Neuigkeiten aus Burundi (IX)

November 25, 2006

Freitag, 24. November 2006. 17.40 burundische Zeit. Heute waren Julia und Marie wie jeden Freitag in der Schule am anderen Ende der Stadt, um dort Gesangsunterricht zu geben. Die Schule liegt direkt am Tanganyikasee, was sich die beiden natürlich nicht entgehen lassen. Wir wollen zusammen mal einen Ausflug an den Strand machen. Sonntags irgendwann, zum Ausspannen.

 

Lena und ich gingen auf den Markt, Lebensmittel für die folgenden Tage besorgen. Am kommenden Sonntag wollen wir nämlich für Verena und Benoit hier im Heim kochen. Der Termin für die Einladung abends ist bereits ausgemacht. Zuerst wollten wir es schon morgen, Samstag, machen, da geht es aber leider nicht, weil sich Gäste im „Chez André“ angemeldet haben, bei denen die Chefs anwesend sein müssen. Auch heute Abend ist dort hoher Besuch: der belgische und der burundische Verteidigungsminister treffen sich zum Essen und mit ihnen ein Stab von mehr als 20 Leuten.

 

Der Markt war heute sehr anstrengend, freitags sind doppelt so viele Menschen dort wie sonst. Ein Gedränge, von dem ich eigentlich bisher dachte, dass es nicht mehr schlimmer ginge. Aber es geht tatsächlich – nämlich freitags. Es haben auch gleich vier Jugendliche hintereinander versucht, Lena in die Hosentasche zu greifen und ihr das Geld zu stehlen. Aber sie hat sich gut zur Wehr gesetzt, ihnen eine an den Arm verpasst und sie angeschrieen. „Kubita amakofi?!“ – „Willst du eine Ohrfeige?!“. Die Drohung auf Kirundi hat die Jungs mehr erschreckt als der Schlag. Eine „muzungu“, die sich wehren kann? Auch noch in der Landessprache?! Die älteren Händler um uns herum lobten Lenas Reaktion, sie sagten, man solle nicht lange androhen, sondern gleich drauf hauen. Sie gaben uns Recht und schämten und ärgerten sich zugleich über die Taschendiebe. Unser Geld ist nach wie vor alles vollständig vorhanden. Aber eine wertvolle Erfahrung.

 

Auf dem Rückweg begleitet uns ein junger Student, Christian. Er studiert englisch und spricht sehr gut. Er hatte mitbekommen, wie der letzte Dieb Lena an die Tasche ging und erkundigte sich, ob alles in Ordnung sei. Er entschuldigte sich fast für seine Landsleute, schüttelte den Kopf und versuchte uns zu versichern, dass das nicht Burundi sei, sondern die Ausnahme. Diese Ausnahmen gibt es oft, aber dennoch hat sich mein Bild von den Menschen hier nicht verändert. Taschendiebe gibt es bei unserem Karlsruher Weihnachtsmarkt genauso. Insofern war Christians Sorge unbegründet. Aber nett gemeint.

 

Wir unterhalten uns die gesamte Strecke. Er ist interessiert, angenehm, nicht aufdringlich. Wir sprechen über sein Land, die Menschen hier, Politik. Keine Jobs, unsichere und fragwürdige Demokratie und die Studierten verlassen das Land. „Es gibt hier keine Jobs, was soll die Jugend hier, wenn sie doch die Chance bekommt, in Europa und Amerika Geld zu verdienen?“ schaut mich Christian fragend an. Ich sage ihm, ich verstehe seine Situation. Seine und die der vielen tausend anderen in seinem Alter. Keine Jobs, keine Aussichten, keine Zukunft. Die studierte Elite verlässt das Land, sobald sie kann. Der Aufbau Burundis bleibt auf der Strecke oder tröpfelt langsam vor sich hin. Meiner Meinung nach ist das erste, das hier in Burundi passieren muss, dass eine stabile Regierung, sprich eine gefestigte Demokratie geschaffen werden muss. Eine Demokratie, die auch von denen wirklich gewollt wird, die sie an den Verhandlungstischen und in den hohen Reihen vertreten sollen. Dann kommen Investitionen, dann gibt es eine Wirtschaft, dann gibt es Jobs, dann bleibt auch die junge Elite hier im Land. Aber wenn alles so einfach wäre, wie es hier geschrieben steht. Auf der anderen Seite…wäre es denn wirklich so abartig schwer?! Auf jeden Fall will uns Christian einmal besuchen kommen.

 

Heute wurden auf der Straße vor dem Markt die riesigen Schlaglöcher geteert. Benoit hatte sich dafür eingesetzt und mehrere Telefonate geführt. „Das sieht doch peinlich aus, wenn Gäste und Politiker hier her nach Burundi kommen und sehen so was!!?!“ regt er sich immer noch auf. Ich finde, zu Recht. Ich halte mich an dieser Stelle mit weiteren politischen Äußerungen meinerseits zurück – aus guten Gründen. Mir gehen aber keine Infos verloren, so viel sei gesagt.

 

So langsam haben wir es raus mit den burundischen Preisen. Wir kaufen so günstig ein, wie die Einheimischen. Macht richtig Spaß. Erst fragt man nach einem Preis, die Antwort ist natürlich Grund zum ausgiebigen Schmunzeln. Bleibt der Händler hart, läuft man eben weiter. Er kommt nach ein paar Minuten zu einem gerannt und gibt die seine Ware zu dem Preis, den du geben wolltest. Eigentlich ganz einfach. Am besten kauft man seine Ware dort, wo sich mehrere Händler mit der gleichen Ware hin gesetzt haben. So kann man sie gegeneinander ausspielen und die Preise senken. Klingt vielleicht im ersten Moment hart, aber so läuft der Hase hier. So machen es die Einheimischen, so sollen wir es auch tun. Alles andere würde uns zum Gespött machen – und uns unnötig Geld kosten, das wir sinnvoller an anderer Stelle einsetzen können.

 

Nachdem wir ein Mal Kaffee auf dem Markt gekauft hatten, lassen wir es dabei. Der Kaffee war gestreckt mit Erde, Sand, Steinen oder was auch immer, jedenfalls war er richtig grobkörnig und schmeckte nach nichts. In Zukunft muss der Kaffee eben aus dem Geschäft her. Verena bestätigte uns, dass man auf dem Markt nicht alles kaufen sollte. Die Kaffeetüten würden vorsichtig geöffnet, „behandelt“ und weiter verkauft. Ähnlich ist es mit Wein. Mit Spritzen wird der gute Wein durch den Korken heraus geholt, getrunken und mit Essig oder ähnlichen Substanzen aufgefüllt. Unglaublich, dieser Einfallsreichtum!!!

 

Auf dem Rückweg vom Markt kehren Lena und ich noch kurz im „Chez André“ ein, trinken eine Cola zur Abkühlung und plaudern mit Verena und Benoit, der gerade Mittagspause macht. Zwei Angestellte pflücken uns vier Kokosnüsse von den hohen Palmen vor dem Haus. Lustig, so etwas mal live zu sehen. Dann klopfen sie noch die äußere Schale weg und da ist sie, so groß wie zwei Fäuste, die Kokosnuss. Zurück im Heim bohren wir ein kleines Loch hinein, trinken das Kokoswasser, ehe wir sie mit dem Hammer spalten und das Kokosfleisch heraus schneiden. Eine nicht zu unterschätzende Arbeit!!! Aber verdammt lecker.

 

Morgen, Samstag, sind wir um 14 Uhr zusammen mit Verena im Straßenkinderheim eingeladen. Es steht ein großes Fest an mit leckerem Essen für alle 120 Jungs. Quasi ein fest zur Rückkehr der Trommler aus Äthiopien ins Heim. Und, dass die anderen, die keine Trommler sind, auch etwas davon haben. Da fällt mir noch etwas ein, was ich sehr witzig, aber beachtenswert finde. Einige Jungs aus dem Straßenkinderheim haben sich bei Verena beschwert, dass wir erst ein Mal bei ihnen waren – die Kids im Waisenheim hätten es so gut und sie selbst wollten doch auch Englisch und Deutsch lernen. Wir werden wahrscheinlich ab kommender Woche einen festen Tag einrichten, an dem wir ins Straßenkinderheim gehen und dort arbeiten. War sowieso von Anfang an geplant, blieb aber leider bislang auf der Strecke.

 

Eine Drei-Tages-Tour aufs burundische Land steht auch noch an. Verena möchte und muss ihre Projekte im Landesinnern und im Norden besuchen, Spenden bringen und nach dem rechten sehen. Wir fahren mit, das wird bestimmt ein wahnsinniges Abenteuer. Mit dem „Buschtaxi“ (so nennt man eine bestimmte „Sorte“ von Toyota-Geländewagen) durch Burundi. Freuen uns alle tierisch darauf.

 

Gerade erzählte Flora – die Schwangere, die wir spontan übergangsweise hier aufnahmen –, dass ihr gesagt wurde, sie solle das Zimmer räumen, weil dort rein ein Friseursalon käme. Müssen das gleich klären, von Verena stammt diese Idee nämlich nicht – sonst wüssten wir davon. Es ist doch immer etwas anderes, was es zu regeln gibt. Unglaublich…

Samstag, 25. November 2006. 11.23 Uhr in Burundi. Versuche verzweifelt, ins Internet zu kommen, aber die Leitungen sind besetzt. Telefon ist frei und funktioniert, nur der Draht ins Internet scheint verstopft. Verena und ich sind ratlos, vielleicht surfen zu viele Burunder gerade im Netz. Eigentlich unwahrscheinlich, aber wir kommen nicht durch. Jetzt funktioniert es!!! Stelle gleich den Text online…

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