Neuigkeiten aus Burundi (XI)

November 29, 2006

Montag, 27. November 2006. 21.43 Uhr burundische Zeit. Heute war wieder Bürotag bei Verena. Habe eine Liste von allen Kindern hier im Heim („Centre Uranderera“) in den Computer eingetippt – der Anfang für die Steckbriefe, die wir von jedem kleinen Bewohner hier erstellen wollen. Lena brütete weiter über Jahresabrechnungen der einzelnen Projekte. Michael, der Elektriker, Klempner und was weiß ich noch alles zugleich, beschaffte uns einige Pötte Farbe, um die Gemeinschaftsräume der Kids zu neu zu streichen. Außerdem suchte er zusammen mit Julia und Marie zwei Fahrräder aus, die wir eventuell schon morgen, Dienstag, bekommen sollen. Unsere Flexibilität wäre dann etwas vielfältiger, wir wären schneller beim Markt, in den Geschäften der Stadt und bei Verena. Ich bin nur gespannt auf die Fahrten bergauf.

 

Heute erhielt ich auch die sehr erfreuliche Nachricht, dass die CD, die ich vor einer Woche weg schickte, rechtzeitig bei den Organisatoren des Herbst-Balls der Turngemeinde Eggenstein angekommen war. Ich hatte Bilder darauf gepackt und einen Text, den ich eigens eingesprochen hatte. Quasi ein eigener Programmpunkt für die burundikids! Ich habe täglich gehofft und gebetet, dass die CD noch rechtzeitig ihren Weg nach Eggenstein findet. Und siehe da – es hat geklappt. Danke vielmals auch für das super Engagement und den Platz im Programm des Ball-Abends!!! Ich freue mich immer wahnsinnig über das Interesse, die Anteilnahme und die Unterstützung, die mir entgegengebracht wird.

 

Schüsse in Bujumbura

 

Themenwechsel. Vorletzte Nacht bin ich aufgewacht, kurz darauf hörte ich drei Schüsse – und nach wenigen Sekunden noch einen. Ich wusste nicht, was los war, überlegte, warum ich überhaupt wach geworden war. Höchst wahrscheinlich wurde zuvor auch schon geschossen. Am Morgen darauf glaubte mir keine der drei hier, was ich erzählte. Ich wurde nur angeschmunzelt. Beim Essen gestern Abend jedoch, erzählte Verena, dass sie die Schüsse ebenfalls gehört habe. Und heute erfahren wir, dass es in der Innenstadt eine Schießerei gab, bei der ein burundischer Rapper – versehentlich – ums Leben kam. Anscheinend war er mit einigen Leuten unterwegs, als plötzlich ein Dieb ihn bestehlen wollte. Irgendwie kam es dann dazu, dass einer eine Waffe zog und abdrückte. Soldaten, die in der Nähe standen, schossen zurück – und erlegten den Dieb, aber auch den Rapper. Ich bin froh, dass es „nur“ so etwas war – ein Diebstahl mit unglücklichem Ende. Aber welche Gedanken durch einen fahren, wenn man in solch einem Land Schüsse hört, braucht an dieser Stelle nicht vieler Worte.

 

Das Essen im Heim mit Verena und Benoit

 

Das Abendessen mit Verena und Benoit war übrigens sehr lecker und lustig – eigentlich wie immer, wenn wir alle zusammensitzen. Benoit war etwas ruhiger als sonst, das lag daran, dass er die ganze Zeit auf einen wichtigen Anruf wartete. Aber dennoch war er in der Lage, burundische Witze zu erzählen. Unser Essen schmeckte allen. Sodass wir anschließend mit dicken Bäuchen da saßen und uns beklagten. Selbst schuld. Nach dem Nachtisch gab ich Verena und Benoit eine Kostprobe eines Schnapses, den es nur in Eggenstein gibt – der berüchtigte „Fünfer-Tropfen“, ein Schnäpschen, dessen Rezept nur ein guter Freund meines Onkels kennt. Ich denke, wir waren die ersten Menschen überhaupt, die einen „Fünfer-Tropfen“ in Burundi zu sich nahmen.

 

Bevor ich mich mit Lena heute Abend auf den Rückweg ins Heim machte, unterhielt ich mich mit Verena über die Vorhaben in den kommenden Tagen. Einiges wollen wir neu angehen und planen für 2007. Verena unterbreitete mir eine sehr gute Idee, bei der ich ihr helfen solle, sie vorzubereiten. Es klingt alles sehr gut und ich denke, dass das ein großer Fortschritt für die Fondation – und somit für ihre Schützlinge – sein wird, wenn es denn funktioniert. Ich wüsste aber nicht, warum es nicht klappen sollte. An dieser Stelle möchte ich noch nicht zuviel vorwegnehmen. Mehr dazu zur passenden Zeit.

 

Vor dem Abendessen kamen Doriane (neun Jahre) und Chanelle (zehn Jahre) zu mir. Chanelle – das Mädchen, das auf dem Bild zwinkert – hatte sich am Ellenbogen aufgeschürft. Was diese Kids immer treiben, weiß ich auch nicht. Dass Jungs toben, ist mir bekannt, aber Mädchen?! Nun ja, am Ende haben sie Lena, Marie und ich verarztet – abgewaschen, desinfiziert und Pflaster drauf. Dann war die Welt wieder in Ordnung.

 

So langsam fühle ich mich richtig, wie in einem – zwar etwas karg eingerichteten, aber immerhin – Büro. Ein einfacher Holztisch in der Mitte des Zimmers, davor ein Holzstuhl. Auf dem Tisch sind Notizblöcke, Zettel, Taschenrechner und Kugelschreiber um den Laptop herum drapiert. Es lässt sich gut arbeiten – und ab und zu mal auch über den Bildschirm hinweg aus dem Fenster schauen, wo sich tagsüber einige Nähschüler tummeln. Morgen steht wieder Basketball an. Hoffe, das Wetter hält…

 

Dienstag, 28. November 2006. 9.03 Uhr in Burundi. Heute bin ich schon seit 5 Uhr wach. Lena hat Bauchschmerzen und ihr ist schlecht. Ich denke, sie hat irgendetwas Falsches gegessen. Auch mein Magen kämpft mit etwas, wie ich merke. Habe dann Frühstück für die anderen gerichtet und Lena einen Tee ans Bett gestellt. Nach dem Frühstück wasche ich nun die Wäsche, die sich in der vergangenen Tagen wieder angesammelt hat. Der rote Sandstaub hier dringt wirklich durch alles hindurch – ob das nun Zimmerecken sind oder Schuhe, Hemden oder Socken. Überall dieser rote, knirschende Film.

 

Gegen 15 Uhr möchte ich mit den Jungs Basketball spielen gehen. Danach, wenn die Zeit noch reicht, werde ich zu Verena hinunter laufen, um einige wichtige Mails abzurufen, auf die ich noch warte und um einige andere wichtigen Mails zu versenden. Vielleicht ist auch Verenas Idee, von der ich gestern Abend kurz erzählte, auch schon etwas konkreter geworden, sprich, aufs Papier gewandert. Dann werde ich mir auch das noch anschauen. Aber jetzt erst einmal Wasser heiß machen für die Wäsche…

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