mich an Wellblech erinnert. Links erstrecken sich große, grüne Felder mit Bauern und ihren bunten Gewändern darauf. Die Sonne brennt und am Wegesrand bahnt sich eine Schlange Fahrradfahrer, die schiebend schwere Lasten transportieren. Ich sehe viele Kaffeepflanzen. An diesem Tag soll ich die Überschwemmungen mit eigenen Augen sehen. Ich werde begreifen und nachvollziehen können, auf welche Katastrophe dieses Land wieder einmal zustürzt. Ich sehe Bäuerinnen, die bis zu den Knien in den überschwemmten und aufgeweichten Acker einsinken. Die Hoffnung nicht aufgebend, hacken sie die Erde und schuften und schuften. Bananenstauden, Nadelbäume, einfache Hütten, teils aus Stroh, teils aus Backsteinen, rauschen an uns vorbei. Wir fahren durch eine Nadelbaumallee, die Piste ist teilweise über die gesamte Breite mit einer einzigen Wasserlache bedeckt. Ich frage mich, wie schwer es für die Menschen sein muss, die ihre Lasten mit dem Fahrrad hier entlang schieben. Die Bauern bestellen teilweise so kleine Parzellen, dass es offensichtlich ist, dass das, was das Feld abwirft, niemals für eine Familie reichen kann.
Wir rauschen an einem alten Mann vorbei, der neben seinem Fahrrad steht. Der große Sack, den er zu transportieren versucht, ist auf den Boden gefallen. Er müht sich ab. Ich würde am liebsten abspringen, um ihm zu helfen. Doch zu spät, wir fahren zu schnell. Die anderen, die an ihm vorbei laufen, kümmern sich nicht. Sie glotzen höchstens, helfen kommt ihnen aber nicht in den Sinn. Mir fällt wieder der Spruch mit der „moralischen Revolution“ ein, die der kongolesische Präsident Kabila von seinen Landsleuten fordert und die sich Verena auch für Burundi wünscht. Die Häuser, die wir sehen, haben größtenteils keine Fenster oder Türen. Und wenn, dann sind es einfache Holzbretter, die davor genagelt sind. Ein kleines Mädchen, das und am Straßenrand nachschaut und vielleicht zehn Jahre alt ist, trägt statt Schulheften schweres Gartengerät.
Wir kommen bei unserem Projekt in „Ruhororo“ an. Hier bekommen Demobilisierte eine Ausbildung in Landwirtschaft und Viehzucht. Auberginen und Kohl werden angebaut, Schweine und Ziegen gezüchtet. Ein etwas größeres Feld liegt noch brach. Verena möchte hier eine neue Manioksorte anbauen, die gegen die Seuche der „Mosaik-Krankheit“ resistent ist, die derzeit ebenfalls für viele Missernten verantwortlich ist. Dafür bedarf es jedoch einer Sondergenehmigung der Regierung, auf die sich lange warten lässt. Aus welchen Gründen auch immer. Statt dessen verhungern die Menschen lieber. Wir lassen einen gewissen Betrag Geld da, dass in der Zwischenzeit alternativ zu der neuen Maniokpflanze Kartoffeln angebaut werden können. Die Zeit sei dafür ideal, sagt der örtliche Leiter.
Um 12.10 Uhr fahren wir wieder ab nachdem wir noch einige der Gießkannen abgeladen haben. Auf der folgenden Route nach Gitega werden wir das Ausmaß der Überschwemmungen sehen. Der Fluss Ruvubu, der von Tansania kommend auch durch Burundi fließt, ist beinahe flächendeckend übergetreten und hat die Felder überflutet. Und das kurz vor der Erntezeit. Entweder steht noch alles unter Wasser oder aber die Wassermassen haben sich bereits wieder zurück gezogen und riesige Flächen verfaulter Pflanzen zurück gelassen. Ein Bild von in der Sonne glitzernden Wasserflächen, gemischt mit braunen Pflanzenäckern bietet sich uns in seiner ganzen Dramatik. Auf dem Weg halte ich an, um Fotos zu machen. Bei der Gelegenheit befragen wir zwei Bauern, die gerade des Weges kommen. Alles hätten sie verloren. Kartoffeln und Bohnen hatten sie gepflanzt, jetzt, kurz vor der Ernte, sei das Wasser gekommen. Wir passieren ein riesiges, eingemauertes Priesterseminar. Das Kreuz thront am Eingangstor. Weiter geht es über eine kleine Brücke über den Ruvubu, der zu viel Wasser hat. Brach gerodete Hügel. Eine junge Frau treibt Ziegen über die Piste, in einer Art Steinbruch wird gerade inmitten von Niemandsland ein Lkw mit Steinen beladen.
Wir fahren durch das Dorf „Mutaho“. Hier zeigen sich uns die Folgen eines Kriegs. Die gesamte Ortschaft scheint zerstört gewesen zu sein. Die verrußten und eingestürzten Häuserruinen stehen noch immer. Teilweise hat die Natur schon wieder Besitz von ihnen ergriffen. Pflanzen bewuchern die Gemäuer. Verena erzählt, dass in dieser Region der Krieg extrem schlimm gewesen sei. Die UN hätten ein sehr gutes Krankenhaus hier gebaut, doch leider gibt es in der gesamten Region keinen einzigen Arzt. Keiner wolle in diese Geisterstadt ziehen. Auch die früheren Bewohner, die geflüchtet sind, wollen größtenteils nicht mehr zurück kehren. Zu schlimm und zu präsent sind die Erinnerungen. Das Nachbardorf, aus dem die Horden kamen, die die Häuser anzündeten, die Menschen mit der Machete töteten, steht immer noch. Und direkt neben den Leuten leben, die einem selbst nach dem Leben trachteten? Einige scheinen sich dennoch um den Wiederaufbau des Dorfes zu bemühen. Die bauen neue Hütten. Direkt neben die verrußten Ruinen.
Von Ngozi nach Gitega sind es etwa 60 bis 70 Kilometer. Piste. Wieder sehen wir verfaulte Felder. Dieses Mal ist es kein Mais, sondern Sorghum. Ganze Täler sind hier verfault. Ein weiterer großer Fluss und Nebenfluss des Ruvubu ist übergelaufen. Erst der Krieg, der in dieser Region besonders wütete, nun das unbarmherzige Wetter. Ein Jeep des UNHCR und ein Pick Up burundischer Soldaten überholen uns. Anscheinend haben sie es eilig.
Um 13.45 Uhr erreichen wir Gitega, die zweitgrößte Stadt Burundis mit etwa 100.000 Einwohnern. Hier stehen noch viele alte Häuser, selbst aus der deutschen Kolonialzeit. Wir sehen eines, das aus dem Jahr 1900 stammt. Es steht unter Denkmalschutz. Das bedeutet hier: Keiner darf es haben, es steht also leer und verfällt langsam aber sicher. Dann sehen wir noch „Baumann“ (wenn ich das richtig geschrieben habe). Ausgesprochen wird es französisch und war früher ein Verwaltungsgebäude der Deutschen. Heute ist dort die Polizei stationiert. Erbaut wurde „Baumann“ 1898. Es sieht aus wie eine Festung.
Wir erreichen das Heim der Fondation. Zwölf Kinder wohnen und leben hier, 50 kommen zu einer Ausbildung als Schneider und Schreiner hier her. Es ist ein schönes Haus aus der belgischen Kolonialzeit, umgeben von einem großen Gelände. Es ist in den burundischen Farben, weiß, grün und rot gestrichen. Allerdings nicht kitschig, sondern passend. Hühner gackern um mich herum, weiter hinten sehe ich den Stall, wo die Schweine – darunter auch drei kleine Ferkel – gehalten werden. Auch Bananenstauden sehe ich. Auf der großen Terrasse des Hauses haben die Jugendlichen Kleidungsstücke und bestickte Tischdecken aufgehängt, um ihr Können zu zeigen. Es sind schöne Sachen, anscheinend lernen sie gut. Geleitet wird das Heim von einem Mann namens Deo und einem technischen Veterinär. Gegenüber des Heims findet sich ein großes Gefängnis. Als ich es fotografiere, kommt gerade ein Polizist mit dem Fahrrad dort an. Er sieht mich nicht.
Das Haus mit Grundstück mietet die Fondation derzeit noch. Es steht jedoch zum Verkauf, der Besitzer brauche aus persönlichen Gründen einen größeren Betrag Geld. Ein Kauf dieses Grundstücks wäre ideal. Man hätte etwas eigenes, hätte mehr Freiheit bei geplanten Projekten. Kostenpunkt: 50.000 Dollar. Für ein großes Haus mit 23a Grundstück wirklich ein Spottpreis. Aber erst einmal muss man dieses Geld haben.
Etwas außerhalb der Stadt hat die Fondation ein weiteres Grundstück. Die Parzelle hat die Regierung zur freien Verfügung gestellt, ein kleines Häuschen wurde bereits von der Fondation darauf gebaut. Geplant sind weitere Bauarbeiten, die Fundamente sind bereits ausgehoben, auch die Steine liegen bereit. Nur fehlt derzeit das Geld, um weiter zu bauen. Das würde peu à peu geschehen. Es sollen hier Räume entstehen, in denen sechs Klassen Platz haben und eine Ausbildung erhalten. Jetzt aber möchte die Regierung das Grundstück plötzlich zurück. Grund: Es werde nicht weiter gebaut. Ein Streitpunkt, der in der kommenden Zeit geregelt werden muss.
Auf der Rückfahrt sehen wir einen großen Baum, der die exakte Mitte Burundis darstellen soll. Die Straßen in Gitegas Stadtmitte sind übrigens besser und neuer als die in Bujumbura. Am Anfang der Präsidentschaft von Pierre Nkurunziza sollte Gitega auch Hauptstadt werden. Kurz nach seiner Wahl hatte er dann auch einige Ministerien hierher verlegt. Seitdem hat sich dieses Thema aber anscheinend erledigt. Ich sehe ein Denkmal für einen Bischof, der 1996 ermordet wurde. Er war gemäßigt und sprach sich für einen Dialog zwischen Hutu und Tutsi aus. Das wurde ihm zum Verhängnis.
14.45 Uhr machen wir uns auf den Heimweg nach Bujumbura. Wir müssen uns beeilen, da wir ja wieder die Sperre um die Hauptstadt passieren müssen, wollen wir nicht noch einmal irgendwo anders übernachten. Ein weiteres Denkmal sehe ich. „Plus jamais ca!“ ist die Aussage, die in großen Buchstaben darüber steht. „Nie mehr!“ Und zwar nie mehr, dass eine Schule angegriffen, ihre Lehrer und Schüler allesamt eingesperrt und angezündet werden. Es wurden einfach Granaten in das Gebäude geworfen. Schnell und effektiv. Geplanter und erfolgreich durchgeführter Massenmord.
Auf der Heimfahrt kommen wir durch ein kleines Städtchen. Mir fällt der extravagante und sichtbar teure Markt auf. Es sind mehrere Ebenen, die in den Berg hinein gebaut wurden. Viel Zement und Steine habe man hierfür verbraucht, sagt Verena. Die EU habe den Bau großzügig gesponsert. Heute will kein Mensch dorthin, da die Standgebühren viel zu teuer seien. Für mich sieht das nicht aus wie ein Markt, sondern eher wie eine Festung. Ein Beispiel von Fehlinvestition. Oder doch wieder Provision und Schmiergeld? Man weiß es nicht. Aber oftmals scheint es auf der Hand zu liegen.
Als wir die Sperre passiert haben, lassen wir uns wieder etwas mehr Zeit. Auf dem Rückweg kommen wir wieder an der Stelle mit den vielen Händlern vorbei. Wir machen Großeinkauf, zumal wir alle nichts mehr zu Hause zu essen hatten und es hier nochmals günstiger als auf dem Markt in der Innenstadt ist. Bananen, Marmelade, Zucchini, Süßkartoffeln, Mais, Karotten, Erbsen, Maracuja und Ananas. Dann sind wir endlich wieder daheim. Das Gefühl ist unbeschreiblich, man fühlt sich schon mit Stadt und Menschen vertraut. Und richtig schön wird es dann erst richtig, wenn man wieder durch dieses rote Tor mit dem Nilpferd darauf fährt und einem lauter kleine Strahlegesichter entgegen kommen und einen umarmen wollen. Ein weiteres kleines Abenteuer ging zu Ende.
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