Mittwoch, 22. November 2006. 21.42 burundische Zeit. Nachdem der Strom nun permanent zu fließen scheint, kann ich mich wieder an das Notebook setzen und ein bisschen schreiben. In den vergangenen Tagen musste ich das leider aufgrund anderer Arbeit vernachlässigen. Vorhin haben Clothilde, die Heimleiterin für die Mädchen, Fulgence und Thérence einige Lampen ausgetauscht. Unser kleines Häuschen ist nun etwas heller – vorausgesetzt, der Strom fließt. Der Sicherungskasten hat einen kleinen Wackelkontakt. Ich wollte in den vergangenen Tagen schon einmal danach schauen, sah das Ding, das mich an einen alten, hölzernen Taubenschlag erinnerte, und ließ die Finger davon. Der ganze Clou war „nur“, das kleine, hölzerne Türchen des Kastens fest an das restliche Gehäuse zu pressen – dann war es hell. Ließ man davon ab, Dunkelheit. Da kein Mensch die ganze Zeit am Sicherungskasten drücken kann, haben wir einen kleinen Holzkeil unter das Türchen geschoben. Eine Übergangslösung. In einem Flügel unseres Gebäudes haben wir nach wie vor keinen Strom. Denke aber, das liegt auch wieder „nur“ an einer Sicherung. Michael, der Elektriker und Klempner zugleich von Verena, wollte sich dessen in den folgenden Tagen mal annehmen. Lernte ihn vor einigen Wochen schon kennen, da brachte er mir gleich die Zahlen von eins bis zehn in Kisuaheli bei.

 

Also, Strom fließt jetzt – eigentlich ungewöhnlich, denn normalerweise ist unser Viertel heute nicht an der Reihe. Aber es hat wieder fast den gesamten Tag geregnet, deshalb wahrscheinlich. Zu viel Regen, wie zur Zeit, ist leider auch nicht gut. Wir erfuhren, dass es auf dem Land einigen Bauern schon die Ernte verschwemmt hat. Ein Desaster – belegt Burundi doch den traurigen letzten Platz auf dem „Welthunger-Index“.

 

Gestern, Dienstag, war ich mit Fulgence, Thierry, Ernest, Samuel und Emmanuel Basketball spielen. Einige Jungs – und ein Mädchen – aus dem umliegenden Viertel war auch wieder dabei. Wir spielen kaum zehn Minuten, da beginnt es zu regnen. Erst ganz leicht, nach ein, zwei Minuten aber ein richtiger Platzregen. Schwarze Wolken hängen über den zwei großen Hügeln, die man vom Basketballplatz aus perfekt sehen kann. Ein Panorama, das ist unglaublich. Ich muss das noch irgendwann mit der Kamera festhalten.

 

Wasserschlacht und „Omo“

 

Jedenfalls ließen wir uns vom Wasser nicht abhalten – immerhin waren wir mitten im Spiel. Sehr witzig, es machte riesigen Spaß. Zwar flutscht einem der Ball andauernd durch die Hände und man steht plötzlich bis zu den Knöcheln in einer Pfütze, aber was macht das schon? Der Ball läuft trotzdem und warm ist es ebenfalls. Danach sahen wir allesamt aus wie die Schweine. Der rotbraune Sand, der hier in jeder Ritze und Ecke zu finden ist, klebt an uns, an unseren T-Shirts und zusammen mit dem Wasser durchdrängt er unsere Schuhe samt Socken. Im Anschluss an das Spiel habe ich ernsthaft Probleme, den Dreck über dem Waschbecken wieder aus meinen Kleidern zu bekommen. Hartnäckig – aber ich habe gewonnen. Mit der Hand waschen ist recht anstrengend, allem voran das Ausringen nach dem Waschen. Heute, Mittwoch, habe ich gerade wieder „Omo“, Waschpulver, bei dem Jungen am Straßenrand gekauft. 100 Gramm für 350 FB. Wir müssen nur aufpassen und das Pulver gut im wasser auflösen, bevor wir unsere Wäsche dort hinein tun. Ansonsten sehen wir aus, wie die Schlümpfe.

 

Während ich mit den Jungs Basketball spielen war, strichen Julia, Lena und Marie weiter die Wände im Mütterheim im Stadtteil „Kamenge“. Wir wollen alles irgendwie freundlicher gestalten. Und da Julia eine super Zeichnerin ist, malt sie immer die Motive. So übrigens auch in unserer Küche hier. Unsere Wand ziert nun ein Obstkorb auf der einen Seite über dem Holztisch und einige Früchte auf der anderen Seite über dem Herd und der Spüle. Aber zurück nach „Kamenge“. Die Kinder, die dort in den Kindergarten gehen, kommen ja aus dem gesamten Viertel, also nicht nur die Kids der dort wohnenden jungen Frauen. Als die Zeit um war und die Mütter von außerhalb ihre Sprösslinge abholten, wollte eine unbedingt Lena haben, die ihren Bruder heiraten sollte. Erst bot sie fünf Kühe, nach weiterer Hartnäckigkeit 2.000 Rinder. Alles Spaß. Der Ring an Lenas Finger erwies sich hierbei aber als sehr hilfreich und hatte seine Wirkung. Sowieso hat man das Gefühl, dass der Respekt vor Verlobung und Heirat enorm ist. Die Menschen sind schließlich streng gläubig – die meisten Christen. Da kennt man andere Dinge aus Europa.

 

Blume

 

Noch eine Veränderung ergab sich in den vergangenen Tagen. Am Montag kam eine junge Frau zu uns, 22 Jahre alt. Sie ist schwanger, im siebten Monat, und sagt, sie sei vergewaltigt worden. Von drei Männern. Sie habe einige Zeit auf der Straße gelebt, sei kurz in einer Kirche untergekommen und suche nun eine Bleibe. Nach Konsultation mit Verena, wie wir weiter verfahren sollen, beschlossen wir, sie erst einmal bei uns zu lassen. Hatten ja ein Zimmer eingerichtet, wo einige Matratzen als eine Art Sofa mit Kissen liegen – und zusätzlich als Stauraum für unsere Sachspenden und Sportgeräte dient. Dort schläft sie sehr viel, Essen bekommt sie von den Kids. Wir machten ihr auch schon ein Brot. Doch bleiben kann sie hier nicht lange. Es ist ein Kinderheim, noch dazu ein überbelegtes Kinderheim – die Kids schlafen teilweise schon zu zweit auf einer Matratze. Eventuell können wir sie im Mütterheim in „Kamenge“ unterbringen – zumindest, bis sie ihr Kind hat und die erste Zeit danach. Ihr schöner Name ist übrigens Flora – was im Lateinischen soviel wie Blume bedeutet. Sie ist sehr nett und möchte ständig nach dem Essen unser Geschirr spülen, quasi als kleine Gegenleistung und Dankbarkeitsbeweis. Wir werden sehen, wie sich die Sache entwickelt. Darüber hinaus liegt das nicht in unserer Entscheidungsgewalt. Und ich persönlich bin auch froh darüber. Ich habe einen riesigen Respekt vor Verena, die mit solchen Dingen und Situationen beinahe täglich umgehen muss und kann.

 

Heute, Mittwoch, fertigten die Kinder drei Fußbälle, die ich ihnen am Wochenende in Auftrag gegeben hatte. Sie sind für Martina, die in Deutschland am 9. Dezember auf einen Weihnachtsmarkt gehen und dort Sachen aus Burundi verkaufen möchte. Es sind richtige Straßenkinderfußbälle, gefertigt aus Plastiktüten und Schnüren, Stofffetzen und allem, was man auf der Straße finden kann. Gegenwert: ein (nur noch wenige Minuten) strahlend weißer Handball aus unserer UNICEF-Kiste. Leistung und Entlohnung – ein Spiel (des Lebens), das die Kids nicht früh genug kennen lernen können.

 

Als ich gestern Abend von „Chez André“ nach Hause lief, kam es mir so ungewohnt hell vor. Straßenlaternen! Ich traute meinen Augen nicht und fragte mich, ob die schon die ganze Zeit funktionieren und es mir erst jetzt aufgefallen sei. Die Mädels bestätigten mir später aber, dass sie nur ganz selten funktionierten. Wenn es halt mal passt. Und dann auch nur in „Belle Aire“ (oder wie man das schreibt). Eine verrückte Stadt – aber wie so oft arrangiert man sich mit den Dingen, wie sie sind.

 

Ausgaben fürs Leben

 

Haben nach den ersten Wochen mal zusammengerechnet, wie viel Geld wir für Essen aufwenden müssen. Heraus kam 1.50 Euro pro Kopf und Tag. Nicht viel. Lässt sich aber noch reduzieren – und zwar beinahe um die Hälfte, wenn wir zum Markt einkaufen gehen. So soll es sein. Halten unsere Kosten so gering wie möglich, um keine Gelder von burundikids e.V. zu „verschwenden“. Natürlich nur soweit, wie möglich und nötig. Keiner hier geht auf den Zahnfleisch – und um die Gemüter zu beruhigen: Uns geht es gut. Wasser kochen wir täglich ab und füllen es in Fünf-Liter-Kanister.

 

An einem der vergangenen Tage hatte ich auf dem Heimweg einen Hauch von deutschen Straßen. Am Wegesrand lag eine leere, weg geworfene „Red Bull“-Dose. Ich musste lächeln, schüttelte aber zugleich den Kopf. Ich kaufte Erdnüsse, „ibiyoba“, von zwei kleinen Jungs, die mit ihren großen Tabletts auf den Schultern die Straße hoch und runter laufen, bis sie ihre Ware los sind. Kleine Päcken, etwa drei mal drei Zentimeter groß, für 50 FB das Stück. Und sie schmecken vorzüglich.

 

Fortschritte und ein Unfall

 

Unser Französisch mach derweil Fortschritte, ebenso – wenn auch langsamer – unser Kirundi und Kisuaheli. Aber auch die Kids lernen Deutsch und Englisch. Sie sind dabei mit einem derart großen Lerneifer und Wissbegierde, die einem nur lobenswert scheint. Wir hoffe, hiermit wirklich etwas erreichen zu können. Es sieht auch ganz danach aus.

 

Ach ja, einen Unfall haben wir übrigens auch gesehen. Die große Straßenkreuzung, die wir passieren müssen, um zu „Chez André“ zu gelangen, ist extrem gefährlich, weil die Autos aus zig verschiedenen Richtungen kommen. Jedenfalls bretterte ein Jeep (ausnahmsweise nicht die UN) an uns vorbei den Berg runter. Als wir noch etwa 200 oder 300 Meter von der Kreuzung entfernt waren, hörten wir es krachen. Wir kamen hin, eine Menschenmenge war versammelt, der Jeep hatte den Warnblinker eingeschaltet und ein Motorrad lag gut zerfleddert auf der Straße – ebenso ein junger Mann, der am Kopf blutete und gerade von zwei anderen auf den Rücksitz eines Taxis gehievt wurde. So läuft das hier. Krankenwagen haben allenfalls die UN, muss einer ins Krankenhaus, wird ein Taxi gerufen.

 

Chance auf ein Leben (?) – Wir wollen es versuchen

 

Noch zum Thema Krankenhaus. Schrieb bereits die Geschichte des kleinen Jimmy, der 13-Jährige mit dem Herzfehler, der unbedingt operiert werden muss, da er sonst keine 20 Jahre alt wird. Verena hat sämtliche Befunde und Infos über ihn zusammen gesucht, ich habe diese heute kopiert und wir werden sie in den kommenden Tagen an einen befreundeten Chirurgen nach Deutschland schicken. Er hat sich bereit erklärt, sofort und spontan, sich zu erkundigen, welche und ob es überhaupt eine Möglichkeit gibt. Falls es eine Chance gibt, wollen wir unsere Idee und unser Vorhaben in die Tat umsetzen… Spenden sammeln, wo es geht und die OP in Deutschland für Jimmy ermöglichen. Falls das klappen würde, wäre es ein wahnsinnig großer Erfolg. Aber ich möchte mich, so sehr ich auch gern würde, nicht in eine Sache hinein steigern, die noch auf so wackligen Füßen steht und am Ende vielleicht keine Chance hat. Aber wir hoffen alle und wollen nichts unversucht lassen. Martina aus Köln gab ihr „Ok“, Verena ist sowieso dafür und wir anderen setzen alle Hebel in Bewegung, die wir haben. Bevor ich die Befunde allerdings nach Deutschland schicken kann, muss uns ein mit Verena befreundeter Arzt erst noch die Diagnose in leserliches Französisch schreiben. Auch die Ärzte hier haben eine Sauklaue, wie sich herausgestellt hat. Aber die Zeit drängt.

 

22.43 Uhr. Ich könnte noch einiges schreiben, doch mir fallen die Augen zu. Morgen ist auch noch ein Tag, ich krieche nun unter mein Moskitonetz. Um 6 Uhr ist schließlich wieder taghell und draußen halligalli, wenn die Kids in die Schule aufbrechen. Ijoro kiza (Gute Nacht).

 

 

Donnerstag, 23. November 2006. 9.06 Uhr burundische Zeit. Frühstück war ausgiebig mit „Graubrot“ – eine Art Vollkornbrot –, Erdbeer- und Brombeermarmelade vom burundischen Land, Honig (von echten burundischen Bienen J), Avocado, Zitrone und Obstsalat – bestehend aus Mango und Ananas. Gesund und sättigend. Jetzt wollte ich noch die Notizen, die ich mir gemacht hatte, ins Tagebuch übertragen. Ich entspreche hier in Burundi dem typischen Klischee des Journalisten: mit Kugelschreiber und kleinem Notizblock in der Hand. Aber anders kann ich die vielen Eindrücke und fremdsprachigen Ausdrücke, die wir beinahe täglich lernen, nicht behalten.

 

Noch ein Nachtrag zur Reise unserer Trommler nach Addis Abeba. Verena flog am Dienstag vergangener Woche nach Äthiopien und kehrte am Sonntag zusammen mit den Kids zurück – der Stolz war allen ins Gesicht geschrieben. Es waren zwei Veranstaltungen in den prunkvollen Gebäudekomplexen der UN. In Addis steht anscheinend auch das größte Zentralgebäude von ganz Afrika der Vereinten Nationen. Für die Jungs aus dem Straßenkinderheim war es die erste Reise überhaupt, das erste Mal, dass sie aus Burundi hinaus kommen – und zwar nicht als Flüchtling, Vertriebener, sondern einer offiziellen Einladung zu einer kulturellen Veranstaltung folgend. Auch das eine neue Erfahrung. Man wird herbei gewünscht. Bislang wurde man nur weggeschoben und beiseite gedrückt.

 

Einer der Trommler konnte aufgrund eines technischen Defekts im Passamt nicht mit. Seine Niedergeschlagenheit braucht nicht mehr vieler Worte. Die Jungs hatten vor der Reise allesamt einen Pass bekommen, den sie bislang noch nicht besaßen. Wofür auch?! Dafür mussten dann erst einmal Geburtsurkunden erstellt werden. Und laut Verena gibt es kein verhängnisvolleres Unterfangen als das genaue Geburtsdatum der Kinder herauszufinden! Jedenfalls streikte irgendwann die Computerapparatur, die die Pässe ausgibt – und einer der Jungs musste trotz aller Anstrengungen und Bemühungen hier in Bujumbura bleiben. Er wird eine Entschädigung bekommen. Vielleicht verreist er sogar mit uns vier, wenn wir mal eine Tour nach Tansania, Ruanda oder sonst wo hin machen. Mal sehen.

 

Jugend und Politik – und ein Festessen

 

Die erste Veranstaltung in Addis hatte den Titel „Speak Africa“. Hierfür erhielten wenige Jugendliche in jedem afrikanischen Land einen Schnellkurs zur Journalistenausbildung. Die besten eines jeden Landes durften mit nach Äthiopien und dort mit Politikern sprechen, sie interviewen und so fort. Es muss ein wahnsinniges Aufgebot gewesen sein, Jugendliche aus dem gesamten afrikanischen Kontinent, von Nord- bis Südafrika, von Westafrika bis Madagaskar waren anwesend. Und mitten drin unsere Jungs in ihren traditionellen grün-rot-weißen Gewändern und ihren großen Trommeln als kultureller Programmpunkt.

 

Zweite Veranstaltung war „Youth and leadership“, die zur Entwicklung des afrikanischen politischen Denkens beitragen soll. Eine offene Bühne für jugendliche Sprecher, die sich zu Wort melden können, dürfen und sollen und dabei direkten Kontakt mit den großen Politikern bekommen. Demokratisches Denken, politisches Verantwortungsbewusstsein, ein Klarwerden über die Rechte und Pflichten der Jugend, sowie die dazu gehörige Unterzeichnung der „Charta für die Jugend“ waren die Programmpunkte und Ziele dieses „African Development Forum“. Auch hier unsere Trommler neben Theaterstücken, Tänzen und anderen Darbietungen ein kulturelles Highlight. Einem der Trommler schüttelten sogar Kofi Annan, der Noch-UN-Generalsekretär, und Äthiopiens Präsident die Hand. Verena erzählte, sie wollte es gerade fotografieren, als sie buchstäblich von einer Meute Fotojournalisten über den Haufen gerannt wurde. Europäische Presse sei anscheinend nicht anwesend gewesen, meint Verena. „Ist ja nur Afrika.“ Falls in deutschen Zeitungen wider Erwarten dennoch ein Bild gesichtet werden sollte, bitte Bescheid geben – oder noch besser: Artikel aufheben!!! Die Kinder hier würden ein zweites Mal vor Stolz platzen, sich in einer Zeitung zu sehen.

 

Die Unterbringung in einem Hotel, das tägliche Festessen und ein Tagesgeld, das die UNICEF zahlte, waren, so denke ich, das Highlight für die Trommler in ihrem bisherigen Leben. Verena schmunzelt, als sie erzählt, dass die Jungs am letzten Abend noch mal extra viel Essen in sich hinein stopften und sogar sagten: „Das muss noch für die nächsten zwei Wochen reichen!“ Fleisch, was es hier vielleicht ein Mal im Jahr gibt, so viel Essen, wie man möchte, noch dazu von einem Büffet, pompöse Kuchen und Torten wie Schwarzwälder Kirsch und Konsorten – zum ersten Mal live gesehen und höchstwahrscheinlich auch für die nächste Zeit das letzte Mal. Ich kann mir nicht richtig vorstellen, was in diesen jungen Köpfen vor sich ging und nach wie vor vorgeht. Diese Dinge sind für uns Europäer so selbstverständlich geworden, dass wir sie gar nicht mehr bewusst wahrnehmen. Klar bemerkt man beispielsweise an einem Geburtstag: „Oh, das ist aber eine schöne Torte!“ Aber ich bin mir sicher, nicht jeder weiß zu schätzen, was er da vor sich hat und kann es wirklich, wirklich genießen. Das ist kein Vorwurf an unsere Gesellschaft – zu der ich mich selbstredend dazu zähle. Niemand kann etwas dafür, wo er geboren ist, welches Umfeld, welche Mittel man hat, welche Erziehung man genießt. Das ist das Leben, so ist die Welt. Aber wofür man etwas kann, ist, seinen eigenen Horizont zu erweitern, sein Denken vielleicht etwas feinsinniger zu gestalten. Daran denken, dass es auch anders aussehen könnte, dass es Flecken auf der Erde gibt – und zwar mehr als andere – wo Strom und Wasser nicht immer vorhanden sind, wenn man sie gerade benötigt. Vielerorts auch überhaupt nicht. Ein Gespür dafür zu entwickeln, dafür kann man etwas tun. Wo man geboren ist, liegt nicht in der eigenen Hand. Aber was man damit anstellt, das schon.

 

Was ich letzten Endes damit sagen möchte, ist, dass unsere Entscheidung, hier her nach Burundi zu gehen, die richtige war. Wir tun Gutes – und sensibilisieren damit uns selbst für diese oft triste Welt, eine afrikanische Welt, in der doch so viel Potenzial steckt. Man hat das Gefühl, es ist ein zu schwaches Küken, dem man helfen muss, die Schale aufzubrechen. Aber ist es erst einmal geschlüpft, wird es der stolzeste, kräftigste Hahn, dem es an nichts fehlt. Aber ich denke, genau hier liegt das Problem. Denn da sind ja schließlich schon die großen anderen Hähne Europa und USA…

 

Buch- und Filmtipp

 

Emmanuel, der Heimleiter der Jungs hier im „Centre Uranderera“ (unserem Kinderheim), schaute sich gestern mein Buch über die Geschichte Ruandas und Burundis an. Das bisschen, das er sich aus den Bildern und Jahreszahlen zusammenreimen konnte, reichte aus, um zu schlussfolgern: „Philipp, Afrique est malade.“ („Afrika ist krank.“). Wie recht er hat. Und die Medizin haben die anderen Hähne. Wer sich ein bisschen für Geschichte interessiert – noch dazu für die der ehemals deutschen Kolonien Ruanda und Burundi –, der sollte sich das Buch von Helmut Strizek: „Geschenkte Kolonien“ besorgen. Dort steht die Geschichte von der „Kongo-Konferenz“ unter Bismarck Ende des 19. Jahrhunderts bis zum aktuellen burundischen Präsidenten Nkurunziza beschrieben. Anfangs etwas harter Tobak mit der Geschichte und den vielen Namen, dann aber mehr und mehr interessant. Wenn ich schon bei den Medientipps bin…Ein Film, den sich aber nicht jeder anschauen sollte. „Hotel Ruanda“, die Geschichte des ruandischen Genozids von 1994 und das gesamte Desaster. Bereits als Videokassette oder DVD zu haben. Ein schrecklicher Film – und zwar aus dem Grund, dass alles wahr ist und gerade mal gut zehn Jahre her. Sehenswert, weil bewusstseinserweiternd. Aber bitte nur an Tagen mit starken Nerven. Das ist nicht nur so daher geredet.

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