Silvestertag
Dezember 31, 2006
Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern einen (sehr) guten Rutsch ins neue Jahr 2007. Danke für das Interesse und die viele Unterstützung in den zurückliegenden Monaten. Ich bitte Sie, den burundikids auch weiterhin treu zu bleiben, vielleicht ab und zu auch einen Gedanken an sie aufzuwenden. Denn nur gemeinsam kann man viel erreichen. Und nur mit der beständigen Basis zu Hause können wir hier vor Ort unsere Arbeit leisten. Ich freue mich auf das weitere Interesse und bemühe mich, die Geschehnisse aus Burundi so gut ich kann zu übermitteln.
Einen guten Rutsch - wo auch immer auf der Welt Sie sich befinden!!! Und danke - für alles. Sonnige Silvestergrüße aus Burundi… PZ
Ein Tag vor Silvester
Dezember 30, 2006
Samstag, 30. Dezember 2006. 10.45 Uhr nach burundischer Zeit. Heute haben wir allesamt ziemlich lange geschlafen bis 9 Uhr. Anscheinend waren wir erschöpft und haben den Schlaf gebraucht. Eigentlich wollten Lena und ich jetzt zu Verena runter laufen, doch es regnet mal wieder. Also heißt es warten und ich nutze die Zeit, den gestrigen Tag Revue passieren zu lassen. Wir besuchten ein Flüchtlingslager am Rande der Hauptstadt, das Verena mit ihrer Fondation unterstützt. Etwa 400 Familien leben hier, meist Kriegswitwen mit ihren Kindern. Menschen aus der Umgebung („Bujumbura Rural“) und viele Ruandesen.
Die Häuschen machen einen stabilen Eindruck, allesamt aus Backstein. Die Fenster sind mit Holz verriegelt. Zwischendurch sieht man einige Wellblechhüttchen, ob darin auch jemand wohnt oder ob sie einem anderen Zweck dienen, kann ich nicht erkennen. Wir passieren einen Mini-Polizeiposten, der aus einem Uniformierten und einer Schranke aus einem Holzbalken besteht. Dann nähern wir uns auf der Sandpiste der kleinen Siedlung, die einen eigenen, geschlossenen Bereich in der Hauptstadt ausmacht. Zum Glück sind wir mit dem Geländewagen unterwegs, denn auf unserem Weg befinden sich auch tiefe Pfützen. Kinder rennen neben dem Auto her und rufen uns zu. Neben der Siedlung befinden sich Felder, überall zwischen den Häusern steht mannshoher Mais.
Wir biegen nach einer Weile rechts ab, in die Siedlung hinein. Sofort sind wir wieder von Menschen umringt, Kinder sowieso, aber auch viele Alte. Wir werden vom dortigen Leiter der Fondation in ein kleines Strohhüttchen geführt, wo wir auf den eigens für uns hindrapierten kleinen Sesseln zwischen exotischen Pflanzen Platz nehmen. Die Tanzgruppe, die auch schon beim Fest der UNICEF für die Rechte der Kinder vergangene Woche einen Preis gewonnen hatte und dort ihr Können gezeigt hatte, stand schon bereit. Als erstes bekommen wir also wieder eine schöne Kostprobe burundischer Tanzkultur. Auch Beatrice und Melchiade, den Mitarbeitern Verenas, gefällt die kleine Show.
Im Anschluss bekommen die Mädchen und Männer einige Kleidungsstücke, etwas Süßes und noch eine Schultasche. Vor dem offenen Hüttchen versammelte sich eine Menschentraube – Mütter mit Babys, Kleinkinder, Jugendliche und Männer. Die Männer stehen hauptsächlich mit grimmiger Miene und verschränkten Armen weiter hinten. Die Frauen zanken sich, wessen Baby die neue Kleidung am meisten benötigt. Die Kinder strecken ihre kleinen, schmutzigen Händchen aus, um ein Bonbon zu ergattern. Sie stehen in zerlumpten T-Shirts und barfüßig im Schlamm. Die Armut ist auch hier groß. Ich habe den Finger permanent auf dem Auslöser meiner Kamera, die Motive sind – aus journalistischer Sicht – vielseitig. Wenn sie nur nicht so traurig wären. Aber auch das ist meine Arbeit, rede ich mir immer wieder ein. Nur wenn ich den Alltag dieser Menschen fotografiere, kann die Welt daheim ungefähr nachvollziehen, was hier bewältigt werden muss, wie es den Flüchtlingen ergeht.
Ich setze mich nach Absprache mit Verena von der Verteilerstelle ab und wate ein wenig zwischen den Hüttchen und Maisfeldern auf dem matschigen Pfad hin und her. Halbstarke lehnen an Backsteinwänden, in der einen Hand ein Radio, das sie sich ans Ohr drücken, in der anderen eine Zigarette. Alte Frauen huschen um die nächste Hausecke, sobald sie meine Kamera sehen, andere wiederum posieren vergnüglich. Wenn mich die Menschen sehen, frage ich sie höflich, ob ich ein Foto machen darf. Sind sie noch weiter weg und sehen mich nicht, versuche ich, die ungestellte und natürliche Situation mit dem größeren Objektiv einzufangen. Ein alter Mann mit makellosem Gebiss grinst über beide Ohren als er mich sieht und freut sich, dass ich die Kamera auf ihn lenke. Zwei jüngere Männer hingegen beschweren sich, ich dürfte hier nicht fotografieren, von wem ich denn dafür autorisiert sei. Ich sage, ich arbeite für die Fondation Stamm, was bei ihnen allerdings auf recht wenig Verständnis stößt. Dennoch lassen sie mich in Ruhe meiner Arbeit nachgehen.
Ich fotografiere eine Kochstelle vor dem Eingang eines der Backsteinhäuser. „Restaurant“ lädt ein selbst gemaltes Schild über der Holztür ein. Weiter vorne ein kleiner Verkaufsstand. Die Besitzerin lehnt leger an ihrem Holzverschlag und deutet auf die kleinen Häufchen auf dem kniehohen Tisch vor ihr. Erdnüsse, „indagara“ (die kleinen Fischchen) und weitere Kostbarkeiten hat sie in einheitlichen Portionen gerichtet und preist sie mir zum Verkauf an. Ich deute ihr, dass ich leider kein Geld bei mir habe. Plötzlich kommt ein Mann auf mich zu, ich denke er ist Mitte 20. „Monsieur“, spricht er mich an und zeigt mir ein Schreiben eines Arztes, das ihm eine schwere Krankheit attestiert und Medikamente verschreibt. Sein ganzer kurz geschorener Kopf ist mit Narben und stellenweise heller Haut überzogen. Es sieht aus wie schlecht verheilte Brandwunden. Sein linkes Auge ist blutunterlaufen. Er spricht leider ausschließlich Kirundi. Ich versuche, ihm zu verstehen zu geben, dass er hin zu Verena gehen und es ihr zeigen soll. Sie könnte ihm vielleicht weiter helfen. Er nickt nur, bleibt aber an Ort und Stelle stehen und schaut mich weiterhin erwartungsvoll an. Ich versuche es erneut, doch er versteht mich nicht. Oder er will mich nicht verstehen, ich weiß es nicht.
Eine Frau stürmt auf mich zu. Ich solle ihr ein „Trikot“ geben. Dann dürfe ich sie auch fotografieren. Ich sage ihr, ich habe kein „Trikot“, sie solle sich doch in die Schlange bei Verena stellen. Dort bekommt sie sicher etwas. Doch sie bleibt hartnäckig, bis ich ihr alle meine leeren Hosentaschen zeige. Dann zieht sie ab, schmunzelt mich aber dennoch an. Später sehe ich sie mit ihrem Baby auf dem Arm bei dem Hüttchen stehen, in dem Verena mit Julia, Lena und Marie Spenden verteilt.
Ein Mann hält sein splitternacktes Baby über die kleine Menschenmenge. Wahrscheinlich möchte er damit zeigen, dass sein Kind das Vorrecht auf neue Kleidung habe. Das Geschrei ist groß, die Kinder drücken immer mehr. Plötzlich nimmt eine ältere Frau einen Baststock und schlägt nach den Kids, um sie zurück zu treiben. In der anderen Hand die Packung mit Süßigkeiten. Lena wird beinahe rot vor Wut und nimmt ihr den Stock weg. Im Zaum halten okay, aber nicht mit dem Stock – die ältere Frau schaut erst verdutzt, versteht dann aber und hält sich daran. Zumindest, so denke ich, bis wir das Lager wieder verlassen haben. Denn wo Lena den Stock hingelegt hat, ist den wachsamen Augen der Alten nicht entgangen.
Ein anderer junger Mann sagt mir, er habe keinen Job und sieht mich mit großen Augen an. Er spricht Englisch, also antworte ich ihm, dass ich leider keine Arbeit für ihn habe und dass es mir sehr leid tue. „Macht nichts“, sagt er in einem gebrochenen Deutsch und grinst mich an. Ich grinse zurück und er schüttelt meine Hand. „Thank you“, verabschiedet er sich. Kurz darauf verlassen wir wieder das Lager und fahren nach Hause. Zurück bleiben ein Mal mehr Eindrücke in unseren Köpfen, die man erst einmal verarbeiten muss. Die Bilder, die ich von Ort und Stelle immer mit nach Hause nehme und dort abermals anschaue – meistens allein –, stimmen nachdenklich. Natürlich betrachte ich die Bilder nach ihrem qualitativen Maßstab, sortiere nach Verwendbarkeit. Denke journalistisch, an meine Arbeit. Aber die großen, glänzenden Augen der Kinder, die aus ihren zerlumpten Kleider lächeln, gehen nicht spurlos an einem vorüber. Ich wandle aber den aufzukommen drohenden Verfall in Mitleid, das niemandem etwas bringt, schnellstmöglich um in Gedanken und Ideen, wie man die Arbeit der Fondation, sprich für die Armen, verbessern, ausweiten könnte. Was man noch alles tun könnte. Ich denke, das ist eine ganz gute Methode, nicht zu verzweifeln. Zumindest funktioniert das bislang ganz gut. Ich werde weiterhin meine Bilder machen. Um den Menschen daheim die Augen zu öffnen. Um nur ungefähr zu vermitteln, was hier, auf der anderen Seite der Weltkugel, abgeht.
Gestern Abend verwandelte sich unsere kleine Küche in einen Frisörsalon. Liliane, die 22-jährige junge Frau hier im Heim, hat Lena die Haare geflochten – zu vielen, kleinen Zöpfchen, ganz nach afrikanischer Art. Nur, dass Lena eben helle Haare hat. Daneben saß noch Languide, ein Mädchen, das ich bislang nicht oft sah. Sie ist sehr schüchtern, traut sich aber langsam auch immer mehr in unsere Nähe. Nach kurzer Zeit gesellte sich noch King Kong hinzu, die Frau, die ebenfalls hier im Heim lebt, für die Wäsche der Kinder zuständig ist und auch eine leitende Funktion innehat. Sie kommt aus dem Kongo und ihre raue Stimme fasziniert mich – vor allem, wenn sie in schallendes Gelächter ausbricht. Sie setzt sich neben Lena und bekommt ihre Tage zuvor geflochtenen Zöpfchen wieder aufgemacht. Ihre kleine Tochter, Nadine (fünf Jahre), schaut interessiert zu und will Klatschspielchen mit mir machen. Eine richtig nette Runde. Auch Flora, die schwangere 23-Jährige, die wir nicht lange nach unserer Ankunft hier in Burundi, im Heim aufgenommen hatten, hat im Frisörsalon Platz genommen. Ihr kleiner Junge wird im Januar erwartet. Wir sind allesamt schon aufgeregt und freuen uns auf ihr Baby. Es strample sehr, sagt sie, und lächelt dabei ganz warm und herzlich. Angeblich sei sie auf der Straße vergewaltigt worden und ihre Mutter habe sie darauf hin verstoßen. Zumindest sagt sie das. Allerdings kann es auch sein, dass diese Geschichte viele Mädchen erzählen, weil sie eben ein uneheliches Kind erwarten und nicht von der Gesellschaft verachtet werden wollen. Dennoch, ob wir ihre Geschichte glauben oder nicht, sie brauchte Hilfe, also durfte sie hier bleiben. Wir sind jetzt schon traurig, wenn wir daran denken, dass sie nicht im Heim bleiben kann, wenn ihr Baby da ist. Wir haben Flora lieb gewonnen. Vielleicht kann sie im Anschluss in das andere Heim für junge Mütter einziehen. Das obliegt aber der Entscheidung Verenas. Hier, bei den Waisen, kann sie jedoch nicht bleiben.
An Freitag vor Silvester
Dezember 29, 2006
Donnerstag, 28. Dezember 2006. 13.53 Uhr in Burundi. Ich sitze gerade auf dem Balkon von Verenas Haus und ein großer Bus mit kreischenden Frauen fährt vorbei. Die Sonne scheint kräftig, durch den leichten Wind ist das Klima heute jedoch sehr angenehm. Im „Chez André“ sind heute drei verschiedene Seminargruppen, morgen steht eine weitere Reservierung auf dem Plan und am Samstag eine Hochzeit. Verena ist dementsprechend viel eingespannt. Dennoch nahm sie sich gestern die Zeit, noch ein paar Weihnachtsgeschenke in unserem Heim für junge Mütter im Viertel „Kamenge“ zu verteilen. Melchiade, der Chauffeur, fährt Verena und mich, außerdem noch Beatrice – eine Büroangestellte der Fondation –, Jaqueline und Lise (zwei Mitarbeiterinnen des Restaurants) nach „Kamenge“. Lise und Jaqueline erledigen andere Dinge, Beatrice kommt mit ins Heim, um die Klamotten für die Frauen und ihre Kinder zu verteilen.
Gegen 15.30 Uhr kommen wir an. Vor dem Tor empfangen uns wie jedes Mal kleine Kinder aus dem Viertel. Es ist eines der ärmeren Viertel Bujumburas, die Straßen bestehen nur aus Sand und Steinen. Die Armut ist hier auch der Grund, weshalb in „Kamenge“ das Hutu-Tutsi-Problem weiterhin Thema ist. Kaum haben wir das Stahltor passiert, werden wir von den Mädchen freudig begrüßt. Allesamt haben sie ihre besten Kleider angezogen und ihre Kleinkinder und Babys ebenfalls in die schönsten Kleidchen gesteckt, die sie haben – dazu natürlich sehr schicke Frisuren, bei Groß und Klein. Wir treffen auch auf eine Schwester Benoits, die sich zurzeit im Heim engagiert. Sie hilft Verena und Beatrice, die Kleider- und Schuhspenden auf Tischen auszubreiten, während ich draußen im Freien Fotos mache. Dann bekommen wir erst einmal eine beeindruckende Tanz- und Gesangsaufführung der jungen Frauen. Wie sie sich allesamt bewegen können, fasziniert mich jedes Mal. Burunder scheinen den Rhythmus im Blut zu haben, Männer wie Frauen.
Lena, Julia und Marie sind im „Centre Uranderera“ geblieben und haben mit den Kindern zwei große Tücher bedruckt – mit Händen und Füßen, im wahrsten Sinne des Wortes. Ihre aufgenommenen Bilder, die ich abends zu Gesicht bekomme, offenbaren mir die kleine Farbschlacht. Die Tücher sind schön, viele kleine Hände und Füßchen sind darauf. Dabei steht der Name des jeweiligen Kindes.
Aber zurück nach „Kamenge“. Unter den tanzenden jungen Frauen – allesamt zwischen 15 und 22 Jahren – ist auch eine Ruandesin. Ich nenne auch die 15-Jährigen „junge Frauen“, denn bei dem, was sie bislang erleben mussten, ist ihnen eine für ihr Alter unnatürliche Reife zueigen. Die Ruandesin tanzt ein wenig anders, meint Verena. Es sei etwas eleganter, langsamer als die burundischen Tänze. Für mich ist der Unterschied nur schwer erkennbar. Im Anschluss an die kulturelle Darbietung gibt es für alle Fanta und Cola, dazu ein burundisches Gebäck, das mich an deutsche Fasnachtskrapfen erinnert. Abdallah, ein kleine Junge, will mir seinen schenken. Ich steige in das Lachen der Mutter und der anderen Frauen ein und gebe ihm seine Süßigkeit zurück, die er sich daraufhin im Ganzen in den Mund zu stecken versucht. Ein köstlicher Anblick. Eddie, ein noch kleinerer Junge, lugt verschmitzt hinter dem Rücken seiner Mama hervor, als er die Kamera entdeckt. Er lacht und versteckt sich gleich wieder, sobald ich ihn fotografieren will.
Dann war es soweit: Die Frauen wurden eine nach der anderen ins Zimmer gerufen, wo die Kleider und Schuhe aufgebahrt waren. Es geht insgesamt sehr geordnet und ruhig zu, man merkt eben doch, dass hier ausschließlich Frauen wohnen. Die Mädchen kichern, als ich sie fotografiere. Ihre Babys staunen teils mit offenen Mündern. An diesem Tag mache ich erstmals bewusst mit Serafine Bekanntschaft und schüttele ihr die Hand. Es ist das Mädchen, das auf den Internetseiten von burundikids.de in einer nachdenklichen Pose von Ursula Meissner aufgenommen wurde. Sie war 13 Jahre alt, als sie ins Heim kam. Und HIV-infiziert. Heute ist sie 15 und die Medikamente scheinen bei ihr gut zu wirken. Ihr Gesicht macht den Eindruck eines gesunden Mädchens, nur ihre dünnen Beine verraten das schlimme Schicksal. Ihr Lächeln berührt mich und stimmt mich nachdenklich. Was muss in ihrem Kopf vorgehen? Dieses hübsche Mädchen mit den strahlend weißen Zähnen, das sich in jungen Jahren auf Bujumburas Straßen prostituieren musste und somit ihr fatales Schicksal in Kauf nahm? Im Heim, bei den anderen Frauen, scheint sie sich wohl zu fühlen.
Claudine, eine andere junge Frau, hat ihrer kleinen Tochter süße Zöpfchen geflochten und mit bunten Spangen geschmückt. Die Kleine wirkt unheimlich niedlich, während sie mit dem großen Krapfen kämpft. Claudine weiß, dass Lena meine Freundin ist. Lächelnd kommt sie auf mich zu und sagt, dass sie auch gerne einen deutschen Freund hätte. Ich lache, so wie ihre Freundinnen hinter ihr. Sie sagt, sie würde uns mal im Kinderheim besuchen kommen. Der Tag in „Kamenge“ stimmt mich insgesamt nachdenklich. So viele liebe Frauen mit ihren kleinen Babys. Unglaublich, was sie alle zu erzählen wissen. Ich nehme mir vor, irgendwann in der Zeit, in der ich noch hier bin, ihre Geschichten aufzuschreiben. Sie sollen dann auf dem neuen Internetauftritt der Fondation veröffentlicht werden.
Am Abend verrate ich den großen Jungs und Mädchen im Kinderheim, dass ich mit ihnen ins Kino gehen möchte. Die Begeisterung ist groß. Natürlich melden sich auch einige Kleine, die weder Französisch sprechen und verstehen, noch dass für sie der Film „8 Mile“ mit Eminem geeignet wäre. Ich verspreche ihnen, dass wir nochmals ins Kino gehen werden, in einen Film, den auch die schauen können und dürfen. Somit sind wieder alle zufrieden.
Aus Deutschland erreichten mich wieder Mails, die mich sehr freuen, weil sie weitere Unterstützung zusagen. Es betrifft die Bürgermeister von Eggenstein-Leopoldshafen – meiner Heimat im Landkreis Karlsruhe – und Linkenheim-Hochstetten, eine Gemeinde daneben. Oftmals bleiben in den unterschiedlichen Sporthallen Kleidungsstücke liegen, die für eine gewisse Zeit aufgehoben werden, bis sie jemand abholt. Manche jedoch werden nie abgeholt. Die werden dann, bevor sie in den Müll wandern, für die Kinder in Burundi gesammelt. Ich freue mich, wenn dieses Engagement klappen sollte. Ebenfalls freute mich die Nachricht meines Onkels: Als er sein Auto aus der Werkstatt abholte, drückte ihm eine Frau nicht mehr benötigte Brillen in die Hand – für die burundikids. Solche an für sich Kleinigkeiten imponieren mir sehr. Die Hilfsbereitschaft macht mich glücklich. Es gibt doch noch genügend von den Guten, von denen, die nicht nur an sich und ihr eigenes leben denken.
In den vergangenen Tagen ist mir wieder aufgefallen, an was es fehlt: Unterwäsche. Insbesondere für größere Jungs und Mädchen. In Spendenpaketen ist das kaum vorhanden. Wahrscheinlich aus dem Grund, dass viele vielleicht Hemmungen haben, gebrauchte Unterhosen und Co. in ein solches Paket zu stecken. Verständlich. Doch sollten diese noch in einem annehmbaren Zustand sein, sind sie eine sehr willkommene und dringend benötigte Spende.
Rückblickend kann ich sagen, dass Weihnachten für die Jungen, Mädchen und Frauen der Fondation ein schönes Ereignis war. Allesamt konnten wir ihnen neue Kleidung und auch Schuhe geben, dazu ein süßes Leckerli in Form von Kuchen oder Bonbons. Das Vorratslager der Fondation ist nun leer geräumt. „Centre Uranderera“, Straßenjungenheim, Heim für junge Mütter – alle konnten glücklicherweise versorgt werden. Morgen, Freitag, besuchen wir noch das Flüchtlingslager in Bujumbura, das die Fondation ebenfalls unterstützt. Auch für die Menschen dort haben wir noch etwas. Es macht glücklich, die glücklichen Gesichter zu sehen. Es zeigt, dass man mit seiner Arbeit etwas erreichen kann, Erfolg in der Hilfe haben kann. Doch bewusst ist mir, dass das ohne die fleißigen und zu Spenden bereiten Menschen daheim nicht funktioniert. Ein Erfolg war die Verteilung an Weihnachten allemal – doch Zeit zum Zurücklehnen bleibt keine. Bedürftig sind sie alle nach wie vor. Vor allem im Hinblick auf die angesagte Hungersnot, wenn die Ernten aufgrund der zu starken Regenfälle ausbleiben. Es wird wohl die nächste Hürde werden. Doch in einem Ausmaß, bei dem die Politik gefragt ist. National wie international. In Asien melden sie gerade wieder die nächsten Warnungen vor Tsunamis. Hilfe wird auch dort benötigt. Die Philippinen und ihre Region werden vielleicht ins Blickfeld der Medien rücken. Auch Äthiopien und Somalia, die jüngst erneut Krieg führen. Ich hoffe, dass unter diesen Umständen die Problematik in Burundi nicht vergessen wird. Auch wenn hier – derzeit – kein Krieg herrscht, geht es den Menschen entsprechend. Und lang anhaltende wirtschaftliche Armut bringt bekanntlich nach sozialen auch die politischen Probleme mit sich.
Heute Morgen spielte ich Basketball mit den Jungs. Auf dem Platz war plötzlich ein dermaßen großer Auflauf, dass wir mehrere Teams bildeten und in einer Art Turnier gegeneinander antraten. Das Team, das das jeweilige Spiel gewann, blieb auf dem Platz und trat gegen den nächsten Gegner an und so weiter. Sport verbindet. Das merkte ich heute. Mädchen und Jungen, schwarz und weiß – und Hutu und Tutsi. Gerade bei der Jugend muss man damit ansetzen, dass diese ethnische Frage keine Rolle spielen sollte. So wie heute früh.
An dieser Stelle möchte ich mich auch für die vielen, lieben Weihnachtsgrüße aus der Heimat bedanken. Ich bitte zu entschuldigen, dass ich nicht immer im Einzelnen antworten kann. Ich denke, die Leute, die mich kennen, wissen, dass ich an sie denke. Mit großer Regelmäßigkeit. Und ich freue mich sehr über jeden noch so kurzen Gruß. Ein lieber Gruß an meinen Freund in der Heimat, der des Suaheli mächtig ist: Die Mädchen und Jungs freuen sich gespannt auf die Antwort…
Übrigens – das merkte ich gestern wieder – sind die Kinder sehr wissbegierig. Gestern Abend saß ich mit einigen von ihnen im Freien auf einer Matte aus Bast. Sie gruppierten sich um mich – Fulgence, Anita, Espérance, Languide, Rose, Liliane und einige andere – und lernten deutsche Vokabeln. Auf Französisch schrieben sie die Wörter und Sätze, die sie gerne wissen wollten. Ich schrieb die Übersetzung daneben. Die Aussprache ist sehr lustig, doch sie lernen sehr schnell und eifrig. Man merkt, dass etwas dahinter steckt, wenn sie etwas fragen. Es ist nicht einfach nur so zum Spaß, sie wollen es wirklich wissen und auch behalten. Jimmy, ein 17-jähriger Ruandese bei uns im Heim, fragte mich, ob er mein kleines Büchlein „Deutsch-Kinyarwanda“ (die Sprache in Ruanda, die dem Kirundi sehr ähnelt), ausleihen könnte. Beinahe täglich überrascht er mich mit neuen deutschen Sätzen und Floskeln. Er ist auch der Beste in seiner Klasse, lernt sehr viel Englisch. Er ist als Kleinkind aus Ruanda geflüchtet, zuerst in den Kongo, dann nach Burundi. Jetzt möchte er sich bilden, Sprachen lernen, Geld verdienen, um die Überlebenden seiner Familie zu finden, die sich in einem anderen afrikanischen Land befinden. Geld braucht er dann für Flug und Visum. Ein aufgeschlossener, intelligenter junger Mann, der sein Leben in die Hand nehmen will, anstatt sich an einem Stück über das Schicksal zu beklagen.
Der 16-jährige Ernest fragte mich, ob ich in die Kirche gehe. Ich sage nein, was bei ihm auf Unverständnis stößt. „Warum?“ stellt er mich vor eine Frage, die ich ihm nur schwer beantworten kann. Aus seiner Familie lebt kaum noch jemand, alle wurden während des Bürgerkriegs ermordet. „Imana“ – der burundische Name für Gott – gibt ihm Hoffnung. Ein weiteres Phänomen, das Kriege schon immer in der Geschichte mit sich bringen: Die Zunahme des Glaubens der Menschen an Gott, Allah, Mungu, Imana und wie sie ihn sonst noch nennen mögen. Doch – und auch das zeigt die Geschichte – genau daraus ergeben sich neue, weitere Probleme. Nämlich gerade deshalb, weil der eine der überirdischen Macht, an die er glaubt, einen anderen Namen gibt als der andere. Was im Guten gemeint ist, den Menschen Hoffnung geben und die Verzweiflung in der Armut und in Kriegen nehmen soll, führt paradoxerweise zu neuen Kriegen. Religion eignet sich bestens, missbraucht zu werden. Beispiele dafür finden sich auf der Welt genug und brauchen an dieser Stelle nicht weiter erläutert zu werden.
Meine Gedanken schweifen heute sehr weit. Vielleicht nicht die richtige Stelle über Gott und die Welt zu philosophieren, doch ich denke, des zeigt, was mich an manchen Tagen beschäftigt. Weil die großen Probleme der weiten Welt bis ins Kleinste des Alltags nachzuvollziehen sind. Wie eben die mich irritierende Frage von Ernest. Ich habe keinen Krieg erleben müssen. Meine Verwandten – zumindest bis zu einer gewissen Jahreszahl in der Geschichte – sind nicht ermordet worden oder auf einem Schlachtfeld gestorben. Zumindest nicht von der Verwandtenseite, die ich kenne, denn zum Balkan habe ich, außer Freunden, keine existenten Kontakte. Deshalb kann ich den unbändigen Glauben der Menschen hier zwar verstehen – jedoch nicht nachvollziehen. Ich weiß schlichtweg nicht, wie es sein muss. Ebenso wenig wie Ernest meine Position nachvollziehen kann. Wie man so schön sagen kann: Es liegen Welten dazwischen.
Freitag, 29. Dezember 2006. 12.11 Uhr in Burundi. Heute Nacht zog ein wahnsinniges Gewitter über Bujumbura hinweg. Es war wohl das stärkste, längste, lauteste und aufgrund der Blitze hellste Unwetter, das ich jemals erlebt habe. Vom lauten Donnern sind wir allesamt aufgewacht, ich konnte jedoch gleich wieder weiter schlafen. Marie erzählte heute Morgen, dass sie auf die Terrasse gegangen war, um sich die Naturgewalt anzusehen. Die Fensterscheiben, selbst der Boden unter ihren Füßen habe von den lauten Donnern gebebt. Das Gewitter hielt sich ungewöhnlich lange über uns, die Donner folgten Schlag auf Schlag nach den hellen Blitzen. Es war so laut, dass man erst dachte, es schlügen riesige Bomben auf unserem Gelände ein. Wie sich wohl die Kinder dabei gefühlt haben müssen? Sie kennen richtige Bomben- und Granateinschläge. Heute Morgen regnete es immer noch, nur nicht mehr so stark. Das Unwetter dürfte den Ernten den letzten Rest gegeben haben. Selbst unsere Karotten und Tomaten im kleinen Gärtchen haben etwas gelitten. In den vergangenen Tagen war es drückend schwül, das Ganze hat sich wohl heute Nacht entladen. Schwül ist es jetzt erst recht, da die Feuchtigkeit vom aufgeheizten Boden wieder aufsteigt.
Was ich vergaß zu erzählen: Letzt nachts sah ich auf dem Heimweg meine erste burundische Polizistin! Ich wusste bis dato nicht, dass es so etwas gibt. Ihr Äußeres jedoch erinnerte buchstäblich an das eines „Bullen“. Mit dem Zahnstocher im Mundwinkel, gut genährter Statur und einem Killerblick kann ich mir vorstellen, dass sie sich von ihren männlichen Kollegen nichts, aber auch gar nichts bieten lässt. Ich schmunzle innerlich, grüße aber freundlich, worauf sie ein nicht gekonnt freundliches „Jambo“ zurück raunt. Die Wächter an den Toren unseres beinahe täglichen Wegs hingegen überschlagen sich fast vor Freude, wenn wir an ihnen vorbei kommen. Überschwänglich wird dann gegrüßt, burundische Formeln, die sich nach dem Wohlergehen des anderen erkundigen, wechseln beide Seiten, begleitet von breitem Grinsen. Täglich testen sie unseren Kirundi-Wortschatz um einige Floskeln mehr.
Entlang der Rue Rwagasore, die wir zwischen Kinderheim, „Chez André“ und Markt entlang laufen, stehen diese Woche alle 50 Meter Polizisten mit Maschinengewehren. Grund hierfür ist der Präsident, der die gesamte Woche für das neue, kommende Jahr betet und diese Route von Residenz zu Kirche gefahren wird. Gerade höre ich wieder die Sirenen des Polizeiwagens, der der Kolonne voraus fährt. Das Maschinengewehr nach vorne gerichtet, sitzen hinten auf dem Pick Up noch sechs Bewaffnete Militärs, danach dasselbe nochmals mit Polizisten in Blau, gefolgt von drei oder vier schwarzen Mercedes mit abgedunkelten Scheiben. Die Nachhut bilden wieder zwei Pick Ups, einer mit Polizisten und als Schlusslicht einer mit Soldaten und einem großen Maschinengewehr, das nach hinten ausgerichtet ist. Dass die Burunder ihren Präsidenten dermaßen behüten, bei dem, was sie erlebt haben, ist verständlich. Auf der anderen Seite kommt dieses große Theater mit Sirenen und einem rücksichtslosen Fahrstil bei den Einwohnern nicht besonders gut an. Getoppt wird das Fahrverhalten nur noch von den UN mit ihren großen weißen Jeeps.
Gestern Abend waren wir im „Centre Culturel Francais“, den Film „8 Mile“ mit Rapstar Eminem anschauen. Die Jungs und Mädels waren begeistert, habe ich den Eindruck. Zu unserem Erstaunen, konnten wir kostenlos ins Kino. Die Kasse am Eingang war geschlossen. Vielleicht ist die Dame am Empfang in Ferien gegangen. Der Portier am Eingang des Kinosaals lässt uns ohne Eintrittskarte passieren. Uns war es recht, denn so konnten wir den 15, die mit waren, im Anschluss noch eine Cola oder Fanta spendieren. Jimmy, der 17-jährige Ruandese, wollte ein Bier, das er aber nicht bekam. Wir sahen auf der einen Seite nicht ein, warum nur er eine Ausnahme bekommen sollte. Zum anderen waren wir uns nicht sicher, ob wir überhaupt Alkohol vergeben dürfen. In allen Heimen der Fondation herrscht nämlich striktes Alkohol-, Rauch- und Drogenverbot. Das gilt auch oder insbesondere für das Straßenkinderheim. Jimmy musste sich also mit einer Cola begnügen.
Julia erzählt mir auf dem Rückweg, dass Jimmy ihr auf dem Weg ins Kino in den Ohren gelegen hätte, wir Deutsche seien doch alle reich und wir sollten doch den Kindern Geld geben. Die Versuche Maries und Julias daraufhin, ihm klar zu machen, dass wir keinesfalls reich seien, stoßen bei ihm auf taube Ohren – so habe ich das Gefühl. Natürlich, vergleicht man den deutschen Lebensstandard – auch den unseren in der Heimat – sind wir immer noch reich im Gegensatz zu den meisten Burundern und Ruandesen. Doch nach deutschem Maßstab sind wir eben nicht reich. Aber wie soll man das einem 17-Jährigen erklären, der sein bisheriges Leben nur auf der Flucht war? Auch das ist eines der Probleme, die es bei unserer Arbeit zu bewältigen gilt. Die Kinder sehen, was wir für sie tun, was wir arbeiten können, was wir für sie alles anschleifen. Aber dass wir das nicht alleine aus eigener Tasche bezahlen (können), sondern viel Arbeit und guter Wille der Menschen daheim dahinter steckt, die wir zu animieren versuchen, das können sie nicht verstehen. Zumindest nicht ohne Weiteres. Es bedarf mehrmaliger Erklärungen. Anstrengend ist das zugegebener Maßen auch. Es ist eine Art sich rechtfertigen müssen, was nicht ganz leicht ist.
Heute habe ich Heimleiterin Clothilde ein Medikament für den kleinen Adolphe gegeben, das diese Woche in einem Paket ankam. Sie soll es ihm verabreichen, wie auf der Packungsbeilage beschrieben. Adolphe leidet an einer Leberzerrhose (Hepatitis). Er hat einen ungewöhnlich dicken Bauch. Jegliche Hilfe kommt für ihn aber zu spät. Die Leber ist zu sehr geschädigt, als dass man noch etwas für ihn tun könnte. Er weiß das. Und dennoch strahlt er jedes Mal, wenn man ihn grüßt oder sich mit ihm unterhält. Es ist grausam, zu wissen, dass er nicht lange Leben wird und dennoch diese fröhliche Ausstrahlung hat. Er kann damit wahrscheinlich besser umgehen als wir.
14 Uhr. Heute Nachmittag besuchen wir das Flüchtlingslager und bringen Spenden dorthin. Ich bin gespannt…
Weihnachten - so war es in Burundi
Dezember 26, 2006
Dienstag, 26. Dezember 2006. 11.16 Uhr in Burundi. Weihnachten ging so schnell vorüber, wie es kam. Es war aber eine ganz besondere Weihnacht hier in Bujumbura – für uns und auch für unsere Kinder. Aber der Reihe nach…
Am Sonntag, 24. Dezember, packten wir einige große Kisten ein und fuhren ins Straßenkinderheim zu den 106 Jungs. Dort herrschte dann helle Aufregung. Mit im Gepäck auch drei Kuchen, die Lena am Morgen noch auf die Schnelle gebacken hatte. Zwei in der Art eines Marmorkuchens und ein Schokoladenkuchen mit bunten Streuseln. Verena hatte noch verschiedene Sorten Bonbons gekauft. Davon durfte sich jedes der Kinder und Jugendlichen bedienen, nachdem es sich ein Paar Schuhe, Hosen oder Shirts ausgesucht hatte. Es ging recht geordnet zu, Bienvenue, einer der Heimleiter, hatte eine Liste, auf der er abhakte, wer schon an der Reihe war und wer nicht. Zu den Klamotten kommt noch – aufgrund einer großzügigen Spende aus Deutschland und des ökonomischen Verhandlungsgeschicks einer einheimischen Mitarbeiterin – ein Paar Schlappen für jeden der Jungs. Etwa drei Stunden waren wir im Straßenkinderheim, bis alle Klamotten, Harley-Davidson-Shirts, Kappen und noch einige Kleinigkeiten wie Kulis und so weiter, sowie unsere drei Kuchen und die Bonbons verteilt waren. Im Anschluss begannen der Handel und die Tauschgeschäfte unter den Jungs untereinander.
Gegen 18 Uhr fährt uns Verena zurück ins Heim, wo wir duschen und uns fertig machen wollten. Da am 24. Dezember in Burundi eigentlich kein Weihnachten gefeiert wird – sondern einen Tag später –, entschlossen wir uns, im kleinen Kreis im „Chez André“ zu feiern: Verena, Benoit und wir vier. Es war eine ganz besondere Weihnacht, im kurzärmligen Hemd und wortwörtlich unter Palmen auf der Terrasse des Restaurants. Auch unser Essen war richtig feierlich zu Heilig Abend. Als Aperitif ein Campari mit Jus de Maracuja (Maracujasaft), danach folgte eine Entenpastete mit Toast, schön garniert mit einem Salatblatt, Zwiebeln, Tomate und einer Olive. Den Hauptgang konnte jeder selbst wählen. Ich habe Rinderbraten mit burundischen Pfifferlingen und Kartoffeln gegessen, Lena ebenfalls Rinderbraten in einer Pfeffersauce, Julia Gemüse und Marie bestellte dasselbe wie Verena und Benoit: Krustentiere. Unser Tisch war schön dekoriert mit Kerzen, die sich in den Rotweingläsern spiegelten. Zum Nachtisch servierte uns Verena eine Eisrolle – ein absoluter Wahnsinn! Wir wurden also am deutschen Heilig Abend rundum verwöhnt. Ach ja, als Dégistif gab es Cognac und Contreau.
Im Anschluss an das Essen trauten wir unseren Augen nicht. Dann kamen nämlich richtige Weihnachtsgefühle auf, beinahe wie zu Hause, die sich ja bislang nicht einstellen wollten. Lena und ich übergaben Verena und Benoit ihre Weihnachtsgeschenke – extra auf Bestellung importiert aus Deutschland. Benoit bekam ein Fläschchen „Tannenzäpfle“ vom badischen Rothaus – das dürfte nun nicht allen Lesern etwas sagen. Ein Bier aus meiner Heimat, mit Verlaub das beste. Verena bekam eine Olivendusche, dazu leckere „Weihnachtsmandeln“. Julia und Marie schenkten wir Schokolade – mit einem entsprechenden Motto darauf. „Trostschokolade“ und „Gute Laune Drops“, was es damit auf sich hat, können sie selbst erzählen.
Jedenfalls überraschte uns Verena dann damit, dass sie plötzlich auch Geschenke für uns herbei zauberte – womit wir absolut nicht gerechnet hatten. Beinahe mütterlich hat sie Geschenke gekauft, die auf jeden von uns abgestimmt waren. Die drei Mädels bekamen Schmuck und afrikanische Tücher, ich einen Schlüsselanhänger in der Form Afrikas und mit dem burundischen Vogel „Musambi“ darauf. Er kann an den deutschen Storch erinnern, nur hat er ein schöneres Gefieder mit einer Art Bürste auf dem Kopf. Dazu bekamen Lena und ich das aller erste Einrichtungsstück für unsere erste gemeinsame Wohnung, die wir ja im Anschluss an Burundi planen. Es ist ein burundisches Tischset aus Bast. Richtig schön! Wir staunen allesamt und sitzen mit großen Augen vor den Bergen von Geschenken. Hatten ja auch von unseren Verwandten aus Deutschland Pakete geschickt bekommen, die wir erst an Heilig Abend öffnen durften. Duschgel, T-Shirt, Parfum, leckere Süßigkeiten, Briefe, Bücher, alles dabei. Jetzt fühlten wir doch noch die Weihnachtsstimmung. Dazu trugen auch die CD bei, die Verena eingelegt hatte, und der Weihnachtsbaum im Restaurant. Wir telefonieren auch allesamt nach Hause, selbst Verena und Benoit sprechen ihre Söhne Daphne und Marc, die sich in Schweden und den Niederlanden zum Studium aufhalten.
Vollends zufrieden, glücklich, satt und auch etwas erschöpft fährt uns dann Verena nach Hause. Ich denke, auch für sie und Benoit war es ein schöner Abend. Immerhin waren sie nicht allein – auch für sie war es schwer, als die Söhne zum Studieren das Haus verließen.
Dann kam der große Montag, 25. Dezember, das eigentliche Weihnachten in Burundi und der Tag unseres großen Fests mit den Kids im Heim. Julia und Marie sind morgens mit Benoit in die Kirche zur Weihnachtsmesse, Lena und ich bereiten derzeit einiges für die Party vor: Tische und Stühle auf der Terrasse anordnen, Becher (die Marie mit den Namen der Kids beschriftet hatte und die diese im Anschluss behalten durften) spülen und aufstellen, Teelichter aufstellen, beinahe 70 Geschenke für Kinder und Heimleiter unterm Weihnachtsbaum ausbreiten (legten ein großes Tuch darüber, dass man sie noch nicht sehen konnte), Getränke kühl stellen und und und. Wir waren selbst aufgeregt, wahrscheinlich mehr als die Kinder selbst.
Gegen 15 Uhr kam dann der große Augenblick. Die Kids durften endlich auf die Terrasse – am Morgen hatten wir einige wieder wegjagen müssen, die spicken wollten und sich dabei einen abgrinsten – und nahmen ganz brav auf den Stühlen Platz. Verena hatte von ihrem Koch im Restaurant Rinderfleisch zubereiten lassen, das nun ins Heim gebracht wurde. Dazu bereitete Samuel, unser Koch hier, Maniokgemüse und Reis – genau das, was sich die Kids einige Tage zuvor gewünscht hatten. Wir helfen, die ganzen Teller von der Küche auf die Terrasse tragen. Bruno auch. Das ist ein Franzose, der in der Nähe des Heims wohnt und sich ebenfalls um die Kids kümmert, wenn es seine Zeit erlaubt. Anscheinend lebt er schon lange in Bujumbura, die Kinder kennen ihn gut. Seine adoptierte Tochter, die er dabei hat, lebte ebenfalls einmal hier im Heim. Bruno spendiert noch ein Stück Sahnekuchen für jedes Kind. Unser Kühlschrank (in dem auch noch die Flaschen mit dem Maracuja-Sirup lagen, mit dem man das Wasser mixte) quillt beinahe über – von unseren Mägen nach dem Festessen einmal abgesehen. Auch die Kids fangen an, zu stöhnen. Mit einem sehr breiten Grinsen im Gesicht.
Im Anschluss an das ausgiebige Essen, das den Kindern sichtlich schmeckt, gibt es eine Portion burundische Kultur. Die Mädels aus dem Heim hatten einige einheimische Tänze vorbereitet. In ihrem burundischen Gewändern sahen sie richtig süß aus, dazu der Gesang, das Klatschen. Einfach klasse. Danach waren die Jungs dran, die zum deutschen Lied „Troy“ von den Fantastischen Vier einen Tanz einstudiert hatten und nun vorführten. Tobender Applaus. Alle haben glückliche Gesichter – einschließlich uns. Eine wirklich besondere Weihnacht.
Dann war es endlich soweit: Die Bescherung stand an! Der Reihe nach riefen Lena, Julia, Marie und ich einen Namen auf, die oder der dann nach vorne kam und sein Geschenkbündel in Empfang nahm: Hosen, Shirts, Schuhe – mit einem weißen Schleifchen ein wahrlich süßes Paketchen. Ich weiß nicht, wer in dem Moment mehr gestrahlt hat, als wir das große Tuch von dem Berg von Geschenken zogen – die Kinder oder wir. Ich denke, das beruhte alles auf Gegenseitigkeit. Auch wir bekamen eine Weihnachtskarte geschenkt. Verena ebenfalls, dazu noch ein kleines, schönes Töpfchen. Unseren Heimleitern, so scheint es mir, ist es beinahe schon unangenehm, dass sie auch ein Geschenkbündel erhalten. Beim Auspacken strahlen aber auch sie – wirklich wie ein Kind an Weihnachten, wie man so schön sagt.
Ausgepackt wurde aber erst, als alle Kids ihre Geschenke in der Hand hielten. Dann ging’s los. Großes Geschrei, man sah nur noch Hosen, Shirts und Schuhe. Es wurde gelacht, gestaunt und untereinander getauscht. Mancher einer verschwindet kurz darauf und sichert seine Geschenke gleich im Zimmer. Es ist wahrlich ein schöner Anblick, die Mädchen und Jungs so glücklich zu sehen. Und um noch eins drauf zu setzen, verteilen wir die Weihnachtsplätzchen, die wir in den Tagen zuvor gebacken hatten. Dann sind die Bäuche aber erst einmal voll. Bis in die Dunkelheit – was wie eine Floskel klingt, aber der Wahrheit entspricht – ist noch Halligalli auf der Terrasse und darum herum. Musik, tanzen, mit Bällen spielen, Geschrei. Ein richtig schönes Weihnachtsfest mit unserer kleinen, großen Familie, das wir mit Sicherheit nie wieder vergessen werden. Ebenso wenig wie den schönen Abend mit Verena und Benoit, die es doch tatsächlich geschafft haben, uns bei warmen 30 Grad ein prickelndes Weihnachtsgefühl zu vermitteln.
Heute, Dienstag, geht die normale Arbeit wieder weiter. Zumindest ein wenig. Die Schneider und der Drucker sind wieder im Heim. Julia und Marie sind zum Markt. Lena und ich waschen Wäsche. Später muss ich noch zu Verena, ihr Bilder der vergangenen Tage überspielen, die sie für Berichte, Grüße und so weiter benötigt. Mitte der Woche geht dann der nächste „Stress“ los: Vorbereitungen für Silvester im „Chez André“.
Weihnachten
Dezember 24, 2006
Sonntag, 24. Dezember 2006. Weihnachten. 9.21 Uhr in Burundi, die Sonne scheint und es ist schön warm. Die Kinder sind schon hell wach, hören laut Musik und die Mädchen tanzen zu ihrem burundischen Klatschspiel, von dem ich noch nicht ganz weiß, wie es funktioniert. Aufgestanden bin ich eben erst. Warum ich so viel Schlaf brauchte, das werde ich jetzt erzählen.
Am Freitag Morgen waren wir bereits wieder früh in der Schule der Fondation. Zeugnisausgabe. Noch kein endgültiges, eher so etwas wie eine Zwischeninformation, welchen Punktestand man hat. Die Schüler standen klassenweise in Reih´ und Glied, was mich an die Formation einer römischen Legion erinnerte. Dahinter die Mütter und Väter, die gekommen waren. Leider nicht sehr viele. Die Lehrer, Verena und wir standen auf einer kleinen Treppe davor. Jeder Klassenlehrer hat nun die Namensliste seiner Schützlinge laut aufgerufen, die daraufhin einzeln nach vorne kommen. Der Beste wird zuerst genannt, der oder die mit den wenigstens Punkten – also durchgefallen – zu aller letzt. Vor der gesamten Schule. Wirklich hart. Manchen ist es auch sichtlich unangenehm. Die Prozedur dauert sehr lange. Ein kleines Mädchen fängt an, zu pinkeln, weil es sich nicht traut, aus der Reihe zu treten und aufs Klo zu gehen. Julia schnappt sie sich und geht mit ihr weg. Der Anblick ist beinahe herzzerreißend.
Gegen Mittag sind wir wieder zurück im „Chez André“. Wir laden nur schnell zwei große Tannenzweige in den Geländewagen und fahren dann weiter hoch ins Heim. Melchiade kommt beinahe nicht die Einfahrt des Heims hinein. Die Reifen drehen durch, weil der Boden vom Regen so aufgeweicht wurde. Wir stellen unseren Weihnachtsbaum auf die Terrasse, wo wir unsere Fete planen. Am Nachmittag werde ich ihn noch richtig aufstellen, in einem Eimer, der mit Steinen beschwert wird. Jetzt fahre ich aber erst einmal mit Melchiade zurück ins „Chez André“, wo ich noch mit dem Laptop einiges arbeiten musste. Und siehe da, es kam schon wieder eine super Nachricht aus meiner Heimat Karlsruhe. Die burundikids erhalten eine große Spende an Sportklamotten! Mehr dazu aber, wenn es soweit ist. Und auch zwei weitere Nachrichten erfreuten mich, von lieben Menschen, die ihren kleinen Beitrag zu Weihnachten in Burundi beitragen wollten. Danke an dieser Stelle!
Als ich am Nachmittag zurück komme, so gegen 15 Uhr, stand etwas an, das bitternötig geworden war: Harre schneiden! Lena erklärte sich – nach einigem Betteln meinerseits – bereit dazu, sich an meine Haare zu wagen. Das Besteck: ein Kamm, ein Bartschneider und eine kleine, rote Bastelschere. Meine Haare sind nun ziemlich kurz, aber es sieht gleichmäßig aus – und gut, wie ich mir sagen habe lassen *grins*. Als mich die Kids sehen, ist die Aufregung groß. Bemerkt haben es alle, auch alle grinsen. Manche reißen den Daumen noch und nicken mir zu, ein Mädchen sagt: „Oyaaa, Philippo!!!“ und reibt sich mit beiden Händen den Kopf. Sie hing wohl an meinen längeren, blonden Haaren. Ach, übrigens: Meinem Namen wird im Kirundi einfach noch ein „o“ angehängt. Untereinander rufen sich die Kids oftmals noch mit einem „i“ am Ende, was bei uns die Endung „chen“ darstellt – eine Verniedlichungsform. Aus Samuel wird dann Samueli, aus Richard wird Richardi und so weiter.
Am Abend machen wir uns fertig, einen trinken zu gehen – wir wollen in Julias Geburtstag hineinfeiern. Wir gehen in die „Kiriri-Bar“ im Viertel „Kiriri“, etwa 500 Meter von unserem Heim entfernt – genau bei der Hälfte der Strecke Richtung „Chez André“. Schon lange suchten wir eine richtige Kneipe, wo sich nur Einheimische aufhalten. Lena und ich hatten schon einmal kurz hinein geschaut, den anderen berichtet und nun war es so weit. Wir saßen als einzige Weiße in einer kleinen Bar im Freien, umringt ausschließlich von Burundern. Einheimische Frauen sind nur drei anwesend. Der Rest trinkt Amstel-Bier. Schon die Begrüßung ist herzlich: „Welcome, my friends!“ sagt ein großer Mann in Anzugshose und Hemd, der gerade am Gehen ist. Angestarrt werden wir nicht großartig, was ich sehr angenehm finde. Es sind etwa 15 Tische, teilweise unter einer Pergola aus Bambus, teilweise ganz im Freien oder aber auch unter kleinen, runden Strohpavillons. Richtig gemütlich. Aus den Boxen schallt hauptsächlich HipHop. In der Mitte steht ein Billardtisch, an dem sich gerade zwei Burunder messen. Es läuft so, dass der Gewinner eines Spiels am Tisch bleibt und auch das nächste Spiel bestreitet. Der Verlierer einer Partie bezahlt. Julia schafft es tatsächlich, einen jungen Billardspieler zu besiegen – er heißt Collin und wir haben einen neuen Freund gefunden.
Anfangs setzen wir uns an den einzig freien Tisch am Rande der Pergola. Sofort kommt ein schüchterner Kellner mit rotem Schürzchen auf uns zu und nimmt die Bestellung auf. Primus, Amstel, Cola und Fanta sollten es sein. Am Tisch gegenüber sitzt ein Burunder mit seiner Frau beim Essen. In der Ecke weiter hinten sitzen vie Alte, die bei einem Bier lauthals diskutieren. Ich nehme mal an, über Politik, wie das alte Männer so tun. Am Tisch hinter mir sitzt eine Gruppe von sieben jungen Männern, ebenfalls mit Bier vor sich auf dem Tisch. Die Runde scheint lustig zu sein, zumindest lachen sie ständig und zeigen ihre strahlend weißen Zähne. Dass es mit uns zu tun hat, glaube ich nicht, man hörte das Gelächter schon, als wir noch nicht einmal am Eingang standen. Die drei Mädels beschließen, Billard zu spielen, als der Tisch frei wird. Julia besiegt nun Collin, der sich dazu gesellt. „He, Muzungu“, ruft mich einer von der Truppe der jungen Männer zu sich. Er fragt, wer wir seien und warum ich mit drei Frauen auf ein Mal unterwegs sei. Ich lache kurz, stelle mich vor und setze mich dann zu den Männern an den Tisch. Alan, Massoud, Cassius – und den Rest der Namen habe ich leider vergessen. Eine aufgeweckte Truppe, sehr amüsant. Mein Hauptgesprächspartner neben mir, dessen Name ich leider nicht mehr weiß, kann sehr gut Englisch – und außerdem einige Brocken deutsch. Als ich seine Frage beantworte und sage, dass ich aus Deutschland komme, sind alle wieder ein Stück begeistert. Er kennt Angela Merkel, Franz Beckenbauer, einige deutsche Städte, hat die Spiele der Deutschen bei der Fußball-WM geschaut und freut sich sichtlich, einen Deutschen vor sich zu haben. Leider verabschiedet er sich nach etwa einer Stunde, was mich aber nicht wundert. Die gesamte Truppe hatte schon etwa ein Bierchen zuviel. Deshalb verabschieden sie sich nach und nach.
Es bleiben zwei Männer übrig – Cassius, Massoud. Und eben ich. Julia, Lena und Marie sind mit dem Billard fertig und setzen sich zurück an den Tisch. Collin auch. Ich lade Massoud und Cassius ein, sich zu uns an den Tisch zu setzen. Sie nehmen gerne, jedoch anfangs etwas schüchtern an. Nun quetschen wir uns zu siebt an einen kleinen, runden Tisch. Später werden wir acht, als noch Remis, ein Freund von Collin, dazu stößt. Collin ist 24 Jahre alt und von Beruf Geldwechsler. Er sieht wohlhabend aus, so wie übrigens alle in der „Kiriri-Bar“. Er trägt einen Ohrring mit Glitzerstein am linken Ohr. Seine Klamotten sind chic, ebenso wie die seiner Freunde. Massoud und Cassius sind schon etwas älter, Mitte 30. Die Runde ist wirklich sehr amüsant, wir unterhalten uns über alles mögliche. Dass sie mit Julia in ihren Geburtstag hinein feiern dürfen, freut sie – auch, wenn Burunder sich normalerweise nicht um einen Geburtstag scheren. Als es Mitternacht wird, muss sich Julia die Augen zuhalten und wir drücken jedem am Tisch eine Wunderkerze in die Hand, die Lena mitgenommen hatte. Cassius, Massoud und Collin freuen sich sichtlich und singen lauthals mit: „Joyeux anniversaire!“ Dann noch die deutsche Version. Für Julia wohl ein Geburtstag, den sich nie mehr vergessen wird.
Massoud erweist sich als ziemlich hippelig und hat einen großen Bewegungsdrang. Er rutscht die ganze Zeit auf seinem weißen Holzstuhl hin und her und macht tänzerische Bewegungen. Abba-Fan sei er. Er wolle tanzen gehen, nicht mehr langweilig herum sitzen. Die Mädels quatschten ihm zu viel, sagt er mir augenzwinkernd. Wir wollen aber nicht mehr großartig weg gehen. Die Stimmung in der Bar ist zu gut. Massoud fügt sich und bestellt noch eine Runde Amstel für unseren Tisch. Bezahlen mussten wir an diesem Abend übrigens nichts. Cassius, Collin und Massoud übernahmen das. Mein Protest bleibt ohne Wirkung, in Burundi sei das so, sagt mir Cassius. Sie seien froh, uns in ihrem Land zu sehen, was wir täten, sei sehr gut und in Burundi werde Gastfreundschaft nun einmal groß geschrieben. Also würden sie uns gerne einladen.
Es wird später und später, der Gesprächsstoff geht nicht aus. Um etwa halb drei nachts machen wir uns auf, zu gehen. Es gebe um diese Uhrzeit zu viele Banditen, sagt Collin. Er würde uns gerne heim fahren, kann aber nicht, weil er schon einige Biere getrunken hatte. Aber er schickt uns Remis, der nur einen Saft intus hatte. Remis ist klein und super nett. Er lacht sehr viel und fährt wegen uns äußerst vorsichtig, wie ich das Gefühl habe. Als er uns nämlich abgesetzt hat, fährt er weniger zimperlich den Berg wieder hinunter. Es war ein toller Abend!
Zurück im Heim zünden wir Julia noch ein Geburtstagskerzchen an, dazu stellen wir einen Marmorkuchen, den die Kochschüler am Tag während ihres Unterrichts gebacken hatten. Wir essen jeder noch zwei Stücke, dann gehen wir schließlich erschöpft ins Bett. Ach ja, ganz vergessen: Zum Geburtstag schenkten wir Julia ein afrikanisches Tuch, ein Armbändchen und einen Gutschein für ein Essen, das sie in Burundi „schon verloren glaubte“. Wir sagten ihr nicht, was genau, nur, dass sie es liebe. Verraten wird es an dieser Stelle auch nicht, sonst sickert noch etwas durch.
Nachdem ich um 3 Uhr im Bett war, stehe ich am Samstag um 7 Uhr auf. Der Grund: Pfannkuchen. Julia hatte sich vor einiger Zeit gewünscht, dass sie das an ihrem Geburtstag wolle. Sie las das in meinem Buch „Dschungelkind“, wo die Autorin Sabine Kuegler mitten im Dschungel von West-Papua an ihrem Geburtstag Pfannkuchen mit Zimt und Zucker bekam. Julia wollte das nun auch. Ich habe es mir etwa einen Monat lang gemerkt und stehe nun Samstag morgens früh in der Küche und backe meine ersten Pfannkuchen in meinem Leben. Sie schmecken sehr lecker – ich bin erleichtert. Das Frühstück ist ausgiebig und sättigend.
Um 11 Uhr sind wir dann bei Verena. Wir waren verabredet, mit ihr auf ein Fest zu gehen. Organisiert von UNICEF für die Rechte der Kinder. Die Veranstaltung richtete sich in erster Linie an Straßenkinder. Sie ist im „Musée Vivant“, wo schöne Pflanzen und auch einige Tiere bestaunt werden können. So etwas wie ein kleiner Zoo. Wir sehen einen riesigen Baum, gepflanzt 1896, wie uns das Schild verrät. Er kennt also noch die deutsche Kolonialzeit. Und – ich entdecke den ersten burundischen Affen! Die Veranstaltung ist für die Proklamation der Rechte der Kinder. Kulturell wird hier einiges geboten. Von Trommlern, burundischen Tänzern, Turnern und Akrobaten bis hin zu Theaterstücken. Es gab einen Wettbewerb der UNICEF, die besten durften nun auf diesem Fest ihr Können zeigen. Die Fondation Stamm war gleich mit drei Gruppen vertreten: unsere Straßenjungs, die tanzten, unsere jungen Mütter aus dem Viertel Kamenge und noch eine Gruppe Mädchen aus einem Flüchtlingslager in Bujumbura, das die Fondation unterstützt, wir aber noch nicht besucht haben. Ich bin von den Aufführungen begeistert, mache fast 300 Fotos. Was dieses Land an Kultur zu bieten hat, ist absoluter Wahnsinn. Von klein auf können sich die Mädchen uns Jungs schon so elegant bewegen oder beherrschen das traditionelle Trommeln. Unglaublich. Fast. Wenn man es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte.
Dass all diese Kinder Straßenkinder sein sollen, fällt einem schwer zu glauben. Es sind ja keine wirklichen Kinder der Straße mehr, um sie wird ja in den unterschiedlichen Organisationen gekümmert – Fondation Stamm, Don Bosco, Terre des Hommes, Arch de Noe und so weiter. Einige der älteren Jungs aber faszinieren mich. Sie fesseln für kurze Zeit meinen Blick, weil sie genau dieses Klischee vom gewalttätigen, rauchenden, prügelnden Straßenjungen bestätigen. Einer hat ein Kopftuch in den Farben der amerikanischen Flagge und eine Zigarette im Mundwinkel. Ansonsten gibt er sich wie ein großer US-Rapper. Dass diese Jungs Bandenchefs oder gar bewaffnete Soldaten oder Rebellen waren, lässt einen dieser Anblick erahnen. Einer ist mir sehr unangenehm. Er trägt ein Muskelshirt, hat einen sehr wuchtigen Kopf und kantige, narbige Gesichtszüge. Dass er zu denen gehört, die etwas zu melden haben, ist nicht zu übersehen. Auch unser Emma(nuel), der liebe 15-Jährige aus unserem „Centre Uranderera“ hat eine solche Vergangenheit in einer Gang. Auch er hatte etwas zu melden. Sieht man ihn lachen, strahlen über das ganze Gesicht, den lieben, hilfsbereiten Jungen, dann mag man das nicht glauben. Als ich aber sehe, dass er die anderen kennt, kann ich mir seine Vergangenheit sehr gut vorstellen. Seine Statur lässt das auch erahnen. Er ist für sein Alter durch das Trommeln sehr muskulös und genießt anscheinend den Respekt der anderen Kinder. Nicht etwa, weil er gewalttätig wäre oder dergleichen. Er ist einfach eine selbstbewusste Erscheinung. Zum Beispiel hält er die kleineren Kinder zurück, wenn er merkt, dass es zu viel wird oder sie Verena oder uns zu sehr umringen.
Um etwa 15 Uhr sind wir wieder im „Chez André“, wo wir Schmuck für den Weihnachtsbaum mitnehmen und uns eine Erfrischung gönnen. Dann fahren wir zusammen mit Verena ins Heim, wo wir gemeinsam Essen und Julias Geburtstag feiern. Die Kinder haben allesamt etwas für Julia gemalt. Zur Übergabe ihrer Geschenke, die sie in einem Korb gesammelt hatten, trugen die Kinder ihre feinsten Kleidchen, Schühchen und Oberteile. Der Anblick ist mehr als rührend. Sogar Heimleiterin Clothilde hat sich in Schale geworfen. Diese Mühe, die sich die Kinder allesamt machen, ist wirklich herzzerreißend. Schön. Als Dankeschön bekommt jeder Schokolade, was ein großes Schmatzen zur Folge hat. Genüsslich mampfen die Kids nun Milka „Ganze Nuss“. Als Nachtisch essen wir ein Stück von Julias Geburtstagstorte, die sie von Verena geschenkt bekommen hat. „Herzlichen Glückwunsch Julia“ steht darauf. Und sie schmeckt herrlich. Gerne würden wir auch mit den Kids ein Stückchen essen, leider reicht es nicht für alle. Deshalb lassen wir es ganz, um keine Ungerechtigkeit aufkommen zu lassen.
Der Abend war für uns übrigens auch schon geplant. Wir würden auf ein Konzert gehen, das im „Centre Culturel Francais“ stattfinden sollte. Jérémie, der Mann aus dem Tonstudio, in dem drei unserer Straßenjungs ein Raplied aufnehmen können (glaube, das erwähnte ich), spielte mit seiner Band – Jazz, gemischt mit traditionellen burundischen Klängen. Die Geräte auf der Bühne nur vom Feinsten: „Korg“-Keyboard, Verstärker von „Peavey“ oder „Hughes & Kettner“ und Gitarren von Fender. Ein schönes Konzert, doch das Highlight kam aus Deutschland. Denn neben den acht – zeitweise neun – Musikern stand für ein Lied unsere Julia auf der Bühne! Ein Geburtstagsgeschenk von Jérémie an Julia. Sie singt „What´s up?“ von den 4 Non Blondes und die Leute in dem mittelgroßen Konzertraum sind begeistert. Lena, Marie und ich natürlich besonders. Stolz sind wir auf „unsere“ Julia. Sie steht oben auf der Bühne, barfuß, mit einem burundischen Gewand und einer E-Gitarre. Alles klappt, die Menge klatscht. Auch Bandleader Jérémie ist sichtlich grinsend zufrieden.
Heute, Sonntag, dekorieren wir den Weihnachtsbaum, um 14 Uhr gehen wir ins Straßenkinderheim und verteilen dort Geschenke. Am Abend wollen wir im kleinen Kreis mit Verena und Benoit ein bisschen feiern. Morgen steht dann die große Fete mit den Kids an – da ja Weihnachten in Burundi am 25. Dezember gefeiert wird. Muss mich nun ranhalten und fertig machen. Es steht noch einiges an Arbeit an…Die Sonne scheint kräftig – und das an Heilig Abend!
Freitag, 22. Dezember
Dezember 22, 2006
Donnerstag, 21. Dezember 2006. 22.33 Uhr im regnerischen Burundi. Es regnet seit etwa 20 Uhr ununterbrochen. Und recht stark. Fatal für dieses Land. Die restlichen Ernten dürften wohl jetzt gerade die schlammigen Hänge hinunter rutschen. Hungernot wird ja erwartet. Ich bin gespannt, ob die Regierung und die Verantwortlichen (auch international!) entsprechend handeln und vorsorgen. Immerhin wissen sie es nun lange vorher genug. Von „überraschender“ Hungersnot kann man dann nicht mehr sprechen, wenn es so weit sein wird.
Weihnachtsgeschenke für alle 63 Kinder sind fertig gepackt. Jeder bekommt Kleider – darunter super moderne Jeans, Shirts und Blusen – und dazu nagelneue Schuhe, die ich von einer großzügigen Spende, die mir überwiesen worden war, besorgen konnte. Das erfreuliche dran ist, dass unsere einheimische Mitarbeiterin (Celestine, die Krankenschwester) so gut gehandelt hat, dass das Geld nicht nur für Schuhe für die 63 Kids in „unserem“ Heim gereicht hat. Viel besser. Wir können mit dem restlichen Geld noch Schuhe für alle Straßenkinder besorgen – wenn auch einfachere als die bisherigen, aber immerhin. Und außerdem noch einige Paar Schuhe für unsere jungen Mütter im dritten Heim. Wir konnten also mit dem überwiesenen Spendengeld weitaus mehr Kinder versorgen als ursprünglich geplant. Die Kids im „Centre Uranderera“ bekommen zwar eine bessere Qualität als die anderen. Aber für das, dass das Geld zuerst ausschließlich für sie gedacht war, finde ich das eine sehr gute, ökonomische Leistung. Ich freue mich schon wahnsinnig auf Montag, den 25. Dezember, wenn wir endlich mit den Kindern Weihnachten feiern.
Das Fest ist hier im Heim geplant. Es gibt feines Essen mit Fleisch und eine schön dekorierte Terrasse. Die Geschenke fürs Straßenkinderheim werden wir in den Tagen darauf verteilen. Leider können wir ja an Heilig Abend nicht in allen Einrichtungen gleichzeitig sein. Mit Geschenken versorgt werden aber alle. Doch genügend Arbeit ist es allemal. Heute Vormittag waren wir mit Verena im Kindergarten (integriert im Heim für junge Mütter). Dort war gerade Zeugnisausgabe – ja, im Kindergarten. Hier gibt es Noten fürs Singen, Malen und so weiter. Wir verteilten kleine, handgroße Kuscheltiere an alle Kleinkinder. Die strahlenden Gesichter kannten kein Ende. Die Freude war groß – wohlbemerkt auf beiden Seiten. Es sind Kinder aus dem Viertel „Kamenge“, in dem das Heim liegt. Die Geschenke sind auch eine Geste dafür, dass man sich nicht aus dem Viertel abkapseln möchte, sondern eben integrieren, man baut auf gute Nachbarschaft. Der kleine Eddy – ich schätze mal nicht älter als anderthalb oder zwei Jahre – war richtig aufgeschlossen und neugierig. Bei unserem letzten Besuch lief er noch ängstlich vor uns weg. Dieses Mal aber lachte er unentwegt, kam zu uns und plapperte mit uns. Das kleine Stofftier, das er in der Hand hielt, wollte er ständig Julia schenken. Und auch Abdallah, der beim vergangenen Besuch nur fragend dreinschaute – er ist schätzungsweise drei Jahre – lachte dieses Mal permanent. Er stellt sich vor mich und zeigt auf meine Kamera, als wolle er mir sagen, ich solle ihn fotografieren. Sobald ich ihn jedoch ins Visier nehme, lacht er und haut ab. Ich habe ihn dennoch ein paar Mal erwischt. Julia kuschelt ein Mal mehr mit einem Baby und Lena spielt mit einem jungen Mädchen ein Ballspiel. Zum Schluss des Besuchs noch ein Gruppenfoto mit unseren Müttern zusammen mit Verena und dann stehen schon Melchiade und der Geländewagen vor dem Stahltor wieder bereit zu Abfahrt.
Morgen Vormittag, 9 Uhr, geht es in die Schule der Fondation. Dort ist ebenfalls Zeugnisausgabe, wo wir erwartet werden. Ich muss zudem noch einige Fotos für Verena machen. Unglaublich ist jedoch die Zeremonie, wie uns Verena erzählte: Alle Klassen der Schule versammeln sich im Hof – dem Gelände vor der Schule –, dann wird jeder einzelne vor versammelter Mannschaft (inklusive Eltern) aufgerufen, um das Zeugnis in Empfang zu nehmen. Nicht, dass das schon schlimm genug wäre, das Ganze passiert schön gestaffelt – nach Noten. Der Beste der Schule zuerst, wer sitzen bleibt, kommt zum Schluss. Erinnert mich an unseren Kirchenbesuch vergangenen Sonntag. Wer heiraten möchte, muss sich einige Wochen vorher in der Kirche vorstellen. Mann und Frau. Die Frau muss sich dann auch vor voller Kirche drehen, dass jeder sehen kann, dass sie nicht etwa schwanger ist. Was ich davon halte, braucht an dieser Stelle nicht vieler Worte. Ich finde es einfach nur unglaublich.
Heute hatte ich wieder allen Grund zur Freude. Ich erhielt drei superliebe Mails, die weitere Unterstützung für die burundikids zusagten – beziehungsweise schon in Auftrag gegeben sind. Kaum war ich zu Hause, kam ein Paket von weiteren lieben Unterstützern aus der Heimat – tolle Jeans, Shirts und Gesellschaftsspiele. Ich war ein Mal mehr sprachlos und freute mich über dieses Engagement. Ich kann es manchmal kaum fassen, wie viel Mühe sich die Leute daheim machen. DANKE!!!
WEIHNACHTSGRÜSSE
An dieser Stelle möchte ich allen interessierten Lesern, meinen lieben Freunden, Bekannten und meinen treuen Verwandten ein schönes Weihnachtsfest wünschen. Ich danke an dieser Stelle nochmals ganz herzlich für die uns entgegengebrachte Unterstützung und kann nur sagen: bitte weiter so. Die Hilfe wird nach wie vor benötigt. Danke! Jetzt aber erst einmal ein schönes Fest und eine ruhige Zeit mit den Freunden und Familien. Ich bitte zu entschuldigen, dass mir die Zeit für Mails an jeden einzelnen leider komplett fehlt. Ich hoffe, man kann darüber hinweg sehen – die Arbeit für die Kinder ist derzeit aber sehr viel und hat meiner Meinung nach Priorität. Was nicht heißen mag, dass meine Gedanken nicht etwa auch daheim wären…
Donnerstag vor Weihnachten
Dezember 21, 2006
Mittwoch, 20. Dezember 2006. 11.42 Uhr in Burundi. Heute Morgen bin ich gleich nach dem Aufstehen zu dem kleinen Lädchen „Belladone“ – das übrigens ganz neu in Bujumbura ist, seit etwa einem Jahr – gelaufen und habe Brot fürs Frühstück gekauft. Hatten keines mehr. Wir essen meistens ein dunkles Brot („pain gris“, „Graubrot“), ab und an auch mal frisches Baguette. Heute Morgen habe ich ein ganz helles Brot mitgenommen, erinnert ein wenig an den deutschen Hefezopf, nur eben rund und in Brotform.
Nach dem Frühstück machten sich Marie, Lena und ich daran, Weihnachtsplätzchen zu backen. Uns fehlten Eier, also lief ich abermals zu „Belladone“ und kaufte welche. Wir machen „Heidesand“, „Vanillekipferln“ und „Schokocrossies“. Wenn uns heute die Zeit reicht, kommen noch „Kokosmakronen“ hinzu. Die Zutaten haben wir uns schicken lassen. Mehl und Zucker und solche Dinge haben Lena und ich gestern auf dem Markt gekauft. Im Anschluss an den Markt sind wir mit einem der immer voll gestopften Bustaxis nach Hause gefahren. Bzw. ins „Chez André“, wo noch Arbeit auf uns wartete. Hatten morgens bereits begonnen, die Geschenke für unsere 63 Kinder zusammenzusuchen und auf kleine Häufchen aufzuteilen. Jeans, Shirts, Hemden und so weiter. Nach dem Markt ging es dann weiter. Zum Schluss nach dem Aufteilen kam noch ein weißes Geschenkband darum und ein kleines Weihnachtskärtchen mit dem jeweiligen Namen des Kindes. Uns gingen die Kärtchen aus, also kopierten wir welche und malten sie mit Buntstiften per Hand aus. Gegen 20 Uhr waren wir dann fertig. Das war aber noch nicht alles. Es werden noch Kleinigkeiten hinzu kommen, wie Stifte, kleine Minifußbälle und solche Dinge.
Es wird ein tolles Weihnachten. Benoit meint, wir sollen die Kids doch nicht so verwöhnen. Auch Verena meint, dass es dieses Jahr etwas ganz Besonderes für die Kinder werde. So tolle Geschenke hätten sie noch nicht bekommen. Aber warum auch nicht? Meint auch Verena. Dazu kommt dann noch ein tolles Essen und wir dekorieren unsere Terrasse hier im Heim mit Teelichtern – vielleicht auch Tannenzweigen, wenn wir welche auftreiben können. Eigentlich ist es ja verboten, in Burundi einen Baum abzuholzen. Machen wir auch nicht. Vielleicht liegen ja irgendwo ein paar Zweige herum – oder es fallen welche von einer Lkw-Ladefläche. *grins* Apropos Weihnachtsbäume. Gestern auf dem Markt sahen wir einige Jungs, die welche verkauften. 100 Prozent Plastik, da blitzte es knallrosa und silbrig. Beinahe amerikanischer Stil. Ich muss lachen als ich das sehe. „Donne me travail“, bittet mich ein kleiner Junge, ihm „Arbeit zu geben“. Er streckt mir eine grüne Plastiktüte hin, wie immer, wenn man an einem Stand etwas kauft. Auch er bekommt 50 FB, der Standardpreis für die Tüten. Wir kauften Avocados bei einer alten Burunderin. Sie sitzt da mit ihrem schönen Gewand, das in afrikanischen Farben und Mustern gehalten ist. 1.000 FB will sie für vier Avocados. Wir lachen – sie dann auch. Nach einigem Hin und Her einigen wir uns auf 400 FB. Sie schlägt mit uns ein und schenkt uns noch eine Avocado zusätzlich. Ein nettes Erlebnis. Mit zig Tüten und einigen Kilo Gewicht an den Armen schleppen wir uns zum Bustaxibahnhof. „A Chez André?“ – „Oui. 200 FB“, pro Person versteht sich. Dann setzt man sich ins Auto, das etwa die Größe eines VW-Omnibusses hat und wartet, bis alle Plätze belegt sind. Lena und ich sitzen vorne. Es dauert nur wenige Minuten, bis wir starten können. Bis dahin grüßen die Leute, die vorbei laufen, manche betteln auch, andere wiederum bieten Süßigkeiten oder Erdnüsse an. Bevor der Fahrer den Motor startet, besteht er darauf, dass ich mich anschnalle. Lena, die in der Mitte zwischen mit und dem Fahrer auf der rechten Seite sitzt, braucht das nicht zu tun. Ebenso wenig die anderen Fahrgäste hinten. Komisches Gesetz in Burundi. Nur der Beifahrer muss den Gurt anlegen. Dass der in der Mitte aber genauso durch die Windschutzscheibe fliegen kann, interessiert keinen.
Bevor wir abends nach Hause gingen, schenkte mir Verena noch ein kleines Laibchen des leckeren Kongo-Käses. Ich lasse es mir natürlich nicht nehmen, gleich zum Abendbrot mit den anderen ein kleines Stück zu essen.
Heute, Mittwoch, wird Verena gegen 14.30 Uhr ins Heim kommen. Wir müssen einige Fotos schießen, von ihr, dem Heim und den Kids. Danach geht es weiter ins Straßenkinderheim, ebenfalls Fotos machen und im Anschluss werde ich wieder Englisch unterrichten. Die zweite Unterrichtsstunde. Weiß gar nicht, ob ich von der ersten erzählte?! Es saßen etwa zehn Jungs im Klassenzimmer, das mit einer großen Schultafel ausgestattet ist. Kreide besorgten mit die Jungs. Darunter auch einige ehemalige Kindersoldaten. Es ist wieder ein spezielles Gefühl, von ihrer Vergangenheit unter Waffen zu wissen und sie nun vor einem sitzen zu sehen, lerneifrig und interessiert, wie es sich manch Lehrer in Deutschland nur wünschen kann. Sie strahlen, fragen, schreiben mit, wollen vieles wissen. Meine Fehler im Französischen, die ich noch ab und an mache, nehmen sie mir nicht übel, weisen mich höchstens freundlich darauf hin, wie es richtig heißt. Auch hier ist es ein gesundes Geben und Nehmen. Wir scherzen viel herum, ich gebe meine wenigen Brocken auf Kirundi preis – sehr zu dem Vergnügen der Kids. Es bereitet ihnen großen Spaß, mir ihre Landessprache zu vermitteln. Wie gesagt – ein Geben und Nehmen. Vergangene Woche begleiteten sie mich im Anschluss an den Unterricht bis vors Gelände des Heims und quatschten noch mit mir, bis mich Melchiade, der Chauffeur, hupend abholte. Ein älterer Mann mit Baseballmütze gesellte sich dazu und fragte mich, warum ich denn Englisch unterrichte, wenn ich aus Deutschland komme. „Weil die Jungs damit mehr anfangen können“, ist meine Antwort auf Französisch. Es leuchtet ihm ein. Er lächelt, nickt und verabschiedet sich, ehe er weiter seines Weges geht. Um 15 Uhr soll ich heute dort sein.
Dienstag, 19. Dezember
Dezember 19, 2006
Montag, 18. Dezember 2006. 20.03 Uhr. Heute waren Lena und ich bei Verena und haben Organisatorisches erledigt. Wir druckten die Plakate und Flyer, die Lena entworfen hat für Silvester. Die werden nun in den Geschäften ausgehängt und in manchen Büros ausgeteilt. Dann haben wir noch Musik durchgehört, ausgewählt und sortiert. Spendengelder, die kürzlich auf mein Konto überwiesen wurden habe ich abgeholt. Morgen werden davon für alle 63 Kinder, die derzeit im Heim wohnen, auf dem Markt Schuhe gekauft. Als die Spende von vier lieben Männern aus Deutschland – darunter mein Onkel – und meiner Mutter, die in ihrem Lädchen ebenfalls ein kleines Kässchen aufgestellt hat, noch bloße Idee war, planten wir, einfach Schlappen zu kaufen. Die Kids laufen allesamt barfüßig. Letzten Endes wurden es 300 Euro – das sind in etwa 4,76 Euro für jedes Kind. Davon kann man auf dem Markt schon schöne, lederne Sandalen kaufen, die länger halten als einfache Gummischlappen. Morgen früh wird eine einheimische Mitarbeiterin die Schuhe besorgen. Wir als Weiße würden nämlich deutlich mehr bezahlen. Somit haben wir ein schönes Weihnachtsgeschenk für jedes der Kinder hier im „Centre Uranderera“. Ich freue mich schon jetzt auf die süßen Gesichter…
Es ist ein tolles Gefühl, Spenden vor Ort selbst einsetzen zu können. Zu sehen, was man damit ausrichten kann, wie glücklich das Gegenüber ist, etwas empfangen zu dürfen. Und davon wiederum den Spendern in der Heimat berichten zu können, sodass sich auch die wieder freuen können. Ich denke, es ist ein Geben und Nehmen. Und ich hoffe, ich kann mit wenigen Bildern und einigen Worten das übermitteln, was mich beinahe täglich durchfährt. Es tut einem selbst gut, etwas für die Kids hier zu tun. Ich bin in der glücklichen Situation, vor Ort alles erleben zu dürfen. Ich gebe mir Mühe, dieses Gefühl auch den Leuten nach Hause zu schicken, sie teilhaben zu lassen.
Zudem erreichte mich eine Mail von einer lieben Bekannten, die ebenfalls Pakete abgeschickt hat. Zwar wird die Post nicht vor Weihnachten hier sein, doch ich finde das gut, wenn nach dem Fest nicht plötzlich alles abreißt, sondern wir immer noch etwas für die Kids haben. Nach und nach, immer mal wieder. Es ist wieder mal ein Tag, an dem ich mich so sehr freue, dass so liebe Unterstützung kommt. Noch eine weitere Mail erfreute mich sehr. Eine ganz liebe Freundin und ihr Kollege aus dem kleinen Grafikerbüro in Karlsruhe unterstützen burundikids e.V. ebenfalls mit einem kleinen Obolus. Wer sich davon selbst überzeugen möchte, kann unter „Links“ mal auf deren Seite vorbei schauen. Auch gestern erhielt ich eine Mail des Vaters einer ehemaligen Schulkameradin und Freundin. Er möchte ebenfalls etwas für die Fondation in Burundi tun. Wir bleiben weiterhin in Kontakt.
Aus aktuellem Anlass möchte ich an dieser Stelle auch sagen, dass ich die Heimat schon vermisse – hauptsächlich wegen der Leute. Die ganzen Geburtstage, bei denen ich nicht dabei sein kann. Jedoch kann ich nicht sagen, dass ich etwas verpasse. Mit Sicherheit nicht. Das Feiern zu Hause wird nachgeholt – mit jedem/r einzelnen. Ich merke täglich, wie ich in der Arbeit hier aufgehe. Wenn ich mal tagsüber nicht im Heim sein kann, weil Arbeit bei Verena ansteht, dann freue ich mich richtig, „nach Hause“ zu kommen, von den vielen Kids begrüßt und herzlich umarmt zu werden und hier zu leben.
Der Strom ist heute Abend weg. Deshalb kann ich nicht so viel schreiben. Schon auf eine Art lustig, bei Kerzenlicht zu kochen, essen und abzuwaschen. Und am Computer zu schreiben, solange der Akku durchhält. Begleitet von Moskitosurren – die sich nicht an mich herantrauen, weil ich nach Mückenmittel rieche –, Gitarrengeklimper und Gesang der Kids, die draußen zusammen sitzen und Lieder in ihrer Landessprache trillern. Die kleine, große Familie. *schmunzel*
Morgen gehen wir wieder zu Verena. Weihnachtspäckchen für 63 Kinder packen – dafür erst einmal Spenden aus dem Keller Verenas zusammen suchen. Erst kürzlich erreichten uns einige Pakete mit Klamotten für Groß und Klein. Nur für unsere Größten hier (17 Jahre) ist wieder sehr, sehr wenig dabei. Babysachen kommen viele. Auch für Kleinkinder. Jedoch für größere – vor allem Jungs – kaum. Wir werden dennoch etwas finden. Und außerdem bekommen sie ja noch die schönen, neuen Schuhe. Danach sollten wir noch auf den Markt gehen. Sonst gibt es abends nichts zu essen. Der Kühlschrank ist nämlich immer nur so voll, dass es für zwei, höchstens drei Tage reicht. So lange hält sich das Obst und Gemüse bei dieser Hitze frisch. So ist das eben, wenn der Kühlschrank nur alle zwei Tage mit dem Strom funktioniert.
Ich werde nun noch ein bisschen dem Singsang der Kids lauschen, danach lesen. Ein Buch von Ursula Meissner, die ich ja nun erfreulicherweise zu meinem Bekanntenkreis zählen darf. „Mit Kamera und kugelsicherer Weste“ heißt es. Sie erzählt darin von ihren Erfahrungen in Sarajewo, Sierra Leone, Afghanistan, Ruanda und und und. Wirklich spannend. Hat noch mal etwas Besonderes, wenn man denjenigen kennt, der das Buch verfasst hat. Außerdem ist es unglaublich, was diese Frau schon gesehen hat.
Montag, 18. Dezember
Dezember 18, 2006
Samstag, 16. Dezember 2006. 22.09 Uhr burundische Zeit. Gestern haben wir zwei ganz kleine Bäumchen gepflanzt. Es war der „Anniversaire de les arbres“ (man entschuldige meine Schreibfehler…), der „Geburtstag des Baumes“. An diesem Tag bekommen die Kinder in der Schule kleine Bäumchen geschenkt, die sie irgendwo einpflanzen sollen. Auch Verenas Baumschulen dienen ja diesem nationalen Aufforstungsprojekt. Lena hat ein Bäumchen von der kleinen Doriane bekommen, meines ist von Florette (zwölf Jahre). Das eine ist ein Mangobäumchen. Beide haben wir sofort eingepflanzt, zusammen mit Leiter Emmanuel. Er gab uns gleich noch einen Minikurs in burundischer Botanik, erklärte uns die Namen der umliegenden Pflanzen auf Kirundi. Es ist aber unmöglich, sich alles zu merken, wenn man nicht gerade Stift und Papier zur Hand hat.
Es haben mich wieder Mails aus Deutschland erreicht, von lieben Menschen, die etwas für die Kids hier tun möchten. Das sind immer schöne Nachrichten, die den Tag erfreulicher machen. Vor allem, wenn man dann vom Arbeiten zurück ins Heim kommt und die Kleinen sieht, für die das alles ist. Ein tolles Gefühl. Erfüllend. Aber zugleich anspornend, weil man denkt, ob man heute nicht noch das und das hätte machen können. Ich denke jedoch, man muss langsam voranschreiten. Morgen ist auch noch ein Tag. Und solange mit solche erfreulichen, liebe Nachrichten erreichen, ist meine kleine Welt in Ordnung. Im Anschluss an das Einpflanzen habe ich Fußball gespielt – unter anderem mit der kleinen Doriane (neun Jahre). Von den großen Jungs lässt sich diese kleine Quirlige nichts bieten. Ich muss immer lachen, wenn ich sie sehe. Ein richtiges Strahlekind. Es geht einem das Herz auf, wenn sie einen anlächelt. Gestern waren die kleinen Mädchen sowieso irgendwie besonders anhänglich. Ständig wollte eine Händchen halten – wie Doriane oder Nadine (5 Jahre) – oder schmiegte sich gleich an meinen Arm, so wie Ornella (elf Jahre). Wir sind wirklich schon eine kleine Familie hier.
Drei der Jungs sind gerade dabei, einen Tanz einzustudieren. Für Neujahr. Hatte ihnen eine Kassette mit Rapsongs überspielt. Einen CD-Player haben sie nicht, nur Kassette. Emmanuel (15 Jahre), Ezechiel (9) und Issa (14). Kann sich schon richtig sehen lassen! Geprobt wird jeden Abend – es schallt dann „Troy“ von den Deutschen Fanta 4 über das Gelände. Manchmal proben sie auch mit dem CD-Player von Marie, der wird dann in unserem Hauseingang hindrapiert und volle Lautstärke aufgedreht. Schöner Schall – mit der Zeit jedoch etwas anstrengend. Aber was soll’s.
Am späten Nachmittag kam gestern, Freitag, Verena mit ihrem Auto ins Heim gefahren. Mit ihr besuchten uns Ursula und Marianne und Andreas von Misereor, einer großen katholischen Hilfsorganisation aus Aachen, die ebenfalls (u. a.) in Burundi tätig ist. Auf Ursula hatten wir uns lange gefreut, glaubten aber nicht mehr an ihr Kommen. Sie kam vergangene Woche samstags an und ursprünglich war dann gleich ein Besuch bei uns, bzw. im „Chez André“ geplant. Sie konnte leider nur wenige Minuten bei Verena im Büro reinschauen, einige Tüten für uns und die Kids abladen und musste dann gleich weiter. Zusammen mit den Leuten von Misereor sind sie in den Südosten Burundis gefahren, Projekte besichtigen. Dann war der Mittwoch im Gespräch – aber keine Ursula kam. Und am Freitag schließlich stieg sie fröhlich lächelnd aus dem Auto und umarmte uns herzlich. Es war schön, sie zu sehen.
Die drei Besucher und Verena bekamen dann gleich noch eine Kostprobe unseres Kinderchors, den Marie und Julia leiten. Morgen, Sonntag, steht ja der erste von zwei Auftritten in der Kirche an. Die Kids legten sich ins Zeug und man musste zwangsläufig grinsen, wenn man zusah, wie sich die Kleinen Mühe geben. Wieder ein Moment, in dem man merkte, weshalb man hierher gekommen war. Abends trafen wir uns dann wieder im „Chez André“ und aßen zusammen Abend. Marianne erzählte von ihrer zweiten Heimat, Nigeria. Spannend. Muss auch schön sein da…
Fesselnd waren ein Mal mehr Ursulas Erzählungen von ihren vergangenen Wochen. Sie hatte Aufträge und war in den Libanon gereist, um dort Fotos zu machen. Ich möchte nicht wissen, was sie wirklich alles gesehen hat. Eine Kostprobe sind die Streu- oder Splitterbomben, die die Israelis auf den Südlibanon abgeworfen haben, zwei Tage bevor es den Waffenstillstand gab. Die fatalen Bomben sähen aus wie kleine Orangen oder aber auch wie ein Schmetterling. Demnach direkt auf Frauen und Kinder abgezielt. Wir fragen uns nach dem Sinn, als diese Dinger entwickelt wurden. Aber ähnliches kennt man ja aus dem Zweiten Weltkrieg (Phosphorbomben über Dresden) und aus Vietnam (Napalm der Amerikaner). Ursula erzählte von einer Situation, als eine dieser metallenen „Orangen“ in einem Baum hing. Kinder standen darum herum, in der Nähe räumte gerade ein Bagger Schutt eines eingestürzten Hauses weg. Durch die Erschütterung fiel die Bombe auf den Boden. Ein Kind war tot, viele andere verletzt. Alltag im Libanon. Überall liegen die Splitterbomben, nicht alle explodieren – zumindest nicht sofort – und dementsprechend leichtsinnig ist der Umgang mit Blindgängern. Oftmals werden sie aber von Kindern als Spielzeug verwechselt. Die Folgen sind klar. Diese kleinen, faustgroßen Bomben sind im Innern mit einem Karomuster versehen. So erreicht man, dass sich bei einer Detonation viele, kleine Metallsplitter verstreuen und ins Fleisch bohren. Noch dazu springt die Splitterbombe zuerst etwa einen Meter hoch, bevor sie explodiert. So detoniert sie in der Bauchhöhe eines Menschen, zerfetzt diesen und führt beinahe sicher zum Tod.
Der verantwortliche israelische Oberst möchte von den Abwürfen dieser Bomben nichts gewusst haben. Auf der anderen Seite gewinnt die Hizbollah mehr und mehr an Einfluss und Beliebtheit. Der Grund ist einfach: Sie geben Geld, Wohnungen, Essen und Ausbildungen. Kein Wunder, dass da auch mal einer sagt, er würde für diese Organisation auch sterben. Anscheinend gibt es derzeit, wie Ursula erzählte, Sitzproteste. Der Handelsminister wurde ja vor Kurzem getötet, worauf die Stimmung wieder gereizter wurde. Ein Bürgerkrieg wird befürchtet.
Aber zurück in ein anderes gebeuteltes Land. Die Regenfälle waren in Burundi in dieser Regenzeit zu viel des Guten. Vielerorts im Land hat es den Landwirten die Ernte vernichtet. Man befürchtet in drei Monaten eine schlimme Hungersnot. „Selbst die, die Geld haben, können sich dann von ihrem Geld auf dem Markt nichts mehr kaufen – weil schlichtweg nichts mehr da sein wird“, sind Verenas Worte. Der schlimme Krieg ist endlich vorbei, die Menschen sind motiviert und arbeiten – und dann spielt ihnen die Natur diesen verheerenden Streich. Dazu kommt die „Mosaik“-Krankheit, die sich von Tansania aus ausbreitet. Der Pilz lässt die Maniokpflanze schlichtweg verfaulen. Wenn sich eine essbare Knolle bildet, sei diese gerade mal ein Zehntel so groß wie normal. Es ist so schwer zu begreifen. Auf der einen Seite sieht man dieses grüne Land, überall Pflanzen. Und dann droht eine Hungersnot.
Nachtrag
Ein Nachtrag zu unserem Ausflug aufs Land. Wir besuchten ja auch die Fondation-Projekte in Ngozi, wo die ehemaligen Kindersoldaten und Demobilisierten eine Ausbildung bekommen. Ngozi und seine Region ist bekannt für die Demobilisierten, es gibt dort anscheinend sehr viele. Nach den Verträgen von Arusha, die den Krieg auch in Burundi beenden sollten, musste die Armee reduziert werden, sprich, ein Großteil der Soldaten und Rebellen wurde entwaffnet. Nimmt man nun an, dass ein Junge mit zehn Jahren mitgeschleppt wurde und das Kämpfen lernte, nach zehn Jahren Krieg schließlich entwaffnet wird. Dann ist er 20 Jahre alt. Und was kann er? Kämpfen. Sonst nichts. Die Demobilisierten hatten anscheinend nach ihrer Entlassung einen großen Betrag Geld erhalten. Sonst nichts. Keine Infos, keine Wegweiser, was sie damit anfangen können oder sollen. Nichts. Ergo wurde der Geld verprasst, so wie man es tut, wenn man nicht gelernt hat, damit umzugehen. Irgendwann war das Geld aus – und man beschaffte sich eben neues. Egal wie. Und zwar bis heute. Raubüberfälle, nicht selten mit Todesopfern, sind anscheinend keine Seltenheit. Und auch als wir gerade dort unterwegs waren, wurde nachts ein Mann überfallen und erschossen. Nachts befanden wir uns ja aber nicht in Ngozi.
Zurück zu Ursula, Marianne und Andreas. Sie erzählten uns vom „Centre Jeunes Kamenge“, einem Jugendzentrum in einem Stadtteil Bujumburas. Jenem Stadtteil, in dem sich auch unser Heim für junge Mütter befindet. Ein ärmeres Viertel, in dem die Hutu-/Tutsi-Geschichte noch nicht ganz vergessen zu sein scheint. Das „Centre“ arbeitet mit Jugendlichen, lehrt Hutu und Tutsi ein Zusammenleben, bildet aus, bietet eine Bibliothek, Computer, Sportplatz und so weiter. Wir werden dort einmal hingehen – zusammen mit unseren Jugendlichen. Finde ich eine gute Idee. Das „Centre Jeunes“ wird anscheinend von einem italienischen Padre geleitet. Claudio. Anhänger eines katholischen Ordens. Es befänden sich auch Freiwillige aus anderen Ländern dort, wird uns gesagt. Multikulti-Austausch, das fände ich ja toll.
Heute war ich schon morgens mit den Jungs Basketball spielen. Zwei Stunden lang, bis uns die Beine weh taten. Waren aber klasse Spiele, wir gewannen durchweg gegen einige Jungs aus dem umliegenden Viertel. Es war den ganzen Tag sehr bewölkt, aber dennoch hatte die Sonne anscheinend einige Kraft. Mein Gesicht ist jetzt gesund rot. Nicht schlimm, kein Sonnenbrand. Morgen wird es braun. *lach* Klein-Claudine hat ihre Medizin bekommen, wir haben zu Abend gegessen, Tagebuch ist gefüttert – jetzt ist Zeit, schlafen zu gehen. Freue mich auf den Auftritt morgen in der Kirche. Werde Fotos machen. Um 9.15 Uhr hat uns Benoit einen kleinen Bus geschickt, der die Kids zur Kirche bringen soll. Bonne nuit!
Sonntag, 17. Dezember 2006. 20 Uhr in Burundi. Heute waren wir mit 27 Kids in der Kirche, da sie dort ihren Auftritt hatten. Ein richtiger Erfolg!!! Verena und Benoit waren zufrieden, die Kids waren glücklich – und der Bischof auch. Sogar seine Predigt richtete sich nach uns. Er sagte, dass er es sehr schätze und wichtig finde, dass selbst Kinder mit einem solchen schlimmen Schicksal wie Waisen etc. nicht verzweifeln, das Leben verfluchen, sondern dennoch Gott preisen und an die Gerechtigkeit und das Gute im Leben glauben. Dass sie nicht den Lebensmut verlieren. Er sagte, er werde für die Kinder beten, für uns, die hier vor Ort helfen, für die, die uns diese Arbeit ermöglicht haben und wiederum für deren Unterstützer. Die gesamte Kette also. Finde ich richtig imponierend, dass er so auf unsere Kids einging. Und unsere Kleinen strotzten vor Stolz. Allesamt haben sie sich rausgeputzt, die feinsten Kleidchen und Schuhe hervorgekramt, die sie finden konnten. Richtig schick!!!
Ich gebe jedoch zu, dass ich sehr ins Nachdenken kam, als ich die kleine Ornella sah (elf Jahre). Es war ein Anblick, der mich beinahe zu Tränen rührte. Sie trug ein weißes Kleidchen, das an eine Kommunion oder gar ein Tanzkleidchen erinnerte. Es hatte Löcher, der Reißverschluss war halb kaputt, es zog Fäden und auf der einen Schulterpartie fehlten die schmückenden Perlen. Und dennoch sah sie so entzückend aus wie eine kleine Prinzessin. Dieses kleine, süße Mädchen, zu Recht stolz – und dann in einem solchen Kleidchen. Hat sie nicht ein Kleid verdient, das keine Löcher hat?! Es war ein Moment, in dem ich kurz erstarrte und inne halten musste. Es machte mich traurig.
Kurz darauf wurde ich aber wieder aus meinen Gedanken gerissen, da wir uns beeilen mussten. Ali, der liebe Chauffeur, der auch mit auf unserer Tagestour war, war an seinem eigentlich freien Sonntag mit einem kleinen Bus gekommen, um uns zur Kirche zu fahren. Ich schätze, dass der Bus nicht mehr als zehn bis 15 Plätze hatte – eigentlich. Wir hatten heute 27 Kinder plus Lena Julia und ich. Und eben Ali am Steuer. Ein witziger Anblick, die Kids hatten ihren Spaß. Die Gitarre von Julia passte auch noch rein. An einer Straßenecke grüßt Ali einen Polizisten, der den Gruß lächelnd erwidert. Ich bin etwas verdutzt, Ali bemerkt das und lacht: „Ce n’est pas de problème!“ In Burundi, ja. Ich schüttelte nur den Kopf.
Die Kirche war mal wieder – wie immer – gerammelt voll, wieder standen und saßen sogar im Freien die Leute, die nicht mehr hinein passten. Uns wird sogar extra noch eine Holzbank herein geholt, dass wir sitzen können. Verena und Benoit entdecken wir sofort, als bis dato einzige Weiße in der Kirche war sie zwischen lauter schwarzen Häuptern nicht zu übersehen. Jetzt bekam sie ja „Unterstützung“. Wir nahmen an der Seite neben dem Altar Platz. Nach etwa 45 Minuten waren unsere Kids an der Reihe. Und sie waren echt gut! In Reih` und Glied standen sie vorne, vor zig Leuten und machten ihre Sache gut – genauso wie Julia, die an der Gitarre begleitete. Applaus ernteten sie, das ist klar. Und den Bischof scheint es auch gefreut zu haben.
Den Rückweg ins Heim liefen wir. Wir wollten Ali an seinem freien Tag nicht noch mehr beanspruchen. Es war sehr heiß heute, die Sonne knallte richtig auf Bujumbura herunter. Dementsprechend haben wir heute wieder Farbe bekommen. Selbst den Kids wurde es zu viel, sie keuchten auf dem Weg. Wir mussten auch einige Straßen überqueren, wo ich den kleinen Ernest ein Mal zurück hielt, als ein Auto kam. Daraufhin nahm er meine Hand und lief so ein Stück mit mir. Das Land liegt wirklich zwischen den Extremen – entweder ist es sehr heiß und die Sonne brennt – oder es gießt in Strömen, dass, wie neuerdings geschehen, die Ernten vernichtet werden.
Den restlichen Tag verbrachte ich mit Fußball spielen zusammen mit Emmanuel, Venuste, Sean Paul, Raoule und Samuel. Ich merkte wieder einmal: Hier können sie das sein, was sie sind: Kinder. Danach saß ich mit dem älteren Ernest (16 Jahre) im Schatten und unterhielt mich mit ihm über seine Klausuren. Er hat alle schon geschrieben, teils so teils so seien sie gelaufen. Aber Hauptsache, sie seien vorbei – kommt mir irgendwie bekannt vor. Englisch sei schwierig gewesen, der Lehrer hätte gefragt, was überhaupt nicht zum Lernen aufgetragen worden war – auch das kommt mir irgendwie bekannt vor. Anscheinend gibt es mehr burundisch-deutsche Parallelen, als ich angenommen habe.
Am Abend kam Espérance (17 Jahre, ihr Name bedeutet „Hoffnung“) aufgeregt auf mich zu, ein Junge sei am Eingangstor und wolle zu mir. Ich schaue nach und – es ist Christian! Der Englisch-Student, den Lena und ich einmal auf dem Heimweg vom Markt kennen gelernt hatten. Er sagte damals, er werde uns besuchen und er hielt Wort. Ein netter Kerl. Er (23 Jahre) brachte einen Freund mit (26 Jahre). Der Kumpel spiele Handball hier in Bujumbura – wir haben gleich ein Gesprächsthema. Beide spielen gerne Basketball und schon haben wir unser nächstes Treffen anvisiert. Ich sagte ihnen, sie sollten doch nach Weihnachten nochmals vorbei kommen, dann hätte ich etwas mehr Zeit. Könnten dann auch mal zusammen Basketball spielen gehen, zusammen mit den Jungs aus unserem Heim. Ich denke, er wird kommen. Finde ich richtig interessant! Würde ihn auch gerne mal an seiner Universität besuchen gehen. Bin ja noch ein Weilchen hier.
Morgen müssen wir die Plakate für unsere deutsch-burundische Silvesterparty drucken und in den Geschäften aushängen. Bin mal gespannt…Jetzt beschäftige ich mich noch ein bisschen mit den Kids, die wieder einmal ganz neugierig im Halbkreis um mich herum stehen und mir zusehen und rumalbern. Ach, sie sind doch einfach zum gernhaben!
Bald ist Weihnachten…
Dezember 15, 2006
Donnerstag, 14. Dezember 2006. 21.07 Uhr in Burundi. Ich entschuldige mich, wenn ich den Lesererwartungen in diesen Tagen hinterher hänge. Doch die Vorbereitungen mit Weihnachten und Silvester, dazu einige andere Projekte, nehmen meine Zeit sehr in Anspruch – mal abgesehen von den alltäglichen Beschäftigungen mit den Kids. Heute kam ein sehr, sehr großes Paket an – teils mit privaten Dingen, teils für die Kinder. Viel Spielzeug für draußen, Indiaka, kleine Schläger mit Bällen, Süßigkeiten und Spielzeug von meiner Bank daheim und zwei große Bälle der Eggensteiner Handballer! Die Herrenhandbälle sind so groß, dass sie für die kleinen Kids fast schon als Fußball dienen können. Perfekt! Dazu kamen Spielkarten, Domino, Mikado und solche Dinge. Beschäftigung genug fürs Erste. Vielen, lieben Dank für all die Gaben – auch die persönlichen (Weihnachts-)Geschenke für Lena und mich. Wird jedoch erst am 24. Dezember ausgepackt, versteht sich. Auch eine Überweisung ist bei meiner Bank hier eingetroffen – problemlos. Hatten, ehrlich gesagt, etwas gezittert, ob das alles reibungslos klappt, mit Swift-Code und allem Schnickschnack. Tat es aber. Alles bestens.
Ich stehe regelmäßig in Kontakt mit sehr lieben Menschen in der Heimat. Angefangen bei meinen Verwandten, über Freunde, bis hin zu Menschen, die ich bislang nicht kannte; die mich aufgrund meines Tagebuchs anschreiben, Interesse zeigen, einfach tolle Leute sind; die zu meiner Mutter ins Geschäft kommen und sich erkundigen, wie man helfen kann. Diese Nachrichten aus der Heimat tun sehr, sehr gut. Ich erwähnt es, glaube ich, schon einmal: Sie sind das Rückgrat, das ich hier brauche. An dieser Stelle danke an alle, die ihr Interesse zeigen, die abends oder in der Mittagspause vor dem Bildschirm sitzen und meine Einträge mit Spannung verfolgen, an unsere Arbeit hier denken und uns unterstützen – auf welche Art und Weise auch immer. Danke! An dieser Stelle Grüße in alle Richtungen der Welt – von Europa bis nach Südafrika!
Heute rief mich auch ein sehr guter Freund an. Er lebte selbst zehn Jahre in Kenia, musste dann aber nach Deutschland zurückkehren. Er ist einer „meiner“ Jungs, an die ich sehr oft denke. Er gab Lena und mir eine Nachricht auf Suaheli mit nach Burundi – für diejenigen, die diese Sprache verstehen. Einige Kids aus dem Heim verstanden sehr gut und verfassten sofort eine Antwort an ihn. Der Brief erreichte ihn heute, daher sein Anruf. Er wird sich wieder melden…Ein Anruf, eine Sache, die mich heute so sehr gefreut hat. Ein weiteres Stück Heimat.
Unsere Küche dient seit geraumer Zeit auch als kleine Krankenstation. Beinahe täglich kommt eines der Kids mit einem Wehwehchen. Kleine Prellungen, Schürfwunden bis hin zu schlimmen, offenen Stellen ist alles dabei. In den krassen Fällen konsultieren wir natürlich Verena. Sie hat auch die entsprechenden Medikamente und als gelernte Krankenschwester auch die nötige Ahnung. Wir sind ja nur für die „Erste Hilfe“ da, weil vor Ort.
Was mir diese Tage auffiel: Die Burunder zählen mit den Fingern völlig anders als wir. Bei „eins“ beginnen sie mit dem kleinen Finger. Bei „zwei“ kommt dann der Ringfinger hinzu und so weiter. Wir beginnen ja bekanntlich mit dem Daumen… Auch benutzen die Burunder zum Beispiel ab „sechs“ keine zweite Hand, sondern beginnen wieder mit dem kleinen Finger derselben Hand. Es wunderte mich schon, warum die Kids zu mir meinten, es sei falsch, wie ich zähle…mit dem Daumen beginnend…so lernt man täglich dazu über die Kultur, in deren Mitte man sich befindet.
Per Zufall habe ich erfahren, dass es in Bujumbura ein „Centre Culturel Francais“ gibt. Dort werden auch Kinofilme gezeigt. Zwar Filme, die bei uns vor drei Jahren anliefen, und nur auf einem normalen Fernseher, aber immerhin Kino! Ich werde mit den größeren Jugendlichen aus unserem Heim am 28. Dezember dorthin gehen. Zumindest nehme ich mir das vor. Der Film „8 Mile“ mit US-Rapstar Eminem läuft dann um 18 Uhr. Da die größte Zahl unserer Kids auf Rap und HipHop steht, ist das doch ein perfektes Weihnachtsgeschenk. Ich lade sie dorthin ein – ein Mal Eintritt kostet 500 FB (zur Erinnerung: 1 Euro = 1.300 FB). Für Ausländer gilt dieser Preis übrigens nicht. Ist schon die Härte! Ist, wie mir Verena bestätigte, anscheinend öfter so. Vor allem Weiße zahlen das Doppelte. Oder eben noch mehr. Ich bin mal gespannt. Man stelle sich das mal in Deutschland vor: „Ausländer zahlen das Doppelte!“ Mal gespannt, was dann los wäre.
Kommenden Sonntag haben die Kinder ihren ersten Auftritt in der Kirche. Die Aufregung steigt. Natürlich werden wir allesamt mit gehen. Wirklich eine tolle Sache, dass sie zeigen können, was sie können. Denn sie sind gut! Übrigens: Wenn ich alles richtig verstanden habe und alles klappt, wird unsere Julia bei einem einheimischen Konzert mitsingen. Kein Scherz! Mal sehen, ob es so sein wird.
Vorbereitungen für Weihnachten uns Silvester laufen auf Hochtouren. Darüber hinaus möchte Verena ihre Internetseiten neu gestalten – einer Aufgabe, der ich mich fürs erste angenommen habe. Gestaltung – soweit ich das kann. Wende eben ein bisschen das Wissen meines „Online-Journalismus-Studiums“ an. Wie, wo, was aufgebaut sein sollte, weiß ich ja aus Erfahrung. Wie großkotzig sich das anhört?! Mensch, bin ich alt…
Jetzt muss ich noch die beiden Mädels rufen, die heute ihr Adventskalenderchen aufmachen dürfen. Danach muss ich noch der kleinen Claudine ihre Medizin geben. Sie hat ganz schlimme Wunden an den Beinen. Man weiß nicht, was es ist. Die Ärzte haben nichts gefunden. Es sind schlimm aussehende, eiternde Wunden, die kommen und gehen und keiner weiß, weshalb. Verena war schon des öfteren mit ihr im Krankenhaus – ohne Ergebnis. Wir haben sie in den vergangenen Tagen verbunden, was jedoch nichts half. Jetzt müssen Antibiotika her. Die Kleine tut mir so leid. Es ist ein süßes Mädchen, ganz fleißig und immer hilfsbereit, wenn es etwas zu tun gibt. Verena meinte, sie leide unter ihrer Geschichte. Ein durch den schrecklichen Krieg verstörtes Mädchen. Nicht mal zehn Jahre alt.
21.51 Uhr. Mit den kleinen Adventssäckchen muss ich noch ein bisschen warten. Die Mädchen halten gerade eine ihrer obligatorischen Versammlungen ab. Was sie besprechen, weiß ich nicht genau. Ich denke mal, wie es ihnen ergeht, wie die bisherige Woche gelaufen ist, was ihnen auf dem Herzen liegt. Finde ich gut. Und wie diszipliniert es zugeht! Hat eine etwas zu sagen, meldet sie sich und wartet, bis Leiterin Clothilde sie aufruft. Dann kann sie ihr Anliegen vorbringen. Die Jungs sitzen ebenfalls zusammen. Es ist eine schöne Beschäftigung, die Kinder zu beobachten. Interessant. Und oft kann man daraus auch etwas für sich selbst lernen. Zum Beispiel, und das allem voran, das schätzen zu wissen, was man hat. Auch wenn es nicht viel ist.