An Freitag vor Silvester

Dezember 29, 2006

Donnerstag, 28. Dezember 2006. 13.53 Uhr in Burundi. Ich sitze gerade auf dem Balkon von Verenas Haus und ein großer Bus mit kreischenden Frauen fährt vorbei. Die Sonne scheint kräftig, durch den leichten Wind ist das Klima heute jedoch sehr angenehm. Im „Chez André“ sind heute drei verschiedene Seminargruppen, morgen steht eine weitere Reservierung auf dem Plan und am Samstag eine Hochzeit. Verena ist dementsprechend viel eingespannt. Dennoch nahm sie sich gestern die Zeit, noch ein paar Weihnachtsgeschenke in unserem Heim für junge Mütter im Viertel „Kamenge“ zu verteilen. Melchiade, der Chauffeur, fährt Verena und mich, außerdem noch Beatrice – eine Büroangestellte der Fondation –, Jaqueline und Lise (zwei Mitarbeiterinnen des Restaurants) nach „Kamenge“. Lise und Jaqueline erledigen andere Dinge, Beatrice kommt mit ins Heim, um die Klamotten für die Frauen und ihre Kinder zu verteilen.

 

Gegen 15.30 Uhr kommen wir an. Vor dem Tor empfangen uns wie jedes Mal kleine Kinder aus dem Viertel. Es ist eines der ärmeren Viertel Bujumburas, die Straßen bestehen nur aus Sand und Steinen. Die Armut ist hier auch der Grund, weshalb in „Kamenge“ das Hutu-Tutsi-Problem weiterhin Thema ist. Kaum haben wir das Stahltor passiert, werden wir von den Mädchen freudig begrüßt. Allesamt haben sie ihre besten Kleider angezogen und ihre Kleinkinder und Babys ebenfalls in die schönsten Kleidchen gesteckt, die sie haben – dazu natürlich sehr schicke Frisuren, bei Groß und Klein. Wir treffen auch auf eine Schwester Benoits, die sich zurzeit im Heim engagiert. Sie hilft Verena und Beatrice, die Kleider- und Schuhspenden auf Tischen auszubreiten, während ich draußen im Freien Fotos mache. Dann bekommen wir erst einmal eine beeindruckende Tanz- und Gesangsaufführung der jungen Frauen. Wie sie sich allesamt bewegen können, fasziniert  mich jedes Mal. Burunder scheinen den Rhythmus im Blut zu haben, Männer wie Frauen.

 

Lena, Julia und Marie sind im „Centre Uranderera“ geblieben und haben mit den Kindern zwei große Tücher bedruckt – mit Händen und Füßen, im wahrsten Sinne des Wortes. Ihre aufgenommenen Bilder, die ich abends zu Gesicht bekomme, offenbaren mir die kleine Farbschlacht. Die Tücher sind schön, viele kleine Hände und Füßchen sind darauf. Dabei steht der Name des jeweiligen Kindes.

 

Aber zurück nach „Kamenge“. Unter den tanzenden jungen Frauen – allesamt zwischen 15 und 22 Jahren – ist auch eine Ruandesin. Ich nenne auch die 15-Jährigen „junge Frauen“, denn bei dem, was sie bislang erleben mussten, ist ihnen eine für ihr Alter unnatürliche Reife zueigen. Die Ruandesin tanzt ein wenig anders, meint Verena. Es sei etwas eleganter, langsamer als die burundischen Tänze. Für mich ist der Unterschied nur schwer erkennbar. Im Anschluss an die kulturelle Darbietung gibt es für alle Fanta und Cola, dazu ein burundisches Gebäck, das mich an deutsche Fasnachtskrapfen erinnert. Abdallah, ein kleine Junge, will mir seinen schenken. Ich steige in das Lachen der Mutter und der anderen Frauen ein und gebe ihm seine Süßigkeit zurück, die er sich daraufhin im Ganzen in den Mund zu stecken versucht. Ein köstlicher Anblick. Eddie, ein noch kleinerer Junge, lugt verschmitzt hinter dem Rücken seiner Mama hervor, als er die Kamera entdeckt. Er lacht und versteckt sich gleich wieder, sobald ich ihn fotografieren will.

 

Dann war es soweit: Die Frauen wurden eine nach der anderen ins Zimmer gerufen, wo die Kleider und Schuhe aufgebahrt waren. Es geht insgesamt sehr geordnet und ruhig zu, man merkt eben doch, dass hier ausschließlich Frauen wohnen. Die Mädchen kichern, als ich sie fotografiere. Ihre Babys staunen teils mit offenen Mündern. An diesem Tag mache ich erstmals bewusst mit Serafine Bekanntschaft und schüttele ihr die Hand. Es ist das Mädchen, das auf den Internetseiten von burundikids.de in einer nachdenklichen Pose von Ursula Meissner aufgenommen wurde. Sie war 13 Jahre alt, als sie ins Heim kam. Und HIV-infiziert. Heute ist sie 15 und die Medikamente scheinen bei ihr gut zu wirken. Ihr Gesicht macht den Eindruck eines gesunden Mädchens, nur ihre dünnen Beine verraten das schlimme Schicksal. Ihr Lächeln berührt mich und stimmt mich nachdenklich. Was muss in ihrem Kopf vorgehen? Dieses hübsche Mädchen mit den strahlend weißen Zähnen, das sich in jungen Jahren auf Bujumburas Straßen prostituieren musste und somit ihr fatales Schicksal in Kauf nahm? Im Heim, bei den anderen Frauen, scheint sie sich wohl zu fühlen.

 

Claudine, eine andere junge Frau, hat ihrer kleinen Tochter süße Zöpfchen geflochten und mit bunten Spangen geschmückt. Die Kleine wirkt unheimlich niedlich, während sie mit dem großen Krapfen kämpft. Claudine weiß, dass Lena meine Freundin ist. Lächelnd kommt sie auf mich zu und sagt, dass sie auch gerne einen deutschen Freund hätte. Ich lache, so wie ihre Freundinnen hinter ihr. Sie sagt, sie würde uns mal im Kinderheim besuchen kommen. Der Tag in „Kamenge“ stimmt mich insgesamt nachdenklich. So viele liebe Frauen mit ihren kleinen Babys. Unglaublich, was sie alle zu erzählen wissen. Ich nehme mir vor, irgendwann in der Zeit, in der ich noch hier bin, ihre Geschichten aufzuschreiben. Sie sollen dann auf dem neuen Internetauftritt der Fondation veröffentlicht werden.

 

Am Abend verrate ich den großen Jungs und Mädchen im Kinderheim, dass ich mit ihnen ins Kino gehen möchte. Die Begeisterung ist groß. Natürlich melden sich auch einige Kleine, die weder Französisch sprechen und verstehen, noch dass für sie der Film „8 Mile“ mit Eminem geeignet wäre. Ich verspreche ihnen, dass wir nochmals ins Kino gehen werden, in einen Film, den auch die schauen können und dürfen. Somit sind wieder alle zufrieden.

 

Aus Deutschland erreichten mich wieder Mails, die mich sehr freuen, weil sie weitere Unterstützung zusagen. Es betrifft die Bürgermeister von Eggenstein-Leopoldshafen – meiner Heimat im Landkreis Karlsruhe – und Linkenheim-Hochstetten, eine Gemeinde daneben. Oftmals bleiben in den unterschiedlichen Sporthallen Kleidungsstücke liegen, die für eine gewisse Zeit aufgehoben werden, bis sie jemand abholt. Manche jedoch werden nie abgeholt. Die werden dann, bevor sie in den Müll wandern, für die Kinder in Burundi gesammelt. Ich freue mich, wenn dieses Engagement klappen sollte. Ebenfalls freute mich die Nachricht meines Onkels: Als er sein Auto aus der Werkstatt abholte, drückte ihm eine Frau nicht mehr benötigte Brillen in die Hand – für die burundikids. Solche an für sich Kleinigkeiten imponieren mir sehr. Die Hilfsbereitschaft macht mich glücklich. Es gibt doch noch genügend von den Guten, von denen, die nicht nur an sich und ihr eigenes leben denken.

 

In den vergangenen Tagen ist mir wieder aufgefallen, an was es fehlt: Unterwäsche. Insbesondere für größere Jungs und Mädchen. In Spendenpaketen ist das kaum vorhanden. Wahrscheinlich aus dem Grund, dass viele vielleicht Hemmungen haben, gebrauchte Unterhosen und Co. in ein solches Paket zu stecken. Verständlich. Doch sollten diese noch in einem annehmbaren Zustand sein, sind sie eine sehr willkommene und dringend benötigte Spende.

 

Rückblickend kann ich sagen, dass Weihnachten für die Jungen, Mädchen und Frauen der Fondation ein schönes Ereignis war. Allesamt konnten wir ihnen neue Kleidung und auch Schuhe geben, dazu ein süßes Leckerli in Form von Kuchen oder Bonbons. Das Vorratslager der Fondation ist nun leer geräumt. „Centre Uranderera“, Straßenjungenheim, Heim für junge Mütter – alle konnten glücklicherweise versorgt werden. Morgen, Freitag, besuchen wir noch das Flüchtlingslager in Bujumbura, das die Fondation ebenfalls unterstützt. Auch für die Menschen dort haben wir noch etwas. Es macht glücklich, die glücklichen Gesichter zu sehen. Es zeigt, dass man mit seiner Arbeit etwas erreichen kann, Erfolg in der Hilfe haben kann. Doch bewusst ist mir, dass das ohne die fleißigen und zu Spenden bereiten Menschen daheim nicht funktioniert. Ein Erfolg war die Verteilung an Weihnachten allemal – doch Zeit zum Zurücklehnen bleibt keine. Bedürftig sind sie alle nach wie vor. Vor allem im Hinblick auf die angesagte Hungersnot, wenn die Ernten aufgrund der zu starken Regenfälle ausbleiben. Es wird wohl die nächste Hürde werden. Doch in einem Ausmaß, bei dem die Politik gefragt ist. National wie international. In Asien melden sie gerade wieder die nächsten Warnungen vor Tsunamis. Hilfe wird auch dort benötigt. Die Philippinen und ihre Region werden vielleicht ins Blickfeld der Medien rücken. Auch Äthiopien und Somalia, die jüngst erneut Krieg führen. Ich hoffe, dass unter diesen Umständen die Problematik in Burundi nicht vergessen wird. Auch wenn hier – derzeit – kein Krieg herrscht, geht es den Menschen entsprechend. Und lang anhaltende wirtschaftliche Armut bringt bekanntlich nach sozialen auch die politischen Probleme mit sich.

 

Heute Morgen spielte ich Basketball mit den Jungs. Auf dem Platz war plötzlich ein dermaßen großer Auflauf, dass wir mehrere Teams bildeten und in einer Art Turnier gegeneinander antraten. Das Team, das das jeweilige Spiel gewann, blieb auf dem Platz und trat gegen den nächsten Gegner an und so weiter. Sport verbindet. Das merkte ich heute. Mädchen und Jungen, schwarz und weiß – und Hutu und Tutsi. Gerade bei der Jugend muss man damit ansetzen, dass diese ethnische Frage keine Rolle spielen sollte. So wie heute früh.

 

An dieser Stelle möchte ich mich auch für die vielen, lieben Weihnachtsgrüße aus der Heimat bedanken. Ich bitte zu entschuldigen, dass ich nicht immer im Einzelnen antworten kann. Ich denke, die Leute, die mich kennen, wissen, dass ich an sie denke. Mit großer Regelmäßigkeit. Und ich freue mich sehr über jeden noch so kurzen Gruß. Ein lieber Gruß an meinen Freund in der Heimat, der des Suaheli mächtig ist: Die Mädchen und Jungs freuen sich gespannt auf die Antwort…

 

Übrigens – das merkte ich gestern wieder – sind die Kinder sehr wissbegierig. Gestern Abend saß ich mit einigen von ihnen im Freien auf einer Matte aus Bast. Sie gruppierten sich um mich – Fulgence, Anita, Espérance, Languide, Rose, Liliane und einige andere – und lernten deutsche Vokabeln. Auf Französisch schrieben sie die Wörter und Sätze, die sie gerne wissen wollten. Ich schrieb die Übersetzung daneben. Die Aussprache ist sehr lustig, doch sie lernen sehr schnell und eifrig. Man merkt, dass etwas dahinter steckt, wenn sie etwas fragen. Es ist nicht einfach nur so zum Spaß, sie wollen es wirklich wissen und auch behalten. Jimmy, ein 17-jähriger Ruandese bei uns im Heim, fragte mich, ob er mein kleines Büchlein „Deutsch-Kinyarwanda“ (die Sprache in Ruanda, die dem Kirundi sehr ähnelt), ausleihen könnte. Beinahe täglich überrascht er mich mit neuen deutschen Sätzen und Floskeln. Er ist auch der Beste in seiner Klasse, lernt sehr viel Englisch. Er ist als Kleinkind aus Ruanda geflüchtet, zuerst in den Kongo, dann nach Burundi. Jetzt möchte er sich bilden, Sprachen lernen, Geld verdienen, um die Überlebenden seiner Familie zu finden, die sich in einem anderen afrikanischen Land befinden. Geld braucht er dann für Flug und Visum. Ein aufgeschlossener, intelligenter junger Mann, der sein Leben in die Hand nehmen will, anstatt sich an einem Stück über das Schicksal zu beklagen.

 

Der 16-jährige Ernest fragte mich, ob ich in die Kirche gehe. Ich sage nein, was bei ihm auf Unverständnis stößt. „Warum?“ stellt er mich vor eine Frage, die ich ihm nur schwer beantworten kann. Aus seiner Familie lebt kaum noch jemand, alle wurden während des Bürgerkriegs ermordet. „Imana“ – der burundische Name für Gott – gibt ihm Hoffnung. Ein weiteres Phänomen, das Kriege schon immer in der Geschichte mit sich bringen: Die Zunahme des Glaubens der Menschen an Gott, Allah, Mungu, Imana und wie sie ihn sonst noch nennen mögen. Doch – und auch das zeigt die Geschichte – genau daraus ergeben sich neue, weitere Probleme. Nämlich gerade deshalb, weil der eine der überirdischen Macht, an die er glaubt, einen anderen Namen gibt als der andere. Was im Guten gemeint ist, den Menschen Hoffnung geben und die Verzweiflung in der Armut und in Kriegen nehmen soll, führt paradoxerweise zu neuen Kriegen. Religion eignet sich bestens, missbraucht zu werden. Beispiele dafür finden sich auf der Welt genug und brauchen an dieser Stelle nicht weiter erläutert zu werden.

 

Meine Gedanken schweifen heute sehr weit. Vielleicht nicht die richtige Stelle über Gott und die Welt zu philosophieren, doch ich denke, des zeigt, was mich an manchen Tagen beschäftigt. Weil die großen Probleme der weiten Welt bis ins Kleinste des Alltags nachzuvollziehen sind. Wie eben die mich irritierende Frage von Ernest. Ich habe keinen Krieg erleben müssen. Meine Verwandten – zumindest bis zu einer gewissen Jahreszahl in der Geschichte – sind nicht ermordet worden oder auf einem Schlachtfeld gestorben. Zumindest nicht von der Verwandtenseite, die ich kenne, denn zum Balkan habe ich, außer Freunden, keine existenten Kontakte. Deshalb kann ich den unbändigen Glauben der Menschen hier zwar verstehen – jedoch nicht nachvollziehen. Ich weiß schlichtweg nicht, wie es sein muss. Ebenso wenig wie Ernest meine Position nachvollziehen kann. Wie man so schön sagen kann: Es liegen Welten dazwischen.

 

Freitag, 29. Dezember 2006. 12.11 Uhr in Burundi. Heute Nacht zog ein wahnsinniges Gewitter über Bujumbura hinweg. Es war wohl das stärkste, längste, lauteste und aufgrund der Blitze hellste Unwetter, das ich jemals erlebt habe. Vom lauten Donnern sind wir allesamt aufgewacht, ich konnte jedoch gleich wieder weiter schlafen. Marie erzählte heute Morgen, dass sie auf die Terrasse gegangen war, um sich die Naturgewalt anzusehen. Die Fensterscheiben, selbst der Boden unter ihren Füßen habe von den lauten Donnern gebebt. Das Gewitter hielt sich ungewöhnlich lange über uns, die Donner folgten Schlag auf Schlag nach den hellen Blitzen. Es war so laut, dass man erst dachte, es schlügen riesige Bomben auf unserem Gelände ein. Wie sich wohl die Kinder dabei gefühlt haben müssen? Sie kennen richtige Bomben- und Granateinschläge. Heute Morgen regnete es immer noch, nur nicht mehr so stark. Das Unwetter dürfte den Ernten den letzten Rest gegeben haben. Selbst unsere Karotten und Tomaten im kleinen Gärtchen haben etwas gelitten. In den vergangenen Tagen war es drückend schwül, das Ganze hat sich wohl heute Nacht entladen. Schwül ist es jetzt erst recht, da die Feuchtigkeit vom aufgeheizten Boden wieder aufsteigt.

 

Was ich vergaß zu erzählen: Letzt nachts sah ich auf dem Heimweg meine erste burundische Polizistin! Ich wusste bis dato nicht, dass es so etwas gibt. Ihr Äußeres jedoch erinnerte buchstäblich an das eines „Bullen“. Mit dem Zahnstocher im Mundwinkel, gut genährter Statur und einem Killerblick kann ich mir vorstellen, dass sie sich von ihren männlichen Kollegen nichts, aber auch gar nichts bieten lässt. Ich schmunzle innerlich, grüße aber freundlich, worauf sie ein nicht gekonnt freundliches „Jambo“ zurück raunt. Die Wächter an den Toren unseres beinahe täglichen Wegs hingegen überschlagen sich fast vor Freude, wenn wir an ihnen vorbei kommen. Überschwänglich wird dann gegrüßt, burundische Formeln, die sich nach dem Wohlergehen des anderen erkundigen, wechseln beide Seiten, begleitet von breitem Grinsen. Täglich testen sie unseren Kirundi-Wortschatz um einige Floskeln mehr.

 

Entlang der Rue Rwagasore, die wir zwischen Kinderheim, „Chez André“ und Markt entlang laufen, stehen diese Woche alle 50 Meter Polizisten mit Maschinengewehren. Grund hierfür ist der Präsident, der die gesamte Woche für das neue, kommende Jahr betet und diese Route von Residenz zu Kirche gefahren wird. Gerade höre ich wieder die Sirenen des Polizeiwagens, der der Kolonne voraus fährt. Das Maschinengewehr nach vorne gerichtet, sitzen hinten auf dem Pick Up noch sechs Bewaffnete Militärs, danach dasselbe nochmals mit Polizisten in Blau, gefolgt von drei oder vier schwarzen Mercedes mit abgedunkelten Scheiben. Die Nachhut bilden wieder zwei Pick Ups, einer mit Polizisten und als Schlusslicht einer mit Soldaten und einem großen Maschinengewehr, das nach hinten ausgerichtet ist. Dass die Burunder ihren Präsidenten dermaßen behüten, bei dem, was sie erlebt haben, ist verständlich. Auf der anderen Seite kommt dieses große Theater mit Sirenen und einem rücksichtslosen Fahrstil bei den Einwohnern nicht besonders gut an. Getoppt wird das Fahrverhalten nur noch von den UN mit ihren großen weißen Jeeps.

 

Gestern Abend waren wir im „Centre Culturel Francais“, den Film „8 Mile“ mit Rapstar Eminem anschauen. Die Jungs und Mädels waren begeistert, habe ich den Eindruck. Zu unserem Erstaunen, konnten wir kostenlos ins Kino. Die Kasse am Eingang war geschlossen. Vielleicht ist die Dame am Empfang in Ferien gegangen. Der Portier am Eingang des Kinosaals lässt uns ohne Eintrittskarte passieren. Uns war es recht, denn so konnten wir den 15, die mit waren, im Anschluss noch eine Cola oder Fanta spendieren. Jimmy, der 17-jährige Ruandese, wollte ein Bier, das er aber nicht bekam. Wir sahen auf der einen Seite nicht ein, warum nur er eine Ausnahme bekommen sollte. Zum anderen waren wir uns nicht sicher, ob wir überhaupt Alkohol vergeben dürfen. In allen Heimen der Fondation herrscht nämlich striktes Alkohol-, Rauch- und Drogenverbot. Das gilt auch oder insbesondere für das Straßenkinderheim. Jimmy musste sich also mit einer Cola begnügen.

 

Julia erzählt mir auf dem Rückweg, dass Jimmy ihr auf dem Weg ins Kino in den Ohren gelegen hätte, wir Deutsche seien doch alle reich und wir sollten doch den Kindern Geld geben. Die Versuche Maries und Julias daraufhin, ihm klar zu machen, dass wir keinesfalls reich seien, stoßen bei ihm auf taube Ohren – so habe ich das Gefühl. Natürlich, vergleicht man den deutschen Lebensstandard – auch den unseren in der Heimat – sind wir immer noch reich im Gegensatz zu den meisten Burundern und Ruandesen. Doch nach deutschem Maßstab sind wir eben nicht reich. Aber wie soll man das einem 17-Jährigen erklären, der sein bisheriges Leben nur auf der Flucht war? Auch das ist eines der Probleme, die es bei unserer Arbeit zu bewältigen gilt. Die Kinder sehen, was wir für sie tun, was wir arbeiten können, was wir für sie alles anschleifen. Aber dass wir das nicht alleine aus eigener Tasche bezahlen (können), sondern viel Arbeit und guter Wille der Menschen daheim dahinter steckt, die wir zu animieren versuchen, das können sie nicht verstehen. Zumindest nicht ohne Weiteres. Es bedarf mehrmaliger Erklärungen. Anstrengend ist das zugegebener Maßen auch. Es ist eine Art sich rechtfertigen müssen, was nicht ganz leicht ist.

 

Heute habe ich Heimleiterin Clothilde ein Medikament für den kleinen Adolphe gegeben, das diese Woche in einem Paket ankam. Sie soll es ihm verabreichen, wie auf der Packungsbeilage beschrieben. Adolphe leidet an einer Leberzerrhose (Hepatitis). Er hat einen ungewöhnlich dicken Bauch. Jegliche Hilfe kommt für ihn aber zu spät. Die Leber ist zu sehr geschädigt, als dass man noch etwas für ihn tun könnte. Er weiß das. Und dennoch strahlt er jedes Mal, wenn man ihn grüßt oder sich mit ihm unterhält. Es ist grausam, zu wissen, dass er nicht lange Leben wird und dennoch diese fröhliche Ausstrahlung hat. Er kann damit wahrscheinlich besser umgehen als wir.

 

14 Uhr. Heute Nachmittag besuchen wir das Flüchtlingslager und bringen Spenden dorthin. Ich bin gespannt…

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