An einem Sonntag

Januar 28, 2007

Auf www.ka-news.de ist ein neuer Teil der Burundi-Serie erschienen.

Gestern, Samstag, traf unser burundikids e. V.-Vorstand Martina Wziontek in Bujumbura ein. Zusammen mit Verena Stamm, Projektleiterin vor Ort, wird es diese Tage viele, wichtige Gespräche geben: Was können wir in 2007 starten, weiterführen, beginnen? Was können wir erreichen, wie können wir wachsen, die Hilfe intensivieren? Es ist quasi eine Vorstandssitzung. Darüber hinaus stehen Besuche in allen Heimen der Fondation an. Volles Programm also und für mich wahrscheinlich zu wenig Zeit, in diesen Tagen das Tagebuch ausführlich zu pflegen. Ich bitte um Verständnis.

Die dritte Landfahrt

Januar 26, 2007

Freitag, 26. Januar 2007. 15 Uhr. Bewölkt in Bujumbura, es scheint bald zu regnen. Gerade las ich die neuesten Nachrichten über die Situation im Land. Keine Besserung in Sicht, im Gegenteil. Weiterhin regnet es, weiterhin werden Menschen Obdachlos – alleine im Hauptstadtviertel „Gatumba“ sind es 17.000 –, weiterhin sterben Kinder an Hunger, weiterhin verschlimmert sich die Lage. Selbst das World Food Programme (WFP)

äußert sich besorgt und teilte mit, dass es aus eigener Kraft nicht alle Hungernden in den kommenden Monaten – befürchtet sind 1,2 Millionen – versorgen könne. Derweil bat Präsident Pierre Nkurunziza um weitere internationale Hilfe, da auch die Regierung machtlos sei.

 

Gestern Abend bin ich von einer zweitägigen Tour zurückgekommen. Sie führte mich dieses Mal in eine der Regionen, die jüngst vom Präsidenten als Katastrophengebiet ausgerufen wurden. Ruyigi war die erste Provinz, dann fuhren wir noch weiter nach Cankuzo, die offensichtlich unterentwickeltste Region Burundis. Ich kam mir vor wie in einem anderen Jahrhundert. Aber von Anfang an.

 

 

Meine dritte Fahrt aufs Land

 

Ich fuhr dieses Mal nicht mit Verena und den Mädels, sondern mit Gérard (den Kontakt mit ihm erklärte ich im vorherigen Tagebucheintrag) und dem Koordinator seines Büros hier in Bujumbura, namens Isaac. Außer uns noch im Auto – einem ausrangierten, weißen Jeep des UNHCR – der junge Chauffeur. Um 9 Uhr holten sich mich bei „Chez André“ ab, wo Gérard erst noch einige Minuten mit Verena plauderte. Dann fuhren wir ab. Zuerst zeigte mir Gérard noch sein kleines Büro in einem anderen Teil der Hauptstadt, stellte mir seine Mitarbeiter vor. Es ist ein kleines Büro, vorne zur Straße hin ist es eine Pharmazie für Tiermedikamente. Gérard hatte die Leute hier anfangs unterstützt, das kleine Geschäft aufzubauen, dann überließ er es ihnen zur selbständigen Führung. In den Hinterräumen wird an einem Computer und hinter Papierstapel für seinen Verein, Irembo e. V., getüftelt und verwaltet. Alles sei erst noch im Aufbau, wie mir Gérard erklärt. Das erkennt man auch sofort, wenn man den Hinterhof betritt. Dennoch: Potenzial steckt darin und vor allem ist es der anscheinend ungebremste Wille Gérards, etwas zu bewegen.

 

Gérard ist ein sehr, sehr netter Mensch. Freundlich, immer am Lächeln, zuvorkommend und geduldig. Unser Treffen in seinem Heimatland scheint ihn genauso zu freuen wie mich. Kontakt per Mail halten wir ja schon lange. Gesehen hatten wir uns aber bislang nicht. Als erstes stellte er mir Isaac vor, seine rechte Hand, der sich um alles kümmert, während sich Gérard in Deutschland engagiert. Isaac ist der ehemalige Gouverneur der Provinz Ruyigi, unser Zielort und die Heimat Gérards. Ein etwas beleibterer Mann, kräftig und einer sehr guten Rhetorik. Seine Fähigkeit, mit Menschen umzugehen, wird er während unserer Tour mehrmals unter Beweis stellen. Ebenso seinen Bekanntheitsgrad und seinen Einfluss. Gegen 9.30 Uhr starten wir also Richtung Osten. Durchfahrt durch die Landesmitte in Gitega, weiter östlich nach Ruyigi – bis dahin sind es laut Verkehrsschild 168 Kilometer – und weitere 45 Kilometer nach Cankuzo. Jedoch muss man bei der Berechnung der Fahrtzeit andere Faktoren berücksichtigen als in Deutschland, wie ich sehr schnell – oder eben weniger schnell – feststellen sollte.

 

Zwischen Bujumbura und Gitega scheinen mir die Autos und Lkw heute besonders wild zu fahren. Knapp weicht uns das Taxi noch aus, das den Berg hinunter uns auf der falschen Straßenseite entgegen kommt. Kurze Zeit später sehe ich auf einer kleinen Wiese neben der Straße einen leer stehenden Lkw. Verlassen, kein Mensch zu sehen. Die metallene Ladefläche ist aufgebrochen, die Stahltüren mit Gewalt aufgebogen. Übrigbleibsel eines nächtlichen Plünderungszugs? Folge der Verzweiflung hungernder Menschen? Nochmals kurze Zeit später steht ein Lkw schräg auf der Straße. Seine Front ist stark eingedrückt und zerschmettert. Wieder kein Mensch zu sehen. Er steht jedoch glücklicherweise auf der Seite der steilen Felswand und nicht auf der, wo es ziemlich steil und weit nach unten geht. Wir haben zum Glück genügend Platz, daran vorbei zu kommen. Dann passieren wir die Ortschaft Muranvya, das frühere Zentrum des Landes. Hier war die Residenz der früheren Königsfamilien, Zentrum von Regenten und Politik. Ich sehe einen Jungen mit T-Shirt der Deutschen Post. Die Ironie dieses Shirts ist, dass es hier nicht einmal so etwas wie einen Postboten gibt. Briefe und Pakete muss man selbst abholen.

 

Gérard erzählt mir von seinem Lebensweg, wie er nach Deutschland kam. In Gitega habe er als Tierarzt gearbeitet, ehe er seinen Weg nach Deutschland fand – kurz vor dem Massaker von 1993. Dann sehen wir das Denkmal der Schule mit der Aufschrift „Plus jamais ca“, woran wir schon einmal mit Verena vorbei fuhren. 1993 wurden hier die Schüler und Lehrer in der Schule eingesperrt und angezündet. Es ist die Schule, die auch Gérard lange Zeit vor den Unruhen besucht hatte. Wir schauen sie uns kurz an, besuchen einige seiner alten Schulfreunde. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, auf diesem Gelände zu stehen, wo so viele Unschuldige sterben mussten, ja gerade zu von rasenden Horten hingerichtet wurden. Es sollte aber nicht das einzige Mal sein, in der ich mich merkwürdig fühlen werde. Wir fahren weiter und kommen zu einer winzigen Marktstelle, die ich ebenfalls von einer vorherigen Landfahrt kenne. Per Zufall treffen wir dort Antime. Antime ist der berühmteste Trommler Burundis. Heute ist er ein erfahrener, alter Mann, der auf Reisen in beinahe aller Herren Länder zurück blicken kann. Auch Deutschland sei dabei gewesen, wie er stolz zu mir sagt. Ich darf ihm die Hand schütteln und ein Foto machen. Ein echter burundischer Prominenter!

 

Weiter geht es durch Giheta. Der Ort ist – wie mir Gérard erklärt – berühmt für seine vielen Künstler. Wir treffen in der Stadt Gitega ein. Der Muezzin schreit, ein alter, islamischer Gelehrter schreitet in traditionellem Gewand und weißem Bart seinen Gehstock schwingend die Straße entlang. Wir kaufen Wasser in einem kleinen Geschäft ein und werden auf dem Hin- und Rückweg permanent angebettelt. Ein Junge, mit einem anderen, anscheinend blinden, im Schlepptau. Es tut mir weh, ihnen nichts zu geben. Aber auf der anderen Straßenseite sehe ich weitere, die sofort dabei stünden, sollte etwas zu holen sein. Ein alter Mann, der sich gerne chic kleidet, dessen Anzugshose und Jackett jedoch durchlöchert sind, geht langsam an unserem Toyota Landcruiser vorbei. Ein anderer mit Krücke und schiefem Gang, gefolgt von einer sehr jungen Frau, die ein – anscheinend asiatisch-burundisches – Baby auf dem Arm trägt, ein anderes an der Hand führt. Es kommt mir so vor, als wolle sich innerhalb von fünf Minuten die gesamte Armut und Situation dieses gebeutelten Landes mir präsentieren. Die Verletzten des Krieges, die Behinderten, die Hungernden, die Alten, der sich ausbreitende Islam, der das Land in manchen Situationen kurz an den Rand eines Glaubenskriegs treibt. Tausende Gedanken schießen durch meinen Kopf. Zum Glück fahren wir weiter. Weg von dieser Stelle. Gérard geht es genauso wie mir.

 

Nach Gitega scheint die Zivilisation langsam aber sicher auszubleiben. Wir fahren hindurch zwischen steilen, massiven Felswänden. Die Straße war einmal glatt geteert und ist heute nur eine Katastrophe. Die Landschaft verändert sich. Der Sand hat eine andere Farbe, nicht mehr das Rot, sondern eher ein trostloses Braun. Ich sehe viel Farn, flächendecken. Andere Bäume. Wir fahren vorbei an Pygmäen, den so genannten Batwa, die eigene und isolierte Volksgruppe. Sie tragen ihre traditionellen Tontöpfe auf dem Kopf. Und ich sehe ein halb zerstörte Schule. Spur des Kriegs, der in dieser Region besonders schlimm und erbarmungsloser als anderswo tobte. Es war Gebiet der Rebellen der FDD – derjenigen, die heute ganz oben Politik machen. Brach gerodete Hügel.

 

Dann erreichen wir die Kommune Muriza in der Provinz Ruyigi. An der Grenze zwischen Gitega und Ruyigi stand ein Torbogen. Wenn man aus Ruyigi hinaus fährt, verspricht einem der Schriftzug: „Gott ist mit Ihnen!“ Normalerweise müsste es an der Einfahrt stehen. Wir nehmen unter einem kleinen, weiß gestrichenen Pavillon Platz. Zwei Herren gesellen sich zu uns, die Isaac anscheinend aus seiner Zeit als Gouverneur kennen. Auf der anderen Straßenseite tummelt sich eine große, bunte Menschenmenge. Mittwoch ist Markttag in Muriza. Wir essen Brouchette, den für Burundi typischen und überall erhältlichen Fleischspieß. Ziegenfleisch. Traditionell. Anderswo bekommt man Brouchette auch mit Rind oder auch Fisch. Ursprünglich besteht er jedoch aus Ziege. Und die hängt noch direkt neben dem Grill, auf dem der Jugendliche gerade unsere Mahlzeit salzt. Zumindest das, was mal eine Ziege war. Der Kopf noch vollständig, sonst erkenne ich nur noch die Wirbelsäule. Das Fleisch schmeckt lecker. Gut durch und lecker gewürzt. Die Beilage ist einfach: nichts. Oder eben Cola. Alles in allem zahlen wir für vier Brouchette, zwei Amstel-Bier, eine Fanta und eine Cola 4.000 Burundifranc (etwa 3.50 Euro). Inklusive Trinkgeld versteht sich.

 

Um 13.54 Uhr fahren wir weiter. Auch hier sehe ich überall überschwemmte Felder. Oder solche, von denen sich das Wasser wieder zurückgezogen und nur Fäulnis hinterlassen hat. Die Maispflanzen, die unberührt blieben, sind sehr klein. Viel kleiner als die, die ich von Bujumbura gewohnt bin. Gérard weiß, dass hier die Böden alles andere als fruchtbar sind. Wieder viele Pygmäen mit ihren Töpfen.

 

Bald heißt es „Kaze mu Ruyigi“ – Willkommen in Ruyigi. Dem Zentrum. Dem trostlosen, vergessenen Zentrum. Die Fassaden dreckig und am Bröseln, die Landschaft ein wenig traurig. 20.000 Einwohner. Einwohner eines neuerdings erklärten Katastrophengebiets. Kinder schauen interessiert und rufen „Amahoro“, was soviel wie „Frieden“ bedeutet. Kein übliches „muzungu“, wie man es aus der Hauptstadt gewohnt ist. Hier scheinen sie nicht so viele Weiße zu sehen, als dass sich diese Unart hätte verbreiten können. Man fühlt sich wohler. Alles wirkt freundlicher – und noch viel ärmer als anderswo. Wir essen bei der Familie des kleinen Bruders von Isaac. Auch hier die Fassaden zur Straße hin alles andere als einladend. Wir waten durch einen kleinen Eingang zwischen zwei hohen Hauswänden. Der Hinterhof gleicht den Häuserfassaden. Ein Hund mit rötlichem, zerrupftem Fell liegt im Schatten. Er kratzt sich und kümmert sich nicht um uns. Ein Jugendlicher sitzt auf einem Holzbrett im Sand und beobachtet abwechselnd uns und die kleine Kochstelle vor sich. Zwei junge Frauen huschen herum und tragen Dinge hin und her. Dann begrüßt uns der kleine Bruder Isaacs. Als wir in seine Stube eintreten, traue ich meinen Augen nicht. Eine Sitzgruppe aus Eukalyptusholz mit feinen Polstern darauf steht um einen kniehohen Tisch herum. Überall liegen gestickte, weiße Tücher herum. Dahinter steht ein großer Esstisch neben einer Tiefkühltruhe. Kaum wurden wir aufgefordert, am Tisch Platz zu nehmen, tragen die beiden Frauen die Töpfe mit dem Essen herein. Reis, Bohnen, Rindfleisch und Kochbanane, zubereitet mit Tomaten und Kräutern – „Lenga Lenga“. In den in Burundi oftmals üblichen Schüsseln – schon verziert und aus Plastik.

 

Die Toilette konnte ich nun nicht mehr meiden. Ich muss zuerst durch die Schlafkammer – bestehend aus einem Doppeltbett, immerhin mit Holzrahmen – dann durch eine kleine, knarrende, blau gestrichene Holztür. Ich muss mich ducken, gebaut wurde das Haus anscheinend für sehr kleine Menschen. Die Toilette ist einfach am Boden befestigt. Einen Wasseranschluss für eine Spülung entdecke ich nicht. Statt dessen steht eine Schüssel mit Wasser daneben. Ich habe verstanden. Danach will ich meine Hände waschen. Auf meine Anfrage hin bei Isaac kommen sofort die beiden Frauen angestürmt. Die eine trägt eine große Wanne mit Wasser und einem Stück Seife, das darin schwimmt. Die andere hält einen Krug parat, um sich nach dem Waschen die Hände mit sauberem Wasser abzuspülen. Es ist mir etwas unangenehm. Man fühlt sich in dem Moment wie der Kaiser von Rom. Essmanieren scheinen sie auch keine zu haben, die Burunder. Der Reis, die Bohnen, Banane, Sauce – alles findet sich wieder, verteilt auf dem Tisch. Die andere Hälfte verstreut auf dem Teller, das Besteck liegt irgendwo dazwischen. Nur Gérards Besteck und Teller haben dieselbe deutsche Ordnung wie meiner. Ob ich mich hätte besser anpassen sollen?

 

Gut genährt verabschieden wir uns von der Familie. Die gegenüberliegenden Häuser offenbaren den islamischen Einfluss in ihrer Bauweise. Wir fahren weiter nach Cankuzo. Die wirklich unterentwickeltste Region, die ich bisher in meinem Leben sah. Die Straße dorthin wird gerade gebaut. Gebaut ist eigentlich zu viel gesagt. Ein paar Männer werden damit beschäftigt, den Sand aufzuhäufen und dann wieder anderswo zu verteilen. Wirklich interessieren tut sich für diese abgelegene Region niemand in der Politik. Keiner der hohen Herren kommt von hier. Also warum hier etwas bauen? Wenn ein Gouverneur – man entschuldige den Ausdruck – das Maul einmal zu weit aufmacht, wird er eben ersetzt. Durch einen, der still sitzen bleibt. Wir fahren vorbei an Projekten einer so genannten Maggy.

 

Maggy ist die Heldin Burundis. Während des schlimmen Massakers rettete sie in ihrem Haus vielen Kindern das Leben vor den wütenden Horten. Sie bekam Preise und Auszeichnungen – und, viel wichtiger noch als das, von Anfang an viel Unterstützung und Gelder. Heute bebaut sie ein riesiges Gebiet mit Häuschen für Jugendliche. Ganze Dörfer sind so entstanden. Im Moment baut sie gerade ein großes Krankenhaus – Verena meinte für etwa 1 Million Dollar. Unterstützt wird sie dabei auch vom Militär. Ich sehe belgische Soldaten und schweres Gerät der Armee. Sie wirtschaftete von Anfang an gut und investierte neu. So entstand ein riesiges Hilfsprojekt. Die Regierung tue eben nichts, also müssen sich die Leute selbst aufraffen und die Initiative ergreifen, wie Gérard sagt.

 

Anscheinend hatte die deutsche GTZ hier viele Projekte, wie die Schilder bezeugen. Die meisten seien aber alt und verlassen. Die Häuser stehen leer und fallen zusammen. Die Straße, die wir fahren, ist der pure Horror. Es ist noch weniger als eine Piste. Ich dachte schon, die Strecke zwischen Ngozi im Norden und Gitega in der Landesmitte sei schlimm. Pustekuchen. Das hier übertraf alles. Wir rutschen mit unserem Geländewagen mehr als dass wir fahren. „Das hier ist vergessenes Land“, seufzt Gérard. Womit er Recht hat. Absolut. Es ist eine Safari. Anderswo in der Welt zahlen Touristen viel Geld, um so etwas zu erleben. Wir bekommen es ganz kostenlose. Wobei ich eigentlich nichts derartiges gebucht hatte. Wir lachen beide. Weil wir es nicht glauben können. Eigentlich ist uns beiden nach Heulen zumute.

 

Deutschland scheint sich hier viel zu engagieren. Überall sehe ich auf metallenen Schildern mit Projektnamen die deutsche Flagge neben der burundischen. Überschwemmte Felder, wieder viel Farn. Und Flüsse, wo eigentlich keine sein sollten. Wir brauchen für 45 Kilometer zwei Stunden. Ganze Seen sind auf der Piste. Unser Geländewagen hat zu kämpfen. Ein kleiner Lkw mit Flüchtlingen aus Tansania fährt an uns vorbei. Sie schauen böse. Und zugleich sind ihre Blicke leer. Ich merke, dass sich Gérards Mentalität durch sein Leben in Deutschland geändert hat. Er tippt den Fahrer abrupt auf die Schulter, er solle langsamer machen, wenn er durch die Pfütze fährt. Sonst würde die Frau, die am Wegesrand steht, nass und dreckig. Der Chauffeur schaut etwas verwundert. Er wäre ungebremst weiter gefahren. Wie er es später noch tun wird. Ein Taxi steht neben uns, der Fahrer will freundlich grüßen. Dann ist er voller Matsch. Auch das ist Burundi. Kinder winken und stehen neben einem Brunnen von UNICEF, wie sie in dieser Gegend jeden Kilometer zu sehen sind. Wasserversorgung für Flüchtlinge. Teil eines Rückführungsprogramms.

 

Viele Schulen stehen hier. Ein ganzer Trupp joggt an uns vorbei. Sportunterricht. Der Anblick erinnert mich an ein Soldatenkorps. Wir kommen an eine Weggabelung. Nach rechts sind es noch etwa 25 Kilometer bis zur tansanischen Grenze. Wir fahren links. Und wieder überall Überschwemmungen. Vor uns quält sich ein kleiner Lkw über die unzähligen, mit Wasser gefüllten Schlaglöcher. Er hat kleine Bäumchen auf der offenen Ladefläche geladen. Dann steckt er fest, schafft es aber nach einigen Versuchen doch, weiter zu kommen. Dabei verliert er aber einige seiner Bäumchen. Wir sammeln zwei davon auf und nehmen sie mit. Wenn wir Polizisten oder Militär passieren, salutieren sie. Der Gruß gilt Isaac, der als ehemaliger Gouverneur immer noch hohes Ansehen zu genießen scheint. Diese Piste! Und das ist die Hauptverkehrsader zwischen den beiden Provinzen Ruyigi und Cankuzo. Ein Gebiet mit flächendeckend braunem Mais, Hütten mit Strohdächern und vielen streunenden Hunden.

 

16 Uhr. Wir fahren über eine kleine Brücke, die die Grenze zwischen den beiden Provinzen darstellt. Zig Verkehrsschilder stehen davor und danach, die eine Verengung der Fahrbahn ankündigen, die maximale Traglast der Brücke verraten und einen beten, doch nicht mehr als 30 Stundenkilometer zu fahren. Pure Ironie. Oder anders gesagt: ein schlechter Witz. Es beginnt ein wenig zu regnen. Die Bäume biegen sich im Wind. Der Himmel grau – und unser linker Hinterreifen platzt.

 

Alle steigen aus, um den Schaden erst einmal zu begutachten. Dann holt der Chauffeur Ersatzreifen und Wagenheber aus dem Kofferraum und macht sich ans Werk. Ich starre die Hausruine am Wegrand an. Wir befinden uns in 1.400 Meter Höhe, dazu der Wind und der Regen. Es ist recht kalt. Und der Wagenheber zu kurz. Backsteine müssen als Verlängerung herhalten. Ein anderer Jeep mit Einheimischen rast an uns vorbei uns lässt uns in einer Staubwolke zurück. Gérard schlägt die Hände über dem Kopf zusammen.

 

Schließlich erreichen wir doch noch unser Ziel Cankuzo. Ganze 5.000 Einwohner zählt dieses Zentrum, eines der Katastrophengebiete. Meiner Meinung nach sollte Cankuzo nicht nur wegen der aktuellen Überschwemmungen zum Katastrophengebiet erklärt werden. Wir treffen hier Gérards Familie. Während des Bürgerkriegs sind sie hier her geflohen. Seine Mutter, sein behinderter Bruder und seine Schwester. Er hat seiner Mutter hier ein kleines Grundstück gekauft. Darauf steht eine kleine Wohnhütte, eine weitere als Küche. Darum sind Mais und Bananen angepflanzt. Gérard hat seiner Mutter Lebensmittel mitgebracht. Für ihn eine unglaubliche Situation, denn früher sei er es gewesen, der hierher gekommen sei, um etwas zu essen zu bekommen. Heute muss er es liefern. Als die beiden sich sehen, begrüßen sie sich herzlich und ganz nach burundischer Tradition. Das kann schon mal eine Weile dauern. Verena hatte es einmal erzählt, doch erlebt hatte ich es noch nie. Auch sein Bruder schaut vorbei und begrüßt uns sehr schüchtern. Er hat es nicht leicht. Menschen mit Behinderung haben in Burundi oftmals keinerlei Chance. Er lächelt und möchte gleich wieder in einem Hinterzimmer verschwinden. Sich verstecken. Doch wir sagen alle, dass er doch da bleiben und sich dazu setzen soll. Dann setzt sich Gérard mit seiner Familie zusammen, Isaac möchte mir derweil das Dorf zeigen. Zu aller erst bringen wir aber unseren kaputten Reifen zum Markt, wo er bis abends repariert sein wird.

 

Wir fahren ein Stück weiter in die Kommune Muyaga. Hier befindet sich die erste Kirche, die erste Missionsstelle der deutschen Weißen Väter und in ganz Burundi überhaupt. Heute ist es ein Internat, geführt von katholischen Schwestern in hellblauen Gewändern. Die Kirche existiert seit 1880. Und Isaac ging hier zur Schule. Er begrüßt die Schwestern herzlich, die neugierig oben an der Treppe stehen. Eine davon war seine Lehrerin. Wieder wechselt „Amahoro“ unzählige Male die Seiten. 500 Schüler würden hier unterrichtet und wohnen in den Gebäuden des Internats. Zu Zeiten Isaacs waren es noch 200. Heute sind es alleine so viele Mädchen.

 

Die Schwestern bitten uns herein und wir nehmen in einer Art Aufenthaltsraum auf einer Sitzgruppe Platz. Die Sonne scheint durch das große Fenster, an der Wand hängen Bilder von irgendwelchen alten Priestern in schwarzweiß. Wir bekommen Ananasschnaps serviert, eine der Schwestern lässt es sich nicht nehmen, mitzutrinken. Isaac bestellt gleich drei Flaschen zum Mitnehmen. Eine mit Ananasschnaps – die ich mit nach Hause bekommen sollte –, eine mit Zuckerrübenschnaps und eine mit Schnaps aus Physalis, die kleine, gelbe Frucht mit den trockenen, braunen Blättern, die oftmals an Cocktailgläsern zu finden ist. Dann verabschieden wir uns, während hinter den großen Bergen die Sonne untergeht und alles orange schimmern lässt.

 

Gérard erzählt mir ein wenig von seinen Projekten. Seit vergangenem September arbeitet er in dieser Region mit Jugendlichen und bietet ihnen eine Ausbildung in Landwirtschaft – unter Berücksichtigung ökologischer Aspekte. Zielgruppen seiner Arbeit sind vor allem die „jeunes défavorisés“, von der Gesellschaft benachteiligte Kinder. Jetzt will er sich vor Ort ein Bild von der aktuellen Situation machen und sehen, welche weiteren Ausbildungszweige noch sinnvoll wären.

 

Ich schüttele noch schnell Gérards Schwager die Hand – ebenso seinen beiden Söhnen –, dann geht es wieder zurück. Wir fahren auf dem Markt vorbei, um unseren Reifen wieder einzusammeln, dann wollen wir die Rückfahrt antreten. Es ist bereits dunkel geworden, was hier noch schneller als in Bujumbura zu geschehen scheint. Dann erreichen wir den Ortsrand von Cankuzo. Straßensperre. Vor uns wurde schon ein Lkw angehalten und nicht weiterfahren gelassen. Stacheldraht liegt quer über die Straße. Ein Polizist schleicht um unser Auto und inspiziert alles genau. Uns, den Fahrer und den Kofferraum. Ein anderer Polizist und ein Soldat plaudern mit dem Chauffeur und Isaac. Sie kennen Isaac – so wie alle hier. Wir könnten nicht weiter fahren, sagen sie. In der vergangenen Zeit habe es viele Überfälle gegeben. Es sei zu gefährlich. Wir müssen aber zurück nach Ruyigi. Denn in Cankuzo gibt es schlichtweg nichts. Keine Übernachtungsmöglichkeit.

 

Wir dürfen passieren. Vorher bekommen wir aber einen jungen Soldaten zugeteilt, der in unserem Wagen als Schutz mitfahren soll. Isaac nimmt seine Papiere entgegen. Das ist zu unserer Sicherheit, dass es sich auch um einen tatsächlichen Soldaten handelt. Eine beliebte Taktik war es lange Zeit, dass sich Rebellen an einer Straßensperre hinstellten und ebenfalls sagten, eine Weiterfahrt sei zu gefährlich. Sie eskortierten die jeweiligen Opfer und an einer abgelegenen und passenden Stelle überfielen sie sie dann. Wir hatten aber anscheinend einen echten Soldaten. Trotzdem ein etwas merkwürdiges Gefühl, einen mit einer Kalaschnikow bewaffneten Uniformierten im Auto zu haben. Sein Koffer und eine Matratze werden noch eingeladen, dann geht es weiter. Ab in die Dunkelheit im Niemandsland.

 

Schwarze Nacht, das ist wirklich das, was man finster nennt. Die während des Kriegs zerstörten Häuser, die jetzt halb verwuchert und verrußt am Straßenrand stehen, haben in der Dunkelheit noch mal eine ganz andere Wirkung als bei Tag. Auf dem Hügel gegenüber machen einige Bauern an unterschiedlichen Stellen Feuer, um sich zu wärmen oder Essen zuzubereiten. Die Feuer aber in Verbindung mit diesen Häuserruinen geben ein Szenario, das angsteinflößend ist. Man weiß, wo man ist. Und man kann sich umso besser vorstellen, was hier abgegangen sein muss. Die schöne Landschaft vom Tag verwandelt sich bei Nacht nur noch in Busch. Ein einziges Dickicht. Die nächste Stufe dieser Nachtfahrt wäre wirklich nur noch, mitten durch den Urwald zu fahren. Querfeldein oder besser gesagt querbuschein.

 

Angst habe ich komischerweise keine. Nur ein komisches Gefühl. Dass wir jeden Moment überfallen werden könnten, daran verschwende ich keinen Gedanken. Ich glaube nicht daran. Aber diese Häuserruinen, die Feuer im Hintergrund und dann noch der Bewaffnete im Auto – das soll ein Leben sein? Plötzlich wird es ein wenig heller. Etwa 50 Meter vor uns steht ein Lkw schräg auf der Piste. Er ist stecken geblieben. Und jetzt sieht es so aus, als würde er gleich umkippen. Kurz davor steht ein weiterer, etwas kleinerer Lkw. Er kommt nicht am ersten vorbei. Sieht für die Fahrer nach einen langen Nacht aus. Wir wollen uns dazwischen durch schlängeln – und bleiben stecken. Der Matsch ist stellenweise kniehoch. Wir müssen aussteigen und schieben. Selbst mit Allradantrieb schafft es der Geländewagen nicht. Zum Glück helfen uns noch die umstehenden Einheimischen. Ich rechnete schon damit, hier zu übernachten. Aber was wäre dann gewesen? Hier kommt doch kaum jemand vorbei. Wir fahren – glücklicherweise – weiter. Die beiden Lkw jedoch werden dort bleiben müssen. Wie sie das Monstrum aus dem Schlamm befreien wollen, weiß ich auch nicht. Wahrscheinlich wird er vorher geplündert. Hunde jaulen.

 

Ein wenig später sehen wir einen weiteren Lkw mit Panne. Er steht aber zum Glück nicht quer über die Straße, sodass wir auch hier vorbei kommen. Dann halten wir einen Moment – Pinkelpause. Der Soldat nimmt das zum Anlass, im Scheinwerferlicht sein Maschinengewehr zu inspizieren und zu entsichern. Das Einrasten der Waffe gibt mir wieder dieses komische Gefühl. Er macht sich kampfbereit. Falls etwas sein sollte. Unvorstellbar. Dann, nach einer abenteuerlichen Safari, kommen wir endlich wieder in der Stadt Ruyigi an. Wir beziehen unser nächtliches Quartier. Es ist das Hotel „Frieden“, gebaut ebenfalls von der berühmten Maggy. Vorher haben wir noch unseren Soldaten in der Kaserne abgesetzt und ihm seine Pässe zurück gegeben. Jetzt essen wir noch etwas – Ziegen-Brouchette mit Kochbanane und Erbsen –, dazu natürlich ein Primus (das einheimische Bier), dann geht es schlafen. Die Zimmer sind sehr einfach. Aber wenigstens gibt es Strom und fließend Wasser. Das weiß man zu schätzen, wenn man gerade in Cankuzo gesehen hat, dass sie keinen Strom haben und kein Wasser. Es gibt nur öffentliche Wasserstellen, wo man es holen kann. Oder eben aus dem Fluss. Bevor ich ins Bett gehe, staune ich über den Sternenhimmel. Er ist gesprenkelt wie im Film. Bislang hatte ich so etwas noch nicht gesehen.

 

Der zweite Tag

 

Um kurz nach 6 Uhr wache ich auf. Um 7 Uhr wollten wir bereits weiter fahren. Das Aufstehen fällt mir leicht bis mittelschwer. Mein Nacken schmerzt, weil wir auf der Fahrt am Vortag so kräftig durchgeschüttelt wurden. Unser erstes Ziel: Munyinya, der Geburtsort von Gérard. Dort betreibt er mit seinem Verein Irembo e. V. das Ausbildungsprojekt. Auf dem Weg dorthin sehen wir viele Schulkinder. Eine Uniform tragen sie nicht, obwohl es Vorschrift ist. Aber sie können sie sich schlichtweg nicht leisten. Viele junge Mädchen sieht man mit Gartengerät. Eigentlich sollten sie zur Schule gehen. Sie laufen neben den Maniokfeldern, die von der Mosaik-Krankheit befallen sind. Auch das ein Faktor der Hungersnot. Ein Stück weit geht es nun durch Wald. Hier gibt es anscheinend viele Affen. Kleine, braune. Früher einmal hätte es auch Schimpansen gegeben, das sei aber länger her. Leider sehen wir aber keinen einzigen Affen. Dann erreichen wir die Kommune Butezi. Ich sehe einen Mann, der ein Baby trägt, die Frau begleitet ihn in einem gewissen Abstand. Dieses Bild habe ich bislang auch noch nicht gesehen.

 

Wir fahren an Äckern vorbei, die solidarisch bestellt werden. Eine wichtige Friedensarbeit, meiner Meinung nach. Einige Bauern tun sich zusammen und bestellen gemeinsam das Feld eines jeden einzelnen. Heute hier, morgen da und übermorgen den Acker des anderen. Sinnvoll und friedensfördernd. Solidarität das nämlich das, was während des langen Kriegs auf der Strecke blieb. Vor allem hier, wo der Krieg besonders schlimm wütete. Ein Gebäudekomplex stammt von den Amerikanern. Sie hatten hier ein Ausbildungszentrum betrieben. Heute steht es leer. Der Staat soll es betreiben. Vielleicht. Irgendwann.

 

Wieder geht es durch tiefen Wald. Gérard erzählt mir, dass in dieser Region Termiten eine besondere Spezialität seien. Die Kinder äßen sie roh, die Erwachsenen bereiten sie unterschiedlich zu. In Bujumbura könne man auch Termiten kaufen. In Tüten. Ich glaube aber, das werde ich mir sparen. Das äußere Betrachten eines Termitenhügels reicht mir völlig aus.

 

Munyinya. Ein Dorf, menschenleer. Überall nur Wiese mit hohem Gras. Wildnis. Die Menschen hier seien (noch) nicht zurück gekehrt. Nur wenige Häuser sind zu sehen, die wieder bewohnt sind. Ansonsten: Prärie. Viele sind noch in Tansania in Flüchtlingslagern. Mancherorts ragt eine Ruine zwischen dem hohen Gras heraus. Die meisten Häuser sind jedoch völlig platt, nichts mehr übrig als nur einzelne Steine. Dabei war die Region hier früher besiedelt wie jede andere auch. Wir fahren von der Hauptpiste nach links in eine Nebenpiste. Trampelpfad würde man so etwas nennen. Hier ist es der einzige Verkehrsweg. Das Wasser steht flächendeckend auf unserem Weg. Ein Mal bleiben wir fast stecken, schaffen es aber beim vierten Anlauf doch. Wir rutschen wieder mehr als dass wir fahren. Teilweise sogar in schräger Haltung unseres Autos.

 

Viele Jugendliche hängen hier herum oder verrichten irgendwelche schweren Arbeiten. Eine Perspektive haben sie keine. Sollte nur der Anschein einer erneuten Krise, einer Rebellion oder eines Kriegs aufblitzen – sie sind sofort wieder dabei. Wahrscheinlich sogar als erste. Kämpfen ist das einzige, was sie können. Der Staat kümmert sich nicht um sie. Jetzt leben sie vor sich hin. Und hoffen wahrscheinlich sogar darauf, bald wieder kämpfen zu können. Manche machen sich auch auf den Weg und lassen sich in anderen Ländern als Söldner anheuern. Ein großes Problem in diesem Land. Die Gewaltbereitschaft ist da.

 

Dann erreichen wir das Projekt von Gérard. Es ist noch eine Baustelle. Ein Haus ist zur Hälfte fertig gestellt, von einem weiteren wird gerade das Fundament fest gestampft. Es soll eine Ausbildungsstätte für Landwirte werden. Sie zukünftigen Schüler bauen auch gleich ihre Schule selbst. Es sind allesamt Flüchtlinge, die noch im April 2005 in tansanischen Lagern lebten. Gérard will ihnen eine Zukunft ermöglichen. Eine ohne Krieg und die Bereitschaft dazu. Frauen sind ebenfalls unter den Arbeitern. Sie tragen gelbe Kanister mit Wasser den Hügel hoch. Vom Fluss zur Baustelle. Den ganzen Tag. Teilweise haben sie Abitur. Gérard habe hier auch Wasser geholt. Früher, für seine Familie. Wir folgen den Frauen den Berg hinunter zum Fluss. Es ist wirklich wie im Urwald, viele hundert Jahre zuvor. Die jungen Frauen schlängeln den rutschigen Pfad mitten durch mannshohes Gras barfüßig schneller hinunter als wir mit Schuhen. Unten am Fluss umringt uns wirklich die pure Natur. Es ist ein kleines Stück waschechter Urwald, wie mir Gérard erklärt. Mit seinem Verein möchte er das kleine Gebiet gerne schützen. Hier wachsen Pflanzen, die es ansonsten nirgendwo anders mehr gibt. Bauern haben daneben ihre kleinen Parzellen. Ernten können sie aber dort nichts, weil die Affen immer alles klauen. Umweltschutz. Eine gute Sache. Doch ist es umsetzbar in einem Land, in dem die Menschen an Hunger sterben? Wie einem armen Bauern erklären, dass er diesen Baum nicht fällen darf, weil er der einzige seiner Art ist, der Bauer dann aber kein Brennholz hat?

 

Ich sehe Termitenhügel, eine Pflanze, deren Blätter speziell zum Reinigen von Töpfen gebraucht wird und allerlei wilde Obstbäume. Gérard zeigt auf einen und erzählt, diese Früchte hätte er früher immer auf dem Schulweg gegessen. Er ist ein glücklicher Mann. Weil er es schaffte, hier heraus zu kommen. Und deshalb will er zurück kommen, um den Menschen hier etwas zu bieten, ihnen zu helfen. Seinen Heimatort wieder aufbauen. Wenigstens ein bisschen. Am Ende unseres Besuchs muss Gérard – so will es die Tradition – eine kleine Rede halten. Ebenso tut es Isaac. Dann lassen sie noch ein wenig Geld für Getränke da, bevor wir die Weiterfahrt antreten wollen. Die Arbeiter auf der Baustelle erhalten einen Tageslohn von 800 Burundifranc. Das sind etwa 70 Cent. Die Steine müssen aus dem Zentrum Ruyigi herbei geschafft werden. Früher war das nicht so. Jetzt lernen sie hier an dieser Stelle, sie wieder selbst herzustellen.

 

Dann sollte mich das merkwürdigste alle Gefühle durchfahren, das ich bislang erlebte. Gérard wollte mir noch zeigen, wo er früher gewohnt hatte. Wir laufen ein Stück und ich dachte noch es gäbe nun einen längeren Fußmarsch. Schließlich ist weit uns breit nichts zu sehen als Wiese und Bäume. Dann, ein Stück querfeldein, bleiben wir stehen. Gérard zeigt auf einen Haufen braunroter Steine und sagt: „Hier, das war unsere Küche.“ Ich bleibe wie angewurzelt stehen. Die Bananenstauden und die Obstbäume stehen noch. Ein richtiger Garten. Wild und verwuchert. Ich wende meinen Blick nach links. Dort steht Gérard in einer Hausruine. Die Mauern sind nur noch so hoch, dass man darüber hinweg schauen kann. Wenn sie überhaupt noch stehen. Er zeigt mir sein Kinderzimmer, das Zimmer seiner Geschwister, seiner Eltern. Dann hält er einen Moment inne. Ich auch.

 

Er dreht sich um und zeigt auf den gegenüberliegenden Hügel: „Dort drüben, der ganze Hügel war 1993 voller Menschen. Sie kamen in Horten, hatten Macheten in der Hand und wollten töten.“ Seine Mutter floh, während die Nachbarhäuser schon brannten. Wieder hält er inne. Für ihn ist es schwer, sich zu erinnern. Für mich ist es schwer, sich das vorzustellen. Etwas derart abartiges.

 

9.45 Uhr. Wir fahren weiter. Jetzt ist es mal wieder soweit. Wir bleiben im Schlamm stecken. Zum Glück sind einige der Jungs, die hier die Löcher mit den kaputten Ziegeln ausbessern, so hilfsbereit und schieben. Sie lachen und winken uns hinterher. Diese Jungs sollen getötet haben? Auf der Fahrt erfahre ich, dass in dieser Gegend ein Kilo Bohnen mittlerweile 500 Burundifranc kostet. Durch die Nahrungsmittelknappheit eben. Früher kostete es zwischen 30 und 100 FB.

 

Wir kommen an einem großen Gelände vorbei. Hier hatten Missionare ein Zentrum für Leprakranke, namens Nyankanda, gegründet. Aus dem gesamten Land kamen die Kranken, um sich hier behandeln zu lassen und zu leben. Es entwickelte sich eine große Gemeinschaft. Sie bauten Häuser, bestellten Felder, lebten quasi in ihrem eigenen Dorf. Seit die Missionare weg sind, zerfällt das Gelände und seine Gebäude jedoch nach und nach. Die Leprakranken wurden weg gejagt. Noch immer gibt es anscheinend viele Leprakranke in Burundi. Für sie ein besonders schweres Schicksal. Eine Schule befindet sich noch darauf, die wir ebenfalls kurz besuchen. Zwischen den wilden Pflanzen kann man noch die festen Betonpfeiler und rostigen Stacheldraht aus der Kolonialzeit entdecken. Gérard möchte eine Partnerschaft zwischen Schülern von hier und einer deutschen Schule beginnen. Doch ein kleines Problem erschwert die Sache. Nimmt man die gleichen Klassenstufen, dann sind die deutschen Schüler 16 Jahre alt und die burundischen 20. Aufgrund des Kriegs eben.

 

Das ehemalige Gebiet des Lepra-Dorfs steht heute weitgehend leer. Die Anglikanische Kirche erhebt Anspruch darauf. Das ehemalige Krankenhaus ist schön renoviert. Und es steht leer. Es gehört dem Staat, der hier jedoch nichts tut. Es fehlt schließlich auch an Wasser, Strom, Häusern für die Mitarbeiter und so weiter. Aussichtslos. Aussichtslos für einen Staat? Es könnte 5.000 Menschen versorgen.

 

Wir nehmen einen alten Mann mit, den Gérard und Isaac anscheinend kennen. Er tut mir leid. Ganz chic hat er sich gemacht. Trägt Anzugshose, Weste, Hemd und Jackett. Und feine Schuhe. Alles von der Zeit gezeichnet. Sein Anblick macht mich traurig. Es ist doch nur ein alter Mann, der chic aussehen möchte. So, dass es seiner Würde entspricht. Schließlich ist er ein „Mutama“ oder kürzer „Muta“. „Alter“, wie die betagten Männer hier respektvoll genannt werden.

 

Dann treten wir die Heimreise an. Der Chauffeur, Isaac, Gérard, „Mutama“, ich und noch der Projektleiter von vor Ort, der Gérards Baustelle überwacht. Er kommt ursprünglich aus Bujumbura und besucht seine Familie für einige Tage. Dann wird er wieder in diese vergessene Region zurück fahren. „Mutama“ hat eine Beerdigung in Bujumbura, eine andere Verwandte habe ein Kind bekommen. So ist auch sein Terminkalender voll. Genauso wie unser Toyota.

 

Unterwegs gibt es noch großes Gelächter. Ich biete allen ein Bonbon an, alle nehmen eines an, nur „Mutama“ nicht. Später teilt Isaac noch die burundische Süßigkeit aus, die an deutsche Fasnachtskrapfen erinnert. Das lehnen nun „Mutama“ und der Projektleiter – der ebenfalls schon ein stolzes Alter hat – ab. Der Grund: So etwas essen Männer nicht. Nichts Süßes, kein Obst. Das ist Frauensache. Schon das Bonbon habe der eine aus purer Höflichkeit angenommen. So ist sie, die alte Garde burundischer Männer.

Freitag, 26. Januar

Januar 26, 2007

Dienstag, 23. Januar 2007. 18.38 Uhr nach burundischer Zeit. Heute war ein guter Tag. Ich war bei Verena, um wieder einiges zu arbeiten. Wichtige Mails habe ich geschrieben und weggeschickt. Mal sehen, was sie bringen. Es sind einige tolle Sachen dabei. Wenn sie wahr würden, wäre es ein großer Sprung. Mehr aber dann, wenn es konkreter wird – wie immer. Gestern Morgen erlebte ich eine tolle Überraschung, die mich sehr freute. Gérard war gekommen, um mich zu besuchen. Es ist der Vorstand des kleinen burundischen Vereins Irembo e. V. in Hannover. Bedeutet so viel wie „Tor, Eingang“. Wir hatten schon viele Mails geschrieben, als ich noch in Deutschland war. Auf ihn und seinen Verein war ich damals gestoßen, während ich für den Auslandsaufenthalt von Lena und mir recherchierte und später Infos über Burundi sammeln wollte. Ich denke, das ist schon mehr als ein Jahr her. Muss ja. Ich hatte von Anfang an einen tollen Draht zu ihm. Seine Frau, eine Deutsche, rief mich auch extra eines Tages an, um sich mir vorzustellen und zu sagen, wie toll das doch wäre, dass ich nach Burundi gehe. Von ihr habe ich auch den Tipp für das kleine Büchlein, mit dem ich ein wenig Kirundi lernen konnte: „Kauderwelsch Band 130 – Kinyarwanda und Kirundi“.

 

Jedenfalls schneite Gérard überraschend ins „Chez André“, zusammen mit seinem Stellvertreter hier in Burundi, der im Koordinationsbüro in Bujumbura arbeitet. Es war das erste Mal, dass ich Gérard persönlich traf. Eine sehr nette Erscheinung, mir sehr sympathisch. In einer Mail Ende Dezember hatte er mich gefragt, ob ich im Januar in Burundi sei. Jetzt war er da. Wir haben uns gestern nur sehr kurz unterhalten können, er war in Eile. Er ist nur zwei Wochen hier und hat dementsprechend einen vollen Terminkalender. Ich gab ihm meine Nummer, dass er sich mal melden sollte. Und schon heute rief er an. Er fährt morgen nach Ruyigi, wo er zwei Projekte starten möchte oder schon am Laufen hat, das habe ich nicht so genau verstanden. Jedenfalls fragte er mich heute, ob ich Lust hätte, ihn zu begleiten. Ich sagte ihm, dass ich gerne würde, das aber mit Verena, meiner Chefin, besprechen müsste. Die sei aber gerade unterwegs – in der Schule, nach dem Rechten sehen, wie ich später erfuhr. Ich würde sie am Mittag sprechen und ihn dann zurück rufen.

 

Gesagt, getan. Verena schien nicht abgeneigt von der Idee. Wir sind uns einig, nicht das übliche Konkurrenzgerangel der NGOs auch bei uns zu praktizieren. Außerdem ist es interessant zu sehen, was und wie es andere machen. Kommunikation ist das Stichwort. Eine Hand wäscht die andere. Man sollte nicht ausnutzen, aber sich auch nicht ausnutzen lassen. Zwar nicht immer leicht, aber es funktioniert. Und ich denke, ich weiß, was ich erzählen kann und was nicht. Zudem ist Gérard ein sehr netter Mann. Ich werde sehen. Ergo, ich habe natürlich die Erlaubnis von Verena, mit zu fahren. Hatte auch mit nichts anderem gerechnet. Ich werde also mit Gérard nach Ruyigi fahren, mir seine Projekte anschauen und mir eine Meinung bilden. Wer weiß, was sich daraus entwickeln kann. Abermals: Kommunikation ist das Gut, Austausch wichtig und erfolgversprechender als wenn sich jeder abschottet und sein eigenes Süppchen kocht. Das ist auch im Sinne der Fondation Stamm.

 

Liliane, die 22-Jährige bei uns im Heim, die eine Ausbildung zur Krankenschwester macht, ist krank. Sie hatte schon vor einigen Tagen eine Malaria. Ich denke, sie hat sie nicht richtig auskuriert, denn schon kurz darauf sah ich sie wieder draußen herumspazieren. Jetzt hat sie – möglicherweise – einen Rückfall. Auf jeden Fall keuchte sie am Sonntag und konnte kaum laufen. Zudem hatte sie sichtlich Schmerzen. Sie musste von zwei anderen gestützt werden, dann wurde sie mit einem Taxi ins Krankenhaus gefahren. Dort waren aber die Zustände so miserabel, dass sie nicht bleiben wollte. So ist sie wieder im Heim und schläft den ganzen Tag.

 

Unser Garten entwickelt sich ganz gut. Kein Wunder bei diesem Klima wie im Treibhaus. An jeder Tomatenpflanze, die schon über Kniehöhe sind, hängen schon kleine, grüne Bällchen. Ich denke, sie werden für alle Kinder reichen. Auch die Karotten wachsen eifrig. Richtige Büsche stehen aus der Erde heraus. Ebenfalls schon kniehoch.

 

Gestern nach der Arbeit waren Lena und ich noch einkaufen. Dummerweise war es schon dunkel geworden und ich hatte noch meine kurze Leinenhose vom Tag an. Und schon nahm ein Moskito diese Einladung an. Mein Knöchel musste daran glauben. Tja, Pech gehabt. Als wir aus dem Laden raus waren, setzte der Regen ein. Kontinuierlich mit jedem Schritt den Berg hoch, kam mehr Wasser herunter. Somit trieften wir, als wir im Kinderheim ankamen. Als hätten wir gerade geduscht. Die eingekauften Sachen waren dank der Tüten trotzdem trocken. Sogar das Mehl.

 

Unser Wohnzimmer ist derzeit eine Baustelle. Vergangene Woche war knapp hinter der Tür der Boden einfach eingebrochen und ein nicht mehr ganz kleines Loch im Fußboden. Gefährlich – vor allem für die Kids. Und außerdem war der Boden auch weiter in den Raum hinein hohl. Vielleicht vom Regen unterspült? Jedenfalls begannen diese Woche Bauarbeiter damit, das halbe Wohnzimmer aufzuklopfen. Die andere Hälfte liegt noch auf festem Grund. Jetzt besteht das Zimmer also zur Hälfte aus Sandboden. Die abgeklopften Betonstücke schipperte man einfach vor das Tor draußen. Auffüllung von Schlaglöchern. Es wird wirklich alles wieder irgendwie verwertet. Warum auch nicht? Hauptsache, das Wohnzimmer ist bald wieder bezugsbereit – und man braucht keine Angst zu haben, jeden Moment einzubrechen. Der Kühlschrank brummt solange im Flur vor sich hin. Und wir essen zu fünft in der kleinen Küche. Gemütlich. Allemal.

 

Neue Entwicklungen gibt es auch im Fall Jimmy. Geplant war ursprünglich ein Scan in einem tollen, neuen Computer in Bujumbura. Verena sprach nochmals mit dem Arzt, der sich damals auch um mich während meiner Malaria kümmerte. Er war Militärarzt, hat sein Handwerk also bestens gelernt und ist der „Arzt des Vertrauens“ der Fondation, wie man so schön sagt. Jedenfalls meinte er, es wäre Schwachsinn, weitere Untersuchungen mit Jimmy in Burundi anzustellen. Die Ergebnisse würden keinesfalls besser, beziehungsweise aussagekräftiger als die bisherigen. Mein befreundeter Arzt in Deutschland, der sich ja für uns über die Möglichkeiten einer Operation schlau machen möchte, hatte nach neuen, besser lesbaren Befunden gefragt. Die, die wir ihm geschickt hatten, waren quasi nutzlos. Der Militärarzt sagte zudem, dass sich die Deutschen Ärzte ohnehin nicht auf die Ergebnisse aus Burundi verlassen würden – ergo, alle Untersuchungen nochmals anstellen würden. Demnach sei es seiner Meinung schwachsinnig. Man solle Jimmy lieber gleich nach Deutschland bringen und ihn dort gründlich untersuchen lassen. Das sei effektiver. Und das ist nun auch unser Plan. Es ist ein großes Unternehmen, das da auf uns zukommt. Da Jimmy ausschließlich Kirundi spricht, ist das eine weitere Hürde. Mir fiel da aber etwas ein. Und zwar sitzt burundikids e. V. ja in Köln. In der Nähe, in Neuss, gibt es die Neusser Augustinerinnen, die „Burundihilfe Neuss“, die sich schon lange Jahre in Burundi engagieren. Eine dieser Schwestern habe sehr lange in Burundi gelebt – und wird demnach auch ein wenig Kirundi sprechen. Dann gibt es noch das „Friedensdorf International“ in Oberhausen – ebenfalls Nordrhein-Westfalen –, das sich auf solche Fälle wie Jimmy spezialisiert hat. Ich habe alle Institutionen heute einmal angeschrieben. Ich bin gespannt auf deren Reaktion. Es ist uns wirklich ein großes Anliegen, Jimmy zu retten. Im schlimmsten Fall sind das aber tägliche Kosten von 20.000 Euro, wie ich mir habe sagen lassen. Es tut sich im Moment ein riesiger Berg vor mir auf, den ich bislang noch nicht überschauen kann. Noch. Aber ich bleibe dran. Ich hoffe auf den Arzt, dass er fündig wird und auf eine nicht abgeneigte Antwort der von mir angeschriebenen Stellen. Abwarten.

Seit einigen Monaten unterstützt uns ein Optikgeschäft aus Eggenstein im Landkreis Karlsruhe. Das Engagement besteht darin, alte Brillen zu sammeln, sie zu reinigen, zu etikettieren und an burundikids e. V. weiter zu leiten oder aber selbst per Paket direkt nach Burundi zu schicken.

Über die sich nähernde Karnevalswoche im Februar wird die Geschäftsführerin persönlich nach Burundi reisen, um sich von den Projekten der Fondation Stamm vor Ort selbst ein Bild zu machen und weitere, größere Mengen an Brillenspenden dorthin zu bringen. Geplant ist darüber hinaus eine „Optik-Woche“, in der die Augenoptikermeisterin die Waisen- und Straßenkinder, die jungen Mütter und die Mitarbeiter der Fondation Stamm auf ihre Sehstärken hin untersucht und ihnen die entsprechende Brille verabreicht.

Um dieses Engagement vor Ort sinnvoll, ja sogar erst möglich zu machen, sind wir auf Ihre Hilfe angewiesen. Haben Sie alte Brillen, die sie nicht mehr benötigen, aber noch „gut in Schuss“ sind? Dann spenden Sie sie doch für die Menschen in Burundi, anstatt sie in den Müll zu werfen. Viele Kinder benötigen eine Sehhilfe – nicht zuletzt auch in der Schule. Sie können sie einfach an unsere Kontaktstellen schicken oder auch persönlich vorbei bringen:

ZISER-Optik
Hauptstr. 53
76344 Eggenstein
Tel: 0721/ 62 81 003
Mail: info@ziser-optik.de

burundikids e. V.
Trajanstr. 27
50678 Köln
Tel: 0177/ 434 50 93
Mail: kontakt@burundikids.org

Die zweite Landfahrt

Januar 22, 2007

Sonntag, 21. Januar 2007. 14.13 Uhr in Burundi. Heute komme ich dazu, die Notizen der zurückliegenden Landfahrt ins Tagebuch einzutragen. Ich habe wieder einen halben Notizblock verbraucht, um alle Eindrücke und Erlebnisse der zwei Tage festzuhalten. Am Freitag Abend kamen wir wieder zurück, heiß empfangen von unserer kleinen Familie. Man fühlt sich wirklich schon wie zu Hause, schon wenn man die Grenzen der Stadt passiert – man weiß, hier wohnt man, gleich betritt man sein zu Hause und sieht die vielen Gesichter, die man so lieb gewonnen hat. Und das schon nach nur drei Monaten. Heute übrigens auf den Tag genau. Rückblickend schon eine recht lange Zeit, wenn man bedenkt, was wir schon gesehen, erlebt und gemacht haben. Blickt man jedoch nach vorne, ist es noch nicht einmal die Hälfte des Aufenthalts. Das ist auch gut so, denn es gibt noch so vieles, das ich vorhabe, das auf meiner Agenda steht, das ich erreichen möchte. Und ich werde nicht eher zufrieden, bis ich alles auf dem Blatt Papier abhaken konnte. Aber nun zur Landfahrt.

 

Besuch der Projekte in Kayanza, Ngozi und Gitega

 

Um 9.45 Uhr fahren wir am Donnerstag, 18. Januar, los in Richtung Norden. Auf dem Plan stehen Besuche in den Projekten der Fondation Stamm in Kayanza, der ersten Station, dann weiter im Norden Ngozi und schließlich in Gitega, der Landesmitte. Melchiade, der Chauffeur, sitzt am Steuer unseres weißen „Buschtaxis“ (Toyota Landcruiser), Lena und ich sind auf dem Beifahrersitz. Hinten sitzen Marie mit Freund Robin, Julia, Verena und Artenase (falls ich ihn an dieser Stelle richtig schreibe), ein Büromitarbeiter der Fondation. Außerdem haben wir einige Kartons mit Kleiderspenden geladen, die wir in den Norden bringen wollen.

 

Als wir die Stadtgrenzen Bujumburas passieren, bietet sich uns wieder eine Aussicht, wie man sie sich nur träumen kann. Wir kannten den Anblick zwar schon von unserer ersten Landfahrt, doch fasziniert ist man dennoch jedes Mal von Neuem. Das viele Grün, die unterschiedliche Vegetation, die tausend Hügel, um die die Adler kreisen. Die vielen Menschen mit ihren bunten Gewändern am Straßenrand – ebenso faszinierend wie die bestellten Äcker, die sich selbst an den steilsten Hängen finden. Es wundert nicht, dass durch den Regen viele Erdrutsche verursacht werden, die dann wiederum die Ernten vernichten. Ich würde schon alleine abrutschen, beim bloßen Versuch, den Hügel zu erklimmen. Die Frauen auf den Äckern aber schwingen ihre Hacken, als sei es überhaupt kein Problem. In Wirklichkeit ist es jedoch Hochleistungssport. Was haben sie auch für eine andere Wahl in einem solch hügeligen Land? Wer kann, baut in den ebenen Tälern an – was ebenfalls zu einem Fiasko führen kann. Dazu aber später mehr.

 

Ich sehe auch wieder viele zerstörte Häuser, die an den Krieg erinnern. Daran vorbei rauschen die – man könnte meinen lebensmüden – Fahrradfahrer. Sie rasen um die Kurven, wenn möglich auch noch auf der falschen Straßenseite und weichen dann eben schnell aus, wenn ihnen nach der Kurve ein Lkw entgegen kommt. Wie sie das oftmals schaffen mit drei großen Reissäcken auf dem Gepäckträger, ist mir allerdings schleierhaft. Unser „Buschtaxi“ dröhnt laut bei der schweren Last und der steilen Straße. Fahrten mit diesen Geländewagen bin ich ja schon gewohnt. Ich hatte ein Mal die Gelegenheit, zusammen mit einem Bekannten im badischen Ort Weingarten mit dessen „Buschtaxi“ in den dortigen Hügeln herumzufahren. Ähnlich war es, nur vielleicht stellenweise nicht ganz so steil und abenteuerlich. Lag vielleicht auch daran, dass man wusste, dass man sich – wenn auch auf dem Berg in Weingarten – mitten in der Zivilisation befand. In manchen Gegenden in Burundi hat man jedoch besser keine Panne.

 

10.17 Uhr, wir passieren die Stelle auf dem Berg, an der die geteerte Straße für etwa 100 Meter einfach aufhört. Um die Stoßdämpfer und Achsen zu schonen, müssen wir langsam machen. Sofort kommen Händler herbei gestürmt und bieten uns ihren gebratenen Mais an. Wir hatten gerade gefrühstückt, also mussten wir leider ablehnen. Das Auto klappert, wo es nur zu klappern geht. Ein Vorgeschmack auf die Straßenverhältnisse in Ngozi. Es ist sehr kühl jetzt, weiter oben auf dem Berg. Auch das ein Vorgeschmack auf den Norden. Schließlich fahren wir durch den Kontrollposten „Bugarama“, an dessen Stelle zwischen etwa 16.30 Uhr und 8 Uhr die Ein- und Ausfahrt nach und aus Bujumbura dicht gemacht wird. Ziegen fressen an den steilen Hängen das Gras ab.

 

Kurze Zeit später kommen wir in die kleine Siedlung „Bukeye“. Die teilweise blau und weiß gestrichenen Häuser erinnern mich an die tunesische Stadt Hammamet. Mit 80 Stundenkilometern nähern wir uns dem ersten Ziel: Der Kommune „Matongo“, in der in den vergangenen Tagen die ersten Hungertoten gemeldet wurden. Ein merkwürdiges Gefühl, zu wissen, wo man sich gerade befindet. Dabei hat man überhaupt keinen Grund, so etwas an dieser Stelle anzunehmen. Alles sieht grün aus, fruchtbar, mag man sogar annehmen. Keine Überschwemmung, nichts. Und doch kennt man die Fakten, was einem einen Schauer verursacht. Nach etwas über einer Stunde sind wir also am ersten Halt angekommen.

 

Die Fondation betreibt hier eine kleine Ziegelei. 35 ehemalige Kindersoldaten sind gerade am Schuften. Sie sind froh, endlich eine Arbeit zu haben. Auch eine, die Sinn macht, denn zum Wiederaufbau des Landes gehört der Häuserbau und für ein Haus werden Ziegel benötigt. Hier hergestellt in harter, sorgfältiger Handarbeit. Die Jungs haben für mich aber etwas, das mich auf Distanz bleiben lässt. Sie lachen zwar und freuen sich auch sichtlich, dass wir kommen. Dennoch hat das Kämpfen und ihre Erlebnisse Spuren hinterlassen, die sich nicht mehr verbergen lassen. Sie posieren cool vor der Kamera. Die beiden Holzverschläge, unter denen die Ziegel hergestellt, getrocknet und in dem großen Ofen gebrannt werden, haben die Jungen selbst gebaut. Die Ziegel werden verkauft, sodass das Projekt sich potenziell selbst tragen könnte.

 

Wir fahren weiter, zur nächsten Station – immer noch in der Provinz Kayanza. Der nächste Besuch ist in einer Nähstube (36 Schüler, darunter 20 Kindersoldaten) und Schreinerei. Auch hier scheint man sich auf uns vorbereitet und gefreut zu haben. Es wird eifrig den Ausbildern gelauscht oder selbständig ein Kleid genäht oder mit dem Hobel die Holzplanke geglättet. In der Nähe der kleinen Schneiderei entdecke ich einen Basketballplatz. Zumindest wird es mal einer gewesen sein. Eine Sandpiste mit zwei Basketballkörben. Die Häuser darum herum sind in einem schlechten Zustand, die Fassaden entweder bröckelig und/oder dreckig. Es hat etwas von einer Geisterstadt. Man kann erahnen, wie hart das Leben hier sein muss. Wirklich vorstellen kann man es sich aber wahrscheinlich nicht. Die Schreinerei liegt ein Stück von der Nähstube entfernt. Auch hier arbeiten die Jugendlichen in einem einfachen Holzverschlag und werden von einem Ausbilder angeleitet. Eine Schultafel mit den Maßen eines Stuhls steht in der Ecke, davor sitzt ein junger Mann, der in die Kamera schmunzelt. Dieser Junge soll einmal eine Waffe bedient haben? Ja, vielleicht sogar getötet haben?

 

Verena bespricht einige Dinge mit dem örtlichen Leiter. Wir werden derweil von einer Menschentraube umzingelt. Kinder, Frauen, Alte. Ich stelle mich etwas abseits, dass ich – wenigstens etwas ungestörter – Fotos machen kann. Ich sehe eine Reihe Frauen, die in grellen, orangenen und gelben Gewändern gekleidet sind. Sie bieten einen schönen Kontrast zur grünen Wiese, die hinter dem Baumstamm liegt, auf dem sie sitzen. Sie lachen als ich das Objektiv auf sie richte.

 

Weiter geht es nach „Muruta“, wo die Fondation ebenfalls ehemaligen Kindersoldaten eine Ausbildung in Viehzucht und Landwirtschaft anbietet. Für dort sind auch die metallenen Gießkannen, die wir auf dem Autodach geladen haben und die schon die gesamte Fahrt über klappern. Auf dem Weg dorthin sehen wir viele Erbsenverkäufer. Sobald sie einen Motor hören, springen sie auf uns halten ihre Tüten mit den Hülsenfrüchten in die Höhe. Mancher einer stellt sich sogar mitten auf die Straße und hüpft erst im letzten Moment auf die Seite. Melchiade, unser Chauffeur, tritt einfach aufs Gas. So scheint das hier in Burundi zu laufen. Wir essen Teigtaschen, gefüllt mit Käse, Hackfleisch oder Ananas. Der Hunger ist mittlerweile groß geworden. Dennoch: Ich befinde mich in einem Gebiet, in dem die Menschen an Hunger sterben und esse Teigtaschen. Das Gefühl ist mehr als nur merkwürdig. Natürlich, ich muss essen. Aber man fühlt sich dabei alles andere als gut. Sagen wir, hilflos. Dabei kostet eine dieser Teigtaschen gerade mal 500 FB – nicht ganz 50 Cent.

 

Ein Stück weiter sehen wir einen Stand am Straßenrand, an dem Hängematten verkauft werden. Wir hatten ihn bei der ersten Fahrt aufs Land schon entdeckt – und es scheint der einzige auf der gesamten Strecke zu sein. Auch die Berge von ordentlich gestapelten Backsteinen kommen wir bekannt vor. Neu sind für mich aber die vielen Erdrutsche, die ich an den Hängen in nah und fern sehe. Ob sie nun erst seit den starken Regenfällen verursacht wurden oder mir erst jetzt auffallen, da ich mich mit diesem Thema beschäftigt habe, weiß ich nicht. Es kommt auch auf das selbe heraus: die Ernten sind hinüber. Vor uns fährt ein Pick Up, über dessen Ladefläche ein Gitter gezogen ist. Dabei ist das Auto dermaßen mit Säcken und Männern beladen, dass es sich stark nach hinten neigt. Vor allem noch, wenn es den Berg hinauf geht. Es sieht aus, als würde der Wagen gleich umkippen.

 

Ankunft beim Landwirtschaftsprojekt in „Muruta“. 60 ehemalige Kindersoldaten sitzen vor ihrem Lehrer, der ihnen gerade theoretisches Wissen vermittelt. Sie hätten anscheinend schon Unterrichtsschluss gehabt, hätten aber auf uns gewartet, wie man uns sagt. Eine nette Geste. Sie bauen hier auf einem Feld Kartoffeln und auf einem anderen Futtergras für die Ziegen und Schweine an. Das Futtergras hat den Vorteil, dass es immer wieder nachwächst und immer nur oben abgeschnitten werden muss. Neben den Ställen ist ein Kompost und Misthaufen angelegt. Somit ist der landwirtschaftliche Kreislauf vollständig. Ich mache Fotos von den Ställen. Dabei sehe ich eine Machete, die an eine Holzplanke lehnt. Der Anblick lässt mich erschaudern. Genau mit diesen Buschmessern wurde im burundischen Genozid geschlachtet. Etwa auch mit diesem Exemplar? Der örtliche Leiter lächelt mir zu.

 

Neben der Ausbildungsstätte liegt eine Schule. Sie gehört jedoch nicht zur Fondation. Das hält die Kinder aber nicht davon ab, uns auf Schritt und Tritt zu begleiten. „Amahera“, Geld, wollen einige. Andere würden sich mit einem „Bonbon“ begnügen. Ich gebe keinem etwas – denn für alle hätte ich nicht genügend gehabt. Das hätte nur zu Neid und eventuellen Streitigkeiten bis hin zu Schlägereien geführt. Also lieber gar nichts. Auch wenn es mir im Nachhinein Leid tut. Manchmal ist es hart, nichts zu geben. 13.06 Uhr. Wir fahren weiter. Noch eine Schreinerei steht auf dem Plan, dann fahren wir weiter nach Ngozi. Die Straße ist extrem gut, ich bin erstaunt. Während Verena auch hier mit dem örtlichen Leiter spricht, schaue ich mich in der Umgebung um. Wir sind auf einem hohen Hügel, direkt vor uns geht es steil hinab ins Tal. Die Aussicht ist himmlisch, viele grüne, aber auch abgerodete Hügel erstrecken sich vor uns. In den Tälern ganz klein die Bauern, die Land bestellen. Vor dem schönen Panorama entdecke ich im Vordergrund eine alte Frau mit Kippenstummel im Mundwinkel. Die erste, die ich in Burundi sehe. Der Anblick ihres faltigen Gesichts, eingehüllt in ein grell orangenes Gewand und dann noch die selbst gedrehte Zigarette – ein besseres Motiv konnte ich in diesem Moment wirklich nicht ausmachen. Sie scheint sich zu freuen, meine Aufmerksamkeit geweckt zu haben. Bevor ich aber ein Foto machen darf, zieht sie noch einmal kräftig an dem Stummel. Ich weiß nicht, was sie da raucht, aber der Geruch der Zigarette sagt mir, dass ich es nicht rauchen würde.

 

Um 14 Uhr brechen wir erneut auf. Weitere 30 Kilometer Sandpiste liegen vor uns bis nach Ngozi. Bevor wir aber losfahren drücke ich einigen Kindern noch ein paar Bonbons in die kleinen, schmutzigen Hände. Es sind nicht viele an dieser Stelle, also muss keiner leer ausgehen oder in Versuchung kommen, dem anderen etwas wegnehmen zu wollen. Deshalb sind sie wahrscheinlich auch so zurückhaltend und nicht gierig. Sie sind in staubige, zerlumpte Klamotten gekleidet. „Gekleidet“ ist hier der falsche Ausdruck. Ich sehe einen kleinen Jungen, der lediglich ein Sweatshirt im XXL-Format trägt, das ihm bis zu den Knien reicht. Somit spart er sich die Hose. Ober er auch noch etwas darunter trägt, weiß ich nicht. Ich wünsche es ihm, denn nachts wird es hier auf den Bergen sehr kalt. Die Menschen hier zählen sichtlich zu den ärmsten. Sieht man die barfüßigen Kinder mit ihren süßen Kulleraugen, wie sie einen ansehen, möchte man sie am liebsten mitnehmen und alles für sie tun. Mit diesen Anblicken und den Gedanken in meinem Kopf verliert sogar die schöne Landschaft und traumhafte Aussicht ihren Reiz. Als wir weiter fahren, sehe ich die (oder eine?) Wasserstelle des Dorfs. Männer stehen darum herum und füllen gelbe Kanister. Eine Spende der UN. Der Anblick lässt mich erahnen, wie es an solchen Wasserstellen zu Streit und Auseinandersetzungen kommen kann. Insbesondere dann, wenn nur noch wenige Tropfen aus dem Brunnen zu gewinnen sind.

 

Wir fahren also nach Ngozi, wo sich Verena mit Vertretern der UN treffen möchte, wir einige gespendeten Klamotten lassen und wir auch die Nacht verbringen werden. Anne, die Frau von BINUB (UN in Burundi), die vergangene Woche im „Chez André“ war, ist leider nicht anzutreffen. Sie wird aber ihren Stellvertreter schicken. Die UN wären ein starker Partner für einige Projekte.

 

Es ist verdammt heiß im Auto, ich sitze noch dazu auf der Sonnenseite. Das Fenster weit geöffnet, scheint mir die Sonne direkt ins Gesicht. Plötzlich sehe ich tatsächlich ein Fußballfeld. Die Tore sind zwar aus einfachen Holzstämmen gezimmert. Doch immerhin ist das Feld vollständig von Rasen bedeckt und noch dazu eben. Spieler sehe ich jedoch keine. Wahrscheinlich fehlt der Ball. Wäre ja auch zu schön, wenn sie tatsächlich ein Mal alles hätten. Wir überholen zum dritten Mal den selben Lkw. Da wir immer in den Projekten gehalten hatten, gerieten wir immer wieder hinter ihn. Ein orangenes Monstrum, beladen mit einem ebenfalls monströsen weißen Container. „Thai“ steht darauf.

 

15 Uhr. Wir sind da, in Ngozi, nur wenige Kilometer von der ruandischen Grenze entfernt. Eine Gegend mit vielen Demobilisierten, ehemaligen Kindersoldaten und auch dementsprechend hoher Kriminalitätsrate. Das große Eingangstor ist noch geschlossen, da hören wir schon den Jubel der Jugendlichen. Sie erwarteten uns bereits. Unzählige Hände werden geschüttelt, bis wir im Haus sind. Einige Kinder waschen gerade ihre Wäsche, andere sitzen brav auf einer Holzbank und erhalten theoretischen Kochunterricht. 52 Kids leben hier. 30 Kindersoldaten, an die das Projekt in seinem Ursprung gerichtet war. Hinzu kommen seit jüngstem 22 Straßenkinder. Die UN hatten an Weihnachten ein kleines Fest in einem Hangar ausgerichtet, zu dem sie auch Kinder von der Straße holten und zu essen gaben. Im Anschluss an dieses Fest sagten die Kinder jedoch, dass sie nicht mehr gehen wollen, sondern einfach bleiben. Wen wundert es. Jedenfalls waren die UN in Ngozi dann etwas überfordert – und baten um Hilfe. Die Fondation nahm also 22 dieser Straßenkinder in ihrem Heim auf. Als Dankeschön bekam sie einige Kartons geschenkt. Mineralwasser – das ist  gut. Tee lässt man sich auch noch gefallen. Aber über den Rest der Lieferung lässt sich streiten: Gläser mit Apfelmus, riesige Tüten mit getrocknetem, grünem Paprika und – was meiner Meinung nach allem die Krönung aufsetzt – etwa zehn große Kartons mit Glasnudeln. Was damit anfangen? Auch eine Packung Müsli findet sich, die wir mitnehmen dürfen, weil es die Kinder ohnehin nicht essen. Ablaufdatum: 1. Januar 2006. Mir blieb die Spucke weg.

 

Zu den Kindern und Jugendlichen, die im Heim leben, kommen noch etwa 90 Demobilisierte hinzu, die hierher kommen, um eine Ausbildung zu absolvieren. Auch wenige Mädchen finden sich darunter. Sie lernen hier Schneider, Schreiner und ab dem kommenden Montag, 22. Januar, auch Schweißer. Mit Beginn der Schweißerausbildung steigt die Anzahl der Azubis auch auf 120. Die Spenden, die wir dabei haben, werden wir erst am nächsten Tag verteilen. Es sind großzügige Spenden eines deutschen Sportvereins. Schön warm und gegen den Regen. Genau das, was hier im kalten Norden benötigt wird. Wir befinden uns in etwa 1.600 Meter Höhe, was sich vor allem nachts und bei Regen bemerkbar macht. Die Jugendlichen nehmen teilweise täglich einen zehn Kilometer langen Marsch in Kauf, um von ihren Häusern und Hütten zur Ausbildungsstätte zu gelangen. Genau für diese Jugendlichen wollten wir die Spenden nehmen. Die Kinder, die im Heim untergebracht sind, genießen ohnehin schon das Privileg eines warmen Schlafplatzes und regelmäßiger Mahlzeiten. Die Jugendlichen, die von außerhalb kommen, haben den langen Weg – und ob sie täglich etwas zu essen haben, geschweige denn eine richtige Unterkunft und nicht auf dem Boden schlafen müssen, ist ungewiss. Mit Sicherheit verbringt der ein oder andere seine Nächte auf einem Pappkarton. Und das hier in Ngozi. Die Kälte nachts werden wir am Abend selbst erleben. Jedenfalls wollen wir die warmen Regensachen an diese Jugendlichen vergeben. Heute sind sie jedoch schon nach Hause gegangen. Deshalb warten wir auf den nächsten Morgen. Wenn etwas übrig bleibt, bekommen es die Kinder aus dem Heim.

 

Verena trifft sich im Anschluss mit dem Mann der UN, um eventuelle gemeinsame Projekte zu besprechen. Marie, Robin, Julia, Lena und ich waten derzeit etwas durch die Umgebung. Wir suchen eine Unterkunft für die Nacht. Aber zuerst gönnen wir uns eine Cola an einem kleinen Straßenständchen. Der Jugendliche, der es betreibt, ist sehr freundlich. Auch starrt er uns nicht an, wie ansonsten oftmals gegeben. Als wir aber unsere Cola trinken, sind wir nach und nach von mehr Jugendlichen – Jungs wie Mädchen – umzingelt. Einer stellt sich als der Clown der Gruppe heraus. Zumindest ist er der, der am meisten und am lautesten redet. Ein Sprücheklopfer, wie man zu Hause einige dieser Gesellen kennt. Die anderen lachen immer nur. Es stört mich recht wenig, ich habe jedoch das Gefühl, die Mädels schon eher. Vor allem Julia, die aufspringt und das Gaffen der Umstehenden nachäfft, was natürlich wiederum zu weiterem Gelächter führte.

 

Das erste Hotel, in dem wir anfragen, kostet 20.000 pro Nacht. Etwa 18 Euro. Eindeutig zu viel. Die Zimmer sind zwar schön und sauber, auch der Gesamteindruck stimmt, aber wir brauchen keinen Fernseher und keine Diskothek. Wir bedanken uns höflich und ziehen weiter. „Guest House“ entdecken wir auf einem Schild am Ende der Straße. Gegenüber liegt das Hauptquartier der UN in Ngozi, umzäunt von Stacheldraht und bewacht von bewaffneten Männern. Vor dem „Guest House“ steht ein kleiner Kiosk, in dem sich eine etwas korpulentere Frau hin und her schiebt. Sie beobachtet uns schon von weitem. Zuerst dachten wir, das Schild sei alt. Die hohe Mauer versperrt jede Sicht auf das „Guest House“, keinerlei Bewegung ist auszumachen. Wir fragen die Frau in dem Kiosk. Es dauert keine Minute, da öffnet uns ein kleiner, schmächtiger Mann das große, blaue Stahltor.

 

Es ist ein Bungalow mit einigen Schlafzimmern und einer Art kleinem Aufenthaltsraum gleich am Eingang des Hauses. Es riecht nach Farbe im Innern. Der Verwalter des Hauses erzählt uns, dass das Häuschen auch erst seit einer Woche fertig gestellt sei. Im Garten sehe ich noch Schubkarren und andere Arbeitsgeräte und Materialien einer Baustelle. Alles ist sauber. Die Betten sind nagelneu, unsere Matratze ist sogar noch in Plastik eingehüllt. Das Bad ist geputzt, Strom und Wasser fließen. 6.000 FB pro Person. Gebongt. Das ist bei Gott nicht viel für ein so schönes, blau-weiß gestrichenes Häuschen. Da wir so viele sind und sechs Zimmer benötigen – Lena und ich eines, Marie und Robin, Julia, Verena, Melchiade, Artenase –, haben wir das gesamte Häuschen für uns. Eigentlich ein richtig gutes Touristenangebot. Im Hof stehen noch zwei Bananenstauden, die das Bild perfekt machen. Wir sind froh, dieses kleine „Guest House“ entdeckt zu haben. Zwar hängen über den Betten keine Moskitonetze, in diesen Höhen ist das aber auch nicht notwendig. Ich glaube, ich habe an diesem Abend in Ngozi höchstens eine Mücke gesehen. Ein weiterer Vorteil des „Guest House“: Es ist dem Verwalter schlichtweg egal, ob wir katholisch oder sonst etwas sind, noch ob wir als junges, unverheiratetes Pärchen in einem Bett schlafen. Mir sehr sympathisch.

 

Wir buchen jedoch noch nicht und wollen zuerst Verena berichten, die noch bei den UN zum Gespräch ist. Also verabschieden wir uns bei dem kleinen Mann und versichern ihm, am Abend wieder zu kommen. Er nickt zufrieden und lässt das Tor wieder in seine Verankerung zuknallen. Die dicke Frau im Kiosk lächelt und winkt. Dann gehen wir die Straße wieder hinauf, an dem kleinen Straßenständchen mit der Cola vorbei, dann links in eine ungeteerte Straße. Ich sehe ein kleines, sichtlich armes Mädchen am Straßenrand sitzen. Sie bettelt nicht. Aber ihre Augen machen mich traurig. Ein Mann kommt auf sie zu und scheucht sie weg. Daneben wärmt sich ein Basketballteam mit tollem Outfit auf. Wie könnte das Gefälle zwischen arm und reich größer sein? Auf der rechten Seite ist eine Schule mit großem Sportplatz. Ich hatte sie schon bei der vergangenen Landfahrt gesehen. Dieses Mal aber war das Basketballfeld von Menschen umzingelt, die jeweils eines der Teams lautstark antrieben. Wir gesellen uns dazu, was bei den Jugendlichen um uns herum zu dessen Vergnügen beitrug. Kaum stelle ich mich hin, kommt ein Bettler und hält seine beiden Hände auf und faselt etwas auf Kirundi. Ich habe nichts bei mir, was ich ihm geben könnte. Später aber bin ich recht froh darüber, denn ich sehe ihn, wie er mit – anscheinend – Freunden spricht, herum albert und lacht. Und die hatten sichtlich Geld. Zumindest lese ich das an dem Auto ab, an das sie lehnen, an der goldenen Uhr und an den Klamotten. Zumindest wage ich zu behaupten, dass diese beiden über mehr Geld verfügen als ich.

 

Das Team in den hellblauen Trikots scheint das der hiesigen Schule zu sein. Zumindest platzt einem fast das Trommelfell, punktet einer der Spieler dieses Teams. Bei den Jungs im weiß-lila Outfit fällt der Jubel etwas gemäßigter aus. Beide Mannschaften seien aber aus Ngozi, wie ich von meinem Nebenan erfahre. Abpfiff, das erste Viertel scheint vorbei. Auch wir gehen wieder weiter. Die Straße weiter gerade aus steht noch ein Hotel. Wir beschließen, auch hier noch einmal nach dem Zimmerpreis zu fragen und bei dieser Gelegenheit auch gleich etwas zu trinken. Auf dem Weg dorthin kommt uns Verena auf dem Beifahrersitz eines dieser weißen UN-Jeeps entgegen. Sie wollten sich gemeinsam noch ein Grundstück anschauen, dann würde sie zu uns stoßen.

 

15.000 bis 35.000 FB pro Zimmer, je nach Klasse. Die Entscheidung für das „Guest House“ ist gefallen. Wir setzen uns auf die kleine, aber schöne Terrasse, etwas erschöpft und vorfreudig auf das kühle Getränk. Vögel zwitschern und flattern in dem Garten, der die Terrasse umgibt. Schön angelegt ist der, mit unterschiedlichen Blumen, Gras und einigen Bäumchen. Dahinter scheinen die Zimmer zu sein. Am Tisch neben uns sitzen zwei Franzosen vom Fernsehen. Gleich, als ich die Terrasse betrete, sehe ich das große Mikrofon. Sie nicken bejahend auf meine Frage. An einem weiteren Gespräch scheinen sie nicht interessiert. Ich dann auch nicht.

 

Die Geschwindigkeit des Kellners ist in vollem Umfang der afrikanischen Mentalität angepasst. Ich muss schmunzeln. Wir unterhalten uns in der Zeit, in der der Kaffee kocht und meine Cola auf dem Tresen wartet, über Land und Leute. Robin erzählt – auf meine Anfrage –, dass es in Thailand auch so etwas in der Art wie das burundische „Muzungu“ gebe. Es heiße zwar nicht „Weißer“, aber mit dem thailändischen „Fareng“ würden sich die Asiaten über die weißen „Langnasen“ amüsieren. Etwa gegen 18 Uhr – es wird schon deutlich kühler – bringt uns der Kellner in dem obligatorischen, geflochtenen Körbchen die Rechnung. Verena war wieder da. Wir werden zuerst unsere Zimmer beziehen und im Anschluss etwas essen gehen, wieder in dem Hotel, in dem wir unseren Kaffee tranken.

 

Auch Verena ist begeistert von unserer Auswahl für das nächtliche Quartier. Vor allem bei dem Preis ist das fast unglaublich. Wir schmeißen also unsere Rucksäcke in die Zimmer und etwas Wasser ins Gesicht und steigen wieder zurück ins „Buschtaxi“. Melchiade hat mittlerweile eine dicke, gefütterte Lederjacke übergeworfen. Kühl ist es geworden, mir reichen jedoch zwei T-Shirts übereinander. Dummerweise habe ich nichts Langärmliches eingepackt. Aber zwei Shirts tun es auch. Der kleine Hausverwalter scheint richtig glücklich, dass wir wirklich wieder gekommen sind und auch die Nacht bleiben werden. Dann fahren wir – wohlgemerkt zu elft in einem Geländewagen – zurück ins Hotel „Kigobe“. 19.12 Uhr ist es und wir marschieren in das kleine, aber feine Restaurant ein. Der schnelle Kellner vom Nachmittag begrüßt uns freundlich und ich helfe ihm gleich, einige Tische für unsere große Runde zusammen zu stellen. Außer uns Besuchern sind noch dabei: Lucien, der Leiter in Ngozi, dann Gérard, ein junger Student, der neben dem Studium mit den Straßenkindern in unserem Projekt arbeitet und noch ein Hausbesitzer, dessen Grundstück Verena für die Ausbildung der Schweißer nutzen möchte und der sich im Übrigen selbst in unsere Runde eingeladen hat.

 

Das Gespräch mit den Leuten der UN schien gut gelaufen zu sein, wie Verena berichtet. Beide Seiten seien an einer Zusammenarbeit interessiert. Es ist nie schlecht, einen starken Partner an der Seite zu haben – und Kooperationen mit anderen Hilfsorganisationen sind meiner Meinung nach sowieso unbedingt notwendig. Vor allem bei der Arbeit mit den Straßenkindern in Ngozi möchten die UN mit der Fondation ein gemeinsames Projekt beginnen. Das Projekt mit den Demobilisierten der Fondation Stamm läuft bereits im April schon wieder aus. Die UN haben aber so viel Material zur Verfügung gestellt, dass sich das Projekt vielleicht auch ohne Fondation selbständig tragen kann.

 

Am nächsten Tag wollen wir die Straße von Ngozi in Richtung Süden bis nach Gitega fahren. „Straße“ ist zuviel gesagt. Auf dem Weg nach Gitega halten wir noch kurz in der Kommune Ruhororo, wo wir ebenfalls ein Landwirtschafts- und Viehzuchtprojekt betreiben. Dann soll es weiter gehen nach Gitega, in die Landesmitte Burundis, wo noch viele alte Häuser, erbaut von den Deutschen, stehen. Aber zuerst lasse ich mir meinen Spieß mit den Pommes schmecken. Womit wir wieder beim Thema wären. Anscheinend gibt es noch genügend von allem, immerhin kann man frei aus einer Karte wählen. Andernorts sterben die Menschen, weil sie nichts zu essen haben. Eine Materie, mit der ich (noch) nicht ganz zurecht komme. Ich unterhalte mich lange an diesem Abend mit Verena und Lucien darüber. Vor allem in den Tälern fehlt es an Nahrung, in den höher gelegenen Gebieten ist noch genug vorhanden. Unten sterben sie, oben bringen sie es nicht fertig, etwas hinunter zu schicken. Die Regierung habe angeblich kein Geld, etwas zu unternehmen. Man kann diese Problematik bis ins Globale, die große Weltpolitik zurück führen. Aber ist das nicht zu hoch gegriffen, immer das höher stehende, das, was man nicht wirklich zur Verantwortung ziehen kann, für alles verantwortlich zu machen? Eine Unzahl von Gründen zu nennen, dass man nicht mehr das nächststehende erkennen kann? Eine Lösung habe ich auch nicht. Aber deswegen sitze ich auch nicht auf einem Präsidentenstuhl.

 

Ich sehe auch wieder das Fernsehteam vom Nachmittag. Anscheinend sind sie hier im Hotel auch untergebracht. Gegen 22 Uhr machen wir uns auf den Heimweg. Müde sind wir allesamt und am folgenden Tag ist ja wieder volles Programm. Die Heimfahrt wird allerdings etwas abenteuerlich. Dieses Mal sind wir zwar nur zehn Personen im „Buschtaxi“ – Lucien, der Leiter in Ngozi ist die 100 Meter ins Heim gelaufen –, dafür regnet es aber in Strömen. Hinzu kommt ein dichter Nebel, sodass man nicht einmal fünf Meter weit sehen kann. Bei Schlaglöchern und keinerlei Fahrbahnbeleuchtung sehr anstrengend. Aber Melchiade manövrierte uns sicher ins „Guest House“, wo wir erschöpft in die Betten fielen – nachdem ich noch die Matratze aus der Plastikfolie befreit hatte.

 

Nach diesem Tag fällt es mir schwer zu begreifen, dass eine Hungersnot in Burundi herrschen soll. Dass es schon Menschen gibt, die bereits an Hunger gestorben sind. Alles wirkte so normal. Gedanken in dieser Nacht, die sich am nächsten Tag rasch ändern sollten. Schon am Abend in Ngozi hatte ich einen Vorgeschmack bekommen. Ich saß im Auto und dachte darüber nach, dass ich die aktuelle Hungersnot in Burundi nicht nachvollziehen kann. Gerade habe ich fertig gedacht, biegt vor uns ein großer Laster des „World Food Programme“ in die Straße ein. „W-o-r-l-d F-o-o-d P-r-o-g-r-a-m-m-e“…die Lettern gehen an mir vorbei wie in Zeitlupe. Und schlagartig wusste ich wieder, wo ich bin.

 

Der zweite Tag

 

Freitag, 19. Januar, 2007. 8 Uhr, wir treffen uns allesamt im Hof des „Guest House“, bereit zur Weiterfahrt. Die Sonne tut schon ihr Bestes, dennoch ist es recht kühl. Der Blick auf die entfernten Berge ist fantastisch, dunkel, fast schwarz werden sie umhüllt vom weißen Nebel. Wir verabschieden uns vom Hausverwalter und fahren erneut ins Hotel „Kigobe“ zum Frühstück. Unser nächtliches Quartier bietet leider kein Essen an. Wir nehmen wieder auf der Terrasse Platz, es ist zwar kühl, aber angenehm. Sie Sonne scheint und der Nebel verflüchtigt sich allmählich. Etwas, das ich noch nie gesehen oder erlebt habe – der Nebel kommt von den Bergen hinunter und umfließt uns wie ein kleiner Bach. Wir saßen inmitten kleiner Wölkchen. Zuerst dachten wir, es wäre Rauch von irgendwo her. Dann merkten wir, dass es der Nebel war. Omelette, Kaffee und Maracujasaft schmecken wunderbar – wie immer. Wir sprechen über den Tagesablauf: Kinderheim – Landwirtschaftsprojekt in Ruhororo – Gitega. Außerdem erzählt Verena, dass UNICEF Pilotprojekte in Ngozi starten wolle und die Fondation sich beteiligen werde.

 

9.15 Uhr sind wir im Heim in Ngozi. Die Spannung ist groß, schließlich ist den Jugendlichen nicht entgangen, dass sie heute etwas bekommen werden. Sie sind schon fleißig am Arbeiten, die Nähmaschinen stehen nicht still, die Hobel kratzen über das Holz. Auch die angehenden Köche sitzen wieder vor der Tafel und lauschen dem Lehrer. Die Zeichenschüler fertigen Bastelarbeiten und Zeichnungen für die Fondation. Ich sehe, dass sie die Kronkorken von Colaflaschen als Farbtöpfchen verwenden. Nach einer kurzen Besprechung Verenas mit Lucien können wir endlich verteilen. Die Jungs freuen sich sichtlich, strahlen über das gesamte Gesicht. Natürlich wird gleich anprobiert und jeder Reißverschluss, jede Tasche der Jacke inspiziert. Einige kommen sogar persönlich zu mir oder Verena und bedanken sich für die tollen Sachen. Ich glaube, es ist mir in dem Moment nicht wirklich ganz bewusst, was es für diese Jungs bedeutet: nicht mehr frieren. Die Spende ist wirklich großzügig, teilweise sogar noch ganz neu mit Etikett. Und in Ngozi, bei diesen Jungs, ist sie mit Sicherheit sehr, sehr sinnvoll eingesetzt.

 

Um kurz nach 11 Uhr fahren wir weiter. Der Tagesplan ist voll. Melchiade wird nun gefordert. Einem Hindernisparcours um mit Wasser gefüllte Schlaglöcher folgt ein „Straßen“-abschnitt, der mich an Wellblech erinnert. Links erstrecken sich große, grüne Felder mit Bauern und ihren bunten Gewändern darauf. Die Sonne brennt und am Wegesrand bahnt sich eine Schlange Fahrradfahrer, die schiebend schwere Lasten transportieren. Ich sehe viele Kaffeepflanzen. An diesem Tag soll ich die Überschwemmungen mit eigenen Augen sehen. Ich werde begreifen und nachvollziehen können, auf welche Katastrophe dieses Land wieder einmal zustürzt. Ich sehe Bäuerinnen, die bis zu den Knien in den überschwemmten und aufgeweichten Acker einsinken. Die Hoffnung nicht aufgebend, hacken sie die Erde und schuften und schuften. Bananenstauden, Nadelbäume, einfache Hütten, teils aus Stroh, teils aus Backsteinen, rauschen an uns vorbei. Wir fahren durch eine Nadelbaumallee, die Piste ist teilweise über die gesamte Breite mit einer einzigen Wasserlache bedeckt. Ich frage mich, wie schwer es für die Menschen sein muss, die ihre Lasten mit dem Fahrrad hier entlang schieben. Die Bauern bestellen teilweise so kleine Parzellen, dass es offensichtlich ist, dass das, was das Feld abwirft, niemals für eine Familie reichen kann.

 

Wir rauschen an einem alten Mann vorbei, der neben seinem Fahrrad steht. Der große Sack, den er zu transportieren versucht, ist auf den Boden gefallen. Er müht sich ab. Ich würde am liebsten abspringen, um ihm zu helfen. Doch zu spät, wir fahren zu schnell. Die anderen, die an ihm vorbei laufen, kümmern sich nicht. Sie glotzen höchstens, helfen kommt ihnen aber nicht in den Sinn. Mir fällt wieder der Spruch mit der „moralischen Revolution“ ein, die der kongolesische Präsident Kabila von seinen Landsleuten fordert und die sich Verena auch für Burundi wünscht. Die Häuser, die wir sehen, haben größtenteils keine Fenster oder Türen. Und wenn, dann sind es einfache Holzbretter, die davor genagelt sind. Ein kleines Mädchen, das und am Straßenrand nachschaut und vielleicht zehn Jahre alt ist, trägt statt Schulheften schweres Gartengerät.

 

Wir kommen bei unserem Projekt in „Ruhororo“ an. Hier bekommen Demobilisierte eine Ausbildung in Landwirtschaft und Viehzucht. Auberginen und Kohl werden angebaut, Schweine und Ziegen gezüchtet. Ein etwas größeres Feld liegt noch brach. Verena möchte hier eine neue Manioksorte anbauen, die gegen die Seuche der „Mosaik-Krankheit“ resistent ist, die derzeit ebenfalls für viele Missernten verantwortlich ist. Dafür bedarf es jedoch einer Sondergenehmigung der Regierung, auf die sich lange warten lässt. Aus welchen Gründen auch immer. Statt dessen verhungern die Menschen lieber. Wir lassen einen gewissen Betrag Geld da, dass in der Zwischenzeit alternativ zu der neuen Maniokpflanze Kartoffeln angebaut werden können. Die Zeit sei dafür ideal, sagt der örtliche Leiter.

 

Um 12.10 Uhr fahren wir wieder ab nachdem wir noch einige der Gießkannen abgeladen haben. Auf der folgenden Route nach Gitega werden wir das Ausmaß der Überschwemmungen sehen. Der Fluss Ruvubu, der von Tansania kommend auch durch Burundi fließt, ist beinahe flächendeckend übergetreten und hat die Felder überflutet. Und das kurz vor der Erntezeit. Entweder steht noch alles unter Wasser oder aber die Wassermassen haben sich bereits wieder zurück gezogen und riesige Flächen verfaulter Pflanzen zurück gelassen. Ein Bild von in der Sonne glitzernden Wasserflächen, gemischt mit braunen Pflanzenäckern bietet sich uns in seiner ganzen Dramatik. Auf dem Weg halte ich an, um Fotos zu machen. Bei der Gelegenheit befragen wir zwei Bauern, die gerade des Weges kommen. Alles hätten sie verloren. Kartoffeln und Bohnen hatten sie gepflanzt, jetzt, kurz vor der Ernte, sei das Wasser gekommen. Wir passieren ein riesiges, eingemauertes Priesterseminar. Das Kreuz thront am Eingangstor. Weiter geht es über eine kleine Brücke über den Ruvubu, der zu viel Wasser hat. Brach gerodete Hügel. Eine junge Frau treibt Ziegen über die Piste, in einer Art Steinbruch wird gerade inmitten von Niemandsland ein Lkw mit Steinen beladen.

 

Wir fahren durch das Dorf „Mutaho“. Hier zeigen sich uns die Folgen eines Kriegs. Die gesamte Ortschaft scheint zerstört gewesen zu sein. Die verrußten und eingestürzten Häuserruinen stehen noch immer. Teilweise hat die Natur schon wieder Besitz von ihnen ergriffen. Pflanzen bewuchern die Gemäuer. Verena erzählt, dass in dieser Region der Krieg extrem schlimm gewesen sei. Die UN hätten ein sehr gutes Krankenhaus hier gebaut, doch leider gibt es in der gesamten Region keinen einzigen Arzt. Keiner wolle in diese Geisterstadt ziehen. Auch die früheren Bewohner, die geflüchtet sind, wollen größtenteils nicht mehr zurück kehren. Zu schlimm und zu präsent sind die Erinnerungen. Das Nachbardorf, aus dem die Horden kamen, die die Häuser anzündeten, die Menschen mit der Machete töteten, steht immer noch. Und direkt neben den Leuten leben, die einem selbst nach dem Leben trachteten? Einige scheinen sich dennoch um den Wiederaufbau des Dorfes zu bemühen. Die bauen neue Hütten. Direkt neben die verrußten Ruinen.

 

Von Ngozi nach Gitega sind es etwa 60 bis 70 Kilometer. Piste. Wieder sehen wir verfaulte Felder. Dieses Mal ist es kein Mais, sondern Sorghum. Ganze Täler sind hier verfault. Ein weiterer großer Fluss und Nebenfluss des Ruvubu ist übergelaufen. Erst der Krieg, der in dieser Region besonders wütete, nun das unbarmherzige Wetter. Ein Jeep des UNHCR und ein Pick Up burundischer Soldaten überholen uns. Anscheinend haben sie es eilig.

 

Um 13.45 Uhr erreichen wir Gitega, die zweitgrößte Stadt Burundis mit etwa 100.000 Einwohnern. Hier stehen noch viele alte Häuser, selbst aus der deutschen Kolonialzeit. Wir sehen eines, das aus dem Jahr 1900 stammt. Es steht unter Denkmalschutz. Das bedeutet hier: Keiner darf es haben, es steht also leer und verfällt langsam aber sicher. Dann sehen wir noch „Baumann“ (wenn ich das richtig geschrieben habe). Ausgesprochen wird es französisch und war früher ein Verwaltungsgebäude der Deutschen. Heute ist dort die Polizei stationiert. Erbaut wurde „Baumann“ 1898. Es sieht aus wie eine Festung.

 

Wir erreichen das Heim der Fondation. Zwölf Kinder wohnen und leben hier, 50 kommen zu einer Ausbildung als Schneider und Schreiner hier her. Es ist ein schönes Haus aus der belgischen Kolonialzeit, umgeben von einem großen Gelände. Es ist in den burundischen Farben, weiß, grün und rot gestrichen. Allerdings nicht kitschig, sondern passend. Hühner gackern um mich herum, weiter hinten sehe ich den Stall, wo die Schweine – darunter auch drei kleine Ferkel – gehalten werden. Auch Bananenstauden sehe ich. Auf der großen Terrasse des Hauses haben die Jugendlichen Kleidungsstücke und bestickte Tischdecken aufgehängt, um ihr Können zu zeigen. Es sind schöne Sachen, anscheinend lernen sie gut. Geleitet wird das Heim von einem Mann namens Deo und einem technischen Veterinär. Gegenüber des Heims findet sich ein großes Gefängnis. Als ich es fotografiere, kommt gerade ein Polizist mit dem Fahrrad dort an. Er sieht mich nicht.

 

Das Haus mit Grundstück mietet die Fondation derzeit noch. Es steht jedoch zum Verkauf, der Besitzer brauche aus persönlichen Gründen einen größeren Betrag Geld. Ein Kauf dieses Grundstücks wäre ideal. Man hätte etwas eigenes, hätte mehr Freiheit bei geplanten Projekten. Kostenpunkt: 50.000 Dollar. Für ein großes Haus mit 23a Grundstück wirklich ein Spottpreis. Aber erst einmal muss man dieses Geld haben.

 

Etwas außerhalb der Stadt hat die Fondation ein weiteres Grundstück. Die Parzelle hat die Regierung zur freien Verfügung gestellt, ein kleines Häuschen wurde bereits von der Fondation darauf gebaut. Geplant sind weitere Bauarbeiten, die Fundamente sind bereits ausgehoben, auch die Steine liegen bereit. Nur fehlt derzeit das Geld, um weiter zu bauen. Das würde peu à peu geschehen. Es sollen hier Räume entstehen, in denen sechs Klassen Platz haben und eine Ausbildung erhalten. Jetzt aber möchte die Regierung das Grundstück plötzlich zurück. Grund: Es werde nicht weiter gebaut. Ein Streitpunkt, der in der kommenden Zeit geregelt werden muss.

 

Auf der Rückfahrt sehen wir einen großen Baum, der die exakte Mitte Burundis darstellen soll. Die Straßen in Gitegas Stadtmitte sind übrigens besser und neuer als die in Bujumbura. Am Anfang der Präsidentschaft von Pierre Nkurunziza sollte Gitega auch Hauptstadt werden. Kurz nach seiner Wahl hatte er dann auch einige Ministerien hierher verlegt. Seitdem hat sich dieses Thema aber anscheinend erledigt. Ich sehe ein Denkmal für einen Bischof, der 1996 ermordet wurde. Er war gemäßigt und sprach sich für einen Dialog zwischen Hutu und Tutsi aus. Das wurde ihm zum Verhängnis.

 

14.45 Uhr machen wir uns auf den Heimweg nach Bujumbura. Wir müssen uns beeilen, da wir ja wieder die Sperre um die Hauptstadt passieren müssen, wollen wir nicht noch einmal irgendwo anders übernachten. Ein weiteres Denkmal sehe ich. „Plus jamais ca!“ ist die Aussage, die in großen Buchstaben darüber steht. „Nie mehr!“ Und zwar nie mehr, dass eine Schule angegriffen, ihre Lehrer und Schüler allesamt eingesperrt und angezündet werden. Es wurden einfach Granaten in das Gebäude geworfen. Schnell und effektiv. Geplanter und erfolgreich durchgeführter Massenmord.

 

Auf der Heimfahrt kommen wir durch ein kleines Städtchen. Mir fällt der extravagante und sichtbar teure Markt auf. Es sind mehrere Ebenen, die in den Berg hinein gebaut wurden. Viel Zement und Steine habe man hierfür verbraucht, sagt Verena. Die EU habe den Bau großzügig gesponsert. Heute will kein Mensch dorthin, da die Standgebühren viel zu teuer seien. Für mich sieht das nicht aus wie ein Markt, sondern eher wie eine Festung. Ein Beispiel von Fehlinvestition. Oder doch wieder Provision und Schmiergeld? Man weiß es nicht. Aber oftmals scheint es auf der Hand zu liegen.

 

Als wir die Sperre passiert haben, lassen wir uns wieder etwas mehr Zeit. Auf dem Rückweg kommen wir wieder an der Stelle mit den vielen Händlern vorbei. Wir machen Großeinkauf, zumal wir alle nichts mehr zu Hause zu essen hatten und es hier nochmals günstiger als auf dem Markt in der Innenstadt ist. Bananen, Marmelade, Zucchini, Süßkartoffeln, Mais, Karotten, Erbsen, Maracuja und Ananas. Dann sind wir endlich wieder daheim. Das Gefühl ist unbeschreiblich, man fühlt sich schon mit Stadt und Menschen vertraut. Und richtig schön wird es dann erst richtig, wenn man wieder durch dieses rote Tor mit dem Nilpferd darauf fährt und einem lauter kleine Strahlegesichter entgegen kommen und einen umarmen wollen. Ein weiteres kleines Abenteuer ging zu Ende.

Nochmals etwas Kurzes

Januar 17, 2007

Dienstag Abend, kurz vor 18 Uhr. Gerade hat es wieder so stark geregnet, dass das Wasser auf den Straßen steht, beziehungsweise die abschüssigen Straßen hinunter fließt, wie ein kleiner Bach. Es ist nicht normal. Gerade heute habe ich von einer Mitarbeiterin des WFP (World Food Program) erfahren, dass 90 Prozent der Ernten vernichtet sind und in den kommenden Monaten 1.2 Millionen Menschen Nahrungsmittellieferungen benötigen werden – und dabei gehen die Mittel des WFP gerade zuneige. Neue Gelder müssen erst beantragt werden. Tolle Aussichten.

 

Mittwoch, 17. Januar 2007. 9.50 Uhr in Burundi. Morgen fahren wir aufs Land. Ich bin gespannt, welche Bilder sich uns zeigen werden. Heute steht erst einmal wieder Büroarbeit an, am Nachmittag werde ich ins Straßenkinderheim gehen, Englischunterricht geben. Maries Freund ist gut angekommen – zwar noch etwas müde, aber heil. Verenas neuer Internetauftritt macht Fortschritte: www.fondation-stamm.org. Ich bin an den Inhalten dran, ebenso am Bilder hochladen. Einige stehen schon online in der Galerie.

Kurzer Eintrag

Januar 16, 2007

Immer noch Montag. Mittag. Beim Essen hörten Lena, Verena, Benoit und ich die neuesten Nachrichten im Radio. Überschwemmungen. Immer mehr. Im Viertel Kanyosha stehen 2.000 Häuser unter Wasser. 6.000 Menschen stehen ohne Hab und Gut auf der Straße. Die Kinder können nicht mehr in die Schulen, weil ihre Hefte und Arbeitsmaterialien weggeschwemmt oder aufgeweicht sind. Die Häuser stürzen ein, weil die Steine, aus denen sie gebaut sind, zu viel Wasser nicht standhalten können. Sie bröseln einfach weg. In einem anderen Viertel, Gatumba, sind weitere 1.000 Häuser unter Wasser. Die Bilder habe ich selbst im Fernsehen gesehen. Die Straßen sind überflutet oder brechen auseinander, weil keine ausreichenden Abflussmöglichkeiten und -gräben existieren. Außerdem wurden im Norden weitere 14 Todesopfer wegen Hungers gemeldet. Wir werden diese Woche erneut aufs Land fahren. Genau in den Ort, wo die Menschen verhungert sind. Wir werden schauen, wo und wie die Fondation helfen kann. Dann fahren wir im Norden weiter Richtung Osten nach Ngozi. Dort treffen wir wieder Anne, die Frau der BINUB, die letzt bei Verena war. Dann wollen wir noch unser Projekt in der Landesmitte, in Gitega, besichtigen, bleiben dort über Nacht und kommen dann am Freitag wieder nach Bujumbura zurück.

 

Dienstag, 16. Januar 2007. Heute Mittag kam Maries Freund heil bei uns an. Er brachte einige Tageszeitungen von gestern mit – und Spiegel und andere Magazine. Endlich wieder gedruckte Information. Das kann einem wirklich fehlen! Von wegen, das Papier würde irgendwann verschwinden – eine Zeitung ist immer noch das Beste. Mal sehen, was in der Welt so passiert. Werde heute Abend lesen, das ist sicher. Informieren kann ich mich ja ansonsten lediglich über das Internet. Heute habe ich hauptsächlich an den neuen Internetseiten der Fondation gearbeitet. Tagebuch muss noch warten.

Neues (III)

Januar 15, 2007

Donnerstag, 12.13 Uhr. Ich war gerade in Kamenge, das Bett ins Frauenheim bringen und Fotos der zwei neuen Babys machen. Sie sind ganz klein, süß und noch ganz faltig – wie das eben Neugeboren so an sich haben. Richtig putzig. Es war schön, die Frauen und ihre Kinder wieder zu sehen. Es ist unglaublich, wie verbunden man sich nach so kurzer Zeit schon zu diesen Menschen fühlt. Auch sie freuten sich, einen wieder zu sehen. So auch die Kids aus dem Viertel, die hier in den Kindergarten gehen. Großes Geschrei – und das obligatorische, lauthals gebrüllte „bonjour, monsieur!“ Richtig lustig. Ich fühlte mich wohl, musste sie aber leider heute enttäuschen: Ich hatte keine Bonbons bei mir, nach denen sie immer verlangen. Ich ließ übersetzen dass ich beim nächsten Besuch wieder welche mitbringen werde.

 

Lena hat gestern übrigens mit der von ihr schon lange Zeit geplanten Koch-AG begonnen. Mitmachen durften Espérance, Liliane und Ella-Francine, alles drei große Mädels. Mit den Kleinen würde es weniger Sinn machen. Die Mädels waren anscheinend begeistert, das Essen schmeckte sehr gut. Sie haben sich auch alles genauestens notiert, um es später einmal nachkochen zu können. Das Geld für die Zutaten nahm Lena von Spendengeldern, die wir vor unserer Abreise „zur freien Verfügung“ erhalten hatten. Ich denke, solche eine Koch-AG ist sehr sinnvoll. So lernen die Mädchen kochen – und vor allem auch, auf eine wichtige, ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung zu achten. Vor allem wenn sie irgendwann einmal Kinder bekommen werden, wird diese, so denke ich, sehr wichtig sein. Vorausgesetzt natürlich, sie können es sich im späteren Leben einmal leisten. Aber ich denke, mit der fundierten Schulausbildung, die sie dank der Fondation bekommen, sind die Chancen sehr gut.

 

Samstag, 13. Januar 2007. 13 Uhr in Burundi. Gerade ist großer Auflauf in unserem „Spielezimmer“. Puppen werden lieb gehabt, durch die Gegend getragen, die Haare geflochten und versucht zu schminken; Bücher werden angeschaut, dabei lauthals auf Kirundi palavert. Lena und Julia verpassen einigen Kids eine Gipsmaske. Über das Ergebnis wird mit großen Augen gestaunt. Richtig gut sehen die Gesichter aus Gips aus – mit den großen, vollen Lippen der Kinder und den kleinen Stupsnasen. Die Masken auf dem Tisch stapeln sich, jeder will mal an der Reihe sein. Das Gekicher ist groß.

 

Die Spielekisten werden finden rege Verwendung. Handpuppen, Puzzle und Memory sind die Favoriten. Die Kids fragen immer noch nach, wenn sie in das Zimmer möchten. Wir sagen ihnen jedes Mal, dass das alles für sie sei und sie jederzeit damit spielen können. Unter der Vorgabe, danach alles wieder ordentlich in die Kisten zurück zu räumen. Sonst werden aus einem Puzzle nämlich in kurzer Zeit zwei. Bislang klappt es ganz gut. Ausnahmen bestätigen die Regel.

 

Gestern waren Lena und ich bei Verena, Büroarbeit erledigen. Am Mittag kam Anne, eine jungen Zentralafrikanerin und Mitarbeiterin der BINUB (UN in Burundi). Sie fragte bei Verena nach Decken, Moskitonetzen und Wasserkanister an, die sie schließlich am Mittag abholte. Die UN hatten im Norden in Ngozi ein kleines Weihnachtsfest veranstaltet. Auch für die Straßenkinder dort. Ein kleines Beisammensein mit Essen. Das Fest fand in einem großen Hangar statt. Danach wollten die Kids jedoch nicht mehr auf die Straße zurück – wo es nachts sehr, sehr kalt werden kann. Also bemüht sich die UN nun, für diese Kids zu sorgen. Sie fragten nach Unterstützung bei Verena an – die sie nun bekamen. Vielleicht eine Chance, in Verbindung mit der BINUB zu treten, die ja bekanntlich über die größten Geldmittel und Reserven verfügt. Wer weiß, was das für die Fondation bedeuten kann. Anne jedenfalls ist eine kleine, selbstbewusste Frau. Ein Wirbel. Sie spricht so schnell, wie mancher nicht einmal rappen kann. Dabei betont sie aber so deutlich, dass ich keine Probleme habe, sie zu verstehen. Ich sage ihr, dass meine Mutter auch Anne heißt, worauf sie anscheinend gleich hin und weg ist. Sie will Verena und auch mich in Ngozi bei sich empfangen. Vielleicht schon kommende Woche. Sie würde uns gerne die dortige Situation und Arbeit zeigen. Sie hinterlässt ihre Nummer, bestellt noch schnell ein paar Pilze zum Mitnehmen – ihre Leibspeise – und verschwindet in das weiße UN-Auto. Ich helfe Verenas Mitarbeitern noch, die Sachen einzuladen, dann verabschiedet sie sich und fährt davon, so schnell, wie sie gekommen war. Wie ein Windzug. Power scheint in dieser Frau zu stecken. Sie ist eine sympathische Erscheinung.

 

Der Text, den ich über die Überschwemmungen und die drohende Hungersnot in Burundi geschrieben hatte und der auf www.burundikids.org bereits zu lesen ist, wird in einem Magazin gedruckt – was mich gestern zu einem kleinen Jubelschrei hinriss. In der nächsten Ausgabe von „Africa Live“ wird der Artikel mit Bildern im März erscheinen. Wer mehr über diese Afrikaplattform wissen möchte, kann ja mal auf www.africa-live.de vorbei schauen. Übrigens ist gerade die neue Homepage der Fondation Stamm im Aufbau. Verenas Neffe, Verena und ich korrespondieren derzeit häufig per Internet. Die Inhalte entstehen vor Ort in Burundi, die technische Umsetzung übernimmt die „Außenstelle“ in Deutschland. Sobald sie abrufbereit steht, erfolgt hier selbstredend die entsprechende Meldung.

 

Für Floras Baby nahmen wir aus Verenas (nach Weihnachten karg gewordenem) Lager einige Babysachen mit. Strampelanzug, kleine Hose, Shirt und eine winzige Regenjacke in grellem Gelb. Flora freut sich sichtlich und hört überhaupt nicht mehr auf, sich zu bedanken. Für sie sind derzeit die weiteren Pläne, auf die Universität zu gehen. Das Abitur habe sie bereits bestanden. Jetzt wird sie erst einmal eine Weile im Heim leben, um sich um das Kind kümmern zu können. Dann wird man sehen, wie man sie unterbringt – dass sie studieren kann und trotzdem ihr Baby versorgt bleibt. Eine Möglichkeit wäre eine Art von der Fondation unterstützte Wohngemeinschaft mehrerer junger Frauen, beispielsweise zusammen mit welchen aus unserem Mütterheim im Stadtteil Kamenge. Das würde sich beispielsweise mit unserem geplanten Mikrokreditprojekt und Solidaritätsketten verbinden lassen. Wir werden sehen.

 

Unsere Vorsitzende von burundikids e. V. wird diesen Monat noch nach Burundi kommen, um den aktuellen Stand der Dinge zu begutachten, insbesondere, welche Fortschritte der weitere Bau der Schule macht. Im Erdgeschoss wird ja schon fleißig unterrichtet. Im Obergeschoss ist der Einbau der Fenster nun beinahe abgeschlossen, sodass bald weitere Klassen unterrichtet werden können – Stichwörter: Verbesserung der örtlichen Lebenssituation, Bildung und Schaffung von Arbeitplätzen. Als Architektin muss unser Vorstand schließlich auch ab und an selbst vor Ort sein und nach dem Rechten sehen. Außerdem setzen sich die Oberhäupter der Projekte zusammen, um die Agenda für 2007 auszuarbeiten. Was kann man beginnen, was mach Sinn, was hat sich nicht rentiert, was kann man erneuern, fortführen, verbessern. Einige Fragen, die gemeinsam erörtert werden müssen, um die Effizienz der Hilfe zu erhalten. Verena hatte schon vor einiger Zeit ihre Projektleiter jedes Heims – sei es in Bujumbura oder im Landesinnern – dazu angehalten, sich Gedanken zu machen, was in den jeweiligen Projekten verändert oder verbessert werden könnte. So werden alle Mitarbeiter der Fondation zu ständiger Kommunikation angehalten – und das Netzwerk funktioniert.

 

Montag, 15. Januar 2007. 9.05 Uhr burundische Zeit. Bin wieder bei Verena, arbeiten. Gestern Vormittag und Nachmittag wählte ich von den unzähligen Bildern, die ich bislang machte, die besten aus, die wir für die neue Homepage der Fondation verwenden werden. Gegen 16.30 Uhr holte mich Flo ab, der Burunder, der in Kanada lebt und den ich in der „Kiriri-Bar“ kennen gelernt hatte. Er hatte mittags angerufen und gefragt, ob ich Lust hätte, Basketball zu spielen. Emmanuel (15 Jahre) und Fulgence (17 Jahre) kamen auch mit. Es machte Spaß, vor allem weil sich Flo bemühte, den Kids noch ein bisschen was beizubringen, obwohl er es aufgrund seiner Größe und seines Basketballtalents eigentlich nicht nötig hätte. Wie er mit den Jungs – und dem einen Mädel aus dem Viertel, das öfter mit uns spielt – umging, imponierte mir. Und es freute mich. Wir spielten, bis es dunkel wurde und wir die Hand vor Augen nicht mehr sahen. Etwa 20 Meter vom Basketballplatz entfernt ist ein kleiner Kiosk. Flo spendierte Emma, Fulgence und mir noch etwas Kaltes zu trinken.

 

Wir spielten – weil wir so viele waren – in drei Teams, immer das Gewinnerteam blieb auf dem Platz und spielte gegen die nächste Mannschaft. Mit Fulgence und mir spielte noch ein Junge, der in die selbe Klasse wie Fulgence geht. Und mir ging er etwas auf die Nerven. Er versuchte mich über allen möglichen religiösen Kram auszuquetschen, was ich bete, warum ich nicht in die Kirche gehe und so weiter. Dabei ließ er nicht locker. Zum Schluss wollte er noch meine Mailadresse haben. Ich sagte ihm, dass ich noch lange hier bleibe und wir uns noch einige Male sehen werden. Wir bräuchten also keine Mails schreiben. Ehrlich gesagt, fehlt mir die Zeit, mich mit solchen Fragen herum zu schlagen.

 

Fulgence, Emma, Flo und ich liefen zusammen zum Heim zurück, wo wir uns noch ein paar Minuten unterhielten. Ich hatte das Gefühl, den Jungs hat es Spaß gemacht, mit einem Größeren zu spielen, der noch dazu gut spielt und außerdem ihre Sprache spricht. Zum Schluss lud Flo mich zum Essen zu sich nach Hause ein, wenn ich denn möchte. Gerne könne ich auch meine Freundin und die anderen Mädchen mitbringen, wenn sie wollen. Ansonsten solle ich einfach alleine kommen. Entweder gehen wir dann aus oder er würde zu Hause kochen. Ich nehme gerne an. Er wird anrufen.

 

Als ich in die Küche kam, lag dort ein Zettelchen mit einer Nachricht von den Mädels. Sie seien bei Verena im „Chez André“, ihr den Text für das Musical zeigen, das sie mit einer Klasse aus Verenas Schule für den Besuch des brandenburgischen Bildungsministers im März einstudieren. Danach wollen sie mit Verena in die „Kiriri-Bar“, eine Kleinigkeit essen. Ich solle dorthin kommen. Kaum hatte ich zu Ende gelesen, klingelt auch schon mein Handy. Lena war dran. Ich sagte, dass ich nur noch schnell duschen wolle und dann nach komme. Als ich schließlich ankomme, sind sie noch nicht da. Sie kamen etwa 15 Minuten nach mir, so lange unterhielt ich mich mit dem alten Désiré, der etwas verrückte Maler, den wir schon einige Mal getroffen haben. Zuvor, im Heim, versuchte ich noch, zusammen mit Emmanuel, meinen Freund in Deutschland zu erreichen, der lange in Kenia lebte und Suaheli sprechen kann. Ich hatte Emma versprochen, ihn eines Tages mit ihm telefonieren zu lassen. Leider kamen wir gestern trotz unzähliger Versuche nicht durch. Das Netz ging nicht – warum auch immer. Wir werden es heute Abend nochmals versuchen. Irgendwann wird es schon klappen.

 

Auf dem Weg zur Bar hatte ich wieder einmal ein richtig schönes Erlebnis. Einer der Tor- und Nachtwächter, die der großen Straße entlang Dienst tun, die wir in Richtung Innenstadt gehen, grüßte uns schon die gesamte Zeit, in der wir hier sind, überschwänglich und freundlich. Wir natürlich auch. An diesem Abend grüßte ich ihn wieder mit einem freundlichen „mwaramutse“ („guten Abend“), worauf er sich erneut sichtlich freute. „Pardon, monsieur“, kam er über die Straße zu mir gelaufen und bat um eine Minute. So freundliche Menschen wie uns habe er selten getroffen, sagt er. Wir grüßen ihn immer und seien so, so höflich. Das sei er nicht gewohnt. Vor allem habe er noch nicht viele Weiße gesehen, die so freundlich seien. Die meisten ignorieren ihn einfach. Er stellt sich als Martin vor. Ein Auge werde er immer auf uns haben, verspricht er, von dem Moment an, in dem er uns von unten von der Straße kommen sehe, bis nach oben, wo wir links abbiegen. Uns werde nichts passieren, dafür sorge er. Der jüngere Mann, der neben ihm steht, nickt zustimmend. Martin sei es eine Ehre, versichert er. Wir unterhalten uns etwa zehn Minuten, woher wir kommen, was wir tun und so weiter. Daraufhin sagt Martin, er kenne Benoit, Verenas Mann. Ich solle ihn grüßen. Wir wünschen uns gegenseitig noch einen schÃ