Ein Tag vor Silvester
Dezember 30, 2006
Samstag, 30. Dezember 2006. 10.45 Uhr nach burundischer Zeit. Heute haben wir allesamt ziemlich lange geschlafen bis 9 Uhr. Anscheinend waren wir erschöpft und haben den Schlaf gebraucht. Eigentlich wollten Lena und ich jetzt zu Verena runter laufen, doch es regnet mal wieder. Also heißt es warten und ich nutze die Zeit, den gestrigen Tag Revue passieren zu lassen. Wir besuchten ein Flüchtlingslager am Rande der Hauptstadt, das Verena mit ihrer Fondation unterstützt. Etwa 400 Familien leben hier, meist Kriegswitwen mit ihren Kindern. Menschen aus der Umgebung („Bujumbura Rural“) und viele Ruandesen.
Die Häuschen machen einen stabilen Eindruck, allesamt aus Backstein. Die Fenster sind mit Holz verriegelt. Zwischendurch sieht man einige Wellblechhüttchen, ob darin auch jemand wohnt oder ob sie einem anderen Zweck dienen, kann ich nicht erkennen. Wir passieren einen Mini-Polizeiposten, der aus einem Uniformierten und einer Schranke aus einem Holzbalken besteht. Dann nähern wir uns auf der Sandpiste der kleinen Siedlung, die einen eigenen, geschlossenen Bereich in der Hauptstadt ausmacht. Zum Glück sind wir mit dem Geländewagen unterwegs, denn auf unserem Weg befinden sich auch tiefe Pfützen. Kinder rennen neben dem Auto her und rufen uns zu. Neben der Siedlung befinden sich Felder, überall zwischen den Häusern steht mannshoher Mais.
Wir biegen nach einer Weile rechts ab, in die Siedlung hinein. Sofort sind wir wieder von Menschen umringt, Kinder sowieso, aber auch viele Alte. Wir werden vom dortigen Leiter der Fondation in ein kleines Strohhüttchen geführt, wo wir auf den eigens für uns hindrapierten kleinen Sesseln zwischen exotischen Pflanzen Platz nehmen. Die Tanzgruppe, die auch schon beim Fest der UNICEF für die Rechte der Kinder vergangene Woche einen Preis gewonnen hatte und dort ihr Können gezeigt hatte, stand schon bereit. Als erstes bekommen wir also wieder eine schöne Kostprobe burundischer Tanzkultur. Auch Beatrice und Melchiade, den Mitarbeitern Verenas, gefällt die kleine Show.
Im Anschluss bekommen die Mädchen und Männer einige Kleidungsstücke, etwas Süßes und noch eine Schultasche. Vor dem offenen Hüttchen versammelte sich eine Menschentraube – Mütter mit Babys, Kleinkinder, Jugendliche und Männer. Die Männer stehen hauptsächlich mit grimmiger Miene und verschränkten Armen weiter hinten. Die Frauen zanken sich, wessen Baby die neue Kleidung am meisten benötigt. Die Kinder strecken ihre kleinen, schmutzigen Händchen aus, um ein Bonbon zu ergattern. Sie stehen in zerlumpten T-Shirts und barfüßig im Schlamm. Die Armut ist auch hier groß. Ich habe den Finger permanent auf dem Auslöser meiner Kamera, die Motive sind – aus journalistischer Sicht – vielseitig. Wenn sie nur nicht so traurig wären. Aber auch das ist meine Arbeit, rede ich mir immer wieder ein. Nur wenn ich den Alltag dieser Menschen fotografiere, kann die Welt daheim ungefähr nachvollziehen, was hier bewältigt werden muss, wie es den Flüchtlingen ergeht.
Ich setze mich nach Absprache mit Verena von der Verteilerstelle ab und wate ein wenig zwischen den Hüttchen und Maisfeldern auf dem matschigen Pfad hin und her. Halbstarke lehnen an Backsteinwänden, in der einen Hand ein Radio, das sie sich ans Ohr drücken, in der anderen eine Zigarette. Alte Frauen huschen um die nächste Hausecke, sobald sie meine Kamera sehen, andere wiederum posieren vergnüglich. Wenn mich die Menschen sehen, frage ich sie höflich, ob ich ein Foto machen darf. Sind sie noch weiter weg und sehen mich nicht, versuche ich, die ungestellte und natürliche Situation mit dem größeren Objektiv einzufangen. Ein alter Mann mit makellosem Gebiss grinst über beide Ohren als er mich sieht und freut sich, dass ich die Kamera auf ihn lenke. Zwei jüngere Männer hingegen beschweren sich, ich dürfte hier nicht fotografieren, von wem ich denn dafür autorisiert sei. Ich sage, ich arbeite für die Fondation Stamm, was bei ihnen allerdings auf recht wenig Verständnis stößt. Dennoch lassen sie mich in Ruhe meiner Arbeit nachgehen.
Ich fotografiere eine Kochstelle vor dem Eingang eines der Backsteinhäuser. „Restaurant“ lädt ein selbst gemaltes Schild über der Holztür ein. Weiter vorne ein kleiner Verkaufsstand. Die Besitzerin lehnt leger an ihrem Holzverschlag und deutet auf die kleinen Häufchen auf dem kniehohen Tisch vor ihr. Erdnüsse, „indagara“ (die kleinen Fischchen) und weitere Kostbarkeiten hat sie in einheitlichen Portionen gerichtet und preist sie mir zum Verkauf an. Ich deute ihr, dass ich leider kein Geld bei mir habe. Plötzlich kommt ein Mann auf mich zu, ich denke er ist Mitte 20. „Monsieur“, spricht er mich an und zeigt mir ein Schreiben eines Arztes, das ihm eine schwere Krankheit attestiert und Medikamente verschreibt. Sein ganzer kurz geschorener Kopf ist mit Narben und stellenweise heller Haut überzogen. Es sieht aus wie schlecht verheilte Brandwunden. Sein linkes Auge ist blutunterlaufen. Er spricht leider ausschließlich Kirundi. Ich versuche, ihm zu verstehen zu geben, dass er hin zu Verena gehen und es ihr zeigen soll. Sie könnte ihm vielleicht weiter helfen. Er nickt nur, bleibt aber an Ort und Stelle stehen und schaut mich weiterhin erwartungsvoll an. Ich versuche es erneut, doch er versteht mich nicht. Oder er will mich nicht verstehen, ich weiß es nicht.
Eine Frau stürmt auf mich zu. Ich solle ihr ein „Trikot“ geben. Dann dürfe ich sie auch fotografieren. Ich sage ihr, ich habe kein „Trikot“, sie solle sich doch in die Schlange bei Verena stellen. Dort bekommt sie sicher etwas. Doch sie bleibt hartnäckig, bis ich ihr alle meine leeren Hosentaschen zeige. Dann zieht sie ab, schmunzelt mich aber dennoch an. Später sehe ich sie mit ihrem Baby auf dem Arm bei dem Hüttchen stehen, in dem Verena mit Julia, Lena und Marie Spenden verteilt.
Ein Mann hält sein splitternacktes Baby über die kleine Menschenmenge. Wahrscheinlich möchte er damit zeigen, dass sein Kind das Vorrecht auf neue Kleidung habe. Das Geschrei ist groß, die Kinder drücken immer mehr. Plötzlich nimmt eine ältere Frau einen Baststock und schlägt nach den Kids, um sie zurück zu treiben. In der anderen Hand die Packung mit Süßigkeiten. Lena wird beinahe rot vor Wut und nimmt ihr den Stock weg. Im Zaum halten okay, aber nicht mit dem Stock – die ältere Frau schaut erst verdutzt, versteht dann aber und hält sich daran. Zumindest, so denke ich, bis wir das Lager wieder verlassen haben. Denn wo Lena den Stock hingelegt hat, ist den wachsamen Augen der Alten nicht entgangen.
Ein anderer junger Mann sagt mir, er habe keinen Job und sieht mich mit großen Augen an. Er spricht Englisch, also antworte ich ihm, dass ich leider keine Arbeit für ihn habe und dass es mir sehr leid tue. „Macht nichts“, sagt er in einem gebrochenen Deutsch und grinst mich an. Ich grinse zurück und er schüttelt meine Hand. „Thank you“, verabschiedet er sich. Kurz darauf verlassen wir wieder das Lager und fahren nach Hause. Zurück bleiben ein Mal mehr Eindrücke in unseren Köpfen, die man erst einmal verarbeiten muss. Die Bilder, die ich von Ort und Stelle immer mit nach Hause nehme und dort abermals anschaue – meistens allein –, stimmen nachdenklich. Natürlich betrachte ich die Bilder nach ihrem qualitativen Maßstab, sortiere nach Verwendbarkeit. Denke journalistisch, an meine Arbeit. Aber die großen, glänzenden Augen der Kinder, die aus ihren zerlumpten Kleider lächeln, gehen nicht spurlos an einem vorüber. Ich wandle aber den aufzukommen drohenden Verfall in Mitleid, das niemandem etwas bringt, schnellstmöglich um in Gedanken und Ideen, wie man die Arbeit der Fondation, sprich für die Armen, verbessern, ausweiten könnte. Was man noch alles tun könnte. Ich denke, das ist eine ganz gute Methode, nicht zu verzweifeln. Zumindest funktioniert das bislang ganz gut. Ich werde weiterhin meine Bilder machen. Um den Menschen daheim die Augen zu öffnen. Um nur ungefähr zu vermitteln, was hier, auf der anderen Seite der Weltkugel, abgeht.
Gestern Abend verwandelte sich unsere kleine Küche in einen Frisörsalon. Liliane, die 22-jährige junge Frau hier im Heim, hat Lena die Haare geflochten – zu vielen, kleinen Zöpfchen, ganz nach afrikanischer Art. Nur, dass Lena eben helle Haare hat. Daneben saß noch Languide, ein Mädchen, das ich bislang nicht oft sah. Sie ist sehr schüchtern, traut sich aber langsam auch immer mehr in unsere Nähe. Nach kurzer Zeit gesellte sich noch King Kong hinzu, die Frau, die ebenfalls hier im Heim lebt, für die Wäsche der Kinder zuständig ist und auch eine leitende Funktion innehat. Sie kommt aus dem Kongo und ihre raue Stimme fasziniert mich – vor allem, wenn sie in schallendes Gelächter ausbricht. Sie setzt sich neben Lena und bekommt ihre Tage zuvor geflochtenen Zöpfchen wieder aufgemacht. Ihre kleine Tochter, Nadine (fünf Jahre), schaut interessiert zu und will Klatschspielchen mit mir machen. Eine richtig nette Runde. Auch Flora, die schwangere 23-Jährige, die wir nicht lange nach unserer Ankunft hier in Burundi, im Heim aufgenommen hatten, hat im Frisörsalon Platz genommen. Ihr kleiner Junge wird im Januar erwartet. Wir sind allesamt schon aufgeregt und freuen uns auf ihr Baby. Es strample sehr, sagt sie, und lächelt dabei ganz warm und herzlich. Angeblich sei sie auf der Straße vergewaltigt worden und ihre Mutter habe sie darauf hin verstoßen. Zumindest sagt sie das. Allerdings kann es auch sein, dass diese Geschichte viele Mädchen erzählen, weil sie eben ein uneheliches Kind erwarten und nicht von der Gesellschaft verachtet werden wollen. Dennoch, ob wir ihre Geschichte glauben oder nicht, sie brauchte Hilfe, also durfte sie hier bleiben. Wir sind jetzt schon traurig, wenn wir daran denken, dass sie nicht im Heim bleiben kann, wenn ihr Baby da ist. Wir haben Flora lieb gewonnen. Vielleicht kann sie im Anschluss in das andere Heim für junge Mütter einziehen. Das obliegt aber der Entscheidung Verenas. Hier, bei den Waisen, kann sie jedoch nicht bleiben.
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